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Löwe und Hyäne oder: Wer zuletzt lacht

von Amatra
Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
13.05.2021
13.05.2021
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Löwe und Hyäne oder wer zuletzt lacht


Der Löwe war der König der Tiere und er herrschte klug und besonnen.
Eines Tages kam eine Dürre und mit ihr eine große Hungernot über die Nachbartäler. Dies wurde dem Löwen durch die Vögel berichtet, die weit über alle Welt flogen. Schon früh forderte der Löwe seine Untertanen auf, Diät zu halten und weniger zu essen, damit, wenn die Nahrung einmal knapp würde, sie sich ein jeder besser einteilen könnte und kein Tier Hungers sterben müsste, bis die nächste Regenzeit käme.

„Blödsinn!“, lachte die Hyäne. „An ein bisschen heißer Luft ist noch niemand gestorben.“

"Aber die Hungersnot ist doch noch gar nicht da!", wunderten sich auch die Carnivoren, "Unsere Beute ist noch fett wie immer. Warum sollen wir uns zurückhalten?"

Wieder lachte die Hyäne: „Für uns ist noch immer etwas abgefallen. Uns betrifft die Sache gar nicht!“

Zornig brüllt der Löwe, um sie alle zum Schweigen zu bringen.
"Noch hat uns die Dürre nicht erreicht, aber sie rückt näher. Viele werden sterben, wenn wir nun nicht mit Bedacht handeln." Besorgt sahen sich die Tiere untereinander um. Der Löwe witterte ihre Furcht und ihm lief dabei das Wasser im Munde zusammen. Doch er riss sich zusammen. Sein Volk brauchte ihn und er sollte mit glänzendem Beispiel vorangehen. "Noch ist es nicht zu spät! Vielleicht wird es gar nicht so weit kommen, wenn ein jeder auf einen Teil seiner Speisen verzichtet."

Da begehrte die Hyäne abermals auf: "Wenn Ihr alle weniger esst, dann bleiben für uns Aasfresser nur noch Haut und Knochen!"

"So ist es", nickte der Löwe, "wir alle müssen uns einschränken."

Viele der Tiere schafften sich heimlich Vorräte an. Suchten nach geheimen Lagerplätzen, an denen sie sich mit zuvor im Übermaß gesammelter Nahrung verstecken wollten. Nur für den Fall, dass der Löwe Recht behalten und diese Dürre über ihr immergrünes Tal hereinbrechen sollte. Manche Orte wurden ganz kahl durch dieses Tun, was nur weitere Artgenossen dazu animierte es ebenso zu halten. Aus Angst, sonst nichts mehr abzubekommen.

Die Dürre kam und mit ihr die Hungersnot.
Die meisten Tiere hatten sich an die Anordnung des Löwen gehalten, trotz ihrer Rücklagen wesentlich weniger gefressen als üblich und so kamen sie viel länger mit der wenigen Nahrung, die ihnen verblieben war, zurecht als die Tiere an anderen Wasserlöchern. Dennoch starben immer mehr den Hungertod. Und das Futter wurde knapper und knapper.

Die Vögel berichteten nun täglich von den unzähligen Fällen derer, die an oder durch Hunger starben.
Vor allem die selbstsüchtigen Carnivoren, die nicht einsahen, fürs Allgemeinwohl auf irgendetwas zu verzichten, machten sich über die schwachen Pflanzenfresser her. Es sollte sogar Herbivoren gegeben haben, die in ihrer Verzweiflung von Aas gekostet haben!
Und nachts lachte die Hyäne.

Der Löwe geriet mehr und mehr in Sorge und berief nun nahezu täglich seinen Rat ein. Und beinahe so oft wurden neue Fress-Gesetze und Hunger-Verordnungen notverkündet, zum Schutze seiner Untertanen sowie aus purer Hilflosigkeit aufgrund der nicht enden wollenden Dürre und der Maßlosigkeit einzelner:

"Sie sollen alle zuhause bleiben, fern voneinander!"
„Sie sollen sich die Mäuler zuschnüren, damit sie sich nicht gegenseitig fressen!“
„Nachts darf niemand mehr unterwegs sein!“

Dies alles gefiel keinem. Am wenigsten der Hyäne und den Herdentieren, die sich über alle Verbote hinwegsetzten, um sich allerorts zusammenrotteten und den Löwen lauthals auslachten: „Der König ist an allem schuld! Er will die absolute Macht über uns! Weil einzelne Tiere viel leichter zu jagen sind als eine ganze Herde … es gibt in Wahrheit gar keine Hungersnot!“

Viele Tiere waren verunsichert, mehr noch, je länger diese schreckliche Dürre andauerte. Auch der königliche Löwe war ausgemergelt und kaum mehr als ein Gerippe. Seine stolze Mähne hing nur noch struppig und grau an ihm herab. Er hielt sich schon seit Monaten zurück. Dabei wusste er nur zu gut, dass sich die Herdentiere heimlich trafen und, so schwach wie sie waren, einander erdrückten oder übereinander herfielen. Teils bemerkten sie nicht einmal, dass sich Fressfeinde unter sie geschlichen haben und falls doch, waren sie schlicht zu schwach, um diesen zu entkommen.
Auch der Löwe hätte nichts lieber getan, als ein Beutetier zu reißen und zu verspeisen. Doch er harrte aus.

Irgendwann, als niemand mehr daran glaubte, setzte endlich die Regenzeit ein.
Auch jetzt sparte der Löwe nicht mit Mahnungen: "Wartet ab! Lasst den Pflanzen eine Chance, auszutreiben! Nur dann wird es wieder genug für alle geben. Alle Gesetze und Verordnungen bleiben bestehen, bis die ersten Sträucher Früchte tragen. Bis dahin und darüber hinaus müssen wir uns gedulden, denn zuerst sollen sich die Alten und Schwachen stärken. Danach folgen die Jüngeren und Kräftigen. Wir haben es bis heute geschafft, bald ist die Zeit des Hungerns vorbei - haltet weiter durch!"

"Du Tyrann!", knurrte die Hyäne, "Das Gras sprießt. Es gibt keinen Grund mehr, uns zu drangsalieren - erkläre die Hungersnot, die es nie gegeben hat, sofort für beendet oder ich enthebe Dich Deines Amtes, Löwe!"

Im Gegensatz zu ihrem König hat es sich die Hyäne nicht nehmen lassen, regelmäßig zu fressen. So war sie viel kräftiger als der alte Löwe. Und hinter der Hyäne standen unzählige hungrige Geschöpfe, die sich mit ihr gegen den König und seinen Rat verschworen haben. Der Mob tobte, wie er in seinem ausgezehrten Zustand nur toben konnte.

So hob der Löwe die Tatze. "Ich wollte Euch vor dem Tod bewahren. Niemals mussten wir so etwas erleben. Vielleicht war nicht jede Entscheidung richtig oder gut, aber ich wusste es nicht besser, um Euch alle gleichermaßen zu schützen. Ob groß, ob klein, alt oder jung, ob Fleisch- oder Pflanzenfresser. Doch wie ich sehe, glaubt Ihr mir nicht. Ich habe versagt. Deshalb nehme ich alle Schuld auf mich und werde abdanken. Lasst mir nur ein Fleckchen trockenen Boden, an dem ich mich zum Sterben legen kann."

"Geh an Deinen alten, vertrockneten Baum, oben auf dem Hügel - dort kannst Du Dir Deine eigenen Gesetze ausdenken, bis die verdorrten Äste Früchte tragen!", lachte die Hyäne und ihr Gefolge feierte die errungene Freiheit.

Die Hyäne sollte zum letzten Mal lachen.

Noch ehe der Mond sich einmal wandelte, war alles junge Grün abgefressen, die Not war umso größer. Zuerst verhungerten die Pflanzenfresser, ihnen folgten nach und nach die Fleischfresser und zuletzt darbte auch die Hyäne, bis sie schließlich elendig zusammenbrach. Doch bevor sie starb, hob sie den Kopf zum Hügel: Dort lag der Löwe mit wohl gefülltem Bauch auf einem Ast und verdaute seine letzte Mahlzeit. Der Baum stand in voller Blütenpracht, umringt von einer satten Blumenwiese auf der fette Tiere weideten und Jungtiere glücklich miteinander herumtollten.

Nicht alle waren der Hyäne gefolgt - einige hielten ihrem weisen König die Treue. Ihre Geduld und ihr Durchhaltevermögen wurden reich belohnt. Die Gesetze und Verordnungen konnten früher als gedacht aufgehoben werden.

Ein Mäuschen, das im Rat des ehemaligen Königs saß, zupfte den Löwen vergnügt am Ohr und kitzelte ihn im Übermut so sehr, bis dieser laut und herzlich lachend vom Baum auf den weichen Boden fiel, über den er weise herrschte.

Die Hyäne aber lachte nimmermehr.
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