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Karins Vergangenheit

von Lady0409
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Dr. Karin Thaler
23.05.2021
20.09.2021
25
36.934
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22.07.2021 1.816
 
Kapitel 12:
"Die Kleine ist meine Tochter!"


„Ich kann mir im Moment eher nicht vorstellen, dass Karin wirklich zu einem Heiratsantrag von mir gleich freudestrahlend Ja sagen würde und sich mit mir vor den Traualtar stellt. Auch, wenn ich ihr damit helfen würde, ihre süße, kleine Maus endlich wieder zu bekommen… Thomas, das ist doch alles kompletter Blödsinn; eine Schnapsidee von euch. Ich kann Karin nicht helfen. Für Lilly kann ich momentan nicht wirklich sorgen, wenn sie krank wäre und…“

„Michael, willst du unserer verzweifelten Kollegin, die sich nach nichts mehr sehnt, als ihr Kind wieder bei sich zu haben, im Kampf gegen die Windmühle namens Jugendamt nicht doch helfen? Sie liebt ihre kleine Tochter. Sonst wäre sie nicht andauernd bei der kleinen Lilly im Krankenhaus und würde auf die Maus aufpassen.“, wusste Thomas, der vor ein paar Minuten noch einmal mit Karin telefoniert hatte und dabei erfuhr, dass die erfahrene Ärztin wohl noch bei ihrem kranken Kind im Krankenhaus wäre.
„Dabei überseht ihr allerdings einen klitzekleinen Haken…“ Michael deutete auf seinen Ehering, den er wie immer trug. „Ich bin mit Margarethe verheiratet; zwar haben wir momentan immer wieder ein bisschen Streit miteinander, aber trotzdem… Ich bin nicht bereit, Karin zu heiraten…“, erinnerte der Notarzt seine Kollegen an das Problem, das ihn an einer Hochzeit mit seiner neuen Kollegin Karin hinderte.

Gabriele, die mit am Tisch saß, nickte und erwiderte: „Michael hat Recht; er kann Karin nicht heiraten, solange er mit Margarethe verheiratet ist. … Aber wie wäre es denn mit dir, Peter? Du bist ungebunden. Und Karin würde bestimmt nicht Nein sagen, wenn du ihr vorschlagen würdest…“ „Ich habe doch bei so einer Frau, wie Karin, keine Chance, Gabi. Sie würde noch viel eher zu Biggi oder zu dir Ja sagen, als zu mir.“, wusste Peter, doch Ralf, der ihm gegenüber saß, erwiderte: „Ich habe ja noch nicht gewusst, dass Karin lesbisch ist…“
„Das habe ich damit auch nicht gemeint.“, widersprach Peter, während Biggi und Thomas weiterhin überlegten, wie sie Karin helfen könnten.

„Leute…“, ermahnte Biggi ihre Kollegen. „Wir haben ein Problem, was wir schnellstens lösen müssen. Und das, bevor das Jugendamt entscheidet, dass die kleine Lilly ins Kinderheim muss.“
„Du hast recht, Biggi. Also, wer macht Karin den Heiratsantrag?“, forschte Thomas noch einmal nach und zog damit alle Blicke auf sich. „Wie wäre es denn mit dir?“, stellte Michael die Frage, die allen auf den Zungen zu liegen schien.

„Ich? Ausgerechnet ich?“, fragte Thomas ungläubig und Michael erwiderte: „Karin wird sich freuen, einen so tollen Mann abzubekommen. Und du bist seit der Scheidung von Vera ungebunden. Also, Thomas… Ran an unsere neue Kollegin.“, forderte der Notarzt seinen Freund heraus.

Bei der ganzen Diskussion bekamen die beiden Medicoptercrews nicht einmal mit, dass Karin plötzlich in der Tür stand und allen ganz genau zuhörte.

„Leute, wir haben Besuch.“, machte nach einigen Augenblicken Gabriele alle anderen Retter auf Karin aufmerksam und sie stand, mit einer etwas kräftigeren Hustenattacke auf, um die Kollegin zu begrüßen.

„Guten Tag… Sie müssen Frau Dr. Thaler sein?“, fragte Gabi und Karin nickte. „Ich bin Dr. Kollmann, deren Vertretung sie übernommen haben. … Schön, sie kennen zu lernen. Setzen sie sich doch ein bisschen zu uns. Sie sehen aus, als könnten sie ein Schluck Wasser vertragen.“
„Ja… Danke…“, seufzte Karin, als Michael die Kollegin abholte und zum freien Platz am Tisch begleitete, während Ralf aus der Küche ein Glas Wasser holte.
„Hier, Karin.“, reichte der Sanitäter der Notärztin das Glas und sie trank einen Schluck, bevor sie sich an ihre Kollegen wandte: „Was besprecht ihr denn hier eigentlich? Geht es etwa um mich?“, wollte sie wissen und Biggi nickte.

„Wir… Karin, wir wollen dir helfen. Damit du deine kleine Tochter endlich wieder zu dir zurückholen kannst.“, erklärte die Pilotin ihrer Crewkollegin und Karin zuckte kurz mit den Schultern.
„Vielleicht braucht ihr das gar nicht zu tun. Es kann sein, dass meine kleine Tochter bald sterben wird. Sie ist sehr schwer krank.“, erwiderte die Notärztin und die anderen Retter sahen die Medizinerin erschrocken an. Keiner traute sich, etwas zu sagen.

Einzig und allein Gabi nahm ihre Kollegin in ihre Arme und fragte: „Was ist denn mit ihrer kleinen Maus nicht in Ordnung? Was fehlt dem Mädchen denn?“ „Sie… Sie hat einen schweren Herzfehler; vermutlich schon seit ihrer Geburt. Damals gab es Komplikationen. Und heute… Ich will darüber auch gar nicht sprechen. Jedenfalls wird mein kleines Mädchen nicht mehr lange leben.“, erhob Karin ihre Stimme und sie schluckte die aufkommenden Tränen einfach herunter, so als ob nichts wäre und sie einfach nur Probleme mit einer Allergie hätte.
Gabi jedoch, die genau wusste, wie schwer es war, wenn man um ein Kind Angst haben musste, drückte Karin kurz an sich und flüsterte: „Ich kann mir vorstellen, wie es ihnen geht, Frau Kollegin. Aber im Krankenhaus wird gut für ihre kleine Motte gesorgt. Oder nicht?“

„Ja, natürlich kümmern sich die Kollegen im Krankenhaus sehr gut um mein kleines Mädchen. Aber sie haben meine Maus nicht gesehen. So schwach, wie sie dort in ihrem Krankenbett liegt. An das EKG angeschlossen; ihre kleinen Augen und die kleinen Hände…“, seufzte Karin und eine Träne, die sie nicht schaffte, zu verhindern, rollte über ihre Wange.

„Frau Dr. Thaler, ich verspreche ihnen, dass alles gut wird.“, ermunterte Gabi ihre Kollegin und auch Marc, der Karin gegenüber saß, erhob sich kurz. „Wir lassen sie nicht im Stich. … Frau Dr. Thaler? Was halten sie denn davon, wenn wir als Kollegen ihnen beistehen würden, sobald ihre kleine Tochter in den OP geschoben wird? Wir könnten mit Ebelsieder sprechen, dass wir für den Tag ausgemeldet bleiben. Und dann unterstützen wir sie; die ganze Zeit lang. Und wenn sie wollen, bleibt einer von uns sogar über Nacht und passt auf Lilly auf.“

„Ich will das aber nicht, Frau Kollegin. Ich weiß schließlich genau, dass meine kleine Tochter vielleicht ihre Operation nicht überleben wird… Sie ist doch auch noch so verdammt klein; eineinhalb Jahre ist die Maus alt. Außerdem ist sie schon in der 36. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen, nach der Geburt war die kleine Maus so schwach… Ich weiß einfach, dass ich mein Kind nicht mehr lebend aus dem Krankenhaus abholen kann.“, wusste Karin energisch und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen, als Michael ganz plötzlich und unvermittelt die Initiative ergriff, Gabis Vertretung ein wenig zur Seite nahm und mit ihr zusammen die Basis verließ, um ein vorsichtiges Gespräch mit ihr zu starten.




Gemeinsam gingen die beiden Retter in den Hubschrauberhangar und setzten sich dort vor dem von Thomas und Ralf oft benutzten Flipperautomat zusammen.

„Willst du mir denn nicht erzählen, was damals… nach der Geburt deiner Kleinen… schief gelaufen ist? Ich meine, ich kann mir nicht vorstellen, dass du deine kleine Tochter wirklich freiwillig weggegeben hast, wie du uns hier allen vorspielen willst. Dafür liebst du die Kleine einfach viel zu sehr, Karin…“, fragte Michael ganz direkt und in den Augen seiner Kollegin sammelten sich erneut die Tränen.

Mit sehr leiser und vorsichtiger Stimme erzählte die Medizinerin von den Geschehnissen, die sie vor und nach der Geburt ihrer kleinen Tochter erlebt hatte.

„Ich… Ich habe den Vater der Kleinen, meinen Freund Johannes, sehr geliebt; wir waren seit dem Abitur zusammen. Er war damals in meiner Parallelklasse… Wir haben uns auf dem Schulhof kennen gelernt und sofort ineinander verliebt. Es war immer so wunderschön, wenn wir zusammen sein konnten. … Johannes war auch der Grund, warum ich mich entschieden hatte, Medizin zu studieren Ich hätte für ihn sogar einen Mord begangen, wenn ihm etwas passiert wäre; er war meine erste große Liebe. Wir wollten sogar damals heiraten.“

Karin zog ein Foto aus ihrem Portmonee heraus, hielt es beschützend in ihren Händen und betrachtete es sehr lange. Abgebildet war auf dem Foto neben der Notärztin auch ein Mann in ungefähr Karins damaligem Alter, der hinter der Ärztin stand und seine Hände um die Hüften der sichtbar hochschwangeren Medizinerin schwang.

„Das ist… Das ist der Vater von meiner kleinen Lilly. Mein Ex-Freund Johannes. Ich habe ihn wirklich so sehr geliebt. Als ich mit Lilly schwanger wurde… Es war so eine wunderschöne Zeit, die ich mit ihm hatte. Ich habe während meiner Schwangerschaft immer wieder gehofft, dass wir eine glückliche Familie werden könnten. Aber… Aber er kommt aus einer sehr streng katholischen und sehr reichen Familie, wir hatten von Anfang an einfach überhaupt keine Chance auf eine Beziehung. … Seine Mutter… Inge… war immer wieder gegen unsere Beziehung und später auch gegen unsere gemeinsame Tochter. Einmal hat sie sogar versucht, über irgendwelche Freunde von Johannes… eine falsche Meldung über uns in die Öffentlichkeit zu bringen.“

„Aber wenn ihr beide doch zueinander gehalten habt, dann… Dann hättest du doch dein Kind nicht weggeben müssen. Ihr hättet doch eine Familie werden können – du, dein Johannes und eure kleine Lilly.“, fiel Michael seiner Kollegin ins Wort, doch Karin schüttelte enttäuscht ihren Kopf und erwiderte: „Als meine Kleine geboren wurde… Ich war gerade mit meinem Freund in der Stadt unterwegs, als damals endlich die Wehen einsetzten. Johannes und ich hatten uns nach unserer offiziellen Trennung heimlich getroffen… Da hat meine Ex-Schwiegermutter natürlich von unseren heimlichen gemeinsamen Unternehmungen erfahren.“

„Aber warum hast du denn dann das Baby nach der Geburt einfach weggegeben? Du hättest den Säugling doch bei dir behalten können und die Kleine gemeinsam mit diesem Johannes aufziehen können. … Dass du dein Kind einfach so weggegeben hast…“, fiel Michael seiner Kollegin wieder ins Wort und wartete darauf, dass Karin endlich wieder weitersprach.

Das tat die Notärztin auch, nachdem sie sich die Nase geputzt hatte, unter Tränen, während sie sich über ihren Bauch streichelte: „Meine damalige Schwiegermutter… die Mutter von Johannes… hatte Johannes und mich zu unserem Treffen verfolgt und belauscht. Ich habe damals meinem Freund das Messer auf die Brust gesetzt. Habe ihm gesagt, dass er sich von seiner Mutter trennen sollte. Ansonsten wäre ich mit der Kleinen weg. Aber Johannes wollte sich nicht von seiner Mutter trennen; er meinte, sie bräuchte ihn.“

„Dann war ja doch nicht alles so eitel Sonnenschein bei Johannes und dir, stimmts?“, meinte Michael und Karin schüttelte den Kopf.

„Als die Wehen anfingen – und die waren damals bei mir sehr heftig – kam meine Schwiegermutter aus ihrem Versteck. Sie hat vorgespielt, dass sie meine Mutter wäre und begleitete mich unter dem Vorwand später, als der Notarzt kam, auch in die Klinik. Johannes hatte sich damals kurz vorher von mir verabschiedet, er hat von der Lüge seiner Mutter absolut nichts mitbekommen können. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass er bei mir geblieben wäre, aber… Es gab einfach keine Chance auf Einigung mehr. Zwischen Johannes und mir. Ich habe mich damals von ihm getrennt; habe ihm gesagt, dass er nicht nur unsere Familie, sondern auch die Beziehung zwischen ihm und unserer gemeinsamen kleinen Tochter aufs Spiel setzt, wenn er bei seiner Mutter im Haus bliebe; ich wollte mit meiner Schwiegermutter absolut nichts zu tun haben. Aber ihm wäre unser gemeinsames Kind plötzlich völlig egal, meinte er zu mir.“
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