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Affairs & Betrayals

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
28.05.2021
08.07.2022
20
77.143
5
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Dieses Kapitel
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13.05.2022 4.491
 
THIRTEEN

Schnellen Schrittes ist Maron zum Fahrstuhl geeilt. Ohne auf Chiaki zu warten, drückte sie energisch den Knopf nach unten. Sie wusste noch nicht mal, ob er ihr hinterhergelaufen war. Gerade wollte sie aber sowieso allein sein.
Ihr Körper bebte. Vor Wut. Vor Schmerz.
Vor all den Gefühlen, die sie gerade durchfuhren.
Im Erdgeschoss angekommen, lief sie so schnell wie möglich zum Auto. Sie riss die Tür auf, stieg ein und setzte sich schweratmend hin. Momente vergingen, in der nichts anderes zu hören war, außer ihre gehetzte Atmung. Dann brach sie weinend zusammen. Maron machte sich in ihrem Sitz klein, vergrub ihr Gesicht in beide Hände und ließ die Tränen ihren freien Lauf.
Vage bekam sie mit, wie die Fahrertür aufging und Chiaki einstieg. Er sagte nichts, machte schweigend den Handschuhfach auf und holte eine Packung Taschentücher raus, welches er ihr anbot. Schluchzend nahm sie es an.
Es dauerte einige Zeit, bis Maron sich wieder beruhigt und gesammelt hatte. „Sorry“, nuschelte sie mit tränenerstickter Stimme.
„Für was? Fürs weinen?“ Chiaki sah sie ehrlich verwundert an.
Sie nickte, strich die Tränen mit einem Taschentuch ab und putzte sich die Nase. „Ich heule zu viel...“
„Das ist kein Grund sich zu entschuldigen“, sagte er in einem aufrichtigen Ton. „Ich bin stolz auf dich.“
Maron machte ein irritiertes Gesicht. „Wofür denn? Das Einzige was ich gemacht habe war auszurasten, Miyako eine zu scheuern und beide zu verfluchen.“ Sie schniefte. „Verdammt! Ihn hätte ich auch schlagen sollen!“, knirschte sie wütend. Ihre Hände zitterten und ballten sich zusammen.
Ein trockenes Lachen war von Chiaki zu hören. „Habe ich vorhin für dich erledigt“, sagte er.
Ihr Kopf schnellte zu ihm. „Wirklich?“
Chiaki nickte. „Nachdem du rausgestürmt bist.“ Er zuckte mit den Schultern. „Hatte er verdient.“ Mit einem ernsten Blick schaute er nach vorne. „Ich sollte mich entschuldigen.“
„Warum?“, fragte Maron verwirrt.
„Dass ich dir letztendlich doch so einen Druck gemacht habe das alles hier durchzuziehen“, sagte er in einem entschuldigenden Ton.
„Mhmm.“ Sie brauchte einen Moment, um seine Worte zu verarbeiten und zuckte abschließend mit den Schultern. „Nein, ist schon okay. Es war gut, dass du mir Druck gemacht hast. Ich habe diesen Arschtritt gebraucht“, sagte sie und atmete durch die Nase einmal durch. „Komm. Lass uns nach Hause fahren.“
Chiaki nickte zustimmend, lächelte sanft und fuhr anschließend los.

Für eine Weile sagte keiner mehr ein Wort. Maron blickte reglos aus dem Beifahrerfenster, während Chiaki ihr immer mal unauffällige Seitenblicke zuwarf.
Erst als sie Sendai verließen und auf der Autobahn waren, durchbrach er das Schweigen zwischen ihnen: „Kann ich dich etwas fragen?“
Maron drehte ihren Kopf und nickte.
„Als du Yamato geheiratet hattest, was hattest du dir erhofft?“, fragte er. „Was wolltest du im Leben mit ihm?“
Maron seufzte. „Perfektion...Sicherheit...“, antwortete sie, ohne einmal darüber nachdenken zu müssen. Denn dies war alles, woran sie immer gedacht hatte. „Ich wollte das perfekte Bilderbuch-Leben, wie jedes Mädchen es sich mindestens einmal erträumte.“ Sie senkte bedrückt ihren Blick. „Ich wollte ein einfaches Leben und habe den einfachsten Weg genommen. Meine Eltern sagten aber immer wieder, dass es so viel mehr im Leben für mich gibt. Aber ich wollte nicht mehr. Ich war mit dem zufrieden, was ich wollen und haben konnte.“
„Und was willst du jetzt?“, fragte Chiaki.
Sie biss sich nachdenklich auf die Lippen, sah auf ihre Hände und lächelte nach einem Moment ganz leicht.  
„Leidenschaft“, sagte sie und wandte sich zu ihm. „Wahnsinn, Abenteuer... Das Unerwartete. Ich will alles, was er mir nie gegeben hat. Alles, was ich nie für mich selbst nachging.“  
Chiaki erwiderte ihren Blick mit einem warmen Lächeln. „Das klingt nach einem guten Leben“, erwiderte er.
„Was ist mit dir? Was willst du?“, fragte Maron nach.
Ein Atemzug verging, als er sagte: „Glück.“ Für einen Moment löste sich seine starke Fassade und ein resigniertes Seufzen entkam ihm, während er nach vorne auf die Straße blickte.
Ihr Lächeln schwand etwas und ihr Herz zog sich vor Mitleid zusammen.
Maron streckte ihre Hand zur Mitte aus, legte sie auf seine. „Wollen wir über das, was heute Morgen passiert ist, reden?“
Chiaki überlegte für ein paar Sekunden. „Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was wir groß darüber reden sollen. Es wurde alles gesagt, was wohl gesagt werden musste.“
„Aber wahrscheinlich wird es uns guttun, dass nochmal auseinanderzunehmen und richtig zu verarbeiten.“
Er legte seinen Kopf schief. „Okay“, sagte Chiaki schließlich. Kurz sah er zu ihr rüber und dann wieder nach vorne. „Weißt du, auch wenn ich Miyako nicht mehr liebe, so war es irgendwie doch merkwürdig sie in den Armen eines anderen Mannes zu sehen. Gestern Abend hatte ich nicht dieses Gefühl gehabt, aber vorhin...“
Maron hörte aufmerksam zu und nickte verstehend. „Ich schätze mal, auch wenn man die Person nicht mehr liebt, so war sie einem ja doch mal wichtig gewesen“, sagte sie. „Und die Distanz macht einen gewissen Unterschied aus. Gestern fühlte ich nichts anderes als Schmerz, Verrat und Kummer, als wir die beiden sahen. Aber heute Morgen war das alles für den Moment wie weggeblasen und wurde mit Wut ersetzt.“
„Das hat man allzu deutlich gemerkt“, kommentierte Chiaki amüsiert.
Sie lachte beschämt. „Obwohl...so ganz stimmt das doch nicht. Seine Worte waren verletzend. Zu hören, was er wirklich dachte und fühlte tat weh.“ Ihre Augen schimmerten und eine Träne lief ihr die Wange herunter, die sie sich wegwischte. „Aber mit einer Sache hatte er nicht unrecht gehabt.“
Chiaki warf ihr einen Seitenblick zu und zog eine Augenbraue hoch. „Womit?“
„Dass ich ihn nicht mehr liebe.“ Jegliche Liebe für Yamato hatte sie im Hotelzimmer zurückgelassen. Dennoch würde er immer ein Stück ihres zerbrochenen Herzes haben.
Sie stieß einen langen Atemzug aus. „Die ganze Zeit habe ich mich nur an den schönen Erinnerungen festgehalten. Ich wusste, dass wir nicht mehr glücklich waren, wollte es aber noch nicht ganz einsehen. Aber jetzt bin ich bereit das alles hinter mir zu lassen. Ich bin bereit nach vorne zu blicken.“ Ihre Stimme hatte einen entschlosseneren Ton bekommen. Sie drückte sanft seine Hand. „Scheiß auf die beide“, sagte sie und grinste ihn schief an.
Chiaki gluckste. Er nahm ihre Hand und brachte sie zu seinen Lippen. „Scheiß auf die beiden“, stimmte er ihr zu.
***

Während sie fuhren, zogen sich über ihnen die Wolken zusammen. Der Himmel wurde dunkler und grauer. Ein Sturm zog womöglich auf. In Momokuri angekommen fing es schließlich an zu regnen.
Sie parkten vor dem Orléans und stiegen aus. Chiaki machte den Kofferraum auf und gab Maron ihre Tasche. „Geh du schon mal“, sagte er zu ihr. „Ich habe Shinji versprochen, dass ich ihm seinen Wagen persönlich zurückbringe“, fügte er augenrollend hinzu.
Sie schmunzelte und nickte verstehend. „Okay. Sei vorsichtig. Besonders in dem Regen.“ Es regnete inzwischen in Strömen.
Er lächelte sanft. „Keine Sorge. Es ist zum Glück keine weite Strecke.“
Wieder nickte sie und winkte, als er davonfuhr. Danach begab sich Maron in den Fahrstuhl und fuhr die sieben Stockwerke hoch.
Ihre Wohnung war dunkel und leer, als sie diese betrat. Sie packte direkt ihre Tasche aus, machte die Wäsche an und ging duschen. Anschließend zog sie sich gemütliche Hausklamotten an und schmiss sich entkräftet auf die Couch. Dann nahm Maron ihr Handy und schrieb Natsuki eine Nachricht, dass sie sich so bald wie möglich wieder treffen müssen. Anstatt zurückzuschreiben, rief ihre Freundin sie prompt an.
„Bist du schon zurück?“, war das Erste, was Natsuki fragte.
„Ja, bin eben heimgekommen“, bestätigte Maron.
„Und wie wars? Habt ihr sie erwischt?“
„Zweimal sogar.“
„Zweimal?!“
„Hmm-Mhm.“ Maron drehte sich auf den Rücken und starrte für eine Weile auf die Zimmerdecke.
„Hallo? Maron? Erzähl schon, was ist in Sendai passiert?“, hörte sie Natsuki ungeduldig fragen.
Sie schluckte. „Bevor ich damit anfange, muss ich dir was sagen.“
Ihre Freundin bemerkte den Ton in ihrer Stimme. „Okay?“, erwiderte sie nur besorgt und zugleich verwundert. „Was denn?“
Ein letztes Mal nahm Maron tief Luft. „Vor vier Jahren...“ Damit erzählte sie ihrer besten Freundin von ihren Fehlgeburten. Der Schock war ihr durch das fassungslose Schweigen anzumerken und man konnte auch hören, wie Natsuki für einige Momente um ihretwillen weinte.
„Ich wünschte, du hättest mir was gesagt“, sagte Natsuki mit weinerlicher Stimme. „Aber ich kann voll und ganz verstehen, wieso du nichts sagen konntest. Ach man, ich wünschte ich könnte in Blitzgeschwindigkeit zu dir fliegen und dich drücken.“
Dies brachte Maron selbst die Tränen wieder hoch. „Allein mit dir darüber zu reden ist genauso viel wert wie eine Umarmung von dir, Natsu.“ Sie lächelte und räusperte sich. „Auf jeden Fall, was Yamato angeht...“ Mit den Worten fing sie an darüber zu erzählen, wie diese Erlebnisse sich auf die Ehe ausgewirkt haben und wie anschließend die Konfrontationen in Sendai abliefen.
Es dauerte ein paar Minuten bis Natsuki wieder zu Wort kam. „Alter, was für Arschlöcher.“
„Japp.“
„Ich finde es krass, dass ihr trotzdem noch zu den beiden hingegangen seid, um die zur Rede zu stellen. Ich glaube, ich hätte mich mit dem Video-Material zufriedengestellt.“
„Ja...“
„Ich weiß, dass du Yamato nicht unbedingt mit dieser Schlampe sehen wolltest, aber ich bin froh, dass du es getan hast. Jetzt kannst du dich endlich von dem Vollpfosten scheiden lassen. Nur wird der Prozess bestimmt hart werden.“
„Wahrscheinlich. Ich will es einfach hinter mich bringen. Ich muss mit Haruta auch noch reden.“
„Haruta?“
„Unser Anwalt. Anscheinend hat Yamato bereits die Scheidungspapiere fertig, aber ich gehe nicht kampflos hin. Der kann sich seinen verdammten Ehevertrag in den Arsch stecken.“
Natsuki kicherte. „Ich bin stolz auf dich, Süße.“
Maron runzelte leicht die Stirn und presste sich die Lippen zusammen. „Wieso sagt mir jeder, dass er stolz auf mich ist?“
„Naja, den Mumm zu haben den fremdgehenden Partner zusammen mit der Affäre zu konfrontierten und zur Rede zu stellen hat nicht jeder.“
„Das hätte ich ohne Chiaki nicht geschafft“, sagte Maron und lächelte bei dem Gedanken an ihn. „Überhaupt hätte ich dieses Wochenende ohne ihn nicht überlebt.“
Im nächsten Moment nahm Nastuki’s Stimme einen neugierigen Ton ein. „Und wie ist das jetzt nun zwischen euch?“
„Was?“
„Na zwischen dir und Chiaki.“
„Was soll sein?“
Natsuki stöhnte auf. „Mädchen, das Gespräch hatten wir gestern vor deiner Abreise schon hinter uns. Also-“ Ihre Stimme wurde gespielt streng. „Ist in den letzten 24 Stunden etwas gelaufen, oder nicht?“
Maron verdrehte innerlich stöhnend ihre Augen. „Ja…ist es“, gab sie kleinlaut zu.
Ihre Freundin quietschte am anderen Ende. „Erzähl mir alles!“
„Alles?“
„Alles!“
Mit rotem Kopf drehte Maron sich wieder auf dem Bauch und vergrub ihren Kopf in ihre freie Hand. „So viel gibt’s da nicht zu erzählen. Nachdem wir Yamato und Miyako gestern gesehen haben, sind wir in einen Club gegangen. Haben getrunken und getanzt und da wollte er mich küssen. Ich habe aber abgeblockt.“ Während sie erzählte, waren einige Oohs in verschiedenen Tonlagen von Natsuki zu hören. „Wir sind daraufhin ins Hotel gegangen und da habe ich ihn geküsst.“ Es wurde am anderen Ende laut nach Luft geschnappt. Maron’s Gesicht wurde noch roter. „Und dann führte das eine zum anderen.“
„Mein Gott, du Fuchs!“ Wäre Natsuki jetzt hier, würde sie mit Sicherheit über beide Ohren grinsen. „War der Sex gut? Bitte sag, dass es besser war als mit dem fremdgehenden Lackaffen.“
Maron lachte und wollte gleichzeitig im Erdboden versinken. „Ja, es war...gut. Sehr, sehr gut sogar.“
Natsuki brachte ein Lachen gemischt mit einem Quietschen und einem Kreischen hervor. „Okay, ich hör schon. Du hattest eine lange, aufregende Nacht gehabt!“
„Die war in der Tat lang und aufregend. In jeglicher Hinsicht…“
„Glaubst du, dass wird was Festes zwischen euch?“, kam es interessiert.
Maron zögerte für einige Sekunden und dachte an ihre Zeit mit ihm zurück. „Vielleicht...? Ich bin mir nicht sicher. Ich muss mit ihm auch noch darüber reden.“ Sie fuhr sich resigniert seufzend durch die Haare. „Er hat mir gesagt, dass er mich liebt“, offenbarte sie leise.
„Warte- was??? Oh mein Gott!?“
„Japp.“
„Oh wow, das habe ich jetzt nicht erwartet“, sagte Natsuki, sichtlich überrascht. „Ehm...Liebst du ihn auch?“
Maron fasste sich bei der Frage den Kopf. „...Ich kann es nicht erklären, denn ich verstehe es selbst nicht ganz.“
„Macht er dich denn glücklich?“
Sie kaute auf ihre Lippe. „Ich meine...ich war glücklich mit Yamato. Wirklich. Aber mit Chiaki... ist es ein völlig anderes Erlebnis. Ich fühle mich sicherer, und ich habe das Gefühl, dass ich mich und meine Bedürfnisse an erster Stelle setzen kann, wenn ich mit ihm zusammen bin. Mit Yamato war ich immer so darauf bedacht ihm immer zu gefallen und zufrieden zu stellen.“
„Ja, scheiß auf den Typ. Lass es dir von mir gesagt sein: Chiaki ist dein Schlüssel zum Glück und du wärst eine Idiotin, wenn du ihn gehen lässt.“
Maron senkte ihr Gesicht in ein Kissen und nickte nachdenklich. „Lass mich erstmal die eine Beziehung zu Ende bringen, bevor ich mich auf die nächste stürze.“ Sie seufzte. „Was ist eigentlich mit dir?“, kam es nun von ihr interessiert.
„Was?“, fragte Natsuki verwirrt zurück.
„Ich habe gesehen, wie du gestern ein Auge auf Chiaki’s Freund geworfen hast. Hast du ihn wirklich nach Hause gefahren?“
Jetzt war es Natsuki, die verlegen lachte und Maron war froh, den Spieß jetzt umgedreht zu haben. „Ja, ich habe ihn gefahren. Er hat mich zu sich eingeladen und mir zum Dank einen Kaffee gemacht.“
„Oooh? Nur einen Kaffee?“
„Nachdem wir gut ins Gespräch kamen, hat Shinji mich gefragt, ob wir zusammen mal Essen gehen würden. Das heißt, wir haben morgen ein Date!“
„Oohh! Ich freue mich für dich, Natsu!“, grinste Maron erfreut.
„Ich bin schon ziemlich aufgeregt. Ich brauche immer noch ein Outfit.“
„Ganz ehrlich: so wie er dich gestern angeschaut hat, könntest du einen Kartoffelsack tragen und er würde dich wahrscheinlich immer noch ansehen als wärst du die Sonne persönlich.“
Natsuki lachte lauthals auf. „Gott, schreibst du solche albernen Sätze auch in deinem Buch?“
„Erstens: das ist nicht albern! Zweitens: ich mein das ernst!“, lachte Maron mit. „Worüber habt ihr denn so geredet?“
Für zwei Stunden telefonierte sie noch mit ihrer Freundin, sprach mit ihr über das anstehende Date sowie aber auch über sonstige Themen, die eine erholsame Abwechslung anboten.

Am Abend stand sie in der Küche und suchte im Kühlschrank nach etwas essbarem. Draußen regnete es immer noch und der Wind ratterte laut an den Fenstern.
Ob Chiaki schon zu Hause ist?, fragte sie sich.
Maron schnappte sich ihr Handy und wollte ihn gerade anrufen, als es an der Tür klingelte.
„Oh, hey!“, sagte sie erleichtert, als sie Chiaki vor sich sah.
„Hey“, erwiderte er. Er trug neue, gemütlich aussehende Klamotten und die Haare waren noch feucht. Sie nahm an, dass er frisch geduscht war. „Sorry, dass ich mich bis jetzt nicht gemeldet habe. Shinji ließ mich nicht gehen und hatte mir stundenlang ein Ohr abgekaut wegen deiner Freundin. Ihn hat es schwer erwischt.“
„Ich glaube, dass beruht auf Gegenseitigkeit.“ Maron konnte sich ein amüsiertes Lachen nicht verkneifen. „Ich hatte gerade an dich gedacht.“
Seine Augenbrauen schossen hoch und er grinste. „Echt?“
Sie errötete etwas. „Ja. Ich hatte mich gewundert, ob du schon zurück bist.“
Er hob seine Schultern. „Nun, wie du siehst, bin ich das.“
Sie lachte leise. „Ich wollte mir gerade etwas zu essen machen. Möchtest du auch etwas?“
„Gerne.“ Damit ließ sie ihn in die Wohnung rein.
„Was wolltest du kochen?“, fragte Chiaki, als sie die Küche betraten und Maron anfing in den Schränken wühlte.
„Instantnudeln“, kam es als Antwort. In genau dem Moment hatte sie zwei Plastikpackungen herausgefischt und schaltete den Wasserkocher an.
„Ein Gourmetgericht“, scherzte er.
„Auf jeden Fall. Fünf Michelin-Sterne sind mir garantiert“, sagte sie und schüttelte das heiße Wasser in die Packungen ein. Sie reichte ihm seine und ging mit ihrer ins Wohnzimmer. „Ist dein Kumpel genauso aufgeregt wegen des Dates morgen?“, fragte Maron, als sie sich auf die Couch hinsetzte.
„Aufgeregt ist noch harmlos ausgedrückt“, entgegnete Chiaki trocken und setzte sich neben sie hin.
Für die nächsten Minuten sprachen sie über die anstehende Romanze ihrer Freunde und aßen ihre Nudeln. Als sie fertig waren, hatten sie ihre leeren Packungen auf dem kleinen Wohnzimmertisch abgestellt. Gerade als Maron beschloss aufzustehen und abzuräumen, hielt Chiaki sie auf, schlang beide Arme um sie und stahl sich einen kleinen Kuss von ihr.
Sie sah ihn mit ihren großen braunen Augen an und blinzelte.
„Was?“, fragte er leicht schmunzelnd.
Mit roten Wangen brach sie den Blickkontakt ab und räusperte sich. „Sorry, ich war nur etwas überrascht.“
„Wieso?“ Er lächelte warm auf sie herab, strich ihr zärtlich die Haare aus dem Gesicht und drückte sie an sich. „Ich bin glücklich bei dir zu sein.“
Dies ließ ihre Röte noch stärker werden. Wie konnte dieser Mann mit einfachen Worten ihr dieses warme, süchtig machende Gefühl verursachen? Am liebsten hätte sie sich auf ihn geschmissen und ihn besinnungslos geküsst, aber sie hielt sich zurück.
Räuspernd richtete Maron sich gerade. „Ich…Ich kann dir noch keine Antwort geben... auf das was du gestern Nacht gesagt hast“, brachte sie schüchtern hervor.
Sein Lächeln verschwand und sein Ausdruck wurde besorgt.
„Ich...weiß, dass ich dich mag. Ich genieße deine Nähe sehr und...du bedeutest mir viel. Ich bereue letzte Nacht auch nicht! Ich meine-… ich habe schließlich den ersten Schritt jedes Mal gemacht und-… Ich denke, wir haben einander auch gebraucht und-… Aber-...“, stammelte sie mit rotem Kopf. „Aber ich brauche noch etwas Zeit. Insbesondere wenn man bedenkt, was uns in den nächsten Wochen -oder Monaten- erwarten wird. Ich will mit Yamato erstmal komplett abschließen“, erklärte Maron und sah zu ihm auf. Ihre Blicke begegneten sich. „Dasselbe gilt auch für dich und Miyako. Wenn es in irgendeine Richtung mit uns gehen soll, dann will ich, dass wir komplett losgelöst sind von unseren Ehepartnern.“ Als sie zu Ende sprach, sah er sie mit einem Ausdruck an, den sie nicht lesen konnte. Was sie wiederum verunsicherte. „Ich hoffe, du kannst das verstehen...“
Daraufhin spürte sie eine warme Hand auf ihrem Hinterkopf und wie diese sie sachte zu sich zog.
„Natürlich verstehe ich das“, sagte Chiaki, während er ihr sanft über die Haare fuhr. Sie spürte, wie er ihr einen Kuss auf den Kopf drückte. „Es macht mich trotzdem glücklich, bei dir sein zu dürfen. Das reicht mir aus.“
Erleichtert über seine Antwort entspannten sich ihre Schultern. Schweigend umarmte sie ihn zurück und nickte. Anschließend legte er sich auf die Couch hin und zog sie mit runter. Für eine lange Weile lagen sie engumschlugen da, während der Sturm draußen die Stille der Wohnung übertönte.
„Bleibst du bei mir?“, wisperte Maron in seine Brust.
Seine Arme schlangen sich enger um sie. „Ja.“
„Ich möchte nicht allein sein.“
„Okay.“
Sie schloss ihre Augen und sog seinen Duft tief in sich auf. „Danke.“
„Weißt du...Ich möchte ein besserer Mann sein“, hörte sie ihn mit tiefer Stimme sagen. „Ich weiß, dass ich Fehler mache. Gemacht habe. Aber ich möchte aus denen lernen. Ich will ein besserer Partner sein. Ich hoffe du gibst mir die Chance, in der ich das beweisen kann. Ich verspreche dir, dass ich dich nicht im Stich lassen werde.“  
Maron nahm das Gesagte auf und nickte, kuschelte sich anschließend wortlos an ihm. Seine Worte stimmten sie glücklich.
Die ganze Nacht hielten sie einander in den Armen und nach einiger Zeit waren sie auf der Couch eingeschlafen.
***

Der Regen hörte auch am nächsten Tag nicht auf.
Chiaki war, nachdem sie aufgestanden waren und gefrühstückt hatten, wieder in seine Wohnung gegangen. Miyako hatte ihm eine SMS geschrieben, dass sie jetzt zurückfahren würde. Maron fragte sich, ob Yamato auch schon auf dem Rückweg war. Höchstwahrscheinlich.
Anstatt rumzusitzen und auf seine Rückkehr zu warten, beschloss sie die Wohnung aufzuräumen. Das würde ihr zumindest auch eine gewisse Ablenkung geben, denn nervös war sie schon.
Mit Sorgfalt staubsaugte sie jedes Zimmer und begann alles zu entstauben. Als sie mit einem Lappen über die Möbel und Gegenstände fuhr, hielt sie immer wieder bei Yamato’s Sachen inne. Der Anblick seiner Besitztümer irritierte sie sehr.
Sie wollte ihn nicht sehen. Genauso wenig wollte sie irgendwelche Erinnerungen von ihm haben.
Weshalb sie sich eine leere Kiste schnappte und alles was ihm gehörte reinschmiss. In Nullkommanichts war das Wohnzimmer von seinen Habseligkeiten freigeräumt und Maron konnte befreiter aufatmen. Anschließend holte sie weitere Kisten und Taschen heraus und sortierte weiter aus. Seine Klamotten, Zahnbürsten, Shampoos...alles sollte weg.
Sachen, wie gemeinsame Fotos verstaute sie in einer komplett eigenen Kiste.
Ein Teil von ihr konnte es kaum erwarten, Yamato’s Gesichtsausdruck zu sehen, wenn er die ganzen Sachen sah. Schließlich würde man den Eindruck haben, dass sie ihn rausschmeißen würde. Und das war genau das, was sie jetzt wollte. Seine Familie hatte schließlich genug Häuser, in die er sich mit seiner Geliebten zurückziehen konnte. Sie brauchten sich keine vier Wände teilen, um eine Scheidung durchzuziehen.
Maron war so sehr in ihrem Vorhaben vertieft, dass sie gar nicht merkte, wie viel Zeit schon vergangen war. Überrascht stellte sie auf einmal fest, dass es schon Abend war, als sie Sachen aus seinem Arbeitszimmer wegpackte. Irritiert blickte sie auf die Uhr. Wo bleibt der Kerl?
Ein Klingeln ließ sie zusammenzucken. „Maron?“, hörte sie Chiaki’s Stimme von draußen.
„Hi“, hauchte sie, als sie aufmachte.
„Yamato ist noch nicht hier, oder?“, fragte er direkt. Sein Gesicht wirkte angespannt.
Maron schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht.“
Er strich sich seufzend durch die Haare. „Miyako auch nicht“, sagte er und betrat die Wohnung. „Sie hatte mich bei ihrer Abfahrt noch angerufen und gesagt, dass sie gegen zwölf oder eins da wäre.“
„Oh.“
Chiaki blieb stehen und sah die Kisten und Taschen im Flur. „Willst du umziehen?“
„Das sind Yamato’s Sachen. Ich will ihn rausschmeißen.“
„Ah...Hat der sich irgendwie bei dir gemeldet?“
Sie schüttelte den Kopf. „Hast du versucht, Miyako anzurufen?“
„Ja, aber sie nimmt nicht ab. Ihr Auto ist auch noch nicht da.“
„Hmmm.“ Maron nahm ihr Handy in die Hand und wählte Yamato’s Nummer. Aber es konnte keine Verbindung aufgestellt werden. „Konnte ihn gerade auch nicht erreichen“, sagte sie mit gerunzelter Stirn. Ein mulmiges Gefühl überkam sie.
„Irgendwas stimmt nicht“, sagte Chiaki beunruhigt.
„Glaube ich auch...“, murmelte Maron und setzte sich auf die Couch hin. „Warten wir am besten zusammen“, schlug sie vor, worauf er seufzte und nickte.

„Seine Eltern können ihn auch nicht erreichen“, sagte Maron. Sie hatte seine Mutter kurz angerufen. Diese hatte ihr mitgeteilt, dass er gegen neun ausgecheckt sei. Das war das Letzte, was sie von ihm hörten. Demnach sind Yamato und Miyako ungefähr zeitgleich losgefahren.
„Denkst du, die beiden sind miteinander durchgebrannt?“, hörte sie Chiaki fragen.
Entgeistert drehte Maron ihren Kopf zu ihm. „Wieso sollen sie? Wir waren alle gestern einig, dass wir uns scheiden lassen.“
Er entgegnete dies mit einem Achselzucken und raufte sich die Haare.
Frustriert nahm sie sich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher an. Diese angespannte Stille in der Wohnung machte sie noch verrückt. Direkt beim ersten Sender landete Maron bei den Nachrichten. Ihr Gesicht verlor an Farbe, als sie sah, was gerade berichtet wurde.
„...auf der Autobahn von Sendai Richtung Yamamoto kam es heute Vormittag zu einer Massenkarambolage. Durch den starken Regen, welcher seit gestern anhält, kam es dazu das einige Fahrer die Kontrolle auf der Straße verloren. Anschließend krachte ein Auto ins nächste. Mindestens 30 Menschen wurden verletzt und es gibt sogar Meldungen über Tode-“
„Maron?“ Chiaki, der neben ihr saß, war ebenfalls blass.
„Denkst du, Yamato und Miyako sind deshalb noch nicht hier?“, fragte sie mit kaum hörbarer Stimme. Sie deutete zitternd auf dem Fernseher.
Er sah sie für einige lange Sekunden an. „Es wird ihnen bestimmt gut gehen...“, versuchte er ihr zu versichern, doch auch er klang, als könnte er seinen Worten schwer glauben.
Abrupt stand Maron von der Couch auf. „Das würde auch erklären, wieso niemand rangeht! Oh Gott, was sollen wir nur tun??“ Nervös fing sie an auf- und abzulaufen. „Du meine Güte, ich habe ihnen gesagt, dass sie zur Hölle fahren sollen, aber...aber ich wollte nicht, dass ihnen irgendwas Böses passiert! Ich-“ Ihr stockte der Atem.
„Maron!“ Chiaki war ebenfalls aufgestanden, packte sie an den Schultern und brachte sie zum Stehen. „Nichts davon ist deine Schuld, okay? Im Moment wissen wir noch gar nichts. Das Einzige was wir tun können ist warten und hoffen.“
***

Maron hatte noch nie so viel Tee getrunken wie in dieser Nacht. Stunden vergingen in der sie permanent zur Tür und auf ihr Telefon starrte.
Auf Chiaki war merklich angespannt. Immer wieder lief er durchs Zimmer, konnte nicht stillsitzen.
Es war zwei Uhr in der Nacht als plötzlich sein Handy klingelte. Er blickte auf den Bildschirm und nahm ab. „Nagoya, hallo?“
Maron sah zu ihm rüber. Sie konnte nicht hören, was am anderen Ende gesagt wurde, aber sie konnte ganz genau sehen, wie sein Gesicht kreidebleich wurde. Das konnte nichts Gutes heißen...
Kurz danach legte er auf und starrte für einige Moment sprachlos aufs Handy.
„Fuck“, flüsterte er. Mit zitternder Hand fuhr er sich über den Mund. „Fuck, fuck, fuck...“
„Chiaki?“, sagte Maron mit tiefster Sorge.
Er tigerte auf und ab, während er immer wieder das Wort vor sich her flüsterte.
Maron ging zu ihm hin und legte eine Hand auf seinen Arm. „Was ist passiert?“, fragte sie verängstigt.
Chiaki blickte sie an, war völlig aufgewühlt. „Ich...Fuck, ich muss gehen...“, sagte er, „Ich-...Shit, ich muss ihren Eltern Bescheid geben...“
Maron war jetzt nicht nur besorgt, sondern auch verwirrt. „Was? Wo musst du hin? Was ist los? Ist Miyako irgendwas passiert?“ Noch nie hatte sie ihn so aus der Fassung gesehen.
„Sie-“ Ein Klingeln schnitt ihm das Wort ab.
Mit großen Augen sah sie zwischen ihm und der Tür. Mit Herzklopfen ging sie zur Tür und machte auf.
Zwei Männer in Polizeiuniformen standen vor ihr. Maron musste schwer schlucken.
„Mrs. Minazuki?“, fragte der eine.
„J-Ja?“, brachte sie mit Mühe entgegen.
Die Herren nahmen ihre Mützen ab und sahen sie mit tiefstem Bedauern an. Deren Ausdrücke allein bestätigten ihre schlimmsten Erwartungen.
„Es tut uns leid Ihnen mitteilen zu müssen-…“
Die Worte des Polizisten drangen nicht durch sie hindurch. Sie bekam keine Luft.
Dass Chiaki neben sie getreten war und eine Hand auf sie gelegt hatte, bemerkte sie nicht.
Jegliche Sinne in ihr wurden taub. Ihr Körper setzte aus.
„...die Sanitäter konnten nichts mehr machen...“, war das Letzte, was Maron gerade so hören konnte, ehe sie in Ohnmacht fiel.

Maron blinzelte. Alles war so blendend hell.
Sie sah Yamato vor sich. An ihrem Hochzeitstag.
Sie erinnerte sich…es war ein schöner, warmer Sommertag gewesen. Die Sonne hatte direkt auf sie herab geschienen.
Er lächelte sie mit einem warmen, liebevollen und glücklichen Lächeln an.
Gerade waren sie sich das Ehegelübde am vorsagen.
„Ich verspreche dir die Treue in guten und in bösen Tagen“, sagte er, während er ihre Hand hielt. „-in Gesundheit und Krankheit-“ Eine lange Pause trat ein und Maron sah, wie alles um sie herum dunkler wurde.
Seine Hand, die ihre hielt, wurde eiskalt und ließ sie plötzlich los.
„-bis der Tod uns scheidet“, vollendete er, die Stimme so weit weg und fern, bevor die Dunkelheit ihn verschluckte und alles um sie herum komplett schwarz wurde.
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