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Nachtgeheimnisse

GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
26.05.2021
24.10.2021
23
60.017
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03.09.2021 3.088
 
Das Einzige, was Lenny einfiel, war, Toms Frage zu ignorieren. Mit unverändertem Gesichtsausdruck widmete er sich dem Essen. „Findest du nicht, dass die Spaghetti ein bisschen schärfer sein könnten? Ich esse gerne scharf. Etwas mehr Zwiebel hätte auch dazu gepasst.“

„Also, Monika weiß es bestimmt nicht“, fuhr Tom unbeirrt fort. „Deine Mutter? Daran zweifle ich sehr. Rittenberg oder Freunde wie Markus auch nicht. Oh!“, rief er theatralisch aus, so dass Lenny zusammenfuhr. „Ich bin der Einzige, der es weiß!“

Lenny verdrehte die Augen. „Ach, komm. Du hast zu viel Wein getrunken. Ich bin doch nicht schwul.“

„Du bist mega schwul, Lenny. Schwuler als ich!“

Rot bis über beide Ohren schielte Lenny nach links und rechts. Verdammt, Tom wollte nicht einmal in Betracht ziehen, leiser zu sprechen. Er hatte sich schräg an die Rückenlehne gelehnt und erstach ihn fast mit dem Blick. „Erlaube mir, dir zu widersprechen. Zwischen uns beiden bin ich schließlich derjenige, der verheiratet ist und ein Kind hat. Und du derjenige, der kein Problem damit hat, dass männliche Kollegen ihn berühren, wenn du verstehst, was ich meine.“ Nach diesem Satz verließ ihn prompt der Mut, Tom in die Augen zu schauen.

Ein Kichern erreichte seine Ohren. „Du hast auch kein Problem, mich zu berühren.“

Ertappt hob Lenny den Blick. „Bitte? Du verdrehst die Sache total, das ist etwas Anderes.“ Panisch unterdrückte er die Erinnerung an seine nächtlichen Fantasien, als müsste er sie aus einer bedrohten Gegend evakuieren.

Mit schimmernden Augen beobachtete Tom ihn. Auf einmal steckte er die Gabel in Lennys Spaghetti, bevor dieser reagieren konnte. Er kam mit dem Gesicht näher, als er die Gabel in den Teller umdrehte. Dann beugte er den Kopf nach hinten und ließ die Nudeln langsam in seinem Mund verschwinden. Seine Lippen rundeten sich und saugten die Spaghetti hinein. „Mm!“

Lennys Blick glitt von seiner Hemdöffnung entlang dem Hals bis hin zum Mund, der ihm gerade ungeheuerliche Dinge zeigte. Alarm!, schrie Lennys in die Höhe rasender Puls. Noch etwas sprintete in die Höhe. Eilig zog Lenny ein Tuch in seinen Schoss. „OK, hör auf! Du hast recht.“

„Ach so, auf einmal hab ich recht. Und weiter?“

„Ich habe Hinterteile von Männern gezeichnet. Ganz viele!“

„Was?“ Tom prustete los. „Wie, Hinterteile gezeichnet?“

„So mit 15 hat es angefangen. In der Dusche, während eines Schulausflugs. Ich habe genau zu meinen Mitschülern hingeschaut und später in der Nacht versucht, die schönsten Hinterteile zu zeichnen. Heimlich, natürlich! Ich habe keinen gefragt, ob er mir Modell stehen will.“

„Echt?“ Tom schien seine Worte ernst zu nehmen.

„Ich habe mir damals eingeredet, dass ich es nur deshalb mache, weil ich selber nicht so aussehe. Dünne Körper, zarte Glieder – und vor allem diese Arschmuskeln. Sie beschäftigten mich Tag und Nacht. Langsam haben sich meine Eltern Sorgen gemacht. Mit 17 hatte ich noch keine Freundin gehabt. Bald danach habe ich Hanna getroffen. Sie sah aus wie ein Kollege, den ich bewunderte. Groß und schlank, mit kurzen Haaren, ungewöhnlich stark für eine Frau. Aber sie hat meinen Eltern nicht gepasst.“

Stirnrunzelnd ebnete Tom die Tischdecke mit der Hand. „Und keiner hat von deiner Neigung erfahren?“

„Nicht einmal Hanna. Ich habe ihr auch nie gestanden, dass ich deswegen Schluss gemacht habe. Sie wollte ins Café, ich wollte an den See, um nackte Männer zu sehen. Sie wollte das Wochenende mit mir verbringen, ich hätte lieber Ausflüge mit den Jungs gemacht. Dann bin ich mit irgendwelchen Ausreden gekommen, dass sie zu viel raucht und flucht, dass ich eine ernste Beziehung will und bald eine Familie und so.“

„Oh. Du hast sie angelogen.“

Mit einem Nicken ließ Lenny sein Kinn in die Brust sinken. „Ja. Und mich auch. Ich habe seitdem immer wieder mit Frauen versucht. Nicht, dass es viele waren …“

„Und Monika?“, fragte Tom nach einem Schluckauf.

„Mit Monika …“ Lenny seufzte. „Fast hätte es mit der Eheschließung nicht geklappt. Ein älterer Typ wollte was von mir. Wir haben uns im Kino bei einem Film von Rosa von Praunheim kennen gelernt und … wie soll ich sagen. Er hat mein Interesse für diesen Film richtig interpretiert. Aber ich war mit Monika schon verlobt. Tja. Eine weitere gute Ausrede. Ein paar Monate später war ich verheiratet.“

Das darauf folgende Schweigen empfand Lenny als bedrückend. Der Wunsch, dass man ihm verzeihen würde, packte ihn. Für die Lügen, die er den anderen erzählt hatte. Und noch mehr für die ungelebten Wahrheiten. Reuevoll hob er den Blick, um ein Urteil zu empfangen.

In Toms Blick mischte sich ein spielerisches Lächeln ein. Er sah in diesem Augenblick nicht wie einer aus, der Urteile fällen konnte, ob für andere oder für sich selber. Sein Versuch, den Kopf zu schütteln, resultierte in einer Art Hin-und-Her-Schaukeln. „Mensch, Lenny. Dass du deine Sexualität bis zu diesem Alter … Das ist ein beschissener Sieg dieser gehemmten Gesellschaft!“

„Ah ja? Vergiss nicht, dass du auch Teil dieser Gesellschaft bist. Allein dadurch wächst ihre Hemmungslosigkeit erheblich. Nein, es waren die Werte meiner Familie, die Erziehung.“

Beim Wort Familie schlug Tom seine Stirn mit der Hand. „Ach, verflickt! Ich hab’s total vergessen!“

Verwirrt sah Lenny ihn an. „Verflixt oder verfickt? Ich fürchte, da musst du dich entscheiden. Also, was hast du vergessen?“

„Lenny, da ist etwas in der Detektei! Wir müssen.“

„Oh, nein nein nein, wir gehen nirgendwo mehr hin, auch wenn du zehnmal verflickt sagst. Zahlen, bitte!“

„Nein, da war etwas … Wir müssen …“

„Wir müssen nach Hause, da hast du recht.“

Tom stand auf. „Wo ist das Phantom? Ich will damit fahren. Mein Herr, haben Sie zufällig ein Phantom hier in der Nähe gesehen?“, sprach er den mürrischen Rocker an und bewegte dabei die Finger.

Dieser drehte ihm unaufgeregt das Gesicht zu.

„Tom, das Taxi, das du willst, übersteigt leider meine Verhältnisse. Setz dich, bis ich zahle.“ Lenny konnte sich auf die Geheimnummer seiner Karte kaum konzentrieren, als ihm der Kellner das Kartenlesegerät brachte. Es ging erst nach zwei gescheiterten Versuchen. „Hey, warte doch mal!“

Er erreichte Tom an der Tür und packte ihn sogleich bei der Taille. „Komm, wir nehmen ein Taxi.“

Vor der Schaubühne hatten sich zahlreiche Taxis gesammelt, die Premiere ging wahrscheinlich zu Ende.

„Ja, aber es muss schwarz sein und mit viel Platz für die Füße“, bestellte Tom. „Sag mal, trinkst du nie richtig?“

„Ich? Nee. Ich bin doch meistens mit dem Auto unterwegs.“

„Also, du bist jetzt nüchtern.“

„Würde ich behaupten, ja.“

„Dann warum laufen wir im Zickzack?“ Vor Lachen krümmte sich Tom, so dass Lenny ihn kaum noch halten konnte. „OK, OK. Ich gebe zu, ich war gemein!“ Ohne jede Ankündigung platzierte er einen Kuss auf Lennys Wange.

Ich sterbe. Der Kuss stieg Lenny schneller als der Alkohol zu Kopf. Vor Nervosität konnte er seine Beine nicht mehr richtig spüren. Sie fühlten sich wie ein Schwamm aus einem merkwürdig kühlen Material an, weich und unzuverlässig. Dagegen brannte ihm die Haut um die Augen.

Lenny verstand nicht, wie es möglich war, aber Tom schlief die ganze Fahrt hindurch. Immerhin besser, als ihm Fragen zu stellen oder Wörter zu erfinden. Er selber war froh, sich in Ruhe sammeln zu können.



Ein Nieselregen empfing sie in der Halmstraße. Nachdem Lenny die Fahrt bezahlt hatte, stieg er aus und öffnete die hintere Tür. „Gut geschlafen?“

Tom rieb sich gerade die Augen. „Wo sind wir?“

„Der BND hat seinen Sitz hierher verlegt und ich bin der neue Chef.“ Lenny grinste ihn an.

Er trat an die Tür. Das milde Licht der Eingangslaterne und die gemütliche Atmosphäre, die im Treppenhaus durch das Fenster in der Tür zu erahnen war, stimmten ihn romantisch. „Tom, du hast den Schlüssel.“ Er drehte sich um. Wo war der Typ geblieben?

Mit dem Rücken zum Eingang ließ Tom den Regen sein Gesicht begießen. Die Jacke hing in seinen Armbeugen, sein Hemd wurde an den Schultern nass.

„Was machst du da?“ Lenny näherte sich. „Gibst du mir den Schlüssel?“

Aus Toms Kehle kam nur ein langes Brummen. Mit zwei Fingern zog er den Schlüssel aus der Hosentasche und übergab ihn Lenny.

Zart umgab Lenny seine Schulter mit dem Arm. „Komm hinein.“

In der Wohnung angekommen ließ Tom seine Jacke sogleich auf den Boden fallen. Er schüttelte heftig den Kopf und entfernte mit einer schnellen Handbewegung die nassen Haarsträhnen von der Stirn.

Lenny wollte die Jacke heben, brachte aber die Geste nicht zu Ende. Er packte Tom, drehte ihn zu sich und küsste ihn. Toms Lippen schmeckten köstlich nach Wein und Spaghetti. Gierig griffen sie nach den seinen. „Warte kurz, ich bin gleich da.“

„Was? Wo gehst du hin?“

„Ich mache es uns gemütlich. Ich kümmere mich darum. Du musst nichts machen.“

Lächelnd schnaubte Tom. „Klingt gut.“

Innerhalb von Sekunden machte Lenny die Tür zu, drehte den Schlüssel, hängte die Jacke in den Kleiderhaken, daneben auch sein Sakko, stellte sein Handy und dann auch das von Tom auf stumm und schaltete alle unnötigen Lichter aus. Nur zwei Wandleuchten mit einem intimen Licht im Schlafbereich blieben an. Lenny blickte um sich.

Toms Hemd flog durch die Luft und landete zerknittert auf dem Sessel. Er selber ließ sich aufs Bett fallen, die Beine gespreizt.

Die Zeit verlangsamte sich. Lenny blieb stehen neben dem Bett und streichelte mit dem Blick den halbnackten Körper. Trotz seiner Schlankheit wirkte dieser nicht besonders zart. Die Brust und die Arme, die entspannt auf der Bettdecke ruhten, strahlten eine gewisse Kraft aus. Lenny ließ seinen Blick nach unten gleiten, bis zum Bereich, wo die Taille vom schwarzen Ledergürtel umgeben war. Schön ist, wer mühelos schön wirkt, sagte er sich. Er stellte ein Knie aufs Bett und beugte sich zu Tom hinab.

Tom stemmte sich auf die Ellbogen. Ein Lächeln erhellte sein Gesicht. Seine Hand glitt in Lennys Nacken, er zog ihn zu sich und küsste ihn hungrig.

Lenny öffnete den Mund einen Spalt weit. Er spürte noch seinen eigenen Luftzug an den feuchten Lippen, da drang Toms Zunge bereits tief in seinen Mund ein. Lenny verlor jegliches Zeitgefühl, verlor den Kopf, verlor bald auch das Hemd. Seine Halskette hing befreit vor seiner Brust.

„Deine Haut ist so weiß“, flüsterte Tom ihm zu. Er streichelte ihn über die Schulter und die Brustmuskeln. Dort, wo die Finger die Haut gerade berührt hatten, ließen die Lippen auch einen Kuss zurück. Er machte Anstalten, sich zu erheben.

Auf einmal zog Lenny sich mit einem Stöhnen zurück. „Tom, warte, ich …“ Er zitterte.

Mit einer sanften Handbewegung streichelte Tom ihm die Haare. „Hast du Angst? Du brauchst keine Angst zu haben.“

Lennys Schulter zuckte. Er zog sich zurück, seinen Oberkörper auf den Ellbogen stützend, und schaute Tom benommen an. „Ich weiß nicht, was mit mir ist“, stammelte er.

„Schau mal, ich mache nichts, OK?“ Tom hob die Hände auf eine harmlose Weise. „Versprochen. Lass dir Zeit.“ Er legte sich auf das Bett, ohne den Blickkontakt abzubrechen.

Mit dem Daumen berührte Lenny die Lippen, die gerade das halblaute Versprechen formuliert hatten. Rosarote Lippen. Die Farbe hatte er meistens bei hellhäutigen Frauen gesehen. Er beobachtete, wie bei seiner Geste Toms Augenlider sich zur Hälfte schlossen. Er schien, sich überwinden zu müssen, um ihren gemeinsamen Rhythmus nicht zu kentern. Lennys Fingerspitzen wanderten von seinem Kiefer nach unten, tasteten, entdeckten den Körper, nahmen die Wärme der Haut entgegen.

Toms Brust hob sich leicht bei der Berührung. Seine Halsmuskeln spannten sich an. Es gab kein Stöhnen, nur den regelmäßigen Atem, der durch seinen zittrigen Klang die aufkeimende Erregung verriet.

Wie durch Zauber verließ Lenny in diesem Augenblick jede Angst. Er wechselte die Position und setzte sich ans Ende des Bettes. Mit langsamen Bewegungen streifte er über die Innenseite von Toms Oberschenkel, noch bevor er diese entkleidet hatte. Immer wieder verschob er den Moment, von dem er gewaltige Träume hatte. Doch der Abstand zum Objekt seines Begehrens verringerte sich.

Seine Handbewegung erzeugte bei Tom einen vage bemerkbaren Schauer. „Oh Gott“, entkam ihm so leise, als wollte er das Streicheln nicht um einen Fingerbreit stören. Toms Beine hatten sich nicht von der Stelle gerührt.

Als Lenny zu ihm hinauf schaute, blinzelte Tom ihn an. Lenny glaubte, die Botschaft in seinen Augen entziffern zu können: Lass die Hand nicht so blöd da sitzen, mach was! Schnelles Handeln war nötig.

Erstmal die Jeans. Die gelegentliche Berührung des weichen Unterleibs mit den Fingerrücken beim Lösen des Gürtels machte Lenny an. Der Rand des schwarzen Slips kam zum Vorschein. Kaum hatte er ihn berührt, um den geheimen Ort zu entblößen, rutschten seine Finger unter den Stoff. Lenny hielt nun seinen Traum buchstäblich in der Hand – und stellte fest, wie effizient seine Streicheleinheiten gewesen waren.

Mit einem Stöhnen warf Tom den Kopf nach hinten. Sich windend schob er seinen Slip und seine Hose nach unten.

Lenny half ihm. Auf einmal lag der Mann in seiner nackten Pracht vor ihm. Mit der Zunge machte Lenny sich die Hand feucht. Der Blickkontakt war intensiv, als er Toms Erektion zärtlich umfing. Erneut überwältigte ihn eine Nervositätswelle, als er mit den rhythmischen Handbewegungen anfing. „Gut so?“

Es gab keine Antwort. Tom hatte die Hände neben seinen Schläfen in einer lockeren Haltung gelassen und den Kopf seitlich gedreht. Mal kam ein Ah, mal ein stumpfes Mm, gefolgt von einem Lächeln.

Irgendwas hatte Lenny richtig gemacht, denn sein Partner schien bald in den siebten Himmel katapultiert worden zu sein. Tom kam heftig stöhnend. Wortlos, die Augen geschlossen, blieb er auf dem Rücken liegen.

Lennys Hand verharrte ein paar Sekunden länger um Toms Penis. „Die Nacht muss nicht hier zu Ende sein, mein Hübscher“, flüsterte er. Schon seit einigen Minuten machte ihm nämlich die eigene Erektion zu schaffen. „Nun, was sagst du?“

Vergnügt entgegnete Tom ihm den Blick. „Wir brauchen erstmal eine Dusche.“

*


Es geschah oft in seinen Beziehungen, dass Tom früher als nötig aufstehen musste – wobei früh ganz an seinem Nachteulen-Rhythmus orientiert war. In halbwachem Zustand erinnerte er sich, dass es Sonntagmorgen war. Und wollte davon profitieren. Doch das Hin-und-Her seines Freundes machte das Wiedereinschlafen unmöglich. Gerade wollte er die Bettdecke über den Kopf ziehen, als ein gemütlich stimmender Geruch seine Nasenflügel kitzelte. Das Schlafbedürfnis verlor den Kampf gegen die Aussicht, in ein paar Augenblicken Kaffee zu trinken. Tom schlug die Augen auf und sah nach der Quelle des Geruchs.

Lenny stellte gerade zwei Tassen auf den Nachttisch. Er trug ein weißes Hemd und eine beige Hose, war frisch rasiert und hatte seine Haare nach hinten gekämmt. Ohne jeden Gruß presste er die Lippen gegen Toms Mund. „Ich konnte kaum erwarten, dich wieder zu küssen.“ Vorsichtig gab er ihm die Kaffeetasse.

„Danke“, murmelte Tom. Verwöhnt zu werden machte ihn verlegen.

„Jetzt weiß ich, wo du deine Energie hernimmst. Ich glaube, du könntest auch im Stehen schlafen. Gestern hast du im Taxi gepennt.“

„Echt? Hab ich? Ich erinnere mich nicht.“

„Kein Wunder. Hast du einen Kater?“

Den Kaffee schlürfend deutete Tom ein Kopfschütteln an. „Kaum. Ich glaube, du hast gestern Nacht den Wein aus mir rausgef-“

„Schhh!“ Lenny legte einen Finger auf seinen Mund, dann küsste er ihn wieder. Sanft. „Nicht über die letzte Nacht sprechen, sonst bricht der Zauber.“

Tom kommentierte die Aussage durch ein Heben der Augenbrauen. „Sag mal, willst du irgendwohin? Wieso bist du angezogen?“

„Ich war schon draußen. Einkaufen. Du hattest nichts mehr im Kühlschrank. Ich musste bis zum Zoo fahren.“

„Stimmt. Ich wollte einkaufen gehen, aber …“ Vor wie vielen Tagen war das gewesen? Wie ein Schatten flimmerte das Bild des Phantoms in seinem Gedächtnis, begleitet von einem kribbeligen Gefühl im ganzen Körper. Sein Kopf fühlte sich auf einmal überfordert an. Tom vertrieb die Erinnerung, indem er Lenny in die Augen schaute, vielmehr sich an seinen Blick klammerte. „Danke, dass du bei mir bist. Ich bin ein schlechter Gastgeber. Du hast nicht mal richtig geschlafen, stimmt’s?“

Lenny nickte. „Aber das hat mit dir nichts zu tun. Ich musste über vieles nachdenken.“

„Denken. Nach der letzten Nacht.“

„Jetzt guck nicht wie ein Auto! Ja, ich habe über mein Leben nachgedacht, über meine Familie, über alles, was ich habe. Auch über uns. Und dass ich mich eigentlich glücklich schätzen kann. Ich habe viel bekommen, von allen Seiten. Und statt etwas damit zu machen, treibe ich mich jammernd herum. Ja. Darüber habe ich nachgedacht. Wo kommt all der Frust her? Wieso kriege ich meine Ehe nicht hin? Bin ich feige, im Gegensatz zu meinem Vater? Jedenfalls … Wenn ich Probleme habe, flüchte ich mich in deine Arme, lasse dir keine Ruhe, weil Sex alles lösen muss. Solche Sachen. Verstehe mich nicht falsch, es war wunderbar mit dir, aber …“

„Also, bei mir hat der Sex einige Sachen auf jeden Fall gelöst“, versicherte ihn Tom lächelnd. Es war das erste Mal, seitdem sie sich kannten, dass Lenny sich selber in Frage stellte. „Bei dir scheint unsere Nacht etwas ausgelöst zu haben. Schau mal, bevor wir in die Therapiestunde gehen, will ich mich fertig machen. OK?“

„Mach mal. Ich bereite das Frühstück vor.“

Im Bad entdeckte Tom Lennys Rasiergerät und Aftershave, eine neue Zahnbürste und eine schwarze Kosmetiktasche. Von Neugier getrieben steckte er seine Nase überall hinein. „Es wird ein bisschen dauern bei mir“, rief er.

Tom roch das Aftershave. Es war ein Anderes als gestern und duftete noch besser. Er öffnete die Kosmetiktasche. Ach, guck mal. Eine Packung Kondome mit 36 Stück. Anscheinend will er bei mir etwas länger als zwei Nächte bleiben. Seine Finger kramten herum. Kein Gleitgel? Der blutige Anfänger! Er machte den Reißverschluss zu.

Eigentlich müsste er sich schämen, fand Tom beim Rasieren. Dafür, dass er seinem Gast kein Essen anbieten konnte, aber ein ganzes Arsenal für die lange Sex-Nacht parat gehabt hatte. Na ja. Beklagt hatte sich der Gast nicht.

In der Küche roch es stark nach Rührei. Wieso war der Geruch auf einmal so eklig? Tom verharrte an der Türschwelle. In seinem Magen fand gerade etwas statt, was sich wie ein Aufstand der gestrigen Spaghetti anfühlte.

„Rührei mit Salat, Brot, Marmelade, Butter, Tee, alles da“, kündigte Lenny in einladendem Ton an.

„Warte, ich hab vergessen, mein Hemd anzuziehen.“ Tom verschwand im Schlafzimmer.

„Brauchst du nicht!“, rief Lenny ihm nach. „Also, ich fange an.“

Hatte er überhaupt noch ein sauberes Hemd? Zwei hatte er seit seinem Umzug vor drei Tagen getragen. Er schob ein paar Kleiderbügel mit der Hand. Das Weiße war in Ordnung, auch wenn es für diese Gelegenheit zu prätentiös wirkte. Er zog es an. Eigentlich brauchte er kein Hemd, er wollte nur nicht in die Küche und Rührei essen müssen.

„Tom, kommst du mal? Draußen passiert etwas.“

„Was sagst du?“ Tom steckte das Hemd in die Jeans. Als er die Türe des Kleiderschranks schloss, bemerkte er ein komisches Licht am Fenster.

„Es sind Polizeiautos. Scheiße, was machen die bei meinem Auto?“

Lennys Worten folgten Faustschläge an der Tür.

„Aufmachen! Polizei!“
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