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[Crusader Kings 2] Deuparth gwaith yw ei ddechrau

GeschichteFamilie, Historisch / P18 / Gen
15.05.2021
26.07.2021
3
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15.05.2021 3.417
 
Seid gegrüßt liebe Leserinnen und Leser.

Ja, diese Geschichte ist inspiriert von dem ebenso komplexen wie faszinierenden 4X Mittelalter-Strategiespiel Crusader Kings 2. Dieses Spiel schafft es, mit nur wenig aktivem Zutun, dem Spieler immer wieder die faszinierendsten Geschichten zu präsentieren. Geschichten die es wert sind, erzählt zu werden. Deshalb habe ich mich entschlossen, das große Wagnis einzugehen und eine große Geschichte dazu zu schreiben. Diese Story hier, wird parallel zu einer Partie Crusader Kings 2 laufen. Ich werde die Geschichte des Hauses Mathrafal, eines walisischen Adelshauses des elften Jahrhunderts spielen und diese hoffentlich spannende und ereignisreiche Geschichte hier mit euch teilen. Das Startdatum ist der 15. März 1075 nach Christus. In diesem Jahr bestieg König Iorwerth á Mathrafal, den Thron seines Vaters Bleddyn, König von Powys, einem Kleinkönigreich im heutigen Wales. Das genaue Datum konnte ich nicht herausfinden, weshalb wir hier dem Spiel folgen dass den Vater genau zum Jahreswechsel 1074/75 sterben lässt. Wir werden von diesem Datum an, Iorwerth á Mathrafal und seine direkten Erben begleiten, bis hoffentlich zum Jahr 1453, in welchem das Spiel endet, falls die gespielte Dynastie nicht vorher ausstirbt.
Für die, die das Spiel nicht kennen: Crusader Kings ist ein großer Historischer Sandkasten, der die Welt des Mittelalters sehr authentisch und detailliert darstellt. Die Weltkarte, auf der man spielt, erfasst die ganze damals bekannte Welt. Von Skandinavien bis zur Sahara, vom Atlantik bis nach China und Indien. Als Spieler schlüpft man in die Rolle eines beliebigen Adeligen Herrschers, egal ob großer Kaiser oder kleiner Graf und versucht anschließend das Beste für seine Dynastie zu erreichen. Stirbt der gespielte Charakter, spielt man als dessen Erbe weiter. Verloren hat man nur, wenn es keinen Erben mehr gibt. Ein festgelegtes Spielziel gibt es nicht. Das ist dem Spieler überlassen. Das Spiel ist eine gelungene Mischung aus Strategiespiel und Rollenspiel. Strategiespiel, weil es darum geht für den eigenen Charakter, und die eigene Dynastie möglichst viel zu erreichen, möglichst viel Macht, Reichtum und Ansehen zu erlangen. Rollenspiel deshalb, weil das Spiel sehr auf Personen fokussiert ist. Alle Charaktere im Spiel Herrscher, Vasallen, Vasallen der Vasallen, Berater, Bürgermeister, Kleriker etc. haben bestimmte Merkmale und Charaktereigenschaften. Dieser Spieldurchlauf wird dem Rollenspielansatz folgen, das heißt, ich werde im Spieldurchlauf nicht als Außenstehender Spieler entscheiden, sondern mich in den Charakter des gespielten Charakters hinein versetzen und Entscheidungen treffen, die zu den Eigenschaften und Charakterzügen des gespielten Herrschers passen, auch wenn sie auf der nüchternen Gameplayebene nachteilig sind.
Inspiration dabei liefert mir der Historien-Let’s Player Steinwallen, der auf Youtube Let’s Plays hauptsächlich von Spielen mit historischen Inhalten macht und auch immer wieder und gerade in Crusader Kings-Partien diesen Rollenspiel Ansatz verfolgt, weil dieser das interessanteste und auch historisch authentischste Erlebnis bietet. Die kleine Werbung sei mir an dieser Stelle hoffentlich verziehen.
Womit könnt ihr rechnen? Nun Kern des Spiels ist die Interaktion zwischen den verschiedenen Machthabern der Welt des Mittelalters. Dabei werden nicht nur rationale Entscheidungen getroffen, sondern Sympathie und Antipathie spielen eine Rolle, Zufallsereignisse, die den Spieler, beziehungsweise seinen Charakter vor Entscheidungen stellen bestimmen sowohl Einzelschicksale als auch das Schicksal ganzer Reiche. Vom gewählten Startdatum an entwickelt sich die Welt dynamisch, innerhalb bestimmter Parameter. Die Ausgangslage ist so, wie man sie aus den Geschichtsbüchern kennt aber von da an, kann sich die Geschichte völlig anders entwickeln, als sie es in der Realität hat. Mit, oder ohne Zutun des Spielers. Es wird nichts völlig absurdes passieren, aber es ist durchaus denkbar dass Europa am Ende des Spiels, im Jahr 1453 ganz anders aussieht, als es das in der Realität tut. Möglicherweise existiert das Byzantinische Reich dann noch und steht in voller Blüte. Möglicherweise waren die Kreuzzüge erfolgreich und das Heilige Land ist ein geeintes christliches Königreich geworden. Möglicherweise ist ganz Iberien und ein Großteil Frankreichs Muslimisch, oder England immer noch unter der Herrschaft der alten Angelsächsischen Herrscherhäuser. Das alles kann theoretisch passieren, oder etwas ganz anderes. Man weiß nie, was einen erwartet, wenn man eine Partie Crusader Kings beginnt. Die große Weltgeschichte, und die kleinen Geschichten im Umfeld des gespielten Charakters. Große Politik und menschliche Schicksale Hand in Hand, und bei beiden kann man nie wissen wie es ausgeht. Das macht diese Spielreihe so faszinierend. Daraus ergibt sich, fast von selbst eine wunderbare, epische Geschichte. Und diese Geschichte, will ich nicht nur selbst erleben, sondern ich will sie hier mit euch teilen. Denn eine gute Geschichte, die man erlebt verdient es auch, erzählt zu werden. In diesem Sinne wünsche ich euch und auch mir viel Spaß. Ich weiß genau so wenig was kommt, wie ihr und hoffe, ihr seid ebenso gespannt, wie ich.
Euer ergebener Diener und Chronist, Drachenritter

Und nun genug der Vorrede. Vorhang auf, für unseren ersten Protagonisten: Iorwerth ap Bleddyn á Mathrafal, Kleinkönig von Powys!




Niemand vermag zu sagen, nach welchen Maßstäben Gott einzelnen Menschen seine Gunst zuteil werden lässt. Manchem beschert  er im Erdenleben solche Wohltat, dass man ihn für einen gottesfürchtigen Mann halten muss, selbst wenn sein Handeln allzu oft dem Irdischen entgegen strebt. Manch einem gibt der Herr zu Beginn reichlich und weist ihm einen besonderen Platz im Erdenkreis zu, wie dem gesegneten König David. Oftmals jedoch ist der Segen mit Prüfungen verbunden. David verlor seinen Sohn Absalom dereinst an die Sünde der invidia. Der Sohn erhob das Schwert gegen den Vater und fiel durch das Schwert. Ein gerechtes Urteil und zugleich doppelte Last für den gekränkten Vater. Auch der fromme und bescheidene Hiob ward von Gott reich gesegnet mit allerlei irdischen Gütern und Freuden. Doch der Herr gibt und der Herr nimmt und niemandem auf Erden kann sich sein heiliger Wille erschließen. Und so ward dem braven Diener Hiob alles entrissen, was sein Eigen nennen zu dürfen er glaubte. Ansporn und Lehre für jeden Christenmenschen sei das Handeln des leidgeplagten Hiob: Er fügte sich dem Ratschluss des Allmächtigen und legte sein Leben in seine Hände. Die Prüfung ward damit bestanden und die Barmherzigkeit des Herrn ließ den alten Hiob Kummer und Gram vergessen und er ward an irdischen Segnungen nun so reich wie zuvor und ungleich reicher war er nun an himmlischem Segen.
Der Herr gibt und der Herr nimmt. Einem einzelnen Manne ebenso wie denen, die zu Herrschen geboren sind. Den Häusern und Familien der nobilitas. Der Herr bescherte dem, nunmehr seit kurzer Zeit in Frieden ruhenden Rex Bleddyn ap Cynfyn á Mathrafal den Lohn für seine Frömmigkeit und Beharrlichkeit.  Steil war sein Aufstieg an die Spitze  des Reiches von Powys. Gesegnet war seine Regentschaft, nach den stürmischen Zeiten, die die Herrschaft seines Bruders Gryffyd begleitet hatten, bis dieser gegen den armen Harold Godwinson, Rex Anglosaxorum Krone und Leben verlor. Der Sieger war der himmlischen Gunst ebenso rasch wieder beraubt und fand ein grimmes Ende bei der Verteidigung seines Reiches gegen die normannischen Eroberer, die die Länder der Angelsachsen nun stolz und vermessen ihr Eigen nennen. William, genannt der Eroberer herrscht nun über Harolds Reich und viele seiner normannischen Spießgesellen nennen sich nun comei und ducii der alten Scirs und Grafschaften. Sie nehmen, was sie begehren und das einfache Volk Englands ist ihnen wehrlos unterworfen. König William und die seinen bereichern sich und das Volk der Angelsachsen leidet.
So straft Gott dieses Volk, während er zugleich das der Bretonen erblühen lies. Bleddyn regierte mit Güte und Fleiß, ehrte den Herrn und auch die Stämme und Häuser. Seine Güte und sein unermüdliches Wirken, werden seinen getreuen Untertanen auf ewig in Erinnerung bleiben. Einzig die Lust am Weibe trübte des Königs Sinn und von der Verführung des Fleisches versucht, vermachte er seinem Reich weniger Segen als Ungemach. Seine reiche Kinderschar legt Zeugnis ab, von seiner maßlosen Lust und am deutlichsten zeigt sie sich an der Person seines Erben. Sein jüngstes Kind, Iorwerth, gezeugt mit seiner letzten Gemahlin Morien á Maelienydd hat nunmehr den Thron von Powys bestiegen. Doch nichts scheint mehr übrig vom Segen seines Hauses. Der Großteil des Reiches hat ihm den Treueeid verweigert. Trahaearn ap Caradog, Bleddyns Vetter nennt sich nun König von Gwynned und vom alten Reiche Bleddyns gebietet Iorwerth nun lediglich über die Kernlande von Powys und die kleine Grafschaft Bulth. Und sein Haus auf Burg Mathrafal quillt über von seinen älteren Geschwistern, die den Entschluss des Vaters verurteilen und die im Zaume zu halten dem jungen Iorwerth schwer fallen dürfte. Wenig hat er vom theologischen und diplomatischen Geschick seines Vaters. Durchschnittlich versteht er sich auf die  Aufgaben des Regenten. Und wenig auf die Kriegskunst. Doch das schmälert nicht seinen Ehrgeiz, das Reich seines Vaters wieder zu einigen und zwei Tugenden spricht ihm hierbei niemand ab: Er handelt besonnen und gerecht. Oft hart und rücksichtslos, ja manchmal grausam, aber dennoch niemals willkürlich und stets bedacht. Nur Gott allein weiß, ob das ausreichen wird um sich gegen den Rivalen Trahaearn und die Schar seiner Halbgeschwister zu behaupten. Um des Volkes von Powys Willen bete ich dafür, dass der Allmächtige den jungen rex Iorwerth ap Bleddyn á Mathrafal anleiten und segnen möge und dass Christus, unser Herr ihm stets den rechten Weg aufzeigen möge.

Auszug aus einer Handschrift, verfasst von einem unbekannten Geistlichen, gefunden in der Bibliothek der Abtei von Llangollen, datiert auf das Jahr 1075.





Mathrafal Castle, Grafschaft Powys, 15. März, Anno Domini 1075

Unablässig rüttelte der Wind an den Fenstern und Verschlägen der Burg Mathrafal. Zwei Wachsoldaten zogen sich in eine Ecke in den Gängen zurück, die sie vor dem Durchzug schützte und ihnen dennoch freie Sicht auf den Gang gewährte. Es war einer dieser windigen Frühlingstage, wie sie hier, im bergigen Gelände von Powys häufig vorkamen. Sie hatten schon viel Schlimmeres erlebt.Der Winter war vorbei, der Schnee abgeschmolzen und der Wind würde nur umso schneller die Wärme des Frühlings zu ihnen tragen. So ertrugen die Menschen in der Burg das Pfeifen und Heulen mit Gleichmut und freuten sich auf die warmen Tage, die hoffentlich bald folgen würden.
Die beiden Soldaten beobachteten den Gang und strafften ihre Haltung, als sie Schritte vernahmen. Schnelle, energische Schritte. Nach wenigen Sekunden sahen sie ihren neuen Herrn, den König Iorwerth, der durch ihren Korridor eilte. Ein durchaus stattlicher junger Mann, von 22 Lenzen, mit vollem rötlich-braunem Haar, einem gepflegten Vollbart und stechend blauen Augen. Sie nahmen Haltung an, doch der Fürst schien sie nicht zu bemerken. Schnurstracks rauscht er an ihnen vorbei. Es war nicht zu übersehen, dass er schlechter Stimmung war.
König Iorwerth ap Bleddyn á Mathrafal, Kleinkönig von Powys, Lehnsherr von Powys und Builth erreichte schließlich seinen Zielort: das Studier- und Arbeitszimmer, das sein Vater bis vor kurzem noch genutzt hatte. Er trat ein und schloss hastig die Tür hinter sich. Dann atmete er tief durch. Endlich Ruhe! Endlich weg von dieser ständig nörgelnden Sippschaft, die ihm einfache keine Ruhe lassen wollte! Hatte er es sich etws ausgesucht, das jüngste Kind ihres Vaters zu sein?  Konnte er etwas dafür, dass ihr Vater auf seine alten Tage seiner Mutter so hörig gewesen war, dass er ihren gemeinsamen Sohn, ihn Iorwerth zum Thronfolger bestimmt hatte, entgegen alle Gewohnheiten und Sitten? Die Grafen und Aldermänner hatten es akzeptiert, in Berufung auf das Thanwahlrecht. Wie hätte der alte König denn wissen sollen, dass die Schwüre seiner Vasallen, allen voran seines verräterischen Vetters Trahaearn direkt mit ihm sterben würden? Dass dieser Usurpator mehr als die Hälfte des Landes an sich reißen würde und das Königrieich Gwynedd wiederherstellen würde? Ein Königreich, dass es seit einem halben Jahrhundert nicht mehr existiert hatte. Und wie bitte, hätte er es verhindern sollen, wenn sich niemand auf seine Seite stellen wollte? Dennoch, bei jeder Ratssitzung machten sie ihn dafür verantwortlich. Obwohl von seinen Geschwistern nur drei einen Sitz in seinem Rat hatten, bestanden sie alle darauf, anwesend zu sein, nur um es ihm wieder aufs neue vorzuhalten: Er hätte sie um ihr Erbe betrogen.
Seine Verwandten machten den Großteil seines Hofes aus. Es war kaum möglich, seiner Verwandtschaft, seinen Geschwistern, Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen auszuweichen. Iorwerth hatte sieben Geschwister. Sieben Halbgeschwister, um genau zu sein. Aus der ersten Ehe seines Vaters sein ältester Bruder, Cadwgan sowie die Schwestern Gwenllian und Hunydd. Den Groll des Erstgenannten konnte Iorwerth sogar noch verstehen. Nach herkömmlichen Erbrecht hätte Cadwgan den Königstitel erben müssen. Die beiden Schwestern von Cadwgan waren unterschiedlich. Gwenllian von Natur aus neidisch und niemandem mehr vergönnt, als sie selbst hatte. Aber das lies sich ignorieren. Bei nächster Gelegenheit würde Iorwerth sie einfach an einen anderen Hof verheiraten und dann durfte sie mit ihrem Gekeife ihrem Gatten auf die Nerven fallen. Genau wie die zweite Schwester, Hunydd. Mit ihr hatte er sich gut verstanden, doch sie war als einzige nicht an seinem Hof. Sie war in Pembroke, am Hof von König Rhys von Deheubarth, seinem südwestlichen Nachbarn. Ihr Vater hatte sie mit dem dortigen Kämmerer verheiratet. Sie pflegten kaum mehr Kontakt miteinander.
Die nächsten auf der Liste waren seine Brüder Madog und Rhirid, die Bastardsöhne seines Vates. Wer ihre Mutter war, und ob sie überhaupt dieselbe Mutter hatten, wusste Iorwerth nicht. Es war ihm auch egal. Aber ihr Vater hatte sie anerkannt und so hätte ihnen ein Erbteil zugestanden, wenn Trahaearn nicht gewesen wäre. Er hatte versucht sie zu besänftigen und ihnen hohe Ratsposten zuteil werden lassen. Madog war sein Marschall, Rhirid sein Kanzler. Das hatte sie auch halbwegs beruhigt, aber sie ließen ihn keinen Moment darüber im Unklaren, dass sie an seiner Eignung zum Herrscher zweifelten.
Die letzten beiden waren die schlimmsten: Die Kinder aus seines Vaters zweiter Ehe. Meradudd und Denis. Maredudd war ein zwielichtiger Charakter. Ehrgeizig und hinterlistig, aber selbst feige wie ein Hase. Er hielt sich zwar mit offener Kritik zurück, ein Zug den Iorwerth sehr schätzte, aber ihm war klar, dass Maredudd ihm überhaupt nicht traute, und dass er das im Unkehrschluss auch auf keinen Fall tun durfte. Denis, seine jüngere Schwester war einfach nur eine Ziege. Gierig nach Schmuck und materiellen Gütern, ebenso wie nach der Aufmerksamkeit der Männer. Dabei war sie nicht einmal besonders schön. Immerhin schien sich sich dessen wenigstens bewusst zu sein, und so war es bei Hofe noch zu keinem Skandal gekommen. Darüber hinaus, war sie aber dumm wie ein Stück Fels, Verstand sich auf nichts wirklich gut und plapperte nur nach, was ihre Geschwister vorplapperten. Und das war meistens, dass er, Iorwerth und seine Mutter, König Bleddyns dritte und letzte Ehefrau Morien an allem Schuld waren, was seit Bleddyns Tod schief gelaufen war.
Immerhin, seine Mutter stand zu ihm. Es gab wenig, was sie der Abneigung der Familie entgegen setzen konnte, aber das hatte sie und ihren Sohn über alle Maßen zusammen geschweißt. Auf seine Mutter konnte er sich immer verlassen und er würde sie auch niemals im Stich lassen. Sie war der einzige Mensch auf Mathrafal Castle, der ihn wirklich liebte. Und es gab nur wenige hier, die ihn auch nur mochten. Moriens deutlich jüngerer Brüder beispielsweise, Onkel Madog, der nur zwei Jahre älter als Iorwerth selbst war. Immerhin, auch mit den drei Kindern, eines bereits verstorbenen Onkels väterlicherseits, einem Cousin und drei Cousinen verstand er sich wirklich gut. Und mit seinem Neffen Llywelyn, Cadwgans Sohn von 18 Sommern, kam er gut aus. Aber seine Geschwistern waren eine reine Plage für ihn. Sie machten ihn für alles verantwortlich und hielten ihm immer wieder vor, dass er der jüngste war, dass er zu jung wäre und von nichts eine Ahnung hätte. Das würden sie ja noch sehen!
Er besah sich die Karte auf dem großen Tisch in der Mitte des Raumes. Sie zeigte Powys und seine angrenzenden Länder. Im Südenwesten das ähnlich große Kleinkönigreich Deheubarth, im Süden das wirklich kleine Kleinkönigreich Morgannwg, im Osten das mächtige England, das inzwischen  seit fast neun Jahren von den Normannen beherrscht wurde, und im Norden das abtrünnige Kleinkönigreich Gwynedd, regiert von dem Verräter Trahaearn. Ein durchaus gestandener Mann eigentlich, von sympathischer Ausstrahlung, aber Iorwerth hasste ihn. Sein Verrat, denn als solchen sah man es hier in Powys an, hatte Irowerths Reich nicht nur halbiert und seine Brüder ihres Erbteils beraubt, sondern seine Position und die seines Hauses in den walisischen Ländern stark geschwächt. Iorwerth würde ihm das nie verzeihen und er war entschlossen, da nicht hinzunehmen. Trahaearn würde sich und Gwynned wieder der Krone von Powys unterwerfen, koste es was es wolle! Das schwor sich Iorwerth  jeden Tag aufs neu. Er würde das Reich seines Vaters wiederherstellen und allen Zweiflern, innerhalb wie außerhalb seiner Familie beweisen, dass er, Iorwerth ap Bleddyn á Mathrafal seinem Vater in nichts nachstand!
Eingehend betrachtete er die Karte. Seine Ausgangslage war nicht sehr gut. Powys war auf zwei Grafschaften zusammengeschrumpft. Powys selbst, mit der Burg Mathrafal, der Stadt Radnor und der Abtei von Llangollen und Builth, einem kleinen Landstrich rund um das gleichnamige Burgstädtchen und einer weiteren Abtei, bei Llanafan Fawr. Und damit endete sein Reich auch schon. Trahaearns Herrschaftsbereich war wesentlich besser ausgebaut, mit mehreren Städten, Burgen und Klöstern. Damit nicht genug, der alte König Rhys von Deheubarth im Südosten war Trahaearn gegenüber tribut- und beistandspflichtig. Eine Pflicht die eigentlich ihm, dem König von Powys hätte gelten sollen. Doch erneut brachte ihn der Verrat um sein Geburtsrecht. Selbst wenn er es also wagen hätte können, Trahaearn militärisch herauszufordern, der Armee von Deheubarth in seinem Rücken würde er nie Herr werden. Direktes Vorgehen konnte er vergessen. Er brauchte Verbündete, und einen freien Rücken. Darüber hinaus brauchte er einen Erben. Im Moment würde seinem ältesten Halbbruder Cadwgan, im Falle seines Ablebens die Krone zufallen. Die Familie war groß genug. Haus Mathrafal würde nicht aussterben, aber dennoch, er brauchte eigene Kinder um Streitigkeiten vorzubeugen. Und dafür hatte er bereits erste Schritte unternommen und Gesandte nach Westminster geschickt, zu König William von England. William und seine französischen Gefolgsleute waren in England selbst alles andere als wohlgelitten und genossen auch in den walisischen Königreichen kein allzu hohes Ansehen, aber sie hatten ihre Macht erstaunlich schnell gefestigt und ausgebaut. England  gehörte nun den Normannen, das stand für Iorwerth zweifelsfrei fest. Und es war wesentlich besser, sich mit den neuen Machthabern im großen Nachbarkönigreich gut zu stellen. Und deshalb gedacht Iorwerth, eine von König Williams Töchtern zu ehelichen. Seine älteste, Cecilia, um genau zu sein, 18 Sommer alt, also im besten Alter, relativ ansehnlich, wie ihm zugetragen worden war. Stolz und stur zwar, aber auch angenehm zurückhaltend. Eine Ehe  mit ihr würde gute Chancen auf Nachwuchs haben und zumindest ein dauerhaftes Friedensabkommen zwischen Powys und England mit sich bringen. Ein Zeichen der Entspannung, auch für die anderen walisischen Herrscher, würde es doch den beruhigenden Beweis bedeuten, dass der Normanne keine weiteren Eroberungsgelüste in Richtung Westen hegte. Dadurch würde Iorwerth auch im allgemeinen Ansehen in ganz Britannien sehr steigen. Inständig hoffte er, dass seine Boten die Sache nicht vermasselten und den mächtigen Normannenkönig überzeugen können würden. Damit wäre der erste Schritt einer langfristigen Bündnispolitik getan. Danach hatte Iorwerth noch genug weibliche Verwandte an seinem Hof, um mit anderen Herrschern Allianzen zu schmieden. Früher oder später würde er das Kräfteverhältnis umkehren und dann würde er zuschlagen und sich Gwynedd und den Löwenanteil des Reiches zurückholen. Geduld war die Tugend, die nun gefragt war und mit dieser Tugend war Iorwerth schon immer reichlich gesegnet gewesen. Er würde Powys wieder groß machen, selbst wenn seine eigenen Vasallen und seine eigene Familie ihm das nicht zutrauten. Sie würden es alle noch sehen. Er war ein Mathrafal! Er war vom Blute Gwrtheyrns, jenes großen Königs, aus grauer Vorzeit, den die Engländer Vortigern nannten. Ein Tyrann, grausam und hinterlistig, so sagte man war er gewesen, aber dennoch ein großer König, dessen Name immer noch ein Begriff war.
Man ging nicht in die Geschichte ein, wann man sanftmütig und unauffällig blieb. Wenn man etwas erreichen wollte, musste man alles dafür einsetzen, was man hatte und durfte auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Das hatte Iorwerth in seiner Kindheit, mit seinen vielen älteren Geschwistern gelernt und Gwrtheyrn hatte es auch gewusst. Größe entstand durch Stärke und Stärke wurde nur anerkannt, wenn sie gezeigt wurde. Das war Iorwerths Überzeugung. Egal wen, oder wie viele dabei Schaden nahmen. Nur wer bewies, dass er keine Gnade zeigte, wurde respektiert. Das war seines Vaters Fehler gewesen. Er war zu weichherzig gewesen, zu vertrauensselig. Dadurch war sein Reich zerbrochen, kaum dass er unter der Erde lag. Er, Iorwerth würde diesen Fehler nicht machen. Er würde sein, wie sein berühmter Ahnherr Gwrtheyrn: Listig und gnadenlos. Zunächst würde er sich weiter in Geduld üben, abwarten, Pläne schmieden, Vorbereitungen treffen, auf eine Gelegenheit warten. Und wenn sie kam, dann würde er zuschlagen. Schnell, hart und ohne Gnade.
Der stille Raum hallte wieder vom Geräusch einer königlichen Faust, die auf den Kartentisch herab gesaust war.
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