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Gegen die Zeit

von So-Ro
GeschichteKrimi, Familie / P12 / Gen
Daniel "Danny" Reagan Erin Reagan Francis "Frank" Reagan Jameson "Jamie" Reagan
12.05.2021
19.08.2021
18
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14.05.2021 1.288
 
„Commissioner?“ Detective Baker lugt hinein in das große Büro ihres Vorgesetzten. Dieser steht und blickt durch die Fenster hinaus in die weite, unbändige Stadt.

„Detective Baker.“ Meistens dreht er sich um, um sie zu empfangen. Heute jedoch nicht. Er steht gerade, was seine riesenhafte Statur nur stärker hervorbringt.

„Ich...“ Baker tritt ein, mehrere Akten unter ihrem Arm, und versucht einen Stehplatz zu finden, bei dem sie sich nicht wie ein Eindringling fühlt.  

Nie im Leben hätte sie erwartet, in einer solch unangenehmen Lage zu sein. Baker weiß, dass Tragödien jeden Tag passieren; einem Vater jedoch die Nachricht zu überbringen, dass sein Sohn entführt worden sei - diese Art von Tragödie gehört zu einer ganz anderen Liga. Der Mangel an Gewissheit macht die Situation nur schlimmer. Wäre Jamie tot, so wäre es gerechtfertigt zu trauern; das einzige, was noch übrig bliebe, wäre den Übeltäter zu finden und ihn zu bestrafen.

Aber sie wissen gar nichts.

„Es gibt keine Neuigkeiten“, sagt sie und versucht einen möglichst ruhigen Tonfall hervorzubringen. Stattdessen kommt es ihr vorgetäuscht höflich vor.

Commissioner Reagan seufzt und verliert mit dem Atemzug den Stolz auf den Schultern. „Ich… Das habe ich mir gedacht. Danny-“

„Detective Reagan verhört noch die Hauptverdächtige. Wir sollten von ihm hören, sobald er etwas erfahren hat.“ Sie schluckt und reicht ihm die Akten. „Das ist alles, was wir bisher über die Hauptverdächtige finden konnten.“

Er zieht das lose einsame Blatt heraus. „Das ist alles?“

„Ja, sir. Der Rest-“ Sie deutet auf die anderen Akten, „-beinhaltet alle Informationen zu ihrem Bruder, den Detective Reagan vor einem Jahr verhaftet hat; er ist neulich im Gefängnis gestorben. Und dann habe ich noch Officer Reagans Berichte herausgeholt, für den Fall, dass da Auffälligkeiten sind.“

„Jamie.“

„Ja.“ Sie fügt hinzu: „Seine Berichte sind sehr zufriedenstellend.“

Ein schwaches Lächeln zerfurcht sein rasch gealtertes Gesicht. „Ja, das… überrascht mich nicht.“ Er nimmt Platz an seinem Schreibtisch. Für einen Augenblick ist er ganz still. Das Licht der schwachen Wintersonne prallt durch die Fenster und funkelt an den silbernen Bilderrahmen, die diskret auf seinem Schreibtisch platziert sind. Baker hat sie einige Male betrachtet, als sie seine Sachen in Ordnung gerichtet hat. Vier Kinder, eine Frau: Zwei davon tot; eines wird vermisst.

Baker hofft, dass dem Commissioner nicht noch ein zweites Kind genommen wird. Der Verlust eines Kindes zerstört so manch ein Leben; der Verlust zweier Kinder…

Plötzlich richtet er sich auf und sagt: „Sagen Sie alle meine Termine ab, und bestellen Sie den Wagen hierher.“

„Sie fahren weg? Wohin?“

„Zum 54en“, sagt er und steckt die Akten in seine Tasche. „Hier kann ich mich nicht konzentrieren, ich brauche für diesen Fall etwas mehr… Realität.“ Er wirft einen letzten Blick auf eines der Bilderrahmen, eher er aufsteht und Baker hinausfolgt.

*

Im Revier, in dem Danny arbeitet, ist die Hölle los. Aber als der Commissioner eintritt, salutieren alle und eine Stille folgt der anderen je tiefer er hineingeht.

„Mein größtes Beileid, Commissioner“, sagt Chief Gormley, als dieser ihm die Hand schüttelt.

Franks gesamtes körperliches System setzt einen Augenblick aus. Er schafft es kaum die Wörter hervorzubringen. „Ist er...“

„Nein, aber….“ Gormley wirft einen besorgten Blick zum Verhörraum, dessen Jalousien die Sicht verdecken, und aus dem Dannys raue Stimme deutlich heraustönt. „Es läuft nicht gut.“

Frank nickt bloß und deutet Jackie an, sitzen zu bleiben. Beide starren auf den Verhörraum.

„Wie lange sind sie schon drinnen?“, fragt er schließlich.

„Zwei Stunden“, sagt sie. „Ich habe Danny… Raum gegeben. Nur für den Fall.“ Die Bedeutung schwebt unheilvoll in der Luft. Jeder hier ist voller Anspannung. Dannys steigernde Stimme und die Faustschläge auf dem Tisch sind unmissverständlich: Es läuft wirklich nicht gut.

Frank seufzt und dreht sich zu Jackie und Gormley. „Ich brauche einen Raum, in dem ich arbeiten kann. Alle Polizisten sind im Dienst, solange wir zu Jamies Aufenthalt keine Information haben.“

„Wir haben Polizisten, die die Gegend, in denen Reagan und Renzulli angegriffen wurden, bewachen. Falls sich da was tut, sind wir die ersten, die es erfahren.“

„Oder die zweiten“, murmelt Jackie unheilvoll.

Als Frank es sich in seinem neuen Büro eingerichtet hat, ruft er Jackie zu sich und fragt: „Was wissen wir bis jetzt?“

„Nicht viel, wenn ich ehrlich sein darf“, erwidert sie. „Laut Renzulli wurden er und Jamie zur -Street gerufen; um 2:55 kamen sie an. Der Anrufer hatte einen Einbruch gemeldet. Er und Jamie haben die Gegend ausgekundschaftet. Als sie endlich hineingingen sind, gab’s Schüsse: Renzulli wurde einmal an der Schulter getroffen.“

„Wurde er getroffen?“, fragt Frank eindringlich. „Wurde Jamie angeschossen?“

„Das Blut… deutet darauf hin, sir.“ Sie weicht den Blick kurz ab, als sie Frank erblassen sieht. „Es war aber nicht viel Blut.“

„Wir können also davon ausgehen, dass keine Arterie getroffen wurde.“

Jackie erspart sich die zusätzliche Information, dass Chief Gormley die Polizisten den Fluss nach Leichen absuchen lässt, und fährt mit der Berichterstattung fort.

„Verstärkung traf ein, gerade als ein dunkelblauer Wan davonraste. In der Verwirrung –“Jackie muss schmunzeln. „-haben sie ihn verloren. Der Krankenwagen traf kurz darauf ein, und wir - das heißt, Danny und ich - ebenfalls.“

Die Tür springt auf und Danny stampft herein, wie ein wütender spanischer Bulle. Jackie seufzt, Frank zuckt aber nicht mit der Wimper.

„An deinem Auftreten erkenne ich, dass das Verhör-“

„Reine Zeitverschwendung war, ja.“ Danny beginnt den kleinen Raum auf und abzugehen. Er ist ganz blass vor Wut; Schweiß glänzt an seiner Oberlippe und Stirn. Er fährt sich mit der Hand über den Kopf. „Du hast keine Ahnung, wie diese Frau drauf ist! Es ist, als ob ich mit einer Wand reden würde! Keine der Drohungen funktioniert bei ihr - keine Versprechungen - ich hab ihr sogar einen scheiß Deal angeboten - aber der Frau ist alles egal!“

„Er meint, Lucy da Silva“, erklärt Jackie.

„Lucy da Silva - die Schwester John da Silvas, den du im letzten Jahr wegen versuchten Mordes verhaftet hast?“

„Ja, genau die!“

Frank nickt bloß und deutet auf den zweiten Stuhl. Danny lässt sich auf ihn fallen, und zuckt dagegen nur mehr mit dem Bein.

„Sie ist also auf Rache aus.“

„Ja!“ Aus Danny strahlt reinste Verzweiflung. „Und ich-“ Er bricht ab, als er sich plötzlich Jackies Anwesenheit bewusst wird. Auch Jackie merkt das und steht auf.

„Entschuldigt mich.“ Sie lässt die zwei Reagans alleine. Als sie die Tür hinter sich schließt, sperrt sie den letzten Lärm aus, und nur trübe Stille bleibt.

Danny atmet schwer aus und fährt sich mit der Hand über das Gesicht. „Wenn ich doch nur wüsste, was sie will!“

„Sie will Rache, mein Sohn.“

„Ja, aber...“

„Es reicht dir nicht.“

„Nein!”, ruft er. „D-doch. Ach, keine Ahnung, ist auch egal!“

„Ist es nicht-“

„Du warst nicht da“, fällt er ihm ins Wort. „Ich war drei Stunden bei ihr und hab’s mit jeder erdenklichen Methode versucht - sie will einfach nicht helfen! Und… Dad, schau“, sagt er nun, „ich - ich weiß, ich übertreibe es manchmal; ich weiß, ich hab hier und da die Grenze überschritten. Das gestehe ich ein. Aber… ich habe die Fallakte ihres Bruders gelesen und ich erinnere mich-“

„Du hast da die Grenze nicht überschritten.“

„Nein!“ Danny sieht verzweifelt und wütend aus. „Es war ein ganz normaler, 0815 Fall. Der Typ war ein Riesenarschloch mit einem Ego derselben Größe, aber er war überhaupt nichts Außergewöhnliches.“

„Ms. da Silva scheint da anderer Meinung zu sein.“

„Die Frau ist verrückter als er. Ginge es nicht um Jamie...“

„Würdest du sie einfach einsperren und verrotten lassen.“

Danny lässt den Kopf hängen. Frank seufzt.

„Ich möchte die Aufzeichnungen sehen. Und dann, falls wir noch keine Neuigkeiten haben sollten, werde ich mit ihr persönlich reden.“

Danny hebt den Kopf. Erschöpfung ist darauf gezeichnet. Aber in seinen Augen blitzt wieder Hoffnung auf.

Wenn sein Vater da Silva nicht zu reden bringen kann, dann schafft es keiner.
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