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Das Macht-Begehren

von Elle Rose
GeschichteDrama, Erotik / P16 / Het
16.05.2021
16.05.2021
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Das Blitzlichtgewitter prasselte erbarmungslos auf ihn herab. Immer auf der Suche nach einem Ausdruck der Schwäche auf seinem Gesicht, einem verkniffenen Gesichtsausdruck, Schweißperlen auf seiner Stirn. Dem bitter-enttäuschten Ausdruck seiner (erneuten) Demütigung. Die Wahl war gelaufen, die Wahl im Schicksalsjahr 2021. Und Armin Laschet hatte verloren. Weit abgehängt von den Grünen! Und allendhalben, man hatte es noch kaum verarbeitet, kaum verkraftet, geschweige denn verdaut, hallten schon die Jubelrufe durch die Gänge, fluteten die sensationellen Nachrichten durch alle Medien: die neue Bundeskanzlerin heißt Annalena Baerbock!

Die Schmach, die er von seinem Gesicht fernzuhalten versuchte, war unwiderlegbar. Die gierigen Fernsehkameras unzählbar auf ihn gerichtet, um seine vorvorbereitete, von ihm professionell abgelesene Gratulationsrede abzufilmen und jede verräterische Regung seiner Mimik einzufangen. All das Unangenehme, das noch folgen würde, die Auseinandersetzung mit der Presse, schlimmer noch, mit seiner eigenen Partei, konnte er von sich schieben. Er hatte solche Momente immer wieder ertragen und weglächeln können, wenn es auch noch nie so eine epochale Niederlage wie heute gewesen war. Aber es nagte an ihm. Was war das alles wert, die ganze Arbeit, das Zähneknirschen und Taktieren und Ackern, Ackern, Ackern… Was war das alles wert ohne Macht? Verloren, gegen die Grünen! Eine Annalena Baerbock als Bundeskanzlerin! Eine unerfahrene Besserwisserin, ein Niemand als Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Und er als derjenige, der gegen sie, an sie, das Kanzleramt verloren hatte. Doch halt, natürlich war noch nicht alles verloren! Immerhin, die Union war zweitstärkste Kraft. Nun galt es das Schlimmste (Eine Regierung ohne CDU/ CSU) zu verhindern, mit List und Tücke, getarnt unter einem Mantel der Freundlichkeit und Kompromissbereitschaft erfolgreiche Koalitionsverhandlungen zu führen. Und das, so wusste Laschet, das konnte er! Also grinste er, nein lächelte er mit aller ihm möglichen Überzeugungskraft seine Gratulationen und den Dank an seine Wahlkämpfer in die Kameras und zielte mit jedem Wort, jeder Geste hin auf den – in seinen Worten – weiterhin natürlichen Anspruch auf Regierungsbeteiligung seiner Partei. Auch wenn er es später in den Talkshows leugnen würde, natürlich war alles ein Werben um die Grünen, ein Werben um Annalena Baerbock, ein Werben um die Macht.

***

Die Kameras liefen, die Luft vibrierte, die Spannung war greifbar, als das erste Aufeinandertreffen der Kanditaten nach der Verkündung des Ergebnisses stattfand. Kurz vor der ersten Talkshow nach der Schließung der Wahllokale würden die Siegerin und der Unterlegene aufeinandertreffen und jede Geste, jedes Wort würde im Nachhinein analysiert werden.

Laschet hatte sich gewappnet. Während er schon wartete, angespannt, etwas neben der Spur seine Krawatte richtend, kam Frau Baerbock voller Elan herein, umringt von einer Traube von Gratulanten und ewig bilderhungrigen Journalisten und Fotografen. Wie die Motten um das Licht, dachte Laschet grimmig. Annalena Baerbock aber schien die Ruhe selbst. Nichts war ihr anzumerken vom anstrengenden Wahlkampfendspurt. Wie getragen von ihrem Sieg strahlte sie Energie und Optimismus aus. In ihrem eleganten und doch luftigen schwarzen Kleid vollbrachte sie das Kunststück zugleich Lässigkeit und Vertrauenswürdigkeit zu vermitteln. Vielleicht war es Einbildung, aber sie schien bereits jetzt diese anziehende Aura der Macht zu umgeben, die sich manche Amtsträger nur mit Mühe oder gar nie zulegen. Sie war nun Kanzlerin und der Ausdruck in ihrem Gesicht zeigte, dass sie das genau wusste und ab der ersten Sekunde nutzen wollte. Die Natürlichkeit, mit der sie ihre neue Rolle ausfüllte, flößte ihm gleichermaßen Bewunderung und Neid ein. Charisma, das war es, was ihm immer gefehlt hatte, zumindest in den Augen der Mehrheit. Etwas, das sich selbst mit der härtesten Arbeit, den ermüdendsten rhetorischen Übungen nie wirklich erlernen ließ; man hatte es oder man hatte es eben nicht. Vielleicht hätte er in diesem Moment, in dieser Sekunde anfangen können sie zu verachten, diese unerträgliche Überfliegerin, diese Besserwisserin, doch bot sie dazu schlicht zu wenig Verachtenswertes. Selbst jetzt, selbst auf ihn wirkte sie sympathisch. Auch im Sieg war sie kein bisschen überheblich. Sie war kein Söder. Sie hatte es nicht nötig nach unten zu treten.

Schließlich erreichte sie Laschet, den Bis-eben-noch-Konkurrenten und blieb so freundlich und gelassen, als begegnete sie einem alten Bekannten auf der Straße, nicht ihrem politischen Gegner vor einer Horde Kammeramänner und Fotografen im Zentrum der Macht. Laschet trat ihr entschlossen entgegen. Die Kameras liefen, Zeit für die Show.

„Frau Baerbock!“, säuselte er und ergriff mit etwas, das später als „geradezu zur Schau getragener rheinischer Herzlichkeit“ tituliert werden würde, ihre schmale Hand mit seinen Händen. Ihr Händedruck fühlte sich warm und fest an und mit Sicherheit bemerkte sie die Schwitzigkeit seiner Hände. Sie war größer als er, wie er nicht zum ersten Mal feststellte und es versetzte ihm wieder einmal einen Stich. Natürlich kannte er die Statistiken, dass von zwei Kandidaten mit höherer Wahrscheinlichkeit der Größere gewählt wurde. Immer wieder war das sein Hemmschuh gewesen, ständig wurde er unterschätzt, nicht ernst genommen. Sicher hatte er diesen Umstand schon früh gelernt in eine Waffe zu verwandeln. Immer aus der unterschätzten Position heraus hatte er sie alle besiegt, Norbert Röttgen, Hannelore Kraft, Markus Söder, und noch so viele mehr im Schatten, hinter den Kulissen. Das heißt, nur, um jetzt von ihr besiegt zu werden, im hellen Licht der Öffentlichkeit.

Laschet gratulierte ihr mit großzügiger Geste und schloss mit einem „Auf gute Zusammenarbeit!“, womit er selbstverständlich auf die von ihm angestrebte Koalition anspielte. Absichtlich stellte er eine Nähe her, die nicht da war, versuchte (was ihm nie so gut gelegen hatte) dominant zu sein, versuchte die Folgerichtigkeit von Grün-Schwarz in den Köpfen aller zu verankern. Annalena Baerbock blieb gelassen. Höflich erwiderte sie seine Floskeln, aber ihr süffisantes Lächeln machte deutlich, dass sie genau wusste, was hier gespielt wurde, und dass sie es würde auszunutzen wissen, dass alle demokratischen Parteien sie nun hofierten und dass sie bei den Koalitionsverhandlungen den Ton angeben würde, niemand anders. Die Zeit des Sich-Bewerbens und Zurückhaltens lag nun hinter ihr. Nun war es an ihr die Macht auszuüben. Und die Macht stand ihr verdammt gut.

Dennoch, wir werden sehen, wer zuletzt lacht, dachte Armin Laschet. Ich fange gerade erst an…

~Snoh Aalegra – Here now (Intro) ~
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