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Affairs & Betrayals

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
28.05.2021
08.07.2022
20
77.143
5
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
03.06.2022 3.780
 
FIFTEEN

„Du brauchst Therapie, Süße.“
Maron verzog eine Grimasse, als Natsuki ihr das sagte. Aktuell half sie ihrer Freundin im Shop aus und faltete ein paar Klamotten zusammen, die die Kunden nach dem Anprobieren willkürlich liegen ließen. Die Arbeit half ihr ein wenig, die trüben Gedanken in ihrem Kopf zu verdrängen. An ihrem Buch konnte Maron derzeit gar nicht arbeiten. Sie erhoffte sich, dass dies sich mit ein wenig Ablenkung besserte. Natsuki stand an der Kasse vorne über gebeugte, die Arme auf der Theke abgestützt und sah zu ihr rüber.
„Nur weil mein Ehemann gestorben ist, brauch’ ich doch keine Therapie“, entgegnete Maron abwertend und schüttelte den Kopf. „Keine Sorge, ich habe die Trauerphase nach der Baby-Geschichte überwunden.“ Sie hatte ihrer besten Freundin natürlich alles erzählt.
Natsuki rollte mit den Augen. „Es geht hier nicht dauernd um den“, sagte sie mit Nachdruck, „Es geht hier um dich. Dich und deinen Glück. Das du dir selbst sabotierst!“
Irritiert schaute Maron mit zusammengezogenen Augenbrauen zu ihr rüber.
„Da hast du schon den perfekten Mann vor dir und schickst ihn einfach weg?“, fragte Natsuki, die Hände an den Hüften gestemmt. „Und du gehst ihm jetzt wie lange aus dem Weg?“
Es waren zwei, fast drei Tage her, seit sie Chiaki von sich gestoßen hatte und den Kontakt mit ihm mied. Maron hatte versucht sich zu entschuldigen, aber als sie vor dessen Wohnungstür stand und klingeln wollte, verlor sie der Mut. Andersherum hatte er letztens bei ihr geklingelt und nach ihr gerufen, allerdings schaffte Maron es nicht ihm aufzumachen. Deprimiert hatte sie sich an der Tür angelehnt, während er auf der anderen Seite stand und nach einer Weile letztendlich gegangen war.
„Wieso tust du sowas?“, hörte sie Natsuki verständnislos fragen. „Da hört mein Verständnis auch auf.“
Beschämt biss Maron sich auf die Lippe. „Ich habe ihn nicht verdient“, murmelte sie kaum hörbar.
„Bullshit!“ Natsuki sah aus, als wäre sie drauf und dran sie kräftig schütteln zu wollen. „Er ist genau das, was du verdient hast, Maron. Ich dachte, er macht dich glücklich! Wieso lässt du dieses Glück dann nicht einfach zu?“
„Weil ich Angst davor habe, okay?!“, platzte es aus ihr frustriert heraus. „Ich habe Angst davor, Natsuki. Ich habe die letzten Jahre nichts anderes als Kummer und Leid erlebt. Ich weiß gar nicht, wie es ist, komplett ohne zu leben. So vertraut sind sie mir, verstehst du das? Glück und Freude fühlt sich hingegen ungewohnt fremd und falsch an.“ Sie wurde mit jedem Satz leiser.
„Nichts davon ist falsch!“, erwiderte Natsuki schockiert. Sie konnte nicht glauben, dass ihre Freundin so über ihr Leben dachte. „Was falsch ist, ist sich in diese Misere zurückzuziehen und alles Glück im Leben einfach aufzugeben.“
Maron schüttelte hilflos mit dem Kopf. „Ich weiß gar nicht, ob ich jemals wieder wie vorher normal leben kann. Mein Leben fühlt sich einfach wie Wrack an und ich bin unfähig den Schaden aufzuräumen.“
Natsuki ging auf sie zu. „Das sind die Depressionen, die da aus dir sprechen. Genau deswegen brauchst du Therapie! Damit du abschließen kannst! Mit Yamato, den Fehlgeburten, dem ganzen Trauma...du musst heilen, Maron.“
Sie seufzte traurig.
Natsuki sah sie besorgt an. „So ein Leben ist kein richtiges Leben, Süße“, merkte sie sanfte an. „Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe und Glück. Du bist da nicht anders. Das weiß ich.“
Maron kniff sich die Augen zusammen, schluckte sich die Tränen herunter und atmete durch die Nase tief durch.
„Ich überlege es mir mit der Therapie, okay?“, sagte sie schließlich. „Versprochen.“
Nickend lächelte sie Natsuki erleichtert an und umarmte sie. Maron erwiderte die Umarmung innig, legte ihren Kopf auf ihre Schulter ab und ließ ein paar stumme Tränen los.
„Hey, hey, hey. Du machst mich nass“, beschwerte Natsuki sich verspielt und versuchte sich aus der Umarmung zu entwinden, „Jetzt werde ich den ganzen Tag mit einem Mascara-Fleck auf meiner weißen Bluse rumlaufen. Wie sollen mich die Kunden ernstnehmen?“
Maron konnte nicht anders als belustigt loszulachen. Sie ließ ihre Freundin los und half ihr weiter aus.
***

„Weißt du, Sohn, ich hätte es dir nicht verübelt, wenn du dir Urlaub genommen hättest. Nach einem derartigen Schicksalsschlag wäre das verständlich. Glaub mir, ich spreche aus Erfahrung.“ Kaiki blickte seinen Sohn mit väterlicher Sorge an und zog seine Augenbraue hoch. Sie saßen sich beide in einem Restaurant gegenüber und aßen zusammen zu Abend.
„Ich hatte genug freie Tage gehabt“, erwiderte Chiaki und nahm einen Bissen von seinem Filet. „Ich bin lieber im Krankenhaus und arbeite, als daheim oder sonst wo nutzlos rumzuhängen.“
Sein Vater neigte seinen Kopf, ohne den Blick von ihm abzuwenden. „Trotzdem komm ich nicht drum herum mir als Vater Sorgen um dich zu machen. Ich sehe, dass es dir nicht gut geht.“
Chiaki rollte mit den Augen. „Ich habe nur nicht viel geschlafen“, sagte er, fixierte seinen Teller.
„Kann ich natürlich verstehen. Weshalb ich mir auch Gedanken mache, dass du in dieser Verfassung arbeitest. Weißt du, als deine Mutter starb-“
„Hier geht es nicht um Miyako, Vater“, schnitt Chiaki ihm direkt das Wort ab.
Kaiki verstummte und blinzelte verwirrt. „Nicht?“
„Nein“, schüttelte Chiaki den Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Er warf seinem Vater einen kurzen Blick zu und seufzte. Früher oder später hatte er sowieso vor gehabt ihm zu erzählen was vorgefallen war. Er nahm einen Schluck von seinem Bier, ehe er sagte: „Miyako und ich hatten seit einer langen Weile keine gute Ehe gehabt.“
„Oh?“, entkam es Kaiki ehrlich überrascht.
„Mir war das selbst nicht so wirklich bewusst gewesen. Aber anscheinend war es wohl so schlimm, dass Miyako anfing die Nähe eines anderen Mannes zu bevorzugen.“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis sein Vater die Bedeutung seiner Worte aufgefasst hatte. „Oh“, brachte er sprachlos entgegen und seine Augen wurden riesig.
Chiaki blickte unverwandt auf sein Bierglas, den Kopf mit der Hand abgestützt. „Um es ganz kurz zu fassen: sie hatte mit unserem Nachbar eine Affäre. Dessen Ehefrau kam auf mich zu und...“ Er stoppte, als er an Maron zurückdachte. Er wurde leicht verlegen. „Wir hatten einander geholfen mit dieser Situation klarzukommen und Trost gespendet.“ Die Röte stieg ihm bei den nächsten Worten das Gesicht hoch und er musste sich räuspern. „Nun, daraus war in den letzten Tagen mehr geworden“, sprudelte es schnell aus ihm heraus. Er sah zur Seite und rieb sich den Nacken.
Kaiki starrte ihn mit immer noch großen Augen an und blinzelte einmal. „Oh!“
„Hast du auch was anderes zu sagen als ‚Oh‘?“, entkam es Chiaki nun leicht irritiert.
Sein Vater, lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor seiner Brust und berührte mit dem Knöchel seines Zeigefingers nachdenklich seinen Mund. „Definiere ‚mehr‘.“
„Ich entwickelte Gefühle für sie“, stellte Chiaki klar. Sein Gesicht wurde wieder etwas rot. „Unter anderem“, fügte er in einem vielsagenden Unterton hinzu.
Kaiki war kurz davor „Oh“ wieder zu sagen, als er es sich in letzter Sekunde anders überlegte und räuspernd sagte: „Ich verstehe.“ Er räusperte sich erneut. „Und beruht das auf Gegenseitigkeit?“, fragte er mit ehrlicher Neugier.
Daraufhin blähte Chiaki seine Backen auf und stieß einen langen Atemzug aus. „Ich…bin mir ehrlich gesagt nicht sicher“, gestand er schließlich. „Weißt du, ihr Ehemann, Miyako’s Liebhaber, ist auch an dem Unfall verstorben. Das, sowieso die Affäre allgemein, hat noch einen ziemlich starken Einfluss auf sie. Ich kann das natürlich verstehen und würde ihr gerne helfen, aber…seit einigen Tagen meidet sie mich und umgeht jeglichen Kontakt mit mir…Da weiß ich auch nicht mehr was ich tun und machen soll.“
Während er sprach, wurden die Züge seines Vater sanfter und mitfühlend. „Wie heißt sie denn?“
Chiaki blickte ihn an. „Maron“, antwortete er. Eine Wärme drang durch seine Stimme hindurch, als er ihren Namen aussprach und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen.
Das Lächeln spiegelte sich auch auf Kaiki’s Gesicht wider. „So wie ich das verstehe, hat sie eine Menge an emotionalen Trauma zu verarbeiten“, sagte Kaiki.
Nickend bestätigte Chiaki dies. „Ich versuche ihr Zeit zu geben, aber...“ Er haderte nach Worten und seufzte nach einigen Momenten vergebens. „Ich komme mir vor, als würde ich nichts anderes tun, als ihr Zeit zu geben“, sprach er mit leichter Frustration aus. „Es kommt mir auch so vor, als würden wir uns ständig im Kreis drehen.“
„Verstehe. Weshalb du wohl auch wieder arbeiten gehst. Um dich abzulenken.“
Er zuckte stumm mit den Schultern, wich dem aufmerksamen Blick seines Vaters aus.
Kaiki überlegte kurz und blickte ihn dann mit einem geheimnisvollen Lächeln an. „Weißt du, was dir eventuell guttun könnte, Sohnemann?“
Fragend schaute Chiaki ihn an und zog ahnungslos eine Augenbraue hoch.
***

Ächzend kam Maron nach Hause und stellte ihre Einkaufstaschen in der Küche ab. Es war Freitag und ausnahmsweise war in Natsuki’s Laden nicht viel los gewesen, weshalb ihre Freundin sie Heim geschickt hatte.
Zuerst hatte Maron überlegt sich an den Schreibtisch zu setzen und an ihrem Buch weiterzuarbeiten, doch nach wenigen Minuten, in der sie ihren Computer angestarrt hatte, hatte sie dieses Vorhaben schnell wieder verworfen. Stattdessen beschloss sie rauszugehen und einkaufen zu gehen. Der Kühlschrank musste sowieso gefüllt werden.
Gerade als sie fertig mit dem Einräumen war und sich etwas zu essen machen wollte, klingelte es an der Tür.
Zögernd ging Maron auf die Tür zu, hatte die Erwartung, dass es wieder Chiaki sein könnte. Doch stattdessen erblickte sie ein anderes Gesicht durch den Spion.
„Seijiro“, entkam es ihr überrascht, als sie aufmachte. „Hallo“, begrüßte sie Yamato’s Vater.
„Hallo, Maron“, grüßte der ältere Mann sie zurück und lächelte. Drei große Herren mit ausdrucklosen Gesichtern hatte er im Schlepptau. „Entschuldige, dass ich, ohne mich anzukündigen, hier bin. Ich bin wegen Yamato’s Sachen hier.“
„Oh, klar! Natürlich. Komm rein“, erwiderte sie etwas unbeholfen. Seijiro kicherte und trat in die Wohnung ein. Seine Angestellten folgten ihm und blieben bei der Tür stehen, während Seijiro Maron weiter rein folgte.
„Asako hat eine Liste gemacht“, sagte er zögernd und räusperte sich. Er nahm ein kleines Stück Papier aus seiner Manteltasche.
Maron hielt ihm stoppend eine Hand hoch. „Seijiro, ihr könnt nehmen, was ihr wollt. Ich will nichts von den Sachen.“
Er sah sie an und nickte verstehend. Sie zeigte ihm Yamato’s Arbeitszimmer und Seijiro gab seinen Leuten wortlos zu verstehen, dass sie sich an die Arbeit machen sollten.
Schweigend schaute Maron zu, wie Yamato’s Sachen nach und nach aus der Wohnung getragen wurden. Es waren so gesehen seine letzten Überreste, die mitgenommen werden.
Seijiro beobachtete alles mit einem traurigen Gesichtsausdruck. Es brach ihr das Herz ihn so zu sehen. Er und Asako waren seit ihrer Kindheit wie ein zweites Paar Eltern für die 26-jährige gewesen.
„Möchtest du etwas trinken?“, fragte sie leise.
Der Mann drehte sich zu ihr und nickte. Sie lächelte und holte ihm ein Glas Wasser. Seijiro war ihr in die Küche gefolgt und nahm das Wasser dankend an. Es war für einige lange Momente beklemmend still. Im Hintergrund waren die schweren Schritte der Männer zu hören. Nervös knetete Maron mit ihren Händen.
„Es tut mir so leid wegen Yamato...“, fing sie an zu sagen, „Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie es ist als Elternteil, das eigene Kind vor einem gehen zu sehen...“
„Danke, Maron“, erwiderte Seijiro. Ein tiefes Seufzen entfuhr ihm. „Du bist ein sehr liebes Mädchen. Ich wusste schon immer, dass Yamato mit dir den Hauptgewinn gezogen hatte.“
Jetzt war es Maron, die traurig ihren Blick senkte. „Was das angeht, bin ich mir nicht so sicher“, murmelte sie.
„Oh, doch. Er hat dich wirklich sehr geliebt, Kleines.“ Seijiro blickte in sein Wasserglas und seufzte. Als sie etwas erwidern wollte, sprach er weiter: „Yamato kam vor ein paar Monaten zu mir und bat mich um Rat, wie man bei einer Scheidung am besten vorgeht.“ Bei dieser unerwarteten Offenbarung schaute sie zu ihm auf. „Ich gehe davon aus, dass du Bescheid weißt“, fügte er mitfühlend hinzu.
Maron schluckte, ehe sie zu Bestätigung nickte. Wieviel wusste sein Vater?
„Ich wünschte, es wäre anderes zu Ende gegangen“, sagte sie mit Bedauern, „Was mich am meisten traurig macht ist, dass nicht nur die Ehe, sondern auch unsere jahrelange Freundschaft auseinander gegangen ist...“
Seijiro machte ein betretenes Gesicht. „Es tut mir leid für die Schmerzen, die er verursacht hat, Maron.“
„Danke“, flüsterte sie und kämpfte gegen die aufkommenden Tränen.
„Dinge passieren im Leben, die nicht jeder verstehen kann. Und obwohl dir ein glückliches Leben mit meinem Sohn nicht vorherbestimmt war, solltest du nicht aufhören zu leben“, sagte er mit väterlicher Fürsorge. „Du und Yamato, ihr hattet etwas Besonderes. Vergiss das nicht, aber halte dich nicht länger daran fest. Man muss die Vergangenheit ruhen lassen.“ Denselben Ratschlag hatte Maron in letzter Zeit schon oft genug von anderen Leuten gehört, aber diese Worte jetzt von ihrem ehemaligen Schwiegervater gesagt zu bekommen, hatte für sie eine andere Bedeutung.
Überwältigt ging sie auf ihm zu und umarmte ihn. Seijiro tätschelte sachte ihren Rücken.
Schniefend löste sie sich von ihm und lächelte schüchtern. „Ich- Ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht übel, wenn ich den Kontakt abbrechen möchte...Ich- Ich denke, dass wäre das Beste…“
„Keineswegs.“ Er lächelte verständnisvoll. „Leb dein Leben weiter, okay? Du bist eine schöne, junge Frau, die es verdient hat, erfolgreich und glücklich zu sein.“
Ihr Lächeln wurde breiter. „Nochmals vielen Dank, Seijiro.“
Augenblicke später verabschiedeten beide sich. Als Maron allein in der Wohnung war, ging sie auf Yamato’s ehemaliges Arbeitszimmer zu.
Ihre Kinnlade fiel runter, als sie sah, dass das Zimmer komplett leergeräumt wurde. Selbst der Schreibtisch, der Stuhl und der Schrank wurde mitgenommen. Maron wäre davon ausgegangen, dass sie die Möbel beim Sperrmüll hätte anmelden müssen, aber jetzt waren sie auch weg!
Die Sonne leuchtete durchs Fenster in das Zimmer rein, erhellte in einem sanften Licht den leeren Raum. Mit langsamen Schritten betrat Maron den Raum. Als die Sonne auf sie schien, hellte sich ihr Gesicht auf. Mit ausgebreiteten Armen drehte sie sich ein paar Mal um die eigene Achse. Ein riesiges Lächeln zierte ihre Lippen. Das leere Zimmer, sowie auch das Gespräch hatte ihre Stimmung immens verbessert. Als hätte man ihr eine riesige Last weggenommen und sie davon befreit. Sie fühlte sich besser als je zu vor.
Lebendiger.
Maron konnte Seijiro nicht dankbarer sein. Er hatte recht, was ihr Leben anging. Sie beschloss seinen Rat zu befolgen.
Sie beschloss zu leben.
***

„Als du mich letztens fragtest, was mir guttun könnte, hätte ich nie im Leben an einem Friedhof gedacht“, sagte Chiaki zu seinem Vater.
Nachdem Kaiki ihn in ein Blumengeschäft schleppte, hatte er zunächst andere Vorstellungen gehabt, wohin dieser Wochenendausflug führen könnte. Als Chiaki dann den städtischen Friedhof erblickte, wurde ihm mehr als klar, weshalb sie hier waren. Er und sein Vater liefen an unzählige Gräber vorbei, steuerten gezielt auf ein bestimmtes zu.
„Es ist eine Weile her, seit wir das letzte Mal zusammen deine Mutter besucht haben. Sie wird sich bestimmt freuen“, erwiderte Kaiki gut gelaunt, hatte einen schönen Strauß in der Hand.
Chiaki konnte nicht anders als zu Schmunzeln. Sein Vater machte immer ein großes Event daraus, wenn sie zusammen das Grab seiner Mutter besuchten. Kaufte dabei auch immer ihre Lieblingsblumen. (Und Chiaki war sich sicher, dass sein Vater sich seine besten Anzüge anzog, als würde er seine Mutter über den Tod hinaus noch beeindrucken wollen.)
„Hallo, Schatz“, begrüßte Kaiki liebevoll das Grab seiner verstorbenen Frau Midori. Er legte die Blumen ab und machte das Grab zunächst sauber. Entfernte die alten Blätter, die darauf lagen, sowie die verwelkten Blumen vom letzten Besuch.
„Hallo, Mama“, sagte Chiaki sanft und half seinem Vater ein wenig. Er beschloss Wasser für die neuen Blumen zu holen. Er nahm sich die Vase und ging damit zum rostigen Wasserhahn, welches nicht allzu weit weg war.
Als Chiaki zurückkehrte, stellte er die Vase mit den Blumen an seinen gewohnten Platz ab. Kaiki hatte inzwischen ein Räucherstäbchen angezündet und kniete mit zusammengefalteten Händen und geschlossen Augen vor dem Grab. Chiaki stand neben ihn und tat es ihm nach. Für eine Weile verweilten sie so und gedachten seiner Mutter.
Danach öffneten sie ihre Augen und Kaiki begann gemütlich mit dem Grab zu reden. Das konnte er stundenlang machen. Dabei sprach er über seinen und Chiaki’s Alltag und erzählte ihr willkürliche Geschichten, die seit dem letzten Besuch passiert waren. Meistens stand Chiaki schweigend daneben und ließ ihn wie ein Wasserfall reden. Sowie auch jetzt. Chiaki schaute ihm zu und lächelte.
Man merkte Kaiki bei all diesen Gesten an, wie sehr er seine verstorbene Frau liebt und geliebt hatte. Chiaki respektierte dies am meisten an seinem Vater.
Nach einer gewissen Zeit hatte Kaiki zu Ende gesprochen und stand auf. „Möchtest du nicht auch mit deiner Mutter reden?“, fragte er ihn.
„E-Ehm...“ Perplex sah Chiaki zwischen ihm und dem Grab hin und her. Das war jetzt anders als sonst.
Sein Vater gluckste. „Ich gehe schon mal vor und lasse euch allein“, sagte er, ohne auf eine Antwort von ihm zu warten.
Mit halboffenem Mund blickte Chiaki seinem alten Herrn nach und wandte sich anschließend dem Grab zu. Verlegen rieb er sich den Hinterkopf.
„Papa hat dir mal wieder das Ohr abgequatscht“, sagte er und lächelte. Meistens sprach er mit dem Grab seiner Mutter, wenn er allein war. Was ihm auch angenehmer war. „Er hatte mich heute hierhergebracht, um mich aufzumuntern. Und bestimmt fragst du dich jetzt ‚Wieso? Was ist passiert?‘“ Er seufzte und steckte sich die Hände in die Hosentaschen. „Nun...Eine Menge ist in den letzten Monaten passiert, Mama. Ich hoffe, du hast nach Papa’s Redeschwall noch Geduld für meine Sorgen.“ Anders als bei seinem Vater redete er sich alles von der Brust, was ihn belastete. Seine Sorgen und tiefsten Gedanken. Nicht nur über Maron, aber auch über Miyako und Yashiro. Sachen, über die er selbst mit seinem besten Freund nicht reden konnte.
„Ich habe mit meinen 28 Jahren mehr fehlgeschlagene Ehen hinter mir als sonst wer auf der Welt. Die meisten sind in dem Alter noch nicht mal verheiratet gewesen. Ist das ein Zeichen dafür, dass ich einfach unfähig bin eine Beziehung zu führen?“ Er blickte auf das Grab herab, aber natürlich kam keine Antwort. „Ich habe Maron gesagt, dass ich mich bessern will. Und das habe ich ganz ehrlich auch vor“, fügte er mit einem tiefen Seufzen hinzu. „Gerade weil sie eine zerbrechliche Person ist und Liebe und Zuneigung verdient hat. Die ich ihr unbedingt geben will. Ich will mir gar nicht vorstellen, dass irgendein anderer Mann das übernimmt.“ Bei der Vorstellung allein, drehte sich sein Magen.
„Tja...“ Chiaki sah kurz zum Himmel hoch. „Das war im Großen und Ganzen mein Leben gewesen. Chaotisch, nicht wahr?“, sagte er und blickte traurig auf das Grab. „Wärst du trotzdem Stolz auf mich, Mama?“
Er hatte offensichtlich keine Antwort erwartet, aber als er die Frage ausgesprochen hatte, klärte sich über ihm der Himmel etwas und die Sonne brach durch die Wolken hindurch. Ein paar Sonnenstrahlen fielen auf ihm herab, die sich wie eine warme Umarmung anfühlten. Seine Lippen formten sich zu einem Lächeln und er fühlte sich besser, als er erwartet hatte.

Langsam machte Chiaki auf dem Absatz kehrt und beschloss zu gehen. Nach ein paar Schritten blieb er jedoch kurz stehen und genoss die Aussicht. Der Friedhof umfasste einen Hügel und man hatte alles so verbaut, dass es treppenartig herunterging. Dadurch, dass Midori’s Grab auf einer höheren Ebene gelegen war, konnte er nahezu auf den gesamten Friedhof herabsehen. Er konnte die Menschen ein- und austreten sehen, die ihre Verstorbenen besuchten oder den Friedhof einfach als Abkürzung nutzten. Die vielen Blumen boten einen schönen Kontrast zu den dunklen, grauen Gräbern. Es war ein angenehm schöner Ausblick.
Gerade als Chiaki weitergehen wollte, blieb er überrascht stehen, als er eine vertraute Stimme vernahm. Eine Stimme, die er natürlich überall wiedererkannte.
„Hier hast du ein paar neue Blumen...“
Er sah sich in alle Richtung um, versuchte Maron ausfindig zu machen. Als Chiaki ihre engelsgleiche Stimme erneut hörte, trat er auf das Geländer neben ihn zu und schaute runter. Keine fünf Meter von ihm entfernt sah er schließlich ihren braunen Schopf. Sie war mit dem Rücken zu ihm gewandt und dennoch konnte er an ihrer zierlichen Statur sehen, dass sie es war.
Er lehnte sich an das Geländer an und blickte auf Maron herab, die allen Anschein nach auf ein Grab einredete. „Das wird wahrscheinlich das erste und letzte Mal sein, dass ich so mit dir reden werde, Yamato.“ Sie hockte sich herunter. „Ist es eigentlich Ironie des Schicksals, dass du hier liegst und Miyako in Hokkaido? Dass ihr im Nachleben letztendlich doch nicht zusammen sein könnt.“ Sie lachte humorlos auf. „Mein Mitleid habt ihr nicht“, sagte sie kalt. Mit einer Hand strich Maron sich die Haare hinter das Ohr und starrte für einige Sekunden auf das Grab. Zu gerne würde Chiaki ihren Gesichtsausdruck sehen.
„Ich werde wahrscheinlich nie verstehen, wieso du mich so verletzen musstest. Wieso alles so weit kommen musste...“ Ihre Stimme war voller Bitterkeit. „Es stellt nämlich alles in Frage, was ich über dich dachte. Ich dachte, du wärst besser. Selbst wenn ich in keiner guten Verfassung war, selbst wenn du mich nicht mehr geliebt hast – ich dachte, du wärst Manns genug, um das auf einer fairen Weise handhaben zu können. Eine Scheidung hätte womöglich weniger wehgetan, als fremdgegangen zu werden.“ Ihr Ton wurde mit jedem Satz schärfer. Die Wut konnte man ihr anhören.
Maron nahm ein paar tiefe Atemzüge. „...Aber eine gute Sache gab es dank eurer Affäre-“, setzte sie an. „Und zwar, dass ich dadurch Chiaki kennenlernen konnte.“
Bei der Erwähnung seines Namens neigte Chiaki seinen Kopf in ihre Richtung runter und spitzte seine Ohren.
„Chiaki...ist etwas Besonderes“, sprach sie in einem leicht schwärmerischen Ton weiter. „In der kurzen Zeit, in der ich ihn kannte, fühlte ich mich glücklicher als in all den Jahren zuvor mit dir. Bei ihm habe ich mehr das Gefühl ich selbst sein zu können. Er ist ein toller Mensch.“ Ein Lächeln war aus ihrer Stimme zu hören. „Und ein toller Liebhaber. Lass dir von mir gesagt sein: der Sex mit ihm ist tausendmal besser als mit dir“, sagte sie mit einer Hochnäsigkeit, bei der Chiaki sich eine Hand vor dem Mund halten musste, um nicht laut loszuprusten.
„Ihr habt wahrscheinlich gedacht, wir haben aus Rache miteinander geschlafen. Was nicht stimmt. Chiaki und ich...“ Kurz hielt sie inne. „Wir hatten einander gebraucht. Und in der Nacht hatte ich wirklich gespürt, wie es ist aus vollem Herzen geliebt und begehrt zu werden...Da habe ich auch zum ersten Mal realisiert, wie viel er mir bedeutet.“
Ein langes Seufzen kam und sie senkte ihren Kopf.
„Es ist anders als das, was ich für dich empfunden habe. Ich habe dich geliebt. Wirklich...“, sagte sie und nahm tief Luft. „Aber nichts davon ist ansatzweise vergleichbar, wie ich Chiaki liebe.“
Chiaki’s Augen weiteten sich. Oh?
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