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Affairs & Betrayals

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
28.05.2021
08.07.2022
20
77.143
5
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Dieses Kapitel
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18.06.2021 3.306
 
FOUR

„Heilige Scheiße! Was zum verfickten Fuck? Dein Ernst?“
Chiaki sah ausdruckslos auf seinen Kaffeebecher, während Shinji ihn mit einem Schwall an Flüchen überschüttete. Sie hatten sich in seiner Mittagspause zum Kaffeetrinken getroffen. Er brauchte das Koffein, denn er hatte die Nacht kaum geschlafen.
Konnte es nicht.
Verdammte Emotionen, die ihn wachhielten.
Shinji hatte einen Kommentar über seine leicht geröteten, mit Ringen gezeichneten Augen gemacht und gefragt, was los sei, weshalb Chiaki die Gelegenheit direkt nutzte, um seinem Freund von dem gestrigen Abend und seinem Gespräch mit Maron zu erzählen. Von seinen anfänglichen Vermutungen darüber, dass seine Frau eine Affäre hatte, bis hin zur Hotelrechnung, die Maron ihm gezeigt hatte.
In der Zeit, in der Chiaki ihm alles erzählte, hatte Shinji ihn mit einem sichtlich bestürzten Gesichtsausdruck angesehen, ihm stillschweigend zugehört und gewartet, bis er zu Ende sprach.
„Also war das doch nicht einfach nur ein Freund oder Kollege, mit dem ich deine Frau gesehen habe!“
Wortlos schüttelte Chiaki den Kopf.
„Die Umarmung sah auch viel zu vertraut aus...“, murmelte Shinji, eher zu sich selbst, aber dennoch laut genug, dass Chiaki es hören konnte.
Er sah teilnahmslos aus dem Fenster. Seit Shinji ihm das damals gesagt hatte, überkamen ihn schon die ersten Zweifel - so sehr er sie auch abschütteln wollte. Diese verstärkten sich auch mit jedem Mal, in der er seine Nachbarin allein sah. Selten mit ihrem Ehemann.
Und dann war ihm die Handtasche von Maron an dem einen Abend aufgefallen, die Miyako auch hatte. Nur in einer anderen Farbe. Bei der sie ihm gesagt hatte, dass sie sie sich im Ausland gegönnt hätte.
Lüge.
Er dachte an all die Nachrichten von ihr zurück, in der sie ihm schrieb, dass sie ihn vermisste.
Lügen.
Er dachte an all ihre Küsse, an all ihre gemeinsame Zeit, an all den intimen Momenten zurück, in der sie ihm sagte, dass sie ihn liebte.
Alles nur Lügen.
Klar, ihre Ehe war nicht immer Friede-Freude-Eierkuchen, insbesondere wegen seiner Arbeit, aber es war noch lange kein Grund ihn so zu hintergehen, oder? Er hatte sie geliebt! Wozu gab man sich vor Gott ein Versprechen, wenn man letztendlich keinen Scheiß darauf Wert legte?
Das Leben war doch wirklich ein verdammter Witz.
Ein leises, bitteres Lachen entkam Chiaki.
Shinji fuhr sich über das Gesicht. „Dass sie dir dieselbe Krawatte schenkt, wie dem Typen ist auch abgefuckt.“
„Wem sagst du das.“ Die Krawatte, die Miyako ihm geschenkt hatte, hatte Chiaki sofort weggeworfen. Er hoffte für Maron, dass sie die Tasche auch entsorgt hatte.
„Und wenn ich das richtig verstanden habe, werden Miyako und ihr Lover für zwei Wochen beruflich weg sein?“, hörte er Shinji skeptisch fragen.
„Japp“, antwortete Chiaki nur, nahm einen Schluck von seinem Kaffee und sah weiterhin mit aufgesetzter Gleichgültigkeit nach draußen.
All diese Tatsachen und Wahrheiten laut auszusprechen hinterließ einen bittereren Nachgeschmack auf der Zunge als den Kaffee, den er trank. Und öffnete mit jedem Mal die blutende Wunde in seiner Brust.
Verdammt sei dieser Herzschmerz. Er wünschte, es würde nicht so wehtun.
Mit 28 wollte man doch hoffen, dass diese Gefühlsduselei nicht so schmerzte wie ein eiskalter Messerstich. Und dennoch tat es jedes Mal aufs Neue weh.
Es tat verdammt weh, wenn er an Miyako dachte. Seine Frau. Die Frau, die er liebte und dem er sein Herz geschenkt hatte. Welches sie am Ende ohne Rücksicht fallen ließ und zu Boden trat.
Dieser Liebeskummer machte ihn wütend, was ihn gleichzeitig frustrierte und aufregte. Dieser emotionale Wirrwarr war kopfzerrbrechend.
Genervt bemerkte Chiaki, wie Shinji ihn mitfühlend anschaute.
„Sorry, Kumpel“, seufzte Shinji. „Das ist wirklich scheiße.“
Chiaki verkniff es sich mit den Augen zu rollen. „In der Tat.“ Dieses Mitleid machts nur noch schlimmer.
Seufzend stand er auf, nahm seinen Kaffeebecher in die Hand. „Ich muss los. Meine Pause ist gleich vorbei.“
Verstehend nickend stand Shinji ebenfalls auf und folgte ihm nach draußen.
„Was werden du und diese Maron jetzt machen?“, fragte Shinji interessiert. „Werdet ihr euch von euren Ehepartnern trennen?“
Ohne ihn anzusehen, zuckte Chiaki mit den Schultern.
Er dachte an die schöne, junge Frau zurück, dessen Herz genauso gebrochen war wie seines. Er dachte an ihre einsamen, traurigen Augen, die keine Tränen vergossen haben - zumindest nicht in seiner Anwesenheit. Sie versuchte stark zu wirken, was er hoch anerkannte und respektierte.
Dennoch verspürte er gestern das Bedürfnis, sie in seine Arme zu nehmen. Ihr Trost zu spenden...und womöglich auch sich selbst.
Aktuell gab es auf der Welt womöglich keine zwei Menschen, die einander besser verstanden als sie beide.
Was werden sie jetzt machen? Eine Frage, auf die er noch keine konkrete Antwort hatte.
***

Am Abend saß Maron in der Gaststätte, wartete auf Chiaki. Sie war angespannt, sah immer wieder auf die Uhr und knetete nervös mit ihren Händen.
Seit ihrer Ankunft fragte sie sich, ob es eine gute Entscheidung war hierherzukommen. Sie hatte ihm gestern Abend keine Antwort gegeben, war zum einen überrascht von dem Angebot gewesen und zum anderen noch zu aufgewühlt von der Affäre ihrer Ehepartner.
Den Tag über wechselte ihre Stimmung permanent von depressiv zu Angst und zurück.
Einerseits hatte Chiaki schon recht damit, dass es unfair wäre in dieser Situation, mit dem Schmerz, allein zu sein – andererseits war sie sich nicht sicher, ob es so wirklich das Richtige war.
Unruhig sah Maron sich zum hundertsten Mal um und schaute auf die Uhr. Er war zwanzig Minuten zu spät. Dabei hatte er die Uhrzeit ausgemacht.
Hatte er es sich vielleicht anders überlegt und ließ sie einfach so sitzen?
Sie sah auf sich herab, strich mit ihren Händen unsicher über das Kleid, dass sie trug. Das Gesicht sah dank ihres Make-Ups perfekt aus, keine Spuren von ihren fleckigen Wangen oder den dunklen Augenringen unter ihren verheulten Augen. Die dumpfen Haare waren locker hochgesteckt.
Wieso sie sich hübsch gemacht hatte, wusste sie nicht. Vielleicht um ihr Selbstwertgefühl etwas aufzupumpen...
Vielleicht aber auch, um anderen Menschen als hübsch gesehen zu werden? Von Chiaki beispielsweise…Er schien jedoch nicht zu kommen.
Sie kam sich wie eine verdammte Idiotin vor.
Reiß dich zusammen, mahnte sie sich, als ihre Augen zu brennen anfingen. So viele Tränen schon vergossen und ihr Körper schaffte es immer noch weitere zu produzieren.
Dieser Tag konnte nicht noch mieser laufen...
Insbesondere, weil-
„Tut mir furchtbar leid, dass ich spät dran bin.“
Maron schnellte ihren Kopf nach vorne und sah Chiaki, der gegenüber von ihr Platz nahm.
Er trug wie gestern Hemd und Anzughose sowie Jackett in der Hand. Nur ohne Krawatte.
Es war ein guter Look an ihm. Maron starrte ihn womöglich länger an, als moralisch eventuell erlaubt war.
„War im Krankenhaus noch etwas verhindert“, erklärte er.
Der Kellner kam und beide bestellten sich zunächst alkoholische Getränke.
„Du arbeitest auch an Sonntagen?“, fragte Maron, blätterte nebenbei im Menu.
Chiaki nickte mit einem kleinen, verlegenen Lächeln. „Je nach Schichtplan... und es kommt nicht selten vor, dass ich für Kollegen einspringe.“
„Und in was für einer Abteilung arbeitest du?“
„Chirurgie und Kinder.“
„Wow“, sagte sie anerkennend.
Er zuckte mit einem kleinen Lächeln die Schultern. Maron versuchte ihn sich mit Kindern vorzustellen, wie er sich um die kleinen Kranken kümmerte und sorgte, beruhigend auf sie herablächelte und eventuell sogar zum Lachen brachte. Irgendwie war das eine einfache Vorstellung.
Sie hatte sich die Arbeit in einem Krankenhaus immer stressig vorgestellt, mit vielen Burn-Out-Momenten. Es war Chiaki in dem kurzen Moment, in der er davon sprach, jedoch anzumerken, dass er seinen Job liebte.
Chiaki sah zu ihr auf. „Weißt du schon, was du nimmst?“
Maron schüttelte den Kopf, ließ ihren Blick über das Menu schweifen. „Wähl du für mich“, sagte sie nach einer Weile schließlich und drückte ihm die Karte in die Hand.
Überrascht sah er von der Karte zu ihr auf. „Wieso?“
Schulterzuckend antwortete sie: „Such mir etwas aus, was deine Frau essen würde.“
Chiaki blinzelte sie an. „Okay“, ging er darauf ein. „Dann bestell du mir etwas, was dein Mann essen würde.“
Maron nickte einmal zustimmend.

Letztendlich hatten beide ein Steakgericht vor sich. Chiaki’s hatte Bratkartoffeln als Beilage, während es bei Maron gebratenes Gemüse dazu gab. Die Soßen waren auch unterschiedlich.
Ihr fiel beim ersten Bissen direkt auf, dass es recht scharf war.
„Hier.“ Chiaki hatte sich den Senf genommen, welcher in der Mitte des Tisches stand und tröpfelte ihr einen Teelöffel auf den Teller. „Damit schmeckt es besser.“
Wortlos schnitt sie sich ein Stück von ihrem Steak ab, tupfte es in den Senf und nahm es in den Mund. Es schmeckte wirklich besser.
Maron kaute für einige Sekunden, ehe sie sagte: „Deine Frau scheint scharfes Essen zu mögen.“
Er zuckte mit den Schultern, legte den Kopf etwas schief. „Und Yamato mag es wohl fad“, erwiderte er trocken.
Wortlos aßen sie weiter. Nur das Klirren ihres Bestecks sowie die Hintergrundgeräusche des Lokals waren zu hören.
„Ich habe letzte Nacht auch ein paar Rechnungen gefunden“, durchbrach Chiaki das Schweigen, nahm einen Schluck von seinem Getränk.
Maron hielt in ihren Bewegungen inne, sah ihn an. „Von?“
„Victoria’s Secret. Von vor ein paar Monaten.“
Sie verzog ihr Gesicht, versuchte ihr Essen im Magen zu behalten. „Oh“, hauchte sie kaum hörbar.
„Es waren teure Einkäufe für Dessous, die ich noch nie zuvor gesehen habe“, sagte er mit einem bitteren Unterton und senkte seinen Blick.
Plötzlich hatte Maron das Gefühl, als konnte sie sein Leid, seinen Kummer spüren - und irgendwie fühlte es sich viel schmerzhafter an als ihr eigener.
„Tut mir leid“, flüsterte sie.
Chiaki tat es schulterzuckend ab und trank einen weiteren großen Schluck von seinem Glas, fasste sich wieder. „Wir brauchen konkretere Beweise-…“
Wir?
„-um die beiden vielleicht auf frischer Tat erwischen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber sowas Kleinkariertes kann ich meinem Anwalt nicht geben.“
Schon wieder dieses Scheidungsthema.
Nun senkte Maron ihren Blick, damit er nicht sah, was sie über dieses spezielle Thema dachte. Eigentlich versuchte sie gar nicht daran zu denken.
Wollte es nicht.
Sie war noch nicht mal ansatzweise bereit sich ein Leben ohne Yamato vorzustellen. Er war all die Jahre sowas wie ihr Zuhause gewesen. Ohne ihn wäre sie im Grunde genommen obdachlos.
Ihre Nerven begannen wieder auf Hochtouren zu fahren. Ihre Hände verkrampften sich.
Sie zwang sich ruhig zu atmen. Auf keinen Fall durfte sie vor Chiaki zusammenbrechen.
Sie wollte ihn nicht wissen lassen, wie schwach und erbärmlich sie doch eigentlich war.
„Da ist was dran... Aber was genau denkst du wirklich darüber?“, fragte Maron, ohne Regung in der Stimme, „Ganz ehrlich.“
Seine schönen, blauen Augen bekamen einen harten, distanzierten Ausdruck, den sie nicht deuten konnte. Er strahlte eine besorgniserregende Ruhe aus.
„Ganz ehrlich? Ich würde lieber nicht darüber nachdenken.“ Er schaute weg.
Da waren sie doch schon mal zwei.
Inzwischen hatten beide keinen Appetit mehr und das Essen wurde vom Kellner eingesammelt.
„Wir sind erst seit ein paar Jahren verheiratet“, sprach Chiaki weiter. „Ich dachte, wir wären glücklich.“
„Ich weiß, was du meinst“, erwiderte Maron leise und trank ihren Drink. „Ich frage mich allerdings, warum du dich nicht aufregst? Du gehst so ruhig -nahezu gelassen- damit um…es ist bemerkenswert“, platzte es aus ihr heraus, sah ihn direkt an.
Chiaki wandte sich ihr wieder zu und seine gleichgültige Maske löste sich etwas. Seine Brauen zogen sich zusammen und seine Lippen pressten sich zu einem dünnen Strich zusammen.
„Mich regt es auf“, sagte er. „Es ist nur...“ Für einige Sekunden verstummte er, ehe er weitersprach. „Ich hatte schon mal mit sowas zu tun.“
Ihre Augen weiteten sich ungläubig. „Untreue?“
„Und Scheidung“, offenbarte er kaum hörbar. Bitterkeit und Enttäuschung war in seiner Stimme zu vernehmen.
Maron’s Augen wurden noch größer und ihr Mund fiel auf. Sie hatte das in keinerlei Weise erwartete, war sichtlich schockiert.
„Oh, Chiaki…Du meine Güte“, flüsterte sie, bereute es ihn gefragt zu haben, „Das tut mir so leid. Wirklich.“
„Mir auch.“ Chiaki seufzte schwer, trank erneut von seinem Glas.
Beschämt sah sie nach unten. Er war sowas schon einmal durchgegangen? Und das womöglich allein. Sie konnte sich das gar nicht vorstellen.
Jetzt zumindest teilte er sein Leid mit ihr...
„Wie lange seid ihr schon verheiratet?“, fragte Chiaki plötzlich.
„Acht Jahre“, antwortete Maron ihm.
Seine Augenbrauen schossen hoch. „Wow. Das ist viel länger, als ich erwartet habe.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Wir waren Kindheitsfreunde, sind in der Oberstufe zusammengekommen und heirateten mit achtzehn direkt nach dem Abschluss. Er ist alles, was ich weiß.“
„Muss schön sein“, murmelte er.
„Nicht, wenn man nach acht langen Jahren einfach so hintergangen wird“, konterte sie traurig.
Chiaki sah sie wieder an. „Tut mir leid. Wirklich.“
Maron lächelte bitter. „Mir auch.“
***

Nicht lange nachdem die beiden ihre Drinks ausgetrunken hatten, schlenderten sie noch eine Weile am Strand entlang, welcher in der Nähe war. Wollten noch nicht nach Hause.
Schweigend liefen sie nebeneinanderher.
Einmal streiften sich dabei ihre Arme. Maron konnte dieses plötzliche, warme, elektrisierende Fünkchen in der kurzen Berührung wieder spüren, worauf sie sich schnell von ihm wegzog, und stur nach vorne sah, als wäre nichts gewesen.
Sie spürte Chiaki’s Seitenblick auf sich. Hatte er es auch gespürt? Oder bildete sie es sich alles nur ein?
Ein Räuspern war von ihm zu hören. Maron drehte ihren Kopf zu ihm und sah, wie er sich unbeholfen durch die Haare fuhr.
„Also...“, fing er an, „Was machst du beruflich?“
„Ich bin Schriftstellerin“, antwortete sie ihm, „Zumindest versuche ich es.“
„Oh.“ Er lächelte sie an. „Das kann ich mir bei dir gut vorstellen.“
„Ich arbeite aktuell an meinem ersten Buch.“
„Was für ein Genre?“
„Fantasy-Romance.“
„Kommst du gut voran?“
„Nein.“ Maron deutete mit dem Finger über die Schulter, wo sie die Gaststätte hinter sich gelassen haben. „Ich gehe manchmal dahin, um mich eventuell inspirieren zu lassen. Man kann alle möglichen menschlichen Interaktionen sehen und beobachten. Klappt mehr oder weniger gut.“
„Ah...“ Chiaki nickte verstehend und machte ein Gesicht, als hätte sie ihm noch mehr Fragen mit der Erklärung beantwortet.
„Und... naja, wie ich dir letztens schon sagte, ich mag es nicht allein für mich zu kochen und zu essen. So gebe ich mir zumindest die Illusion, dass ich unter Menschen bin. Allein – aber nicht wirklich. Weißt du.“
„Ich weiß, was du meinst.“ Kurz blieb er stehen, worauf sie ebenfalls stoppte.
Chiaki sah sie an und ihr Herz klopfte bei dem intensiven Blick in seinen Augen etwas auf. „Du weißt, dass du nicht allein sein brauchst.“
Maron brauchte einen Moment, um zu reagieren. Sie verstand, was er mit den Worten meinte und nickte.
Anschließend gingen sie weiter.

Schweigend liefen sie eine lange Weile noch den Strand entlang.
An einem Punkt blieb Maron kurz stehen und wandte sich ein paar Schritte dem Meer zu.
Sie blickte in die Dunkelheit hinaus. Das Rauschen der Wellen hatte eine beruhigende Wirkung.
Chiaki war neben sie getreten. Die Nacht war kalt, aber sie konnte die Wärme seines Körpers spüren. Obwohl er sie gar nicht berührte.
Und es verwirrte sie, dass sie gefallen an dieser Wärme, an dieser Empfindung hatte.
Seufzend sah Maron zum Nachthimmel hinauf. Die Sterne und der Mond leuchteten heute so schön hell. Er schaute ebenfalls nach oben, beobachtete mit ihr für einige ruhige Minuten den Nachthimmel.
„Heute ist mein Geburtstag“, wisperte sie.
Yamato hatte sie wie jeden Tag angerufen und ihr gratuliert. Dass er ihr gratulierte, war aber womöglich seiner Assistentin zu verdanken, die ihn an alle Geburtstage erinnerte.
Er hatte ihr gesagt, dass er sie liebte, aber diese Worte ließen sie einfach nur miserabel fühlen.
Es war ein miserabler Geburtstag.
Tatsache war: es war ein miserables Wochenende gewesen.
Maron kam sich vor, als wäre sie die letzten zwei Tage zwei duzend Jahre gealtert. Sie fühlte sich älter als 26.
„Alles Gute zum Geburtstag“, sprach Chiaki neben ihr sanft.
Ihre Lippen formten sich unwillkürlich zu einem dankbaren Lächeln.
Okay, so miserabel war alles vielleicht auch nicht. Chiaki war hier, bei ihr.
Er stand ihr bei. Teilte ihr Leid. Ihren Schmerz.
Bitter lachte Maron auf. „Weißt du, was das Bescheuerte ist? Er wusste, dass er mich zu meinem Geburtstag allein lässt. Ich hatte es ihm schließlich vor seiner Abreise gesagt. Es hätte der Firma nicht wehgetan, wenn er zwei-drei Tage später geflogen wäre“, brach es wütend aus ihr heraus. „Und jetzt ist er bei ihr! Ich meine- Was hat sie, was ich nicht habe?! Was habe ich falsch gemacht? Wieso bin ich ihm nicht genug?!“
Sie wurde lauter. Ihre Wut war jedoch nicht an ihn gerichtet.
Noch immer blickte sie zum Himmel auf. Tränen brannten in ihren Augen.
Wo war Gott und wieso ließ er sowas zu? Wozu ließ man sich vor ihm die ewige Liebe schwören, wenn es doch nur zu Füßen getreten wird? Was hatte sie getan, damit sie das verdient hatte?
Vorsichtig sah Chiaki sie an. „Ich weiß zu diesen Fragen leider keine Antwort, Maron“, sprach er ruhig und sachte auf sie ein. „Aber ich weiß, auch wenn ich dich kaum kenne, dass du besser verdient hast.“
Maron wandte sich vom Himmel ab und begegnete seinen Blick. Noch immer schimmerten Tränen in ihren Augen, die sie mit aller Kraft zurückhielt.
Tief atmete sie durch.
„Entschuldige“, wisperte sie, „Ich wollte vor dir nicht die Fassung verlieren. Aber Danke.“ Sie schenkte ihm ein kleines, warmes Lächeln. „Du bist ein guter Mann, Chiaki. Du hast auch Besseres verdient.“
Er erwiderte ihr Lächeln mit diesem perfekten, attraktiven Lächeln von ihm.
Etwas verlegen sah Maron nach vorne und ging ein paar schnelle Schritte voraus. „Wir sollten nach Hause gehen.“
Sie drehte sich zu Chiaki um, sah, dass er vom sandigen Boden zu ihr aufschaute und anschließend nickte.

Den Weg nach Hause verbrachten die beide schweigend. Keiner schien das Bedürfnis zu haben, die Stille zwischen ihnen mit Worten zu füllen.
Es dauerte nicht lange, bis sie wieder in Orléans angekommen waren.
Im Fahrstuhl standen sie nebeneinander und Chiaki sah kurz auf die Uhr.
„Es ist immer noch Sonntag“, sagte er plötzlich, das Gesicht nach vorne zu den Fahrstuhltüren gerichtet.
„Ja. Und?“, blickte Maron ihn von der Seite an.
„Es ist immer noch dein Geburtstag.“ Auf einmal wandte Chiaki sich zu ihr, sah ihr in die Augen. „Du hast ein Geburtstagsgeschenk verdient.“
Er reichte in die Tasche seines Jacketts und holte etwas heraus. Maron blinzelte mit großen Augen perplex, als sie den Inhalt seiner Handfläche sah.
Es war eine Muschel. Sie war wunderschön.
Hatte er sie eben am Strand aufgetrieben?
Peinlich berührt lächelte sie ihn an. „Oh mein Gott. Danke, Chiaki“, sagte sie, versuchte vor Freude nicht wie ein kleines Mädchen zu heulen und nahm die Muschel an.
„Übrigens…“ Seine blauen Augen fuhren sie auf und ab. Ihre Blicke trafen sich wieder und es vergingen einige, lange Sekunden. „Du siehst heute sehr schön aus. Wenn ich das sagen darf.“
Ihre Wangen wurden heiß. Maron senkte ihr Gesicht zu Boden und strich sich mit der Hand ein paar Strähnen hinters Ohr.
Im siebten Stock begleitete Chiaki sie noch zu ihrer Wohnungstür.
Warum fühlte sich der Abend jetzt plötzlich wie ein erstes Date an?
„Maron.“
Warum machte ihr Herz beim Klang ihres Namens über seine Lippen einen Sprung?
„Ich weiß nicht, wie du das siehst“, fing Chiaki an zu sagen, „Aber ich würde gerne befreundet mit dir sein. Selbst danach, wenn das alles in irgendeiner Weise vorbeigehen sollte...keine Ahnung...nun...“ Er begann verlegen zu werden und verstummte.
Maron war für einen Moment überrascht und fing an leise zu kichern. „Gerne“, sagte sie sanft und meinte es auch so.
Sie konnte womöglich wirklich einen Freund gebrauchen, mit dem sie die Zeit überbrücken konnte.
Der sie in dieser Zeit verstand. Mit dem sie diese Einsamkeit überwinden konnte.
Der sie nicht nur mit diesen trostlosen, mitleidigen Blicken entgegenkam. Mit dem sie eventuell ihre Gedanken teilen konnte.
Und wer konnte sie aktuell am besten verstehen, als dieser Mann vor ihr?
Die zwei Wochen würden nicht die Hölle werden. Würden sich nicht wie eine Ewigkeit anfühlen.
Sie würde nicht allein und einsam sein. Sie hatte schließlich ihn.
Zumindest hoffte sie das.
Die beiden tauschten sich Nummern aus und verabschiedeten sich anschließend voneinander.
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