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Schattenland

von Lalaith
GeschichteDrama / P12 / Gen
Oropher Thranduil
21.05.2021
30.07.2021
11
33.147
8
Alle Kapitel
26 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
21.05.2021 1.759
 
Guten Tag, ihr Lieben!
Bevor es nach einer gefühlten Ewigkeit endlich hier losgeht, möchte ich noch ein paar Kleinigkeiten zur Geschichte loswerden :)

Disclaimer: Alle bekannten Orte und Charaktere gebühren dem Meister - J.R.R. Tolkien. Einzig Môrgalad sowie alle namentlich genannten Waldelben sind meiner Fantasie entsprungen.
Zur Handlung: Die beschriebenen Geschehnisse basieren mehr oder minder lose auf Tolkiens Schilderung derselbigen und spiegeln rein meine Vorstellung wider, wie sie sich zugetragen haben könnten. Manche Charaktere spielen im Gegensatz zum Canon nur eine kleine oder gar keine Rolle, was die Geschichte gleichzeitig doch auch etwas AU macht.
Dank: Der gilt meiner fleißigen und immer tollen Rat bereithaltenden Beta Snelsha! Der Weg hierher hat Spaß gemacht!

Viel Freude beim Lesen! :) Über Reviews, Favoriteneinträge, Sternchen und eure Zugriffe bin ich natürlich höchst erfreut und dankbar!
Eure Lala

~*~

Großer Grünwald, 3434, Zweites Zeitalter

„Thranduil. Endlich.“

Mit einem Hauch Unmut in der Stimme blickt Oropher, König der Waldelben, von einem fein säuberlich geordneten Stapel Papieren und Karten hoch. Der Blick in seinen stahlgrauen Augen verrät die Missbilligung, die er über das späte Eintreffen seines einzigen Sohnes empfindet.

„Eilian sagte mir, es sei dringend“, erwidert Thranduil unbekümmert und übergeht leichthin den Tadel im Tonfall seines Vaters. Sie sind alleine in dem weitläufigen Arbeitszimmer des Königs mit all seinen dunklen, massiven Möbeln, den schweren, kunstvollen Wandbehängen und dem Geruch von Pergament, der in der Luft schwebt wie ein unsichtbarer Hauch Melancholie.

Der Prinz kommt nicht von seinen Studien, von seinen langen, ausdauernden Waffenübungen mit den Soldaten der königlichen Garde oder von seinen Streifzügen mit seinem besten Freund Môrgalad; nein, Oropher kann sehen, dass er von draußen kommt. Nur Eru weiß, wie lange Hauptmann Eilian bei den seit Tagen vorherrschenden Regenfällen die Wälder rund um den Wohnsitz der Elben des Grünwaldes nach dem Kronprinzen abgesucht haben muss.

Thranduil bringt den Duft des Regens und der Blätter des Waldes mit in das Zimmer; er haftet an ihm, seinen durchnässten Kleidern und Haaren, die wie ein schwerer, silbrig-heller Vorhang ungeflochten auf seine Schultern fallen und sein markantes, ebenmäßiges Gesicht mit den undurchdringlichen Augen umrahmen. Ein königliches Gesicht, wie Oropher mit Wohlwollen feststellt, wenngleich das übrige Erscheinungsbild seines Sohnes in diesem Moment alles andere als das ist. Viel zu oft, denkt der König innerlich seufzend, ist das Wesen seines Sohnes ungezähmter als ihm als Vater lieb sein kann.

„Du siehst aus wie ein dahergelaufener Vagabund. Nicht wie der Prinz des Waldlandreiches.“

Mit dieser knappen Bemerkung winkt er seinen Sohn heran und lässt seinen Unmut anderen, dringenderen Angelegenheiten weichen. Während Thranduil, der solche missbilligenden Reden von seinem Vater gewöhnt ist, sich ohne große Bekümmerung langsam nähert, fördert Oropher einen vor wenigen Stunden eingetroffenen Brief aus dem Stapel zutage und streicht ihn sorgsam glatt. Das Pergamentblatt ist mit elbischen Buchstaben in fein geschwungener Handschrift beschrieben, und der junge Prinz hält inne, als er das gebrochene Siegel erkennt.

„Gil-galad.“ Es ist mehr eine Feststellung denn eine Frage; in ihr liegt die dunkle Vorahnung kommender Tage. Nur noch sehr selten pflegt der König des Waldlandreiches Kontakt mit den Noldor, denen er trotz aller Gastfreundschaft vergangener Tage mit zunehmender Distanz begegnet. „Was ist sein Begehr?“

Einen Augenblick lang schweigt Oropher; sein Blick ist starr auf das Pergament gerichtet. Er ist hier, und doch scheint sein Denken in ferne Gefilde seines Geistes gereist zu sein. Thranduil wagt nicht zu sprechen; vorsichtig beugt er sich ein Stück weit vor und erhascht einen Blick auf einen Teil des Briefes. Ein Tropfen löst sich von seinem regennassen Haar und trifft mit leisem Geräusch auf das Pergament, nahezu in demselben Moment, in welchem dem Prinzen ein Wort wie mit Flammen geschrieben ins Auge sticht.

Krieg

Unwillkürlich weicht Thranduil zurück, doch das Wort lässt ihn nicht los, nimmt seinen Blick gefangen. Noch bevor er eine vernünftige Erklärung dafür finden kann, durchbricht die leise Stimme seines Vaters die Stille.

„Der Frieden ist brüchig, iôn-nin. So brüchig und trügerisch wie die kaum gefrorene Eisdecke eines Teichs im frühen Winter. Ein falscher Schritt und alle Hoffnung wird brechen und untergehen.“ Er seufzt, und trotz der sonst so mächtigen Erscheinung in seidenbestickter Robe und der schlanken Krone aus silbergetriebenen Blättern wirkt der König in diesem Moment müde.

„Heute siehst du unser Land blühen und unter dem nährenden Quell des Regens gedeihen, doch morgen schon wird es von schwarzen Schatten und Rauch übermannt werden. Alles, was lebt und wächst, wird der Dunkle Herrscher in Besitz nehmen und seinen dunklen Künsten und Schrecken zu eigen machen, wenn nichts dagegen geschieht.“

Als ob er die Gedanken seines Sohnes erraten hätte, wandert Orophers Finger geradewegs zu dem Wort Krieg und tippt darauf. „Gil-galad teilt diese Ansicht. Er spricht von einem letzten Bündnis zwischen den Eldar und den Edain, auf dass sie Seite an Seite gegen die Dunkelheit kämpfen mögen.“ Sein Finger verweilt reglos auf dem Blatt Pergament. „In der Stunde der Not stehen wir alle auf derselben Seite, egal ob Menschen, Sindar oder Noldor. Wir werden gerufen, und wir werden folgen.“

„Krieg“, flüstert Thranduil, und das Wort legt sich wie ein dunkler Schatten über den Raum – und ihre Herzen. Kein Spiel, kein freundschaftliches Geplänkel unter den Soldaten, das in einem fröhlichen, ausgelassenen Fest in den Wäldern endet. Es ist eine bittere Wirklichkeit, die er mit all ihren Schrecken und Gefahren noch nicht ermessen kann. „Aber … seit wir uns aus dem Süden des Waldes zurückgezogen haben, lebt unser Volk hier in Frieden, wenig vorbereitet für den Kampf. Denkst du nicht –?“

„Unser Volk ist stark“, entgegnet Oropher mit lauter gewordener Stimme; sein Tonfall duldet wie üblich keinerlei Widerspruch – von keinem Ratgeber der Welt, und schon gar nicht von seinem Sohn. „Es hat das Land geschaffen, in dem wir leben, und es wird nicht dabei zusehen, wie Sauron dieses Leben dem Erdboden gleichmacht. Ich werde nicht dabei zusehen.“

Dem König ist bewusst, dass er forscher als beabsichtigt gesprochen hat; doch kann er die Empfindungen nicht verbergen, die ihn in diesem Moment erfüllen – Hass, Entschlossenheit, Siegeswille. Ein Blick in Thranduils Augen holt seine Gedanken zurück aus den strategischen Überlegungen, die er im Geist bereits begonnen hat.

Der junge Prinz schweigt noch immer, doch sein Mienenspiel ist unmissverständlich. Wenig hat er von der Welt gesehen, doch so manches von ihrem Schrecken, auch wenn diese Tage bereits viele Jahre zurückliegen. Der König, sich dessen entsinnend, bezähmt seine aufgebrachten Gedanken. Ein schwaches Lächeln teilt seine Lippen, als er einen Schritt auf Thranduil zugeht und beide Hände schwer auf dessen Schultern legt, obwohl die Kleidung des Jüngeren noch immer feucht vom Regen ist.

„Iôn-nin.“ Seine Stimme ist sanft wie der Morgen – ungewöhnlich für einen so stolzen Mann wie ihn, selbst im Umgang mit seinem eigen Fleisch und Blut. Seine sturmgrauen Augen fixieren jene seines Sohnes, dessen Antlitz ihm so ähnlich ist. „Es gibt so vieles in dieser Welt, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Dinge, die über das Studium von Büchern und Geplänkel unter Soldaten hinausgehen, und auch mehr fordern. Frieden – lang währender Frieden – gehört dazu. Verstehst du?“

„Ja, adar.“ Thranduil nickt langsam. „Ich wollte nicht töricht erscheinen.“

„Es ist nicht töricht, Entscheidungen zu hinterfragen“, antwortet Oropher ernst. „Es erfordert ebenso Mut wie ein Angriff auf dem Feld, vor allem wenn es um die Entscheidungen eines Königs geht.“ Für einen Moment verdunkelt ein Schatten seinen Blick. „Du hast das Wesen deiner Mutter, Thranduil. Auch sie hätte Fragen gestellt.“

Der Griff um Thranduils Schultern lockert sich leicht, Schweigen legt sich über den Raum. Der Prinz bemerkt den nachdenklichen Ausdruck in den Augen seines Vaters, so als fürchte er jede Auseinandersetzung, jede Erinnerung daran. Seit jeher ist Anóriels Tod ein schwieriges Terrain zwischen ihnen gewesen, stets erfüllt von Unbehagen und immer größer werdender Distanz. Schweren Herzens verdrängt der Jüngere alle Zweifel und Unsicherheiten in den Hintergrund und ruckt mit dem Kopf in Richtung Gil-galads Brief.

„Nun … welche Vorgehensweise schlägt er denn vor?“

Sofort ist Oropher zurück in der Gegenwart und den schwermütigen Erinnerungen entflohen. Er legt seinem Sohn den Arm um die Schultern und führt ihn zurück an den Tisch; sichtlich froh, sich Dingen widmen zu können, die nichts mit der Vergangenheit oder dem Offenbaren seiner Gefühle zu tun haben.

„Zunächst geht es daran, Truppen auszuheben, und …“

~

Als der König seinen Sohn endlich aus dem Arbeitszimmer entlässt, bricht die Dämmerung bereits über die Wälder an den Hängen der Emyn-nu-Fuin herein. Noch immer regnet es, wenngleich die Wolkendecke am Horizont an manchen Stellen aufbricht und das Licht der ersten Sterne zart auf das Land fällt. Ein merkwürdiges Zwielicht ist es, in das der junge Prinz tritt, noch immer in einfacher Kleidung, noch immer ohne Stiefel, noch immer voller Zweifel.

Wie von selbst beginnen seine Beine ihn zu tragen, hinaus aus dem Palast und durch den Regen, hinein in den Schutz seiner geliebten Wälder. Er weiß, dass Môrgalad so wie jeden Abend beim Waffenplatz auf ihn wartet, doch er fühlt sich gerade nicht imstande, dem fragenden Blick seines Freundes zu begegnen.

Der Duft der Tannennadeln und Blätter liegt schwer in der Luft, mit der er in einigen, tiefen Atemzügen seine Lungen füllt. Riesige Regentropfen durchnässen ihn erneut bis auf die Haut und weichen Blätter und Moos unter seinen Füßen auf.

Ob seine Mutter ebenfalls auf nackten Sohlen durch den Wald gelaufen ist, um ihre Gedanken zu ordnen? Ob sie jemals eins mit dem Regen geworden ist? Gewiss, so sagt er sich immer wieder, hat sie das Sternenlicht und die Natur ebenso geliebt wie er, hat sich nicht sattsehen können an ihrer Schönheit und Tiefe.

Er läuft und läuft, bis er sich weit genug von seinem Vater und der Erinnerung an seine Mutter entfernt glaubt, um erneut klar denken zu können. Auf einer Lichtung hält er inne; seine Gestalt verschmilzt im Zwielicht vollends mit der Umgebung. Er fühlt, wie sein Herz mit kräftigen Schlägen das Blut durch seinen Körper pumpt und seine Atmung allmählich wieder regelmäßiger wird. Seufzend hebt er den Kopf gen Himmel und lässt den Regen auf sein Gesicht prasseln – es rüttelt ihn wach und schärft seinen Verstand.

Tief in ihm regt sich sein Hass gegenüber der dunklen Macht, die sich immer weiter vom Süden her auszubreiten droht und Schrecknis verbreitet; und mehr und mehr beginnt er die Entscheidung seines Vaters zu verstehen und zu befürworten. Dennoch – und er kann sich dieses Gefühls nicht erwehren – verdunkelt ein Schatten seinen Geist. Wie eine kalte Hand legt er sich um sein Herz und hält es fest umklammert, während der Prinz nach Süden ins Dunkel des Dickichts starrt und sich zu fragen beginnt, ob er jemals wieder unbeschwert den lauwarmen Regen eines Frühsommers im Großen Grünwald auf seinem Gesicht spüren wird.

~*~
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