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Body on fire

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / Het
Wincent Weiss
18.05.2021
27.05.2021
4
16.268
2
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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18.05.2021 5.302
 
März 2018

Meine Hände streichen über das Lenkrad. Ich kann es immer noch nicht glauben. Endlich, nach vielen Jahren, konnte ich mir  am Wochenende mein Traumauto kaufen. Es riecht so neu. Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht heraus und würde am liebsten darin übernachten.

Ja, vermutlich könnte man meinen ich wäre nicht ganz knusprig im Oberstübchen. Aber Leute. Es war mein Traum seitdem ich denken kann. Und jetzt gehört es mir. Mir ganz allein. Völlig gefangen in der Liebe zu meinem neuen Gefährt, fahre ich nach Hause. Die Musik ist laut aufgedreht und ich singe lautstark mit. Der Frühling ist endlich da. Zarte zwanzig Grad hat es draußen. Die Vögel zwitschern, die Bäume werden grün und die Eisdielen machen langsam auf. Wenn man die Luft einatmet, spürt man die sanfte Brise. Ich liebe den Frühling. Sommer ist mir zu heiß, Herbst zu trüb. Der Winter ist ganz in Ordnung. Aber nichts geht über das Vorspiel zum Sommer.

Als ich an einer roten Ampel halte, wandert mein Blick zum Rückspiegel. Der Dutt sitzt, nur die Augen wirken etwas müde. Ich wünschte, ich könnte mit einer gewissen Person über Rose' Zustand sprechen. Aber eigentlich sträubt sich alles in mir mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Gerade als ich mit den Gedanken wieder bei einer Person bin, bei der sie definitiv nicht sein sollten, bemerke ich, wie sich ein Auto von hinten, dem meinem, ziemlich schnell nähert. Mein Blick huscht zur Ampel. Immer noch rot. Ich beobachte wie die anderen Autos die Kreuzung überqueren und schaue wieder zum Rückspiegel. Möchte die Person nicht langsam mal anfangen zu bremsen? Es bleiben nicht mehr viele Meter. Unruhig trommele ich mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Verdammt. Die Person scheint nicht bremsen zu wollen. Bevor ich mein Gehirn einschalte und einen Gang reinlege um vor zu fahren, passiert es. Mit einer gewaltigen Wucht wird mein Auto nach vorne geschoben. Ich höre wie das Metall kracht. Vor Schreck presse ich meine Hände gegen meine Augen. Die Airbags fliegen mir um die Ohren und der Gurt drückt mich so stark in den Sitz, dass mir die Luft wegbleibt.

Als mein Auto zum Stehen kommt, brauche ich einige Sekunden bis ich mich traue die Hände von den Augen zu nehmen. Das Herz schlägt mir bis zum Hals und ich habe das Gefühl, dass ich ohnmächtig werde. Mein Schlüsselbein tut weh und mein Kopf dröhnt.

Meine Autotür wird aufgerissen: „Alles in Ordnung?" Vorsichtig nicke ich und öffne den Gurt. Der Fremde hilft mir aus dem Auto und ruft einem anderen etwas von Polizei und Absichern zu. Ich gehe zwei Schritte zurück und sehe das Grauen. Mein Auto ist hinten völlig demoliert. Meine Augen füllen sich mit Tränen und ich kann mir ein leichtes Schluchzen nicht verkneifen. Mein schönes, neues Auto. Es ist völlig zerstört. „Echt schade um das Auto...", höre ich den Ersthelfer neben mir sagen und beiße mir auf die Faust, weil ich sonst einen Nervenzusammenbruch bekomme. Kurz gehe ich in die Knie und vergrabe meinen Kopf in meinen Händen.

...wo ist dieses Etwas, das den Unfall verursacht hat? Zitternd vor Schock, Trauer und Wut stampft ich auf das andere Auto zu. Im Augenwinkel fällt mir ein Detail des anderen Autos auf und ich erstarre. Das kann doch nicht sein? Ich drücke mich mit klopfendem Herz an den Helfern vorbei und entdecke ihn.

„Ist er bewusstlos?", stammele ich und hoffe, dass es mir jemand so schnell wie möglich bestätigt. Eine andere Antwort würde mich killen, denn der Körper hängt leblos im Sitz. An seiner Stirn hat er eine Platzwunde. Nachdem ich keine Antwort erhalte und alle um mich herum einfach nur blöd dastehen, beschließe ich ihn aus dem Auto zu hieven. Ein paar Ersthelfer helfen mir anschließend doch noch, ihn sicher aus dem Auto zu holen. Als er am Boden liegt und ich das viele Blut registriere, bekomme ich Panik. Mit meinem Ohr gehe ich an seinen Mund und versuche herauszufinden, ob er noch atmet. Von hinten höre ich jemanden aufschreien, er würde nicht atmen.

„Chris? Hey, komm schon.", bringe ich zitternd heraus. Keine Reaktion. Geistesgegenwärtig reiße ich sein Hemd auf und lege meine Hände auf seine Brust um mit der Reanimation zu starten, doch im selben Moment öffnet er seine Augen ganz leicht und blinzelt. Er scheint nicht zu verstehen was passiert ist, will aufstehen. Ich drücke ihn an der Schulter sanft wieder zurück zum Boden.

„Becks? Was ist passiert?", flüstert er. Der Passant neben mir wirkt verwirrt: „Sie kennen sich?", doch ich beachte ihn nicht weiter. Ein Mann neben mir hält einen Verbandskasten hin und ich hole ein paar Tücher heraus, die ich gegen Chris Kopfwunde drücke. Er verdreht wieder die Augen und droht das Bewusstsein verlieren. Dem Ersthelfer neben mir gebe ich das Kommando Chris Beine in die Luft zu halten. Das Adrenalin treibt mich voran, ansonsten wäre ich vermutlich schon längst umgekippt.

„Was ist passiert?", fragt Chris wieder brüchig und schließt die Augen. Als ich ihn wieder anstoße, gibt er mir zu verstehen, dass er die Augen nur wegen dem Schwindel schließen muss. „Du hattest einen Unfall.", sage ich kurz angebunden und versorge seine Kopfwunde.

Wann kommt denn endlich der Notarzt? Er verliert so viel Blut. Ich kann das unmöglich stoppen. Was ist wenn ich ihn nicht retten kann? Meine Hände fangen an zu zittern und selbst das Schütteln von ihnen bringt nichts.

Chris zieht einen Mundwinkel nach oben: „...na das mit dem Unfall habe ich auch mitbekommen. Aber was machst du hier?" Das Sprechen fällt ihm sichtlich schwer. Plötzlich reißt er die Augen auf: „Scheiße Becks, du blutest ja!" Wieder versucht er aufzustehen, aber ich boxe ihn wieder zurück. Ich versuche tief durchzuatmen. Es ist jetzt definitiv nicht die Zeit dafür sich vorzustellen, was hätte passieren können. „Du musst jetzt bitte liegen bleiben.", bringe ich gerade so heraus. Meine Stimme bricht. Scheiße wann kommt denn endlich jemand der ihn wirklich sinnvoll versorgen kann?

"Becks...", er greift nach meiner Hand und verschlingt unsere Finger ineinander. Ein Schauer überschwemmt meinen gesamten Körper. Ich habe beinahe schon vergessen, wie sich seine Hand angefühlt hat. Mit meiner freien Hand wische ich mir das Blut von meinem Gesicht: "...du bleibst jetzt bitte wach. Hörst du mich."

Als wären meine Gebete erhört worden, höre ich in der nächsten Sekunde Sirenen. Ich wünschte das würde bei mir für ein wenig Erleichterung sorgen, aber immer noch starre ich panisch zu Chris. Seine Augen hat er geschlossen und liegt da. Mittlerweile ist auch der Kopfverband, den ich gemacht habe, durchnässt. "Schau, die Rettungssanitäter kommen jetzt. Sie werden dich versorgen. Alles wird gut.", er drückt kurz meine Hand und will mir damit wohl signalisieren, dass er mich hört.

Die Rettungskräfte treffen ein und dann geht alles sehr schnell. Ich werde von ihm weggezerrt und er bekommt Spritzen, einen Tropf und Verbände umgebunden. Als er die Augen öffnet, treffen sich unsere Blicke und dieser Blick erinnert mich an all die Geschehnisse von vor einem Jahr. Ein weiterer Stich in mein Herz.

"Miss? Sie bluten. Kommen Sie bitte mit.", nimmt mich eine Sanitäterin zur Seite. Ich setze mich in den Krankenwagen und die Wunde an der Stirn wird versorgt. Es brennt ganz kurz und dann fühlt sich die Stelle betäubt an.

"Wird er in die Klinik gebracht?", frage ich sie und versuche einen Blick auf Chris zu erhaschen. Habe aber keine Chance, da er gut abgeschottet wird.

"Ja. Kennen Sie sich?"

Zu gerne würde ich jetzt herausschreien, wie gut wir uns kennen, aber ich habe keine Kraft. Ich möchte einfach nur, dass es ihm wieder gut geht. Nachdem ich fertig bin, sehe ich gerade noch wie er in einen anderen Krankenwagen geschoben wird, dann kommt auch schon ein bekanntes Gesicht auf mich zu.

Ich umarme ihn und drücke meinen Kopf gegen seine Brust.

"Verdammt Becky?! Was machst du denn hier? Und...scheiße! Du bist ja verletzt. Wurdest du schon behandelt?", er untersucht mein Gesicht mit seinen Händen.

In seiner Polizei Uniform sieht er wirklich verdammt gut aus. Seine dunkelbraunen Haare sind verstrubbelt und die hellgrünen Augen strahlen etwas Gefährliches aus. Dean und ich. Naja. Wir haben uns vor ein paar Monaten gedated. Aber irgendwie hat es nicht funktioniert. Ich schätze es lag an mir. Zu dem Zeitpunkt war ich noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Trotz allem hatten wir beschlossen weiterhin gute Freunde zu bleiben und miteinander auszukommen.

"Es war ein Unfall. Eigentlich weiß ich selbst nicht was passiert ist. Chris... er ist mir hinten in mein Auto reingefahren.", besorgt lege ich meine Hände um meinen Körper. Hoffentlich wird er wieder gesund.

Dean zieht seine Augenbraue nach oben: "Dein Ex Chris?", er holt einen Notizblock aus seinem Hemd und schreibt dort irgendwas rein.

"Ja. Aber ich frage mich, was passiert ist, dass er mit solch einer Geschwindigkeit angerast kam... Ich kann es mir nicht erklären. Vielleicht ist ihm schlecht geworden?"

Er wirft mir einen besorgten Blick zu: "Hast du schon einmal daran gedacht... Naja. Dass das vielleicht vorsätzlich passiert ist?"

"W...was?"

"Na ja. Wir leben in LA. Wie viele Einwohner hat das Stadtgebiet? Ich schätze etwa vier Millionen. Was muss das für ein Zufall gewesen sein, dass ausgerechnet dein Exfreund dir in deinen gerade neu gekauften Audi fährt?", Dean schaut mich fragend an und meint den Vorwurf wohl völlig ernst.

Ja es ist schon ein komischer Zufall. Aber ich meine, komische Zufälle gibt es immer. Ich kann mir bei bestem Willen nicht vorstellen, dass das mit Absicht passiert ist. Deshalb rolle ich mit den Augen und schüttele den Kopf.

"Becky, wer weiß, ob er nicht verrückt geworden ist?", er legt seine Hand auf meine Wange.

Ich entziehe mich seiner Berührung und sage in einem wohl etwas zu bissigen Ton: "Ich glaube ich weiß zu hundert Prozent, dass er nicht verrückt geworden ist. Dean... brauchst du für deine Arbeit noch irgendetwas von mir? Ich würde jetzt sehr gerne nach Hause fahren..."

Er versucht noch friedlich einzulenken, aber keine Chance. Er weiß ganz genau, dass Chris meine "Achillesferse" ist. Sein Angebot mich nach Hause zu bringen, nehme ich aber dankend an. Jetzt mit dem Taxi durch die Rush Hour zu fahren macht wirklich keinen Spaß. Ich hole meine wichtigsten Sachen, wie Handtasche und Jacke aus dem Auto und laufe zum Streifenwagen von Dean, wo ich hinten auf der Rückbank Platz nehme.

Ich beobachte wie mein Auto von einem Abschleppdienst aufgeladen wird und könnte wieder weinen. Was für ein Scheißtag ist denn heute? Erst der Besuch, der gar nicht so lief, wie er hätte laufen sollen und dann dieser Unfall. Und ja verdammt, auch wenn ich es nicht zugeben würde, ich mache mir unglaubliche Sorgen um Chris. Eigentlich sollte ich mir nicht diesen Kopf machen. Er wird schon wieder wohlauf sein. Ein Jahr lang haben wir es jetzt geschafft einander so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Ich hatte Zeit die Beziehung mehr oder weniger abzuschließen. Und jetzt so etwas.

Als ich einige Zeit später in meiner WG ankomme, pfeffere ich meine Handtasche in die nächste Ecke und gehe Richtung Küche, wo ich das Licht brennen sehe. Mein Mitbewohner und sein bester Kumpel schauen mich erschrocken an.

Es ist Wincent – mein Mitbewohner und bester Freund - der das erste Wort ergreift: "Scheiße Becky, was ist denn mit dir passiert?"

Kraftlos setze ich mich an unsere Küchentheke und lasse mir von ihm ein Bier reichen. Die beiden schauen mich gespannt an. Also fange ich an und erzähle von meinen Kacktag.

Am Ende meiner langen Rede ergreift Marco das erste Wort. "Was für eine Scheiße. Das schöne Auto...", schnauft Marco. Ich stimme ihm lautlos zu.

Wince kratzt sich am Kopf: „Warum fährt er denn aus heiterem Himmel in dein Auto? Findest du es nicht seltsam, dass er ausgerechnet dir hinten auffährt?"

Ich verdrehe meine Augen: „Das hat Dean vorhin auch gesagt. Er hat meine Personalien aufgenommen und mich hergebracht. Aber nein. Ich kann es mir echt nicht vorstellen. Wir haben doch seit einer gefühlten Ewigkeit keinen Kontakt mehr. Es war ein blöder Zufall."

Die beiden schauen sich an und zucken dann mit den Schultern: „Wenn du das sagst... Fährst du ins Krankenhaus?"

Eine gute Frage. Will ich das? Mein Kopf schreit lautstark und protestierend: "Nein, tu es nicht!" Doch dieses dumme Herz hat bereits die Öffnungszeiten des Krankenhauses studiert, um morgens pünktlich auf der Matte zu stehen. Rebecca, du bist ein Depp.

Kurz zucke ich mit den Schultern: "Vermutlich werde ich vorbeifahren. Ich glaub, ich kann nicht leugnen, dass ich mir Sorgen mache... Wince, schau jetzt nicht so. Du weißt, dass ich nicht anders kann. Naja, Themawechsel. Was habe ich heute verpasst? Marco, wo ist Tina?"

Seine Augen werden ganz groß: „Ach du... Sie bringt mich um!", er springt auf und rennt in Richtung Flur: „Ich habe sie völlig vergessen. Wenn ich nicht umgebracht worden bin, dann sehen wir uns morgen zum Frühstück!"

Wir winken ihm beide lachend zu. Dann stehe ich auf und hol mir eine Hand voll Chips.

Fragend schaut Wince mich an.

„Was?"

Sein Blick verrät mir alles.

Ich verdrehe die Augen: "Bitte fang nicht damit an."

"Soll ich morgen mitkommen?"

"Natürlich nicht. Ich schaffe das schon. Ich bin ein großes Mädchen.", ich zwinkere ihm zu und stehe auf: "Ich geh noch E-Mails checken und werde dann zeitig ins Bett gehen."

Er hält mich an meinem Top fest: "Rebecca."

Ich kann nicht anders als meine Augen schon wieder zu verdrehen: "Wirklich Wincent, ich schaffe das!"

In meinem Zimmer schmeiße ich meinen Laptop an und scrolle durch die Mails. Nichts Wichtiges, was nicht bis Montag warten könnte. Dann ist da noch eine Mail von meinem großen Bruder mit Details zu seiner Hochzeit in einigen Wochen. In den Anhang hat er ein altes Bild von uns beiden reingepackt mit dem Text: "Vermiss dich kleiner Käfer". Auf dem Bild sind wir ungefähr vierzehn und achtzehn Jahre alt, es ist auf dem Fußballplatz entstanden. Sebastian, kurz Basti, hatte ein Pokalspiel und ich war, wie so oft da, um ihn zu unterstützen. Einer seiner Freunde hatte damals das Bild von uns gemacht. Wenn ich mich recht erinnere, war es sogar Chris, der das Foto geschossen hat. Wieder driften meine Gedanken ab und ich gehe zu meinem Bett und greife nach einer alten, weißen, verstaubten Kiste, die ich darunter versteckt habe. Ich habe sie mir gekauft, als wir frisch von Deutschland nach Amerika ausgewandert sind. Eine junge Frau hat sie auf dem Wochenmarkt verkauft und ich habe mich sofort in dieses Schmuckstück verliebt. Während unserer Beziehung haben sich eine menge Sachen angesammelt. Seit einem dreiviertel Jahr habe ich diese Kiste nicht mehr geöffnet. Sie fest unter Verschluss gehalten; wollte mit den Dingen die ich darin aufbewahrt habe nichts zu tun haben. Jetzt zieht es mich beinahe magisch an und ruft mir zu, sie zu öffnen.

Sogleich fliegt mir ein Bild entgegen. Auf der Rückseite steht, dass es im Dezember 2007 entstanden ist. Das erste Weihnachtsfest mit Chris. Wir beide stehen vor dem Weihnachtsbaum seiner Eltern. Er hat seinen linken Arm um mich gelegt und mich eng an sich gezogen. Beide strahlen wir in die Kamera. Das war das erste schöne Weihnachtsfest für mich, an das ich mich erinnern kann. Die Jahre zuvor, ohne Chris, waren leider nicht der Hit.

Als nächstes nehme ich einen kleinen zusammengefalteten Zettel heraus. Auf ihm steht: "...weil du mein Ein und Alles bist." Leider kann ich mich nicht mehr an den Zusammenhang erinnern und schaue deshalb weiter. Ich nehme ein Foto heraus, was kurz vor unserer Trennung entstanden sein muss. Ich hocke auf Chris Schoß und lehne meine Schläfe an seine. Wir strecken beide die Zunge heraus. Trotz allem sahen wir glücklich aus. Wie konnte es nur soweit kommen?


Juli 2007

Julie und ich stehen vor dem Veranstaltungssaal unseres Abschlussballs. Es ist alles super schön dekoriert. Das Motto ist Vintage und dementsprechend findet man in der Deko viele Holzaccessoires. Fast schon ein wenig zu kitschig.

Unsere Mitschüler strömen herein und bewegen sich natürlich sofort auf das Buffet zu. Zwar ist Alkohol strengstens verboten, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass irgendjemand richtigen Stoff in die Bowle geschüttet hat. Trotzdem schaue ich meine beste Freundin fragend an und sie erkennt sofort, dass ich wieder nach draußen möchte.

Einige Meter vom Eingang entfernt zünde ich mir eine Zigarette an und ziehe an ihr.

„Und deine Eltern kommen wirklich nicht zur Zeugnisvergabe?", fragt mich Julie und wedelt den Zigarettenrauch von sich weg.

Ich lache auf: „Mam ist mit ihrem Loverboy aktuell auf Malle, Dad kann eh nicht hier sein und Basti ist mit dem Fußballclub unterwegs."

Und das alles sage ich so trocken, dass ich mir beinahe selbst glaube, dass es mir nichts ausmacht.

„Sind deine Eltern schon da?", frage ich Julie und kassiere ein Nicken. Bei jedem anderen wäre ich vermutlich neidisch. Nur bei ihr nicht. Ihr gönne ich es von Herzen, dass ihre Mam und der Stiefdad dabei sind. In der zweiten Klasse hat sie ihren leiblichen Vater bei einem Verkehrsunfall verloren. Nachdem ihre Mutter etwa drei Jahre später einen neuen Partner gefunden hat, wurde Julie von ihm nur ein halbes Jahr später adoptiert. Das Verhältnis der beiden ist wirklich beneidenswert. Vor allem wenn ich mir meine verkorkste Familie so anschaue.

„Hast du Angst vor der Zukunft? Oder besser gesagt vor dem Studium und allen Veränderungen die damit verbunden sind? Irgendwie habe ich schon ein wenig Bammel.", sie streicht sich ihre rot gefärbten Haare, die sie gelockt hat, hinter das Ohr und pustet wieder den Rauch von sich weg.

Ich ziehe meine Schultern hoch: „Ich schätze es wird einfach anders. Das wir uns den Arsch aufreißen müssen, ist wohl klar. Einfach wird es nicht. Aber ich freue mich auf das Wohnheim, auf neue Leute und natürlich die scharfen Typen."

Ich zwinkere ihr zu.

„Danke, da bin ich schon bedient.", sie zwinkert zurück und macht mich neugierig.

„Ach, ist das mit Wincent und dir jetzt wirklich offiziell?", Ich kann mir ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Schulterzucken: „Ich denke schon."

Irgendwas passt aber an der Aussage nicht wirklich: „Und weiter?", hacke ich nach.

Auf einmal sieht Julie verunsichert aus: „Die Entfernung macht mir Sorgen. Vermutlich muss ich dich auf ihn ansetzten. Ich meine, du weißt wie gut er aussieht. Ich weiß nicht ob er in Hamburg nicht eine bessere findet."

Ich stürze mich auf meine beste Freundin und knutsche sie auf die Wange: „Also erstens gibt es für ihn keine bessere als dich und zweitens sehe ich mich jetzt schon, wie ich ihm als Sherlock mit einer Zeitung hinterher spioniere."

Bei der Vorstellung muss ich lachen, auch Julie lacht und meint dann aber plötzlich: „Bah Becky, schmeiß die scheiß Kippe endlich weg. Wann lässt du das Rauchen endlich sein?"

Noch bevor ich es schaffe zu antworten, höre ich hinter mir ein: „Das mit dem Rauchen habe ich ihr auch schon zu oft gesagt..."

Es trifft mich wie ein Blitz, denn ich habe diese Stimme seit genau fünf Monaten nicht mehr gehört. Fünf Monate in denen mir keiner sagen konnte, wo er gesteckt hat. Fünf Monate in denen alles streng geheim war. Beinahe im Zeitlupenmodus drehe ich mich um und da steht er. Der beste Freund meines Bruders und mein Schwarm seitdem ich nicht mehr mit Barbies spiele. Ich kann die Freude nicht verbergen und renne auf ihn zu, um von ihm dann in den Arm genommen zu werden. Ich atme ihn ein und würde ihn am liebsten nicht mehr loslassen, wenn da nicht gleichzeitig diese Wut wäre.

Ich lasse ihn los und boxe ihn in die Schulter: „Fünf Monate Chris! Fünf. Ich hatte keinen blassen Dunst wo du steckst. Wo-zum-Teufel-warst-du???", nochmal haue ich ihm eine runter.

Ich höre wie Julie lacht und uns zuruft, dass sie schon mal reingeht. Doch ich habe nur noch Augen für diesen schwarzhaarigen, gutaussehenden Mistkerl vor mir.

„Freut mich dich wieder zu sehen Becks.", lacht er. „Wir waren mit der Band unterwegs. Es ging alles ziemlich schnell und wir haben eine Verschwiegenheitserklärung abgeben müssen. Deshalb hast du von mir auch nichts gehört. Aber ich schätze, ich werde ein richtiger Rockstar." Wieder boxe ich ihn in den Arm: „Haha Chris. Ich lache mich tot."

Auch er muss lachen: "Ne tatsächlich haben wir einen Plattenvertrag bekommen. Deshalb war ich so lange weg und leider wird das jetzt wohl erstmal so bleiben..."

Einerseits freue ich mich für ihn und auf der anderen Seite möchte ich weinen, weil ich ihn nicht mit der ganzen Welt teilen möchte. "Wow...also tatsächlich Rockstar. Ich freu mich echt für dich, aber..."

„Becks...", unterbricht er mich und streicht mir eine Strähne hinters Ohr. „Du siehst heute wirklich schön aus."

Mein Gesicht nimmt ungefähr die Farbe einer roten Ampel an, als ich 'Danke' vor mich hin stammele. Die blauen Augen fixieren mich und da ist etwas in seinem Blick, was ich bisher noch nie gesehen habe. Und ich habe in den 17 Jahren in denen ich ihn überhaupt kenne, schon viele Gesichtsausdrücke gesehen. Der Ausdruck als er die Legosteine von Basti unter meinem Bett versteckt hat, oder als er und mein Bruder das erste Mal zum Nachsitzen mussten, als Chris Basti von seiner ersten Angebeteten erzählt hat (das war ein schlimmer Tag für mich), als sein Hund starb und wir ihn getröstet haben. Und natürlich noch tausend andere Ausdrücke. Aber den hier kenne ich nicht.

„Ich glaube, wir sollten reingehen?", er räuspert sich und nickt zum Eingang.

Erst jetzt nehme ich wahr, dass er einen Anzug trägt. Und wie gut er darin aussieht. Meine Augen werden größer: „Wie? Du bleibst hier? Für mich?"

Er lacht: „Na wenn mich mein bester Freund anruft und informiert, dass seine Schwester endlich mal ihr Abi in der Tasche hat, dann kann ich nicht anders als zu kommen. Es tut ihm echt leid, dass er nicht hier sein kann."

„Ich weiß... und Hey, was heißt denn hier ^endlich^?!", trotzdem schaue ich ihn dankend an und er versteht was ich eigentlich sagen wollte.

Gemeinsam gehen wir rein und kurz darauf beginnt eigentlich auch schon die ganze Hauptveranstaltung. Der Schulchor singt ein paar Lieder, dann spricht unser Direktor und bedankt sich für den guten Jahrgang. Unsere Schulsprecher führen ein halbes Theaterstück auf und als wir mit unserer Klasse an der Reihe sind, bekommt unsere Klassenlehrerin vor lauter Frösche im Hals kaum ein Wort heraus. Als wir uns bei ihr mit einem großen Blumenstrauß und Pralinen bedanken, bricht der Damm und wir müssen ihr ein Taschentuch besorgen. So emotional habe ich sie bis dato gar nicht eingeschätzt. Dann werden die Jahrgangsbesten bestimmt und tatsächlich schaffe ich es dabei auf Platz zwei zu landen.

Kurz blicke ich zu Chris und der strahlt wie eine 1000 Watt Birne. Auch von Julie und meinen anderen Klassenkameraden gibt es tosenden Applaus. Trotzdem bin ich ganz froh als wir endlich von der Bühne runter können und die Meute mit dem Essen beginnt.

Ich deute Chris an, zum Ausgang zu gehen und so treffen wir uns vor der Tür.

Draußen ist das Wetter um einiges schlechter geworden. Sieht nach Regen aus. Hoffe es hält noch eine Zigarette lang. Gerade als ich sie mir anzünden will, nimmt sie mir Chris aus dem Mund, zerbricht sie in zwei Teile und schmeißt sie weg.

„Ich hasse es, wenn du das tust. Komm mal mit. Ich hab was für dich.", schüttelt er den Kopf und greift nach meiner Hand.

Seine Hand fühlt sich so warm und weich an. Ich wünschte wir könnten das hier öfters machen. Aber ich bin ja nur die Schwester seines besten Freundes. Mehr nicht. Ich kann mir ein lautes Schnaufen nicht verkneifen und kassiere von Chris einen fragenden Blick. Ich winke nur ab, als ich merke, dass wir an seinem Auto angekommen sind. In der Ferne hat es gerade geblitzt und kurz darauf ertönt ein Donnern. Oh Scheiße.

„Mein Make Up ist übrigens nicht wasserfest...", mein ich kleinlaut und folge Chris zum Kofferraum.

Der lacht nur und schüttelt wieder den Kopf. Dann holt er ein kleines Kästchen aus seinem Rucksack heraus. Ich muss kurz grinsen, denn ich weiß, dass die Jungs in der siebten Klasse genau so ein Kästchen gebastelt haben. Auf das von Chris habe ich einen pinken Fingerabdruck hinterlassen. Dafür hat er mich durch das ganze Haus gejagt. Jetzt halte ich das kleine Schächtelchen in meiner Hand und schaue ihn nur fragend an: „Kommt jetzt ein Antrag? Ich mein...dafür muss man doch eigentlich erst ein Paar sein oder?"

Er schnauft und öffnet die Schachtel. Kurz halte ich meine Hände vor Überraschung an den Mund, doch dann greife ich nach der Halskette die da drin liegt. Es war ein altes Schmuckstück von meiner Großmutter. Vor einigen Jahren ist mir die Kette gerissen und den Anhänger habe ich verloren.

„Wie?", meine Stimme bricht ab. Ich bin verdammt gerührt.

Chris lächelt: „Basti und ich haben uns darum gekümmert."

Sprachlos falle ich ihm um den Hals, er drückt mich eng an sich. Mein Herz scheint kurz aussetzen zu wollen. Ich schaue zu ihm hoch und kann nicht aufhören seine Lippen anzustarren. Sie sehen so perfekt gezeichnet aus. Wie sie wohl schmecken?

„Becks..", flüstert er und legt seine Hand auf meine Wange. Ich schließe kurz die Augen. Als ich sie wieder öffne, dreht er uns so, dass ich zwischen ihm und dem Auto gefangen bin.

„Auf die Gefahr hin, dass mich dein Bruder killt...", sagt er und beugt sich zu mir runter. Seine Lippen treffen auf meine und in mir explodiert ein Feuerwerk.

Ich erwidere den Kuss und spüre wie sich seine Hände an meiner Taille festkrallen. Seine Lippen fühlen sich weich an. Das ist also mein erster Kuss. Mit ihm. Als er von mir ablässt muss ich kurz schnaufen, was ihm ein unverschämt süßes Grinsen entlockt.

„Er wird dich übrigens nur über meine Leiche töten können.", grinse ich und streiche ihm durch die Haare. Wie lange wollte ich schon durch diese Haare strubbeln. Er nimmt mein Gesicht zwischen seine Hände und beugt sich wieder runter und küsst mich sanft auf die Lippen. Ich schwinge meine Hände um seinen Hals und presse mich an ihn.

Plötzlich donnert es und von einer Sekunde auf die andere kommt ein Schwall Regen auf uns runter. Doch das ist mir in dem Moment scheiß egal. Denn da stehe ich - kitschig wie in einem Liebesfilm und küsse den Menschen, den ich liebe, seitdem ich denken kann.


März 2018

Stundenlang liege ich wach im Bett und drehe mich hin und her. Meine Gedanken kreisen sich um zwei Themen: Chris und Rosa.

Rosa ist meine Pflegeoma. Naja, eigentlich ist sie die Pflegeoma von Chris und mir. Gestern, bevor der Unfall passiert ist, war ich nach der Arbeit bei ihr und die Pflegekraft hat zu mir gesagt, dass sie das Gefühl hat, das sie immer stärker abbaut. Schöne Scheiße.

Ich stehe auf, greife kurz an meinen Hals um meine Halskette zu fühlen und schleiche mich dann in die Küche, wo ich nur das Licht der Dunstabzugshaube anmache und mich bemühe keinen Lärm zu machen.

In dem Moment, als ich mir mein Sandwich gerade warm machen will, spaziert ein völlig verpennter Wincent oben ohne rein: „Guten Morgen..."

Kurzer Blick auf die Uhr: 2.35 Uhr. Morgen ist also relativ.

Ich nicke ihm zu und frage ob er ein Sandwich möchte. „Ja bitte.", bekomme ich als Antwort und dann läuft er zum Kühlschrank und holt sich eine laktosefreie Milch raus.

„Du wirst jetzt doch nicht...", ich komme nicht dazu den Satz zu beenden.

Mein bester Freund hält sich die Milchflasche an den Mund und trinkt.

„Joa. Danke, mein Müsli esse ich dann wohl ohne Milch."

Wince grinst und hockt sich auf den Hocker: „Kannst du nicht schlafen?"

Wieder ein Nicken.

„Becky, wir müssen die Trauerphase jetzt aber nicht wieder von vorne starten oder? Ich meine. Es ist jetzt ein Jahr her und...", doch ich unterbreche ihn, indem ich ihm das Sandwich vor die Nase stelle.

„Wince, iss dein Sandwich und sei ruhig. Du hast keine Ahnung."

Er schnauft, nimmt einen Bissen, stöhnt und antwortet dann: „... Ich liebe dich für dieses Essen....Auf jeden Fall, was ich eigentlich sagen wollte ist, dass ich mir Sorgen um dich mache. Ich weiß, dass Chris deine Schwäche ist und ich weiß wie zerstört du das ganze letzte Jahr über warst. Jetzt gerade hast du wieder angefangen zu leben und nicht nur zu funktionieren. Ich habe Angst, es ändert sich jetzt wieder alles und du bist nur noch ein Zombie und rennst planlos herum und ich muss dich aufbauen."

„Also beinahe hätte ich es süß gefunden, dass du dir Sorgen machst. Nur der letzte Teil klang ein wenig... scheiße. Danke mein Lieber.", ich schicke ihm ein Luftküsschen zu.

Wincent streckt sich. Seitdem er Sportwissenschaften studiert, ist er beinahe süchtig nach Training. Klar, auf der einen Seite sieht es zwar gut aus. Aber andererseits habe ich bisschen Sorge, dass er irgendwann wie Hulk herumläuft.

Ich trinke mein Wasser und beobachte ihn aus dem Augenwinkel. Wince sieht echt verdammt gut aus, mit seinen verstrubbelten Haaren und den dunkelbraunen Augen. Leider weiß er wie gut er aussieht. Er kann sich vor Angeboten kaum retten.

„Becky, du sabberst.", er grinst.

Ich schüttele angewidert den Kopf und muss dann grinsen: „Ne, eigentlich wollte ich kotzen."

„Wenn du also morgen aus dem Krankenhaus kommst, versprich mir bitte, dass wir am Abend entspannt und glücklich feiern gehen ohne auch nur einen Gedanken an den Wicht zu verschwenden."

Ich schnaufe: „Wince, er war 27 Jahre lang ein Teil meines Lebens. Zehn Jahre davon waren wir ein Paar. Ich wusste nicht mal wie ich ohne ihn atmen sollte. Jetzt hatten wir ein Jahr lang keinen Kontakt. Aber... er lag blutend auf dem Fußgängerweg und alle Gefühle die ich versucht habe zu verdrängen. Das alles ist wieder hoch gekommen. Glaub mir, ich bin nicht scharf auf dieses Durcheinander in meinem Kopf. Ich gehe morgen ins Krankenhaus, ich schaue nach wie es ihm geht und dann versuche ich mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.", dann stehe ich auf und räume meinen leeren Teller in die Spülmaschine.

Ein unsicheres Lächeln erscheint auf dem Gesicht meines Freundes: „Ich will einfach nicht, dass dieser...", ich falle ihm mit einem „Wince", ins Wort.

„...Ich will dich nie wieder so leiden sehen, Becky. Ich hatte in der Zeit wirklich große Sorgen um dich und ich will nie mehr, dass dich ein Ars...Mann... so verletzen kann."

Ich schenke ihm ein Lächeln und trinke mein Wasser aus. Auch er genehmigt sich einen Schluck Milch. Als er von der Flasche aufschaut, hat er einen Milchbart, der mich zum Lachen bringt.

Er hebt seine Augenbraue: „Was ist da jetzt so witzig?"

Ich laufe auf ihn zu und bleibe vor ihm stehen. Weil er auf dem Hocker sitzt, sind wir jetzt vergleichsweise gleich groß. Sein Lächeln verwandelt sich in ein Grinsen und ich kann mich nicht entscheiden ob ich seine Lippen oder doch seine Augen anschauen möchte. Ich hebe meine Hand und wische mit dem Daumen die Milch weg. Seine Hand wandert an meine Taille und da ich nur ein kurzes Top an habe, bekomme ich auf der nackten Haut eine Gänsehaut. Wince legt seine freie Hand auf meine Wange und beugt sich zu mir runter. Kurz bevor unsere Lippen aufeinandertreffen, räuspere ich mich und gehe einen Schritt zurück.
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