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Die 7. Katastrophe

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Het
21.05.2021
20.09.2021
4
8.300
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Hinter den Bäumen sank langsam die Sonne hinab und liess ihr rotes Abendlicht durch die Äste schimmern. Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf eine hölzerne Trainingspuppe in der Mitte einer Lichtung. Vor jener Puppe kniete eine junge Miqo'te mit schwarz-grünen Haaren – Eisfluch ihr Name. Neben ihren Beinen lag ein altes Buch mit braunem Ledereinband – es wirkte als wäre es schon seit mehreren Generationen weitergegeben worden. Frustriert funkelnd lag ihr Blick auf der Puppe, an deren Arme eine violette Flüssigkeit klebte. Mit angelegten Ohren verfolgten Eisfluchs Pupillen den zähen Faden der Flüssigkeit welche sich ihren Weg zu Boden suchte und sich dort mit einem ätzenden Zischen ins Gras frass. Niedergeschlagen grub sie ihre Finger ins Gras, ballte die Hände zu Fäusten und rupfte so etwas Gras aus. Ihr Schwanz zuckte über den Boden und sie spürte wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Ihre Ohren zuckten leicht nach hinten, als sie hinter sich ein Rascheln vernahm – sofort fuhr sie sich mit dem Handrücken über die Nase um ihre Tränen wegzuwischen. Sowie das Rascheln verklang, konnte sie die Schritte hinter sich erkennen und über die Schulter warf sie den Blick um den blonden Miqo'te anzusehen. Es war Noah, ihr Bruder.
„Na Kleines? Alles klar? Du siehst frustriert aus.“, stellte er fest und musterte die – vor Flüssigkeit triefende – Trainingspuppe. Eisfluch zog den Kopf etwas ein, wackelte mit einem Ohr und schüttelte den Kopf, während sie seinem Blick auswich.
„Ich schaffe es nicht, Trisaster zu meistern...“, maulte sie leise. Es dauerte einen Moment bis sie Noahs fragenden Blick bemerkte und schloss ihre Augen. Sie hatte für einen Herzschlag vergessen, dass er eine andere Ausbildung angefangen hatte als sie. Sie hatte sich nun auf ihre Beine erhoben und deutete mit einem Nicken auf die Puppe.
„Trisaster erlaubt es mir, beide Giftangriffe; Biora und Miasma gleichzeitig auf den Gegner zu wirken. Aber...“ missbilligend schnaubte sie, während sie auf die Puppe deutete. „...ist nur Miasma...“
Noah musterte seine Schwester und liess seinen Blick dann angewidert zur Puppe wandern. Die Ohren des Blonden falteten sich zurück, als ein Arm der Puppe knarzend zu Boden fiel – verätzt durch das Miasma.
„Also... das allein sieht schon gefährlich und schmerzhaft genug aus...“, sagte er und fuhr sich mit der flachen Hand über die Brust, als wäre es ihm richtig unangenehm. Eisfluch seufzte schwer.
„Nun zieh nicht so ein Gesicht. Ich hatte heute auch keine Glanzleistung.“, gab er zu und kratzte sich am Hinterkopf. Die Schwarzhaarige neigte ihren Kopf leicht und schielte leicht zu ihrem Bruder.
„Was sagst du da? So wie ich dich kenne, hast du das mit Bravour gemeistert.“, murmelte sie. Noah hob beide Augenbrauen und verschränkte die Arme.
„Ich erzähle dir was passiert ist, aber wehe dir du lachst.“
Eisfluch hob beide Hände und zuckte mit der Schwanzspitze.
„Ich schwöre auf meinen nächsten Nachtisch!“, sagte sie. Zufrieden nickte der Magier und seine roten Augen funkelten.
„Also gut.“, setzte Noah an. „Die Äthermanipulation ermöglicht es uns, sich blitzschnell zu einem Verbündeten zu bewegen. Also ziemlich praktisch eigentlich.“ Aufmerksam hörte die junge Beschwörerin zu und wackelte auffordernd mit den Ohren. „Nun, sagen wir so... Ich war unkonzentriert und hab die Trainingspuppe ins Visier gekriegt...“, gab er leise zu. Blinzelnd musterte sie ihren Bruder und schien auf noch mehr zu warten. Tief zog Noah die Luft durch die Nase und stiess diese seufzend aus dem Mund wieder aus. Langsam schob er seine Hand unter die Strähnen welche vor sein Auge fielen. Eisfluch war das vorhin schon aufgefallen, normalerweise hasste er es, wenn Strähnen in sein Gesicht hingen. Ebenso langsam hob er die Hand an und entblösste eine Beule an der Stirn, geziert von einer Schramme. Ein Herzschlag lang herrschte unangenehme Stille, ehe Eisfluch sich von ihm wegdrehte und ihr Körper leicht zitterte. Noah erkannte sofort, dass sie ein Lachen unterdrücken versuchte. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und er schnaubte. Schnell jedoch versagte Eisfluchs Plan und sie prustete laut lachend los.
„Komm schon, dein Ernst jetzt?“, blaffte ihr Bruder. Sie hatte sich wieder umgedreht und stützte ihre flache Hand an seiner Brust ab um nach Luft zu ringen.
„E-Es tut mir leid, aber diese Vorstellung! Wie du da volle Kanne gegen diese Holzpuppe donnerst...und dann auch noch mit dem Gesicht voran!!“, rief sie und begann direkt wieder zu lachen – sie hielt sich schon den Bauch. Schmollend wandte sich der Blondhaarige von seiner Schwester ab. Eisfluch fächerte sich Luft zu und wischte sich eine Träne aus den Augen.
„W-War den Moz'kar nicht da, um dir das zu erklären?“, wollte sie wissen.
„Doch natürlich, was denkst du wie der sich gekugelt hat vor Lachen...“, grummelte Noah. Eisfluch musste unweigerlich grinsen.
„Aber wenn wir gerade dabei sind...Wo ist den dein Mentorlein... wie hiess er noch gleich?“, ertappt zuckte sie zusammen und faltete ihre Ohren zurück, während ihr Schwanz hin und her peitschte.
„Sein Name ist Say'ran.“, sagte sie nur. Wissend hob ihr Bruder beide Augenbrauen an.
„Du hättest heute gar keine Lehrstunde, stimmts?“
Sie zog den Kopf ein und schüttelte diesen dann.
„Ich wollte ihn stolz machen...“, gab sie verlegen zu und fingerte am Saum ihres Oberteils herum. Kopfschüttelnd hatte sich Noah gebückt und ihr Buch aufgehoben, welches er ihr nun gab. Gemeinsam setzten sie sich dann auf die Steinbank auf der Lichtung.


Noah erhob sich und streckte sich ausgiebig.
„Nun komm, es wird schon dunkel. Bevor Vater noch mit Ascon auftaucht.“, sagte er und blickte über die Schulter zurück. Die Trainingspuppe – geschädigt durch den Miasma-Angriff – stand im fahlen Licht des aufgehenden Mondes.
„Oh ja, vielleicht sollten wir...“, sagte er und drehte sich elegant auf den Fersen zur Puppe um. Dabei zückte er seinen Stab – den Sternenstaub. Alle auszubildenden Schwarzmagier bekamen diesen Rohling einer legendären Waffe, jedoch schafften es nur die wenigsten ihr die Kraft der Zeta-Lilith zu verleihen. Eisfluch drehte sich fragend zu ihm um, ihr Gesicht entgleiste in Fassungslosigkeit als sie sah, wie er an der Spitze des Stabes einen Feuerball bildete.
„Noah nein!! STOPP! Das ist...“, kreischte sie, doch es war schon zu spät. Mit einem heissen Luftzug schoss die Feuerkugel zischend an Eisfluch vorbei. Mit Entsetzen warf sie einen Blick über die Schulter und faltete die Ohren zurück, als die Kugel direkt auf die Puppe zuraste. „...Gift...gas...“
„Oh...oh...“, wisperte Noah ganz leise und faltete seine Ohren zurück. Eisfluch war an seine Seite geeilt und beide drehten mit zusammengebissenen Zähnen und zugekniffenen Augen den Kopf weg, als die Kugel auf die mit Miasma benetzte Puppe traf. Der Hitzeschwall riss beide fast von den Beinen, als die Stichflamme gen Himmel schoss – den Göttern sei Dank verfehlte sie die Bäume – gefolgt von einem lauten Knall. Die Druckwelle fegte über die Lichtung und wirbelte die Blätter auf, liess die Bäume sanft wiegen und zupften an den Kleidern der Geschwister. Laut grollend schoss ein blauer Bandersnatch aus dem Dickicht und knurrte die beiden an, welche sich erschrocken umdrehten.
„Ascon?!“, drang es aus Noah. Erschrocken zuckte Eisfluch zusammen, als auch ein massiger Hrothgar aus dem Dickicht stapfte.
„P-Papa?!“ Die weisse Rüstung des Paladin schimmerte im fahlen Mondlicht und mit ernster Miene musterte er zuerst das letzte Überbleibsel der Trainingspuppe – ein Häufchen Asche. Schliesslich wanderte sein strenger Blick zu Eisfluch und dann zu Noah, welcher noch immer seinen Stab in der Hand hielt. Sofort verengte der Hrothgar seine Augen.
„Junger Mann!“
Noahs Augen weiteten sich und die Ohren wanderten ganz sich nach hinten an seinen Kopf.
„I-Ich kann das erklären! I-Ich wollte nur die Puppe beseitigen weil naja...und habe vielleicht....“ er faltete die Ohren weiter zurück und grinste seinen Vater unschuldig an. „...mit Feuer...ich wusste doch nicht, dass Miasma flüssiges Giftgas ist...“, gab er zu und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Die Gesichtszüge des Paladin lockerten sich wieder etwas und er liess seine Schultern plump sinken und hob beide Augenbrauen.
„Dein Ernst, Sohn? Und dann sprengst du einfach mal fast den Lunar-Platz in die Luft. Die Stichflamme hat man bestimmt im Finsterwald noch gesehen...“, brummte er und streichelte Ascon, welcher sich allmählich wieder beruhigte. Verlegen zog Noah den Kopf ein und grinste unschuldig, als sein Vater die Waffen wegsteckte.
„Nun Abmarsch. Eure Mutter hat gekocht.“, befahl er und stapfte mit Ascon an seiner Seite vor seinen Kindern her. Kein halber Herzschlag als sie die Treppen zum Lunar-Platz hinabgestiegen waren, eilte ein junger Miqo'te mit rosarotem Haar zu ihm hin.
„Bajira! Waren es die Garlear, wie vermutet?“, wollte er ausser Atem wissen. Bajira schüttelte den Kopf und deutete mit einem Nicken zu seinem Sohn. Verwundert blickte der Miqo'te zu dem Blonden. Verlegen grinste der Schwarzmagier und kratzte sich am Hinterkopf, sein Ohr zuckte dabei leicht.
„Das ist nichts, worauf ich stolz wäre, junger Mann.“, brummte sein Vater ernst. Die Ohren des Blonden falteten sich zurück und er blickte beschämt grinsend zu seinem Vater hoch. Während Bajira die Lage erklärte hörte Noah eine ihm zu genüge vertraute Stimme.
„Noooooaaaaahhhhh!!!“ Eisfluchs Ohren schossen sofort nach oben und sie trat einen Schritt zurück, als eine Miqo'te – ungefähr in ihrem Alter – an ihr vorbei preschte und Noah fast von den Beinen riss und sich an dessen Arm schmiegte.
„N-Nicht so wild“, stammelte Noah und legte seine Ohren etwas schief. Eisfluch musste etwas grinsen, wusste sie doch, dass Luna verschossen in ihren Bruder war.
„Ja, und Noah hat den halben Lunar-Platz in die Luft gejagt.“, sagte Bajira zu dem jungen Miqo'te, dabei legte er seine grosse Hand auf den Kopf seines Sohnes. Beschämt grinste dieser und rollte unschuldig mit den Augen. Der junge Miqo'te mit den rosa Haaren wandte sich etwas zu Eisfluch um und blickte sie mit strahlenden türkisen Augen an. Erschreckt legte sie ihre Ohren zurück.
„Es tut mir leid, Say'ran. Hätte ich nicht ohne Aufsicht Trisaster geübt...Wäre das wohl nicht passiert.“, gab sie leise zu.
Say'ran – der Eisfluchs Mentor war – schmunzelte und winkte ab.
„Deine Entschlossenheit wird dich eines Tages weit bringen, Eisfluch.“, sagte er und nickte schliesslich ihr und ihrem Vater zu. Auch der Hrothgar nickte und stupste seine Kinder an.
„Los, Abmarsch.“, sagte er und lief mit den beiden nach Hause. Noah grinste entschuldigend und befreite seinen Arm vor der schwarzhaarigen Miqo'te. Diese liess tänzelnd von ihm ab und winkte den Geschwistern noch nach.

Freudig rannte Eisfluch los, als sie schon die Tür erblickte und stolperte dabei fast über Ascon, der ebenfalls an Tempo zulegte.
„Komm Ascon! Wer zuerst an der Tür ist!“, rief sie und rannte zusammen mit dem Bandersnatch los. Noah atmete tief ein und legte den Kopf in den Nacken um das Sternenzelt anzusehen.
„Nächstes Mal machst du sowas nicht mehr, verstanden? Das hätte mächtig schief gehen können.“, sagte Bajira. Leicht faltete Noah seine Ohren zurück und murrte.
„Es ist aber nichts passiert, Vater. Ich kann auf mich aufpassen...“, sagte er. Sofort nahm Bajira einen grossen Schritt und stellte sich vor seinen Sohn, sodass dieser gegen seine Brust lief. Erschrocken blickte er zu seinem Vater hoch. Ein kurzer Blick nach hinten, verriet dem Paladin, dass seine Tochter mit dem Bandersnatch noch ein paar extra Runden ums Haus drehte.
„Noah, ich weiss dass du auf dich aufpassen kannst. Aber du musst endlich Verantwortung übernehmen. Es könnte jederzeit etwas passieren und dann seid ihr beide auf euch alleine gestellt. Ich will dass du deine Schwester beschützen kannst.“, sagte er ernst. Noahs rote Augen starrten tief in die smaragdgrünen seines Vaters.
„Was wird denn passieren?!“, wollte er wissen. Bajira schüttelte den Kopf.
„Hoffentlich nichts. Aber du bist ihr grosser Bruder.“, beteuerte er. Noahs Blick ging an Bajira vorbei und hing an seiner kleinen Schwester, die sich gerade mit dem Bandersnatch in den Gartenteich warf.
„Ja Vater. Ich werde alles tun um Eisi zu beschützen, und das weisst du.“, sagte er ernst. Zufrieden nickte der Hrothgar und stapfte zum Gartenteich hin.
„Dein Ernst, Zwerg?“, sagte er, beugte sich nach unten und fischte seine Tochter am Kragen aus dem Wasser. Verlegen und breit grinsend hing sie vor ihm und wedelte mit ihrem Schwanz ein bisschen hin und her. Seufzend deutete er Noah an, die Tür aufzumachen. Jedoch war eine bildhübsche, blonde Miqo'te schneller. Lachend blickte sie ihren Mann an und auch ihre Tochter.
„Ich hab einen grossen, seltsamen Fisch gefangen...“, grummelte er und streckte ihr die Miqo'te hin.
„Ich seh schon. Na los, Silver. Ab und umziehen. Gibt gleich Essen. Gibt dein Lieblingsessen!“, sagte sie. Theatralisch stöhnte Eisfluch, als sie runter gelassen wurde und flitzte sofort hinein.
„Nicht Silver! Eisfluch!“, maulte sie noch aus der Wohnung und steuerte die Treppen an. Silver war ihr richtiger Name. Jedoch gab sie sich selbst den Namen Eisfluch, nachdem sie begriffen hatte, dass eines ihrer Augen eisblau war und nicht grün wie ihr anderes. Auch Noah hatte das Haus betreten und setzte sich schon mal an den Tisch. Bajira seufzte und setzte zum Reden an. Ylvie schmiegte sich in seinen Arm.
„Ich weiss es bereits. Say'ran hatte mich informiert. Ich hoffe es ist okay, wenn ich ihn zum Essen eingeladen habe.“, sagte sie und küsste ihren Mann.
„Natürlich ist das okay.“
„Weisst du... Noah erinnert mich an dich früher. Er ist genau so impulsiv wie du früher.“ kicherte sie. Schnaubend warf er den Kopf in den Nacken und stöhnte. „Du erinnerst dich sicher an die Sache mit dem Morbol aus dem Sumpf, oder?“, lachte sie leise und trat dann zur Tür. Gemeinsam betraten die beiden das Haus und setzten sich an den Tisch zu Noah und Say'ran. Nur wenige Herzschläge später hörten sie auch schon, wie Eisfluch aus ihrem Zimmer schoss und zur Treppe rannte.
„Aufpassen Kleine!“, rief Bajira und musterte sie, wie sie hektisch die Treppe runter preschte.
„Ich danke herzlich für die Einladung.“, sagte Say'ran und verneigte sein Haupt vor den beiden.
Glücklich, zufrieden und ahnungslos verging der Abend, in welchem die Geschwister mit vollen Bäuchen ins Bett fielen und schliefen.
Doch dass über ihren Köpfen, weit über den Baumkronen sich etwas anbahnte, das ahnte noch keiner. Die idyllische Stille im Wald sollte bald schon einer trügerischen Vorahnung weichen. Der blaue Bandersnatch welcher meistens im Garten sein Schlafplatz hielt, hob seinen Kopf träge. Irgendetwas machte ihn unruhig und sein Blick wanderte nach oben zum Sternenzelt. Ein fernes Glühen, blutrot und bedrohlich kündete von der Katastrophe die sich bald schon auf die Welt legte. Die Lefzen angehoben, bleckte Ascon seine Zähne, in seinen Augen spiegelte sich das Glühen, welches sich näherte schneller als man ahnen würde.
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