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Nachtgeheimnisse

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
26.05.2021
17.01.2022
25
66.605
14
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28.05.2021 2.274
 
Lenny brauchte Luft. Und eine richtig gute Zigarette. Der Sturm zog langsamer als erwartet über die Stadt. Als Lenny das Gebäude  verließ, empfing ihn der Vorhof freundlich und still. Das war sein Nachdenk- und Rückzugsort. Durch einen Steinzaun und eine Hecke vom Gehsteig getrennt, voller Astern, Dahlien und Staudenpflanzen, sah er auch im Herbst wie ein idyllischer, von der Stadt abgesonderter Garten aus. Hüther zündete sich langsam eine Zigarette an und genoss diesen ersten angenehmen Moment des Tages. Ab und zu strahlte ihm die Sonne ins Gesicht, dann verschwand sie wieder hinter einer grauen Wolke. Lenny verfolgte schweigend ihr Versteckspiel und ließ seinen Kopf dabei leer werden.

„Entschuldigung, bin ich hier richtig? Ich möchte zum Herrn Richard Hüther.“

Lenny verschluckte sich an dem Rauch und musste husten. „Glauben Sie mir, Sie möchten nicht zu ihm!“

Er schaute den Fragenden an. Der Mann auf dem Foto stand vor ihm, als wäre er direkt aus der Akte hierher katapultiert worden. Dasselbe dunkelblaue Hemd, den obersten Knopf geöffnet, dieselbe schwarze Lederjacke, derselbe unverfrorene Blick. An einem Band befestigt hing vor seiner Brust eine nagelneue Digitalkamera. Er hatte eine vollgepackte Sporttasche über seine Schulter geworfen, in der Hand hielt er eine Laptoptasche.

„Wieso nicht?“, wunderte sich Freyman. Beladen wie er war, brauchte er eine Weile, bis er mit der einzigen freien Hand ein Stück Papier aus der Jackentasche zog.

Lenny musterte ihn kritisch.

„Herr Richard Hüther, Detektei Res Detecta.“ Den Namen sprach er mit korrekt gerolltem R aus. Sein Blick glitt vom Notizzettel empor in Richtung des Schilds. „Das ist doch die Detektei.“

„Das ist die Detektei, aber Richard Hüther finden Sie im Friedhof Wilmersdorf, er ist nämlich heute Mittag beerdigt worden.“

„Oh.“

Lenny genoss seine Verlegenheit und untersuchte ihn neugierig. Der Mann übte bei Weitem nicht dieselbe einschüchternde Wirkung wie auf dem Foto auf ihn aus. Dass er unprätentiös gekleidet, desorientiert und sichtbar müde von der Reise war, gab Lenny ein Überlegenheitsgefühl. Er entspannte sich und streckte ihm die Hand aus. „Lennard Alexander Hüther, der Sohn des Verstorbenen. Sie müssen Thomas Freyman sein.“

„Mein Beileid. Sie können mich einfach Tom nennen.“

„Wissen Sie, bei uns dauert es mit dem Duzen ein bisschen“, tadelte ihn Lenny. Er rückte die Schultern zurecht und nahm sich Zeit mit dem Rauchen. „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.“

„Verstehe.“

„Der Rechtsanwalt Harald Rittenberg wird das Vorstellungsgespräch führen. Er ist der neue Vorsitzende der Detektei. Hatten Sie schon Kontakt mit ihm?“

„Nee, leider nicht.“

Beim Sprechen rückte Freyman näher an seinen Gesprächspartner heran. Erst jetzt merkte Lenny, dass seine Augen – was man auf dem Foto nicht erkennen konnte – überraschend hell waren. Überraschend deshalb, weil sie einen starken Kontrast zur gebräunten Haut und den dunklen Haaren bildeten. Blau waren sie.

Lenny senkte den Blick und zeigte auf die Kamera. „Nikon P900?“

„Sie kennen sich aus!“ Tom war die Freude anzusehen. „Die hab ich mir vor einem Monat angeschafft. Hat mich ein Vermögen gekostet, aber ich arbeite lieber mit so was als mit dem Handy.“

„Gut für Ihren Auftraggeber! Das ist die neueste Sensation auf dem Markt.“ Lenny drückte seine Zigarette aus. „Kommen Sie mit.“

Tom zog die Sporttasche höher über die Schulter und folgte ihm. Viel Bewegung gab es im Erdgeschoss um diese Uhrzeit nicht. Richard Hüther, der Eigentümer des Gebäudes, hatte die drei verfügbaren Etagen an kleine Unternehmen vermietet, die je eine handvoll Menschen beschäftigten. Die meisten von ihnen hatten vermutlich schon Feierabend gemacht. Die zwei Detektive überquerten das Foyer und betraten den Aufzug.

„Die Firma hat mein Vater zusammen mit Rittenberg gegründet“, erklärte er, als sich der Aufzug in Bewegung setzte. „Das war vor 27 Jahren. Ich war ein kleines Kind, ich ging noch nicht in die Schule.“

Tom nickte, ein „Aha“ murmelnd.

„Natürlich sah hier damals alles völlig anders aus. Das Foyer, der Aufzug, unsere Büros.“ Lenny dachte nach. „Und ich auch, zugegeben“, fügte er mit einem selbstironischen Lächeln hinzu und tauschte einen Blick mit Tom.
Was rede ich da? Muss ich ihm so was erzählen?

Die Türen des Fahrstuhls fuhren auseinander. Lenny wechselte den Ton. „Ich hoffe, beim Interview sind Sie etwas gesprächiger, Herr Freyman.“

„Sicher, wenn ich gefragt werde.“

„Das können Sie ruhig annehmen. So. Hier sind also unsere Büros.“

Sie betraten den Vorsaal der Detektei, dessen weiße Wände und grauer Teppichboden für eine nüchterne Stimmung sorgten. Das dunkelrote Ecksofa und der Kaffeetisch aus Glas zogen sofort die Aufmerksamkeit auf sich. An der gegenüberliegenden Seite waren ein paar an der Wand befestigte Regale und ein Schreibtisch voller Papiere zu sehen.

„Hier sitzt unsere Sekretärin, Frau Klaas. Heute ist sie nicht da. Sie werden sie die nächsten Tage kennen lernen. Wenn“, ergänzte Lenny hastig, als er Toms fragenden Blick merkte. „Wenn wir uns für Sie entscheiden. Ähm ... Hier links war das Büro meines Vaters. Daneben ist die Küche und gleich um die Ecke die Toilette. Wir müssen nun rechts, zum Vorsitzenden.“ Er wollte gerade auf die Klinke drücken, da unterbrach Tom ihn.

„Und wo arbeiten Sie?“

„Wie bitte?“

„Na ja, Sie haben mir schon alles gezeigt, die Toilette eingeschlossen. Außer Ihrem Büro.“

Der Typ hatte recht. Lenny drehte sich interessiert zu ihm und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was macht Sie eigentlich so sicher, dass ich hier arbeite? Aktionäre arbeiten nicht immer in den eigenen Unternehmen, oder?“

„Würden Sie nicht hier arbeiten und wäre Ihr Vater heute beerdigt worden, dann wären Sie heute gar nicht hier.“

„Nein? Wissen Sie eigentlich, dass ich heute für Sie hierhergekommen bin? Mir gehört die Hälfte der Firma, ohne mich wird hier keiner eingestellt.“ Ein mahnender Blick.

„Aber das ist nicht alles. Sind Sie mit diesem Ort so vertraut, als würden sie ihn täglich sehen. Sie wollen mir hier unbedingt etwas zeigen – nicht die Büros.“ Er sah sich suchend um.  „Sondern etwas, was mit Ihnen zu tun hat und keiner sieht. Ich weiß nicht, was es ist. Ist nur so ein Gefühl. Aber deshalb glaube ich, dass Sie hier viel Zeit verbringen. Stunden, Tage ... Jahre.“

Tom, der einen Tick größer als er selber war, behielt ihn genau im Blick, während er redete.

Lenny schluckte. Er schluckte nur, aber er wollte schreien. Vor Langweile, vor Frust, vor Verzweiflung. In der tiefen Stimme seines Gegenübers meinte er, die Last mitschwingen zu hören, von der er glaubte, sie noch lange unbemerkt tragen zu müssen.

„Sagen Sie, seit wie vielen Minuten kennen wir uns eigentlich?“, fragte Lenny, im Versuch, sich nichts anmerken zu lassen.

„So 10-15? Schätze ich.“

„Nicht schlecht. Mein Büro, fragen Sie?“ Er schaute in die Richtung einer Tür mit Glaseinsatz am Ende des Flurs. „Es ist egal, Freyman“, sagte er nachdenklich. „Nichts wird hier so bleiben, wie es ist.“

Ein bedrohlicher Donner untermalte seine Worte.

Und dann: Für Sie ändert sich nichts. So schnell, wie die Worte in seine Erinnerung flimmerten, verschwanden sie auch wieder. Sogleich donnerte es voller Wut von allen Seiten. Ein letzter Sommerregen ergoss sich aus dem Himmel über den großen Fenstern.

„Oh!“, machte Tom.

„Kommen Sie, es wird spät.“ Lenny öffnete die Tür zu Rittenbergs Büro und schob Freyman mit der Hand an dessen Rücken in den Raum.

*

Rittenberg stand auf und knöpfte sich das Sakko zu. Ein formelles Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus – dasselbe Lächeln, wie für alle Besucher. Oh, wie tief Lenny diesen Automatismus verabscheute! Er schielte auf Tom, aber dieser behielt seine Eindrücke für sich.

„Herr Harald Rittenberg, der Vorsitzende unserer Detektei. Herr Rittenberg, das ist Thomas Freyman.“

Der Rechtsanwalt starrte Hüther an. „Irre ich mich, oder ... Kannten Sie sich schon?“, fragte er leise, als hätte er diese Frage nicht aktenkundig gestellt.

Die jungen Männer schauten sich an.

„Eigentlich nicht.“ Lenny setzte sich auf den Stuhl neben dem Rechtsanwalt.

Tom bewegte sich nervös auf der Stelle, bis er schließlich eingeladen wurde, Platz zu nehmen.

Rittenberg warf einen Blick in seinen Lebenslauf. „Herr Freyman, wie ich sehe, verfügen Sie über viel Lebenserfahrung. Fast möchte ich sagen ... über zu viel“, fing er in einem uneindeutigen Ton an.

Tom hörte angespannt zu und wartete offensichtlich auf eine Erklärung, doch dann folgte erstmal ein langes Knarren. Lenny zog seinen Stuhl über den Parkettboden und brachte ihn in Freymans Nähe. „᾽Tschuldigung“, sagte er in diskretem Ton, setzte sich mit ernster Miene wieder und nahm die Unterlagen des Bewerbers in die Hand.

„Was meinen Sie damit?“, fragte Tom.

„Ich meine Ihre Arbeit. Zwei Jahre in Dresden, drei in Köln, dann ein paar Monate in Hamburg, dann wieder Dresden. Jetzt auf einmal Berlin? Worauf beruht dieser ständige Lebenswandel?“

Freyman lächelte mit einem leichten Schnauben. „Ach so, jetzt verstehe ich. Lebenserfahrung ist für Sie ein schönerer Begriff für Instabilität.“

Junge, pass auf, dachte Lenny, noch hast du die Stelle nicht.

„Wenn Sie so wollen.“ In ertappter Manier spitzte der Rechtsanwalt die Lippen. „Was hat also zu diesem ... etwas inkonstanten Lebensstil geführt?“

„Arbeitsverträge, Neugier. Private Angelegenheiten. Das Leben eben.“

„Aha. Private Angelegenheiten. Ist das etwa ein anderer Begriff für ... Liebschaften? Obwohl, das geht mich ja nichts an“, ergänzte er, noch bevor Freyman antworten konnte. „Was garantiert uns, dass Sie lange bei uns bleiben werden? Wenn ich mir Ihren Lebenslauf anschaue, kommt bei mir ein wenig die Skepsis.“

„Was für eine Garantie brauchen Sie? Wenn Sie mich einstellen, müssen Sie mit dem Risiko leben, dass ich eines Tages weg bin. So wie im Falle jedes anderen Menschen. Ich bin schließlich ein freier Mann, Herr Rittenberg. Aber von dem, was ich über Berlin weiß, muss ich sagen: Es wird wohl eine Weile dauern, bis ich mit dieser Stadt fertig bin.“

Der Rechtsanwalt lächelte. „Da bin ich ganz bei Ihnen. Hier herrscht ein buntes Treiben, in der Tat.“

Lenny lehnte sich in entspannter Manier in den alten Stuhl zurück.

„Sie haben hervorragende Empfehlungen, Herr Freyman. Nicht nur haben Sie zweimal mit der Polizei zusammengearbeitet. Sie bekommen auch Anfragen von Prominenten.“

„Ja, das stimmt. Allerdings nur selten, um zu vermeiden, dass mein Name in der Presse zu oft erscheint. Wenn Sie die Sängerin Martini meinen … Das war eher eine Ausnahme. Wobei ich ihr gerne geholfen habe.“

Lenny staunte. „Delmira Martini? La Magnifica*?“

„Genau die“, meinte Rittenberg. „Ein böser Fall von Stalking, der vor zwei Jahren Wellen geschlagen hat. Kennen Sie die Diva, Lennard?“

„Ich habe sie letztes Jahr in einer neuen Inszenierung von Norma erwischt. Hier bei uns in der Komischen Oper. Unvergesslich.“

„Ich kenne sie nur von der Zeitung, von diesem Fall. Stars, Bühne, Drama – das ist nicht gerade meine Welt.“ Er richtete sich an Tom. „Dadurch sind Sie selbst fast ein Star geworden, Herr Freyman. Auch wenn sozusagen nur als Detektiv.“

Einen Augenblick lang herrschte Stille zwischen den Männern. Man konnte nur entfernte Donner und das Prasseln des Regens auf der Fensterscheibe hören.

„Und doch ist mir die Welt der Bühne durchaus vertraut“, räumte Tom ein.

„Natürlich, ja … Ja sicher! Ich habe fast vergessen, dass Sie selbst einmal auf der Bühne standen.“

Was? Lenny warf einen schnellen Blick in den Lebenslauf, als hätte er seine Aufgaben nicht gemacht. Was eigentlich stimmte.

„Nicht nur einmal“, hörte er Tom sagen.

„Zwar nicht als Sänger, aber als Schauspieler. Sie haben die Ausbildung abgeschlossen?“

Freyman nickte. „Na ja, mit 20 scheint das der Traumberuf zu sein. Außerdem hatte ich damals einen Freund, der im Theater arbeitete. Da bin ich in Kontakt mit dieser Welt gekommen und fand sie … ja, irgendwie schön, geheimnisvoll. Mich interessieren die Menschen, Herr Rittenberg. Mich haben auch die Figuren wahnsinnig interessiert.“

„Dann warum sind Sie nicht am Theater geblieben?“, fragte Rittenberg in interessiertem Ton.

Tom zögerte. „Ich fand die Bühne immer zu safe. Verstehen Sie, was ich meine? Da kann nicht so viel schiefgehen. Alle wissen, dass ich eine Rolle spiele. Da geht es um was Anderes. Als Detektiv hat man mehr Verantwortung und muss unter Umständen bestimmte Risiken eingehen.“

„Ich habe den Eindruck, Sie lieben die Gefahr.“ Rittenbergs Blick durchforschte das Gegenüber.

Lenny merkte, dass sein formelles Lächeln spurlos verschwunden war.

„Also, ich vermeide sie sicher nicht“, erwiderte Tom halb lächelnd.

„Nun gut. Ich will Ihnen erklären, womit wir uns in dieser Detektei beschäftigen. Ich bin Anwalt und übernehme meistens die komplizierten Fälle, die am Rande des Gesetzes sind oder dagegen verstoßen. Erbangelegenheiten zum Beispiel. Die Menschen kennen ihre Erbrechte kaum. Gefälschte Unterlagen und Zeugnisse kommen öfter vor, als man denkt. Schwarzarbeit aufzudecken ist ebenfalls meine Aufgabe. Dagegen übernimmt der geschätzte Kollege Lennard Hüther die rein wirtschaftlichen Fälle und arbeitet meistens mit Unternehmen zusammen.“

„Stichwort Kontoermittlungen. Wenig aufregend“, erklärte Lenny.

„Was uns fehlt, sind die zwischenmenschlichen Beziehungen. Stalking, Ehebruch, Kindeswohlgefährdung. Nämlich das, womit Sie sich beschäftigt haben. Mein ... leider zu früh aus dem Leben geschiedener Geschäftspartner und Lennys Vater wollte, dass wir uns in diese Richtung entwickeln. Hier bräuchten wir einen Mann wie Sie.“

Tom lächelte. „Ich stelle Ihnen gerne meine Dienste zur Verfügung! Wie Sie wissen, bin ich bereit, nach Berlin zu ziehen.“

„Richard hat mir davon erzählt, in der Tat. Nun werden Herr Hüther und ich eine Entscheidung treffen. Würden Sie uns bitte kurz alleine lassen? Nehmen Sie sich gerne in der Küche einen Kaffee, er ist frisch.“

„Sicher. Vielen Dank!“ Die Nervosität war Freyman anzusehen, als er hinausging, die beiden Taschen mit sich schleppend.

Lenny schaute ihm zufrieden nach. „Also, Herr Rittenberg, ich würde mal sagen: Wir haben einen neuen Kollegen.“ Er klappte die blaue Akte mit Toms Bewerbungsunterlagen zu und machte Anstalten, das Büro zu verlassen.

Der Anwalt drehte den teuren Stift zwischen den Fingern mit einer nachdenklichen Miene um und vermied seinen Blick. Dann stand er auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und ging ans Fenster. Seine Antwort verspätete sich.

„Herr Rittenberg?“, fragte Lenny befremdet. „Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“

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* Typische Bezeichnung für Operndiven. „La Magnifica“ („Die Großartige“) ist von mir erfunden (wie Delmira Martini als Figur auch), dagegen existieren „La Stupenda“ und „La Divina“.
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