Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Unter meiner Uniform

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Draco Malfoy Harry Potter Severus Snape
20.05.2021
03.08.2021
23
98.723
14
Alle Kapitel
47 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
15.06.2021 5.626
 
~


Als seinem Team der Auftrag erteilt worden ist, hat Harry nicht damit gerechnet, dass es ihm so leicht fallen würde, Milner um den Finger zu wickeln, gerade genug, um ganz offiziell den interessanten Teil ihrer Durchsuchung übernehmen zu dürfen. Sein Herz pocht nervös, während er sich von den Malfoys abwendet, die in eleganter Haltung und mit leidenden Mienen auf den soeben beschworenen Stühlen sitzen.

Er bildet sich ein, ihre Blicke auf seiner Haut zu fühlen.

Natürlich wissen sie, dass sich noch jemand im ersten Stock aufhält und Harry sie aus einem ihnen unbekannten Grund nicht verraten hat. Er würde sein linkes Bein geben, um zu erfahren, welche Fragen und Horrorvorstellungen darüber, was er wohl von ihnen verlangen wird, durch ihre Köpfe gehen. Es steht zu vermuten, dass keine davon an das heranreichen wird, was Harry tatsächlich plant.

Er weiß aus Erfahrung, dass seine Aufregung ihm gefährlich werden könnte - zu oft ist ihm bereits der Fehler unterlaufen, nicht mehr an seine Verwandlungsformel gedacht zu haben, und mehr als einmal ist er von einer unerwarteten Rückverwandlung in die Verlegenheit gebracht worden, rasch auf die Toilette flüchten zu müssen.

Der Aufspürzauber für magische Objekte wird eine Menge Konzentration erfordern, und er will sich lieber so weit von den Blicken der Versammelten entfernt haben, wie es ihm möglich ist, wenn die Zauber sich zu lösen beginnen.

Es ist keine Frage, ob, sondern wann es geschieht.

Harry sammelt sich und beschreibt mit dem Zauberstab eine Ellipse in der Luft, während er sich auf sein Ziel fokussiert. »Reperire.« Ein zartes magisches Rupfen zieht ihn vorwärts, und er wirft noch einen Blick zurück, nickt Milner zu, bevor er die Eingangshalle entlangschreitet, dem Ziehen in seiner Brust folgend.

Obwohl er an Porträts der malfoyschen Vorfahren, von denen manche sein Eindringen in ihr Reich mit einem verächtlichen Schnauben quittieren, an Skulpturen und ausgestellten, sagenhaften Kleinoden vorbeigezerrt wird, hält Harry den Blick starr auf seine Hand gerichtet. Er befürchtet, das Pochen in seinem Fleisch durch die Aufregung womöglich zu verpassen, was zu unangenehmen Fragen führen könnte. Noch ist alles in Ordnung; noch sieht sie genau so aus, wie sie soll.

Weiter hinten hört Harry, wie Lucius Malfoy in höhnisches Lachen ausbricht. »Wirklich, Sie vertrauen ausgerechnet Potter die Hausdurchsuchung an? Ich vermute, demnach legen Sie keinen Wert darauf, überhaupt irgendetwas zu finden, was auch immer Sie suchen. Wir haben uns natürlich absolut nichts zu Schulden kommen lassen.«

Verärgert versenkt Harry die Zähne in seiner Unterlippe. Er hat weder erwartet, dass ihm Respekt entgegengebracht wird, noch, dass ein Mann, der einen von Voldemorts Horkruxen an ein zwölfjähriges Mädchen weitergegeben hat, begreift, was Harry für ihn tun wird. Aber dem Irrglauben zu verfallen, durch seine Spöttelei irgendetwas zu erreichen, das darüber hinausgeht, ihn in Rage zu versetzen?

Wahrscheinlich glaubt er tatsächlich, Alistair verunsichern zu können, um einen Wechsel seines Wächters zu erzwingen. Damit er Harry überwältigen kann? Kaum zu glauben, da ja sogar sein Dunkler Lord von Harry in den Staub getreten worden ist. Malfoy kann einfach nicht so bescheuert sein.

Sein Partner seufzt lediglich. »Wir werden sehen. Und jetzt halten Sie den Rand, Malfoy«, sagt er, bevor er ein lautes Schlürfgeräusch erklingt.

»Sie werden mir nicht verbieten, in meinem eigenen Haus zu sprechen - ich verlange, dass Sie diesen Irrsinn auf der Stelle abbrechen! Mir steht zumindest zu, zu erfahren, was ich verbrochen haben soll!«

In diesem Moment begreift Harry, dass Lucius Malfoy gerade auf eine wenig elegante, immer hysterischer werdende Art versucht, Zeit zu schinden. Durch sein Geschrei hat er Draco gewarnt, und nun nutzt er alle Wege, die ihm einfallen, um seinem Sohn genug Zeit zu verschaffen, zu fliehen – oder verdächtige Objekte vor ihnen zu verbergen. Eine interessante Idee. Doch es wird ihnen nicht helfen.

»Ich denke nicht, nein. Wir fahren fort wie von Abteilungsleiter Robards gewünscht und von Minister Shacklebolt abgesegnet. Beschweren Sie sich doch bei denen.«

Harry beschleunigt seine Schritte und nähert sich einer breiten Marmortreppe, die hinauf in den ersten Stock führt. Das Geländer ist mit Ranken verziert - ein unpraktischer Dreckfänger, seiner Meinung nach, wie der Rest der Ausstattung, den er bisher zu Gesicht bekommen hat. Der Marmor schimmert im Licht eines gigantischen, prachtvollen Kronleuchters zehn Meter über ihm an einer gewölbten Decke.

Er kommt sich vor wie in einem Museum, und so neidisch Harry oft auch gewesen ist, als er damals von den Häusern und Familien seiner Mitschüler gehört hat, kann er sich nicht vorstellen, hier aufzuwachsen. Es muss ebenso einsam wie langweilig gewesen sein. Endlose Tage voll hübsch anzusehender Leere.

Der Zauber zerrt ihn die Treppe hinauf, und zu Harrys Euphorie steuert er direkt auf das neblig rote Schimmern zu, das er durch den Menschen-Aufspürzauber erzeugt hat.

Als er vor einer geschlossenen Tür stehenbleibt, geht ein endgültiger Ruck durch seinen Brustkorb. Er wirft einen Blick zurück. Von hier aus kann er die Malfoys und seinen Partner nicht mehr sehen, nur die gegenüberliegende Wand und starrende graue Augen eines Vorfahren aus einem Ölgemälde, die ihm zu folgen scheinen.

Er nähert sich dem Geländer mit zittrigen Knien und wirft einen Blick in die Eingangshalle hinab. Milner sitzt sichtlich entspannt auf seinem Klappstuhl und lässt sich von Lucius Malfoy geduldig dazu auffordern, ‘Potter zurückzupfeifen’, wobei er selbstzufrieden seinen Tee schlürft. Die werden weder etwas merken noch sehen, selbst wenn sie den Kopf heben und direkt hochschauen.

Die Zeit ist gekommen, die ausgetretenen Pfade der Legalität hinter sich zu lassen. Harrys Mundwinkel zucken - was für ein klischeehafter Gedanke!

Lächelnd deutet er mit dem Zauberstab auf die Tür und schirmt den dahinterliegenden Raum mit einem ungesagten Stillezauber ab, nur für den Fall, dass Draco aufschreit, wenn er auf frischer Tat dabei ertappt wird, illegales Zeug zu verstecken. Dann schüttelt er den Elderstab aus dem linken Ärmel. Doppelt bewaffnet drückt er die Türklinke hinunter, gibt ihr einen Stoß und hält inne, als sich ein befremdliches Bild vor ihm entfaltet.

Draco Malfoy kauert halbbekleidet neben zwei losen Dielenbrettern in einem stilvoll eingerichteten Schlafzimmer auf dem Boden und ist offenbar gerade dabei gewesen, hastig einen menschlichen Schädel in die entstandene Lücke zu stopfen. Beide Zauberstäbe auf ihn gerichtet, bleibt Harry stehen, ebenso erstarrt wie sein Gegenüber.

Der Anblick des Jungen, für den er in seinen ersten Schuljahren zunächst nichts als Abscheu empfunden hat, trifft ihn bis ins Mark. So oft er sich das Treffen auch vorgestellt und auf diesen Moment hingefiebert hat, seine Fantasie hat ihn nur unzureichend vorbereitet; er sieht, wie Malfoys lange Finger um den Schädel herum zu zittern beginnen und wie sein Adamsapfel hüpft, als er nervös schluckt.

Es ist genau die Bestätigung für die befremdliche Natur seiner Obsession, die Harry nicht gebraucht hat.

Das Gesicht, durch den Schrecken blasser, als er es sich vorgestellt hat, ist ihm zugewandt, der Mund halb offenstehend. Er rechnet ihm hoch an, dass Malfoy keinen Ton von sich gegeben hat, obwohl er scheinbar in einen Zustand latenter Panik verfallen ist. Verstrubbeltes, kinnlanges Haar und ein nicht zusammengebundener Morgenmantel verraten ihm, dass Lucius’ Geschrei ihn vermutlich aus dem Bett geholt hat.

»Steh auf, Malfoy. Die Hände dahin, wo ich sie sehen kann.«

Harry weiß nicht, ob er tatsächlich flüstert oder der Sturm in seinem Inneren bloß seine Wahrnehmung dämpft, doch Draco lässt den Schädel fallen, der klappernd über den Boden eiert, und springt auf, die Hände vor der Brust erhoben. Der Morgenmantel öffnet sich und gibt die Sicht auf ein blendend weißes Unterhemd und eine graue Unterhose frei. Mit trockenem Mund blinzelt er Malfoys lange, helle Beine an, als wären es die ersten, die er überhaupt zu Gesicht bekommt.

Er weiß, dass er einen ausgesprochen dämlichen Eindruck macht, wie er dasteht und glotzt, doch er kann es nicht ändern und auch nicht aufhalten. Die Diskrepanz zwischen seinen Tagträumen und der Wirklichkeit ist wie eine Ruptur, die sich durch seinen Brustkorb zieht und ihn innerlich spaltet.

Mit einem Mal bluten Gefühle von dem Riss aus hinab, einige davon zu unterschwellig, um sie zu identifizieren. Was er erkennen kann, ist schlimm genug. Zwar ist das erhoffte Entzücken bezüglich der gelungenen Überraschung ebenso darunter wie die Euphorie, ein Etappenziel erreicht und ein gigantisches Druckmittel gegen die Malfoys aufgetan zu haben, doch auch der unverständliche Drang, die Tür mit allen Zaubern zu verschließen, die ihm einfallen, um für immer ungestört in diesem Moment schwelgen zu können.

Übertönt wird all das von einem abgesonderten, plötzlichen Aufwallen erschütternder Lust, die sich an den offenen Bruchstellen allmählich in den Sud der anderen Emotionen speist.

Seit seiner Verwandlung hat er nicht mehr so viel auf einmal gefühlt, und es jagt ihm eine Heidenangst ein. Unter dem hektischen Pochen seines Herzens lässt Harry sich nach hinten fallen, um die Tür mit seinem Rücken zu schließen, während er erst einmal dem üblichen Protokoll folgt.

»Das ist eine Hausdurchsuchung. Du musst nicht bei der Suche kooperieren, aber wenn du versuchst, mich zu behindern, bin ich befugt, dich auf der Stelle festzunehmen. Verstehst du das?«

Malfoy nickt hastig, während seine Augen sich weiten und sein Blick zu den losen Dielenbrettern vor seinen Füßen ruckt. »Ich habe nicht - ich wollte lediglich -«

Eine Augenbraue hebend, registriert Harry erleichtert, dass Dracos Gestammel ihm einen Teil seiner Selbstsicherheit zurückgibt. »Alles verschwinden lassen, das deine Familie in Schwierigkeiten bringen kann?«, fragt er sanft. »Das sehe ich.«

Anstatt weiterhin zu leugnen, was er ohnehin nicht hätte verhehlen können, schließt Draco ergeben die Augen, bevor er auf das Doppelbett an der Wand zustakst. Er lässt sich fallen und bringt die vormals straffgezogene geblümte Tagesdecke in Unordnung. »Ich nehme mal an, dass es absolut sinnlos wäre, dich darum zu bitten, ein Auge zuzudrücken«, murmelt er, ein bitterer Zug um den Mund.

»Oh, du meinst, unserer unvergleichlich engen Freundschaft wegen?«

Draco zuckt zusammen, als würden Harrys Worte ihn überraschen. Dann lässt er den Kopf hängen.

Harry, der beide Zauberstäbe auf ihn gerichtet hat und nur darauf wartet, dass Malfoy herumwirbelt und ihn zu entwaffnen versucht oder ihm einen hässlichen, schwarzmagischen Fluch entgegenschleudert, schnalzt genervt mit der Zunge.

Von dem arroganten Gehabe seines liebsten Schulfeindes ist nicht einmal mehr der Anschein übriggeblieben, was wohl auch besser so ist, denn ausgerechnet jetzt könnte Harry sich nur schwer zurückhalten. Es ist, als hätte der Anblick dieses Jungen ihn innerlich aufgerieben. Die demonstrative Mutlosigkeit scheint durch die Luft auf ihn zuzuwallen und durch seine eigenen Poren zu dringen.

Er lässt die Arme sinken und steckt den Zauberstab aus Stechpalme weg. Da er nicht vorhat, der Familie rechtliche Probleme zu bereiten, wird er den offiziell auf ihn registrierten Stab nicht brauchen. Etwaige Entwaffnungszauber müssten im unwahrscheinlichen Fall einer Untersuchung rechtfertigt werden, was die Schlinge um Dracos Hals enger zuziehen würde. Das Gegenteil dessen, was er erreichen will.

»Ich schlage dir einen Handel vor«, sagt Harry langsam. Dracos Kinn ruckt nach oben, und er mustert ihn wachsam.

Es ist anzunehmen, dass jeder Malfoy den besonderen Unterton dieser Worte kennt; Harry, der die Akten studiert hat, weiß, dass viele solcher Deals während der Nachwirkungen beider Kriege geschlossen wurden.

»Du wirst mir freiwillig jeden einzelnen Gegenstand aushändigen, der euch in Schwierigkeiten bringen könnte. Ob mit Einschränkungen oder Verboten belegtist mir egal. Ich will sie am Ende alle auf einem schönen Haufen hier liegen haben.«

Draco presst die Lippen zu einem blassen Strich zusammen. Die grauen Augen, fest auf Harry gerichtet, verdunkeln sich.

»Das hört sich nicht besonders sicher an, nicht wahr?« Harry unterdrückt ein Lachen, als Malfoy nickt. Armer, armer Draco. Er traut sich ja nicht einmal, überhaupt etwas dazu zu sagen. »Aber ich bin deine einzige Chance. Gib mir alle schwarzmagischen Artefakte, die ihr besitzt, und ich überlege mir vielleicht etwas.«

Als Malfoys Ohren sich rot färben und er plötzlich aufspringt, hüpft Harrys Magen vor Freude. »Und was für ein Deal soll das bitte sein? Du kommst her und verlangst von mir, dass ich mich selbst belaste, natürlich all das für ein simples Vielleicht -«

»So ist es.« Breit grinsend schreitet Harry auf ihn zu. »Vielleicht lasse ich mich ja irgendwie davon überzeugen, die Sachen in meine eigenen Taschen zu stecken und aus dem Haus zu schmuggeln.« Bei jedem Schritt klopft die Faust, die sich um den Elderstab geschlungen hat, locker gegen seinen Oberschenkel. Er ist Draco inzwischen so nah, dass er sehen kann, wie sich dessen Brustkorb hektisch hebt und senkt. »Aber siehst du, ich würde damit ein großes Risiko eingehen.«

»Du? Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wer dich verdächtigen würde, irgendetwas -« Draco unterbricht sich und hebt erneut die Hände zu einer ohnmächtigen Geste. »Halt, was - Warum solltest du so etwas tun? Was könnten wir dir geben, um das ... das Risiko zu rechtfertigen?«

Direkt vor Draco bleibt Harry stehen und lächelt zu ihm herauf. Er versucht, es verschüchtert aussehen zu lassen, doch Malfoy zuckt trotzdem zusammen, was in ihm den Wunsch aufwirbelt, sich selbst durch seine Augen zu sehen. Seinem eingeschüchterten Verhalten nach muss Harry wahnsinnig beeindruckend wirken.

»Das weiß ich noch nicht, Draco. Mach einen Vorschlag. Lass dir was Schönes einfallen«, sagt er leise. Weil es früher an diesem Morgen bereits so wunderbar funktioniert hat, nimmt Harry die Brille ab und beginnt, sie nervös blinzelnd an seinem Umhang abzuwischen, dieses Mal jedoch, ohne sein Gegenüber aus den Augen zu lassen. Wieder einmal tut Malfoy nichts weiter, als die Augen zu schließen und zittrig zu schlucken wie ein machtloser Vollidiot.

Was für eine Ironie, dass Draco in einem Moment, in dem er fraglos mehr hätte erreichen können als je zuvor, seinen Kampfeswillen eingebüßt hat.

Harry setzt die Brille wieder auf die Nase und hebt das Kinn, bringt seine Lippen so nah an Malfoys Haut, wie es ihm möglich ist, ohne sich zu strecken oder gar auf die Zehenspitzen zu stellen. Rasche Atemzüge streichen über seine Stirn, was ihn beinahe ebenfalls dazu bringt, die Augen zu schließen, doch er beherrscht sich. Schließlich haben sie nicht ewig Zeit für dieses Spielchen.

»Weißt du was? Ich tue dir den Gefallen und komme dir ein wenig entgegen.« Als Draco die Augen öffnet, muss er den Kopf neigen, um ihn anzusehen. Nur eine Handbreit Platz liegt zwischen ihnen. Ein Kribbeln in Harrys Nacken setzt an. »Ich werde also in Vorleistung gehen, eure Objekte einsacken und somit dafür sorgen, dass ihr wieder einmal davonkommt. Im Gegenzug dafür seid ihr mir etwas schuldig.«

»Soll ich dir etwa glauben, dass das kein Trick ist? Du könntest trotzdem alle Artefakte beschlagnahmen.«

»Gott, Malfoy, dafür, dass du keine andere Wahl hast, bist du ganz schön zickig«, stöhnt Harry gespielt genervt und verdreht die Augen. In Wahrheit schwelgt er in dem aufregenden Gefühl, Draco Malfoy so nah zu sein, dass er die Wärme fühlen kann, die er abstrahlt. »Wie schon gesagt: Dir bleibt keine Wahl, und du weißt es. Du kennst das Prozedere; es gibt Aufspürzauber und -«

Die rosigen Lippen formen sich zu einem listigen Grinsen. Harry hält den Atem an. »Ganz recht, die gibt es. Aber als Auror ist dir sicherlich bekannt, dass kein einziges Objekt, das wirklich von dunkler Magie durchdrungen ist, auf deine Aufspürzauber reagiert?«

Das Kribbeln in Harrys Nacken breitet sich über seinen Rücken hinweg aus. Er kann gerade noch ein Schaudern unterdrücken. Da steht er, großkotzig wie eh und je, schaut auf ihn herab, ohne zurückzuweichen, ohne zu begreifen, dass er einen entscheidenden Fehler gemacht hat. Harry hätte sich keinen besseren Moment wünschen können, um ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

»Darüber mache ich mir keine Sorgen«, sagt Harry sanft und lacht leise. »Erstens hast du gerade bestätigt, dass es weitere Verstecke gibt. Noch ein Grund, anzunehmen, dass du keine Möglichkeit hast, heil aus der Sache herauszukommen - außer, du begibst dich unter meinen Schutz. Immerhin haben deine Eltern gelogen, was deine Anwesenheit angeht. Ich habe meinen Partner, der sie unten beaufsichtigt, davon abgehalten, die Lüge gleich aufzudecken. Was meinst du, was mit ihnen passiert, wenn du mich nicht davon überzeugen kannst, euch laufen zu lassen?«

Die Andeutung reicht aus, um das Lächeln zittern zu lassen. Draco, der noch immer nicht vor ihm zurückgewichen ist, starrt ihn an, sodass Harry die lamellenartigen Verdunkelungen in dem Grau seiner Augen sehen kann.

»Zweitens habe ich dich dabei ertappt, wie du versucht hast, unsere Bemühungen zu torpedieren. Mein Wort reicht aus, um deine Situation merklich zu verschlechtern. Drittens.«

Obwohl es ihm nicht gefällt, den sonderbaren Bann zwischen ihnen zu zerbrechen, tritt Harry einen Schritt zurück. Er schwingt den Elderstab, um den Aufspürzauber zu wiederholen. Wie zuvor konzentriert er sich auf verdächtige Objekte, doch nicht in der Absicht, sie zu finden, sondern, sich an ihnen zu bereichern. Streng genommen ist es das, was er vorhat, wenn auch nicht finanziell; er will sich schließlich eine bessere Position verschaffen.

Anders als zuvor spürt er kein Ziehen in eine ungefähre Richtung. Diesmal sieht er das Glimmen der Objekte durch Matratze des Bettes scheinen. Ohne den Zauberstab zu senken, dreht er sich einmal im Kreis herum.

»Wie enttäuschend, dass ihr keine richtige Schnitzeljagd daraus gemacht habt. Die meisten unter euch Schmugglern sind besser vorbereitet, und garantiert niemand würde fast alles direkt unter dem Bett ... verstecken.«

Harry hätte sein halbes Leben lang beinahe seinen gesamten Besitz hergegeben für den Ausdruck namenlosen Horrors auf Dracos Gesicht. Die zitternden Lippen, das fleckige Rot auf seinen Wangen - ein Anblick, an den er sich noch lange erinnern wird.

»Du bist wirklich erbärmlich schlecht darin, Dinge zu verbergen.«

Es dauert ein paar Sekunden, bis Malfoy sich zusammengerissen und den Mund geschlossen hat. Er schüttelt ungläubig den Kopf, verfällt dann wieder in sein Starren.

»Ach, komm schon«, murrt Harry ungeduldig, »traust du mir so wenig zu, dass dich das schon erschreckt? Du musst doch mittlerweile begriffen haben, dass ich nicht hier bin, um dich festzunehmen. Spätestens der korrekt ausgeführte Aufspürzauber sollte ein Hinweis auf meine Absichten sein.«

»Ich ... ich wusste immer schon, dass du ein Arschloch bist, Potter«, entgegnet Draco, trotz seiner Wortwahl ohne Schärfe in seiner Stimme. Es ist keine Beleidigung, sondern eine schlichte Feststellung. »Aber dass du deinen guten Ruf ausnutzen würdest, um während einer offiziellen Durchsuchung etwas Derartiges abzuziehen, ist -«

Er beißt sich auf die Unterlippe und schließt die Augen halb, ein Ausdruck, der in Harry eine unwillkommene Assoziation weckt, die seinen Puls beschleunigt, was er momentan ganz sicher nicht brauchen kann.

»Nach allem, was du erlebt hast, solltest du wirklich gelernt haben, den äußeren Anschein als das zu bewerten, was er ist.« Ernst schaut Harry ihm in die Augen, ehe er in die Richtung von Dracos linkem Arm nickt. »Ein Trugbild, nichts weiter. Wie sieht es also aus? Soll ich euch schützen oder ausliefern?« Er wartet die Antwort nicht ab, und das muss er auch nicht.

Betont gleichmütig wendet er sich ab und geht zu der Lücke im Parkett hinüber. Ein rascher Blick hinein offenbart einen ungeordneten Haufen diverser Gegenstände; Harry erkennt einen Dolch, verschiedene Trankzutaten in kleinen Glasgefäßen und einen Schrumpfkopf. Dann geht er vor dem Bett in die Hocke und beugt sich hinunter. Auf der anderen Seite des Bettes sieht er Dracos Füße. Erst jetzt fällt ihm auf, dass er nur einen einzigen Strumpf trägt. Er verkneift sich ein Lachen, mustert stattdessen ein Bettlaken mittig auf dem Boden, auf dem sich Bücher, Pergamentrollen und weitere Zutaten türmen. Zudem ragen die verwitterten Finger von Dracos Hand des Ruhmes unter dem Krempel hervor.

»Eine reiche Ausbeute, dafür, dass bei der letzten Hausdurchsuchung drei Kisten illegaler Objekte bei euch konfisziert worden sind«, murmelt Harry, bevor er sich wieder aufrichtet und die Ellbogen auf die Matratze stützt. Draco beobachtet ihn mit einem undeutbaren Ausdruck auf seinem geröteten Gesicht. »Wie sieht’s aus, bringst du mir noch den Rest aus der Bibliothek oder lässt du dich lieber festnehmen?«

»Aber du hast gerade noch gesagt, dass dein Partner in der Eingangshalle sitzt.« Verunsichert zieht Draco die hellen Augenbrauen zusammen. »Wenn ich durch das Haus renne, erwischt er mich vielleicht doch, und -«

Harry legt den Kopf schief. »Also entscheidest du dich für die Verhaftung. Du hast ganz schön Mumm, Draco. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.«

»Jetzt stell dich nicht so blöd an!«, faucht Draco. Mit aufsteigender Freude registriert Harry, dass das Rot auf seinen Ohren sich verdunkelt. »Natürlich will ich mich nicht verhaften lassen, deswegen mache ich dich ja darauf aufmerksam - er wird mich spätestens entdecken, wenn ich in die Bibliothek gehe!«

»Das wird er nicht. Ich habe bereits festgestellt, dass man von der Eingangshalle aus beinahe gar nichts sehen kann. Du kommst aus der Nummer nicht mehr raus, so viel ist sicher. Die Frage ist, was es dir wert ist, dass ich all diese Mühe auf mich nehme, allein für dich.«

Nun, da er das Thema wieder auf sein Druckmittel gelenkt hat, senkt Draco den Blick und runzelt die Nase. Harry weiß, dass ihn sein nervtötend wohlwollendes Gehabe wahnsinnig macht, schlicht, weil er nichts dagegen unternehmen kann. Er hat ihm genüsslich aufgezeigt, dass er ihm jeden möglichen Ausweg abgeschnitten hat. Natürlich hat die Gefahr bestanden, dass Malfoy sich tatsächlich für eine Festnahme entscheidet, um seine Würde zu bewahren, doch nach all dem Hin und Her hält er das Risiko für vernachlässigbar.

Er hat Draco Malfoy in der Hand, und mit ihm seine ganze Familie. Nicht nur das, in diesem Augenblick könnte er alles von Draco verlangen - er würde sich nicht wehren können! Er könnte ihm anbieten, die Bibliothek selbst aufzusuchen, um den Gegenstand zu bergen, der Preis dafür nur ein simpler Kniefall. Wenige Sekunden, und alles wäre in trockenen Tüchern. Noch besser wäre allerdings ein Kuss. Oder - Harrys Magen ruckt nervös - er könnte Draco zwingen, all seine Kleider auszuziehen.

»Oh, bei Morganas Krähe, ist ja schon gut!« Malfoys Hände zittern, als er sie in dem Ärmelsaum seines Morgenmantels krampft. »Wir haben einen Deal, Potter! Du kannst aufhören, so dreckig zu grinsen.«

Ein unwillkürliches Kichern blubbert zwischen Harrys Lippen hervor. Die Vorstellung, wie er seine einmalige Position missbraucht, hat ihn derart eingefangen, dass ihm das verschmitzte Lächeln auf seinem Gesicht nicht aufgefallen ist. Es muss Draco stark verunsichert haben, wenn ausgerechnet dieser Ausdruck ihn dazu treibt, den Handel anzunehmen, gegen den er sich die ganze Zeit über gesträubt hat.

Er nimmt einen tiefen Atemzug, um sich zu beruhigen, doch das Pochen in seinen Adern lässt sich nicht so einfach zurückdrängen. Rasch wirft er einen Blick auf seine Hände. Zu seinem Glück haben sie sich noch immer nicht verändert, aber ihm wird klar, dass er keine Zeit haben wird, in seinem Sieg zu schwelgen.

Es wäre ein unverzeihlicher Fehltritt, sich ausgerechnet jetzt vor Draco zu verwandeln und ihm ein Druckmittel zu liefern.

»Na schön, Malfoy«, sagt Harry, während er auf die Füße springt. »Wir sollten uns ein wenig beeilen, sonst wirkt es verdächtig, wenn ich ohne Funde in die Eingangshalle zurückkomme. Habt ihr einen Kamin, der nicht an das offizielle Flohnetzwerk gekoppelt ist?«

Sein plötzlicher Vorstoß bringt Draco offenbar aus dem Konzept. »Ja, schon - ich meine, nur ein einziger Kamin ist überhaupt an das Flohnetzwerk angeschlossen. Der im Salon im Erdgeschoss. Aber ...« Er zögert. »Ich sollte wirklich nicht -«

Nun tatsächlich genervt, verdreht Harry die Augen und stöhnt. »Wir haben wirklich keine Zeit mehr für Spielchen. Ich brauche einen Kamin, der nicht vom Ministerium überwacht wird und mit dem ich das Haus der Blacks erreichen kann. Du weißt, dass mein Partner die Artefakte aufspüren würde, wenn er das Gutshaus gleich noch einmal kontrolliert? Was glaubst du, wie leicht ich mich rausreden kann, wenn er das ganze Zeug in meiner Hosentasche findet?«

»Äh - ja. Ich verstehe.« Draco schluckt und wendet den Blick ab. Schließlich seufzt er und offenbart Harry eine Information, die ebenso unerwartet wie nützlich ist. »Jeder andere unserer Kamine ist an ein internes Familiennetzwerk angeschlossen. Wenn du der Geheimniswahrer des Black-Hauses bist, kannst du direkt durchgehen.«

Während ein nervöser Schauder über seinen Rücken rinnt, schaut Harry sich um. Vor einem Lesesessel entdeckt er einen momentan nicht entzündeten Kamin, dessen schwarze Verkleidung nahtlos in die dunklen Holzschindeln der Wand übergeht. »So wie dieser hier?«

»Ja«, haucht Draco zögernd. »Aber wenn du das irgendjemandem sagst ...«

Harry fährt zu ihm herum. »Du bleibst hier, klar? Beweg dich bloß nicht. Ich hole den Rest.« Als Draco nickt, wendet Harry sich ab und verlässt wortlos den Raum. An der Wand entlang, damit man ihn von der Eingangshalle aus nicht bemerkt, schleicht er sich zu dem Aufgang in den zweiten Stock auf der gegenüberliegenden Seite der Rotunde.

Er hört das Murmeln der Malfoys, wie es unverständlich hallend über ihn hinwegrauscht, unterbrochen von dem leisen Brummen seines Partners, was erleichternd ist. Anscheinend hockt er noch immer auf seinem ausladenden Hintern. Hoffentlich bleibt es dabei, bis Harry seine Mission hinter sich gebracht hat.

Auf dem Weg zur Bibliothek beschäftigt er seine Gedanken mit dem internen Familien-Flohnetzwerk, von dem er heute zum ersten Mal gehört hat.

Als Auror ist ihm bekannt, dass die Kamine Verdächtiger einer ständig aufrechterhaltenen Überwachung des Nachrichtenverkehrs unterliegen, weshalb er nicht einfach blauäugig in einen offiziell angeschlossenen Kamin hüpfen und seine Beute nach Hause bringen kann. Selbst Kreacher wäre ihm keine große Hilfe; jedes noch so verstohlen ausgeübte Stückchen Magie hinterlässt eine Spur, der zu folgen eine der ersten Lektionen ist, die ein Auror verinnerlichen muss.

Die Nutzung eines illegalen, unkontrollierten Kaminnetzwerkes jedoch kann weder ihm noch den Malfoys gefährlich werden. Selbst wenn irgendjemand feststellt, dass der Kamin vor Kurzem benutzt wurde, wird es unmöglich sein, zu beweisen, was genau damit angestellt worden ist.

Am Rande fragt er sich, wie viele verbotene Geschäfte damit abgewickelt, wie viele kurzfristige Warnungen vor Aurorenaktivität wohl schon verschickt worden sind. Wirklich, es ist kein Wunder, dass die Familie sich aus allem herauswinden kann.

Und nun wird er ausgerechnet zu diesem fragwürdigen Ruhm beitragen.

Im zweiten Stockwerk angekommen, hält Harry sich nicht lange damit auf, sich umzusehen. Er eilt zur Bibliothek, einem saalartigen Raum, dessen hohe, vollgestopfte Regalreihen angeordnet sind wie jene in der Halle der Erinnerungen in den tiefen der Mysteriumsabteilung.

Das Glimmen leitet ihn zu einem der Regale in der Mitte, an Reihen voll unspektakulär wirkender, zumeist braun eingebundener Bücher vorbei. Es ist ein winziger Band, so klein wie seine Handfläche. Der Titel ist unleserlich, und Harry, der sich einbildet, ein kribbelndes Pochen in seinem Fleisch zu spüren, steckt ihn hastig ein.

Als er das Schlafzimmer wieder betritt, ist Draco gerade damit beschäftigt, die Artefakte aus dem Loch im Dielenboden zu bergen und auf das Laken zu werfen, das er unter dem Bett hervorgezerrt hat. Kurz schaut er hoch, Verunsicherung im Blick, bevor er Harry erkennt und erleichtert ausatmet. »Ich dachte schon, das wäre dein Partner«, murmelt er, bevor er mit seiner Arbeit fortfährt.

»Sei du bloß froh, dass ich nicht leicht zu kränken bin. Milner wiegt mindestens das Vierfache von mir.« Er wirft das Buch auf den Stapel. »Das wäre dann alles.«

Ohne aufzublicken, schlägt Draco die Ränder des Lakens um. »Und was jetzt?«

»Jetzt werfe ich die Sachen in den Kamin und du schnappst dir einen Besen oder was auch immer und verschwindest von hier. Spätestens am frühen Abend müsste die Luft wieder rein sein, dann weihst du deinen Vater in unseren Deal ein.«

»Na großartig. Dürfte ich jetzt erfahren, was du von uns dafür erwartest?«, fragt Draco, den Blick noch immer zu Boden gerichtet.

»Darfst du, aber ich schulde dir trotzdem keine Antwort.« Harry räuspert sich. Darum bemüht, einen harten, tiefen Klang anzunehmen, hebt er die Stimme. »Wenn du auch nur daran denkst, mich übers Ohr zu hauen, liefer ich dich und deine Eltern an das Ministerium aus und sage denen, dass du mir aufgelauert bist und mich erpresst hast, die Artefakte zu mir zu schmuggeln. Dann fliegt auch dein internes Flohnetzwerk auf ... Was auch immer dich dazu bringt, dich an unsere Abmachung zu halten.«

Er wartet ein paar Sekunden, doch Draco regt sich nicht. Das Einzige, was Harry von ihm hören kann, ist sein panisch-hastiger Atem. Auch, als er die Enden des Lakens zusammenrafft und den provisorischen Sack anhebt, bleibt Draco erstarrt hocken.

Harry mustert seinen Scheitel noch einmal mit langsam aufkeimender Frustration, bevor er sich losreißt und zu dem Kamin herüberstapft. Es bringt nichts, seine Forderungen jetzt auszusprechen, denn es sieht so aus, als würde Draco sich zunächst einmal an den Gedanken gewöhnen müssen, ihm etwas schuldig zu sein - falls er zu seinem Wort stehen will, natürlich.

Die Schatulle mit dem Flohpulver steht mitten auf dem Kaminsims zwischen zwei gerahmten Hochzeitsfotos von Lucius und Narzissa. Er schnipst sie auf, nimmt eine Handvoll des smaragdgrünen Pulvers und wirft es in den Kamin, wo sich auf der Stelle ein knisterndes Feuer entzündet. In die Hocke gehend, hält er eine Hand in die grünen Flammen. »Grimmauldplatz Nummer zwölf«, raunt er, dann hebt er das Laken in den Kamin.

Mit einem flackernden Lichtblitz und einem kurzen Rauschen verschwinden die Artefakte aus dem Gutshaus der Malfoys. Obwohl Harry nicht mit Schwierigkeiten gerechnet hat, stößt er einen erleichterten Seufzer aus, im gleichen Augenblick wie Draco.

~


Ein Gefühl angespannter Erwartung hat Harry befallen, sobald er Dracos Zimmer hinter sich gelassen hat und sich auf den Weg zurück in die Eingangshalle macht. In seinem Leben hat er selten die Erfahrung gemacht, dass etwas, was er sich vornimmt, ohne Schwierigkeiten abläuft. Daher hat er damit gerechnet, Alistair seie irgendwann während seiner Abwesenheit möglicherweise auf die Idee gekommen, das Anwesen selbst noch einmal mit einem Menschen-Aufspürzauber zu überprüfen, und wäre somit auf nicht einen, sondern zwei rötliche Schimmer gestoßen.

Doch als Lucius und Narzissa neben seinem Partner in Sicht kommen, kann Harry sich nur mit Mühe ein lautes Auflachen verbeißen: Den Kopf nach hinten gelehnt, sitzt Alistair mit offenem Mund da und schnarcht laut vor sich hin, ein Ton, der Narzissa hin und wieder zusammenzucken lässt.

Harry, der sich nach all der Aufregung nach der Stille seines Büros sehnt, kann ihn nicht rasch genug wecken, und so rüttelt er entschieden an der kräftigen Schulter. Mitten in einem lauten Schnarchen schreckt der Mann auf, sieht sich erschrocken um und mustert die Malfoys mit hochgezogener Augenbraue. »Waren wenigstens alle brav, während ich ... nun, beschäftigt war?«

»Sieht so aus, Al. Ich bin gerade mit der gesamten Durchsuchung fertiggeworden. Nachdem mein Aufspürzauber nichts ergeben hat, habe ich noch einmal alles per Hand abgesucht, aber da war nichts. Das Haus ist sauber.«

»Na siehst du«, murmelt Alistair und scheint, seiner Miene nach zu urteilen, ein Gähnen zu unterdrücken. »Das ist das persönliche Engagement, von dem ich gesprochen habe. Du darfst dir ruhig mal mehr zutrauen, Auror Potter. Und am besten beeilst du dich damit. Jetzt geht’s für dich nämlich raus zur Presse. Sag ihnen ruhig, dass sie umsonst gewartet haben und es heute nichts zu berichten gibt, während ich noch einmal schnell nachschaue, ob du auch wirklich nichts übersehen hast.« Er wirft Harry einen entschuldigenden Blick zu. »Wovon ich aber nicht ausgehe.«

Wäre Harry nicht bereits derart tief in der Verwirklichung seiner Pläne verstrickt, hätte das zuvorkommende Verhalten seines Partners leicht Schuldgefühle in ihm auslösen können.

Er geht vor die Tür, um sich den Reportern zu präsentieren, die sich nicht davon entmutigen lassen, dass es keine Verhaftung zu berichten gibt. Statt zur Ermittlung wird er zu seiner Homosexualität befragt. Anders als in seiner Vorstellung kommt er jedoch gar nicht dazu, etwas über seine angebliche Affäre mit einem Mann zu sagen.

»Mr Potter, Mr Potter! Hierher! Haben Sie eine Wette verloren?«

»Handelt es sich bei Ihrem Outing um eine Disziplinarmaßnahme ihres Abteilungsleiters? Hat er herausgefunden, dass Sie eine Affäre mit einem ehemaligen Todesser haben?«

Er schafft es lediglich, ein einziges, armseliges Wort herauszupressen. »Ich -«

»Ist es Draco Malfoy? Haben Sie eine Affäre mit Draco Malfoy, Mr Potter?« Es ist ein kleiner Mann mit Schnurrbart, seinem an die Brusttasche des Umhangs gehefteten Ausweises nach offenbar von der Hexenwoche. Seine Frage löst ein Gewitter aus Blitzlichtern aus, untermalt von einem vielstimmigen Raunen.

Danach feuern sie eine Frage nach der anderen ab, von kurzen Pausen durchzogen, falls es ihm in der Zwischenzeit gelungen wäre, irgendeine Antwort zu formulieren, was beinahe schon entgegenkommend ist. Obwohl Harry reichlich zu sagen gehabt hätte, öffnet er lediglich hin und wieder den Mund, nur, um dann verlegen mit den Schultern zu zucken oder zu Boden zu starren.

Irgendwann schiebt sich Milners breiter Körper vor ihn und schützt ihn somit vor weiteren Fotos und Fragen. »Gehen Sie endlich!«, bellt er. »Sie haben hier absolut nichts mehr verloren!«

Erst, als der letzte Pressemensch vom Grundstück verschwunden ist, gibt Alistair seine Wachposition auf und dreht sich zu Harry um. »Widerliches Pack. Nicht zu fassen, was die sich alles ausdenken«, brummt er. »Alles okay bei dir?« Harry blinzelt ihn bloß müde an und zuckt erneut mit den Schultern.

Alistair lächelt verkrampft. »Mach dir keine Sorgen. Beim nächsten Mord ist alles wieder vergessen.«

Doch noch vor dem Mittagessen erscheint eine Sonderausgabe des Tagespropheten, deren einziger Zweck es ist, die Bevölkerung der magischen Welt über Harrys Orientierung aufzuklären.

Er hat die Schlagzeile nur kurz überfliegen können, bevor Alistair ihn rundheraus aus ihrem Büro wirft. »Nimm dir erst einmal frei - so kannst du ohnehin nicht arbeiten. Die belagern bereits das Atrium. Aber mach dir nichts draus. Robards lässt dich sogar aus seinem Büro heraus apparieren.«

Selbst jetzt noch, als Harry in der Eingangshalle des Grimmauldplatzes steht und seine Lichtkugeln beschwört, muss er lächeln, während er an die absurden Versuche seines Kollegen denkt, ihn zu trösten.

Sinnloserweise, denn der Tag hätte besser nicht laufen können. Er hat die Malfoys in seiner Tasche, die sonst so nutzlosen Reporter haben exakt die Verknüpfungen erschlossen, auf die er es abgesehen hat, und nicht einmal das ziehende Kribbeln in seinem Fleisch kann ihm jetzt noch einen Dämpfer verpassen.

Rasch beugt er sich herunter, um die Schnürsenkel seiner Stiefel zu lösen, die ihm bereits spürbar zu klein werden.

Gerade, als er die Schuhe nebeneinander auf dem Schränkchen neben der Tür aufgestellt hat, beginnt die Brille auf seinem nun breiteren Nasenrücken zu drücken. Er richtet sich auf, inzwischen ein wenig schwindelig von dem langen Tag und der Rückverwandlung, nimmt die Brille von der Nase, wendet sich um und erstarrt.

Vor der Tür seines Salons steht Malfoy, die Hände haltsuchend in den Türrahmen geklammert.

~


Was sagt ihr zu dieser Begegnung? Ich hoffe, es hat euch gefallen. Freitag geht's weiter :)
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast