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Affairs & Betrayals

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
28.05.2021
08.07.2022
20
77.143
5
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
18.03.2022 3.650
 
TEN

Es war Freitag. Das Wochenende stand an und nichts hatte sich verändert. Maron fühlte sich miserabler als zuvor. Nicht nur wegen Yamato, sondern auch wegen Chiaki.
Sie war sich bewusst, dass sie diejenige war, die ihn in dieser frustrierenden Situation aufhielt und dieses Elend bis ans Limit hinauszog. Dennoch wog sie sich inmitten ihrer Feigheit in Sicherheit. Was ihr schlechtes Gewissen in keinerlei Weise minderte und sie noch mieser fühlen ließ. Maron versuchte sich mit ihrer täglichen Routine abzulenken, doch mit jedem verstrichenen Tag hatte sie ihr eigenes Leben mehr und mehr satt. Das Leben, was sie für sich von klein auf erträumt hatte.
Gerade saß Maron vor ihrem Computer und versuchte etwas sinnvolles aufs Blatt zu bringen, doch immer und immer wieder war sie dabei denselben Satz neu anzufangen.
Fluchend stieß sie einen frustrierten Laut aus, raufte sich die Haare.
Plötzlich ging die Tür auf und Yamato kam in ihr Büro rein. Er hielt einen kleinen Reiserucksack in der Hand, welches schon vollgepackt war. Maron wusste sofort, was das zu bedeuten hatte.
„Die Tasche ist viel zu klein für eine Überseereise“, merkte sie schnippisch an.
Er hielt kurz inne und seufzte anschließend. „Die ist nur für das Wochenende gedacht“, sagte er. „In Sendai wird ein neues Büro eröffnet. Werde mir die Location da anschauen.“
„Oh?“
„Du weißt, wie das ist mit den Investoren und dass man sie überzeugen muss. Es werden nur zwei, maximal drei Tage sein, in der ich dort bin. Das Wochenende halt.“
Maron starrte weiter auf ihren Bildschirm, zeigte kein Interesse an seinen Lügen.
„Willst du dich nicht verabschieden?“, fragte Yamato, verwundert über die mangelnde Aufmerksamkeit von ihr.
Sie schloss kurz ihre Augen und atmete tief durch. Na schön, ging es ihr durch den Kopf.
Maron stand von ihrem Stuhl auf und ging auf ihren Mann zu. Sie schaute zu ihm auf und blickte ihm in die grünen Augen. Dieselben Augen, die sie Jahre zuvor voller Liebe und Zuneigung angeschaut haben. Jetzt war nichts von diesen Gefühlen mehr in ihnen zu sehen.
Sachte legte Maron eine Hand auf seine Wange. Yamato erstarrte für einen minimalen Moment, fasste sich jedoch schnell wieder. Sie lehnte sich vor und legte ihre Lippen auf seine. Er rührte sich nicht.
Es war ein kalter, gefühlsloser Kuss. Nichts, was die Welt zum Leben erwecken würde. Der Funken zwischen ihnen war weg, vollkommen ausgelöscht.
Sie lösten sich voneinander. Räuspernd drehte Yamato sich von ihr weg und eine beklemmende Stille breitete sich für einige Moment aus.
„Ich werde dich anrufen, wenn ich angekommen bin“, sagte Yamato und nahm seine Tasche in die Hand.
Maron nickte nur und sah zu, wie er aus ihrem Büro ging. Sekunden später fiel die Tür zu und es war vollkommen ruhig in der Wohnung. Kraftlos fiel sie in ihren Stuhl zurück.
***

Reglos saß sie für eine lange Weile da und hatte in die Leere starrte, als es plötzlich an der Tür klingelte. Ob Minuten oder Stunden vergangen waren, wusste sie nicht. Blinzelnd riss Maron sich in die Realität zurück und erhob sich.
Es klingelte drei, vier weitere Male. „Komme!“, rief sie, war nun sichtlich genervt von dem penetranten Geräusch.
Sie schwang die Tür auf und blickte überrascht in Natsuki’s Gesicht.
„Natsu“, brachte Maron nur heraus, als ihre Freundin sie zur Begrüßung umarmte.
„Ich habe dich auch vermisst. Auch wenn ich die letzten zwei Wochen kein Wort von dir gehört habe“, sagte Natsuki mit Ironie. Sie war wegen den Modewochen in Frankreich und Italien verreist gewesen. Maron hatte erst in ein paar Tagen mit ihrer Rückkehr gerechnet, aber sie war froh ihre Freundin jetzt bei sich zu haben.
„Tut mir leid, dass ich mich nicht bei dir gemeldet habe“, entschuldigte Maron sich. „Es war einfach... schwierig.“
Natsuki nickte verstehend und strich ihr über den Rücken. „Ich weiß, Süße. Ich weiß.“ Sie löste die Umarmung und sah Maron verständnisvoll lächelnd an. „Wir machen uns jetzt was zu Futtern und dann kannst du mir alles erzählen, was ich verpasst habe. Okay?“
„Okay“, nickte Maron zustimmend. Sie ließ Natsuki in ihre Wohnung und schloss hinter sich die Tür.
Es dauerte einige Minuten, bis Maron ihrer besten Freundin alles erzählt hat, was sich in den letzten Wochen ereignet hatte. Unterdessen machten sich die beiden gerade ihr Mittagessen und schnitten sich die Zutaten entsprechend zu.
„Wow. Was für Arschlöcher“, kommentierte Natsuki, während sie an einer Gurke naschte.
„Ich verstehe immer noch nicht, wieso du und Chiaki noch nicht die Scheidungspapiere eingereicht habt.“
Maron seufzte schwer. „Da bin ich schuld. Ich halte uns auf. Und jetzt ist Chiaki sauer auf mich.“ Es waren drei Tage vergangen, seit ihrem Telefonat, welches er abrupt beendet hatte, in der sie nichts voneinander gehört hatten.
Mitfühlend blickte Natsuki sie an. Erneut stieß Maron einen langen Seufzer aus und zuckte akzeptierend mit den Schultern.
Auf einmal klopfte es laut an der Tür. Völlig erschrocken schreckte Maron zusammen, wodurch sie mit dem Messer abrutschte und sich tief in die Hand schnitt.
„Argh! Fuck!“, zischte sie vor Schmerz, schnappte sich ein Küchentuch und drückte es sich auf die blutende Wunde.
Hastig eilte Natsuki zu ihr hin. „Oh shit!“ Überfordert sah sie zu Maron und dann zur Tür, an der es immer noch klopfte. „Warte hier! Ich mach auf und dann hol ich den Erste-Hilfe-Kasten.“
Maron setzte sich auf einen Hocker hin und hörte, wie ihre Freundin eilig aus der Küche ging und aufmachte. „Hallo. Wer-“
„Ist Maron da?“
Beim vertrauten Klang von Chiaki’s Stimme zuckte sie zusammen.
„Ehm, ja, aber wer- Hey!“
Schnelle Schritte näherten sich der Küche und dann erblickte sie ihn. Er wirkte gehetzt.
„Chiaki!“, brachte Maron überrascht entgegen. „Wa-Was machst du hier?“
„Ich will, dass du-“ Abrupt brach er den angefangenen Satz ab, als sein Blick auf ihre Hand und das blutige Küchentuch fiel.
In der Zwischenzeit kam Natsuki auch wieder in die Küche rein, mit dem Erste-Hilfe-Kasten.
„Gib mir deine Hand“, sagte sie, setzte sich gegenüber von Maron hin und nahm sich ihre Hand, während diese komplett auf Chiaki fixiert war.
„Du blutest“, brachte er heraus.
„Wird schon wieder”, antwortete Natsuki für sie. „Hör auf wegzuziehen, Maron“, sagte sie, als Maron vor Schmerz zuckte.
„Warte, lass mich das anschauen“, wendete Chiaki ein und nahm sich Maron’s Hand. Natsuki trat beiseite, während er ihren Platz einnahm und sich die Verletzung ansah. „Sieht nicht so tief aus.“
Danach reichte er direkt nach dem Erste-Hilfe-Kasten auf dem Tisch und behandelte mit Professionalität die Wunde.
Maron erstarrte. Ihr Herz klopfte wie wild und sprang bei jeder vorsichtigen Berührung von ihm auf. Eine knisternde Hitze war an jeder Stelle zu spüren, in der seine Haut mit der ihrer in Kontakt kam.
„W-Was machst du hier?“, fragte sie erneut. „Ich- Ich dachte, du wärst sauer auf mich.“
„Ich war zuerst sauer auf dich, das gebe ich zu“, sagte er. „Aber worüber ich mehr sauer war -oder bin- ist diese Dreistigkeit von den beiden.“ Chiaki atmete kurz durch und sprach in einem ruhigeren Ton weiter: „Hör mal, Maron. Du hast das nicht verdient. Du hast dieses Leid, diesen Kummer und diese Respektlosigkeit nicht verdient. Hörst du?“
Wortlos nickte sie, langsam und zögernd.
„Weshalb ich will, dass wir ihnen hinterherfahren“, fuhr er fort und sah ihr eindringlich in die Augen. „Nach Sendai.“
Ihr Mund fiel auf. „W-Was?! Wie meinst du das?!“
„So wie ich das sagte.“
„Wo-Woher willst du wissen, dass sie jetzt dort zusammen sind? Yamato musste schon früher an Wochenenden wegen der Arbeit immer mal weg-“
„Miyako hat behauptet, dass sie das Wochenende mit Freundinnen auf einem Junggesellinnenabschied sei.“
„Vielleicht tut sie das wirklich?“
Er schnaubte ungläubig. „Und dafür hat sie ihre ganze Spitzenunterwäsche eingepackt?“
Sie warf ihre freie Hand hoch. „Vielleicht wird es eine Dessous-Party!“
Chiaki blickte sie unverwandt mit hochgezogener Augenbraue an. „Maron“, sprach er mit Nachdruck. Mittlerweile hatte er ihre Hand fertig verbunden und sachte auf ihr Knie abgesetzt. „Du glaubst das alles doch nicht wirklich, oder?“
Beschämt senkte sie ihren Blick. „Nein“, gestand sie kleinlaut. Sie wusste selbst, dass das alles nur Lügen waren.
„Siehst du.“ Sanft nahm er beide ihrer Hände. „Du sagtest, dass wir auf einen Beweis warten sollen. Der Beweis wird aber nicht auf uns zukommen. Weshalb wir ihn uns selbst beschaffen müssen.“
Sie schluckte schwer. Sie wusste, dass er Recht hatte.
Sendai war nicht so weit von hier entfernt - nur ein paar Autofahrstunden. Wenn sie sich jetzt beeilten, konnten sie zu ihnen aufholen und alles beenden. Es war das einzig richtige.
„Also-“ Chiaki’s Blick traf wieder den ihren. „Kommst du mit?“
Kommt sie mit? Was würde dort passieren? Mit einem Mal überkam sie die Unsicherheit. Was ist, wenn das ein Reinfall wird? Was ist, wenn…
Zögernd biss sich Maron auf die Lippe und blickte hilfesuchend zu Natsuki, die sich ans andere Ende des Zimmers zurückgezogen hatte. Ihre Freundin nickte ihr ermutigend zu.
Sie sah anschließend in Chiaki’s erwartungsvolle, blaue Augen. Tief atmete Maron durch und antwortete auf seine Frage mit einem einzigen Nicken.
Ein erleichtertes und zugleich erfreutes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. „Großartig.“ Chiaki erhob sich von seinem Stuhl. „Ich werde warten, während du deine Sachen packst.“
„Sie wird in zehn Minuten fertig sein“, kam es plötzlich von Natsuki, die an Maron’s Seite getreten war und sie am Arm hochzog. Ehe Maron sich versah, wurde sie ins Schlafzimmer gezerrt.

Kaum waren die Frauen unter sich, wandte Natsuki sich mit beiden Händen an der Hüfte gestemmt Maron zu: „Das ist also Chiaki.“
„Japp.“
„Okay. Scharfer Typ, muss ich sagen. Was läuft da zwischen euch?“
Verwirrt sah Maron sie an. „Was meinst du damit?“ Wahllos hatte sie sich eine Sporttasche geschnappt und stopfte willkürlich ein paar Klamotten rein.
„Tu nicht so ahnungslos. Die letzte Viertelstunde konnte ich förmlich das Knistern zwischen euch beiden sehen. Ich hatte schon überlegt, ob ich euch allein lassen soll. Meine Anwesenheit fühlte sich mehr als überflüssig an-“
„Natsu!“
„Maron.“ Natsuki zwang sie ihr in die Augen zu sehen. „So wie er dich angeschaut und angefasst hat...So viel Aufmerksamkeit hat dir Yamato seit Ewigkeiten nicht mehr geschenkt. Er steht eindeutig auf dich. Und du auf ihn!“
Schockiert über diese Aussagen wich Maron zurück. „Was redest du da?! E-Er hat schon eine Frau.“
Natsuki rollte mit den Augen. „Die ihn eiskalt betrügt.“
„Ich bin auch verheiratet.“
„Dein ach-so-toller Ehemann betrügt dich mit dessen Frau, Süße.“
„Genau! Und wenn etwas zwischen uns wäre, wären wir nicht besser als die beiden! Das würde diese abgefuckte Situation noch abgefuckter machen!“ Entschieden schüttelte Maron mit dem Kopf. „Ich mag ihn nicht. Nicht so wie du denkst! Dies alles hier-“ Sie breitete irrititert ihre Hände aus und zeigte um sich herum. „-ist nur wegen der Affäre unserer Ehepartner entstanden. Mehr nicht. Das ist die einzige Verbindung, die zwischen uns besteht!“, sagte sie schweratmend und drückte die letzten Sachen tief in die Tasche rein. Mit jedem Satz hatte sie sich mehr und mehr verkrampft und hineingesteigert.
„Okay, okay! Schon gut. Vergiss was ich gesagt habe.“ Natsuki legte ihr beruhigend die Hände auf die Schultern. „Das Wichtigste ist erstmal, dass ihr die Fremdgeher auf frischer Tat erwischt und mit einem Beweis nach Hause kommt.“ Sie ging noch schnell ins Bad und kam mit Maron’s Zahnbürste und Kosmetiktasche zurück. „Denk über nichts anders nach.“
Maron seufzte laut auf. „Ich versuch’s“, murmelte sie kaum hörbar, zog den Reißverschluss der Tasche zu und warf sie sich über die Schulter.

Als Maron und Natsuki aus dem Schlafzimmer traten, stand Chiaki wartend im Flur und hatte sein Handy am Ohr. „Okay, bis gleich.“
Er legte auf und wandte sich an die beiden Frauen. „Bereit?“
Maron stolperte mit ihrer Tasche unbeholfen nach vorne, als Natsuki sie leicht schubste. „J-Ja. Bereit.“
Die drei verließen die Wohnung und fuhren mit dem Aufzug nach unten. Als sie aus dem Gebäude traten, sahen sie schon einen großen, silbernen SUV, aus dem ein dunkelhaariger Typ mit Sonnenbrille ausstieg.
„Du schuldest mir was, Kumpel“, sagte der Mann und warf Chiaki den Autoschlüssel zu. „Wehe ich sehe einen Kratzer auf meinem Baby. Dann bist du erledigt.“
„Ja, ja. Du hast was gut bei mir.“ Er drehte sich zu den Mädels um. „Das ist Shinji“, stellte er den Neuankömmling vor.
„Hi!“, lächelte Shinji und winkte cool.
„Hey“, begrüßten die beiden Frauen ihn zurück, wobei Natsuki ihn neugierig musterte und Maron verwundert dreinblickte.
Chiaki sprach weiter: „Er leiht uns seinen Wagen. Wir wollen schließlich nicht, dass unsere Ehepartner unsere Autos entdecken und wiedererkennen.“
„G-Guter Einfall“, brachte Maron entgegen, war erstaunt darüber, wie weit er immer voraus dachte.
Shinji stieß Chiaki mit dem Ellenbogen an, während dieser die Taschen in den Wagen verstaute. „Hey, bekomm’ ich deinen Wagen?“
Chiaki schenkte ihm einen schrägen Blick. „Auf keinen Fall!“
„Ach komm! Dann gib mir wenigstens Geld.“
„Geld für was??“
„Für ein Taxi natürlich! Wie sonst soll ich nach Hause kommen?“
„Ich kann dich fahren!“, meldete sich Natsuki mit erhobener Hand zu Wort. „Ich bin übrigens Natsuki.“ Sie hielt Shinji strahlend lächelnd ihre Hand entgegen. „Freut mich dich kennenzulernen.“
Wie vom Blitz getroffen starrte Shinji sie an und schob sich die Sonnenbrille in die Haare hoch. Er fing an breit zu grinsen und nahm ihre Hand. „Die Freude ist ganz meinerseits, meine Hübsche“, sagte er mit übertriebener Höflichkeit und küsste ihre Hand, ohne den Blick von ihr abzuwenden. „Sag mir, wie kann ich mich für diese nette Geste bedanken?“
Natsuki kicherte amüsiert. „Mir würde da was einfallen.“
Blinzelnd hatten Maron und Chiaki diese Interaktion beobachtet, ehe er sich ihr zuwandte. „Sind wir startklar?“, fragte er.
Nach kurzem Zögern nickte sie, das Gesicht leicht rot angelaufen. Sie bemerkte Natsuki’s Blick und wie diese ihr zuzwinkerte. Sie rollte mit den Augen.
Beide verabschiedeten sich von ihren Freunden und stiegen in den Wagen ein. Maron’s Herz klopfte wie wild.
Die Unsicherheit und Angst darüber, was sie auf dieser Reise erwarten würde, war immer noch da, aber gleichzeitig verspürte sie eine gewisse Aufregung - nein, sogar Freude.
Insgeheim war sie froh darüber, dass Chiaki und Natsuki sie zu diesem Schritt überredet haben.
***

Die Fahrt nach Sendai dauerte vier, knapp fünf Stunden.
Die Zeit versuchten sie mit belanglosen Gesprächen zu füllen. Vergebens. Größtenteils war nur die Musik aus dem Radio zu hören.
Immer wieder sah Maron aufs Navi und mit jedem Kilometer wuchs ihre Anspannung.
„Ich habe Angst“, sagte sie, durchbrach das Schweigen zwischen ihnen.
Chiaki sah von der Autobahn kurz weg und blickte zu ihr rüber. „Ich weiß“, erwiderte er mit tiefer Stimme sanft. „Wenn ich ehrlich bin, bin ich auch ziemlich aufgeregt.“
„Wirklich?“ Ungläubig drehte Maron sich zu ihm um.
Er nickte. „Wirklich.“
In dem Moment merkte sie, wie angespannt seine Hände um das Lenkrad waren und wie die weißen Knöchel hervorstachen.
Ihm ergeht es genauso wie mir, dachte sie sich verblüfft.
Als Chiaki seine eine Hand senkte, um zu schalten, legte sie ihm sachte ihre eigene drauf.
Überrascht sah er kurz auf ihre Hände herab und dann auf sie. Wieder war diese Elektrizität in der Berührung zu verspüren. Sanft lächelte Maron ihn schief an, tätschelte für ein paar Augenblicke seine Hand, ehe sie schließlich losließ. Chiaki wandte sich direkt wieder der Straße zu. Dennoch hatte diese kurze Geste ihm selbst ein ermutigendes Lächeln aufs Gesicht bereitet.
„Danke, dass du mitgekommen bist“, sagte er.
„Danke fürs Mitnehmen“, erwiderte sie.
Maron lehnte sich in den Sitz zurück und drehte das Radio lauter. Gerade fing ein neuer Song an. Sekunden später wippte ihr Kopf zum Beat der Musik mit.

It took too long, it took too long, it took too long
For you to call back
And normally, I would just forget that
Except for the fact it was my birthday
My fuckin' birthday
I played along, I played along, I played along
Rolled right off my back
But obviously, my armor was cracked
What kind of a boyfriend would forget that?
Who would forget that?


Es dauerte nicht lange, dass Maron laut mitsang - ganz gleich ob Chiaki mithörte oder nicht.

Oh, you can try, you can try
You know I know it'd be a lie
Without me, you're gonna die
So you better think clearly, clearly
Before you nearly, nearly fuck up
A situation that you're gonna miss really dearly, come on

You're not livin' 'til you're livin' (No)
Livin' with me
You're not winnin' 'til you're winnin' (No, no, no, no, no, no)
Winnin' me
You're not gettin' 'til you're gettin' ('Til you're gettin')
Gettin' me
You're not livin' 'til you're livin'
Livin' for me (No-no, no-no, no-no, no-no)


Losgelöst musste sie auflachen – irgendwie tat es gut. Verlegen drehte sie sich zu Chiaki um und sah, dass er zuerst sich das Grinsen zu verkneifen versuchte und schließlich ebenfalls loslachte. „Das war süß. Ein bisschen schief, aber süß.“
„Mach’s besser!“ Verspielt schlug Maron ihm auf den Oberarm, worauf sie beide sich nicht mehr einkriegten. Gemeinsam verbrachten sie die letzten Kilometer singend und lachend – der eigentliche Grund, weshalb sie diese Fahrt machten, geriet für den Moment nahezu in Vergessenheit.
***

Sendai war eine wunderschöne Stadt. Eine alte Stadt mit vielen Traditionen. Alt und neu trafen hier zusammen. Gerne hätte Maron sich die Stadt genauer angeschaut, hätten sie die Zeit dazu gehabt.
Gerade fuhren sie in Richtung des Hotels, in den Yamato und Miyako wahrscheinlich sein werden. Anscheinend hatte Miyako Chiaki gegenüber den Namen des Hotels rausrutschen lassen, ohne dass es ihr wirklich bewusst war - wofür er und Maron ihr mehr als dankbar waren.
Der Abend rückte näher und der Himmel über ihnen verdunkelte sich von Minute zu Minute mehr. Sie parkten das Auto auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom Saryo Hotel, weit genug entfernt, um trotzdem einen guten Blick auf die Lobby und die Bar zu haben.
Auch wenn die Scheiben vom Wagen verdunkelt waren, so hatte Maron sich zu Tarnung trotzdem Mütze und Gesichtsmaske aufgesetzt, während Chiaki sich seine Kapuze tief über den Kopf gezogen hatte.
Wie auf heißen Kohlen sitzend, warteten sie, die Blick auf das Luxus-Hotel gerichtet. Maron rieb sich nervös die schwitzige, unbandagierte Hand auf ihrer Jeans ab. Mittlerweile war die Sonne komplett vom Horizont verschwunden. Es fühlte sich an, als würden sie eine Ewigkeit warten. Vielleicht war diese Aktion doch Zeitverschwendung?
Gerade als Maron aufgeben wollte, stupste Chiaki sie von der Seite an und deutete nach draußen. „Schau.“
Sie folgte seinem Blick und schaute durch die großen Fensterscheiben des Hotels. Das Blut in ihren Adern gefror.
Ehe Maron sich versah, war sie schnurstracks ausgestiegen und hatte sich dem Gebäude genähert. Hastig eilte Chiaki ihr nach und packte sie am Arm.
„Warte!“, zischte er ihr ins Ohr zu. Beide standen an der Wand gepresst, neben dem riesigen Fenster der Bar und hielten sich im Schutz der Dunkelheit versteckt.
Sie sahen, wie Yamato und Miyako gemeinsam die Bar betraten. Sein Arm war eng um ihre Taille gelegt. Er trug einen eleganten Anzug, sowie ein riesiges, glückliches Lächeln auf den Lippen. Ein aufrichtig glückliches Lächeln, welches Maron seit langem nicht mehr zu Gesicht bekam. Miyako's Lächeln glich dem seine. Sie trug ein kurzes, schwarzes, sexy Spitzenkleid, welches ihre Kurven perfekt zur Geltung brachte. Andere Männer starrten zu ihr rüber.
Sie begaben sich zur Theke und ließen sich auf zwei freien Plätzen nieder.
Maron spürte, wie Chiaki’s Griff um ihren Arm sich verengte. Sie sah flüchtig zu ihm hin und stellte fest, dass er mit der anderen Hand sein Handy gezückt hatte und die Kamera unauffällig auf ihre Ehepartner richtete.
Yamato sprach mit dem Barkeeper. Als der Mann sich umdrehte, um die Getränke zu mixen, lehnte sich Miyako zu Yamato vor und flüsterte ihm etwas ins Ohr zu. Er lachte und küsste ihre Wange.
Scharf zog Maron die Luft ein. Diesen zärtlichen Austausch und diese Vertrautheit zwischen ihnen zu sehen -es wahrhaftig vor eigenen Augen zu haben- tat mehr weh, als sie es je zu träumen gewagt hatte.
Sie runzelte verwundert die Stirn, als Yamato plötzlich aufstand und ein paar Schritte wegging. Er zog etwas aus seiner Tasche und hielt es sich ans Ohr. Keine Sekunde später klingelte ihr Handy.
Mit zittrigen Händen fischte sie es aus ihrer Tasche.
„Hallo?“, antwortete Maron mit schwacher Stimme.
„Hey, Schatz“, sagte Yamato gut gelaunt. Sein Rücken war ihnen zugewandt, sodass sein Gesicht nicht zu erkennen war. „Ich bin gerade mit dem Meeting im neuen Büro fertig.“
Maron erwiderte darauf nichts. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.
„Nun...ich wollte nur mal hören, ob alles klar ist“, fügte er hinzu.
„Okay“, war alles, was sie herausbrachte. Tränen rannten Maron das Gesicht herunter, die sie nicht mehr aufhalten konnte.
Plötzlich kam Miyako auf Yamato zu und legte ihm von hinten beide Hände auf die Schultern.
„Ich kann nicht lange reden“, sprach er ins Handy, „Es war ein langer Tag und ich bin erledigt. Gute Nacht, ja?“
Ohne auch ansatzweise auf eine mögliche Antwort von Maron zu warten, legte Yamato auf, steckte das Handy weg und drehte sich zu Miyako um. Sie hatte ihre Arme um seinen Hals geschlungen. Er zog sie zu sich heran und küsste sie innig.
Fassungslos entkam Maron ein erstickter Laut. Dieses Bild gab ihr den endgültigen Rest.
Sie riss sich von Chiaki los und rannte davon.
Ziellos lief sie durch die Straßen, wollte so weit weg wie möglich von diesem Schmerz wegkommen.
„Maron!“
Sie hörte Chiaki’s gehetzte Stimme hinter sich, doch sie konnte ihre Beine nicht dazu bringen stehen zu bleiben.
Auf einmal schlangen sich zwei starke Arme um sie, brachten sie zum Stoppen und eine vertraute Wärme umhüllte ihren Körper.
„Shhh. Ich hab dich“, wisperte Chiaki ihr tröstend zu. „Ich hab‘ dich. Ich bin bei dir.“
Weinend brach Maron in seinen Armen zusammen, drückte sich an seine Brust und klammerte sich schluchzend an ihn.
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