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Nachtgeheimnisse

GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
26.05.2021
17.11.2021
23
61.749
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26.05.2021 1.656
 
„Die Detektei heißt Res Detecta*. In der Gothaer Straße in Schöneberg, neben dem Amtsgericht. Wie bitte? ... Buchstabieren? Ja, gerne.  R wie Richard, E wie Emil ...“

Lenny Hüther hörte nur teilweise zu. Allein deshalb, weil ihm das herablassende Lächeln in der Stimme des Rechtsanwalts heute besonders unsympathisch vorkam, auch wenn sich dieser dem Anschein nach um Höflichkeit gegenüber dem Kunden bemühte. Das Telefongespräch ging ungestört weiter.

„Das ist eigentlich Latein. So was wie „aufgedeckte Angelegenheit“. Besuchen Sie aber gerne unsere Webseite ... Wie? Keine gute Internetverbindung, verstehe ...“

Lenny drehte sich irritiert um. „Sagen Sie, Herr Rittenberg, dauert es noch lange? Meine Frau und mein Sohn warten doch auf mich.“

Der Rechtsanwalt hob den Blick und gab ihm ein kurzes Zeichen, um Geduld bittend. „Nein, morgen ist aus familiären Gründen ebenfalls zu. Ab Montag wieder. Dienstag ist gut. Haben Sie verstanden, wo Sie uns finden? ... Ich sagte: Haben-Sie-verstanden, wo-Sie-uns-finden!“

Hüther schaute missmutig aus dem Fenster und zog es ein Stück weiter auf. Über dem benachbarten Gebäude sammelten sich dicke Wolken, obwohl der Septembertag bisher unbeschwert, ja sogar gemütlich gewesen war. Er atmete gierig ein. Noch duftete die Luft traumhaft nach Spätsommer. Das war ein Tag, der einen liebevoll stimmte – und keiner, an dem man den eigenen Vater unter die Erde legen wollte. Nun, da der schwarzgekleidete Bekanntenkreis längst wieder zu Hause war und er sich im wohlbekannten Firmensitz befand, fühlte es sich für Lenny unwirklich an. Richard Hüther, der muntere, schlagfertige, überwachsame Geschäftsmann – tot. Begraben. Für immer weg.

„Selbstverständlich, Herr Schlömp. Vertraulichkeit steht bei uns hoch im Kurs. ... Ihnen auch, Herr Schlömp, Wiederhören!“ Der Rechtsanwalt legte auf. „Boah! Bei dem ist nicht nur die Internetverbindung schlecht.“

„Kommen wir zur Sache, Herr Rittenberg. Warum wollen Sie mit mir reden? Was ist so dringend, dass Sie mich gleich nach dem Leichenschmaus hierher bestellen?“

„Nun.“ Der große Mann stand auf, holte eine blaue Akte vom Regal und legte sie auf den Tisch zwischen ihnen. „Erinnern Sie sich an die Pläne Ihres Vaters? Es sollte bald zu einer Erweiterung unserer Wirtschaftsdetektei durch eine Privatdetektei kommen. Vorausgesetzt, wir finden den richtigen Mann dafür, der die nötige Erfahrung mitbringt.“

„Das hat doch bestimmt Zeit bis nächste Woche, ich ...“

„Bitte, schauen Sie sich doch die Unterlagen unseres Bewerbers an. Bewerber! Eigentlich ... müssten wir um diesen Mann bewerben, und nicht umgekehrt. Er hat hervorragende Empfehlungen, mehrjährige Erfahrung im Privatbereich und hat schon mit der Polizei zusammengearbeitet. Das stand sogar in der Zeitung. Ihr Vater hat letzte Woche mit ihm telefoniert und, so wie es scheint, ist er auch bereit, nach Berlin zu ziehen.“

Lenny streckte einen Finger aus und schlug die Akte lustlos auf. „Thomas Freyman“, murmelte er. „Privatdetektiv. Geboren 1980 in Dresden. Undsoweiterundsofort.“ Er hob irritiert den Blick. „Was soll ich damit? So ein Lebenslauf sagt mir doch nichts. Und übrigens, Herr Rechtsanwalt, ich habe hier ein Vetorecht, vergessen Sie das nicht.“

Rittenberg musterte ihn vorwurfsvoll. Die Anrede baute sofort eine kühle Distanz zwischen ihnen auf, dabei kannte er Richards Sohn, seit dieser acht Jahre alt war. „Gerade deshalb habe ich Sie hierhergeholt. Da Ihr Vater nicht mehr da ist, brauche ich Ihre Zustimmung.“

„Ich habe jetzt keinen Kopf dafür. Wie gesagt, ich finde, das kann warten. Außerdem habe ich meinem Vater nicht immer zugestimmt, wie Sie wissen.“

„Ich verstehe Ihren Missmut, Lennard, aber schauen Sie sich doch auch nur kurz die Unterlagen an. Unter ‚undsoweiterundsofort‘ stehen alle relevanten Fakten.“

„Warum? Sicher haben Sie seine Zeugnisse auf Herz und Nieren geprüft. Ich vertraue Ihnen, das ist nicht das Problem.“

„Sondern?“

Unwillkürlich warf Lennard noch einen Blick in die Akte. Der Typ auf dem Foto blickte trotzig zurück. Die dunklen Haare waren vom Wind zerzaust, die Augen zusammengekniffen, die Schulter entspannt – als würde er sich um nichts in die Welt scheren. Einer, der sich wohl im eigenen Körper fühlt, dachte Lennard. Sein Missmut wuchs bei der Erinnerung, dass er allein dieses Jahr sieben Kilo zugenommen hatte.

„Mir ist es egal, wer dieser Typ ist und was er erreicht hat“, sagte er und wandte den Blick ab. Kurz sah er aus dem Fenster. „Ich will ihn hier nicht sehen. Wir hatten nie Fremde in unserer Detektei. Wir alle kennen uns, sind befreundet.“

„Wollen Sie mir sagen, dass sie einen besseren Vorschlag haben, Lenny? Freyman ist erfahren, ungebunden, willig, hierherzuziehen und – nicht zu vernachlässigen – auch eine günstige Arbeitskraft. Was wollen Sie mehr?“

„Ich will etwas Anderes als mein Vater. Er hat diese Firma zwar fast 30 Jahre geleitet, aber er hat auch Fehler gemacht. Hier hat er sich offensichtlich verplant. Ich schlage keinen anderen Bewerber vor. Ich schlage vor, dass wir uns auf die Wirtschaftsdetektei beschränken und diese Pläne, die unsere Kräfte deutlich übersteigen, vergessen. Und hören Sie bitte auf, mich Lenny zu nennen!“

Der Rechtsanwalt schüttelte ermüdet den Kopf. „Das ist kein Start-up, Lennard. Wir sind schon lange auf dem Markt. Die Leute kennen uns, vertrauen uns. Die Aufträge häufen sich. Gerade deshalb brauchen wir einen neuen Kollegen. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Anfragen wegen Ehebruch, Nachstellung oder Verdacht auf Kindermissbrauch wir letzte Woche insgesamt absagen mussten?“ Die Stimme des Anwaltes hatte einen mahnenden Klang angenommen. „Wir haben nicht genug Personal und wir sind im privaten Bereich schwach, unvorbereitet, unerfahren. Nun ist auch Ihr Vater nicht mehr da. Haben Sie überhaupt ein vernünftiges Argument, warum wir niemanden einstellen sollten?“

Lenny hatte kein Argument, nur richtig viel aufgestauten Frust, der an seiner Stelle redete. „Weil ich es nicht will. Weil mir die Hälfte dieser Firma gehört und mein Wort Gewicht hat.“ Leere, blöde Aussagen!, stellte er sogleich selbst fest.

Der Rechtsanwalt stemmte die Hände in die Hüfte und schaute ihn forschend an. Sein Blick wurde weicher, er nickte verständnisvoll. „Lennard, ich würde Ihnen gerne noch ein bisschen Zeit zum Nachdenken geben, aber wir haben keine. Ich weiß, dass es schwierig für Sie ist. Ihr Vater wurde erst vor ein paar Stunden beerdigt und ich stelle Sie unter Druck, hier weiterzumachen, Entscheidungen zu treffen, das Geschäft am Leben zu halten ...“

„Ich sehe das anders“, unterbrach ihn Lenny. „Mein Vater ist schon seit fünf Tagen tot und er regiert immer noch in dieser Firma.“

Rittenberg zögerte und schien festzustellen, dass er mit Sentimentalität und verständnisvollen Worten nicht weit kam bei seinem Gegenüber. Er trat neben Lenny ans Fenster. „So verbittert, Lennard? Auch heute, am Tag seiner Beerdigung, müssen Sie Ihr Gift verspritzen? Mir ist bewusst, dass Ihre Beziehung zu ihm – gelinde gesagt – nicht die beste war. Aber was Sie eigentlich innerlich auffrisst, ist, dass er Ihnen die Leitung der Firma nicht zugetraut hat. Dass er mich durch sein Testament ...“

„Ach, ich kenne schon sein Testament! Sie waren so nett, mich heute Morgen zum Amtsgericht zu begleiten. Der beste Freund. Sein Anwalt. Sein Partner. Klar hat er Ihnen den Vorzug gegeben. Aber seine Familie werden Sie nie sein, auch wenn Sie sich jetzt Chefermittler nennen!“

Rittenberg ging mit langsamen Schritten zum Schreibtisch. Lenny konnte ihm ansehen, wie er sich sorgfältig seine nächsten Worte überlegte. „Sie haben recht. Ich war nur sein Freund. Aber einer, auf den er sich blind verlassen konnte.“

„Und auf seinen Sohn nicht?“

Sie schwiegen ein paar Augenblicke. Lenny spürte, wie die Müdigkeit bei ihm wie Blei in die Knochen setzte. „Ich würde sagen, wir machen Schluss für heute.“

„Bleiben Sie, ich bin hier noch nicht fertig!“

„Ich aber schon, Herr Rechtsanwalt. Ich bin fertig.“

„Schauen Sie ... Das Ganze ist nur vorübergehend. Ich bin nicht mehr der Jüngste. Ich trete in fünf oder sechs Jahren wahrscheinlich zurück. Aber für die Detektei ist in diesem Moment besser, wenn ich die Leitung übernehme. Die Leute kennen mich. Die Kontinuität ist durch meine lange Zusammenarbeit mit Ihrem Vater gesichert. Das ist besonders jetzt wichtig, wenn Richard nicht mehr da ist. Verstehen Sie?“

„Auch hier geben Sie meinem Vater recht, oder?“ Lennard lächelte bitter. „Ich kann das Testament jedenfalls nicht anfechten. Gegen Sie hätte ich keine Chance.“

„Um Gottes willen, Lennard! Es geht hier nicht darum, das Testament anzufechten! Sie meinen, Ihr Vater regiere noch in dieser Detektei, auch wenn er tot sei. Wissen Sie, wie ich das sehe? Sie kämpfen noch mit ihm, auch wenn er tot ist. Beruhigen Sie sich bitte, wir haben zu tun. Und als nächsten Schritt werden wir diesen neuen Detektiv kennen lernen.“

„Ach was. Wieder fangen Sie damit an?“

„Ich finde, Sie haben nicht ganz unrecht, was Ihren Vater angeht. Vielleicht war er kein Visionär und hat Fehler gemacht, das stimmt. Aber der Markt zeigt, dass die Nachfrage im privaten Umfeld steigt. Die Menschen trauen sich immer öfter, einen Privatdetektiv einzuschalten. Sie müssen nichts befürchten. Ihre Anteile bleiben unberührt. Alle wichtigen Entscheidungen treffen wir zusammen. Und Sie machen weiter mit Kontoermittlungen, Versicherungsbetrug, Wirtschaftsauskünften ... Für Sie ändert sich nichts. Aber Freyman müssen wir eine Chance geben. Sie haben Vetorecht. Aber hören Sie ihm gefälligst zu.“

Lenny schwieg. Für Sie ändert sich nichts. Was für eine unverschämte Lüge! Neuer Chef, neuer Kollege – und für ihn sollte sich angeblich nichts ändern. Von wegen! Er wurde durch die letzten Entscheidungen seines Vaters noch mehr an den Rand gedrängt. Nach sechs Jahren harter Arbeit in seiner Detektei sollte er gegenüber Rittenberg denselben Status wie ein Neuankömmling bekommen: ein Untergebener. Das war sein Dank. Und das, obwohl er selbst Aktionär war.

Für Sie ändert sich nichts. Die Worte durchwühlten ihn, setzten unerwartet sein Blut in Bewegung. Bis zu diesem Augenblick hatte Lenny nicht gemerkt, wie träge er bei der Vorstellung wurde, dass das Leben so weitergehen würde. Gott bewahre!

„In Ordnung“, gab er nach, „Freyman hat seine Chance verdient und ich werde den letzten Wunsch meines Vaters respektieren. Wann kommt der Typ? Haben wir schon einen Termin?“

Rittenberg lächelte zufrieden bei dieser Antwort. „Heute Nachmittag sollte er ankommen. Eigentlich ...“ Er schaute auf die Uhr. „Er könnte jede Minute hier sein. Nun verstehen Sie, was so dringend war.“

Entsetzt starrte Lenny sein Gegenüber an.

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Res detecta = aufgedeckte Sache (Lat.)


AN: Vielen Dank an out of Lungs für ihre wie immer sehr hilfreiche Betalesung!
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