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Die Vier Speichen

von m0thblue
GeschichteDrama, Fantasy / P12 / Gen
Drachen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Geister & Gespenster Gestaltwandler Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
23.05.2021
11.06.2021
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11.06.2021 1.599
 
Auf den Angriff der Sandgeister folgte stets das Putzen.
Sobald die Essenz der Gespenster aus der feinen Wüstenerde und den winzigen Glaskristallen gewichen war, sanken die nun leblosen Wogen durch die magischen Schilde Zeharenas und rieselten auf Dächer, Straßen, Mensch und Tier herab.
Es war ein fein abgestimmtes Uhrwerk, der Zwist zwischen den Herrschern der Wüste und den Zauberern des Silbernen Turmes dauerte bereits so lange an, dass den geschundenen und geplagten Bürgern die Routine in Fleisch und Blut übergegangen war. Kaum war der Kampf beendet und die körperlosen Ungeheuer hatten sich zurückgezogen, nahmen sie ihre Besen und Feger zur Hand und marschierten mit grimmigen Mienen durch die Stadt, um die Überreste ihrer körperlosen Peiniger zu beseitigen.
Die Stimmung in Zeharena war mehr als angespannt.
Es gab kaum jemanden, der nicht gehörig die Nase voll von diesem Konflikt hatte und sich nach einer schnellen, einfachen Lösung sehnte. Viele wanderten einfach aus, entweder in eine der umliegenden Städte, die von den Sandgeistern verschont wurden, oder flohen mit den Karawanen, weil sie das Schauspiel nicht mehr ertragen konnten, und wer wollte es ihnen verübeln?
Die Hauptschuld wurde übereinstimmend den Zauberern des Silbernen Turmes gegeben. Immerhin waren sie es gewesen, die den Pakt mit den Gespenstern gebrochen, die uralten Bande gekappt und ihre Verbündeten verraten hatten. Die uninformierte Gesellschaft konnte nur spekulieren, was die Zauberer tief unter der Erde in ihren Kerkern und Katakomben eingesperrt und versteckt hatten. Es musste etwas sein, was den Sandgeistern heilig war, was sie um alles in der Welt wieder besitzen und zurückerlangen wollten. Ein Artefakt, ein mächtiger Zauber, munkelte man, vielleicht eine Sternenträne, einen Stein der Weisen oder das Herz eines Rattenkönigs. Die diamantene Krone des Wüstenregenten höchstselbst, die Märchen und Fantastereien nahmen kein Ende.
Im Grunde war es auch egal, was für ein Gegenstand unter Zeharena verborgen lag, wichtig war den Bürgern der Stadt nur, dass der Streit darüber, wem es denn nun eigentlich rechtmäßig gehörte, endlich beigelegt wurde.
Das Zähnefletschen der Gespenster, ihr monströses Gebaren und die ständige Zurschaustellung ihrer stürmischen Kräfte zerrte an den Nerven der Menschen, laugte sie aus, machte sie krank. Aus der Oasenmetropole Zeharena, Perle der Wüste von Egermia, Sitz des Heliodorpalastes und des Silbernen Turmes der Magie, war eine bedrückte, zerfallende, missmutige Abstiege geworden, die sich nur dank ihres zusammengesparten Reichtums, den guten Kontakten zu den umliegenden Bündnissen und Gemeinden und dem Wissen ihrer Hexenmeister über Wasser hielt.
Doch diese Zeit lief ab.
„Jetzt marschieren sie wieder zum Rathaus“, murmelte Vatias, schüttelte seinen Kopf und fegte einen weiteren Sandhaufen von ihrer Terrasse. Menul, die so tat, als würde auch sie sich auf ihren Besen konzentrieren, lauschte mit gespitzten Ohren auf die Rufe und Schreie der Protestierenden, die Kaufleute, die Wüstenbewohner und die Arbeiter, die wieder einmal nicht rechtzeitig in die Stadtmauern gelassen werden konnten, als sie vor den Toren Zeharenas zum hundertsten Mal die Schleusen des Kanals instand setzten.
Die Sandgeister fügten Menschen höchst selten direkte Gewalt zu, und meist waren es eher unglückliche Zufälle denn böswillige Absichten, wenn sich dann doch Verletzungen ereigneten. Die Zerstörung und den materiellen Schaden jedoch, den sie anrichteten, bekam hauptsächlich die Unterschicht zu spüren, die sich keine magischen Sicherheitsvorrichtungen leisten konnte oder auf die außerstädtische Infrastruktur angewiesen war, die mit jedem weiteren Gespensterangriff mehr und mehr erodierte.
„Du bist wieder mit deinen Gedanken woanders, Menul.“
„Stimmt gar nicht, ich fege doch gerade“, erwiderte Menul und beeilte sich, die letzten Sandreste zu beseitigen, während Vatias sie streng anfunkelte, sich die langen, von grauen Strähnen durchzogenen Haare aus dem Gesicht wischte und wieder den Kopf schüttelte, wie er es ständig tat.
Menul und Vatias wohnten in einem alten, großen Haus am Rande des Innenringes der Stadt, in Sichtweite der hohen, gräulichen Stadtmauern, in der etwas vernachlässigt wirkenden Hälfte des einstigen Ferienschlosses eines der Gründer des Silbernen Turmes, der, nachdem er seinen Palast durch ein noch viel größeres Monstrum, welches heutzutage als Sitz des Finanzamtes der Stadt diente, ersetzt hatte, einen von Vatias' Vorfahren über’s Ohr gehauen und ihm die noch stehenden Überreste aufgedrängt hatte. Es war von oben bis unten mit Gerümpel gefüllt, schmutzige Bücher, modrige Pergamente, antike Fundstücke, die Vatias sich auf dem Stadtmarkt angelacht hatte, ein paar echte Tiermumien, jede Menge eingestaubter Zauberkram und eine ganze Apotheke an Heilpflanzen und -kräutern aus fernen Ländern.
Als Stellvertretender Leiter des Institutes für Pharmazeutische Alchemiewissenschaften verbrachte Vatias Mahalno den größten Teil seiner Freizeit in seinem unterirdischen Labor, über Glaskolben, Chromatographieapparaturen und Brennblasen gebeugt, verätzte sich die Hände und verlor regelmäßig das Bewusstsein, weil er die Schutzmaske wieder einmal nicht korrekt angelegt hatte.
„Menul! Menul, ich rede mit dir!“
„Ich habe die letzten Vorlesungen bereits nachgeholt“, log Menul, die fünf Minuten lang dieselbe Stelle auf der Terrasse gefegt hatte.
„Das will ich auch hoffen, immerhin…“, begann Vatias seinen üblichen Sermon und ihre Gedanken schweiften augenblicklich wieder davon, drehten sich um Vemira und den Zwist innerhalb ihrer Familie, um Mindas und Magister Ribios, um all das Studienmaterial, mit dem sie sich noch zu beschäftigen hatte. Natürlich war es Vatias gewesen, der sie dazu angehalten hatte, Phantasmagorische Wissenschaften zu studieren, obwohl ihre magischen Künste kaum über einfache Telekinetikübungen hinausgingen.
Menul war keine große Zauberin, ihre Matriculation hatte sie viel zu knapp bestanden, um sich aus freien Stücken ein Studium am Silbernen Turm zuzutrauen.
Vielleicht sollte sie es Vatias einfach sagen, dass es ihr keinen Spaß machte, dass es der falsche Ort für sie war, dass sie sich unter all den Hexern und Alchemisten, die während ihrer Jugend an ihr herumgeforscht hatten, sichtlich unwohl fühlte.
Dass sie es einfach nicht wollte.
Sie starrte in die dampfende Suppe hinab, sagte Guten Appetit und nickte brav, während sich Vatias über Magister Ribios, Garenas und Bromstrang ausließ, löffelte ihr Speiseeis und saß stumm auf der Couch, im Hintergrund die Klänge von Nachts in der Wüste, Vatias‘  Lieblingsradiosendung, in der es auch heute um die wiederholten Schikanen der Sandgeister ging.
„Zwei Angriffe innerhalb einer Woche! Meine Damen und Herren, was war das denn, frage ich sie? Wir hatten uns doch so schön auf den wöchentlichen Rhythmus eingestellt, und dann tauchen die einfach doppelt auf, wo gibt es denn so etwas?!“
Heiteres Gelächter, Menul leerte ihren Eisbecher.
„Aber Spaß beiseite, meine Damen und Herren, jetzt müssen wir auch mal wieder ernst werden: mit der neuen Kanalverbindung, die uns die städtische Regierung versprochen hat, sieht es – ja, ich will jetzt mal sagen, nicht ganz so rosig aus. Wird ihnen vielleicht aufgefallen sein, dass da im Grunde nichts mehr geschieht, und wer soll es den armen Tröpfen krummnehmen? Hätte auch keine Lust, in der gleißenden Sonne monatelang immer die gleichen zwei Schrauben festzuziehen, weil unsere gespenstischen Freunde alle sieben Tage das halbe Land auf den Kopf stellen.“
Vemiras Vater verdient sich dumm und dämlich, der verkauft der Stadt nämlich die Schrauben, dachte sich Menul, den Blick auf den klaren Nachthimmel gerichtet, während sich Vatias gähnend erhob und die Veranda verließ, um sich noch einen kleinen Schnaps einzuschenken.
Stille hatte sich über Zeharena gesenkt, in der Ferne waren nur die dumpfen Motorengeräusche der Stahlfabriken zu hören, ein sanftes, kaum wahrnehmbares Vibrieren, der mechanische Herzschlag der Wüstenstadt. Menul legte ihren Eisbecher beiseite und besah sich die hellroten Schuppen ihrer Hand. Sie wirkten so furchtbar unvertraut und fremdartig.
Würde sie bald am ganzen Körper so aussehen?
Rot wie poliertes Kupfer, von Kopf bis Fuß?
Ihr gefiel die Vorstellung nicht, doch was sollte sie dagegen machen?
Sich die Schuppen wieder schwarz anfärben?
„Du solltest jetzt auch zu Bett gehen, Menul. Morgen ist – was war das?“, fragte Vatias, als ein plötzlicher, kurz aufflackernder Lichtblitz die umliegenden Dächer erhellte.
Menul zuckte mit den Schultern, unterdrückte ein Gähnen und wollte sich, ganz wie gehabt, zu Bett begeben, da durchbrach ein gellendes, fürchterliches Kreischen die Stille der Nacht.
Bevor Menul reagieren konnte, war Vatias bereits zurück ins Haus gestürmt, hatte sich seinen langen, gewundenen Zauberstab geklammert und war wieder an ihr vorbeigerauscht.
„Du! Du bleibst im Haus, Menul! Hast du mich verstanden?!“, befahl er ihr noch, bevor er davonstürmte, die sandige Straße hinab, auf die Quelle des Chaos zu, das irgendwo hinter ihnen im Inneren der Stadt ausgebrochen war.
Menul sah ihm einige Sekunden verdutzt nach, bis sie alles verarbeitet hatte, dann rannte sie ihm hinterher, ohne auf seine Warnung zu achten, denn nun war die ganze Nacht erfüllt von glühenden Blitzen und einem schaurigen, schreckenserregenden Heulen.
Vatias war zu schnell für sie, er schwang sich auf seinen Stab, der pfeilschnell in die Luft schoss und ihn davontrug, und nun begannen auch die Sirenen wieder mit ihrem Dröhnen, sodass die ganze Stadt aus dem Schlaf gerissen wurde.
Menul brauchte, obwohl sie Vatias nicht mehr folgen konnte, nicht allzu lange, den Ort des Geschehens zu finden, denn er war schwerlich zu übersehen, eine gleißende Säule aus Feuer und Licht schraubte sich über den Dächern Zeharenas in die dunkle Nacht.
Das Innenministerium, ein furchtbar hässlicher Klotz am Rande des Marktviertels, stand lichterloh in magischen, blau strahlenden Flammen, die meterhoch in den Himmel leckten und eine entsetzliche Hitze von sich gaben, die den Sand in der Umgebung des Feuers bereits in massives Glas verwandelt hatte.
Die umstehenden Zeharener schrien und johlten, klatschten und applaudierten dem lodernden Spektakel – nein, sie applaudierten einem unförmigen, wabernden Schatten, der den magischen Blitzen der ihn umkreisenden Zauberer geschickt auswich und wie eine Spinne zwischen den Dächern und Türmen der Häuser umhersprang. Menul, die völlig außer Atem am Rande der Menge stehen geblieben war, weit genug entfernt, um einer plötzlichen Explosion  noch zu entkommen, schlug erschrocken die Hände vor den Mund, als das Wesen in den Schein der blauen Feuersbrunst sprang und sich dem begeisterten Publikum zu erkennen gab.
 
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