Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Freundschaft?

von Kata
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Gen
24.05.2021
24.05.2021
1
1.903
3
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
24.05.2021 1.903
 
Es war schon spät. Oder früh, je nachdem aus welchem Blickwinkel man es betrachtete. Walter lehnte sich auf der Bank zurück, atmete einmal tief durch, seinen Blick auf den dunklen Kanal vor sich gerichtet. Er wusste nicht, wie lange er hier schon saß. Er wusste nur, dass er heute Nacht bisher noch kein Auge zugetan hatte, kein Auge hatte zutun können. Es war einfach zu viel passiert, seine Gedanken rasten und ließen ihn nicht los. Wie war es so weit gekommen? War es jetzt wirklich vorbei? War dies das Ende? Hatte er jetzt wirklich seinen besten Freund verloren?

Er seufzte, schüttelte kurz den Kopf und griff nach der Flasche, die neben ihm stand. Ein tiefer Schluck, ein leichtes Brennen im Hals durch den Whiskey. Für einen Moment schloss Walter die Augen. Eigentlich wäre die Situation zum Lachen, wenn sie nicht so traurig wäre. Einmal in seinem Leben hatte er darauf bestanden die Wahrheit zu sagen. Ein einziges Mal hatte er nach Prinzipien gehandelt, war zu einhundert Prozent dem Gesetz treu geblieben. Und das war jetzt der Dank dafür?

Sonst hatte er gelogen, Geschichten erzählt, die Wahrheit soweit verdreht, bis sie ihm in den Kram gepasst hatte. Er hatte so viele Geschichten erfunden, Dinge über sein Leben erzählt, die weiter von der Wahrheit entfernt nicht hätten sein können. Bisher war er immer mit allem durchgekommen. Er war unnahbar gewesen, bis auf wenige Momente in seinem Leben. Und dann entschied er sich dafür, die Wahrheit zu sagen? Er entschied sich dafür, aufrichtig zu sein. Vielleicht auch, um seine eigene Haut zu retten, ja. Aber letzten Endes… hätte Carson das nicht verstehen müssen? Egal, wie viel Walter bisher gelogen hatte, im Herzen waren sie doch beide Cops. Sie lebten beide für den Beruf. Oder etwa nicht?

Walter setzte erneut an, nahm einen tiefen Schluck und musste leicht bei diesen Gedanken lachen, wenn auch ihm nicht wirklich zum Lachen zumute war. Er hatte die Wahrheit gesagt und somit seinen besten Freund verloren…

Der Kanal vor ihm gluckerte leise, das Wasser plätscherte an die Steinmauer. Die Stadt war still, die Menschen schliefen zufrieden in ihren Betten. Nur er saß hier alleine, gefangen in seinen Gedanken und der Trauer um das, was er verloren hatte.

Walter wusste schon gar nicht mehr, wie viele Jahre er Jerry an seiner Seite gehabt hatte. Sie waren schon so lange befreundet, hatten so viel miteinander erlebt und durchgemacht. Er hatte immer versucht, seinem Freund beizustehen, auch wenn ihm dies vielleicht nicht immer so geglückt war, wie er sich das gewünscht hätte. Aber er hatte sich Mühe gegeben. Er hatte das, was er konnte, in diese Freundschaft investiert. Es hatte ihn viel Überwindung gekostet, einem Menschen zu vertrauen, sich einem Menschen zu öffnen. Doch Jerry war es in seinen Augen wert gewesen. Denn brauchte nicht jeder Mensch einen besten Freund, mit dem man alles teilen konnte?

Er schnaubte, stellte die Flasche neben sich ab und stand auf. Mit wenigen Schritten war er am Kanal, lehnte sich an die Brüstung und starrte in das dunkle Wasser. Obwohl… konnte man so jemanden noch seinen besten Freund nennen? War es in der letzten Zeit nicht doch eher eine einseitige Freundschaft gewesen? Eine Freundschaft, die nicht mehr die gleiche Priorität bei den Beteiligten hatte? Walter hatte Jerry nie vorgeworfen, wenn dieser in einer Beziehung war, dass er sich dann um seine Freundin kümmerte. Ja, er hatte sich manchmal wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt. Aber war das nicht normal, dass sich in so einer Situation die Aufmerksamkeit nun mal auf zwei Personen aufteilen musste? Er hatte Jerry nie einen Vorwurf deshalb gemacht, auch wenn es ihm schwergefallen war, viele Dinge mit sich selbst ausmachen zu müssen, weil sein bester Freund keine Zeit für ihn gehabt hatte. Doch das nimmt man in Kauf, dafür steckt man doch zurück, oder etwa nicht?

Walter trat einen kleinen Kieselstein in den Kanal, der vor ihm auf den Boden gelegen hatte, hörte das leise Plop, als dieser ins Wasser fiel. Müde rieb er sich die Augen und drehte sich um, um zurück zur Bank und zu der Flasche Whiskey zu gehen, die noch immer dort stand, nur noch zu einem Drittel gefüllt. Er hob sie auf, schwenkte sie kurz, sein Blick gebannt die hellbraune Flüssigkeit verfolgend, bevor er erneut zu einem großen Schluck ansetzte.

Er hatte die Wahrheit gesagt und seinen besten Freund dadurch verloren. Er lachte auf bei dem erneuten Gedanken, doch es wirkte leer und müde. Mit einer Hand hielt er sich am Geländer fest, nahm einen weitern Schluck. Das Wasser im Kanal gluckerte leise weiter vor sich hin, und er starrte hinein. Wäre es jetzt nicht irgendwie eine Fügung des Schicksals, wenn er dort hineinfallen würde, weil er sich nicht mehr festhalten konnte? Immerhin hatte er schon einigen Whiskey intus. Würde man ihn finden? Würde man ihn vermissen? Auf jeden Fall würde es für Schlagzeilen bei Weazel News sorgen, vom Weekly Scout ganz zu schweigen. Walter Weiß, der Chief of Police, ertrunken im Kanal nahe des LSPD, vermutlich betrunken. Ein erneutes Lachen kam aus seiner Kehle, und er trat einen Schritt näher an das Geländer heran.

Vielleicht würde man ihn ja vermissen. Vielleicht würde Jerry ja wissen, was tatsächlich passiert war. Noch immer hoffte Walter auf einen letzten Rest an Freundschaft, einen Funken von dem, was er immer geglaubt hatte, das sie hätten. Dass Jerry erkennen würde, was wirklich passiert war. Würde er Schuldgefühle haben? Würde er sich Vorwürfe machen, dass er Walter so angegangen hatte, nachdem dieser ihm versucht hatte zu erklären, warum er dieses Mal nicht für seinen besten Freund lügen konnte? Würde er trauern?

Einen Moment zögerte Walter bei dem Gedanken, bevor er auf das Geländer kletterte und sich setzte; mit einer Hand hielt er sich an der kalten Metallstange, auf der er saß, fest, die andere hielt noch immer die Whiskeyflasche. Er wippte leicht vor und zurück, schüttelte erneut den Kopf und schloss die Augen. Vermutlich nicht. Vermutlich würde Jerry keinen zweiten Gedanken an ihn verschwenden. Das wäre nicht das erste Mal. Damals, als er ihm von seinem Tiefpunkt erzählt hatte, als er die Waffe schon gezogen und vor sich auf dem Tisch liegen hatte, als er die Unterstützung gebraucht hatte, war es nicht sein bester Freund gewesen, der ihn wieder aufgerichtet hatte. Dieser hatte nur gefragt, warum er nicht abgedrückt hatte, hatte gedacht, dass es ein Witz gewesen sei.

Je länger Walter darüber nachdachte, desto mehr Momente fielen ihm ein, in denen andere in seinem Leben den Platz, die Funktion eines besten Freundes eingenommen hatten. Hatte Jerry ihm überhaupt noch richtig zugehört? Hatte er sich überhaupt noch für Walter interessiert? Wann hatte sich diese Freundschaft nur so verändert? Wann war Jerry ihm gegenüber so oberflächlich geworden, hatte alles nur noch als Spaß und Fopperei abgetan? Wann war der Punkt gewesen, an dem aus seinem besten Freund ein Freund geworden war?

Angestrengt dachte Walter darüber nach, merkte nicht, wie er dabei weiter an der Whiskeyflasche nippte. Erst, als nichts mehr kam, merkte er, dass sie leer war. Für einen Moment hielt er sie in der Hand, blickte auf die leere Flasche. Mit einem leisen Grummeln holte er aus und warf sie in das Wasser vor sich, hätte dabei fast den Halt verloren und wäre hinterhergefallen. Doch er konnte sich noch gerade so fangen, seine Finger umkrallten das kalte Geländer, auf dem er saß.

Sein Herz raste, und für einen Moment war er versucht, einfach loszulassen, um so seinen Gedanken zu entfliehen. Es wäre so einfach. Eine kurze Bewegung, ein Fall, dann nichts als Dunkelheit und Leere. Dann würde er nicht mehr darüber nachdenken müssen, was Jerry ihm angetan hatte. Wie sehr er ihn verletzt hatte mit seinen Aussagen. Wie weh es getan hatte. Denn auch wenn die Welt ihn anders sah, Walter Weiß war auch nur ein Mensch. Auch er hatte Gefühle, auch wenn er diese nicht so offen zeigte, sich hinter einer Fassade versteckte. Nichtsdestotrotz verletzte es ihn, dass Jerry ihre Freundschaft jetzt einfach so über Bord geworfen hatte. Er hatte ja noch nicht mal eine wirkliche Chance gehabt, dem anderen zu erklären, wieso er das tat. Wieso er seine Aussage getätigt hatte. Er hatte sich Vorwürfe anhören müssen, Jerry hatte sich wie ein bockiges, trotziges Kind verhalten und war auf Walter losgegangen. Und doch hatte Walter Verständnis gezeigt, hatte nachvollziehen können, warum Jerry so reagierte.

Er hätte alles für Jerry getan. Er hätte ihm den besten Anwalt der Stadt engagiert, ach, er hätte ihm eine Armada an Anwälten engagiert. Er hätte ihm jede Minute beigestanden im Prozess, er wäre nicht von seiner Seite gewichen. Aber scheinbar… war dies nicht gewünscht. Scheinbar hatte Jerry eine andere Sicht auf die Dinge, verhielt sich wie ein verletztes Tier in der Falle, was selbst nach der Hand, die es zu befreien versucht, schnappt.

Walter seufzte erneut, wusste nicht, wie oft er das an diesem Abend schon getan hatte. Wieso war es so weit gekommen? Wieso nur? Er verstand es einfach nicht, auch nicht, je länger er darüber nachdachte. Er wusste nur, dass es verdammt weh tat. Auch wenn Jerry vielleicht nicht mehr der Freund gewesen war wie früher, trotzdem riss es ein Loch in Walters Herz. Sein Herz, was in den letzten Wochen ziemlich beansprucht worden war. Sein Herz, was eben nicht aus Stein war, auch wenn alle das vermuteten oder darüber spotteten.

„Ich bin doch auch nur ein Mensch.“ flüsterte er leise vor sich hin, seine Stimme klang erschöpft. Bisher hatte es nur eine Person in seinem Leben gegeben, die das verstanden hatte, die ihn auch als solchen wahrgenommen hatte. Es wäre so schön, wenn er jetzt einfach nur ihre Stimme hören könnte. Sie würde ihm helfen, sie würde ihm zuhören. Und sie würde ihn von einer solchen Dummheit abhalten, über die er gerade eben noch nachgedacht hatte. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen bei diesem Gedanken. Sie würde ihn an den Ohren ziehen, würde ihn von diesem Geländer herunterholen und fragen, ob er noch ganz richtig im Kopf sei, so etwas überhaupt in Erwägung zu ziehen. Sie würde ihm den Kopf waschen und…

Langsam griff er in seine Tasche und zog das Handy hervor, bevor er vorsichtig vom Geländer kletterte. Er ließ sich zurück auf die Bank fallen, die Welt um ihn herum drehte sich durch den vielen Alkohol, den er an diesem Abend schon getrunken hatte. Einen Moment zögerte er, bevor er die altbekannte Nummer wählte.

„Collins.“ Sie klang müde, aber kein Wunder, es war in Detroit sicher auch noch mitten in der Nacht, trotz der Zeitverschiebung. „Isabel…“ Walter bemühte sich deutlich zu sprechen, sie sollte nicht merken, wie viel er schon getrunken hatte. „Isabel… es ist… ich…“ Er stockte. „Chief? Was ist passiert? Ist etwas passiert?“ Man konnte den Schreck in ihrer Stimme hören, doch sie schien jetzt hellwach. „Es ist… es ist etwas passiert… Ich… ich hätte fast etwas Dummes getan.“ Es fiel ihm schwer zu reden, er hatte einen Kloß im Hals. „Chief, was ist los? Erzähl. Geht es ihnen… dir gut?“

Das hatte ihn schon lange keiner mehr gefragt, ob es ihm gut geht, und es auch so gemeint. Er hatte gar nicht gewusst, wie sehr er diese Stimme und ihre Worte vermisst hatte. Er wusste jetzt nur noch eines. Es würde sich wieder einrenken, er würde weitermachen, weiterleben können. Warum? Einfach, weil er noch immer jemanden hatte, der für ihn da war. Weil Isabel Collins immer für ihn da war, egal wie weit sie auch voneinander getrennt waren.
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast