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Vengeance is an idiot's game

GeschichteLiebesgeschichte, Action / P18 / Het
Arthur Morgan Charles Smith Dutch van der Linde John Marston Mary-Beth Gaskill Sadie Adler
23.05.2021
09.09.2021
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87.140
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14.07.2021 3.493
 
Als wir mit dem Wagen endlich wieder im Camp ankamen, stieß ich einen erleichterten Seufzer aus.
Nachdem Arthur mit mir auf dem Gaul zurück bei den Frauen angekommen war, hatte er den Vierbeiner wieder vor den Wagen gespannt und mich zu den anderen auf die Ladefläche gepackt.
Ich hatte mir den Rest der Fahrt über von ihnen anhören dürfen, wie mutig und gleichzeitig dumm es ja von mir gewesen wäre im Alleingang diesen riesigen Grizzly wegzulocken.
Jedoch hatte ich bei den Frauen mehr Ehrfurcht als Tadel heraushören können, doch ich wollte einfach nur noch meine Ruhe haben.
Meine Ohren waren vollkommen verstopft von dem ganzen Gequatsche.

Eilig stand ich auf und sprang mit immer noch gefesselten Händen von dem Wagen.
Kurz versteifte ich mich, denn mein Bauch tat nun noch mehr weh als vor der Nahtoderfahrung.
Doch als ich mich grade hinstellte, schaffte ich es den Schmerz wegzuatmen.
Nach wie vor war ich stinksauer auf den Blauäugigen wegen der zusammengebundenen Hände und als er um den Wagen herum zu mir trat, warf ich ihm einen düsteren Blick zu.
Diesen erwiderte er mit einem schadenfrohen hochgezogenen Mundwinkel.
Dem würde das Lachen schon noch vergehen, wenn ich mit ihm fertig war.
Gerade wollte ich davon trotten, um nach Charles zu suchen und ihn zu bitten mich loszuschneiden, als Arthur nach meinem Unterarm griff.
Er zückte sein Messer, was in der Nachmittagssonne aufblitzte und schnitt das Seil um meine Handgelenke durch.

"Ich hoffe, das war Ihnen eine Lehre fürs nächste Mal. In Zukunft hören Sie gefälligst auf mich. Und hier im Camp bleiben Sie da, wo ich Sie sehen kann, klar?", sprach er übertrieben ernst, als ich ihn verwundert anblickte.
Damit, dass er mich sofort von den Fesseln befreite, wenn wir hier ankommen würden, hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
Doch wenn er dafür ein Dankeschön erwartete, konnte er bis in die Ewigkeit warten.
"Aber sicher doch", gab ich voller Sarkasmus in meiner Stimme zurück und zog eine Augenbraue nach oben.
Ich wartete nicht auf eine Antwort, sondern schaute runter auf meine Handgelenke, welche von dem rauen Seil leicht gerötet waren.
Nichts, was mich weiter störte.

"Verzeihung Miss..."
Überrascht riss ich den Kopf hoch und schaute den Blauäugigen an.
"Wenn ich das Seil zu fest gebunden habe, tut mir das leid. Das war nicht meine Absicht."
Während seiner Worte hatte er sich den Hut vom Kopf genommen und fuhr sich leicht verunsichert durch die Haare.
Was war denn jetzt mit dem verkehrt?
"Fragen Sie Miss Grimshaw nach einer Salbe oder etwas ähnlichem. Sie wird bestimmt etwas haben, was die Rötung schnell abklingen lässt", murmelte der Blondhaarige und setzte sich den Hut wieder auf.
Perplex musterte ich ihn und versuchte in seinen Iriden zu erkennen, ob er seine Worte gerade ernst meinte... es schien mir jedenfalls so.
Wenn er so weiter machte, würde er bald noch weich wie ein Babypopo werden.
Ohne ihm etwas entgegenzusetzen, drehte ich mich einfach um und stiefelte davon Richtung Charles, der am Lagerfeuer saß.

***

Es waren bereits zwei oder drei Stunden ins Land gezogen, in denen ich mich viel mit Charles und auch der ein oder anderen Person im Camp unterhalten hatte, während ich am Lagerfeuer gehockt und die Flammen beobachtet hatte.
Zwischendurch hatte ich mich dann tatsächlich dazu durchgerungen Miss Grimshaw von meinem schmerzenden Bauch zu erzählen und sie hatte mir ein paar Medikamente gegeben.
Eine Salbe für meine Handgelenke hatte ich abgelehnt, denn die taten nun wirklich nicht besonders weh.
Es dämmerte inzwischen und die Stimmung im Camp schien immer ausgelassener zu werden.
Das Knistern und Knacken der Lohe ließ mich langsam auch tatsächlich etwas mehr entspannen.
Der Whisky und die eingenommene Medizin taten ihr Übriges.

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen hier mit niemandem großartig zu reden, aber das war in dieser Bande nahezu unmöglich.
Alle waren so nett, dass ich am liebsten gleich mehrere Regenbogen, Herzchen und Blümchen im Strahl kotzen würde.
Mir kam es überhaupt nicht so vor, als wäre ich von Kriminellen umgeben.
Vor allem Charles und die drei Frauen Mary-Beth, Tilly und Karen schienen mich wirklich zu mögen.
Man könnte schon fast meinen, ich war ihnen irgendwie schon wichtig.
Dabei kannte ich sie kaum.
Die Frauen noch weniger als den Halbindianer.
Aber für sie schien das fast schon normal zu sein jemanden so schnell ins Herz zu schließen.
Mir war das absolut fremd und es bereitete mir mehr und mehr Unbehagen zu wissen, dass ich hier scheinbar gemocht wurde.

Arthur hatte mich seit der Ankunft hier in Ruhe gelassen, aber ich konnte ihn immerzu in meiner Nähe sehen mit seinen aufmerksamen Blicken auf mir.
Gerade stand er wenige Meter vom Lagerfeuer entfernt und unterhielt sich mit John.
Am Rande bekam ich irgendwas davon mit, dass der Dunkelhaarige am nächsten Tag nach Valentine wollte zu einer Frau, um sie zu überzeugen zurückzukommen.
Mein Zuhören wurde jedoch unterbrochen, als ich Hufgetrappel vernahm und auch die anderen reckten ihre Köpfe in die Richtung des Geräuschs.
Durch die beginnende Dunkelheit konnte ich bloß die Umrisse von drei Männern erkennen, die von ihren Pferden stiegen und dann auf das Lagerfeuer zukamen.
Als ich plötzlich Dutch erkannte, schnürte sich meine Kehle zu und unvermittelt hatte ich einen Druck auf der Brust, so als wenn jemand einen schweren Stein darauf legen würde.

Van der linde warf mir einen kurzen misstrauischen Blick zu, spazierte aber dann zu Arthur und John.
"Seht mal, wer sich uns wieder angeschlossen hat", flötete der Anführer fröhlich, doch ich hörte nicht weiter zu und wandte meinen Kopf, um diesen Scheißkerl nicht mehr in meinem Sichtfeld zu haben.
Ich drückte meine ineinander verschränkten Hände fest zusammen, sodass meine Finger knackten.
Kaum zu glauben, aber in der Zeit, in der wir in Valentine gewesen waren, hatte ich diesen Mistkerl tatsächlich kurzzeitig vergessen.
Bestimmt lag das daran, dass mich Mister Blauauge mit seiner nervtötenden Art die ganze Zeit abgelenkt hatte.
Natürlich war der Schwarzhaarige mir wieder eingefallen, als ich wieder hier angekommen war.
Man hatte mir bereits erzählt, dass er mit Bill, einem nach schweiß riechenden stämmigen Kerl mit Bart unterwegs war, um die Gegend zu erkunden.
Wobei Schweißgeruch eigentlich noch eine Wohltat für die Nase war im Gegensatz zu dem Gestank, der von diesem Kerl ausging.
Jedoch hatte ich während meiner Unterhaltungen auch das verdrängt und es schon fast genossen ihn hier nicht um mich haben zu müssen.
Leider Gottes war das hier aber nicht meine Bande, sondern seine und ich durfte verdammt nochmal nicht vergessen, warum ich hier war!
Bei dem Gedanken biss ich mir vor aufsteigendem Zorn ein wenig zu kräftig auf die Unterlippe.

Charles war in der Zwischenzeit aufgestanden und als ich gerade erneut an meinem Whisky nippte, erkannte ich im Augenwinkel, wie sich jemand neben mich setzte.
Als ich den Kopf drehte, sah ich einen dreckig grinsenden Mann mit blonden kinnlangen Haaren und einem dicken Schnauzbart, der ihm ebenfalls bis zum Kinn runterwuchs.
Innerlich schüttelte ich mich bei dieser scheußlichen Visage bereits vor Ekel.
Doch ich hatte den Typen hier noch nie gesehen.
"Na, hallo meine Liebe, wie es aussieht, haben wir wohl Frischfleisch bekommen", sprach er in grunzendem Ton und ich nippte wieder an dem Fusel in der Hoffnung, der brennende Alkohol in meiner Kehle würde diesen widerlichen Anblick etwas erträglicher machen.
Im Gegensatz zu den anderen hier war dieser Typ mir auf Anhieb absolut unsympathisch.
Aber seine Stimme kam mir irgendwie bekannt vor.

"Wenn du von mir redest, solltest du dir lieber überlegen, was du als Nächstes sagst", gab ich flüsternd in scharfem Ton von mir, ohne ihn weiter anzusehen.
Stattdessen richtete ich meine Augen wieder zu den warmen Flammen.
Dieser Anblick war schöner... viel schöner.
"Ohooo, du bist ja eine ganz taffe!"
Der Kerl lehnte sich mit seinem Oberkörper etwas weiter zu mir herüber.
"Frage mich, wie taff du noch bist, wenn wir beide mal allein sind", raunte er mir mit einem gierigen Blick in seinen Augen zu, der die Wut in mir erneut entfachte.
Nun sah ich ihm direkt in seine trüben Augen und verzog meinen Mund zu einem schiefen Lächeln.
"An deiner Stelle würde ich es lieber nicht herausfinden wollen!", konterte ich bedrohlich und beobachtete genau jede seiner Bewegungen.
Diesen elendigen Dreckssack würde ich mir nach Dutch auch noch vorknöpfen.
Nun Schien der Typ ziemlich sauer zu werden, denn ich erkannte, wie seine Hand in Richtung seines Messers glitt.
'Versuchs ruhig, du haariges Schwein', dachte ich mir.

"Micah!"
Aus heiterem Himmel tauchte Mister Blauauge hinter uns auf und legte seine große Hand auf die Schulter meines Sitznachbarn.
Ich konnte sehen, wie sich seine Finger in die Haut des Typs bohrten, der offenbar den Namen Micah trug.
"Verschwinde gefälligst und lass die Frau in Ruhe! Es sei denn, du willst morgen ohne Kopf aufwachen!"
Arthurs Stimme war rau und ließ keine Widerworte zu.
Denn so bedrohlich, wie er gerade mit ihm redete, hatte er auch mit mir im Zug geredet, als ich mein Halstuch nicht hatte abnehmen wollen.
Und was danach passiert war, wusste ich noch zu gut.
Micah stand abrupt von dem dicken Baumstamm auf und zog seine Schulter weg, sodass der Blauäugige ihn losließ.
"Du hast mir gar nichts zu Sagen Kuhtreiber, du bist hier nicht der Boss!", gab der Schnauzbärtige aggressiv von sich.
Ohoh... das waren definitiv nicht die schlausten Worte von ihm.

Amüsiert beobachtete ich das ganze und nahm einen weiteren Schluck Alkohol.
Das war ja besser, als eine Theatervorstellung!
Arthur wollte gerade etwas erwidern...
"Aber ich bin der Boss Micah! Also komm her und lass die Miss in Ruhe!", befahl Van der linde rau und kaum merklich zuckte ich zusammen.
Wieder musste ich mich extrem bemühen meinen aufkommenden Zorn im Keim zu ersticken.
Wie sollte ich das bloß über mehrere Tage oder gar Wochen mit diesem Arsch hier aushalten?
Statt mich zu ihm umzudrehen, lagen meine Pupillen weiter auf den beiden Männern neben mir.
Auch ich war inzwischen aufgestanden.
Micah zögerte noch und stierte Arthur mit einem grimmigen düsteren Blick an.
Er wollte wohl angsteinflößend wirken, aber ich musste mich beherrschen ihm nicht zu sagen, wie dämlich er aussah.

"Hast du den Boss nicht gehört?", fragte Arthur sichtlich schadenfroh und hob eine Augenbraue an.
"Na los! Hopp hopp!", fügte er hinzu und schnalzte mit der Zunge, so als würde er versuchen ein Pferd in Bewegung zu setzen.
Nun konnte ich mir ein leises Kichern nicht verkneifen... Es war einfach zu lustig.
Daraufhin sahen mich beide Männer an.
Wenn Arthur mit mir so redete, war das selbstverständlich was anderes aber ihn mit diesem Widerling so reden zu sehen, als wäre er ein Gaul, ließ mich innerlich Tränen lachen.
Micah gab Mister Blauauge noch einen letzten tödlichen blick und stapfte dann zu Van der Linde.
"Dir wird das Lachen noch vergehen Süße!", flüsterte er mir noch im Vorbeigehen zu, doch ich reagierte nicht darauf.
Ich freute mich schon ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Trotzdem war ich nun doch verwundert darüber, dass Dutch sich scheinbar für mich eingesetzt hatte... aber ich war mir sicher, das hatte er nur wegen Arthur gemacht.
Dieser wiederum musterte mich mit einem vielsagenden Blick und ich hob fragend die Hände.
"Was denn!?", wollte ich unschuldig wissen und verdrehte die Augen.
"Sie gehen jetzt besser schlafen Miss, der Alkohol bekommt Ihnen wohl nicht gut."
Genervt atmete ich aus und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Sind Sie jetzt mein Papi oder was?"
Noch während ich die Worte aussprach, bereute ich es, denn als das Wort "Papi" über meine Lippen kam, erschienen erneut die Bilder in meinem Kopf, wie Van der Linde meinen Dad ermordet hatte.
Wenige Sekunden war ich abwesend, ehe ich mich wieder sammelte und die Szenen schnell aus meinem Verstand verbannte.

"Miss? Ist alles in Ordnung?", wollte der Blauäugige nun scheinbar besorgt wissen und legte mir eine Hand an meinen Unterarm.
Ich entzog mich sofort seiner Berührung und schluckte schwer, da mein Mund auf einmal trocken wie eine Wüste war.
Auf der einen Seite verwirrte mich seine augenscheinliche Besorgnis... und es war heute schon das zweite Mal, das er sich so verhielt.
Doch meinte er das wirklich alles ernst?
Ich sah den Babypopo schon vor mir...
Auf der anderen Seite nervte es mich, denn ich mochte ihn nicht und ich wollte auch nicht, dass sich das änderte.
"Immer doch! Gute Nacht Mister Blauauge...", antworte ich nach kurzem Schweigen und begab mich zu meinem hergerichteten Schlafplatz, welcher sich neben Tilly befand.
Hatte ich ihm eben wirklich eine gute Nacht gewünscht?
Kopfschüttelnd legte ich mich hin und fiel nach kurzer Zeit in einen unruhigen Schlaf.

***

Gerade schlürfte ich den starken dampfenden Kaffee und genoss die morgendliche leichte Brise, die meine Wangen streifte.
Es war noch recht früh und ungefähr die Hälfte des Camps schlummerte noch vor sich hin.
Vor allem die Frauen waren noch im Land der Träume und ich war die erste weibliche Person, die schon wach und munter war.
Aber so war es schon immer bei mir... ich war nie eine Langschläferin gewesen.
Mein schmerzender Bauch war Schnee von gestern, so wie ich es mir gedacht hatte.
So schnell bekam man mich nicht klein!
Mister Blauauge war ebenfalls schon wach und striegelte gerade sein Pferd, während er immer mal wieder zu mir rüber lugte.
Könnte ja sein, dass ich den Kaffeebecher plötzlich als Waffe benutzte und jemanden die schwarze Brühe ins Gesicht schütten würde.
Pfff... dafür war mir der Waffe viel zu wertvoll.
Erneut trank ich einen Schluck des heißen Getränks und ließ ihn genüsslich meine Kehle hinuntergleiten.
So langsam musste ich mir nun endlich überlegen, wie ich am besten an Van der linde rankommen würde, um ihm das Gesicht wegzupusten.
Wenigstens hatte ich dafür jetzt mal Zeit.

Unversehens setzte sich ein alter Mann, welcher hier Uncle genannt wurde, auf den Stuhl neben mich und hatte ebenfalls einen Becher mit Kaffee in der Hand.
"Guten Morgen, na auch schon wach junge Dame?", fragte er mit einem Grinsen bis über beide Ohren.
Ach herrje, der fehlte mir jetzt noch.
"Nein", gab ich emotionslos von mir und starrte in die Ferne.
Seit ich diesem Opa vorgestellt worden war, hatte ich kein Wort mit ihm gewechselt.
Und ich wollte in Gottes Namen, dass das auch so blieb.
"Mhhhm. Früher war ich morgens meistens auch nicht so gut gelaunt, weißt du...", fing er an und schmunzelte.
Ich verdrehte meine Augen um gefühlt hundertachtzig Grad und atmete schwer aus.
Da er ein alter Mann war und ich ja doch ein wenig mehr Respekt vor älteren Menschen hatte, hielt ich mich zurück und antwortete ihm nicht.
"...aber mit der Zeit merkt man, dass es nichts bringt morgens nicht gut gelaunt zu sein... genauso bringt es nichts mittags oder abends schlechte Laune zu haben."
Herrgott, was faselte Opi da bloß?
Das konnte sich ja kein Idiot anhören.
Ich schaute ihn an und öffnete gerade meinen Mund zum Sprechen.

"Onkel Arthur, Onkel Arthur, wir sind wieder da!", hörte ich eine kindliche Jungenstimme rufen und stand übergangslos auf.
Ich musste mich verhört haben. Ein Kind... hier? In einer kriminellen Bande?
Doch als ich ein paar Schritte näher Richtung der Pferde ging und somit eines der Zelte mir nun nicht mehr die Sicht versperrte, sah ich, wie ein kleiner quirliger Junge mit dunkelbraunen Haaren in die Arme von Mister Blauauge rannte.
Dieser hob ihn hoch und umarmte ihn freudig.
"Na, ich hoffe dir und deiner Mom ist es gut gegangen", meinte er in etwas höherem Ton als üblich.
Zum ersten Mal, seit ich Arthur kannte, sah ich ihn bis über beide Ohren Lächeln.
Wow.
Der Stein konnte also echt Lächeln? Ehrlich jetzt?
Unsicher darüber, ob ich gerade nicht halluzinierte, ging ich noch ein paar Schritte näher heran.
Nun konnte ich auch eine Frau erkennen, die ihre schwarzen Haare zu einem Dutt gebunden hatte.
Ihre stechend blauen Augen fielen mir sofort auf und ich ging davon aus, dass das die Mutter des Jungen war.

"Siehst du Arthur, ich hab sie wieder mitgebracht, so wie ich es gestern gesagt hab", erklang nun die kratzige Stimme und John tauchte hinter einem Pferd auf, was er augenscheinlich gerade angebunden hatte.
Arthur ließ den kleinen Kerl wieder runter und warf dem braunhaarigen einen finsteren Blick zu.
"Dann hoffe ich für dich Marston, dass du sie diesmal nicht wieder davonjagst!", gab er wieder in seiner üblich trockenen Stimmlage zurück.
"Papa hat Mama überzeugt wieder zurückzukommen. Er hat ihr ganz viel Blumen mitgebracht!", rief der mir noch unbekannte Junge und sprang schließlich in die Arme von John.
"Das hat er und ich hoffe, er hält sein Wort", sagte die Frau und schielte vielsagend zu dem Mann mit der Narbe über seiner rechten Wange herüber.
Moment mal...
Ich ließ den Becher mit Kaffee fallen und sog hastig die Luft ein.
War das Kind etwa der Sohn von John?
Von dem Mann, der am Mord meines Vaters beteiligt gewesen war?
Der Mann, der meinen bewusstlosen Dad noch aus dem Schlafzimmer getragen hatte...

Die Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf, als der Junge mit seinen kleinen Fingern auch schon in meine Richtung zeigte und fragte "Wer ist das denn?"
Unfähig mich von der Stelle zu bewegen beobachtete ich, wie John mit ihm auf dem Arm zu mir kam, gefolgt von der Schwarzhaarigen und Arthur.
"Jack, das ist Miss Ava, sie ist erst seit kurzer Zeit bei uns", meinte der Vater des Jungen und lächelte zu mir herüber.
Es erreichte jedoch nicht seine Augen.
Auch der Blauäugige musterte mich kritisch und noch immer stand ich wegen der gerade gewonnen Erkenntnis mit offenem Mund da.
'Reiß dich vor dem Kind zusammen Ava!', mahnte ich mich innerlich.

"Freut mich sehr dich kennenzulernen Jack", war das einzige, was ich lächelnd zu sagen vermochte, aber dem kleinen Jungen reichte es scheinbar, denn er grinste mich über beide Ohren an.
Verdammte scheiße, warum musste John in Kind haben?
Wieso verdammt nochmal zeugte er einen Sohn, wenn er in einer Bande von kriminellen lebte und noch dazu ein Mörder war!?
Wie viele Menschen außer meinem Vater hatten die anderen Männer hier wohl schon auf dem Gewissen?
Ein Kind in so einem Umfeld aufwachsen zu lassen war ja wohl unverantwortlich!
Und zum Teufel, ich wollte diesen John kalt machen, aber jetzt?
Konnte ich wirklich dem Kind den Vater nehmen?
Innerlich seufzte ich tief, denn ich hatte keinen blassen Schimmer.

Anschließend stellte sich mir die Frau mit den intensiven blauen Augen noch als Abigail vor und sie machte einen sehr sympathischen Eindruck.
Klasse...
Wieso konnte sie nicht einfach eine Vogelscheuche sein, wie die alte Miss Grimshaw, dann würde es mir wesentlich leichter fallen sie nicht nett zu finden.
Arthur hatte sich die gesamte Zeit über zurückgehalten und mich beobachtet.
Seine Blicke nervten mich immer mehr und ich ertappte mich dabei, wie ich wieder mal die Augen verdrehte.
"Komm Jack, wir ziehen dir erstmal etwas anderes an", sagte Abigail und verschwand mit dem kleinen Fratz in einem der Zelte.
Nun standen nur noch Blond, Braun und ich zusammen und ich fragte mich kurz, was John wohl damit gemeint hatte, dass er sie wieder zurückgebracht hatte.
Wo war die Frau denn mit dem Jungen so lange gewesen?
Arthur hatte außerdem gemeint, dass er sie nicht wieder davonjagen sollte.
War sie vielleicht vor dem Narbengesicht abgehauen?
War er möglicherweise auch ein Kerl, wie mein Ehemann Alberto, der Frauen gegenüber handgreiflich wurde?
Sofort verwarf ich den Gedanken wieder, denn wenn es so wäre, würde das meinen Hass gegenüber John nur noch mehr schüren.
Außerdem interessierte mich all das doch gar nicht... oder?

Plötzlich kam Abigail ohne den Jungen wieder und gesellte sich erneut zu uns.
Leicht verwundert schaute ich sie an.
"Miss Grimshaw kümmert sich kurz um Jack, ich muss noch mit euch reden Jungs."
"Was ist los?", fragte Arthur ernst.
Scheinbar störte es niemanden, dass ich immer noch in unmittelbarer Nähe stand, also hörte ich einfach zu, da die Neugier siegte.
"Ihr solltet unbedingt mit Dutch reden. Ich... ich habe bei meiner Ankunft im Hotel in Valentine jemanden gesehen. Er hat den Hotelier irgendwelche Fragen gestellt. Ich stand leider zu weit weg, um die Worte zu verstehen."
Sie presste die Lippen zusammen und schien nervös zu sein.
Arthur und John warfen sich einen kurzen irritierten Blick zu.
"Nachdem, was ihr seinetwegen durchgemacht habt und er euch damals durch die Lappen gegangen ist, wird es Dutch brennend interessieren, dass er derzeit hier in der Nähe ist... also, falls er nicht schon weg ist."
"Herrgott Abigail, wen hast du gesehen?", fiel ihr John sichtlich genervt ins Wort, da sie nicht zum Punkt kam.
Die Frau atmete tief ein und aus.
"Es war Alberto Fussar!"
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