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h e r z e n s a n g e l e g e n h e i t

von cleocatra
Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteRomance, Liebesgeschichte / P16 / Mix
21.05.2021
31.01.2023
44
229.756
12
Alle Kapitel
115 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
07.06.2021 3.314
 
B E R I C H T



         01. März 2151, Königspalast von Illeá, Angeles        




         Grayson Schreave          
Kaste eins


    »Also ein Bericht heute Abend?«, erkundigt sich Grayson, als er mit seinen Eltern im Büro seines Vaters stand. »So werden wir die Selection verkünden?«
    Seine Mutter nickte. »Nach den täglichen Nachrichten wird es ein Special des Berichts geben, wie gestern an deinem Geburtstag. Da verkünden wir alles, was die Leute wissen müssen.«
    »Die zweite Sondersendung in zwei Tagen?« Grayson lächelte leicht. »Man wird noch jemanden überfordern.«
    Seine Mutter erwiderte das Lächeln. »Valentina Finbar ist auf jeden Fall schon höchst gespannt, was das Thema des Beitrags wird, den sie nachher moderieren wird.«
    Wenigstens war er dann nicht der Einzige, der über das Thema seiner Selection im Dunkeln gelassen wurde, dachte er mit äußerst zynischem Unterton, was aber über seine Lippen kam, war: »Enttäuscht wird Finbar auf jeden Fall nicht sein. Sie moderiert den Bericht erst seit zwei Jahren und kann jetzt schon eine Selection betreuen. Ihrer Karriere wird das wohl alles andere als schaden.«
    »Bei meiner Selection hat Benjamin Ravel moderiert und ihm hat es auf jeden Fall nicht geschadet«, merkte seine Mutter an. »Seinem Sohn überlassen die beim Fernsehen immer noch jeden Job, nur weil er Ravel mit Nachnamen heißt.«
    »Ich erinnere mich noch daran, wie der gute Benjamin vor der Verkündung meiner Selection vollkommen euphorisch war, da er als erster Moderator Illeás nicht nur ein, sondern zwei Castings betreuen durfte«, fügte sein Vater hinzu und verzog bei der Erinnerung das Gesicht.
    »Zartfühlend«, kommentierte Grayson. Der einzige Grund, warum es vor einigen Jahren zwei Selections in kurzer Abfolge gegeben hatte, war die Ermordung des damaligen Thronfolgers – dem älteren Bruder seines Vaters – gewesen.
    Seine Mutter seufzte und nickte langsam. Gedankenverloren strich sie über die Armlehne ihres Sessels. »Das war keine leichte Zeit damals, Grayson, weder für deinen Vater, unser Land noch uns Erwählte.«
    »Ich bin mir sicher, damals war alles sehr chaotisch«, pflichtete er ihr bei.
    Sein Vater griff nach der Hand seiner Frau. »Wir freuen uns, dass das bei dir anders ablaufen wird, mein Sohn.«
    Kurz erwog Grayson, die Frage auszusprechen, die ihm auf der Zunge lag, entschied sich dann aber dagegen. »Ich kann mir denken, dass ein in Ruhe geplantes Casting sehr viel glatter ablaufen wird als eines, das in so einer heiklen politischen Lage stattgefunden hat«, sagte er stattdessen und hoffte, dass seine Eltern den doch eher subtilen Wink mit dem Zaunpfahl verstehen und sich erklären würden.
    »Simone wird den Ablauf des Castings planen und sich um den Unterricht deiner Erwählten kümmern, während ich ein Einspruchsrecht habe.« Seine Mutter legte ihm kurz ihre warme Hand auf seinen Unterarm. »Es wird alles glatt laufen. Nun, so glatt es laufen kann, wenn man fünfunddreißig Mädchen an einem Ort versammelt, die sich alle um den gleichen Jungen streiten.«
    Mit der Vorstellung wollte Grayson sich nicht zu intensiv auseinandersetzen. Lieber suchte er nach einem Weg, die Frage ›Und warum erfahre ich erst heute von meinem Casting?‹ möglichst höflich zu stellen.
    »Ich bin mir sicher, Simone wird das wundervoll planen«, sagte Grayson. »Schließlich ist sie schon so lange deine persönliche Assistentin.« Er versuchte, möglichst beiläufig auszusehen. »Ich nehme an, sie steckt schon bis über beide Ohren in der Planung?«
    Seine Mutter nickte. »Sie ist schrecklich beschäftigt, auch wenn ich ihr gesagt habe, dass ich hier helfen würde, wo ich nur kann. Alleine schon die Sicherheitsvorkehrungen …«
    Also wussten auch die hochrangigen Militärs im Palast Bescheid. Hervorragend. Er schenkte sich etwas Tee aus der Kanne ein, die auf dem kleinen Beistelltisch stand. »Das kann ich mir denken. Besteht die Möglichkeit, dass auch ich bei den Vorbereitungen behilflich sein kann? Natürlich nicht zu Lasten meiner sonstigen Aufgaben – Aber es soll schließlich meine Selection werden, also denke ich, dass es nur recht und billig ist, wenn ich mich an der Planung beteilige.«
    Sein Vater räusperte sich und tauschte einen unangenehm berührten Blick mit seiner Frau. »Ich bin mir sicher, Simone wird sich freuen, wenn du ihr deine Unterstützung anbietest«, antwortete er. »Auch wenn wir ja alle wissen, wie viel Wert sie darauf legt, eigenständig zu arbeiten.«
    »Was man ihr bei ihrem Organisationstalent auch nicht übel nehmen kann«, stimmte Grayson zu. »Wenn ich schon vorher von der geplanten Selection gewusst hätte, wäre die Planung sicherlich einfacher abgelaufen.«
    Ein weiterer Blick, der zwischen seinen Eltern ausgetauscht wurde. »Wir wollten dich nicht überfordern«, begann sein Vater gestreckt.
    »Und vermeiden, dass du aus Nervosität vielleicht etwas Unüberlegtes tust«, fügte seine Mutter hinzu und griff nach der Hand ihres Manns. »Wir wissen, dass die Vorstellung, aus einer Gruppe von fünfunddreißig Mädchen die Partnerin fürs Leben zu finden, überwältigend und beängstigend erscheinen mag, aber wir waren uns sicher, dass es die richtige Zeit für eine Selection war – für unser Land und für dich.«
    »Ich bin nicht Maude. Ich veranstalte keine Aufstände, nur weil ich nicht zufrieden mit einem Aspekt meines Lebens bin.« Grayson nippte an seinem Tee, damit seine Eltern nicht sahen, wie sehr die bloße Vorstellung von sich als trotziges Kind ihn anwiderte.
    »Das wissen wir.« Probehalber legte sein Vater ihm die Hand auf die Schulter und Grayson sah aufgrund dieser ungewohnten Bekundung von Zuneigung überrascht zu ihm hoch. »Niemand, der dich kennt, würde dich für impulsiv oder eigensinnig halten, mein Sohn. Du bist aus anderem Holz geschnitzt als deine Schwester.«
    »Danke.« Der lakonische Ton schlug zugunsten echter Dankbarkeit fehl.
    »Aber nur, weil du tust, was getan werden musst, heißt das noch nicht, dass du dir keine Gedanken wegen diesen Dingen machen musst, und die Gedanken, dass man doch etwas an einer beängstigenden oder unangenehmen Entscheidung ändern kann, wenn sie eigentlich schon fraglos getroffen ist, sind nicht allzu einfach zu ertragen. Das wollten wir dir abnehmen.«
    »Danke«, wiederholte Grayson. Er sagte nicht, dass sie sich wegen so etwas keine Gedanken machen mussten – er war volljährig, er war seit einundzwanzig Jahren Kronprinz. »Aber eigentlich … eigentlich freue ich mich sogar.«
    »Das ist wundervoll, Schatz!« Das erleichterte Lachen seiner Mutter füllte den Raum einen Moment mit Freude. »Richard, ist es möglich, dass wir uns unsere ganzen Gedanken umsonst gemacht haben?«
    Und sein sonst so ernster Vater lächelte breit und griff nach der Hand seiner Frau. »Mindestens die Hälfte dieser Gedanken haben sich unserer Ältesten gewidmet und sind entsprechend alles andere als umsonst gewesen.«
    Die Heiterkeit wich aus den Augen seiner Mutter. »Unser Sorgenkind.« Ihre Stimme war hart geworden, die freie Hand ruhte kurz auf ihrem Unterleib, als erinnerte sie sich an die Zeit, in der Maude noch ungeboren war, und unbewusst neigte sie sich ihrem Mann zu. Dann kehrte ihre gute Laune wie auf Knopfdruck wieder zurück. »Aber über deine Schwester müssen wir nicht reden. Sie steigt in zwei Stunden in ein Flugzeug nach Yukon und dort wird sie für die Zeit der Selection auch bleiben. Also reden wir über etwas Schöneres.«



    Aus Gründen der Einfachheit und Sicherheit lag das Studio, in dem die Ausgaben des Berichts gesendet wurden, an denen Mitglieder der königlichen Familie teilnahmen, in einem etwas abseits gelegenen Flügel des Palasts.
    Sah man es im Fernsehen, wirkte das Studio stilvoll und modern eingerichtet, entbehrte aber einer gewissen Behaglichkeit nicht.
    Saß man selbst im Studio, dann zerstörten die Kameras das Bild von Geborgenheit – sie waren überall, hingen von den Decken, waren auf beweglichen Vorrichtungen festgeschraubt, richteten sich alle auf die Sitzgruppe in der Mitte des Studios, auf der sich Grayson und seine Familie positioniert hatten, er eingerahmt von seinen Eltern direkt gegenüber von dem unaufdringlich-futuristischen Sessel, auf dem die Moderatorin des Berichts, Valerie Finbar, sich setzen würde, seine zwei verbleibenden Geschwister in kleiner Distanz.
    Grayson richtete die Position des an seinen Kragen befestigten Mikrofons und sah zu, wie Valentina Finbar einige schnelle Worte mit einem jungen Mann mit Klemmbrett austauschte und dabei mit kurzen, energischen Handbewegungen gestikulierte.
    Gemessen an der Art und Weise, wie seine Familie am Konservativen zu hängen neigte, war Finbar beinahe schon erschreckend nicht-blond – blond zwar, aber eher bronzefarben als golden oder silbern, sondern fast schon rot. Doch ansonsten entsprach Finbar dem Bild, das man sich von einer erfolgreichen Moderatorin machte – weiß, einigermaßen groß gewachsen, leichte Sonnenbräune, sehr schlank, stets mit einem passenden Ensemble aus Bleistiftrock, Jackett und Bluse, perfektem Make-Up und ebenso perfekten Zähnen.
    Nach einer letzten energischen Geste schritt Finbar nicht weniger energisch auf den Sessel gegenüber von Grayson zu, begrüßte ihn und seine Familie respektvoll, bevor sie ihre Haare ein letztes Mal richtete und sich den Kameras zuwendete. Der Bericht begann.
    »Guten Abend, Illeá!« Grayson kannte Finbars Stimme gut; seit zwei Jahren führte sie jegliche offiziellen Fernseh-Interviews mit seiner Familie, trotzdem kam er nicht umhin, sie Mal um Mal für den schwungvollen, motivierten Ton ihrer Stimme zu bewundern, der bei ihm schrecklich aufgesetzt geklungen hatte. »Danke, dass Sie heute eingeschaltet haben für diese Sondersendung des Berichts – aber andererseits: Die zweite Sondersendung in nur zwei Tagen, wer könnte sich das entgehen lassen?«
    Sie schenkte den Kameras ein breites Lächeln. »Ich bin mir sicher, Sie alle sind schrecklich gespannt, was der Anlass dieser zweiten Sondersendung ist, und ich kann ganz offen zugeben, dass ich fast genauso ahnungslos bin wie Sie.«
    Eine Kamera drehte sich, so dass nun nicht mehr Finbar selbst gezeigt wurde, sondern auch Grayson mit ins Bild aufgenommen wurde.
    »Prinz Grayson, gestern haben wir uns hier schon einmal getroffen, zur Feier Ihres einundzwanzigsten Geburtstags, mit dem Sie nun nach allen Gesetzen Illeás volljährig sind. Hat die heutige Sendung etwas mit Ihrem Geburtstag zu tun?«
    Grayson lächelte zurück. »Man kann es auf jeden Fall so bezeichnen, ja«, stimmte er zu. »Wenn auch nicht direkt.«
    »So geheimnisvoll«, flötete Finbar. »Wollen Sie das große Geheimnis auflösen und mich und unsere Zuhörer nicht mehr auf die Folter spannen?«
    »Selbstverständlich.« Er unterdrückte das Verlangen, sich zu räuspern. »Anlässlich meines Erreichen der Volljährigkeit wurde beschlossen, dass in den kommenden Wochen und Monaten eine Selection stattfinden soll, in der meine zukünftige Ehefrau und damit Königin Illeás ausgewählt werden wird.«
    Für einen Moment, saß Finbar reglos auf ihrem Sessel und schien die Situation zu verarbeiten – Grayson konnte förmlich sehen, wie es hinter ihren Augen arbeitete und ihr in einer Sekunde unzählige kleine Gedanken durchs Gehirn huschten, bevor sie sich wieder fasste. »Eine Selection?«, wiederholte sie schließlich in übermäßig fragendem, heiterem Tonfall. »Nun, das ist wirklich einer Sondersendung würdig. Damit würden wir in Illeá die erste reguläre Selection seit fast vierzig Jahren veranstalten – ich bin unglaublich aufgeregt. Sie doch sicherlich auch, Eure Hoheit?«
    »Eine Frau fürs Leben zu finden, ist wohl nie eine einfache Aufgabe«, antwortete Grayson. Auf die Frage hatte er sich vorbereiten können. »Und ich muss sagen, dass ich schrecklich nervös bin. Natürlich freue ich mich darauf, eine Partnerin zu finden, aber ich bezweifele, dass es leicht wird, eine Entscheidung zu treffen.«
    »Vor allem nicht, wenn fünfunddreißig sicherlich bezaubernde junge Damen alle gleichzeitig um Ihre Aufmerksamkeit buhlen.« Mitleidig nickte Finbar. »Was unsere Zuhörer – und sicherlich vor allem unsere jungen Zuhörerinnen – bestimmt brennend interessiert: Hegen Sie schon Hoffnungen, welche Art von Mädchen sich besonders anmeldet? Oder, anders gesagt: Wonach suchen Sie in Ihrer Zukünftigen?«
    »Ich suche nach einer Partnerin«, erwiderte Grayson. »Auch wenn ich glaube, dass das auf der Hand liegt.«
    »Natürlich.« Finbar neigte sich leicht nach vorne, bevor sie in verschwörerischer Stimme weiter sprach. »Aber Sie haben doch sicher Vorstellungen davon, wie Ihre ideale Partnerin sein sollte. Wollen Sie uns die anvertrauen?«
    »Nein.« Als Grayson jünger gewesen war, hätte diese Antwort ihm Schwierigkeiten bereitet, aber inzwischen ging ihm der Widerspruch leicht über die Lippen. »Ich möchte möglichst offen in die Selection gehen und mich nicht auf bestimmte Charakteristika festlegen, damit ich die junge Dame, die vielleicht die Liebe meines Lebens geworden wäre, nur weil ich mich auf eine Idee festgefahren habe, nicht versehentlich nach Hause schicke.«
    Finbar nickte bekräftigend, wirkte aber ein wenig enttäuscht. »Zweifelsohne eine kluge Entscheidung, Eure Hoheit, und sicherlich eine, die viele junge Damen erfreut. Können Sie uns vielleicht einen kleinen Überblick darüber geben, wie die Anfangsphase des Castings ablaufen wird?«
    Bei dem Gedanken an einen Haufen Mädchen, die gerade in diesem Moment vor ihren Fernsehern Zuhause saßen, ihn anstarrten und sich vielleicht eine Selection mit ihnen in der Hauptrolle ausmalten, wurde es ihm gleichzeitig heiß und kalt. Möglichst gelassen lehnte er sich etwas zurück und überschlug die Beine.
    »In den nächsten zwei Tagen wird jede junge Dame zwischen achtzehn und zweiundzwanzig einen Brief vom Palast erhalten, dem die Bewerbungsunterlagen für die Selection beigelegt sind. Entscheidet sich eine junge Frau, am Casting teilnehmen zu wollen, hat sie zwei Wochen Zeit, um die Unterlagen auszufüllen und anschließend entweder in der Provinzverwaltung oder dem nächstgelegenen Rathaus abzugeben.
    Am vierundzwanzigsten März werden die Namen der Erwählten in einer weiteren Sondersendung des Berichts verkündet, und am ersten April wird die Selection offiziell beginnen«, erklärte er und versuchte, möglichst nicht auszusehen, als hätte er von alledem erst vor einigen Stunden erfahren. »Für alle, für die das zu schnell gegangen ist: All diese Informationen befinden sich auch in den Briefen, die in den nächsten Tagen eintreffen werden.«
    »Das klingt auf jeden Fall nach einem Plan!«, sagte Finbar. »Sie haben gesagt, alle jungen Frauen im Alter von achtzehn bis zweiundzwanzig würden die Möglichkeit zur Bewerbung bekommen. Das unterscheidet sich ziemlich von Ihrer damaligen Selection, König Richard. Können Sie den Grund für diese Regeländerung erklären?«
    Grayson lehnte sich ein wenig zurück, während sein Vater sich Finbar zuwandte. »Das veränderte Altersfenster ist schlicht und einfach mit Graysons Alter zu erklären. Sie werden alle wissen, dass meine Selection verhältnismäßig spät stattfand, weshalb die Erwählten selbstverständlich keine Jugendlichen mehr waren. Aber wir«, er griff nach der Hand seiner Frau und nickte Grayson zu, als wäre es eine einvernehmliche Entscheidung gewesen, »waren der Meinung, dass Grayson die größte Chance auf Glück hat, wenn auch seine Selection nicht zum traditionellen Alter von achtzehn Jahren stattfindet, weshalb die Erwählten entsprechend älter sind.«
    »Genau«, stimmte Isabella ihrem Mann zu. »Außerdem muss ich zugeben, dass wir es auch für nicht verantwortungsvoll hielten, Mädchen von sechzehn, siebzehn Jahren in ein Casting zu schicken, in dem sie möglicherweise ihren Partner fürs Leben finden.«
    »Natürlich. Solche Gedanken sind sicherlich angebracht.« Finbars Lächeln hatte eine leicht angespannte Note – Kritik an vorigen Selections zu üben, konnten sich vielleicht König und Königin von Illeá leisten, aber ihr könnte man aus so etwas einen Strick drehen. »Aber der nächste Aspekt: Mädchen aller Kasten werden an dieser Selection teilnehmen können – anders als bei Ihrer, Euer Majestät, bei der aus Schutz vor Rebellenangriffen nur Angehörige der ersten fünf Kasten teilnehmen konnten. Diese Regelung wurde trotz beständiger Rebellenaktivitäten aufgehoben. Warum?«
    »Wir können wohl kaum von ›beständigen Rebellenaktivitäten‹ reden.« Der kalte Ton in der Stimme seines Vaters war so glatt wie Eis, und Finbar schien plötzlich um einiges kleiner zu werden. »Irgendwelche verquerten Andersdenkenden sprengen zwischendrin ein Loch in eine Straße oder stecken ein paar Autos in Brand, weil sie sonst nichts aus ihrem Leben machen können. Das sind nicht die Taten einer Gruppierung, die sich als ›Rebellen‹ bezeichnen kann, ohne vollkommen lächerlich zu wirken. Wir halten es für falsch, den regierungstreuen Massen der unteren Kasten die Chance einer Selection zu verwehren, nur weil wir Angst vor einigen Abweichlern haben.«
    »Diese Entscheidung wird vielen Mädchen bestimmt einen Stein vom Herz fallen lassen«, brachte Finbar rasch heraus.
    »Das haben wir gehofft.« Nach der kalten Stimme seines Vaters waren die sanften Worte seiner Mutter wie eine warme Brise, auch wenn Grayson wusste, dass in keiner Hinsicht weniger bestimmt war als ihr Mann – nur erwartete man von ihr als Königin erhabenen Sanftmut. Und den konnte sie hervorragend ausstrahlen.
    Finbar neigte sich ihr und der warmen Energie begierig zu. »Wir haben Sie immer als liebende Mutter kennengelernt. Was halten Sie davon, dass bei Ihrem ältesten Sohn die Hochzeit nun auf einmal in greifbare Nähe gerückt ist?«
    »Es ist immer wieder erschreckend, wie schnell all meine Kinder groß geworden sind.« Isabella warf Grayson einen liebevollen Blick zu, bevor sie sich zu William und Rosalie umdrehte. »Maude ist heute nach Yukon abgereist, um etwas Ruhe und Frieden zu finden«, Finbars Gesicht zeigte, dass man ihr gerade eine Frage vorweg genommen hatte, »Will hat den Stimmbruch hinter sich und Rose ist fast schon eine richtige Frau. Dass Grayson jetzt seine Selection abhält, ist nicht ganz leicht für mich, aber er erinnert mich jeden Tag daran, wie erwachsen er schon ist.«
    Isabella verschränkte ihre Finger mit denen ihres Sohns und Grayson erwiderte ihr Lächeln, während er sich fragte, ob sie es nur für die Kameras sagte oder wirklich so meinte. »Ich weiß, dass mein Sohn erwachsen ist und vollkommen in der Lage, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Nur werde ich mich während des Castings immer und immer wieder daran erinnern müssen. In dieser Hinsicht bin ich vermutlich zuerst Mutter und dann Königin.«
    Mit einer etwas übertriebenen Geste legte Finbar sich die Hand auf die Brust. »Das war wirklich berührend, Eure Majestät. Die Mütter der zukünftigen Erwählten werden wahrscheinlich ähnlich denken. Aber wo wir bereits über Familien sprechen: Prinz William, Prinzessin Rosalie, die Erwählten werden mit Ihnen im Palast leben, und Sie beide werden zusehen, wie Ihr Bruder sich verliebt. Was halten Sie von der Selection?«
    Mit einem kleinen Lächeln bedeutete Rose, Will zunächst zu antworten, aber er machte nur Anstalten, mit den Augen zu rollen, bevor er den warnenden Blick seiner Mutter auffing. »Wir haben ständig Gäste.« Er hob die Schultern. »Es wird wahrscheinlich etwas nerven, dass so viele Mädchen kommen, aber groß anders als sonst wird es nicht sein, denke ich mal.«
    »Ja, ich denke ich auch, dass es etwas stressig werden kann«, sprang Rose ein, bevor irgendjemand länger darüber nachdenken konnte, dass Will mal wieder wie ein frustrierter Teenager klang – was er auch war, erinnerte Grayson sich. »Aber nicht anders als sonst, und ich freue mich wirklich darauf, dass wir ein paar dauerhafte Gäste im Schloss beherbergen dürfen.« Sie sah kurz auf die im Schoß gefalteten Hände, bevor sie wieder in die Kameras lächelte und es vermutlich tatsächlich so meinte. »Außerdem bin ich natürlich glücklich, wenn das Grayson die Möglichkeit gibt, seine wahre Liebe zu finden.«
    »Aus Ihren Worten hört man wirklich heraus, was für eine hervorragende Beziehung Sie beide haben. Wahre geschwisterliche Liebe!« Finbars Strahlen machte den Leuchten an der Decke Konkurrenz und offenbarte ihre perlweißen Zähne. »Leider können wir Prinzessin Maude nicht nach ihrer Meinung zur Selection fragen, es –«
    »Maude wünscht mir alles Gute«, fiel Grayson ihr resolut ins Wort. »Allerdings hat sie den Vorsatz gefasst, in Yukon etwas Ruhe zu finden, bevor die Vorbereitungen für die Selection richtig in Fahrt kommen.«
    »Tatsächlich? Das –« Die Blicke des Königspaars spießten Finbar förmlich auf, als sie kurz in deren Richtung sah, und mit einem Räuspern korrigierte sie ihren Satz. »Das freut mich sehr für Sie.«
    »Die Unterstützung meiner Familie bedeutet mir viel«, meinte Grayson und holte das für die Kameras einstudierte Lächeln auf sein Gesicht.
    »Der Rückhalt der Familie ist etwas Schönes«, stimmte Finbar zu und stellte ihre nächste Frage. Nach einigen Antworten und ein paar mehr Erkundigungen beendete Finbar den Bericht und Grayson starrte noch einen Moment länger in die Linse der Kameras, während er sich fragte, was die nächsten Wochen wohl bringen würden.
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