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See you at the bitter end

GeschichteDrama / P16 / Gen
Atsushi Nakajima Doppo Kunikida OC (Own Character) Osamu Dazai Yukichi Fukuzawa
15.05.2021
24.07.2021
7
17.217
3
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15.05.2021 1.846
 
(Vorbemerkungen: Diese Fanfiction richtet sich hauptsächlich nach dem Anime. Es können also Dinge mit dem Manga oder den Light Novels nicht übereinstimmen. Alle Non-Animecharaktere hier sind meine Erfindung. Ich sehe es schon kommen, dass Asagiri und ich (wie bei meiner ersten BSD-FF) wieder irgendwelche Dopplungen drin haben. Ignoriert für mich also bitte so ein bisschen alles aus dem BSD-Universum, was noch nicht im Anime vorkam.
Ich setze diese Geschichte mal nach Staffel 3 an, sie ist aber im Großen und Ganzen unabhängig davon (jedoch ist ein zahmerer Akutagawa leichter zu handhaben).
Und weil meine Ideen sich erst zu ordnen anfingen, als mir ein Lied der Band Placebo in den Sinn kam und weil es so schön poetisch klingt, stammen der Titel und alle Kapiteltitel aus Zeilen von Placebo-Songs.)

„See you at the bitter end“
Placebo, „The bitter end“

Prolog

„I'll describe the way I feel
Weeping wounds that never heal“


Placebo, „Special K“

Ohne ein allzu lautes Geräusch zu machen, hatte der Junge die Schiebetür auf und wieder zu gemacht. Praktisch waren sie ja, diese japanischen Schiebetüren. Vor allem, wenn man sich mitten in der Nacht herausschleichen wollte, um sich mit dem hübschen Nachbarsmädchen zu treffen. Die schweren Holztüren zu Hause wären definitiv ein größeres Problem gewesen. Die konnte man kaum leise ins Schloss fallen lassen, ohne nicht das gesamte Haus dabei aufzuwecken. So gewöhnungsbedürftig dem Jungen manche Sachen in diesem Land auch nach der ganzen Weile, die sie schon hier waren, noch vorkamen und auch wenn er sich anfangs gegen die alte ehemalige Samurai-Residenz, in die seine Familie gezogen war, gewehrt hatte – so langsam fing er an, sich hier einzuleben. Auch war das Wetter besser als zu Hause. Seine Eltern nahmen diese neue Entwicklung mit viel Wohlwollen auf, aber noch würde er ihnen den Umzug und den ganzen Terz drumherum nicht gänzlich verzeihen. Ja, er konnte sehr stur sein, doch wie konnten seine Eltern nicht verstehen, dass sie ihn aus seinem gewohnten Leben in seiner nun so weit entfernten Heimat gerissen hatten? Weg von seinen Freunden, die ohne ihn doch sicher verloren waren? Schließlich hatten sie ihm vor seiner Abreise noch selbst gesagt, dass er doch ihr Anführer wäre und sie ihn bräuchten.
Seine Eltern hatten kein Verständnis gezeigt. Nur weil sein Vater von Berufswegen nach Japan musste, waren sie hierhergezogen. Was genau sein Vater eigentlich beruflich machte, konnte der Junge nicht genau sagen. Es schien irgendetwas Langweiliges zu sein. Etwas, bei dem Männer in dunklen Anzügen lange und ernst miteinander diskutierten und bei dem bei irgendwelchen „Deals“ viel Geld hin und her geschoben wurde. Mehr hatte er davon nie mitbekommen. Was auch immer es war, es interessierte den Jungen auch gar nicht. Die Welt der Erwachsenen war ihm ein Buch mit sieben Siegeln – und er hatte nicht vor, es allzu bald zu öffnen. Sehr zum Missfallen seiner Eltern.
„Du bist doch kein kleines Kind mehr“, lamentierte seine Mutter regelmäßig. „Sei deinen jüngeren Geschwistern ein Vorbild und werde endlich erwachsen.“
Der Junge fand sich selbst sehr vorbildlich und grinste dabei verschmitzt, während er von der Veranda in den Garten trat und sich langsam zum anderen Ende vorarbeitete, um dort durch eine Tür das Grundstück zu verlassen. Zu seinem Glück waren die Steinlaternen nicht angezündet und das blasse Mondlicht erhellte den Garten nur soweit, dass man grob sehen konnte, was genau vor einem lag, während alles dahinter in tiefes Schwarz getaucht war.  Er versuchte, im Dunkeln nicht in die üppigen immergrünen Hecken zu fallen, die seine Mutter dort gepflanzt hatte und die nicht so wirklich mit dem Rest des japanischen Gartens harmonieren wollten. Sowieso war der Versuch seiner Mutter, sich hier als Landschaftsgärtnerin zu probieren, gründlich schief gegangen. Um sich „heimischer“ zu fühlen, hatte sie die alten maroden Mauern, die das Grundstück umgeben hatte, abgerissen und an ihre Stelle diese Hecken gepflanzt und dann einen riesigen Zaun außen herum gezogen, durch den ihr Haus unangenehm in der Straße voller alter Samurai-Residenzen auffiel. Und ihm selbst sagte sie ständig, wie wichtig es wäre, sich an ihre neue Heimat anzupassen.
Keck grinsend gab der Junge ihr innerlich Recht. Nahm er es oder nahm er es gerade nicht auf sich, mitten in der Nacht das Mädchen zu treffen, das ihm beim Erlernen der Sprache half? Nun, gut, sie wollten heute Nacht sicher nicht lernen, aber sollten sie doch erwischt werden, würde er genau das behaupten. Was für ein fleißiger Junge er doch war! Und er legte großen Wert darauf, dass man von ihm nicht als „jungen Mann“ dachte und sprach, so wie seine Eltern es immer taten. Immer diese Betonung auf das „Mann.“ Er rollte mit den Augen und machte einen übermütigen großen Schritt, wodurch er mit einem Fuß gegen einen der Steine stieß, die im Garten herumlagen, stolperte und vollends in die besagten Hecken fiel, die auch in dieser kalten Jahreszeit ein dichtes Blattwerk trugen.  
Er kam gar nicht mehr dazu, sich Sorgen zu machen, ob jemand seinen Sturz gehört hatte, denn ein entsetzlicher, ohrenbetäubender Schrei drang aus dem Haus heraus. Panisch riss der Junge seine Augen auf und horchte in die Dunkelheit, ohne einen Mucks zu machen.
War das … seine Mutter gewesen? Warum schrie sie so furchtbar? Etwas Schlimmes musste passiert sein. Doch … was?
Ein weiterer Schrei erklang und der Junge spürte das Blut in seinen Adern gefrieren. Seine Schwester! Das war doch seine Schwester gewesen, die da so  schrecklich geschrien hatte! Ein erneuter Schrei! Sein Bruder! Und noch ein weiterer! Diesmal von seinem anderen Bruder!
Der Junge wollte zu ihnen laufen, nachsehen, was los war, doch sein Körper wollte sich nicht rühren. Er war vor Angst gelähmt. Ein letzter qualvoller Schrei hallte durch die Stille der Nacht. Sein Vater.
„W-was ...“, hauchte der Junge mit brennenden Tränen in den Augen, als die Präsenz einer Person ihn eiligst verstummen ließ. Jemand war in den Garten gekommen. Vor Todesangst klopfte sein Herz beinahe zu seiner Brust heraus. Er hörte Schritte auf den Felsplatten, die im Garten ausgelegt waren, um das umliegende Gras und Moos vor dem Betreten zu schützen. Durch die dichten Hecken und die Dunkelheit konnte er jedoch kaum etwas erkennen.
Die Person war stehen geblieben.
„Hmm … hatten das nicht vier Kinder sein sollen?“, hörte er die Person sagen. Die Stimme klang männlich, aber nicht nach einem erwachsenen Mann. Ein Junge? Er klang nicht älter als er selbst.
„So ein Ärger.“ Anscheinend sprach der fremde Junge zu sich selbst, während der Junge in den Büschen vor Panik die Luft angehalten hatte. „Ah, ich weiß! Dann brenn ich eben das Haus nieder!“ Der fremde Junge klang beinahe euphorisch, als er dies ausrief. „Ach nein, soll ich ja nicht“, fügte er bitter enttäuscht hinzu. Nach einer qualvollen Ewigkeit ging er weiter und verließ das Grundstück über die Tür, die in den Zaun eingebaut war und hörbar ins Schloss fiel.
Mit einem Mal legte sich eine unheimliche Stille über das gesamte Anwesen.
Am ganzen Körper zitternd, kroch der angsterfüllte Junge aus den Hecken und brauchte seine volle Kraft, um aufzustehen und auf seinen wackligen Beinen stehen zu bleiben. Als würde er von einem Magneten angezogen, setzten sich seine Füße in Bewegung und gingen erst langsam, dann immer schneller werdend, bis er lief, zum Haus zurück. Eine bebende Hand schob die Schiebetür, durch die er sich zuvor heraus geschlichen hatte, auf und er trat ins Innere.
Seine Mutter war die erste, die er fand. Ihr Blut hatte die Tatami-Matten tiefrot gefärbt.
„Mama?“, fragte der Junge mit schwacher Stimme und wider besseren Wissens. Er hatte noch nie zuvor eine Leiche gesehen, doch so wie seine Mutter zugerichtet war, aufgeschlitzt und in einer gewaltigen Lache aus Blut, bestand kein Zweifel, dass seine Mutter nicht mehr am Leben war.
Wenige Meter daneben, nahe der Haustür, lagen seine Geschwister. In ihren erstarrten Gesichtern konnte man immer noch das Grauen ablesen, das sie in ihren letzten Momenten verspürt hatten. Seine Schwester hatte wohl noch nach den Händen der beiden anderen Brüder gegriffen, um sie von hier fortzubringen, denn sie hielt sie immer noch fest. Doch ihre Bemühungen waren auf die grausamste Art vergeblich gewesen. Die Verletzungen, die die drei Kinder trugen, waren die gleichen wie bei seiner Mutter. Als hätte jemand wahllos mit einer Schwertklinge nach ihnen geschlagen.
Wie in Trance schritt der Junge durch das Haus und bemerkte nicht einmal den nicht enden wollenden Strom an Tränen, der sich über sein Gesicht ergoss. Sein Vater lag in dem Raum, in dem er sich sein Arbeitszimmer eingerichtet hatte. Am anderen Ende des Zimmers lag ein Kurzschwert auf dem Boden, von dessen Klinge noch Blut tropfte. Der Junge kannte dieses Schwert; sein Vater hatte es von einem Geschäftspartner geschenkt bekommen. Seine Eltern hatten es in einem verschlossenen Schrank aufbewahrt, damit keines der Kinder auf die Idee kommen konnte, damit zu spielen. Nun lag es da, als sei es nach getaner Arbeit einfach weggeworfen worden. Mit sehenden, doch nicht begreifenden Augen blickte der Junge zu dem Schrank, der offensichtlich gewaltsam aufgebrochen worden war. Der Angreifer musste das Kurzschwert an sich genommen haben, um damit …. Sein Blick ging wie von selbst zurück zu dem leblosen, blutüberströmten Körper seines Vaters.
Ermordet. Jemand hat sie alle ermordet. Sie sind alle …. Wieso? Wieso sind sie alle … tot?
Ohne bewusst wahrzunehmen, was er da tat, ging der Junge an seinem Vater vorbei zum anderen Ende des Zimmers und hob dort das Schwert auf.
Wer …? Wer tut so etwas Schreckliches?
Die Antwort traf ihn wie ein Pfeil mitten durchs Herz.
Der Junge, der im Garten gewesen war. Er … er hatte dies getan. Er hatte … seine Familie ….
In diesem Augenblick sah der einzige Überlebende dieser schauerlichen Nacht an sich herunter und bemerkte das Blut seiner Familie, durch das er gelaufen war und das nun an seinen Füßen klebte. Die Augen vor Entsetzen aufgerissen, umklammerten seine zitternden Hände das Schwert und er stieß einen durch Mark und Bein gehenden, beinahe unmenschlichen Schrei aus.

Schweißgebadet und schreiend schreckte der Junge, aus dem nach all den Jahren mittlerweile ein Mann geworden war, aus dem Schlaf auf. Schweigend starrte er auf seine bebenden Hände, während bittere Tränen sich ihren Weg aus seinen Augen bahnten.
„Hast du wieder von jener Nacht geträumt?“ Ein Mann, der etwa mittleren Alters war und somit ein gutes Stück älter war als die noch immer zitternde Gestalt, gesellte sich zu ihm und legte behutsam eine seiner Hände auf die des Anderen. „Es wird schlimmer in letzter Zeit, nicht wahr?“
„Das wird daran liegen, dass es bald endlich soweit ist“, antwortete der Jüngere und begann schlagartig, sich zu beruhigen.
„Seit wir in Yokohama sind, hast du fast jede Nacht diesen Albtraum gehabt.“ Der hinzugekommene Mann klang besorgt.
„Es wird bald vorbei sein“, erwiderte der Andere wieder vollkommen ruhig, „bald wird es endlich vorbei sein. Und dann können wir uns wieder deiner Mission widmen. Versprochen.“
Der Ältere tätschelte noch einmal die Hand des Jüngeren, ehe er seine Hand wegzog. „Das will ich hoffen. Nun schlaf noch etwas. Für den Rest der Nacht sollten dich keine Albträume mehr heimsuchen.“
„Bald ...“, murmelte der junge Mann, bevor er wieder einschlief, „bald wird es endlich vorbei sein.“
 
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