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Unter meiner Uniform

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Draco Malfoy Harry Potter Severus Snape
20.05.2021
11.09.2021
33
144.159
30
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04.06.2021 4.071
 
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Der Dienstagmorgen ist tot, leer und drückend. Erinnerungsfetzen schweben neben nichtssagenden, kontextlosen Worten um Draco herum. Sie scheinen sich mit dem Nebel zu vermischen, der aus den Mooren auf das Grundstück wallt und sich dicht durch die halbgeöffneten Fenster drückt. Ein Frösteln liegt in der Luft, und hinter dem nächsten Gedanken lauert bereits ein Abgrund, der die Haare auf seinen Armen aufrichtet.

Sie werden nicht mehr lang das Glück haben, dem Ministerium entgehen zu können, und schon bald wird er gefesselt auf einem Boot sitzen, das Gesicht von der eiskalten Gischt abwendend, während er an der Seite seiner Eltern nach Askaban übergesetzt wird.

Dass die Dementoren inzwischen verjagt und durch gewöhnliche Wärter ersetzt worden sind, wird keinem von ihnen ein Trost sein, wenn sie ihr Leben in den nasskalten Gemäuern fristen müssen. Wie viele dieser Menschen haben Angehörige durch den Krieg verloren und würden nicht zögern, sich an ihnen zu rächen? Wie sadistisch muss man überhaupt sein, um einen solchen Beruf ergreifen zu wollen?

Nott Senior zum Beispiel, der langjährige Henker des Ministeriums, hat derartig große Freude an seiner Tätigkeit gehabt, dass er stolz mitsamt seines Berufsstandes an der Seite des Dunklen Lords untergegangen ist.

Doch die fürchterlichsten Erinnerungen, die Vater damals aus Askaban mitgebracht hat, sind offenbar aus der Richtung der anderen Insassen gekommen. Lucius, ein stolzer, unbeugsamer Mann, hat niemals offen über das gesprochen, was ihm im Gefängnis widerfahren ist.

»Es waren nicht die Dementoren oder die Behörde, Narzissa. Es waren die Anderen. Die, die keine Hoffnung mehr hatten. Ich werde niemals – nein, sprechen wir nicht mehr davon. Es ist vorbei«, hat er gestöhnt, sich über den ungepflegten Bart gestrichen, die Augen abgewendet.

Es hat Draco Angst gemacht, ihn so zu sehen, und er weiß, dass er selbst an was auch immer zerbrechen würde. Aller absichtlich enttäuschten Erwartungen zum Trotz ist er niemals so stark und belastbar gewesen wie sein Vater.

Bevor die Furcht vor dem, was ihm bevorstehen könnte, auch all seine Hoffnung verzehren kann, richtet Draco sich ruckartig auf und schlägt die Bettdecke zurück. Die angestaute Wärme entweicht in die diesige Luft, kalte Nebelhände greifen nach seinen nackten Beinen und streichen ihm über die Haut. Die Arme vor die Brust geschlungen, erhebt er sich und schreitet fröstelnd über den klammen Parkettboden seines Zimmers.

Normalerweise friert er nicht und verzichtet daher gern auf jegliche Wärmemagie, doch an diesem Morgen wünscht er sich, er hätte vorausahnen können, wie zielsicher die dräuende Ahnung die Wärme aus ihm hinaustreibt.

In seinem Badezimmer, einem großen Raum, dessen helles Design ihn jeden Morgen dazu zwingt, die Augen zusammenzukneifen, entledigt er sich seiner Unterwäsche im Wäschekorb neben dem Handtuchregal und tritt dann auf den Standspiegel zu. Von Gold umrahmt, betrachtet er seinen nackten Körper. Sein Leben ist zum Stillstand gekommen, was man ihm leider auch ansieht; ein kleiner Bauchansatz zeugt von zu wenig Bewegung.

Ein mattes Lächeln schiebt sich auf sein Gesicht. Sollte er dem Schicksal seiner Inhaftierung entkommen, wird er sich wohl häufiger im Moor herumtreiben müssen, um der drohenden Fettleibigkeit entgegenzuwirken. Sein Vater würde ihm vielleicht sogar zustimmen, wenn er das sehen könnte – oder er würde wieder einen Fitnesstrainer engagieren und Draco zwingen, sich im Haus und unter seiner Beobachtung körperlich zu betätigen.

Doch selbst mit ein wenig mehr Fleisch auf den Rippen ist er definitiv viel zu gutaussehend, um im Gefängnis zu versauern. Dracos Haut ist gut gepflegt und sauber, seine Zähne gerade und weiß. Er gibt sich die größte Mühe, auch wenn er meistens allein auf Malfoy Manor ist. Nicht, um seinem Vater zu gefallen, der für gewöhnlich ohnehin etwas findet, an dem er herummeckern kann.

Er will sich selbst gefallen.

Nach seinem verpatzten Schulabschluss und der Demütigung, das Knie vor dem Dunklen Lord beugen zu müssen und all seinen Stolz in den Ritzen zwischen den Bodenfliesen versickern zu sehen, ist ein angenehmes Aussehen das einzige, auf das er sich noch etwas einbilden kann. Abgesehen davon hat er nichts erreicht (nicht einmal das ist allein sein Verdienst) und er wird sich das nicht einfach wegnehmen lassen, um mit ausgehöhlten Wangen und struppigem Haar herumzusitzen und leer in die Welt zu starren wie Vater.

Nicht, ohne etwas dagegen zu unternehmen.

Als er unter die Dusche steigt und das heiße Wasser auf sich hinabprasseln lässt, scheint die Gedankenstarre allmählich von ihm wegzutauen. Wenn einzig die verbotenen Artefakte, die sich in ihrem Besitz befinden, dafür sorgen könnten, ihnen eine Schlinge um den Hals zu legen, wird er sie eben loswerden müssen. Nicht verkaufen, nein – Vater muss vollkommen durch den Wind sein, um die offensichtliche Lösung ihrer Probleme zu übersehen.

Er wird sie im Moor versenken, fein säuberlich verpackt, damit er sie später wieder zurückholen kann. Das ließe ihm die Option, ein paar der schrecklicheren Gegenstände in den brackigen Wassern zurückzulassen. Wie von selbst flattern seine Gedanken zu der Knochenflöte, die er damals in einer Seifenschale versteckt hat. Es wird erleichternd sein, sie loszuwerden.

Auch, wenn die Schergen des Ministers ihn dabei erwischen sollten, könnte es kaum schlimmer enden als das, was ihm bevorstünde, wenn er sich weiterhin erlaubte, in seinem liebevoll gehegten Stillstand zu versacken.

Warum haben seine feinen, über jeden Zweifel erhabenen Eltern überhaupt kaum erwarten können, sich mit neuen Objekten fragwürdigen Ursprungs einzudecken, sobald sie auf Bewährung in ihr Anwesen zurückkehren durften?

Der aufkeimende Ärger lässt ihn unvorsichtig werden, sodass seine Fingernägel ruckend über die Kopfhaut schaben, während er sich die Haare einseift. Doch weil er damit absolut recht hat und er es weiß, kann er sich auch nicht kontrollieren. Er ballt die Hände zu Fäusten, die Augen zusammenkneifend, um sie vor dem hinabrinnenden Schaum zu schützen, und schlägt blind auf die Wandkacheln ein.

Wenn sie nur diese zwei kurzen Jahre darauf verzichtet hätten, sich mit dunkler Magie zu umgeben, wäre ihm die Sorge um seine Zukunft erspart geblieben.

Er atmet schwer. Der Schaum wird von dem Duschwasser in den Abguss gespült, und nach einer Weile kommt es ihm so vor, als würde auch sein Zorn im Boden versickern. Als jemand gegen die Tür hämmert, fährt er zusammen und sprenkelt den Läufer vor der Dusche mit heißem Wasser.

»Draco!«, brüllt sein Vater, gedämpft durch das stabile Holz. »Würdest du dich bitte, freundlicherweise, ein wenig beeilen? Wir haben einen Gast, den du nicht warten lassen wirst!«

Für einen Moment schließt Draco die Augen, um den neuerlichen Anflug von Entrüstung zu unterdrücken, der in seiner Brust aufbrandet.

Natürlich nicht, Vater. Um nichts in der Welt würde ich einen Gast warten lassen, gerade jetzt, da ich nichts Wichtigeres zu tun habe, als unsere verdammten Leben zu retten.

Tief durchatmend, greift Draco nach seinem Duschgel. Vor der Tür bleibt es still. Dann erklingt kurzer Knall, der die Vorstellung von Lucius, wie er mit dem Stock ungeduldig gegen die Tür drischt, in seine Gedanken treibt. »Und denk an die Knöpfe!«

Die Knöpfe!

Draco presst die Zähne aufeinander. Irgendwann, schwört er sich, wird er sämtliche Knöpfe von seinen Hemden reißen, sie bei einem Ausflug ins Moor verlieren und sich weigern, neue Kleidung anzunehmen.

~


Ihr Geschnatter ist schon zu hören, als Draco den letzten Treppenabsatz erreicht. Wie ein Echo seiner Abscheu erfüllt es die Eingangshalle. Die Aversion treibt eine unangenehme Gänsehaut auf Dracos Nacken und zwingt ihn für einen Augenblick, stehenzubleiben; Abscheu vor sich selbst (er hat es nicht geschafft, sie endgültig zu vertreiben), vor seinen Eltern, insbesondere Lucius (seine Meinung zu ändern, bloß, weil ihnen eine Hausdurchsuchung bevorsteht, und er glaubt, es sähe gut aus, wenn Draco eine Verlobte vorzuweisen hat) … und natürlich vor Astoria.

Er hat ihr gesagt, dass sie ihm nicht zu nahe kommen soll, seinen Appell sogar mit körperlichem Schmerz unterstrichen (wenn auch unabsichtlich) und sie wagt es trotzdem, ihm in seinem eigenen Haus aufzulauern!

Gibt es denn einen anderen Weg, als sie allesamt abzustoßen, mit allem Widerwillen, den er besitzt?

Es wird ihn alles kosten, so viel ist sicher, aber ihm bleibt nicht mehr viel Zeit, um zu handeln. Draco kann nicht zulassen, dass seine Eltern ihn an diese Harpyie verschachern, bevor er die Gelegenheit hat, ihre Fehler wiedergutzumachen. Nicht einmal, wenn ihm keine Gefängnisstrafe droht, würde er sich diesem absurden Plan unterwerfen können. Ein Gefallen allein für seine Eltern – doch wenn sie einen gehorsamen Sohn haben wollen, hätten sie ihn eben nicht in Gefahr bringen dürfen.

Das Zaubergamot kümmert es garantiert kein bisschen, ob er nun heiraten will oder nicht. Sie werden sie doch allein für die Verletzung ihrer Bewährungsauflagen verurteilen, und er verweigert sich der Aussicht, seine letzten Tage in Freiheit in Astorias Gesellschaft zu verbringen. Ohne Vorwarnung hat sie versucht, ihn zu küssen, aber dabei wird es wahrscheinlich nicht bleiben. Er wird ihre Brüste berühren müssen und -

In solcherlei erschütternden Gedanken versunken, bemerkt er kaum, wie seine Hand sich hebt, um einen Knopf seines Hemdes nach dem anderen zu öffnen. Kühle Luft streicht besänftigend über seinen Bauch. Draco blickt an sich herab, lässt die entblößte Haut seiner schmalen Brust und den Bauchansatz auf sich wirken.

Es ist ebenso beängstigend wie notwendig. Lucius wird sich vor ihrem sogenannten Gast zurückhalten, ihn zur Schnecke zu machen, und seine Geste auch ansonsten lediglich als öffentliche Zurschaustellung trotzigen Verhaltens werten, unfähig, zu erkennen, dass sie der Startschuss zu Dracos Befreiung ist.

Er kann sich nicht erinnern, jemals dermaßen freizügig auf dieser Treppe gestanden zu haben. Seine Mundwinkel zucken, als er sich durch sein glattes Haar wuschelt, um es durcheinanderzubringen. Dann schreitet er auf die Tür Linkerhand zu, die, hinter einem roten Vorhang verborgen, zum Salon führt.

Ehemals als Galerie angelegt, ist der Raum hell und weitläufig. Skulpturen säumen den Weg wie Ritterrüstungen auf den Bildern eines Thronsaals, die Draco einmal in einem Buch gesehen hat. Couch und Sessel stehen in der Mitte um einen eleganten Kaffeetisch gruppiert, umgeben von seltsam modern wirkenden Läufern und runden Teppichen auf dem Boden.

Sein suchender Blick findet Astoria sofort. Sie sitzt in der Mitte der Couch, die blonden Haare hängen lose über ihre freien Schultern, und sie trägt ein unverschämt enges, kurzes Kleidchen.

Ihm ist klar, weshalb seine Eltern diesen Salon für das intrigante Treffen gewählt haben. Sie müssen gehofft haben, Astoria mit zeitgenössischer Eleganz besänftigen zu können, nachdem Draco es vermieden hat, sich bei ihr zu entschuldigen. Eine schmeichelnde Atmosphäre zu gutem Tee, und zum Schluss vielleicht ein Angebot, das niemand, der noch bei Verstand wäre, ablehnen kann, und schon wäre alles vergeben und vergessen.

Verwunderlich, dass sie bei ihm ein solches Gewese um seinen aufgeknöpften Kragen machen und es Astoria andererseits durchgehen lassen, ihre kostbare Couch mit den bloßen Oberschenkeln zu berühren.

Es muss ihnen außerordentlich wichtig sein, Draco bald loszuwerden.

Lucius und Narzissa sitzen vor ihr auf den Sesseln, mit dem Rücken zu Draco, und unterhalten sie mit beschämenden Anekdoten, die bestens für die Reden auf einer Hochzeitsparty geeignet wären; wie Draco zum ersten Mal von Besen gefallen ist und geheult hat, er würde dieses Höllending niemals mehr zwischen seine Beine klemmen, direkt gefolgt von der Geschichte über seine Kekssucht, die ihn im Alter von zehn Jahren hat aufgehen lassen wie Hefeteig.

»Oh, er war ja so erfinderisch, wenn es darum ging, die Hauselfen dazu zu überreden, ihm Kekse zu bringen!«, seufzt Narzissa gerade. »Er hatte überall kleine Vorräte angelegt – unter seinem Kopfkissen etwa. Manchmal ist er mit schokoladenverschmierten Haaren aufgewacht. Er war so unglaublich voluminös!«

Astoria lacht gehässig und führt die Teetasse geziert an den Mund. Während sie einen Schluck nimmt, lässt sie den Blick über die Skulpturen schweifen. Draco reckt den Bauch vor und geht mit ausladenden Schritten näher heran, um auf sich aufmerksam zu machen. Ihre blauen Augen weiten sich, als sie ihn entdeckt, und sie sabbert vor Überraschung ein wenig Tee auf ihr Kleid.

Bedauerlich, dass es schwarz ist und die Flecken darauf nicht zu sehen sind.

Lucius zuckt beinahe unmerklich zusammen, doch Narzissa dreht den Kopf in Dracos Richtung, eine Augenbraue gehoben. Ihre gekonnt ausgedrückte, wortlose Missbilligung wird rasch verdrängt, als habe sein Anblick sie ihr aus dem Gesicht gewischt, abgelöst von einem Ausdruck offenen Horrors. »Draco!«, zischt sie, was nun auch Lucius dazu bringt, sich ihm zuzuwenden.

Darauf bedacht, seine Eltern nicht weiter zu beachten, nickt er Astoria zu, die inzwischen seinen mühsam vorgestreckten Bauch mustert. »Meine Kekssucht war nichts anderes als ein Ausdruck tiefster Verstörtheit, fürchte ich«, erklärt Draco laut. »Zwar habe ich das zusätzliche Gewicht beinahe mithilfe eines intensiven Sportprogramms abbauen können, aber seither schwitze ich immer so fürchterlich!«

Seine Lüge bringt Lucius dazu, unbeherrscht aufzuspringen, den Rücken halb verdreht, den Arm zu ihm ausgestreckt. Die hohlen Wangen beginnen bereits, sich zu röten, doch er scheint sich jedes Wort zu verkneifen. Mit einem verständnisvollen Lächeln schlurft Draco an ihm und Mutter vorbei. Er kann ihre Blicke in seinem Nacken prickeln fühlen. Vor Astoria bleibt er stehen und blickt auf sie hinab.

»Tag auch. Ich nehme mal an, du bist der Gast, dem ich es verdanke, meine Dusche unterbrechen zu müssen«, sagt er sanft. Der Tonfall kann die bloße Unflätigkeit seiner Worte natürlich kaum maskieren, doch das soll er auch nicht.

Astorias Augen weiten sich. »Ähm, das tut mir -«

Draco lässt ihr keine Zeit, sich bei ihm zu entschuldigen. Schließlich hat er seine Dusche zu Ende gebracht, was sie ja nicht zu wissen braucht, und ist sicher, zumindest angenehm zu duften. Vor den entsetzten Blicken seiner Eltern wendet er sich um, sodass Astoria sich zurücklehnen muss, wenn sie seinen Hintern nicht ins Gesicht gedrückt kriegen will, und setzt sich auf ihren Platz, bevor sie zur Seite rutschen kann.

»Ups, ‘tschuldigung!«, ruft er, nur, um dann mit dem Hintern auf ihrem Oberschenkel herumzuruckeln.

Es ist totenstill. Astoria zerrt sich mit roten Wangen unter ihm hervor. Während sie sich abmüht, klappert ihre Teetasse auf dem Unterteller, den sie mit weißen Knöcheln umklammert hält. Draco sieht ihr dabei zu, ohne sich zu rühren. Als sie es geschafft hat und hektisch bis an die Armlehne der Couch rutscht, dreht er den Kopf, um seinen Eltern ein strahlendes Lächeln zuzuwerfen.

Ein Muskel in Narzissas Wange zuckt, während Lucius noch immer vor seinem Sessel steht. Draco bemerkt, wie sich einer seiner Finger in Richtung seines Stocks streckt, den er an den Sessel gelehnt hat. Wollen sie Astoria allerdings keinen Gedächtniszauber aufzwingen, können sie nichts mehr tun.

Draco unterdrückt ein hämisches Lachen. Nun ist es an der Zeit, den vorteilhaften Eindruck, den er auf Astoria gemacht hat, noch ein wenig zu vertiefen. Mit gerümpfter Nase wendet er sich an sie. »Und, wer warst du noch mal?«

»Bitte?«, erwidert sie pikiert. »Ich -«

Lachend zuckt Draco mit den Schultern. »In letzter Zeit musste ich dank meiner Eltern so viele Damen bespaßen, dass die Gesichter alle ineinander verschwimmen, aber ich bin sicher, du bist ausgezeichnetes Heiratsmaterial! Ist euch auch so heiß?«

Aus den Augenwinkeln sieht er eine Bewegung; sein Vater hat sich den Gehstock geschnappt. Es ist die einzige Vorwarnung, doch mehr braucht er nicht. Ein lauter Knall ertönt, als er seiner Anspannung Luft macht und den Stock auf den Boden hämmert. Astoria zuckt zusammen. Die Tasse klappert vernehmlich, und dunkle Tropfen rinnen von ihrer Hand.

Eigentlich hat Draco geplant, sein Hemd ganz auszuziehen, im Anschluss auch die Schuhe, um dann vielleicht sogar seine verschiedenfarbig besockten Füße auf den Tisch zu legen, doch dazu, das verrät ihm ein Blick auf Lucius’ furioses Gesicht, wird er nicht mehr kommen.

»Draco Lucius Malfoy!«, donnert er. Dieses Mal fahren alle am Tisch zusammen, auch Draco, obwohl er damit gerechnet hat. Als aller Augen auf ihn gerichtet sind, verzieht Lucius das Gesicht. »Nachdem du dich gestern bereits aufgeführt hast, als hättest du keine Erziehung genossen, habe ich dich für klüger gehalten«, fährt er beeindruckend kühl fort. »Ich habe gedacht, du würdest dich schämen, doch wie ich sehe, sind dir Anstand und Schamgefühl abhandengekommen.«

Seine Wangen sind noch immer gerötet, und mit einem Mal scheinen sie das Lebendigste an ihm zu sein; der Ausdruck seiner Augen ist glatt und kalt wie Marmor. »Das wird Konsequenzen für dich haben.«

Unbehaglich rutscht Draco auf der Couch hin und her. Er hat darauf spekuliert, dass sein Vater ihn vor Astoria nicht anschreien würde. Getäuscht hat er sich nicht, das Ergebnis seiner Bemühungen erschreckt ihn dennoch. Offenbar sind seine vergessenen Knöpfe weder als Trotz noch als schlichte Schludrigkeit aufgefasst worden, sondern als Herausforderung. So dramatisch sich Lucius auch ausdrückt, kann Draco nicht verhindern, seinen Ausbruch ernstzunehmen.

Er schluckt nervös. Vorhin auf der Treppe ist ihm seine Idee amüsant und zielführend erschienen, doch die direkte Konfrontation mit einem Lucius, der in schockierendem Maße an den Mann erinnert, der er vor der Schreckensherrschaft Voldemorts gewesen ist, versetzt seinem Aufstand einen Dämpfer.

Schweigend mustert Draco ihn. Anstand und Schamgefühl – in der Tat hat er beides wohl schon vor langer Zeit verloren. Welcher anständige Junge hätte denn versucht, sich in die Dusche zu schleichen, um einen anderen zu bespannen?

Noch immer steht Lucius vor ihm. Auch er sagt nichts. Narzissa, die sich allmählich wieder auf ihre Pflichten als Gastgeberin besinnt, erhebt sich ebenfalls. »Astoria, bitte komm mit«, sagt sie sanft. »Ich würde dich gerne in unserem Landschaftsgarten herumführen.«

Astoria sieht nicht so aus, als würde sie noch eine Minute länger bleiben wollen. Sie weicht ihrem und auch Dracos Blick aus, als sie sich erhebt und das Kleid glattstreicht, das auch im Stehen skandalös wenig Haut bedeckt. Zudem trägt sie hochhackige Schuhe, wie ihm jetzt auffällt; damit wird sie im Garten natürlich viel Freude haben.

Sie stöckelt zurückhaltend hinter Narzissa her, dann fällt die Tür ins Schloss und Draco ist allein mit Lucius.

»Ich würde dich wirklich gern verstehen, Draco, doch ich fürchte, das ist unmöglich«, zischt er gereizt und nimmt erneut auf dem Sessel Platz. Der Versuch, den Stock wieder anzulehnen, endet damit, dass er klappernd zu Boden rutscht. Lucius scheint es nicht zu kümmern. Er starrt auf den mit einem Spitzendeckchen und silbernen Löffelchen fein gedeckten Tisch.

Draco räuspert sich. Nun, da die Kälte aus seiner Stimme verschwunden ist, wirkt Lucius wie sein gewohntes, ausgelaugtes Selbst. Offenbar hat er nicht vor, auf den Knöpfen herumzureiten, was Draco nur als Fortschritt betrachten kann – vermutlich hat er jegliche Ermahnung bereits im Vorfeld erstickt, allein durch die Aufschüttung all seiner Vergehen auf eine einzige Situation.

»Wieso habt ihr Astoria eingeladen?«, fragt er ruhig. »Ich dachte, ich wäre zu unreif, um eine eigene Familie zu haben. Schließlich habe ich auch nicht vor, mich jemals bei ihr zu entschuldigen. Du weißt, dass ich nicht heiraten will.«

»Daran hat sich nichts geändert, Draco. Nicht wir haben sie eingeladen – ihre Eltern haben großes Interesse daran, diese Bindung voranzutreiben. Wir haben, wie gesagt, dringendere Angelegenheiten zu klären, als eine Frau für dich zu finden.«

Was bedeutet, dass Astoria höchstwahrscheinlich ebenso begeistert von diesem Arrangement ist wie Draco selbst. Er blickt an sich herab, betrachtet seine nackte Brust und schmunzelt. Diese Erkenntnis lässt ihr unpassendes Erscheinungsbild und ihr übertrieben schrilles Lachen in einem anderen Licht erscheinen.

Lucius reibt sich ermattet über die Augen. »Du beweist uns täglich, dass du unseren Namen in Verruf bringen wirst, sobald wir dir auch nur den nichtigsten Grund dafür geben. Dein Anstand ist -«

»Vater«, unterbricht Draco ihn, mühsam beherrscht. Dass er sich nicht dazu zwingen lassen will, eine Frau gegen seinen Willen zu berühren, ist also ein nichtiger Grund? »Bevor du mich wegschickst oder enterbst, muss ich dich darauf hinweisen, dass du derjenige bist, der mir diesen Anstand hätte vermitteln müssen. Hast du das?«

Die Hand verbleibt vor Lucius’ Augen. Inzwischen erweckt er den Eindruck, als hätte alle Kraft ihn verlassen und er müsse sich auf sie stützen, um nicht zusammenzusacken.

»Habe ich das?«, wiederholt er Dracos Frage leise, in sich gekehrt, wie jemand, der seine Umwelt nur noch am Rande wahrnimmt.

Das ist es, was Draco daran die meiste Angst einjagt.

Denn natürlich ist Lucius ihm kein gutes Beispiel für all die Werte gewesen, die er von Draco zu leben verlangt hat. Was genau schockiert den Mann daran nun so sehr? Jener vielbemühte Anstand ist für Draco stets nur ein Wort gewesen, seine ständigen Versuche, sich Potter auf welche Weise auch immer anzunähern, ein Ausdruck dessen, was er selbst zu spüren bekommen hat.

Beispielsweise, als ihm Lucius in den ersten Sommerferien befohlen hat, sich zurückzunehmen, seine verletzten Gefühle zu übergehen, um doch noch Potters Freund zu werden. Er hat heucheln, bestechen und Schwachpunkte angreifen sollen. »Seine Freunde, ein Weasley und ein Schlammblut? Die loszuwerden, sollte selbst dir gelingen, Draco. Besonders jetzt«, hat er gesagt.

Ein riesengroßes Theater, damit ein Waisenkind mit genug eigenen Problemen sich zu ihm hingezogen fühlen würde.

Nimm ihm jeden Rückhalt weg und biete ihm deine Hand dann wieder an. Ist er erst allein, hat er keine andere Wahl mehr, und dann kannst du ihn anleiten. Du möchtest doch, dass ich einen Sohn habe, auf den ich stolz sein kann, nicht wahr?

»Sie ist weg.« Mutter lässt sich ebenfalls wieder vor Draco in ihrem Sessel nieder. Er blinzelt konfus. Seine Grübelei hat ihn abgelenkt. Sie lächelt ihn kalt an. »Dank dir hat sie es gar nicht erwarten können, wieder zu verschwinden. Feier deinen Sieg, Draco, denn lange wirst du nicht mehr die Gelegenheit dazu haben«, sagt sie leise.

Wieso ist sie so gelassen? Verwirrt blickt Draco von ihr zu Vater herüber. Lucius hat die Hand noch immer nicht von seinem Gesicht genommen, doch Draco sieht, dass seine Lippen beben. Was ist hier bloß los?

»Hat sich mein Verdacht also bestätigt, Zissy?«, fragt Lucius schwach.

Narzissa atmet schwer aus. »Ja. Ja, sie sind weg. Die Goyles sind gestern am Abend noch festgenommen worden, Lucius. Ich habe es gerade von Mrs Greengrass erfahren, als ich Astoria weggebracht habe.«

Dracos Herz pumpt eine lähmende Furcht durch seine Adern, als er begreift, wie ernst es um sie steht.

Lucius scheint daraufhin noch ein wenig mehr in sich zusammenzusinken. »Dann lass uns darauf hoffen, dass sie nicht ausgerechnet uns aufsuchen. Sollte auch nur ein Objekt in diesem Haus in die Hände der Auroren fallen, werden wir verhaftet.« Die Hand rutscht ein Stückchen hinunter und bedeckt nun zitternd seinen Mund. »Ich werde festgenommen«, flüstert er, die grauen Augen geweitet.

»Das betrifft uns alle«, erwidert Narzissa kühl. »Ich verstehe, dass du schlechte Erinnerungen mit Askaban verbindest, Lucius, doch wenn man herausfindet, dass wir gegen unsere Bewährungsauflagen verstoßen haben, droht uns allen das gleiche Schicksal. Darf ich dich daran erinnern, dass ich es von Anfang an für eine schlechte Idee gehalten habe, die Artefakte im Haus aufzubewahren wie ein erbärmlicher Kleinkrämer?«

Das erklärt Narzissas ungewohnte Ausgeglichenheit im Umgang mit Dracos Untaten natürlich. Während des Verbüßens einer Haftstrafe heiratet es sich eher schlecht.

»Sie werden uns nicht übergehen«, fährt Narzissa ruhig fort. »Du hast dir so große Mühe gegeben, den Wert unserer Stücke zu betonen, wann immer du mit irgendjemandem gesprochen hast. Wundert es dich, dass dieses prätentiöse Verhalten nun auf uns zurückfällt?«

»Schon gut, Zissy. Schon gut«, flüstert Lucius. »Ich sehe ein, dass das ein Fehler war. Wir sollten die Schutzzauber abreißen und gänzlich neu errichten, um sicher zu sein, und -«

»Natürlich werden wir das. Aber das wird uns vor einem Durchsuchungsbeschluss kaum schützen können. Ich erwarte von dir, dass du dich mit unseren alten Kontakten in Verbindung setzt.« Der Kontrast zwischen seiner Schwäche und ihrer Stärke ist faszinierend. Draco schlingt beklommen die Arme um die kühle Brust, während er ihnen lauscht. »Wir werden uns in der nächsten Zeit darauf konzentrieren, unangreifbar zu werden.«

Die nächste Zeit ...! Als würden ihnen Tage, vielleicht Wochen bleiben! Wenn die Goyles verhaftet worden sind, bleiben möglicherweise bloße Stunden, bevor auch sie an der Reihe sind.

Neben seiner Angst puckert auch die oftmals mühevoll unterdrückte Verachtung seinen Eltern gegenüber durch Dracos Körper. Wie sie da sitzen, der eine erbärmlich schwach, die andere erhaben, und darüber nachdenken, sich an die halbe Welt zu wenden, um Hilfe zu erflehen, obwohl sie sich all das selbst zuzuschreiben haben! Kein Gedanke daran, sich selbst zu retten – wozu bräuchten sie Unangreifbarkeit, wenn sie doch eigenhändig dafür sorgen könnten, die Leichen in ihrem Keller dem Moor zu überantworten?

Vielleicht stecken sie noch in den glamourösen Zeiten fest, in denen ein jeder sich begierig die Lippen danach geleckt hat, den großartigen Malfoys ihre Lasten abzunehmen, und nun, da niemand mehr dazu bereit ist, fällt Draco diese undankbare Aufgabe zu. Allerdings wird es das letzte Mal sein.

Sobald sie die Durchsuchung straflos hinter sich gebracht haben, wird er sich ein Beispiel an Severus nehmen; er wird sich die Artefakte schnappen, sie irgendwie verkaufen und sich mit dem Erlös absetzen. Dann können seine Eltern selbst sehen, wie sie ihre Köpfe in Zukunft aus der Schlinge ziehen werden.

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Was haltet ihr davon, wie Draco das Überfall-Date für sich entschieden hat?
Dienstag geht's dann wieder weiter. :)
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