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Stairway to Heaven

von Seffi
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
15.05.2021
11.06.2021
5
6.056
6
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Dieses Kapitel
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11.06.2021 1.166
 
5. Erwachen


Piep. Piep. Piep.
An meinem linken Oberarm baut sich Druck auf. Kurz bevor mir der Arm abfällt, lässt er wieder nach. Ich nehme weitere Geräusche wahr, aber kann sie nur schwer einordnen. Da gibt es eine Art Klopfen, aus der Ferne ein Pumpen, Schritte. Ich spüre etwas Warmes an meinem rechten Unterarm.

„Frau Reinhardt, können Sie mich hören?“

Bin ich gemeint? Ich weiß es nicht. Es ist dunkel. Ich fühle mich unsagbar schwer. Selbst wenn ich wollte, ich wäre zu keiner Bewegung fähig. Nicht, dass ich überhaupt wüsste, was ich dafür tun müsste. Erneut schnürt es mir den linken Arm ab. Das ist lästig und sehr unangenehm.

Irgendwann höre ich Stimmen, links von mir. Ein Weghören ist praktisch unmöglich. Ich kann nicht genau ausmachen, wie viele Frauen es sind, aber mindestens drei. Ich erfahre, dass die Patientin eine Angestellte des Hauses ist und bereits ihre zweite Schilddrüsen-OP hinter sich hat. Die Damen schnattern um die Wette als wären sie bei einem Kaffeekränzchen, keine Stimme zeigt irgendwelche Spuren von Heiserkeit. Zu ihrer Ehrenrettung muss ich sagen, dass sie wenigstens versuchen, nicht allzu laut zu sein.
Ich kann mich noch immer nicht bewegen, alles ist dunkel. Sollen sie doch schwatzen.
Ich weiß nicht, wie lange ich schon meine Umgebung höre. Jegliches Zeitgefühl ist mir abhandengekommen. Da fragt meine Bettnachbarin nach der Uhrzeit. „20 nach Eins“, kommt prompt die Antwort.

WHAT??

Wieso liege ich noch in der Aufwachstation, eindeutig nicht in einem normalen Zimmer? Mein Mann durfte ab Mittag auf Station anrufen. Oh Gott, er wird sterben vor Sorge. Hatte die Narkoseärztin nicht gesagt, ich würde schnell wieder aufwachen? Ich schlafe jetzt seit über fünf Stunden!

Hm, mein Gehirn scheint jedenfalls zu funktionieren.
Zum gefühlt zweihundertsten Mal schnürt mir etwas den Arm ab. Als mir endlich bewusst wird, dass ein automatisches Blutdruckmessgerät die Ursache dafür ist, möchte ich mir am liebsten mit der Hand vor die Stirn schlagen. Aber die liegt immer noch wie angetackert irgendwo auf meinem Bett.
Ich muss endlich aufwachen!

Da wird es wieder warm am rechten Unterarm. Eine Hand!
„Frau Reinhardt, können Sie mich hören? Sie dürfen jetzt aufwachen. Es ist alles überstanden.“
Ich muss antworten, zeigen, dass ich verstanden habe. Aber wie? Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie man nickt. Ich konzentriere mich und siehe da, es klappt!
„Gut gemacht“, höre ich. „Können Sie die Augen öffnen?“
Ich weiß es nicht, aber ich will.
„Oh, warten Sie, ich erkenne das Problem.“ Aha.
Kurz darauf werden mir die Augen mit einem feuchten Tuch abgewischt. Nun gehen sie wie von selbst auf. Danke!

Die Schwester ist in modischem OP-Grün gekleidet und strahlt mich an.
„Willkommen zurück. Gut geschlafen?“
Ich nicke. Das ging jetzt ganz einfach.

„Haben Sie Schmerzen?“
Ähm, habe ich? Oh! Mein Hals! Er drückt und kratzt, fühlt sich geschwollen an. Logisch, er wurde ja auch aufgeschnitten.

„Auf einer Skala von eins bis zehn, wie schlimm ist es?“ Ich muss überlegen.
„Nicht schummeln!“
„Acht“, flüstere ich. Ich kann sprechen! Sie nickt zufrieden und dreht am Tropf.
„Ich stelle Ihnen das Bett etwas höher, dann können Sie mehr sehen. Ich denke, dass sie in einer Stunde auf ihr Zimmer können.“
„Danke.“
Mein erster Blick fällt auf eine Uhr. Auch hier kann ich ohne Brille problemlos die Zeit erkennen. Ob die Uhren extra für uns Halbblinde so groß sind? 13 Uhr 35. So spät schon!

Wieder kommt die Schwester zu mir. Sie hat einen Becher in der Hand, darin ein Trinkröhrchen. „Sie haben bestimmt Durst.“
Und wie! Zielstrebig greife ich nach dem Becher.
„Langsam!“, bremst sie mich aus. „Nur kleine Schlucke, ganz vorsichtig.“
Ich nicke brav, meine Hände zittern. Die Schwester hilft mir beim Sitzen. Als der erste Tropfen meine Mundhöhle erreicht, ist er eine echte Wohltat, so kühl, so frisch. Nur Millisekunden später verschlucke ich mich an ihm. Ich huste, pruste und würge. Ich schäme mich für die widerlichen Laute und habe gleichzeitig Angst, dass durch die Anstrengung meine Narbe aufplatzen könnte. Doch die Schwester - ich kann das Namensschild ohne Brille nicht lesen und ob sie sich vorgestellt hat, weiß ich nicht mehr - bleibt völlig ungerührt.
„Keine Angst, Ihre Narbe hält das aus. Immer wieder probieren, das wird schon“, muntert sie mich auf. Sie ist vom Fach und muss es wissen. Ich glaube ihr alles.

„Danke“, wieder nur ein Flüstern.

Allmählich wirkt das Schmerzmittel und ich fühle mich auch nicht mehr so erschlagen. Nicht, dass ich Bäume ausreißen könnte, aber ich bin doch wieder hellwach, nur die Sicht ist halt immer noch etwas trübe. Die freundliche Schwester kommt regelmäßig nach mir schauen und ermuntert mich zum Trinken. Alle Versuche enden in der gleichen röchelnden Katastrophe. Zum ersten Mal durchzieht mich der Gedanke, ob das wirklich normal ist. Heiserkeit, Schluckbeschwerden, doch, das stand da alles. Nun gut.

Es ist kurz vor halb drei als ein Arzt erscheint und meine Krankenakte studiert. Die Schwester informiert ihn darüber, dass ich nur schlecht aufwachen konnte, über zwei Stunden dafür benötigt hätte. Doch nun geht es mir gut, die Werte sind alle im grünen Bereich. Der Arzt nickt und erteilt die Umzugsgenehmigung. Ich werde endlich diese nervende Manschette los, der Tropf wird entfernt und die Klemme von meinem rechten Zeigefinger. Die Schwester wünscht mir alles Gute und schon schiebt mich ein Pfleger durch die Krankenhausgänge.

Mein Zuhause auf Zeit ist ein Dreibettzimmer in zweckmäßig kargem Look, inklusive Alibibild an der Wand. Ich bekomme den Platz am Fenster, was mir extrem zusagt, obwohl es nur die Aussicht auf den benachbarten Krankenflügel zeigt. Ganz vorn liegt eine adrette, ältere Dame, mindestens 70. Das mittlere Bett ist leer.
Die Stationsschwester heißt mich willkommen und schließt einen neuen Tropf an.
„Flüssigkeit und Schmerzmittel“, erklärt sie kurz. „Schlafen Sie noch ein bisschen, nachher kommt der Arzt. Wenn Sie zur Toilette müssen, klingeln Sie. Das erste Mal gehen Sie bitte nicht allein.“
Die Anweisung ist unmissverständlich, aber erklärt sich von selbst. „Ich müsste eigentlich gleich“, krächzte ich und erschrecke vor meiner eigenen Stimme. Vielleicht sollte ich vorerst doch lieber beim Flüstern bleiben.
„Na, dann los, aber ganz langsam.“
Oh je, ich bin doch ganz schön wacklig auf den Beinen. Das Bett am Fenster hat den Nachteil, dass ich den längsten Weg ins Bad habe. Immerhin gehört es standardgemäß zum Zimmer und ich muss nicht über den Flur. Ich bin froh, als ich endlich auf der Schüssel sitze, die Schwester wartet diskret vor der Tür. Als ich wieder in meinem Bett liege, bin ich schweißgebadet. Ich will mich durch tiefes Atmen beruhigen, doch das geht voll nach hinten los. Es kommt mir vor, als würde ich mich an meiner eigenen Luft verschlucken. Ich würge und huste, ohne das Gefühl von Erlösung oder auch nur Linderung zu erhalten. Vor Anstrengung habe ich Tränen in den Augen. Die Schwester reicht mir ein Glas Wasser. Oh nein! Das würde den nächsten Hustenanfall hervorrufen. Also schüttle ich nur den Kopf und sinke völlig entkräftet auf mein Kissen. So gut es mit dem Tropf an der Hand geht, kuschele ich mich in meine Decke. Ich will schlafen.
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