Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Eine himmlische Reise

GeschichteHumor, Übernatürlich / P12 / Gen
24.05.2021
24.05.2021
1
3.657
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
24.05.2021 3.657
 
Kalenderwoche 21 - Euer Charakter findet sich vor den göttlichen Himmelstoren wieder und ist überzeugt davon, dass hier ein Irrtum vorliegt. Wie überzeugt er Gott davon, dass seine Zeit noch nicht abgelaufen ist?

---

Die Sonne schien auf einen Strand, an dem Anna und Melanie in einem Strandkorb saßen. Skeptisch verfolgte Anna, wie ihre beste Freundin sich die Träger ihres Badeanzugs von den Schultern schob. Nach einigen Handgriffen hatte Melanie ihren Badeanzug ausgezogen und legte ihn grinsend neben sich.
„Na los!“, sagte sie auffordernd.
Anna verzog einen Mundwinkel.
„Muss das sein?“, fragte sie.
„Du hast doch das Schild gesehen!“, antwortete Melanie, „Außerdem, wer von uns hatte denn keine Lust, fünf Kilometer zum nächsten Strandabschnitt zu laufen?“
„Wieso muss das blöde Ferienhaus auch genau an einem F.K.K.-Strand stehen?“, raunte Anna, „Davon war auf deren Webseite überhaupt keine Rede!“
Melanie zuckte mit den Schultern.
„Ist doch halb so wild“, sagte sie gelassen, „Aber wie gesagt, von mir aus können wir unseren Strandurlaub auch an dem anderen Strand verbringen.“
Anna gab ein genervtes Grummeln von sich. So gerne sie ihren Badeanzug anbehalten hätte, so albern kam es ihr vor, dafür eine Woche lang jeden Tag fünf Kilometer hinzulaufen und fünf Kilometer zurückzulaufen. Das Ferienhaus, in dem sie wohnten, lag keine fünf Minuten von diesem Strand entfernt. Auf der Webseite des Ferienhauses hatte es offenbar niemand für nötig gehalten, auf das Detail hinzuweisen, dass sie eben auf einem Schild an den Dünen entdeckt hatten. Melanie hatte das Schild mit der Kleiderordnung spontan mit ihrem Handy fotografiert und der Welt bereits verkündet, dass sie beide aus dem Urlaub mit nahtloser Bräune zurückkehren würden. Anna blickte auf ihr eigenes Handy, dass neben ihr auf der gepolsterten Sitzbank lag. Sogar ihre Mutter hatte ihr bereits geantwortet.
„Habe gehört, dass ihr euren Urlaub an einem F.K.K.-Strand verbringt“, las Anna schweigend und betrachtete die drei Daumen-hoch Icons, die dahinter folgten, “Erholt euch gut und viele Grüße!“  
Anna nahm das Handy und tippte eine Nachricht.
„Werden wir! Grüße vom Strand!“, schrieb sie und sendete die Nachricht.
„Na schön!“, sagte sie zu Melanie und legte das Telefon zur Seite, „Wenn du dich traust, dann traue ich mich erst Recht!“
Melanie rollte mit den Augen. Gleich darauf hatte auch Anna ihren Badeanzug ausgezogen.
„Na endlich!“, raunte Melanie und stand auf, „Lass uns Schwimmen gehen!“
Die beiden liefen dem Meer entgegen und stürzten sich in die Fluten. Nach einigen Minuten waren sie bereits so weit hinausgeschwommen, dass der Strand wie eine Miniatur wirkte. Anna blickte auf das Panorama der Küste zurück, als sie plötzlich einen Schatten hinter sich bemerkte.  

Anna erwachte auf einem hellen weichen Untergrund. Zuerst dachte sie, es wäre ihr Bett, doch der Untergrund leuchtete. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Der Ort schien endlos zu sein. In jeder Richtung sah sie einen Boden aus Wolken, nur an einer Stelle stand eine Struktur. Es war ein goldenes Tor, hinter dem eine scheinbar endlose Treppe in den blauen Himmel hinaufführte. Die Treppe war so lang, dass Anna deren Ende nicht erkennen konnte. Vor dem Tor stand ein Mann in einem weißen Anzug. Er hielt ein Klemmbrett in der Hand.
„Sind Sie zu Fuß hier?“, fragt er.
„Ähm… wie bitte?“, fragte sie zurück.
Auf dem weichen Untergrund rollte plötzlich kaum hörbar ein dunkelgrünes Fahrzeug heran.
„Ah“, sagte der Mann im Anzug und winkte Anna zur Seite.
Das Fahrzeug wurde immer langsamer und kam vor dem Tor zum Stillstand. Anna kannte sich nicht mit Autos aus, aber sie tippte auf einen Mazda aus den Neunzigern. Die vordere Hälfte war ziemlich ramponiert. Ein Mann stieg aus. Verwundert sah er sich um. Der Mann im Anzug lenkte winkend die Aufmerksamkeit auf sich.
„Herr Reinbrandt!“, rief er, „Hier entlang bitte!“
Wie von Zauberhand glitten die beiden Hälften des Tors auseinander.
„Wo… wo bin ich?“, fragte der Mann, dann erkannte er es.
„Oh nein! Verdammt! Ich wusste, ich hätte die Bremsen reparieren lassen sollen!“, raunte er und fasste sich an die Stirn, „Was wird denn jetzt aus meiner Frau?“
„Keine Sorge, Herr Reinbrandt! Monika wird über den Verlust hinwegkommen! Sie wird einen gewissen Jens Schlötzinger heiraten und die beiden werden sehr glücklich sein!“, erklärte der Mann im Anzug, nachdem er einen Blick auf sein Klemmbrett geworfen hatte.
„Was?“, rief Herr Reinbrandt, „Schlötzinger? Der aus der Buchhaltung? Das ist nicht akzeptabel!“
Er verschränkte die Arme und ignorierte das offene Tor. Der Mann im Anzug rollte mit den Augen.
„Das können Sie alles mit dem Chef besprechen, wenn Sie drinnen sind!“, sagte er freundlich, aber bestimmt, „Wenn ich Sie jetzt bitten dürfte!“
Er deutete auf das Tor. Der Autofahrer stapfte verärgert hindurch. Anna hörte, wie er das Wort Skandal murmelte, dann stieg er die Treppe hinauf. Sein Fahrzeug versank derweil im wolkigen Boden.
„Nun zu Ihnen“, sagte der Mann im Anzug und warf Anna einen flüchtigen Blick zu.
Er blätterte einige Seiten vor und zurück. Anna kam sich vor, wie im sprichwörtlichen falschen Film. Anders als dieser Herr Reinbrandt, wusste sie nicht, wo sie war. Erneut sah sie sich um. Erst jetzt realisierte sie, dass sie keine Kleidung trug.
„Ich muss zu lange an der Sonne gewesen sein“, dachte sie, denn das letzte, woran sie sich erinnern konnte, war der Strand, „Wahrscheinlich habe ich einen Sonnenstich!“
Der Mann im Anzug schien inzwischen gefunden zu haben, wonach er suchte.

„Ah, Sie sind Anna!“, sagt er, „Verzeihen Sie, unser EDV-System hat heute Morgen ein Update installiert und… nun ja. Sie wissen ja, wie das ist!“
„Wo bin ich?“, fragte Anna.
Der Mann räusperte sich.
„Dies ist der Eingang zum Nirwana!“, antwortete er mit einer theatralischen Geste, die ihn wie einen Touristenführer aussehen ließ, „Dort wird Shiva… Moment!“
Er blätterte erneut in seinen Unterlagen.
„Dies ist die Himmelspforte!“, begann er von vorne, „Dort wird Jehova Ihnen das…“
„Sie wollen mich wohl verkohlen!“, unterbrach Anna, „Ich bin im Himmel? Das hier ist der Himmel und ich bin Tod? Das kann doch gar nicht sein!“
„Ich fürchte schon“, antwortete er, „Das scheint Sie zu schockieren. Möchten Sie sich einen Moment setzen?“
Aus dem Boden erhob sich eine weiße Bank.
„Nein, ich möchte mich nicht setzen! Ich möchte wieder zurück! Ich gehöre nicht hierher! Da muss ein Fehler vorliegen!“, rief Anna, „Schicken sie mich wieder dahin zurück, wo ich hergekommen bin!“
Der Mann seufzte.
„Das ist leider unmöglich!“, erwiderte er, „Wir haben…“
Das Geräusch von Schritten ließ ihn überrascht zum Tor blicken, wo Herr Reinbrandt gut gelaunt die Treppe hinunter gelaufen kam.
„Ich habe mit dem Chef gesprochen!“, verkündete er strahlend, „Netter Kerl! Sehr verständnisvoll! Ich habe ihm meinen Fall erklärt! Als er in die Akte von Schlötzinger gesehen hat, wäre ihm fast das Zepter aus der Hand gefallen! Wir haben beschlossen, diesem Sünder keine fünfte Ehe zu gönnen! Der Blitz soll ihn treffen, hat der Chef gesagt, außerdem hat er gesagt, dass ich gehen darf! Also, wo ist mein Wagen?
Zu Annas erstaunen erhob sich gleich darauf der verbeulte Mazda aus dem Boden. Herr Reinbrandt stieg ein, dann versank das Auto wieder. Er kurbelte das Fenster hinunter.
„Außerdem hat der Chef gesagt, dass ich eindeutig Vorfahrt hatte! Ihr macht hier echt einen tollen Job!“, sagte er, bevor er mitsamt dem Wagen in den Wolken verschwand.
Anna sah den Mann im Anzug an.
„Unmöglich, huh?“, raunte sie.
„Nun ja, es gibt Ausnahmen“, antwortete er verhalten, als Anna eine weitere Person bemerkte.
Es war Melanie, die auf sie zuging und sich verwundert umsah.

„Was zum Teufel ist das hier?“, fragte Melanie, woraufhin der Mann im Anzug sich laut räusperte.
„Bitte achten Sie auf Ihre Ausdrucksweise!“, mahnte er, „Und um Ihre Frage zu beantworten, dies ist die Himmelspforte!“
„Die Himmelspforte?“, fragte Melanie.
„In der Tat“, bestätigte er.
„Und wer sind Sie?“, fragte Melanie.
„Ich bin Engel Bernd“, antwortete er.
„Engelbert?“, fragte sie.
„Nein, Engel Bernd!“, korrigierte er, „Meine Aufgabe ist es, Ihnen den Zugang zum himmlischen Reich zu gewähren!“
„Aha“, raunte sie, „So wie eine Schranke im Parkhaus!“
Melanie schien schlechte Laune zu haben, bemerkte Anna.
„Weiß du noch, was passiert ist?“, fragte sie.
Melanie sah sie verwundert an.
„Das weiß du nicht mehr? Wir sind ins Meer hinausgeschwommen und dann war da diese riesige Welle“, erklärte sie, „Wir haben versucht, ans Ufer zurück zu schwimmen, aber es war zu spät.“
„Verstehe“, erwiderte Anna betrübt.
„Ja, aber das eigenartige daran war, dass die Welle ganz plötzlich erschien. Sie hat sogar mehrmals die Richtung gewechselt, bevor sie auf uns zukam. Zuerst hat sie dich in die Tiefe gerissen und kurz danach mich. Ich sah noch, wie die Welle sich über mir auflöste, dann gingen die Lichter aus. Wenn du mich fragst, war das kein Unfall!“
„Ich wusste es!“, rief Anna.
Vorwurfsvoll sah sie den Mann im Anzug an, der schon wieder in seinen Unterlagen blätterte.
„Seltsam…“, murmelte er und sah kurz zu Melanie, „Sie habe ich gar nicht auf meiner Liste. Hier stehen nur Sie, Anna Krasselwurz, Wohnhaft Borsthagen, Alter 97 Jahre.“
Anna stemmte grimmig die Hände an die Hüften.
„Was? Erstens heiße ich nicht Krasselwurz! Zweitens wohne ich nicht in Borsthagen! Und drittens, sehe ich etwa aus, als wäre ich 97 Jahre alt?“
Er musterte sie flüchtig.
„Nun ja… ähm… ich muss zugeben, dass dies alles…“, antwortete er und blätterte immer wieder vor und zurück.
„Sie sagten doch selbst, dass Ihr EDV-System spinnt!“, sagte Anna, „Es lieg ganz eindeutig eine Verwechselung vor!“
„Es gibt im Himmel ein EDV-System?“, fragte Melanie, „Hey Sie, Engelbert, welches System benutzen Sie denn?“
„Das weiß ich nicht genau“, antwortete er, „Ich bekommen nur meine Listen, aber heute Morgen hat einer der anderen Engel gesagt, dass es eine Störung im System gab. Sie beide sollten das mit dem Chef klären! Er kann Ihnen sicher Ihre Fragen beantworten!“
„Ich dachte immer, er wäre eine sie“, raunte Melanie.
„Nur nachmittags“, erwiderte Engel Bernd und sah auf seine Armbanduhr, „Wir haben… oh! Nun ja, ich muss mich korrigieren. Sie beide sollten das mit ihr klären!“
Er deutete auf die Himmelspforte. Anna sah zögerlich zu Melanie.

„Sollen wir wirklich?“, fragte Anna , „Ich traue mich nicht, da raufzugehen!“
„Ach was! Du hast dich getraut, am Strand deinen Badeanzug auszuziehen, da kannst du auch mit Gott sprechen!“, antwortete Melanie, „Na los!“
Die beiden gingen durch das Tor und betraten die Treppe. Kaum waren sie einige Stufen hinaufgegangen, als der untere Teil der Treppe sich wie ein Gummiband von ihnen entfernte. Gleichzeitig schien der obere Teil ihnen entgegen zu kommen, wodurch sie nur wenige Schritte laufen mussten, um das Ende der Treppe zu erreichen. Anna blickte zurück. Die Treppe sah nun wieder normal aus und schien unendlich weit nach unten zu führen. Sie drehte sich um. Sie beide befanden sich nun auf einer Art schwebenden Plattform. Von hier teilten sich mehrere Wege, die wie lange Brücken über Wälder und Wiesen führten. Am Horizont befand sich ein weißes Schloss mit spitzen Türmen, über das sich ein Regenbogen spannte. Eine Frau in einem weißen Gewand schritt ihnen entgegen. Obwohl sie nicht älter als Anna und Melanie wirkte, waren ihre Haare schneeweiß.
„Ich begrüße euch im Himmelsreich!“, sagte sie mit einem gütigen Lächeln.    
„Moin! Schicker Bademantel“, erwiderte Melanie, „Wo bekommt man hier sowas?“
Die Frau machte fast unmerklich eine Handbewegung. Anna und Melanie sahen an sich herab.
„Danke!“, sagte Melanie und rückte das Gewand zurecht, das tatsächlich wie ein Bademantel aussah, „Sie sind hier also die Chefin?“
„Das bin ich!“, antwortete sie und runzelte die Stirn, „Du bist Melanie! Was tust du denn hier? Und du bist Anna! Dich habe ich auch nicht so früh erwartet!“
„Es gab da wohl eine Verwechselung“, raunte Melanie, „Ich will Ihnen ja wirklich nicht vorschreiben, wie Sie Ihren Job zu machen haben, aber ein Bisschen mehr Sorgfalt wäre schon angebracht!“
Die Frau wirkte verlegen. Für einen Moment blickte sie abwesend zur Seite, so als ob sie in Gedanken eine Information abrief, dann sah sie wieder zu den beiden.
„Du hast Recht!“, sagte sie, „Es gab einen Fehler im EDV-System!“
„Ja, das hat uns Engelbert schon erzählt“, erwiderte Melanie, „Vielleicht können wir helfen. Wir beide sind Programmiererinnen… wie Sie sicher wissen.“
Anna lehnte sich flüsternd zu ihr.
„Bist du verrückt? Du kannst doch nicht einfach an der göttlichen EDV rumspielen!“, sagte sie, „Nachdem, was du neulich auf der Party mit diesem Typen gemacht hast, kannst du froh sein, überhaupt hier zu sein! Wir sollten hier nichts anfassen und so schnell wie möglich verschwinden!“
„Ach was! Kennst du ein System, kennst du alle!“, antwortete Melanie und wandte sich wieder der Frau mit den weißen Haaren zu, „Was genau ist passiert?“
Die Frau seufzte.
„Folgt mir, ich zeige es euch“, antwortete sie.
Zusammen gingen die drei über eine der Brücken, die wiederum zu anderen Plattformen und Brücken führte. Immer wieder gab es Wege, die in die darunterliegenden Bereiche führte. Anna sah im Vorbeigehen alle nur erdenklichen Landschaften. Ein Bereich sah aus, wie ein Dschungel. Ein anderer wie eine futuristische Stadt. Einige waren mit abstrakten Formen gefüllt, die in allen Farben schillerten. Anna erkannte, dass die Frau auf das große Schloss zuging.
„Sieht ein Bisschen so aus, wie das Schloss in dem einen Freizeitpark“, sagte Anna.
„Ja, aber hier sind die Snacks günstiger“, erwiderte Melanie und trank aus einem Strohhalm, der in einem neongrünen Becher steckte, den sie in der Hand hielt.
„Wo hast du das her?“, fragte Anna erstaunt.
„Habe ich mir gewünscht“, antwortete Melanie und zuckte mit den Schultern.
Die Frau mit den weißen Haaren bemerkte das Gespräch.
„Ganz Recht, Anna! Jeder Wunsch wird hier erfüllt!“, erklärte sie und hielt für einen Moment inne, „Nur diesen seltsamen überdimensionalen Schaumzucker-Mann erlaube ich hier nicht! Ich habe keine Ahnung, warum sich den so viele wünschen! Folgt mir in das Schloss, dort befindet sich das Astron!“

Durch einen großen Torbogen betraten die drei das Innere des Schlosses. Alle Wände und Böden waren weiß, sogar die hölzerne Tür, die die Frau nun öffnete. Dahinter führte eine steinerne Wendeltreppe hinunter.
„Das Astron ist dort unten“, sagte sie und stieg die Stufen hinab.
Verwundert betrachtete Anna beim hinabgehen wie Steine, aus denen die Wände bestanden. Sie waren aus einer Art Glas und leuchteten. Vorsichtig ließ sie ihre Hand darüber gleiten.
„Das ist wirklich ein seltsames Material“, sagte sie.
„Seltsam? Wir folgen gerade Gott in den Keller! Alles hier ist seltsam!“, raunte Melanie.
„Auch wieder wahr! Hey, du kannst doch nicht einfach deinen Müll hier abstellen!“, sagte Anna.
Melanie hatte den leeren Becher in einer Nische abgestellt.
„Warum nicht? Die hat bestimmt eine Putzkraft!“, erwiderte sie.
Immer weiter führten die Stufen hinunter, bis die Treppe schließlich an einem Raum endete, der bis auf einen Tisch vollkommen leer war. Auch hier unten war alles weiß und leuchtete, nur die zwei Objekte nicht, die auf dem Tisch standen. Verdutzt lief Melanie zu dem Tisch.
„Ach du meine Güte! Ein Astron 82! Wer hat Ihnen denn das Ding angedreht?“, fragte sie, „Anna, komm her und sieh dir das an! Ein echter Astron! Und er funktioniert noch!“
Spontan tippte sie auf die Tastatur. Auf einem beigen Monitor erschienen grüne Zeichen auf schwarzem Hintergrund. Der Computer ratterte und piepte, während Melanie sich einen Überblick über das System verschaffte.
„Aha!“, sagte sie.
Die Frau mit den weißen Haaren sah ihr interessiert über die Schulter.
„Was stimmt damit nicht?“, fragte sie.
Anna sah sie verwundert an.
„Verzeihen Sie die Frage, aber ich dachte immer, Sie wüssten alles“, sagte Anna, „Soweit ich weiß, haben Sie doch alles erschaffen!“
Die Frau mit den weißen Haaren seufzte.
„Im Prinzip schon“, antwortete sie, „Aber manchmal, wenn ich etwas erschaffe, dann möchte ich danach etwas Neues erschaffen! Es macht mir große Freude, etwas zu erschaffen! Was ich davor erschuf, ist mir dann natürlich immer noch von größter Bedeutung! Aber… die Pflege mancher Kreationen überlasse ich aus Zeitmangel den Engeln.“
„Outsourcing“, raunte Melanie, „Das nennt sich Outsourcing!“
Anna runzelte die Stirn
„Wollen Sie damit sagen, dass sie keine Lust hatten, sich mit dem technischen Fortschritt von Computern zu befassen, weil Sie ihre Zeit lieber mit etwas anderem verbringen wollten? Und dass sie deswegen bei Computern den Faden verloren haben?“
„Genau!“, antwortete sie.
„Hm!“, brummte Anna, „Meine Oma ist Gott ähnlicher, als ich dachte!“

„Es war so praktisch, dieses Gerät für die Verwaltung der Neuzugänge zu verwenden, aber heute Morgen hat einer der Engel etwas verändert, weil er es verbessern wollte. Seitdem funktioniert es offenbar nicht richtig“, sagte die Frau mit den weißen Haaren, „Könnt ihr es reparieren?“
Melanie tippte weiter.  
„Der Engel hat wohl versucht, das System zu aktualisieren“, sagte sie und nahm eine Diskette vom Tisch, „Das ist ein Update von 1983, aber für diese Krücke ist es zu neu. Ich entferne das Programm und stelle den vorherigen Zustand wieder her. Das ist eigentlich nicht vorgesehen, aber wir schaffen das schon!“
Anna lehnte sich zu ihr und zeigte auf den Bildschirm.
„Du musst diesen Teil in die Tabelle hier drüben verschieben!“, sagte sie.
Die beiden arbeiteten eine halbe Stunde, bevor Melanie schließlich eine bestimmte Taste drückte. Neben dem Computer stand ein altmodischer Drucker, der im selben Moment zu rattern anfing. Anna riss den fertigen Ausdruck ab und überflog den Text. Sie stutzte.
„Oje!“, sagte sie, „Der hier ist ein berühmter Schauspieler! Und sein Flugzeug wird…“
Die Frau mit den weißen Haaren nahm ihr das Blatt aus der Hand.
„Das ist der Weg alles Irdischen“, erwiderte sie und faltete die Seite zusammen.
Sie steckte das Blatt in die Tasche ihres Bademantels, dann sah sie die beiden dankbar an.
„Ihr habt mir wirklich sehr geholfen!“, sagte sie, „Und es tut mir leid für das Missverständnis! Als Wiedergutmachung und zur Anerkennung, werde ich euch natürlich zurückschicken, außerdem dürft ihr euch etwas wünschen!“
Sie hob mahnend den Finger.
„Aber übertreibt es nicht mit den Wünschen!“, ergänzte sie.
Aus irgendeinem Grund musste Anna spontan an den Urlaub und die Kleiderordnung des Strands denken. Sie und Melanie beratschlagten sich, dann teilten sie ihr die Wünsche mit. Kurz darauf verließen die drei das Schloss und standen wieder vor der von Brücken und Ebenen durchzogenen Landschaft. Die Frau mit den weißen Haaren blieb hinter ihnen stehen.
„Geht einfach zum Himmelstor, dann gelangt ihr in eure Welt zurück. Alles Gute, Anna und Melanie!“, sagte sie zum Abschied und winkte.
Die beiden winkten ebenfalls und machten sich auf den Weg. Nachdem sie ein Stück gegangen waren, blickte Anna zu dem Schloss zurück.

„Hätten wir den Computer nicht gegen etwas Besseres austauschen sollen?“, fragte sie.
Melanie winkte ab.
„Das ist eigentlich ein sehr robustes System. Es wird noch eine Weile laufen, zumindest bis wir wiederkommen. Dann stellen wir da etwas Modernes hin und haben bei ihr einen Stein im Brett… oder bei ihm“, antwortete sie.
„Wieso sollten wir wiederkommen?“, fragte Anna, „Oh… ich verstehe!“
Sie liefen weiter bis zur Letzten Plattform und betraten die endlose Treppe, die sich erneut wie ein Gummiband vor ihnen zusammenzog und hinter ihnen ausdehnte. Unten angekommen, sahen sie, dass das goldene Himmelstor offenstand.  
„Hey Engelbert, wir sind zurück!“, sagte Melanie, doch der Mann im weißen Anzug war in eine Diskussion mit einem anderen Herrn vertieft.
„Den kenne ich“, sagte Anna, „Dass ist Herr Reinbrandt.“
Herr Reinbrandt fuchtelte wild mit den Armen umher.
„…und dann hat dieser Idiot einfach ohne zu blinken rüber gezogen!“, sagte er.
„Ich fürchte, dass müssen Sie oben klären!“, sagte der Mann im Anzug seufzend und deutete zum Tor.
Herr Reinbrandt ging durch das Tor und stapfte die Treppe hinauf. Anna sah ihm nach.
„Spinnt der Computer schon wieder?“, fragte sie besorgt.
„Nein, es hat alles seine Richtigkeit“, antwortete der Engel.
Er hielt den beiden kurz sein Klemmbrett entgegen. Eine Liste hing daran. Anna erkannte, dass es dasselbe Blatt war, das sie am Drucker abgerissen hatte.
„Ich habe alles kontrolliert und zum Glück waren Sie beide die einzigen, die von der Störung betroffen waren“, ergänzte er, „Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich werde Sie nun zurückbringen. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt.“
Melanie zuckte mit den Schultern.
„Ich habe eine Cola getrunken und Gott Schlamperei vorgeworfen, was will man mehr?“, antwortete sie, während Anna und sie selbst langsam in den weichen Boden sanken.

Einige Stunden später sprangen die beiden auf verschiedenen Seiten eines Volleyball-Netzes auf und ab. Sie spielten sich einen hellen Ball zu und hüpften am sonnigen Strand ausgelassen umher. Melanie schlug den Ball über das Netz und riss gleich darauf siegessicher die Arme in die Luft.
„Treffer, versenkt!“, rief sie, als der Ball für Anna unhaltbar im Sand landete, „Diese Partie habe ich gewonnen!“
Anna hob den Ball auf und zeigte auf den Strandkorb.
„Für heute sollten wir Schlussmachen, aber morgen gibt es eine Revanche!“ sagte sie lachend.
Kurz darauf traten sie beide in Handtücher gewickelt den Rückweg zum Ferienhaus an. Es lag gleich hinter den Dünen, auf die sie zugingen. Anna blickte in die Tasche, die über Melanies Schulter hing. Zwischen Schlüsseln, Handys und Wasserflaschen lagen zwei Badeanzüge. Anna nahm ihr Handy heraus und tippte eine Nachricht, dann winkte sie Melanie heran. Sie hatten das Schild erreicht, dass am Rand der Dünen stand. Grinsend machten die beiden mit dem Schild im Hintergrund einen Selfie, den Anna prompt verschickte, dann gingen sie weiter. Melanie warf ihr einen anerkennenden Blick zu.  
„Statt wie du wolltest die Kleiderordnung zu verändern, hat sie dein Selbstvertrauen erhöht. Ich schätze, das ist auch etwas wert!“, sagte sie lachend.
„Das Stimmt“, erwiderte Anna.
Inzwischen waren sie über den Rand der Düne gelaufen und sahen auf das stattliche Ferienhaus, dessen Reetdach in der Sonne leuchtete. Es war umgeben von einem gepflegten Garten mit Obstbäumen und kleinen Büschen.
„Aber das Haus ist auch nicht übel!“, ergänzte Anna, „Es war nett von ihr, es uns zu schenken! Jetzt können wir hier so oft Urlaub machen, wie wir wollen! Und das im Garten ein alter Goldschatz vergraben liegt, wissen dank ihr auch nur wir!“
„Ob sie die restlichen Wünsche auch erfüllt hat?“, fragte Melanie.
„Das werden wir schon noch herausfinden!“, antwortet Anna.

Lachend liefen die beiden dem Haus entgegen, während hoch über ihnen eine Gestalt mit weißen Haaren aus den Wolken blickte und zufrieden lächelte.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast