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Affairs & Betrayals

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
28.05.2021
08.07.2022
20
77.143
5
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Dieses Kapitel
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04.06.2021 3.708
 
TWO

Ein letztes Mal betrachtete Maron sich im Spiegel, strich sich über das schöne Kleid, dass sie trug und steckte sich ein paar lose Strähnen hinter das Ohr. Sie überprüfte noch einmal ihr Make-Up und ging los. Yamato kam heute nach Hause, weshalb sie zum Flughafen fuhr, um ihn abzuholen.
Summend ging Maron aus der Wohnungstür und fuhr den Fahrstuhl runter.
Unten angekommen, öffneten sich die Türen und Miyako stand wartend mit einer großen Tasche vor dem Fahrstuhl. Kurz tauschten sich die beiden Frauen ein „Hallo“ aus, als Maron aus dem Fahrstuhl trat und zügig durch die Eingangshalle ging.
„Warum ist sie so in Eile?“, hörte sie Miyako Miss Kishimoto fragen, eine nette Nachbarin, die gerade draußen war und die jeder im Gebäude kannte.
„Mrs. Kusakabe?“, entgegnete die ältere Frau. „Sie holt ihren Mann vom Flughafen bestimmt ab.“
„Ach so. Natürlich. Erklärt, wieso sie heute so anders aussieh-“
Den Rest hörte Maron nicht mehr, als sie aus dem Gebäude trat und ins Taxi einstieg, welches sie bestellt hatte.
Nach einer Stunde war sie am Flughafen angekommen und erblickte ihren Mann direkt.
„Hey“, legte Maron ihre Arme um ihn und gab ihn einen Kuss. „Wie geht es dir?“
„Bin erledigt“, antwortete Yamato lachend, hatte seinen freien Arm halb um sie. Er warf ihr einen Blick zu. „Hübsch siehst du aus.“
Sie lächelte verlegen.
„Lass uns heimfahren“, sagte er und nickte auf seine Koffer runter. „Ich habe Geschenke für dich.“
Breit lächelnd nickte Maron und die beiden fuhren mit einem Taxi nach Hause.

Zu Hause angekommen, machte Maron die Tür zu, während Yamato seinen Koffer abstellte.
„Willst du dein Geschenk jetzt oder-“
Mit einem Kuss auf den Lippen schnitt sie ihm das Wort ab.
„Später“, hauchte Maron, ehe sie ihn mit Gefühl weiterküsste. „Ich habe dich vermisst.“
Yamato erwiderte die Küsse, stolperte rückwärts gegen die Wand hinter sich und zog sie näher zu sich. Ihre Hände fuhren über seine Brust und begannen die Knöpfe seines Hemdes aufzumachen. Unter Küssen führte sie ihn ins Schlafzimmer und zusammen landeten beide auf dem Bett.
Gerade als Maron das Hemd ihm von den Schultern runterziehen wollte-
„Maron. Stopp“, sprach Yamato mit tiefer Stimme und schob sie sachte von sich.
Blinzelnd sah sie ihren Mann an. „W-Willst du nicht…?“
Als Antwort kam ein schweres, lustloses Seufzen.
Es überraschte sie.
Sonst war sie immer diejenige gewesen, die keine Lust hatte oder nicht in der Stimmung war. Sie kannten beide ihre Gründe…
Yamato hatte in all den Jahren zwar Verständnis ihr gegenüber gezeigt, aber die Enttäuschung konnte Maron ihm dennoch ansehen. Verständlich - Sex ist ein essenzieller Bestandteil einer Beziehung und man(n) hat Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen.
Maron wusste, dass wegen ihr die Ehe -die Liebe zwischen ihnen- teilweise ausgekühlt war.
Aber sie liebte ihn.
Weshalb sie heute die Initiative ergreifen, ihm eine Freude machen und die Leidenschaft zwischen ihnen wieder auffrischen wollte…
Doch nun blockte er ab?  
„Sorry, Schatz…“, sagte Yamato, gefolgt mit einem Gähnen, „Aber ich bin wirklich müde. Es war ein langer Tag für mich und ein anstrengender Flug.“
Maron senkte beschämt ihren Blick und entfernte sich von ihm. „Oh, natürlich, entschuldige…“
Ein leichtes Lächeln war auf seinen Lippen und er strich ihr über die Haare. „Vielleicht ein anderes Mal, okay?“
Vielleicht.
Sie nickte. „Ich…sollte dich schlafen lassen. In der Zwischenzeit mache ich das Abendessen.“
„Danke. Ich gebe dir dann später dein Geschenk. Ich bin mir sicher, dass es dir gefallen wird.“ Yamato gab ihr noch einen Kuss auf die Wange, ehe sie aus dem Schlafzimmer ging und ihn im Bett zurückließ.
***

Die Zeit verging und der Alltag nahm seinen Lauf.
Es verging nicht einen Monat, in der Yamato nicht für zwei bis drei Wochen ins Ausland musste und Maron zu Hause allein war. Die Zeit versuchte sie mit ihrer Arbeit tot zu schlagen.
Inzwischen hatte sie ihr Manuskript fertig, allerdings mussten viele Dinge ausgebessert werden, laut ihrem Redakteur, weshalb sie wieder mit Schreibblockaden zu kämpfen hatte.
Würden die Worte doch nur von selbst sich aufs Blatt bringen..., dachte Maron sich frustriert. Sie saß in ihrer Lieblingsgaststätte mit ihrem Laptop an einem Tisch, in der Hoffnung, die Menschen und Geräusche um sie herum würden sie inspirieren.
Nach einiger Zeit klappte sie erfolglos ihren Laptop zu und packte ihre Sachen zusammen. Anschließend begab sie sich zum Ausgang.
Gerade als Maron durch die Tür gehen wollte, betrat jemand die Gaststätte. Es war ihr Nachbar und Miyako’s Ehemann Chiaki.
Ab und an sah sie ihn flüchtig beim Fahrstuhl oder in der Lobby, mit oder ohne Miyako. Es war das erste Mal, dass sie ihn hier erblickte. Womöglich war es auch sein erstes Mal hier - wer weiß.
Ihre Blicke trafen sich.
Maron war noch nie aufgefallen, wie blau seine Augen waren. Überhaupt war ihr seine Augenfarbe noch nie richtig aufgefallen. Es war eine schöne Farbe. Ein überwältigendes Blau.
Chiaki schien zu merken, dass sie raus wollte und hielt ihr die Tür auf.
Maron lächelte ein kleines, dankbares Lächeln und nickte ihm beim Vorbeigehen zu. Er nickte ebenfalls mit einem freundlichen Lächeln. In den paar Sekunden schienen ihre Augen nicht voneinander loszulassen – bis sie schließlich draußen war.
Chiaki ließ die Tür hinter sich fallen und Maron ging ohne Weiteres nach Hause.

Ein paar Monate später, stand Maron am frühen Morgen vor dem Fahrstuhl, wartete darauf, dass er runterkam. Sie brachte die Post vom Vortag nach oben.
„Morgen“, kam es plötzlich von ihrer Seite.
Sie drehte sich zu Miyako um und lächelte freundlich. „Morgen“, begrüßte sie ihre Nachbarin zurück.
Der Fahrstuhl war da und die beiden Frauen stiegen ein, als er leer wurde. Gemeinsam fuhren sie zum siebten Stock hoch.
Maron warf Miyako einen unauffälligen Seitenblick zu, musterte sie kurz. Sie war wohl beim Bäcker gewesen, denn sie hielt eine kleine Tüte mit Brötchen in der Hand.
Auf ihrem anderen Arm trug sie eine Handtasche, die Maron für einen Moment ins Auge fiel.
Oben angekommen verabschiedeten sich die Frauen mit einem Nicken und gingen in ihre Wohnungen.
„Hey“, kam es direkt von Yamato aus dem Schlafzimmer. „Und, war was Wichtiges in der Post?“
„Nein, nur Reklame“, antwortete Maron ihm, ging den Stapel in ihrer Hand geistesabwesend durch. Anschließend legte sie den Stapel beiseite und ging Richtung Schlafzimmer.
Mit der Schulter lehnte sie sich am Türrahmen an, schaute Yamato gedankenverloren dabei zu, wie er sich anzog.
„Bist du okay?“, fragte Yamato, blickte sie über den Spiegel an. „Du schaust deprimiert aus.“
Sie blinzelte, schüttelte den Kopf und fuhr sich eine Hand über das Gesicht.
„Es ist nichts“, sagte Maron. „Bin nur viel am Nachdenken.“
„Okay? Über was?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Bist du glücklich?“
Er runzelte für einige Augenblicke die Stirn. „Natürlich. Ich habe eine schöne Frau, die ich liebe, einen großartigen Job, und einen BMW.“ Yamato lachte, worauf sie lächelte.
Maron ging auf ihn zu und umarmte ihn von hinten. Er drehte sich in ihren Armen zu ihr um und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Sie sah zu ihm auf, blickte in seine Augen und küsste seine Lippen. Es war ein kurzer, sanfter Kuss, den er schnell wieder löste.
„Ich muss gleich los“, sagte Yamato, entfernte sich einen Schritt von ihr und knöpfte sich die Manschetten seines Hemdes zu.
„Ich weiß“, biss sie sich leicht auf die Lippe.
Es war für einige Momente still zwischen ihnen, bis Maron das Schweigen durchbrach: „Sag mal...wenn du nach Hause kommst, können wir vielleicht nochmal über Kinder reden?“
Yamato hielt inne, sah sie unverwandt an und seufzte.
„Nicht schon wieder“, schüttelte er den Kopf. Sein Ton klang nahezu genervt.
Sie hatte diese Reaktion in gewisser Weise erwartet. Seit Jahren war das ein schwieriges Thema zwischen ihnen.
„Es ist mir wichtig“, murmelte Maron, die Arme vor sich verschränkt.
„Mir aber nicht.“
„Dir war es auch mal wichtig! Du kannst nicht einfach aufgeben, Yamato.“
Er stieß einen langen Seufzer aus. „Ich denke darüber nach“, sagte er ohne Regung in der Stimme.
Maron akzeptierte dies, ging auf ihn zu und band ihm die Krawatte, die er sich um den Hals gelegt hatte.
„Die ist neu“, fiel ihr auf.
„Oh...ja“, antwortet Yamato, gluckste. „Die hatte mir mein Vater geschenkt.“
„Ach so.“ Sie kannte eigentlich jede seiner Krawatten. „Trägst du sie deshalb jeden Tag?“
Er zuckte schief lächelnd mit den Schultern. „Da er mein Boss ist, muss ich ja wohl.“
Maron erwiderte darauf nichts mehr. Ein unangenehmes, irritierendes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus, welches sie heute Morgen schon einmal verspürt hatte.
***

„Lust, etwas trinken zu gehen?“
„Wieso nicht“, antwortete Chiaki Shinji in einem bequemen Ton, während er seine Krawatte lockerte. Er schlenderte mit seinem Kumpel durch die Straßen der Stadt, nachdem er Feierabend hatte.
In seiner Tasche vibrierte sein Handy. Miyako hatte ihm ein Bild von sich in Thailand geschickt, mit einer kurzen, süßen Nachricht.
„Vermiss dich :/“
Er lächelte in sich hinein. Sie schickte ihm täglich ein Foto von sich oder mit ihren Kolleginnen und Kollegen in Kombination mit einer kurzen Nachricht wie diese, wenn sie weg war.
Er tippte eine Antwort. „Ich dich auch :/ Bereust du deine Berufswahl?“
„Natürlich nicht :) Ich liebe meinen Job und liebe es die Welt zu sehen.“
„Mehr als mich? :p“

Als Antwort darauf kamen nur ein paar Lach-Emojis.
„Ich leg mich jetzt hin. War ein anstrengender Flug“, schrieb Miyako.
Chiaki wünschte ihr eine gute Nacht und packte sein Handy weg.
Shinji warf ihm einen langen Seitenblick zu. „Du, Chiaki-“, fing er an.
„Ja?“
„Keine Ahnung, ob ich dir das sagen soll...“
„Was?“
„Ich habe letztens deine Frau gesehen.“
„Und weiter?“
Shinji zögerte kurz. „Mit einem anderen Kerl.“
Chiaki drehte sich zu seinem Freund. „Und...?“, erwiderte er schließlich. „War bestimmt ein Freund oder Kollege. Ich verbiete ihr nicht, sich mit männlichen Freunden zu treffen.“
„Ja...“ Shinji rieb sich mit der Hand über den Kopf, lachte verlegen auf. „Ich wollte dich das nur wissen lassen, Kumpel.“
„Okay...“, nickte Chiaki verstehend, „Ich weiß das zu schätzen“, fügte er hinzu, setzte ein schiefes Grinsen auf.
Die beiden Freunde näherten sich der Gaststätte, welche in der Nähe vom Orléans war.
Wenige Meter vom Eingang entfernt sahen sie, wie jemand rauskam. Es überraschte Chiaki wenig, dass es seine Nachbarin Maron mal wieder war.
Ihre braunen Augen hoben sich und trafen seinen Blick. Ihre Mundwinkel zogen sich etwas hoch, formten sich zu einem kleinen Lächeln. Er erwiderte das Lächeln, während sie aneinander vorbeigingen.
„Wow. Die sah heiß aus“, murmelte Shinji hörbar, blickte über seine Schulter, sah Maron noch einen Moment hinterher.
Chiaki rollte seine Augen. „Ist verheiratet.“
„Kennst du sie?“
„Ist unsere Nachbarin. Wohnt gegenüber von uns. Ihr Ehemann ist Sohn eines großes Firmenbosses.“ Mit Yamato Minazuki hatte Chiaki schon ein paar, wenige Worte gewechselt, seit er hier lebte. Meistens ging es nur um belanglose Sachen, wie das Ausleihen eines Reiskochers von ihnen.
„Ach, man. Warum sind die schönsten Frauen schon vergeben?“, seufzte Shinji enttäuscht und sah nach hinten, aber Maron war nicht mehr in Sichtweite. „Wieso war sie allein hier, wenn sie verheiratet ist?“
Chiaki schob die Tür auf und ging in die Gaststätte rein. „Als selbständige, unabhängige Frau kann man doch allein unterwegs sein, oder etwa nicht?“
„Doch, doch. Wirkte nur…komisch? Ich fände es nur komisch, wenn meine Frau sich in so einem Schuppen aufhält.“
Als Antwort zuckte Chiaki mit den Schultern.  
Es war schließlich nicht das erste Mal, dass er ihr so wie eben begegnete. Zur Begrüßung nickten oder sie sich zu, oder sagten sich kurz „Hallo“.
Er musste allerdings zugeben, dass Shinji’s Frage durch aus berechtigt war. Was machte diese schöne Frau so oft allein hier? Es wirkte nie so, als wäre sie mit Freundinnen hier drinnen gewesen.
„Willst du auch ein Bier?“, riss sein Freund ihn aus den Gedanken.
„Oh, ja klar.“

Nach zwei Wochen war Miyako aus Thailand wieder zurück, allerdings konnte Chiaki in den darauffolgenden Wochen wenig Zeit mit seiner Frau verbringen, da ihn die Arbeit sehr einspannte. Es kam nicht selten vor, dass er Überstunden nehmen musste.
Chiaki tat es auch sehr leid, es war schließlich eine lange Weile her, seit sie als Paar Zeit miteinander verbrachten oder etwas gemeinsam unternommen haben.
Aber er hatte Pläne, wollte die verpasste Zeit wiedergutmachen und nachholen. Er liebte seine Frau schließlich, wollte, dass sie sich wertgeschätzt fühlte. Dies gehörte schließlich zu dem Eheversprechen dazu, was er ihr gegeben hatte…
Umso überraschter war Chiaki, nachdem der Stress sich bei ihm allmählich legte, dass Miyako zu ihren Eltern nach Hokkaido fliegen musste, weil ihre Mutter krank war.
„Soll ich mitkommen?“, fragte er. Schließlich war er Arzt und konnte seiner Schwiegermutter helfen.
„Nein, nein...“, schüttelte Miyako verneinend den Kopf, machte ihren kleinen Koffer zu. „Ich will ein paar Tage dort sein. Du musst arbeiten, kannst dir nicht so einfach frei nehmen.“
Sie hatte recht.
Er seufzte schwer, war enttäuscht.
„Ich werde mich bei dir melden“, sagte sie, gab ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange.
Gerade als Miyako an ihm vorbeigehen wollte, hielt Chiaki sie noch kurz auf, nahm sich ihren Arm. „Pass auf dich auf“, flüsterte er ihr zu, küsste ihren Mund.
Miyako lächelte, schnappte sich noch ihre neue Lieblingshandtasche und war anschließend aus der Tür verschwunden.
Chiaki sah ihr noch einige Momente nach, seufzte erneut und ließ sich auf die Couch fallen.
Naja, kann man wohl nichts machen, dachte er sich resigniert.

Am nächsten Abend fuhr Chiaki nach einen langen Arbeitstag nach Hause. Er parkte sein Auto auf dem Parkplatz des Orléans, stieg aus und schlenderte zum Gebäude. Auf dem Weg lockerte er mit einer Hand seine Krawatte um den Hals.
Drinnen konnte er direkt eine vertraute Gestalt vor dem Fahrstuhl warten sehen.
„Hallo“, sagte er zu Maron, stellte sich neben sie und wartete mit.
„Hallo“, kam es von ihr freundlich zurück und ein kleines Lächeln zierte ihre natürlich roten Lippen. Für einen Moment verlor er sich in dem Rot dieser Lippen, ehe er sich eine gedankliche Ohrfeige verpasste.
Die Frau ist verheiratet! Und du auch!, mahnte er sich. Was glotzt du sie wie ein Idiot an?!
Tief atmete Chiaki ein und aus, strich sich mit einer Hand durch die Haare, ließ sich nichts anmerken. In der nächsten Sekunde kam der Fahrstuhl und sie stiegen beide ein.
Während sie hochfuhren, warf Chiaki Maron einen unauffälligen Seitenblick zu, musterte sie von oben bis unten. Sie trug ein schönes Kleid, mit passender Handtasche.
Hmmm… Ein Gedanke kam ihm, den er sofort wieder verwarf.
Nach einigen Moment wanderte sein Blick wieder zu ihrem Gesicht hoch.
Maron Minazuki war eine sehr attraktive Frau, dem war nicht zu verleugnen. Und dennoch wirkte sie immer so...einsam. Einsam und allein.
Tatsache war: sie erschien ihm immer sehr einsam, wenn er sie allein so antraf. Wieso war sie wieder allein?
„Ich habe deinen Mann seit einer Weile nicht mehr gesehen“, durchbrach Chiaki das Schweigen zwischen ihnen.
Ihre braunen Augen sahen zu ihm hin. Sie musterte ihn für einen Moment.
Augenblicklich bekam sie einen Ausdruck in den Augen, den er nicht deuten konnte, was jedoch schnell wieder verging. Vielleicht hatte er es sich auch eingebildet…
„Er ist für ein paar Tage im Ausland auf Geschäftsreisen“, antwortete Maron.
„Ah“, nickte er verstehend. „Deshalb sehe ich dich allein in der Gaststätte, richtig? In der Zeit ist er weg“, schlussfolgerte er.
Sie lächelte verhalten. „Ich mag es nicht für mich allein zu kochen“, gestand sie.
Die Fahrstuhltür ging auf und beide traten in ihrem Stockwerk raus.
„Ich habe deine Frau auch seit einer Weile nicht mehr gesehen“, sagte Maron plötzlich.
„Ihre Mutter ist krank, weshalb sie zu ihr nach Hause nach Hokkaido geflogen ist“, erklärte Chiaki, verspürte gleichzeitig ein dumpfes Gefühl in der Brust, als er diese Worte aussprach.
„Verstehe. Das erklärt’s“, erwiderte sie nur und lächelte ein mattes Lächeln.
Er nickte einmal und beide gingen zu ihren jeweiligen Wohnungstüren. Das Klirren von Schlüsseln war zu hören.
„Gute Nacht“, drehte Maron sich ein letztes Mal zu ihm um.
„Gute Nacht“, erwiderte Chiaki sanft und im nächsten Augenblick ging sie in ihre leere Wohnung rein.
Seufzend drehte er sich um, machte die Tür auf und betrat seine ebenfalls leere Wohnung.
***

„Schon wieder?“
Sprachlos sah Maron ihren Ehemann an. Es war gerade mal eine Woche vergangen, seitdem Yamato von seinem kurzen Trip zurückgekehrt war. Und jetzt stand er wieder vor ihr, packte seine Koffer und kündigte an, dass er für zwei weitere Wochen weg sein wird und heute Mittag schon fliegt.
„Es tut mir wirklich leid, Schatz“, sagte Yamato, „Aber etwas kam dazwischen und die Firma braucht mich in Amerika.“
Sie schluckte schwer. „Aber...du verpasst meinen Geburtstag.“
Yamato klappte den Koffer zu und hielt für eine Sekunde inne. „Shit“, fluchte er leise.
„Du hast es vergessen.“ Es war keine Frage. Sie kannte ihn zu gut.
„Du weißt, wie schlecht ich mir Daten merken kann, Maron.“ Er kniff sich zwischen die Augen und sah sie entschuldigend an. „Ich werde das wiedergutmachen. Versprochen.“
Sie seufzte, senkte ihren Blick. „Okay.“
Yamato stand mit seinem Koffer direkt vor ihr. „Hey, Kopf hoch. Zwei Wochen werden schnell umgehen. Lass uns mit dem Boot danach rausfahren, okay?“
Maron lächelte leicht. „Okay. Pass auf dich auf.“
„Werde ich“, sagte er, drückte ihr einen Kuss auf ihre Wange. „Ich rufe dich morgen an.“
Sie nickte und sah, wie Yamato aus der Tür ging.

Schwer seufzend kehrte Maron am späten Nachmittag ins Orléans wieder, hatte ein paar Termine gehabt und war noch kurz einkaufen gewesen. Gerade als sie sich zum Fahrstuhl begab, gingen glücklicherweise auch die Türen auf.
Der Fahrstuhl war jedoch nicht leer. Jemand kam raus.
Miyako.
Mit einem Rollkoffer trat sie aus dem Fahrstuhl raus, hatte in der anderen Hand ihr Handy und telefonierte. „Ich treffe mich gleich mit meiner Crew…Ja, wir sehen uns. Ich freue mich.“
Mit einem Lächeln und einem Nicken nahm Miyako Maron zur Kenntnis, als sie an ihr vorbeiging. Diese nickte schweigend zurück und stieg in den Fahrstuhl.

Trostlos saß Maron auf dem Balkon, blickte zum Meer hinaus. Die Sonne stand tiefer, aber sie wusste nicht, wie viele Stunden vergangen waren, seit sie da draußen war. Letztendlich war es auch egal.
So und so zog die Zeit sich in die Länge. Zwei Wochen würden sich wie eine unendlich lange Ewigkeit anfühlen. War ihm das überhaupt bewusst?
Ihr Handy riss sie aus den Gedanken. Ohne zu schauen, nahm Maron ab: „Hallo?“
„Maron…“ Es war Kanako. Sie klang, als würde sie weinen. „Junji und ich haben uns getrennt.“
Sofort setzte Maron sich gerade. „Oh mein Gott. Das tut mir so furchtbar leid, Kanako“, erwiderte sie mitfühlend.
Starkes Schluchzen war zu hören. „Dieser Arsch hat mich wirklich betrogen! Ich hatte noch meine Zweifel gehabt, weil er sich seit Ewigkeiten nicht mehr so verdächtig verhielt und dann habe ihn gestern eigenhändig erwischt mit dieser Schlampe!“
„Ach du Scheiße...“
„Ja. Scheiße...“
„Bist du okay? Soll ich zu dir kommen?“
„Nein“, antwortete Kanako heulend. „Ich bin aus der Wohnung ausgezogen und zu meinen Eltern gefahren. Aktuell möchte ich meine Ruhe.“
„Okay“, entgegnete Maron, nicht wissend, wie sie ihrer Freundin helfen oder trösten soll,
„Wenn ich irgendwas für dich tun kann, dann sag Bescheid.“
„Ja... Bis dann.“
„Bis dann.“
Die Leitung wurde beendet und Maron starrte gedankenverloren auf ihr Handy.
Kanako und Junji waren ein Paar, von dem sie davon ausging, dass sie perfekt füreinander waren. So wie man von ihr und Yamato dachte, dass sie perfekt füreinander waren...
Wieso gingen Leute fremd?
Diese Frage begann ihre Gedanken zu dominieren, ehe sie sich stoppen konnte.
Warum tuen Leute sowas? Sie hatte nie den Sinn darin gesehen, mit einem zusammen zu bleiben, wenn man gleichzeitig einen anderen will.
Vielleicht machte sowas einige Leute an.
Vielleicht liebten einige Leute ihre Ehepartner, aber es fehlt ihnen etwas, nachdem sie sich dringend sehnen - sei es guter Sex, Liebe, Leidenschaft oder Zuneigung.
Aber machte es das weniger falsch?
Und was ist mit den Menschen, die in einer Beziehung bleiben wollen, in der ihr Partner untreu ist?
Warum bleiben sie? Weil sie schwach sind?
So sehr Maron es auch versuchte, sie konnte sich kein Leben ohne Yamato vorstellen. Sie kannte ihn ihr halbes Leben lang. Er ist alles, was sie kannte.
Der Gedanke an ihren Ehemann brachte wieder dieses unangenehme Gefühl wieder hoch, welches sie seit einiger Zeit begleitete.
Konnte es sein..., ging es ihr durch den Kopf. Maron bekam dieses Gefühl einfach nicht los und alles in ihr fühlte sich schwer an.
Nach einigen Sekunden hielt sie es nicht mehr aus, sprang von ihrem Sitz auf und ging ins Innere der Wohnung rein. Ohne nachzudenken, steuerte Maron auf Yamato’s Büro zu, welches gegenüber von ihrem war.
Kurz zögerte sie, zweifelte. Dies war jedoch nur von kurzer Dauer, denn dieses Gefühl in ihrer Brust spornte sie an.
Maron machte die Tür auf und trat in das Büro ihres Mannes ein.
Es war ziemlich ordentlich. Nur ein paar wenige Stapel an Papiere waren auf dem Tisch kreuz und quer verteilt.
Stirnrunzelnd strich Maron mit den Fingern über einen Stapel und ließ sich auf dem Ledersessel vor dem Tisch nieder. Was nun?
Wahllos ging sie ein paar Papiere durch. Nichts als Verträge und Firmendokumente...
„Was mache ich überhaupt hier?“, fragte sie sich, konnte nicht fassen, dass sie hier herumschnüffelte. Als ob sie was finden würde...
Kopfschüttelnd stand Maron auf. Gerade als sie weggehen wollte, bemerkte sie, dass etwas aus einer Schublade herausguckte.
Ein Blatt Papier. Sie nahm es heraus und sah es sich genaustens an.
Ihre Augenbrauen gingen hoch.
Eine Hotelrechnung aus Thailand, die an „das Ehepaar Y. & M. Minazuki“ adressiert war.
Ihr Herz klopfte auf. Ein Überraschungsurlaub?
Gerade, als sie sich freuen wollte, stoppte ihr Herz und ihr Augen weiteten sich.
Die Rechnung war von vor einem Monat. Maron war noch nie in Thailand.
Warum standen sie beide auf der Rechnung, wenn sie nie dort war?
Ihre Atmung beschleunigte sich. Das Blatt in ihrer Hand zitterte.
M. Minazuki…M für Maron…oder M für…
Ihre Gedanken fingen an sich selbst ständig zu machen.
Miyako?
Maron gefror das Blut in den Adern.
Unwillkürlich ließ sie die flüchtige Begegnung mit Miyako von vor ein paar Stunden Revue passieren. Wie ihre Nachbarin mit einem Rollkoffer an ihr vorbeilief. „Ich freue mich“, hörte sie im Geiste Miyako’s Stimme und sie sah dieses breite Lächeln vor sich. Gleichzeitig sah sie Yamato seinen Koffer packen und rausgehen.
Ihr wurde schlecht.
Maron ließ die Rechnung fallen und rannte aus dem Büro, schlug die Tür hinter sich zu.
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