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Vengeance is an idiot's game

GeschichteLiebesgeschichte, Action / P18 / Het
Arthur Morgan Charles Smith Dutch van der Linde John Marston Mary-Beth Gaskill Sadie Adler
23.05.2021
22.07.2021
14
44.445
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22.07.2021 3.537
 
Der Name meines Mannes hallte in meinem Kopf wieder und glaubte ich zunächst, ich hätte mich verhört.
Das konnte einfach nicht sein. Es durfte nicht sein!
Als wenn sich meine Füße in Wurzeln verwandelt hätten und ich am Boden festgewachsen wäre, stand ich bloß da und starrte ins Leere.
Nur am Rande bekam ich mit, wie Arthur die Schwarzhaarige fragte, ob sie sich wirklich sicher sei, dass es Fussar gewesen war.
Als sie bejahte, fing es in meinen Ohren an zu rauschen.
Jeder Muskel in mir zog sich unangenehm zusammen und mein Puls schoss in der Geschwindigkeit in die Höhe, wie eine Kugel, die man aus einer Waffe abfeuerte.
Wieso in Gottes Namen war dieser Mann in Valentine gewesen?
Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass das ein Zufall war.
Suchte er etwa nach mir? Vielleicht schon seit Monaten?

Nach dieser langen Zeit hatte ich die Misshandlungen von meinem Ehemann weit in mir vergraben.
Und ich hatte niemals damit gerechnet, dass ich irgendwann nochmal seinen Namen hören würde.
Gegenüber jedem anderen Mann konnte ich die furchtlose taffe Ava sein, aber bei ihm?
Mir kamen die Bilder wieder in den Sinn, wie er mich jedes Mal geschlagen und erniedrigt hatte.
Wie er mich im Bett genommen hatte, wie ein Stück Fleisch und danach verschwunden ist, als wäre nichts passiert.
Und plötzlich spürte ich etwas, was ich seit jener Nacht, in der mein Vater getötet worden war, nicht mehr gespürt hatte.
Angst.
Ich hatte Angst, dass ich irgendwann Alberto wiedersehen würde und vor allem Angst davor, was er mit mir machen würde.
Dabei konnte ich mich doch nun verteidigen und wusste, wie man tötete.
Aber würde er vor mir stehen, war ich nicht sicher, ob ich die Kraft dazu hätte dieses Wissen bei ihm anzuwenden.

Aus dem Nichts spürte ich, wie mich eine Hand an der Schulter berührte.
"...va, ist alles in Ordnung?"
Kurzerhand erwachte ich aus meinem kleinen Schock und erkannte die blauen Iriden direkt vor mir.
"Miss Ava, hören Sie mich? Geht es Ihnen gut?", wollte Arthur mit ernster Stimme wissen und schüttelte mich sanft.
Doch wegen der Erinnerungen, die immer noch durch meinen Kopf sausten, entzog ich mich seiner Berührung und wich hastig einen Schritt zurück.
Ich rieb meine schwitzigen Hände aneinander und meine Pupillen huschten agitiert von links nach rechts.
"Miss, was ist denn los mit Ihnen. Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen?", wollte nun John wissen, welcher ebenfalls noch neben dem Blauäugigen stand.
Pah, wenn's nur ein Geist gewesen wäre, wäre ich froh drum.
Abigail war scheinbar wieder zurück zu ihrem Sohn gegangen, denn sie war nicht mehr hier.

Schließlich atmete ich tief ein und aus und zählte innerlich bis drei, sodass ich mich wieder einigermaßen sammeln konnte.
"Es tut mir leid. Ich war bloß in Gedanken versunken", log ich und war mir sicher, dass Mister Blauauge mir das sowieso nicht abkaufen würde, aber etwas Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein.
Ganz sicher würde ich ihm nicht sagen, dass Alberto mein Mann war.
Dann würde er mir vermutlich erst recht misstrauen.
Denn so, wie ich es mitbekommen hatte, hatte mein Mann irgendetwas getan, was sie ihm übel nahmen.
Arthur stierte mich mit einem skeptischen Blick an und sah dann wieder zu dem Narbengesicht.

"John, geh du schonmal vor zu Dutch und erzähle ihm von Fussar, ich werde mich noch kurz mit der Miss unterhalten."
"Geht klar", murmelte John und schaute nochmal kurz mit einem vielsagenden Blick zu mir, ehe er sich verkrümelte.
Als er verschwunden war, deutete mir der Blondhaarige mit seiner Hand in Richtung meines Schlafplatzes zu gehen.
Dort angekommen, wandte er sich mir zu und musterte mich eindringlich.
"Sagen Sie mir bitte mal, warum Sie gerade so reagiert haben, als Abigail erwähnt hat, dass sie Fussar in Valentine gesehen hat? Kennen Sie den Mann etwa?"
Die Skepsis stand ihm ins Gesicht geschrieben.
"Nein, ich habe Ihnen doch gesagt, ich war mit den Gedanken woanders. Das ist alles!", gab ich gespielt beleidigt von mir und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ich hatte mich zum Glück wieder gefangen und konnte mich wieder auf meine Worte konzentrieren.
Lügen fiel mir ja Gott sei dank nicht schwer.

"Wie Sie meinen Miss...", sprach der Blauäugige scheinbar gelassen.
Komisch, denn ich hatte jetzt mit mehr Gegenwind gerechnet.
"Sie bleiben hier an Ihrem Schlafplatz. Ich werde jetzt zu John und Dutch gehen, danach bin ich wieder da."
Genervt ließ ich mich auf den Boden sinken.
Warum musste ich jetzt hier an meinem Platz auf ihn warten?
"Charles!", rief Arthur dem Halbindianer zu, der gerade übers Camp lief.
"Bleib bitte kurz bei ihr, ich muss eben zu Dutch."
Charles nickte stumm und kam in meine Richtung also Mister Blauauge auch schon in dem großen Zelt des Anführers verschwand.

Während ich wartete und Charles ein paar Meter entfernt stand und seine Waffen reinigte, dachte ich darüber nach, was die Bande wohl mit Alberto zu tun haben könnte.
Abigail hatte was davon gesagt, dass es Dutch interessieren würde, dass er in Valentine war, nachdem mein Ehemann ihm durch die Lappen gegangen ist.
Wann soll das gewesen sein und vor allem warum?
War Alberto vielleicht doch nicht auf der Suche nach mir, sondern van der Linde?
Doch mein Bauchgefühl teilte mir mit, dass es was mit mir zu tun haben musste und leider wusste ich nur zu gut, das mein Bauch mich noch nie im Stich gelassen hatte.
Seufzend zog ich meine Knie an und legte den Kopf darauf ab, da er sich auf einmal so träge anfühlte.

Ich war verdammt nochmal hierhergekommen, um Dutch zu töten und nun passierte eine Scheiße nach der anderen.
Wenn ich mich jetzt auch noch mit Alberto auseinandersetzen musste, würde das hier alles ganz sicher in einem riesigen Chaos enden.
Verdammt Ava, reiß dich gefälligst zusammen und erinnere dich daran, wer du geworden bist, mahnte ich mich innerlich und schluckte die aufkommende Welle an Gefühlen sofort hinunter.
Abwesend zupfte ich neben mir etwas Gras aus der Erde und zwirbelte die Halme zwischen meinen Fingern.
Oh nein, ich durfte verdammt nochmal nie mehr zulassen, dass die Ava von damals zum Vorschein kam.
Die zerbrechliche, ängstliche, schwache Ava, die ihren Mund nicht aufbekam.
Erst recht vor meinem Ehemann durfte ich mich nie wieder so zeigen.
Doch tief im Inneren rief mir die Stimme meines alten "ich" zu, dass sie sich nicht war, ob ich sie Kraft dazu besaß Alberto je die Stirn zu bieten.
Und dafür hasste ich sie zum Teil. Hasste mich zum Teil. Jenen Teil, der seither tief in mir schlummerte.
Ich ließ die Grashalme fallen und ballte meine kleine Hand zur Faust.

"Was haben Sie denn jetzt wieder?", hörte ich brüsk den Klang der Stimme von Mister Blauauge und riss meinen Kopf hoch.
Ich hatte überhaupt nicht mitbekommen, wie er neben mich getreten war.
Warum musste der sich auch immer so anschleichen?
Vielleicht war er ja in seinem früheren Leben ne Katze gewesen.
Na ja eher eine Raubkatze... eine große muskulöse Raubkatze.
Shit! Wo kam dieser Gedanke her?
Prompt stand ich geschmeidig auf und sah zu ihm hoch.
"Was soll sein? Die Sonne scheint, die Vögel singen, ein schöner Tag jemanden umzubringen, oder?", lachte ich heiter und grinste Arthur belustigend an.
Nun rechnete ich mit einem dummen Konterspruch, aber nichts dergleichen passierte.
Stattdessen verengten sich seine Augen zu Schlitzen, die dadurch gefühlt so schmal wie Streichhölzer waren.
Was hatte der denn jetzt auf einmal?

"Kommen Sie mit Miss, wir machen einen kleinen Ausflug", brummte der Blauäugige und machte eine Kopfbewegung Richtung seines schwarzen Turkmenen.
Er wartete nicht bis ich vorausging, sondern lief sofort los und schwang sich den Sattel, welcher augenscheinlich aus Krokodilleder war.
Stirnrunzelnd ging ich zu ihm und als er mir seinen Arm reichte, hielt ich mich daran fest, um mich hinter ihn zu setzen.
Irgendwie war er plötzlich so komisch. Mein Bauchgefühl wurde von Sekunde zu Sekunde schlechter.
"Wo geht's denn hin Mister Blauauge?", fragte ich gespielt amüsant.
"Werden Sie schon sehen!", raunte er mir kalt zu und schnalzte daraufhin mit der Zunge.
Widerwillig hielt ich mich an seinen Hüften fest und schluckte schwer, denn ich ahnte nichts Gutes.
Aber wenn er was im Schilde führte, wäre ich darauf gefasst.
Der dachte anscheinend immer noch, das ich so ein kleines dahergelaufenes Mädchen wäre, was nichts mitbekam.
Lächerlich. Einfach lächerlich!

***

Wir waren vielleicht ca. eine halbe Stunde schweigend geritten und befanden uns nun in einem dicht bewachsenen Wald.
Ich war mir sicher, dass es der gleiche Wald war, in den ich den Bären gelockt hatte.
Was bitte genau wollte Mister Blauauge hier?
Hier gab es weit und breit nichts außer Bäumen, Bäumen und... Büschen.
Na ja und natürlich Bäume, aber das war's auch.
"Was wollen Sie hier?", sprach ich meine Frage direkt aus, wurde jedoch nur mit weiterem Schweigen von Arthur belohnt.
Kaum eine Minute später brachte er seinen Hengst zum Stehen und sprang vom Pferd.
Ich tat es ihm gleich und ließ mich an der Seite des Vierbeiners hinunterrutschten.

Als er seinen Turkmenen an einem dickeren Ast festgebunden hatte, kam er auf mich zu.
"Also wenn Sie jetzt mal pinkeln müssen, sagen Sie es bitte vorher, dann dreh ich mich definitiv um. Den Anblick muss ich mir nicht antun", raunte ich ihm zu, als er einige Zentimeter vor mir stehen blieb.
Gott, was war der denn auf einmal so nah.
Wollte der ne Schmuse Einheit oder brauchte er ne Schulter zum Ausweinen?
Normal war sein Verhalten jedenfalls nicht.
Auch seine Miene blieb bei meinen Worten emotionslos und so langsam gingen meine Alarmglocken an.
Wollte er mich hier etwa töt-.

"Wer sind Sie Miss?", wollte er trocken wissen und seine stechend türkis-blauen Iriden beobachteten mich genau.
In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken und ich konnte mir nicht erklären, wie er nun darauf kam.
"Sie wissen doch, wer ich b-."
"Nein! Ich rede nicht davon, wie Sie heißen, ich rede davon, welches Leben sie in Wahrheit führen Miss!".
Er klang überaus zornig und bedrohlich und in meinem Hirn ratterte es langsam.

Seit Arthur im Zelt mit Dutch geredet hatte, war er so komisch zu mir.
Wusste Dutch etwa, dass ich Tochter von dem Mann war, den er ermordet hatte?
Hatte er es vielleicht irgendwie herausgefunden und jetzt Arthur beauftragt, er solle mich zur Rede stellen und anschließend umbringen?
Meine Muskeln zogen sich zusammen und ich nahm eine abwehrende Körperhaltung ein.
"Was ich für ein Leben vor dem Indianerreservat geführt habe wissen Sie doch. Und darüber will ich nicht weiter sprechen!"
Schließlich hatte ich Dutch und ihm im Zelt gesagt, dass mein Mann mich früher geschlagen hatte und das stimmte ja auch.
Moment mal!
Vielleicht ging Arthur auch davon aus, dass ich Fussar kannte, da ich so komisch reagiert hatte, als ich seinen Namen von Abigail gehört hatte.
Aber ich war mir einfach nicht sicher.
Möglicherweise war es auch etwas ganz anderes, was hier vor sich ging.

"Oh doch, und Sie werden jetzt darüber sprechen Miss! Ich weiß, dass Sie mich anlügen!"
Der Blauäugige trat noch einen Schritt näher an mich heran, sodass ich nun den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen.
Herrgott, so bekam ich nur Nackenschmerzen.
Er konnte gefälligst auch mit mir reden, wenn er sich einen Meter wegstellte.
Als ich automatisch einen Schritt zurückweichen wollte, hielt er mich an meinen Oberarmen fest.
Ich zog wütend meine Augenbrauen zusammen und drückte meine Hände gegen seine breite Brust.
"Lassen Sie mich los! Wenn Sie Kuscheleinheiten wollen, gehen Sie gefälligst zu einer von den anderen Frauen!", brüllte ich schon fast und funkelte ihn böse an.
"Sie bekommen gleich eine Kuscheleinheit mit meinem Revolver, wenn Sie mir jetzt nicht die Wahrheit sagen. Woher kennen Sie Alberto Fussar mh?!"

Kurz machte ich große Augen, da er offenbar doch eine Ahnung hatte.
Wollte er etwa über mich an meinen Mann rankommen und mich als Köder benutzen oder wollte er bloß Informationen und mich dann hier auf der Stelle umbringen?
Ich war mir sicher, eins von beidem stand ihm im Sinn.
"Verdammt, ich kenne diesen Fussar nicht!", log ich meiner Meinung nach recht überzeugend.
Aber kaum hatte ich den Satz beendet, glühten seine Augen vor Zorn förmlich.
"Lügen Sie mich nicht an!", schrie er nun sichtlich außer sich und ich zuckte kaum merklich zusammen.
Es war nicht so, als dass ich Angst vor ihm hatte, aber ihn so zu sehen und immer noch seinen festen Griff um meine Arme zu spüren, bereitete mir nun doch etwas Unbehagen.
Am liebsten würde ich ihm eine knallen, aber das schien mir gerade nicht die schlauste Idee zu sein, wenn ich das hier überleben wollte, also ließ ich es vorerst.

Dennoch wollte ich ihm nicht sagen, dass Alberto mein Mann war und er hatte auch keine Beweise dafür, dass ich ihn kannte.
Denn würde ich die Wahrheit sagen, bestand die Gefahr, dass ich Alberto schneller wiedersehen würde, als mir lieb war... vorausgesetzt Mister Blauauge hier ließ mich am Leben.
"Herrgott, ich sage es ihnen zum letzten Mal, ich ke-."
"VERDAMMT NOCHMAL!", brüllte Arthur und presste mich gegen einen dicken Baum, der sich unweit hinter mir befand.
Ich starrte ihn mit offenem Mund und rasendem Puls an.
Sein Gesicht war bloß noch wenige Zentimeter von meinem entfernt und ich nahm seinen intensiven Geruch war.
Da machte er sich plötzlich an meiner weißen Bluse zu schaffen und riss meinen Ärmel herunter, sodass meine linke Schulter freigelegt wurde.

Hatte der Kerl sie noch alle?
Mister Blauauge war vielleicht vieles, aber ein Vergewaltiger war er ganz sicher nicht.
Doch genau den Anschein machte er gerade und ich konnte kaum glauben, wie sehr ich mich offenbar getäuscht hatte.
Ich hatte mir geschworen, dass mir so etwas nie wieder passierten würde.
Spätestens jetzt war mein Geduldsfaden gerissen.
Als Reaktion holte ich aus und knallte ihm mit voller Wucht eine, wodurch er einen kleinen Schritt zurücktrat und mich geschockt ansah.
"Wenn Sie sich an mir vergehen wollen Sie Arschloch, dann nur über meine Leiche!", schrie ich und ging in Kampfstellung.
Arthur fasste sich kurz prüfend an den Kiefer und als er scheinbar feststellte, das noch alles an Ort und Stelle war, legte er seine Hand an seinen Waffengürtel.
Seine Augen fanden meine und in seinem Blick lag kein Zorn mehr.
"Das Letzte, was ich vorhabe, ist Ihnen etwas anzutun Miss!"
Sein Worte, die jetzt unheimlich sanft über seine Lippen kamen, verwirrten mich nur noch mehr.
"Was?", flüsterte ich mit ungläubigem Gesichtsausdruck.
Er zeigte auf meine nackte Schulter und ich folgte seinem Blick.

"Diese Dreiecks-förmige Narbe, die Sie da haben. Die bestätigt meine Vermutung."
Mit Fragezeichen über dem Kopf schaute ich ihn wieder an.
"Sie waren damals auf der Gartenparty in Saint-Denis. Sie wurden von Hobert Crawley bedrängt und ich habe Ihnen geholfen. Da habe ich Ihre Narbe entdeckt. Sie erinnern sich mit Sicherheit daran..."
Er schaute mich nun schon fast bemitleidend an und genau das hatte ich sowas von Satt.
Aggressiv zog ich mir den Ärmel der Bluse wieder über die Schulter, welcher jetzt ein wenig ausgeleiert war.
Aber zum Teufel, wieso war ich nicht eher auf die Idee gekommen, dass er womöglich die Narbe gesehen haben könnte.
Doch an dem Abend hatten mich die blauen Flecken eben mehr beschäftigt, als eine blöde Narbe, die ich mir als Kind durch einen dummen Sturz vom Pferd zugezogen hatte.
Zu meinem Nachteil hatte ich jetzt jedoch keine guten Einfälle mehr ihm weiter irgendwas vorzulügen.

"Wie lange wissen Sie es schon? Dass ich die Frau von der Gartenparty bin, meine ich?"
Mit meiner Gegenfrage hoffte ich, ich würde ihn vielleicht etwas länger hinhalten können.
"Als wir den Zug überfallen und Sie Ihren Hut verloren haben, sodass Ihnen Ihre Haare über die Schultern gefallen sind, hatte ich das erste Mal die Vermutung, aber ich war mir nicht ganz sicher.
Es war zum einen dunkel und zum anderen sahen sie auch anders aus als damals und verhielten sich vor allem anders. Also verwarf ich den Gedanken wieder."
Arthur sprach ruhig und kratzte sich an seinem stoppeligen Kiefer.
"Nachdem Charles Sie mit ins Camp geschleppt hatte, dachte ich zunächst, dass ich mich wirklich geirrt hatte, da Ihre Ausdrucksweise und Ihre Art so gar nicht der Frau von der Gartenparty entsprach.
Trotzdem kam mir der Zufall schon komisch vor, dass Sie plötzlich bei uns auftauchten, nachdem Sie in dem Zug gesessen haben, den wir überfallen hatten."
Er verschränkte die Arme vor der Brust und wirkte nachdenklich.
Ich hatte mich inzwischen mit dem Rücken an dem Baum gelehnt und überlegte, wie ich aus der Geschichte glimpflich herauskommen würde... ohne die Wahrheit zu sagen, verstand sich.

"Doch als Sie in dem Zelt saßen und erzählten, dass Sie früher geschlagen worden sind, erinnerte ich mich an die blauen Flecken und hatte erneut die Vermutung."
Er machte einen Schritt auf mich zu und atmete schwer aus.
"Und heute Morgen, als Sie so komisch reagierten, als Abigail den Namen Alberto Fussar erwähnte, wurde mir klar, dass Sie die Frau von damals sein mussten. Sie schienen sich ertappt zu fühlen und das sagte alles!"
Er lachte leise. Mir dagegen war ausnahmsweise mal nicht zum Lachen zumute.
"Und ich erinnere mich auch daran, dass Sie damals neben Fussar gestanden haben beim Feuerwerk!"
Gott verdammt, warum hatte Mister Blauauge so ein scheiß gutes Gedächtnis?
Meine Verzweiflung ließ ich mir nicht anmerken und schwieg weiter.

"Ich habe dann im Zelt mit Dutch über die Sache geredet und er hat mir gesagt, ich solle mit Ihnen ein Stück wegreiten und Sie zur Rede stellen."
Seine Stimme war ernst, aber dennoch unfassbar ruhig und ich fragte mich, was in ihm gerade wohl vorging, nachdem er eben erst noch so sauer gewesen war.
"Und dann? Sollten Sie mich dann etwa umbringen, wenn ich Ihnen verraten habe, was Sie hören wollen?", keifte ich ihn nun an.
Er seufzte und schüttelte kaum merklich den Kopf.
"Wie gesagt Miss, ich hatte nicht vor Ihnen etwas anzutun."
"Ja, das hatten Sie erwähnt. Und wieso drohten Sie mir dann gerade noch mit Ihrem Revolver?"
Er musste sich offensichtlich ein Lächeln verkneifen und das machte mich rasend.
"Tja wissen Sie... Meine Drohungen wirken immer. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich sie in die Tat umsetze. Zumindest nicht bei Ihnen."
Kurz schien es mir so, als zwinkerte er mir zu, aber das musste ich mir eingebildet haben.
"Aber das heißt ja nicht, dass Dutch nicht vorhat mir etwas anzutun, oder?", fuhr ich zornig fort.
Ich konnte mir gut vorstellen, dass van der Linde mich genauso entsorgen würde, wie meinen Dad.
"Was Dutch gesagt hat, spielt keine Rolle. Sie müssen mir jetzt einfach die Wahrheit sagen... bitte Miss. Wir beide wissen, dass Sie mir nicht alles erzählt haben."
Seine plötzliche unfassbar freundliche Stimme holte meinen Puls komischerweise wieder etwas runter und das irritierte mich extrem.

Er machte noch einen Schritt auf mich zu, sodass jetzt wieder zu wenige Zentimeter zwischen uns lagen.
Und schon wieder wollte er scheinbar kuscheln... Ugh!
Der Blauäugige beugte sich ein wenig zu mir herunter, sodass sein Gesicht direkt vor meinem war und musterte mich eindringlich.
"Machen Sie mit Fussar gemeinsame Sache? Hat er Sie zu uns geschickt, um uns auszuspionieren, damit er einen Hinterhalt planen kann. Hat er vielleicht etwas gegen Sie in der Hand? Sie können es mir sagen."
Seine Worte hörten sich auf einmal einfühlsam an.
Es schien fast so, als täte ich ihm leid, dass ich von Alberto in die Bande geschleust worden war.
Als täte es ihm leid, dass ich überhaupt etwas mit ihm zu tun hatte.
Doch ich wusste es natürlich besser. Wusste, dass der Grund ein völlig anderer war.
Einer, den ich nicht aus den Augen lassen durfte!
Und mit einem Mal machte es mich wütend, dass das wohl die einzige Idee war, die ihm in den Sinn kam.
Dass er wohl dachte, ich wäre nicht stark genug mich gegen jemanden wie Alberto zur wehr zu setzen.
Der Zorn brodelte wieder in mir und ich stieß ihn mit voller Kraft weg, was ihn jedoch bloß dazu brachte, einen Schritt zurückzutreten.
Er sah mich verwirrt an.

In diesem Moment übermannte mich die Raserei und ich beschloss, ohne weiter nachzudenken, ihm seine heißersehnte Wahrheit mitzuteilen.
"Nein Sie Idiot, ich bin nicht von Alberto in die Bande geschleust worden. Als ich im Zelt erzählte, dass mein Mann mich früher geschlagen hatte, war das die Wahrheit und das wissen Sie ja am besten, nachdem sie damals die Blutergüsse gesehen haben!"
Ich machte wütend einen Schritt auf ihn zu.
"Diese stammten im Übrigen nicht von dem Fettsack Hobert Crwaley, sondern von meinem Ehemann Alberto Fussar, vor dem ich vor über neun Monaten geflohen bin, als ich es nicht mehr ausgehalten habe!!!"

Stille füllte die Atmosphäre aus.
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