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Les Portes de l'Enfer - Die Tore der Hölle

von Ilcuvi
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Aramis Athos D'Artagnan Porthos
21.05.2021
14.06.2021
9
14.538
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11.06.2021 1.731
 
Wir werden uns nicht mehr erkennen

Der Schmerz war das erste, das Aramis' Dunkelheit wieder durchbrach. Er umklammerte seinen ganzen Körper und brannte am bohrendsten in seinen Füßen.

Das zweite, das sich in sein Bewusstsein drängte, war seine Kraftlosigkeit. Er fühlte sich völlig außerstande, auch nur einen einzelnen Muskel zu bewegen.

Als Drittes schoss ihm das Wort „Verräter“ durch den Kopf. Sein Inneres krampfte sich zusammen.

Jetzt wusste er auch wieder, was passiert war, und er wusste wieder, dass er sterben musste.

Vielleicht war er bereits tot und er musste Schmerzen, Ohnmacht und seine eigene Schuld in der Hölle ertragen?

Auf einmal drangen Geräusche in seine Dunkelheit. Stimmen. Stimmen, die er kannte. Die Stimmen seiner Freunde.

Es durchfuhr Aramis wie ein Blitzschlag. Er war nicht tot und seine Freunde waren in seiner Nähe.

Aber das konnte nicht sein!

Verzweifelt kämpfte er gegen seine Kraftlosigkeit und schaffte es, seine schweren Lider zu heben. Als erstes sah er ein vertrautes Gesicht, das ihn voller Sorge anblickte: Athos.

Athos war dicht bei ihm und seine Augen wichen nicht von Aramis Gesicht, als er leise den Namen seines Freunde sagte: „Aramis.“

Aramis spürte den warmen Druck von Athos Hand auf seiner Wange. Die freundlich gemeinte Berührung presste sich jedoch wie eine Faust von innen gegen seine Rippen. Sie fühlte sich so abgrundtief falsch an.

Alles in ihm schrie danach, zurückzuweichen. Weg, weg von Athos Berührung! Er durfte ihn nicht anfassen!

Aber sein Körper gehorchte ihm nicht. Entsetzen erfasste Aramis, als er seine Ohnmacht erkannte, seinem Körper eine Reaktion zu entlocken.

Ein Schatten überzog Athos Gesicht: „Hab keine Angst, Aramis, wir sind bei dir.“

D'Artagnan und Porthos erschienen neben Athos.

Athos sah ihn freundlich an. „Es ist vorbei. Du bist in Sicherheit. Wir lassen dich nicht allein.“

Aramis wollte nur weg von seinem Freund, aber er konnte sich immer noch nicht bewegen. Unwillkürlich drang ein Wimmern aus seinem Mund. Voller Scham schloss er die Augen und spürte, wie Tränen unter seinen geschlossenen Lidern brannten.

„Wir sind bei dir, Aramis.“ Die Stimme von d'Artagnan.

„Wir werden dir helfen.“ Die Stimme von Porthos.

Auf einmal eine Berührung an seinem Fuß. Sie brannte wie ein Dolchstoß und Aramis Körper zog sich ruckartig zusammen. Der direkt folgende Schmerz in seinen Rippen und seinem Arm entlockte ihm ein lautes Stöhnen.  Er atmete schwer – und stellte erleichtert fest, dass sein Körper aus der Bewegungslosigkeit erwacht war.

Aramis registrierte, dass er in einem Zimmer war und blutig und dreckig auf einem Bett lag. Vor dem Bett standen Athos, Porthos und d'Artagnan. Er verstand nicht, warum er hier war.

Athos streckte wieder die Hand nach ihm aus.

„Nicht!“, stieß Aramis hervor. Seine Stimme war nur ein Krächzen und klang ihm völlig fremd in den eigenen Ohren.

Athos wollte ihn beruhigen:„Wir werden vorsichtig sein.“

„Nicht!“, wiederholte Aramis noch einmal deutlicher.

Athos hob fragend seine Augenbrauen, näherte sich aber nicht noch einmal.

Statt dessen streckte Porthos nun den Arm nach Aramis aus. „Es ist alles gut. Niemand wird dir etwas tun.“

Doch Aramis hob schnell seine Hand, um die Berührung abzuwehren. „Lasst mich!“

Die Bewegung des gebrochenen Armes entlockte ihm ein Stöhnen, aber Porthos ließ seine Hand sinken und sah seinen Freund unsicher an.

Sie alle blickten auf ihn herab. Erschöpfung und Sorge in den vertrauten Gesichtern. Und eine Zuneigung, die ihm in der Seele brannte.

Aramis konnte es kaum ertragen, so hilflos und schwach vor seinen Freunden zu liegen. Er wollte sich aufsetzen und holte tief Luft. Es löste einen trockenen Husten aus und sein Körper krampfte sich zusammen. Abermals wollten ihm seine Freunde helfen, doch mit einer Handbewegung wehrte er sie erneut ab. Als der Husten abgeklungen war, verlagerte er sein Gewicht auf den nicht gebrochenen Arm und stemmte sich entschlossen hoch. Er brauchte all seine Willenskraft, um den Schmerz zu ignorieren und keuchte bereits nach wenigen Zentimetern, doch er gab nicht auf.

Schließlich hatte Aramis sich so weit aufgestützt, dass es ihm gelang, den Rücken an die Wand hinter sich zu lehnen und aufrecht zu bleiben. Er atmete schwer und versuchte, seine Kräfte zu sammeln.

„Aramis...“, Athos Stimme war weich und voller Sorge.

Aramis schüttelte langsam den Kopf und ignorierte den Schwindel, der ihn erfasste. Er musste seinen Freunden deutlich machen, dass sie ihn allein lassen mussten.

„Nein!“ Seine Stimme war heiser und fremd. „Lasst mich, bitte...“ Er schluckte schwer. Seine Kehle war wie ausgetrocknet und das Sprechen kostete viel Kraft.

„Aramis, wir wollen dir nur helfen!“, Porthos' Stimme war ungewöhnlich sanft.

„Aber ihr könnt mir nicht helfen!“, brach es aus Aramis heraus, die Verzweiflung schwer in seiner Stimme. „Mir kann niemand mehr helfen. Es ist vorbei.“

Athos schüttelte den Kopf. „Es ist nicht vorbei. Wir haben die Hinrichtung verhindert. Es tut uns leid, dass wir so spät gekommen sind und das Feuer dich bereits erreicht hatte“, er räusperte sich, „aber es hat sich vorher keine passende Gelegenheit ergeben. Wir sind jetzt in einem sicheren Quartier. Niemand wird uns hier finden. Du bist in Sicherheit.“

Mühsam versuchte Aramis den Worten seines Freunden zu folgen. Es war schwierig, denn andere Gedanken drängten sich mit Macht in sein Bewusstsein. „Ich werde sterben. Ich weiß es. Das einzige, das ich verdiene, ist der Tod.“

D'Artagnan runzelte unwillig die Stirn. „Tut uns leid, aber das wird nichts. Du wirst leben. Wir haben dich gerettet, weil du es verdienst.“

Aramis schloss für einen Moment die Augen. Seine Stimme war nur ein leises Flüstern: „Ich verdiene den Tod.“

Als er wieder die Augen öffnete, sah er die Blicke seiner Freunde auf sich: Unverständnis. Fassungslosigkeit. Entsetzen. Und hinter alledem eine Traurigkeit, die machte, dass sein Herz sich zusammenzog.

Das hier musste enden! Das Leid seiner Freunde musste ein Ende finden! Er konnte ihren Schmerz nicht mehr ertragen und dass er die Ursache dafür war. Seine Schuld brannte wie eine Musketenkugel in seinem Eingeweiden und schmerzte mehr als die Brandwunden an seinen Füßen.

Er hatte sie verraten und ihnen so viel Leid gebracht. Sein eigenes Leben war verwirkt und das einzige, was ihm noch blieb, war, für seine Schuld zu büßen.

Aramis hatte schon teuer bezahlt: Der Verlust seiner Ehre und Würde, die unerträglichen Schmerzen – aber es war noch nicht genug.

Seine Schuld war immer noch da und er verdiente keinerlei Hilfe und Zuwendung von seinen Freunden.

Er musste es ihnen begreiflich machen! „Versteht doch! Ich bin ein Verräter. Ich habe alles verraten, was ich geschworen habe, zu beschützen: Die Königin, den König, Frankreich. Ich habe die Musketiere verraten und meine Ehre. Und ich habe“, seine Stimme zitterte, „Ich habe euch verraten und ich kann es nicht ertragen, dass … dass ihr Schuld auf euch ladet, indem ihr euch um jemanden wie mich kümmert, jemanden, der nichts als die Hölle verdient hat.“

Aramis schloss die Augen und tiefe Erschöpfung überfiel ihn.

„Aramis“, in Athos Stimme schwang eine Zärtlichkeit mit, die sein Freund noch nie bei ihm gehört hatte. „Du hast dein Leben unzählige Male für König, Königin und Frankreich riskiert. Du hast alles gegeben und ohne dich wären sie schon längst nicht mehr am Leben. Nicht einmal, sondern immer wieder. Du hast für so viele Menschen so viel Gutes getan. Sieh uns an, bitte!“

Ein Zittern durchlief Aramis, aber er konnte der Bitte seines Freundes nicht widerstehen und öffnete wieder die Augen.

Athos fuhr fort: „Dass du mit der Königin geschlafen hast, war … nicht die klügste Sache, die du je gemacht hast. Aber du hast es nicht gemacht, um sie oder irgendjemanden zu verletzen, sondern weil du du bist: Ein Mann, der liebt.“

D'Artagnan nickte. „Und du hast uns nicht verraten. Was meinst du, wie stolz wir auf dich waren, als wir begriffen haben, was du getan hast? Du hast die Königin und den Dauphin gerettet. Du hast genau das getan, was du geschworen hast. In ihrer Rettung hast du gezeigt, dass du ein würdiger Musketier bist, und es ist eine Ehre, dich unseren Freund nennen zu dürfen.“

Auch Porthos ergriff das Wort: „Du überschätzt dich - wieder einmal, wenn ich das sagen darf. Es gibt so viele Menschen auf dieser Welt, die den Tod wirklich verdient haben, aber du bist keiner davon. Dir zu helfen ist das einzige, was richtig ist. Der einzige Weg, den wir gehen können, um uns nicht selbst zu verdammen. Bitte lass uns, Aramis. Bitte lass uns dir helfen!“

Aramis spürte, wie etwas in ihm zerbrach. Der unerträgliche Schmerz in seinem Innern, er schien plötzlich in Stücke gesprengt und hatte seine erbarmungslose Umklammerung gelockert. Statt dessen keimte plötzlich ein Funke Hoffnung in ihm. Wenn seine Freunde ihn nicht aufgegeben hatten, war er vielleicht doch nicht verloren.

„Aramis“, D'Artagnan streckte die Hand wieder nach ihm aus, „Wir sind deine Freunde und nichts wird daran etwas ändern.“

Aber Aramis zog seine eigene Hand instinktiv zurück. „Lass. Ich muss mich dringend waschen.“ Er war von oben bis unten in Schmutz und Blut getaucht. Das musste sie doch abstoßen und er verdiente es nicht, dass sie sich seinetwegen damit besudelten.

D'Artagnan lächelte. „Das musst du allerdings. Aber wir werden dir helfen.“ Er überwand noch einmal den Abstand und ergriff Aramis' Hand, bevor dieser wieder reagieren konnte.

Aramis spürte d'Artagnans Finger auf seiner Haut. Wärme. Nähe. Zärtlichkeit. Er zitterte. Seine Gefühle waren so intensiv, dass er weder ein noch aus wusste. Auf der einen Seite nagte die Angst an ihm, dass die Hilfe seiner Freunde vergeblich wäre, weil seine Schuld zu groß und sein Körper für immer gebrochen war. Auf der andere Seite brannte die Sehnsucht, dass seine Freunde ihm helfen könnten, trotz allem, das geschehen war, und der Schmerz irgendwann vergehen würde.

„Du gehörst zu uns und wir lieben dich, Aramis. Vergiss das nie!“ Porthos umfasste die Schultern seines Freundes vorsichtig mit seinen Händen und die Zuneigung in seinem Blick weckte in Aramis etwas, von dem er geglaubt hatte, dass es während seiner Zeit am Pranger für immer verloren gegangen war.

Athos legte seine Hand sanft an Aramis' Hinterkopf und zog seinen Freund näher zu sich heran. „Wenn du in die Hölle gehen willst, meinetwegen, aber wir gehen mit dir. Einer für alle und alle für einen.“

Aramis ließ sich in die Umarmung seiner Freunde ziehen. Der Schmerz in seinem Inneren war noch da, aber er hatte sein verzehrendes Feuer verloren. Statt dessen war er ausgefüllt von dem Gefühl, dass seine Freunde da waren.

Er war nicht allein.
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