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Das Sternenfest

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Chuya Nakahara Osamu Dazai
10.05.2021
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Es war mitten im Sommer und noch dazu einer der heißesten Tage des Jahres, als Chuuya und Dazai für eine Mission nach Sendai gereist waren. Mori hatte ihnen aufgetragen einen Verräter, der sich dort versteckt hielt, ausfindig zu machen, ihm allerlei Informationen zu entlocken und ihn anschließend aus dem Weg zu räumen. Gesagt, getan. Obgleich dieser Auftrag von höchster Wichtigkeit war, war er dennoch nicht sonderlich fordernd für die zwei 17-jährigen gewesen. Immerhin waren sie das berüchtigte Team Soukoku, welches jeden Gegner – egal ob ein oder einhundert Mann – spielend leicht auslöschen konnte. Dabei hatten sie eine klare Rollenaufteilung: Dazai analysierte den Feind, ermittelte mit seinem Intellekt dessen Schwachpunkt und überlegte sich eine unschlagbare Taktik. Chuuya führte den Plan dann genauestens aus und vernichtete jeden, der sich ihnen in den Weg stellte und der Mafia schaden wollte. Ihr Zusammenspiel war so einwandfrei, als wären sie eine Seele, die auf zwei Körper aufgeteilt worden war.
Dass sie so berüchtigt waren, war oft ein großer Vorteil für beide gewesen, da sie dadurch meist nicht unterschätzt wurden, bloß weil sie strenggenommen noch Jugendliche und keine Erwachsenen waren. Ihre Gegner griffen sie dadurch mit voller Kraft und ohne jegliche Zurückhaltung an, was Chuuya – der einen guten Kampf immer genoss – sichtlich erfreute. Doch in Fällen, in denen der Feind einfach aufgab und keinerlei Widerstand leistete, lag keine Herausforderung und war somit ziemlich langweilig. Und genau das war auch bei ihrer heutigen Mission der Fall gewesen. Der Verräter hatte sich ohne Gegenwehr einfach ergeben und ihnen alles erzählt, was sie wissen wollten. Anschließend erlitt er das Schicksal, welches jedem Verräter der Port Mafia zuteil wurde. Der Ablauf war dabei jedes Mal derselbe: Als erstes zwang man die Person dazu, auf die Kante eines Bordsteins zu beißen. Danach trat man auf dessen Hinterkopf, um somit den Kiefer zu brechen. Schlussendlich drehte man das Opfer auf den Rücken, solange der Schmerz noch frisch war und es Höllenqualen litt, und schoss ihm dreimal in die Brust. Keine angenehme, aber dafür eine durchaus angemessene Strafe für ein Vergehen dieser Art.
Nachdem sie den Auftrag erfüllt und ihre Spuren verwischt hatten, gingen Chuuya und Dazai durch die Straßen von Sendai, um zum Bahnhof zu gelangen, damit sie nach Yokohama zurückkehren konnten. Es war bereits Abend, die Sonne verschwand Stück für Stück und tauchte alles in einen Schimmer aus orange und rot. Die Stadt schien nun noch belebter zu sein, als sie es tagsüber gewesen war. Überall tummelten sich Menschen, Alt und Jung. Die Einkaufspassage, die sie nun durchquerten, war festlich geschmückt. Meterlange, bunte Papierschlangen, die man Fukinagashi nannte, hingen von der Decke und auch andere Kunstwerke aus Papier schmückten die Umgebung. Die meisten Einwohner trugen keine Freizeitkleidung, sondern einen Yukatta. Und überall, an den Straßen, vor und in Gebäuden standen kleine Bambusbäume, an deren Zweigen buntes Papier festgeknotet worden war.
Chuuya blieb unvermittelt stehen und betrachtete einen der kleinen Bambusbäume kritisch; die Verwirrung war ihm deutlich anzusehen. Als Dazai dies bemerkte, warf er seinem Partner einen fragenden Blick zu.
»Wozu dekoriert man einen Bambusbaum mit Papier?«, murmelte der Rothaarige mehr zu sich selbst, als diese Frage an seinen Nebenmann zu richten. Doch Dazai hatte ihn deutlich gehört und begann zu kichern, ehe er sich dazu äußerte.
»Du weißt echt nicht, wozu man das macht?«, fragte er süffisant.
»Halt die Klappe, Makrele! Wenn ich es wüsste, dann würde ich mir diese Frage doch nicht stellen!«
»Schon gut, schon gut. Ich erkläre es dir, dann lernst du etwas dazu, Chibi. Die Papierstreifen, die an die Zweige geknotet werden, sind Wunschkärtchen - man nennt sie auch Tanzaku. Wie der Name bereits aussagt, schreibt man darauf einen Wunsch, knotet ihn dann an einen Bambuszweig und hofft, dass er in Erfüllung geht«, erzählte Dazai, ehe er kurz innehielt und anschließend provokant noch etwas hinzufügte, »Willst du es nicht versuchen? Du könntest dir wünschen, dass du größer wirst. Vielleicht funktioniert es ja.«
»Du verdammter Bastard...«, knurrte Chuuya wütend und ballte seine Hände zu Fäusten.
»Ja ja, bevor du mich jetzt versuchst zu schlagen und ich ohnehin ausweiche, lass uns doch einfach noch etwas länger hierbleiben und das Fest ansehen. Was sagst du?«
»Wieso sollte ich auch noch meine Freizeit mit dir verbringen, wenn du mir so schon genug auf die Nerven gehst? Was hast du vor?«
»Es war bloß ein Vorschlag, nichts weiter«, erwiderte Dazai schulterzuckend und lächelnd.
Chuuya musterte seinen Partner argwöhnisch, doch wie immer war dieser undurchschaubar, ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn Dazai wirklich etwas vorhatte, was der Rothaarige stark vermutete, dann ließ er sich das nicht im Geringsten anmerken. Stattdessen setzte er bloß dieses falsche Lächeln auf und tat so, als ob er die Unschuld in Person wäre. Doch diesmal würde Chuuya nicht darauf hereinfallen, ganz sicher nicht. Wenn sein Partner unbedingt mit ihm spielen wollte, dann würde er eben mitspielen und ihn besiegen.
»Von mir aus, dann bleiben wir noch hier und sehen uns das Fest an.«
Dazai klatschte zufrieden in die Hände, packte Chuuya am Handgelenkt und zog ihn mit sich durch die Menschenmenge.

***

Mittlerweile war es bereits dunkel, als sie im Nishi Park ankamen und sich auf eine der Bänke, die nahe am Ufer des Hirosegawa Rivers waren, setzten. Dazai hatte Chuuya gefühlt durch die halbe Stadt geschleift, während sie sich das Fest angesehen hatten. Sie waren an einigen Essensständen gewesen, wo allerlei Köstlichkeiten serviert wurden. Und auch festliche Tänze, die auf einer Bühne aufgeführt wurden, hatten sie sich angesehen. Doch nun, da sich der Zeitpunkt näherte, an dem das Feuerwerk stattfinden sollte, wollte Dazai unbedingt an einem Platz sein, von dem sie es gemütlich und in Ruhe beobachten konnten. Eine kurze Zeit herrschte Stille, ehe Chuuya diese wieder durchbrach.
»Du hast mir noch immer nicht verraten, um welches Fest es sich hier eigentlich handelt. Also beantworte die Frage jetzt, statt sie zu ignorieren.«
»Ich wollte bloß, dass du von alleine darauf kommst, aber da habe ich wohl zu viel von dir erwartet«, seufzte Dazai belustigt, »Es ist das Tanabata Matsuri, auch bekannt als das Sternenfest und das Fest der Hoffnung.«
»Und worum genau geht es dabei?«, hakte Chuuya skeptisch nach.
»An diesem Tag treffen sich die zwei Sterne Wega und Altair am Himmel. Nach alter chinesischer Überlieferung stellen diese Sterne ein Liebespaar dar, dass das ganze restliche Jahr über durch die Milchstraße getrennt ist... Willst du die Geschichte dazu hören?«, fragte er, während sein Blick zum Himmel wanderte und auf den Sternen verharrte. Sein Partner antwortete zwar nicht, aber er fasste dessen Schweigen einfach als ein Ja auf.
»Orihime, die Tochter des Himmelsgottes, war eine fleißige Weberin. Um ihr Abwechslung von der Arbeit zu geben, wurde sie von ihrem Vater mit dem Rinderhirten Hikoboshi verheiratet. Sie waren so verliebt, dass beide darüber ihre Arbeit vergaßen – die Rinder wurden krank und der Himmelsgott bekam keine neuen Kleider mehr. Darüber war er so erbost, dass er Hikoboshi auf die andere Seite des großen Flusses - der Milchstraße - verbannte. Weil sie aber vor Kummer immer noch nicht arbeiten konnten, dürfen sie sich einmal im Jahr treffen – an Tanabata.«
»Götter sind wohl fast ausschließlich grausam und unmenschlich, nicht wahr?«, flüsterte Chuuya verbittert, während er eine seiner behandschuhten Hände auf seine Brust legte und ebenfalls die Sterne beobachtete.
Dazai lächelte schwach, weil er genau wusste und verstand, worauf sein Partner anspielte. Er sagte auch nichts dazu, als er aus dem Augenwinkel bemerkte, dass die ein oder andere Träne über Chuuyas Wange floss. Doch eine Antwort wollte er ihm trotzdem geben.
»Ja. Aber auch Menschen sind fast ausschließlich grausam und unmenschlich, genauso wie das Leben an sich, findest du nicht? Darum sollte man die schönen Momente umso mehr schätzen und genießen.«
Einerseits überraschten Chuuya diese Worte nicht, doch andererseits... Irgendwie war es genau das, was er gerade hören musste, um sich etwas besser zu fühlen. War das der Grund, weshalb Dazai dieses Fest besuchen wollte? Hatte sein Partner ihn wirklich vollkommen durschaut und wusste, wie unmenschlich er sich durch Arahabaki und seine Kraft fühlte? Hatte er das womöglich alles geplant und so in die Wege geleitet, dass sie genau heute hier sein würden, nur um ihm... zu helfen? So unglaubwürdig Chuuya seine Gedanken auch fand und für so unmöglich er es auch hielt, dass sein Partner ihm etwas Gutes tun wollte... sein Bauchgefühl sagte ihm genau das. Vielleicht konnte auch Dazai, der beinahe immer so kalt und verschlagen wirkte, einfach mal nett sein. Er war immerhin auch bloß ein Mensch und hatte mehr als ein Gesicht.
Während beide still in den Himmel blickten und gedankenverloren die Sterne beobachteten, startete plötzlich das Feuerwerk. Dazai hatte bereits darauf gewartet und gewusst, dass es nicht mehr lange dauern würde, doch Chuuya traf das ziemlich unvorbereitet, weshalb er kurzzeitig erschrocken zusammenzuckte und unbeabsichtigt näher zu seinem Partner gerutscht war. Der Braunhaarige hatte es zwar bemerkt, aber er äußerte sich diesbezüglich nicht. Stattdessen kicherte er einfach nur amüsiert und schüttelte leicht den Kopf. Indessen erstrahlte der Himmel in unzähligen bunten Farben, die sich auch auf der Oberfläche des vor ihnen liegenden Flusses widerspiegelten. Der betörende Anblick zog beide in seinen Bann, ließ sie nicht mehr los. Es war beinahe hypnotisierend, wie all die bunten Farben hell erstrahlten, über den Himmel tanzten und schlussendlich wieder verschwanden.
»Findest du nicht auch, dass jedes einzelne Feuerwerk aussieht, wie-«
»Eine Blume aus Feuer...«, beendete Chuuya den Satz lächelnd.
»Ja, genau das dachte ich auch...«, erwiderte Dazai ebenfalls lächelnd.
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