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Born To Bleed

GeschichteRomance, Angst / P18 / MaleSlash
21.05.2021
12.06.2021
7
21.750
4
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Dieses Kapitel
1 Review
 
10.06.2021 2.446
 
Ohje, und schon geht es weiter! Viel Spaß auch mit diesem kleinen Ausschnitt aus Naokis Leben! :)

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Chapter 06 – Blut geleckt

Am Sonntagnachmittag zur Bandprobe war Sophie nicht da.

Er hatte das natürlich vorher schon gewusst, sie redeten mittlerweile ununterbrochen per WhatsApp und sie hatte anscheinend einfach eine Auszeit von der Meute gebraucht, die sie eh jeden Tag zu Gesicht bekam. Namentlich Josie und Hannah, die beide heute mit von der Partie waren.

Es nahm ihm einen großen Brocken an Sicherheit, nicht von Sophie unterstützt zu werden. Genau wie am Konzertabend auch also. Aber er hatte sich jetzt irgendwie selbst in diese Sache reingeritten und früher oder später würde er einfach lernen müssen, mit den unzähligen Varianten an Chaoten umzugehen.

Es war außerdem das erste Mal, dass er hundertprozentig wusste, dass Masao ebenfalls anwesend sein würde; selbstverständlich – denn er war ja schließlich der Sänger. Und genau deshalb hatte er sich schon mit einem flauen Gefühl in der Magengrube aufgemacht. Es war das erste Mal seit dem Gig, dass er ihn performen sah, und dieses Mal war’s so privat und intim im kleinen Kreise. Verhalten fragte er in sich hinein, ob er vielleicht genauso viel Energie mitbringen würde, wie auf der Bühne und ob er vielleicht wieder unmissverständlich mit ihm flirten würde. Denn fuck – das konnte er tatsächlich gar nicht abwarten. Leider. So viel hatte er sich mittlerweile eingestanden. Sein Herz machte einen Sprung allein bei dem Gedanken und seine Luftröhre zog sich zusammen. Ein bisschen Flirten war ja wohl nicht gefährlich, auch nicht mit ‘nem Hai, richtig? Und dieses Mal war Sophie nicht da, die die beiden griesgrämig auseinanderziehen konnte.

Er malte sich ja gar keine kitschige Liebesstory aus und erwartete auch nicht, dass an diesem Sonntag irgendetwas zwischen ihnen passieren würde, denn schließlich waren alle ja da, um zu proben. Und er, um Fotos zu schießen. Aber schon, als er bedacht den Proberaum betrat, aus dem bereits Instrumentenklänge und gedämpfte Stimmen drangen, wurde er mit geteilten Gefühlen begrüßt.

Hannah und Josie standen geflissentlich mit einem Glas kühlen Weißwein gegen die Steinwand des Proberaums gelehnt und beäugten nüchtern die Session. Wahrscheinlich schon zum zehntausendsten Mal gesehen. Und trotzdem hier. Kieran schickte ihm aus den Augenwinkeln nur funkelnde Blicke, die an ihm brachen und von denen er keine Ahnung hatte, wie er mit ihnen umzugehen hatte. Die anderen zwei Männer an Bass und Schlagzeug kannte er noch nicht, stellten sich ihm aber wenigstens kurzangebunden mit ‚Josh und Amrut‘ vor, ehe sie sich wieder ihren Instrumenten widmeten.

Nur Masaos Grinsen ging ihm von einem bis zum anderen Ohr, als Naoki in sein Blickfeld trat und er ihm somit mit seiner gewohnten Leichtigkeit den Teppich unter den Füßen wegzog. Nur mit äußerster Mühe konnte er seine wackeligen Knie in Schach halten, die am allerliebsten unter ihm nachgegeben hätten. Doch an seiner Kamera hatte er sich schon immer bestens festhalten können und mit hohler Erleichterung stellte er fest, dass die schwere Türe hinter ihm nicht drohend oder gar einpferchend ins Schloss fiel.

Als er all die verbrauchte, angespannte Energie, die sich angestaut hatte, mit einem langen Atemzug aus seinen Lungen ließ, fingen auch seine Lippen ein scheues Lächeln.

„Hast ja lang genug gebraucht“, stolzierte er wie ein stolzer Pfau um sein Standmikrofon herum und Naoki genoss den kurzen Aufmerksamkeitsmoment, den er ihm schenkte – und keinem sonst.

Er trug schwarze Skinny-Jeans mit Löchern an seinen knöchrigen Knien und ein schwarzes, schlabbriges Tanktop, das höchstwahrscheinlich einmal als übergroßes T-Shirt geboren wurde und dem im späteren Leben wohl die Ärmel amputiert worden waren. Fast stoppte ihm der Atem, als er sah, wie weit die fransigen Löcher an seinen Armen reichten und wie viel diese doch von seinem tätowierten Oberkörper preisgaben.

Schnell biss er sich auf die Unterlippe, um all diese ungebetenen und unprofessionellen Gedanken zu vertreiben, die wie Spinnenfäden an ihm klebten und all seine Sinne zu vernebeln begannen. Er musste sich ja nur dran zurückerinnern, dass er ihn ja sogar schon einmal oberkörperfrei gesehen hatte. Er hatte ihn massiert. Er kannte die Farbe von seinen Schamhaaren, verdammt nochmal. Dann würde er das hier doch glatt überstehen.

Irgendwas von ‚Dessous‘ und ‚Vorstellungskraft‘ schwirrte ihm hitzig durch den Kopf und er fühlte, wie seine Ohrenspitzen glühten.

„Ich bin fünf Minuten zu spät“, feixte er dann endlich kurzerhand zurück und genoss die Tatsache, dass sich dieses offene Lächeln mittlerweile so natürlich für ihn anfühlte. Das Hin- und Herspielen des Pingpongballs zwischen ihnen funktionierte noch ein bisschen träge, langsam aber sicher jedoch immer gezielter. „Ich wette, du fühlst dich eh erst cool genug, wenn ich da bin.“

Daraufhin entgegnete ihm Masao nur mit einem weiteren schiefen Lächeln und hochgezogenen Augenbrauen und für Naoki bedeutete das eigentlich schon mehr als tausend Worte.

Bis in die Haarspitzen aufgeregt und mit Herzklopfen in seinen Fingerspitzen, legte er seinen Rucksack beiseite und sammelte sich vorerst neben Hannah und Josie, die ihn noch einmal verhalten grüßten.

„Hey, konzentrier‘ dich nochmal kurz, Masao. Ich wollte von dir wissen, ob wir das Tempo bei dem Lied live wirklich erhöhen sollen?“

Es war Kieran, der sprach. Er war der kleinste und unauffälligste der Männer, und dennoch umgab ihn eine gewisse wüste Ausstrahlung, die schleierhaft um seine mit Sommersprossen betupfte Nase waberte wie trüber Nebel. Keines richtigen Blickes hatte er ihn gewürdigt und bessere Laune als im Freibad schien er dieses Mal auch nicht zu haben. Doch Masao wandte sich sofort zu ihm mit einem faszinierend vertrauten Blick.

„Ich dachte, wir waren uns einig, dass der Song auf Platte so gut funktioniert, aber live einfach ein bisschen mehr Dampf braucht?“

„Du willst ja nur wieder wie der letzte Alphaaffe auf der Bühne rumspringen“, kommentierte Josie grinsend und Naoki spürte auch hier, wie ihr Lächeln ansteckte und die Vorstellung von ihm performend in sein Gedächtnis schlich. Er wusste schließlich ganz genau, von was sie da sprach, nachdem er Freeze War selbst live hatte erleben dürfen. Und sie hatte schon irgendwie recht …

„Was soll ich sagen? Ich mach‘ ja nicht nur mich damit glücklich.“

Hannah schüttelte ihren Kopf, aber heute lag wieder ein zufriedenes Lächeln auf ihren Lippen, das ihrem Gesicht eine gewisse Erhabenheit verlieh, die er so bei noch keinem anderen Menschen gesehen hatte. Es stand ihr so viel besser. Manchmal fragte er sich, ob er sie vielleicht damals einfach nur auf dem falschen Fuß erwischt hatte und sie eigentlich gar nicht so missmutig war wie vielleicht vorher angenommen. Aber er musste sich auch eingestehen, dass sie diese Art Mensch war, die einfach nicht viel von sich preisgab und die man einfach auf Teufel komm raus nicht einschätzen konnte.

„Hey“, wandte sich Masao dann gezielt an Naoki, der sich dadurch mit einem Mal beinahe an seiner eigenen Spucke verschluckt hätte. „Wir proben jetzt einfach die ersten drei Songs durch, ja? Spring einfach vor uns rum, wie du lustig bist. Wir brauchen nur ein paar gute Shots. Das kriegst du sicher hin, wenn du dich nicht nur exzessiv auf mich konzentrierst.“

„Die letzten Bilder von dir sind gar nicht so gut geworden wie mir versprochen wurde, jetzt weiß ich’s halt besser“, antwortete er und sah, wie Masaos Augen anfingen, zu funkeln.

Mit selbstbewusstem Schritt und erhobenem Kinn stolzierte er auf Naoki zu, bis er ihm so nahe war, dass er seinen Atem gegen seine Ohrmuschel streicheln fühlte. Er hatte sich immer noch nicht vollständig an ihren erhitzten … ‚Austausch‘ gewöhnt, sein Herz schlug ihm abermals bis in die Kehle, aber seine gesamte Haut pochte und kribbelte vor Ekstase, die sein Herz durch seine Venen pumpte. Vollkommen berauschend; absolut süchtig machend. Alle anderen im Raum waren dreist vergessen, als Masao seine Stimme erhob, um ihm etwas zuzuflüstern.

„Ich hab‘ privat ‘ne andere Ausstrahlung, versprochen.“

Ihm war bewusst, dass er wahrscheinlich so rot angelaufen war wie Daruma-kun und sich schwülhitzig fühlte wie noch nie in seinem Leben. Alle mussten das sehen. Doch es war ihm einfach egal. Allein der eindringliche Blick, den Masao ihm schickte, als er sich von ihm entfernte, zählte. Das genervte Raunen, das danach durch die Freundesgruppe ging, schob er gespielt auf was anderes.

„Reiß dich mal kurz zusammen, Schwanzkopf Wir haben hier noch was zu tun, okay“, schimpfte Kieran weiter und Josh und der, dessen Namen sich Naoki leider nicht hatte behalten können, stimmten überaus nüchtern zu, als müssten sie fortlaufend mit solchen Albernheiten des Frontsängers klarkommen. Was sie wahrscheinlich auch taten, wenn Naoki das richtig einschätzte.

Das kleine Privatkonzert, was danach folgte, war laut und schrill und chaotisch. Aber gut chaotisch, falls das Sinn ergab. Der Sound der Gitarren und Masaos gewittrige Stimme klangen zusammen roh und rau wie der erste neblige Herbstmorgen im Jahr. Naoki spürte instinktiv, was für ein großartiges Potenzial das ganze hier hatte, das sich vor ihm abspielte. Zwar noch denkbar in seinen Kinderschuhen und ein bisschen zu plump, aber es hörte sich rund an. Beim Konzert selber war er einfach zu abgelenkt gewesen, um all diese Details zu erkennen. Für die ersten Handvoll Sekunden genoss er es, seinen Blick einfach nur über die Band schweifen zu lassen, die so eingespielt miteinander spielten, dass sich Naoki für einen Moment nicht vorstellen konnte, dass vor ihm nicht schon Profis standen, die ihr Butter und Brot damit verdienten.

Und obwohl alle der Jungs einen gewissen Charme hatten, der sicherlich gut auf den Bandfotos zur Geltung kommen würde, fing Masao wie immer seine Blicke ein wie Feuer die Motten.

Er war nicht mehr unsicher, wenn er ihn so anstarrte. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er glauben, er gehöre mittlerweile zum festen Teil der Band und wäre ebenfalls eine Einheit mit dem tickenden Uhrwerk, das sich unaufhaltsam drehte und drehte.

Er gestand sich ein, dass er es liebte, wie natürlich Masao sich zu den harten Klängen ihrer eigenen Musik bewegte. Für die meiste Zeit sah es beinahe so aus als würde Masao gar nichts mehr vor seinen Augen wahrnehmen können, so aussichtlos verschwand er in seinen eigenen Texten, die von Dunkelheit und Verlangen und Verlorensein sprachen. Und dann wiederum, ganz aus dem Nichts, fanden ihn seine Augen in Sekundenschnelle und ließen seinen Atem stocken.

An diesen intensiven Blickkontakt würde er sich wohl aber niemals gewöhnen. Er hatte braune Augen, die im Licht fast wie Bernstein schimmerten und mit halbgeöffneten Augenlidern hätte er ihm wahrscheinlich jedes noch so abstruse Wort als wahr verkaufen können. Er hätte ihm alles von diesen Lippen geglaubt. Und nur noch ein kleines, schwaches Stimmchen in seinem Inneren war noch empört zu hören, welches seine Absichten wissen wollte und eine Hinterfragung der Tatsachen forderte.

Aber sein Herzschlag klang zu laut in seinen Ohren und sein Verlangen hatte sich längst durch seinen Verstand gefressen. Im dunklen Meeresabgrund sah die Angel des Tiefseeteufels ja auch nur wie tanzende Glühwürmchen aus.



„Zeig mal her!“ forderte Josie nach der ersten Hälfte des Probelaufs und streckte seine Hand nach ihm aus, um seine Kamera zu erhaschen. Er konnte es nicht ausstehen, wie unabdinglich fordernd sie mit ihm umging, als wären sie schon ein Leben lang befreundet. Sie hatte keine Ahnung, wie teuer und wichtig ihm diese Kamera war und so hoffte er, dass sie zumindest behutsam mit ihr umging. Er war nicht so nervös wie das Mal, an dem er Sophie seine Gedankenblitze gezeigt hatte und es bedeutete ihm auch eigentlich nichts, wenn ein Laie seine Bilder als ‚sau gut‘ bezeichnete, aber ein bisschen froh stimmte es ihn dann schon, als sich ihre Miene aufhellte und sie anerkennend nickte.

„Du weißt echt, was du tust. Masao sieht auf denen zur Abwechslung mal nicht wie ein absoluter Loser aus.“

„Ich dachte, sein Charisma rettet jedes Bild?“ Klar war das eine kleine Provokation, die er ihr schickte; etwas, das er sich nie im Leben in Japan getraut hätte, aber wenn er Englisch sprach, war ihm so, als wäre er ein anderer Mensch. Er meinte es auch in keinster Weise böse, aber diese suggestive Neckerei hatte sich wie eine zweite Haut um ihn gelegt und war aus seinem Gedankenspiel nicht mehr wegzudenken.

Wieder nickte Josie, dieses Mal in seine Richtung, und gab ihm seine Kamera zurück. „Ich geh‘ dir mal einen Wein holen, damit du diese Konversation vergisst.“

Naoki schmunzelte, als er sie zu der kleinen Theke, die in der Ecke des Proberaums stand, laufen sah, obwohl er eigentlich nicht vorgehabt hatte, Alkohol zu trinken. Es war ja aber wohl eine nett gemeinte Geste, die er dieses eine Mal dann doch annehmen würde.

Unterdessen waren die Männer fleißig dabei, sich über den letzten Song zu streiten, der anscheinend nicht so wie vorher abgesprochen funktioniert hatte und es augenscheinlich nicht an Gesprächsmaterial mangelte. Doch obwohl er seine Augen nicht vom wild gestikulierenden Sänger nehmen konnte, dessen markante Stimme durch den gesamten Raum hallte wie Wolfgeheul, spürte er auf einmal Hannahs Aura unverkennbar neben ihn vibrieren.

Er war bis jetzt noch nie mit ihr alleine gewesen, aber diese natürliche Ruhe, die sie ausstrahlte, überrumpelte ihn mit all seinen Sinnen wie eine mächtige Welle. Für einen kurzen Moment sprachlos und unsicher, ob er sich dieses Gefühl nicht doch nur einbildete, schaute er stillschweigend zu Boden.

„Du solltest den vergessen, das weißt du?“ Ihre Stimme war zart, als sie sie erhob, aber er erschrak nicht ob ihrer Geradlinigkeit, denn er hatte ihre Ansprache irgendwie schon erwartet.

Naoki zuckte automatisch mit den Schultern. „Ich lass das auf mich zukommen.“

Einen kurzen Moment dauerte es, bis Hannah besonnen nickte und dabei ihren großen Schmollmund zu einer feinen Linie zog. Sie wirkte erhaben dabei und verständnisvoll auf eine befremdliche Art, die er nicht einzuordnen wusste, die ihm jedoch augenblicklich sympathisch erschien.

„Denk nur dran, dass er nicht dein ‚Happily-Ever-After‘ ist und es auch nie sein wird. Masao ist … ziemlich kompliziert, und du verhedderst dich da besser nicht drin.“

Er spürte, wie es hinter seiner Fassade begann, zu ticken, doch ehe er zu einem zufriedenstellenden Fazit gelangen konnte, das ihm im Idealfall mitgeteilt hätte, was er erwidern sollte, tauchte Josie wieder mit dem Wein auf und drückte ihm ein brechend volles Glas in die Hand. Verdutzt schaute er erst auf den Mutbringer, dann zurück zu der Frau mit den welligen, blonden Haaren, deren Augen aufgeregt glitzerten.

Als sich ihre Gläser klirrend trafen und ihm ein schrilles „Prost! Auf uns!“ entgegen geschmettert wurde, fand sein Blick von alleine Masao, der, wie üblich für ihn, einen Arm um jemanden geschlungen hatte – dieses Mal Kieran – und ihm mit schallendem Gelächter einen dicken Schmatzer auf die Wange drückte. Weiteres wildes Gelache von der Band drang an seine Ohren und er nahm den ersten Schluck des viel zu süßen Weines, der sich wie Wachspapier um seine Zunge legte.

Vielleicht war auch er der Hai, der Blut gerochen hatte.

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Nächstes Mal sehen wir die Chaotengruppe dann in einem kleinen Pub-Treffen wieder :‘D
Bleibt gespannt!
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