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Nachtgeheimnisse

GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
26.05.2021
14.09.2021
19
50.006
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14.09.2021 3.304
 
Anders als Lenny, der mit blassem Gesicht von der Küche ins Schlafzimmer lief, geriet Tom nicht in Panik. Vielmehr regte er sich wegen der unnötigen Störung auf. Er öffnete die Tür, gerade, als die Polizisten nochmal klopfen wollten. Wenn man das Donnern der Faustschläge überhaupt als Klopfen bezeichnen durfte.

Vor ihm stand ein Mann, der gut zehn Jahre älter als er selber hätte sein können, mit hoher Stirn, dunkelgrauen Haaren und einem Gesicht, das eine lange Beschäftigung mit dem Bösen verriet. Hinter ihm warteten, einsatzbereit, Kollegen in Uniform.

„Hauptkommissar Radomir Król, Mordkommission.“ Der Mann zeigte ihm den Ausweis. „Sind Sie Thomas Freyman?“

„Ja. Um was geht’s?“

„Hält sich Lennard Hüther bei Ihnen auf?“

Es war also kein Fehler. Nickend machte Tom den Polizisten Platz. „Was ist los?“

Der Kommissar trat ins Zimmer, gefolgt von zwei bewaffneten Kollegen. „Lennard Alexander Hüther, Sie sind vorläufig festgenommen. Sie werden verdächtigt, in der letzten Nacht Enno Naßwetter ermordet zu haben.“

„Was?“, entkam es Tom.

Lenny öffnete den Mund, ohne einen Laut vor sich zu geben. Er ließ sich widerstandslos die Handschellen anlegen. Von der Vorlesung seiner Rechte schien er nichts mitzubekommen. Sein Blick wanderte hilfesuchend zu Tom.

„Moment, Herr Hauptkommissar“, fuhr Tom dazwischen, „der Mann hat ein Alibi, er war die ganze Nacht bei mir.“

Król ignorierte seine Bemerkung. Er warf dem halb geöffneten Koffer, der im Flur stand, einen kurzen Blick zu. „Ist das Ihr Koffer, Hüther?“

„Ja, ich habe … Ich wollte …“

„Fliehen?“, ergänzte Król. Die tiefen Linien, die in seine ausgemergelten Wangen schnitten, verzogen sich in eine verachtungsvolle Grimasse. „Abführen.“

„Lenny, sag nichts! Du hast ein Alibi, es wird sich klären. Du musst nichts sagen!“, rief Tom ihm nach, als die zwei Männer die Wohnung zusammen mit dem Verhafteten verließen.

„Sie bleiben.“ Król drückte die Hand auf seine Brust. „Das ist für Sie.“ Er zog ein Stück Papier hervor und gab den anderen Kollegen ein Zeichen mit dem Kopf, hineinzukommen.

Tom nahm das Papier in die Hand. Sein Blick lief kreuz und quer über den Durchsuchungsbefehl, ohne den Sinn erfassen zu können. Er ließ sich auf den nächstliegenden Stuhl fallen. „Was suchen Sie denn?“

Ohne ihm zu antworten, gab Król den anderen Polizisten Anweisungen, wie sie sich verteilen sollten. Dann näherte er sich Tom und musterte ihn mit seitlich geneigtem Kopf. „Sie sagen, er hat hier übernachtet?“ Er schaute misstrauisch zum Bett hin. „Sieht nicht so aus, als ob Sie geschlafen hätten. Also, was haben Sie gemacht? Worüber haben Sie mit Hüther geredet?“

Mit zittriger Hand massierte sich Tom die Schläfe. Wann hatte Lenny das verdammte Bett gemacht? Warum hatte er es nicht so gelassen? „Wir haben …“, fing er an, brachte aber den Satz nicht zu Ende. Was sollte er sagen? Es gab ein paar Beweise über ihre Tätigkeiten in der Nacht. Sie waren aus Latex.

„Chef?“ Ein Polizist kam aus dem Bad mit dem Mülleimer in der Hand. „Alle Mülleimer sind geleert worden.“

Mit einer schnellen Kopfdrehung blickte Tom zum Papierkorb unter dem Schreibtisch hin, wo er den gerissenen Zettel eingeworfen hatte. Auch dieser stand leer.

„Interessant“, machte der Kommissar in einem rauen Ton. „Das scheint ein klarer Fall zu sein.“

Ein Kollege zeigte Król ein paar Fotos auf der Digitalkamera.

Naßwetter war tot. Toms Gedanken summten ununterbrochen. Warum hatte Lenny nicht schlafen können? Warum ging er so früh heute raus? Warum zum Teufel hatte er alle Mülleimer geleert? Was genau wollte er loswerden? Eine Übelkeit stieg in ihm auf. Nein, das durfte er über Lenny nicht denken.

„Fotos des Opfers?“ Król richtete sich an Tom. „Haben Sie diese Fotos gemacht?“

„Ja. Ich bin Privatdetektiv, das war mein Fall.“ Tom musste Król nicht in die Augen schauen, um zu wissen, dass er ebenfalls verdächtigt wurde. Trotzdem wurde er nicht festgenommen. Noch nicht.

„Die Kamera und den Laptop, alles mitnehmen“, befahl Król. „Wo ist Ihr Handy?“

„Weiß nicht, hier irgendwo. Auf der Kommode da.“

„Und das? Ist das Hüthers Handy?“ Der Kommissar zeigte ihm ein zweites Gerät.

Tom sah auf dem Bildschirm ein paar verpasste Anrufe. Er nickte.

„Ich würde Sie bitten, mitzukommen. Wir brauchen Ihre Aussage.“



Zum Kotzen, dieses Warten im schlecht gelüfteten und dämmrigen Verhörraum! Tom drehte den Blick auf die Wände. Kahl und langweilig. Im Vergleich dazu waren die Büros der Detektei ein optisches Vergnügen, die aufgehängten Stadtpläne ein einfallsreiches Design. Er seufzte. Wenn sie seine Geduld testen wollten, war er längst bereit, seine Niederlage einzugestehen.

Wer hätte es tun können? Tom drückte die Augen zusammen und packte den Kaffeebecher – das Einzige, was er bekommen hatte – fest mit den beiden Händen. Wer also, wenn nicht Lenny? Rittenberg war nicht in der Stadt und hatte dem Anschein nach keine direkte Verbindung zu Naßwetter. Hatte Baschar El-Amin eine Rechnung offen mit dem Opfer? War es wegen der verpassten Botschaft? Dieser Zellner vom BKA schien ein gewalttätiger Mann zu sein. Hatte er etwas damit zu tun? Oder die Frau, die Naßwetter vermutlich am besten kannte, Monika? Den eigenen Liebhaber töten und dann den Mord dem Ehemann in die Schuhe schieben? Nee, kaum zu glauben.

Und doch es war mit hoher Wahrscheinlichkeit einer von ihnen, der den Mord begangen hatte.

Das Geräusch der Metalltür unterbrach seinen Gedankenfaden. Eine imponierende Frau, schon nicht mehr in ihren jüngsten Jahren, betrat den Raum. Sie untersuchte ihn mit blauen Augen. Ihr Blick hatte etwas Spitzenhaftes, etwas Kluges und Gefährliches. Ihre schulterlangen, blonden Haare und die vollen Lippen versüßten ihre sonst strenge Ausstrahlung.

„Hauptkommissarin Nora Brinkmann.“

Tom stand auf.

Sie deutete ein Lächeln an. „Setzen Sie sich.“ Schweigend öffnete sie die Akte vor ihr, dann musterte sie ihn erneut.

Während der Belehrung kam Król hinein und setzte sich mit einem erwartungsvollen Grinsen im Gesicht neben seine Kollegin.

Die Kommissarin hingegen behielt ihren ernsten Gesichtsausdruck. Sie holte ein paar Fotos aus der Akte: Naßwetter und Monika, Naßwetter und Baschar El-Amin. „Sie kannten das Opfer“, fing sie an.

„Nein, das könnte ich nicht behaupten“, antwortete Tom ohne Zögern. „Die Fotos habe ich am vergangenen Mittwoch für meinen Fall gemacht. Ich musste herausfinden, wer dieser Mann ist.“

„Wer ist Ihr Auftraggeber?“

„Lenny. Also, Lennard Hüther.“

„Der Mann also, dessen Frau eine Affäre mit Naßwetter hatte. Was war Ihre Rolle dabei?“

„Dabei? Was meinen Sie? Ich bin ein einfacher Privatdetektiv.“

Król übernahm das Wort. „Sie waren am Freitagabend im Club Cleopatra. Hat Lennard Hüther Sie in den Club geschickt? Was haben Sie da gemacht? Hatten Sie Kontakt mit dem Opfer?“

Nun geht es wieder los mit der Botschaft, dachte Tom. Er schaute mit einem Seufzer an die Decke. „Nein. Ich bin dort aus eigemem Willen hingegangen. Und nein, ich hatte keinen Kontakt mit Naßwetter, ich habe ihn nur kurz gesehen.“ Hatte Greif einen Finger im Spiel? Hatte er ihnen die Videoaufnahme gezeigt?

„Haben Sie im Club erfahren, wo sich Naßwetter am Samstagabend aufhalten könnte, und haben Sie dann Hüther informiert?“

„Was? Keine Ahnung, wo der Typ hingeht und so. Ich kenne nicht mal seinen Beruf.“

„Und doch wussten Sie, dass er an dem Abend in den Club geht“, mischte sich Brinkmann ein, kaum hatte er den Satz ausgesprochen.

„Das schon, stimmt.“ Vor Nervosität schlotterten ihm die Knie unter dem Tisch. Die Kommissare hatten ihren Verdacht zwar nicht geäußert, aber er las es in ihren Blicken und ihren Fragen: Für sie galt er als Lennys Komplize.

Król stand auf. „Wo waren Sie heute Nacht zwischen eins und drei?“

Überrascht drehte Tom den Kopf zu ihm. Keine Frage zur Botschaft? War es Absicht oder Fehler? „Im Bett. Wahrscheinlich schlief ich schon. Lenny war bei mir.“

„Wann ist er zu Ihnen gekommen?“

„Am Samstag so gegen Mittag. Dann haben wir uns abends gesehen. Ab diesem Zeitpunkt war er die ganze Zeit mit mir.“ Er hob den Blick zu Król, der sich näherte. „Er hat ein Alibi, hab ich schon gesagt. Sie können ihn nicht lange hier halten.“

„Das entscheiden wir“, sagte der Kommissar. „Erzählen Sie von Ihrem Treffen mit ihm.“

„Also, wir haben uns in einem Restaurant getroffen. Wie hieß es? … Irgendwo am Ku’damm. Ein italienisches Restaurant. Wir haben Spaghetti gegessen und über Autos geredet.“

„Und dann?“ Brinkmann hatte sich leicht über den Tisch gebeugt, als wäre sie auf der Lauer. Mit zusammengekniffenen Augen jagte sie nach Antworten, nach Unsicherheiten.

„Na ja, wir … Also ich – ich hatte ein bisschen Wein getrunken. Vielleicht ein bisschen mehr.“

„Und er nicht?“ Sie schien an diesem Detail besonders interessiert.

„Weniger. Und dann sind wir zu meiner Wohnung.“ Tom errötete. „Wir haben ein paar schöne Stunden verbracht, dann bin ich irgendwann eingeschlafen.“

„Womit haben Sie diese Stunden verbracht? Haben Sie geredet? Worüber haben Sie geredet?“

Tom seufzte. „Nein, wir haben nicht geredet.“ Er schielte auf die Kommissarin und rieb sich die Hände aneinander. Er schaute sie bedeutungsvoll an.

Brinkmann lehnte sich an die Rückenlehne. Auf ihre Lippen schlich sich diskret ein Lächeln.

„Antworten Sie!“ Król gab ihm einen leichten Stoß gegen die Schulter.

„Wir hatten Sex, wenn Sie es so genau wissen wollen. Dann haben wir geduscht und dann hatten wir wieder Sex. Das hilft Ihnen weiter bei Ihren Ermittlungen, ja?“

Król zog die Augenbrauen so tief zusammen, dass seine Augen von einem dunklen Schatten gedeckt wurden. Er ging zurück zu seinem Platz. „Wie lange hat es gedauert?“

Tom fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. „Um Gottes Willen, Herr Kommissar. Lange … Ich weiß nicht. Glauben Sie, ich habe währenddessen auf die Uhr geschaut?“

„Warum glauben Sie, dass Sie zur Tatzeit geschlafen haben?“

„Na, weil ich todmüde war. Und das Abendessen hat nicht lange gedauert.“

„Sie können also nicht bestätigen, dass zwischen eins und drei Lennard Hüther noch neben Ihnen lag.“ Den kleinen Sieg genoß Król ungemein. Er grinste den Befragten an und seine Augen wurden wieder sichtbar.

„Sie glauben doch nicht, dass Lenny … Nachdem ich … Also, ich kann mich irren, vielleicht bin ich sogar später eingeschlafen“, stammelte Tom.

„Ich glaube Ihnen nicht, dass Sie und der Verdächtige Sex hatten. Nichts deutet darauf hin. Auch Hüthers Aussage nicht.“

Eine Pause entstand. Tom untersuchte ihn mit einem kalten Blick. „Vielleicht nicht. Ich ändere meine Aussage deshalb nicht. Es ist die Wahrheit, auch wenn sie Ihnen oder meinem Partner nicht passt.“

„Was nicht passt, ist einzig und allein Ihre Behauptung!“ Król schlug mit der Hand auf den Tisch. „Ich glaube, es war vollkommen anders – und ich sage Ihnen, wie.“ Nun ging er hin und her durch den Verhörraum und drückte dabei die Brust hervor.

Tom verdrehte die Augen. „Muss ich zuhören?“

„Lennard Hüther“, fiel Król ihm ins Wort. „Lennard Hüther wollte, dass Sie herausfinden, mit wem seine Frau eine Affäre hat. Was Sie auch gemacht haben. Aber er wollte dann mehr. Rache!“ Der Polizist ballte die Faust. „Am Samstag hat er sich mit seiner Frau gestritten. Dann ist er ausgezogen. Mit einem Koffer. Um die Mittagszeit ist er zu Ihnen gefahren. Während des Tages hat er herausgefunden, wo Naßwetter wohnt. Es sollte keine Schwierigkeit sein für einen Detektiv. Abends ist er zu Ihnen gekommen, um den Plan zu besprechen. Sie waren beide wach bis spät in der Nacht, man hat Licht gesehen. Keiner hat geschlafen. Sie mussten ihm helfen, die Stadt zu verlassen. Daher der Koffer: voll. Sonst hätte er ihn ausgepackt. Oder nicht?“ Król stützte seinen Oberkörper auf den Händen auf eine bedrohliche Weise. „Haben Sie seinen Plan unterstützt?“

„Wissen Sie, es gibt Zeugen, die uns im Restaurant gesehen haben. Ich habe nur Blödsinn geredet, ich erinnere mich vage. In dem Zustand hätte keiner mit mir zusammengearbeitet.“

Brinkmann entkam ein amüsiertes Schnauben. Sie berührte ihren Kollegen am Arm. „Radomir, setz dich. Sagen Sie, warum ist Hüther mit dem Koffer zu Ihnen gekommen?“

„Ganz einfach. Er hatte Streit mit seiner Frau – das stimmt übrigens. Er wollte weg von ihr, bei mir schlafen. Und mit mir. Ist das so schwer zu verstehen?“

„Ein Mann, der von seiner Frau betrogen wird, der einen Detektiv einschaltet, sie zu verfolgen, zieht zu diesem Detektiv ein, um mit ihm zu schlafen? Das glauben Sie selbst nicht!“

Lenny, Lenny, du hast eine Menge Scheiße die letzten Tage gebaut. Tom fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Wie soll ich Ihnen das erklären? … Er ist seit Wochen in mich verliebt. Es ist eben so, ich kann nichts dafür!“

„Das verstärkt jedenfalls die Verbindung, das gegenseitige Vertrauen. Wollte Hüther noch mehr von Ihnen? Sind Sie vielleicht zu Naßwetter gefahren? Haben Sie abgedrückt?“

Tom fuhr zusammen. „Wieso ich?“

„Wir können uns geirrt haben“, erklärte Brinkmann. „Vielleicht hat er Sie auch für den Mord bezahlt.“

„Was? Nein! Ich war halb betrunken, ich bin eingeschlafen …“

„Aber er nicht“, fuhr sie fort. „Er hat absichtlich weniger getrunken, um nüchtern zu bleiben. Vielleicht hat er Ihnen nicht alles gesagt. Wer weiß, vielleicht stimmt es, dass Sie Sex mit ihm hatten. Er hat ihnen Wein gegeben. Er hat Sie ins Bett gebracht. Sie sind eingeschlafen. Dann konnte er losfahren. Er dachte wohl, das sei ein gutes Alibi – eine Sex-Nacht. Nur stimmt es leider nicht. Sie können nicht bestätigen, dass er zur Tatzeit noch in Ihrer Wohnung war. Er hat Sie nur benutzt, um den Liebhaber seiner Frau zu töten. Und auch wenn er Ihnen nicht gesagt hat, wollte er heute Morgen abhauen.“

Tom schüttelte entsetzt mit dem Kopf. „Nein, heute Morgen wollte er Rührei mit Salat essen. Ich kann kaum fassen, was Sie ihm unterstellen!“ Er schaute sie verzweifelt an. Ihre Geschichte konnte er jedoch nicht als reines Konstrukt zurückweisen. Es gab in der Tat zu viele offene Fragen. Und nichts – gar nichts – was Lenny entlasten konnte. Und wenn es Lenny war? Seine Konzentration verschwand, ihm wurde heiß.

„Sie wissen, was eine Falschaussage bedeutet“, meinte Król. „Nun, die nächste Frage: Was wissen Sie über die Waffe?“

Tom hob den Blick. „Welche Waffe? Lenny hat jedenfalls keine Waffe.“ Und wenn Lenny meine Ermittlungen verhindert hat, damit ich nicht herausfinde, was er vorhat?, fuhr der Gedanke hartnäckig fort.

Król zeigte ihm ein paar Fotos von Naßwetter. „Das Opfer wurde aus kleiner Entfernung vor seinem Haus erschossen. Mit dieser Waffe.“ Er hob eine Plastiktüte, wo man nur vage einen Revolver erblicken konnte. „Wo kommt die Waffe her? Haben Sie ihm geholfen, sie zu beschaffen? Waren Sie dabei, als er die Waffe in seinem Auto versteckt hat?“

„Auf keinen Fall! Wir haben nie über Waffen gesprochen.“ Ich lüge gerade. Das Gespräch über die Botschaft hatte er noch frisch in Erinnerung. Lenny kannte sich mit Waffen verdammt gut aus.

Brinkmann füllte ein Glas mit Wasser und schob es auf dem Tisch zu ihm. „Sie sehen ganz blass aus. Was ist los?“

„Kater“, erklärte Tom halblaut. „Und das hier. Sind wir fertig?“

„Wollen Sie nicht weiter mit uns reden? Brauchen Sie einen Anwalt?“ Król grinste.

„Nein, ich brauche keinen Anwalt und kein scheiß Wasser!“, rief Tom aus. „Ich brauche nur, dass Sie mir glauben! Sie halten mich offensichtlich für Lennys Komplizen. Warum werde ich dann nicht festgenommen?“

Die Kommissare wechselten ein paar Blicke, als hätten sie darüber gesprochen. Brinkmann verzog den Mund, Król stand auf und brachte ein Aufnahmegerät. Er stellte es auf den Tisch und ließ die Aufnahme laufen. Man hörte Lennys Stimme, dann Toms:

„Ich weiß, wie schrecklich das klingt. Aber wenn es nicht mehr geht, wenn meine Ehe wegen diesem Scheißkerl …“
„Ist gut, du musst mir nicht alles erklären.“
„Worauf ich hinauswill: Erinnerst du dich an meinen Vorschlag? Was ich dich gefragt habe, sollte meine Ehe kaputtgehen? Nun, was sagst du?“
„Ich finde, du überstürzt die Sache. Das kommt im Moment nicht in Frage. Nicht, bevor du mit deiner Frau redest.“
„Ja, aber wenn. Ich muss es wissen: Bist du dabei?“
„Ach, Lenny. Gib mir bitte ein wenig … Hey, da ist er endlich!“

Toms Überraschung wurde in Kürze von einem Lächeln vertrieben. Erleichtert ließ er den Kopf nach hinten, die Augen geschlossen. „Jetzt verstehe ich!“

Król drückte die Stopptaste. „Erinnerst du dich an meinen Vorschlag“, wiederholte er. Sein Blinzeln verriet, dass die erwartete Reaktion des Zeugen nicht eingetreten war. „Also, was war der Vorschlag?“

„Ich weiß ganz genau, was Sie denken. Ein Beweis für Lennys Schuld. Richtig? Nun, für mich ist das genau das Gegenteil davon.“

„Verstehe ich nicht“, fuhr Król ihn barsch an. „Was war der Vorschlag, verdammt?“

„Er wollte mit mir schlafen!“

„Jetzt glaube ich Ihnen langsam nicht mehr“, griff Brinkmann ein. „Sagen Sie uns endlich die Wahrheit! Es hört sich nicht so an, als würde er Ihnen einen romantischen Vorschlag machen! Was war der Plan? Was wollte er von Ihnen? Haben Sie den Mord gemeinsam geplant?“

„Man hat uns abgehört, verstehen Sie das nicht? Jemand hat Lenny reingelegt und auch die Waffe in sein Auto gesteckt. Ist für Sie diese Aufnahme, die gleich nach dem Mord gekommen ist, glaubwürdig? Und glauben Sie wirklich, dass der Mörder so dumm wäre, die Waffe in seinem eigenen Wagen zu verstecken und sie dort stundenlang nach der Tat zu lassen? Dann ins Bett zu gehen und am nächsten Tag in aller Ruhe das Frühstück vorzubereiten?“

„Hüther ist mit dem Auto hingefahren“, erklärte Król durch die Zähne. „Sicher wollte er die Waffe möglichst schnell entsorgen. Aber zunächst musste er sie mitnehmen. Wahrscheinlich hatte er vor, sie in einer anderen Stadt zu entsorgen, das wäre gar nicht so dumm gewesen.“

„Warum ist er dann nicht gleich weggefahren? Und vielleicht hat er sich selber abgehört und Ihnen die Aufnahme geschickt oder wie?“ Die Entrüstung ließ Tom Stimme laut werden.

„Was die Aufnahme angeht“, sagte Brinkmann, „wir müssen allen Hinweisen nachgehen. Vor dem Gericht hat diese Aufnahme bestimmt Gewicht.“

Den bösen Blick, den Tom ihnen zuwarf, hatten die Kommissare sehr wohl verdient. „Sie machen einen Fehler. Sie sind bereit, einen Unschuldigen in den Knast zu schicken, nur weil Sie es einfach haben wollen. Warum hinterfragen Sie nicht–“

„Von Ihnen bekommen wir keine Ratschläge, sparen Sie sich die Mühe“, unterbrach Brinkmann. „Sie meinen, er hat Ihnen vorgeschlagen, mit ihm ins Bett zu gehen. Gibt es dafür Zeugen?“

„Wissen Sie, Frau Brinkmann, bei solchen Sachen gibt es in der Regel keine Zeugen. Sonst wäre ich arbeitslos.“

„Warum hat uns Hüther dann etwas Anderes erzählt? Er meinte, er wollte mit Ihnen in den Urlaub fahren.“

„Ja, was weiß ich? Weil er darüber nicht reden wollte? Weil er nicht wollte, dass seine Frau es erfährt? Wenn wir einen Mord begangen hätten, hätten wir uns auch abgesprochen, finden Sie nicht? Dann hätten wir Ihnen dieselbe Variante erzählt.“

„Oder Sie dachten, dass Sie auf diese Weise glaubwürdiger wirken würden“, meinte Król.

„Herr Freyman“, sagte die Kommissarin. „Hüther hatte Motiv und Gelegenheit. Die Waffe lag in seinem Auto. Und in der Aufnahme kann man auch ganz klare Androhungen gegen Naßwetter hören. Ich könnte ihm gleich eine hauen! Und weitere. An unserer Stelle würden Sie dasselbe glauben. Seien wir ehrlich: Es sieht schwarz für Ihren Freund aus. Morgen wird ein Haftbefehl für ihn erlassen. Unter diesen Umständen wäre es besser, wenn Sie mit uns zusammenarbeiten würden. Aus der Aufnahme geht nicht hervor, dass Sie mitgemacht haben. Sie haben gute Chancen, mit einem blauen Auge davon zu kommen.“

„Stellen Sie sich bitte die Frage, wer uns abgehört hat. Zu dieser Aufnahme kann ich Ihnen weitere Hinweise geben: Es war am Freitagabend gegen 22 Uhr. Ich war mit Lenny im Auto vor dem Club Cleopatra. Wir warteten auf Naßwetter. Nun, wenn ich noch halbwegs denken kann, wer das Mikro in Lennys Auto gesteckt hat, hätte auch die Waffe da hinlegen können. Oder nicht?“

Die Kommissare schwiegen.

„Nun, wie sieht’s aus? Bin ich festgenommen?“

Wieder tauschten Król und Brinkmann geheimnisvolle Blicke. Król verließ den Raum, ohne zu grüßen. Was war hier los?

„Sie sind frei. Sie müssen nur Ihre Aussage unterschreiben.“

Geht doch! Tom stand auf.

„Halten Sie sich aber zu unserer Verfügung. Ach, das Handy können Sie wieder mitnehmen.“ Bevor die Kommissarin ihn hinausbegleitete, warf sie ihm einen merkwürdigen Blick zu, eine Mischung aus Missmut und Erleichterung.

Draußen verharrteTom vor dem Dienstgebäude des Landeskriminalamtes. Aus einer benachbarten Terrasse kamen Gelächter, ein zerstreuter Passant verpasste ihn im Vorbeigehen knapp. Toms Schläfen pochten wie wild. Scheiße, wo fange ich an?
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