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Wünsche

von Meril221
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
10.05.2021
21.01.2022
50
257.162
7
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
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14.01.2022 4.305
 
Kapitel 47
Kalter Abschied



Nach einigen Wochen kam für die neuen Siedler bereits ein überraschender Wetterumschwung und die ganze Stadt musste zügig dabei helfen die Ernte einzufahren. Erneut scheuchte Sílaneth die Zwerge aus ihren Höhlen und alle gemeinsam halfen mit das Korn auch gleich weiterzuverarbeiten. Mit den zusätzlichen Händen geschah dies auch nur innerhalb weniger Tage. Sílaneth bat Istanor ein Bild von Alagos zu zeichnen, wie er mit einer Sense auf dem Feld stand und das Getreide schnitt, während Margund am Rand stand und wie ein Feldwebel Befehle gab. Ihre Verwundung am Bein machte ihr noch immer zu schaffen, sodass sie sich das Recht heraus nahm nur alles zu überwachen.

Einer der Wenigen, der sich von der Landwirtschaft fernhielt, war Grimhold. Er war vollauf damit beschäftigt Pläne anzufertigen, Messungen vorzunehmen und die besten Plätze für die Türme und weitere Wehranlagen, sowie noch so einige Gebäude auszuarbeiten. Ihn sah man häufiger mit Brondal und Frondal zusammen auch einmal in der Stadt. Er war so voller Tatendrang, dass er nicht müde wurde Baustelle um Baustelle zu beginnen, während er auch unter der Erde fleißig am Ausheben der Wohnungen und Mienen half.

Bevor noch der erste Schnee fiel unternahm man noch einige Fahrten in den gepflanzten Wald. Die Bäuerinnen verteilten die herabgefallen Kerne und Samen, sodass weitere Bäume besser wachsen konnten, und man begann bereits Ältere zu Fällen und in das Tal zu schaffen. Die Gatter des Viehs mussten erweitert werden und auch einige neue sollten entstehen. Aus drei der Wagen entstanden Hochbeete, die man in der Nähe des Platzes aufstellte, wo einst Rochons Haus gebaut werden sollte. Vor allem die Elben weigerte sich das Tal umzugraben und es so zu bepflanzen. Selbst wenn es nur zu einem kleinen Teil gewesen wäre. Die Tiere nahmen bereits einen Großteil der Wiese ein, sodass man zumindest noch etwas der Fläche unberührt lassen wollte. Die Obstsetzlinge wurde mit auf den Hang gepflanzt, auf dem der Apfelbaum stand, sodass sie eine kleine Obstplantage bildeten.

Delano hatte gleich nach ihrer Ankunft die mitgebrachten Blumensamen wild im Tal verstreut und bald schon sprossen die ersten Blüten. Das erfreute vor allem die Bienen, die sehr unter der Reise und den kalten Temperaturen gelitten hatten. Rochon hatte ihre Königin mit Mühe und Not am Leben erhalten, mit dem mitgenommenem Honig aus Bree. Nun begann es im Tal leise zu summen und alle freuten sich schon auf leckere Honigbrote und Naschereien.

Zu Sílaneths Freude und auch großer Besorgnis bekam sie von einer der Zwergenwachen auf der Mauer eines Nachmittags die Nachricht, dass sich Grauglos der Stadt näherte. Sie war ihm schnell entgegengeeilt und musste feststellen, dass er allein war. Innerlich wusste sie, was dies zu bedeuten hatte, doch schob sie die düsteren Gedanken vorerst beiseite und bereitete ihrem alten Freund ein Lager innerhalb der Mauern, in dem Gebäude, dass schon früher als seine Zuflucht gedient hatte. Zwar sorgte die Anwesenheit des gefährlichen Tieres für einige Befürchtungen, doch als vor allem jene den Wolf sahen, die ihn schon länger kannten, empfanden sie Mitleid, für den treuen Gefährten ihrer Freundin. Sie hatten von den Kämpfen gehört, welche die Neuankömmlinge durchgemacht hatten, doch Grauglos' Zustand machte ihnen erst bewusst, wie schwer diese gewesen sein mussten. Der Wolf verhielt sich auch sehr ruhig. Er verbrachte die meiste Zeit in seinem Stall und kam nur zum fressen heraus.

Bei so einer Gelegenheit beobachteten ihn Sílaneth und Ruindol auch einmal und der Elb war ebenfalls der Meinung: ,,Er quält sich sehr. Sein Bein ist nun verkürzt, da die Schulter an den falschen Stellen wieder miteinander verwachsen ist. Hätte er dich nicht, wäre er schon längst in der Wildnis verendet."

Sílaneth hörte ihm nur schweigend zu. Sie sah dem Wolf zu und war froh darüber, dass er zumindest noch fraß, auch wenn er wohl nun hier war um seinen Lebensabend bei ihnen zu verbringen. Er wurde auch merklich passiver. Er knurrte nicht mehr gefährlich, kam ihm jemand anderes zu nahe, als die Menschenfrau, sondern wich eher selbst zurück. Sie musste sich wohl mit dem Gedanken abfinden, dass seine Tage nun gezählt waren.

Doch noch hielt er sich tapfer und noch einige andere Dinge verlangten ihre Aufmerksamkeit. Sie meldete sich bei Ushgól und seinem Stamm zurück, sowie bei den Trollen. Letztere bat sie noch vor dem Einbruch des strengen Winters ihnen noch einige Steinbrocken und Felsen zu liefern, damit vor allem die neuen Mitglieder der Stadt schon einmal sahen, wie sie den Umgang mit den gewaltigen Wesen pflegten. So brachten Olog und seine Gefährten in einer kalten Nacht eine große Ladung des gewünschten Steins. Jeder der drei Trolle zog einen großen flachen Schlitten hinter sich, deren dicke Seile sie zum ziehen über ihre Schultern gelegt hatten. Die Schlitten hatten Brondal und seine Familie, sowie Ruindol angefertigt gehabt, damit die Trolle ihnen auch mehr als jeweils nur einen Brocken heranschaffen konnten. Die Kufen waren breit, sodass es kaum einen Unterschied machte ob sie auf Schnee, Erde oder auch durch Schlamm fuhren.

Sílaneth begleitete die Trolle wieder ab der Grenze und die neuen Siedler standen unbewaffnet auf dem Wehrgang der Mauer, um sich das kleine Spektakel ansehen zu können. Besonders Brondal hatte auch darauf bestanden, dass niemand eine Waffe trug, oder sie überhaupt mit sich führte. Er hatte in den vergangenen Jahren solch große Fortschritte in der Beziehung zu diesen Kreaturen gemacht, dass er sich diese Zusammenarbeit nicht durch einen unbedachten Zwischenfall wieder ruinieren lassen wollte. Und wenn er sich bisher viel Spott von seinen Verwandten deshalb hatte anhören müssen, so geschah dies nicht mehr nachdem sie alle die Trolle gesehen hatten.

Ängstlich drängten sich die Menschen zusammen und sahen den Wesen, die beinahe mit ausgestreckten Armen bis hoch auf die Mauer gereicht hätten, zu, wie sie die riesigen Steine ablegten. Während Brondal und sein Bruder vor der Mauer zwischen ihnen herum liefen, als wäre nichts dabei, und ihnen Anweisungen gaben, wo sie welche Brocken hinlegen sollten. Bron und Bran standen indessen bei ihrer Mutter und ihrem Großvater und erklärten, wie sie es in der Vergangenheit mit den Trollen gehandhabt und wobei sie alles geholfen hatten. Brondal hatte allen Stillschweigen darüber aufgetragen, dass sonst auch seine Söhne mit zwischen den Trollen agierten. Denn das hatte er seiner Frau noch nicht anvertrauen wollen, bevor sie es nicht mit eigenen Augen sah, wie unbedenklich mittlerweile der Umgang war. Der Zwerg fürchtete sonst doch noch von seiner eigenen Gefährtin mit einem kräftigen Schlag zu Mahal höchst persönlich geschickt zu werden.

Vor allem Alagos bereitete es große Schwierigkeiten unbewaffnet solchen Kreaturen gegenüber stehen zu müssen. Daher hatte Sílaneth Ruindol und auch Thalion gebeten ein wachsames Auge auf ihn zu haben. Eithiel durfte nicht sehr nah an die Brüstung herantreten und streckte sich daher hinter ihm nur ein wenig, um eine bessere Sicht zu haben. Astorad hingegen hing förmlich über dem Rand, um nichts zu verpassen. Er fand es faszinierend den Trollen so nah zu sein, ohne befürchten zu müssen zu sterben. Er konnte zwar ein Schwert führen, doch hatte er noch nie in einem richtigen Kampf gestanden, bevor sie von den Orks unterwegs angegriffen worden waren. So kannte er diese Wesen nur aus Erzählungen und Warnungen. Deshalb konnte er es auch kaum glauben, wie anders sich die Trolle verhielten, zu dem, was ihm immer erzählt worden war. Sein Vater war nicht minder beeindruckt, doch hielt er sich mehr zurück. Im Gegensatz zu Astorad wusste er, wie sich Trolle in einem Kampf verhielten und wollte dies nicht noch einmal erleben.

Landuin hingegen stand am weitesten entfernt. Doch als Sílaneth zu ihm hoch sah, erkannte sie auch in seinem Gesicht Erstaunen. Es würde Zeit brauchen, bei allen, um zu verstehen, wie das Leben in Angmar nun war, aber sie war sich sicher, dass auch sie sich daran gewöhnen konnten. Schließlich war es nichts Schlechtes.

Mit den Orks hatte die Stadt allerdings weiterhin keinen Kontakt, bis auf die Lieferungen für den Winter, die man ihnen an die Grenze brachte und dann Nachts von ihnen abgeholt wurden. Nur die Menschenfrau nahm ihre regelmäßigen Besuche bis zum Winter wieder auf. Ushgól hatte keine sonderlich wichtigen Neuigkeiten, was Gundabad anging. Er hatte Späher dorthin entsandt, doch es verhielt sich alles ruhig. Dennoch ging auch er davon aus, dass es nicht der letzte Versuch gewesen sein würde, den Norden wiederzuerlangen.

,,Aber einen Scheiß werden die! Wir sind jetzt die Herren des Nordens und den wird uns keiner mehr streitig machen können", hatte er laut lachend verkündet: ,,Kein dunkler Meister aus dem Süden oder sonst woher. Wir dienen nicht mehr! Wir sind Uruk-Ghâsh!" Laut brüllend stimmte der gesamte Stamm mit ein und es war ein ohrenbetäubender Lärm in den gesamten Höhlen zu hören.

Doch Sílaneth musste nur lächeln. Wenn sie Ruindol erzählte, welche Folgen sein gemeinsamer Kampf mit den Orks am Gramberg nach sich zogen, so war sie sich sicher, dass er ihr kaum glauben schenken würde. Sie hatte bereits im Außenposten bemerkt, dass die Orks viel stinkendes Fett herstellten, um ihre Geschosse, damit zu präparieren. Und nun in den Höhlen fielen ihr die vielen Krieger auf, die so etwas ähnliches wie Zwillen, oder starke Lederbänder trugen, um damit kleine, haarige, Handballen große Kugeln zu schleudern. Sie bat Ushgól ihr diese neuen, für sie recht harmlos aussehenden, Waffen einmal vorzuführen. Und er tat ihr stolz den Gefallen.

Der Großork legte eine Kugel in ein Band, zündete diese an und begann das Band zu schleudern. Gezielt ließ er die Kugel frei und sie prallte gegen den Fels über dem Eingang der Höhle. Sie zerplatzte in dutzend kleine Feuerherde und schnell traten die anderen Orks diese aus. Erstaunt hob Sílaneth ihre Augenbrauen. In einem Kampf konnten diese kleinen Bällchen ziemlich gefährlich werden. Zumal das Fett, welches sich darinnen zu befinden schien, selbst noch auf Stein längere Zeit brennen konnte, wie es aussah.

Sie erfuhr, dass die Orks das Fett und den Talk aus den Tieren vom Tal gewannen und es wohl sehr viel hochwertiger und brennbarer war, als das von irgendwelchem Wild. Dies brachte sie auf eine weitere Idee und sie trat immer noch lächelnd den Rückweg an. Nun waren die Orks von Angmar ein Volk des Feuers, wie sie sich bezeichneten. Sicherlich hatten den Häuptling die Gerüchte um Ruindol, den Feuergeist, dazu bewogen sich dieses Element anzueignen. Schließlich war die Angst davor bereits in die Köpfe der Orks aus Gundabad gepflanzt worden und so konnte er sie noch weiter schüren.

Sílaneth war es nur recht so. Und dank der neuen Erfindung der Orks, kamen die Siedler nun auch bald in den Genuss von mehr Licht in den Höhlen und Hallen ihrer Stadt. Zusammen mit Brondal, Grimhold und Rochon entwarf sie Lampen, die man in gleichmäßigen Abständen in den Gängen aufhing und welche lang und hell brannten. Sie ähnelten den Grubenlampen der Zwerge und wurden mit einem leicht brennbaren, fast öligem Fett entzündet. Rochon hatte eine Weile gebraucht, um eine recht geruchslose Mischung herzustellen, aber mit Gwelwens Hilfe war es ihm dennoch gut gelungen. Grimhold war sogar so zufrieden mit diesen Lampen, dass er sie auch bald unter Tage einsetze, um das Öl für die alten Leuchten für etwas sinnvolleres sparen zu können. Dennoch wurden die Flammen nur entzündet, wenn man das Licht für längere Zeit unbedingt benötigte. Für kurze Strecken nahm man trotzdem Fackeln, oder eine einzelne Lampe, um das Fett zu sparen. Auch wenn es sehr lang brannte, so wollte man nicht ständig Schweine oder Rinder töten, nur um alles stetig beleuchtet zu halten.

Da schließlich eh bald der Winter kam, war auch das ständige Kommen und gehen in den Hallen vorbei und man zog sich in das Tal zurück. Die Zeltstadt wuchs in der Höhle und die üblichen Studien und das Lernen über die kalte Jahreszeit begann erneut. Ruindol übernahm das Kampftraining der Neuankömmlinge und Istanor das Lehren von Lesen und Schreiben. Alagos begutachtete den Waldelb zu Anfang noch streng, doch aussetzen konnte er an ihm nichts, denn er lehrte schließlich nur unwissende Anfänger. Das konnte selbst dieser Elb, war der ehemalige Hauptmann der Meinung und widmete sich mehr den alteingesessenen Menschen.

Was vor allem zu einem Eithiel beeindruckt zurück ließ, denn Alanna hatte tatsächlich den Schneid ihrem Vater gezielt in die Parade zu fahren und ihm einen kräftigen Schlag mit dem Schwertknauf am Arm zu verpassen, bevor sie jedoch von ihm in einer fließenden Bewegung entwaffnet wurde. Thalion pfiff anerkennend von der Seite und die junge Bäuerin neigte lächelnd den Kopf vor ihrem Gegner, wie sie es von Ruindol gelernt hatte. Alagos erwiderte die Geste und blickte sie eine Weile nachdenklich an.

Da kam Grimbar angestampft und meinte: ,,Das Gefuchtel hat der Rotschopf ihr beigebracht. Mit der Axt ist das Mädchen besser", damit reichte er Alanna zwei Beile und sie stellte sich erneut bereit. Und er hatte recht gehabt. Die Menschenfrau wich geschickt dem Angriff aus und schlug mit beiden Waffen gleichzeitig zu. Doch für Alagos war sie dennoch keine Gefahr. Er blockte die Schneiden mit seinem Schwert und hakte die Köpfe der Beile daran ein. Mit einem kräftigen Ruck wollte er sie ihr entreißen, aber sie hielt die Griffe fest und riss ihrerseits daran. So glitten ihre Waffen von seinem Schwert ab und sie versuchte erneut einen Angriff. Doch gleich darauf lag sie am Boden, denn ein Tritt hatte ihr die Beine unter dem Körper weggefegt. Alagos reichte ihr die Hand und zog sie wieder hoch, während die Umstehenden begeistert klatschten.

Sílaneth stand dabei und erhob nach einer Weile ihre Stimme: ,,Das was ihr gesehen habt, werdet ihr alle erlernen. Und sogar noch besser werden. Zu wissen wie man kämpft schützt uns. Auch wenn ich hoffe, dass wir diese Fähigkeiten in unserem Land nicht einsetzen werden müssen. Wir haben nun noch mehr Lehrer in unseren Reihen, die euch lehren und auch einander sicherlich noch einiges an Weisheit weitergeben können." Bei diesen Worten fasste sie vor allem Ruindol und Alagos in ihr Auge.

Von da an übernahmen die Elbenkrieger und Grimbar, zusammen mit Finbar, die Ausbildung der Siedler. Thalion und Faloth gaben ihr Wissen über das Bogenschießen weiter und Alagos gestand seiner Tochter zumindest zu, unter Anleitung seines Freundes den Umgang mit Pfeil und Bogen zu erlernen. Er selbst und Ruindol lehrten den Schwertkampf und die Zwerge den mit der Axt. Die Männer der Neuankömmlinge wollten Alanna in nichts nachstehen und gingen mit großem Elan ans Werk, welcher jedoch nicht lang anhielt, da Ruindol ein genauso erbarmungsloser Lehrer war, wie Alagos. Nachsicht in der Ausbildung würde den Menschen in einem ernsten Gefecht das Leben kosten.

Doch als Landuin an der Reihe war, stand er nur unentschlossen da und traute sich kaum aufzublicken. ,,Es tut mir leid, doch ich bin kein Soldat mehr", entschuldigte er sich.

,,Aber du warst einst einer", entgegnete Ruindol ungerührt: ,,Also sind dir die Abläufe bekannt. Nimm dir ein Schwert und stell dich auf", verlangte er von dem Menschen.

,,Ich kann keines mehr führen. Mir fehlt der Schwertarm", wandte Landuin niedergeschlagen ein.

,,Doch du hast noch einen anderen Arm. Also gibt es keinen Grund Trübsal zu blasen. Frag später Istanor nach Maedhros dem Langen. Er wird dir erzählen, was man machen muss, wenn man seine Schwert führende Hand verloren hat", meinte der Elb und warf Landuin eines der Übungsschwerter zu, der es ungeschickt auffing.

,,Ich bin nicht sicher, ob ich fähig zum Kampf bin", wich der Einarmige weiterhin aus.

Da kam Ruindol auf ihn zu und legte ihm das Schwert richtig in die Hand, drückte die Finger fest um den Griff und flüsterte dem anderen Mann zu: ,,Hier gibt es keine Orks, vor denen du davon laufen musst. Aber wenn ich dir als Gegner ebenso unangenehm bin, weil wir das Lager mit der selben Frau teilten, dann solltest du mit mir beginnen, um dich deinen Ängsten zu stellen."

Landuin senkte den Kopf nur noch tiefer und sein Gesicht nahm eine kräftig rote Farbe an. Ruindol ging wieder auf Abstand und stellte sich ihm kampfbereit entgegen. Der Mensch schluckte einmal und tat es dem Elben schließlich doch gleich. Jedoch wich er unsicher einen Schritt zurück, als er angegriffen wurde. Dann hob er zur Abwehr das Schwert und es wäre ihm beinahe aus der ungeübten Hand geschlagen wurde, doch er fing es wieder und führte wie selbstverständlich einen Gegenschlag aus.

Ruindol ließ ihn sein Können beweisen und parierte immer wieder, damit er ihn besser einschätzen konnte, bevor er einen Satz zurück machte und den Kampf für beendet erklärte. Außer Atem senkte Landuin sein Schwert und sah es erstaunt an. Sein Kampfgegner kam erneut zu ihm und tippte leicht an seine Stirn: ,,Es ist alles noch dort oben. Und mit diesem Wissen, bist du bereits besser als alle Anderen hier. Selbst wenn du deinen Schwertarm verloren hast. Du musst dich nur umgewöhnen, dass ist alles."

Dankbar wurde Ruindol angesehen und die Übungen wurden weitergeführt. Genauso wie es mit den Lehrstunden von Istanor gemacht wurde. Nur Margund weigerte sich das Lesen zu erlernen. ,,Ich bin schon viel zu alt für so etwas. Das kann mein Verstand gar nicht mehr fassen", war sie der Meinung. Und selbst auf das gute Zureden ihrer Tochter wollte sie es nicht versuchen.

Doch später sah man die alte Bäuerin oft bei Aldric sitzen, der ihr aus einem Buch vorlas, dass Aivin aus Tharbad mitgebracht hatte. Und hin und wieder erklärte er ihr wo er im Text gerade las und wie die Buchstaben hießen. Auch wenn sie sich wirklich nichts davon behielt, so genoss sie dennoch die Aufmerksamkeit, die er ihr zukommen ließ. Dadurch war Aldric auch der Einzige, der sich keine derben Sprüche oder Bemerkungen von ihr anhören musste, wenn es um das Bewältigen der Tagesaufgaben ging.

In dieser Zeit fanden endlich auch Sílaneth und Istanor Zeit, um sich allein in der unteren Halle über die Bücher und Pergamente des Hexenkönigs zu beugen. Der Schreiber hatte tatsächlich auch den Rest des schwarzen Buches entschlüsseln können und war auf weitere, nicht sehr erfreuende Praktiken gestoßen, wie man wohl einst im ersten Zeitalter mit Gefangen umzugehen pflegte. Doch was ihn immer noch am meisten beschäftigte waren die Seiten in denen von Verwandlungen von Elben gesprochen wurde. Da er nun die Schrift vollends verstand, waren ihm auch die vorherigen Blätter kein größeres Rätsel mehr.

,,Dieser Abschnitt ist eine kleinliche Rezeptur für ein Gift, dass man Elben verabreichen sollte, um sie in Kreaturen der Schatten zu verwandeln", erklärte er ihr leise.

,,Meinst du damit Orks?", wollte sie ebenso leise wissen. ,,Es heißt schließlich der dunkle Herrscher habe sie auch aus Elben umgestaltet."

,,Ja, so heißt es zumindest, doch Beweise gibt es keine dafür. Vielleicht hat er sie auch aus anderen Wesen versucht nachzuformen und ist nur kläglich daran gescheitert", erwiderte Istanor. ,,Doch das, was die Verwandelten danach können sollen, entspricht nicht den Orks. Die Bezeichnung Kreaturen der Schatten kann man wörtlich nehmen. Sie sollen in der Dunkelheit nahezu unsichtbar sein und sogar Licht mit ihrer Macht zum erlöschen bringen können."

,,Steht auch geschrieben wie sie aussehen? Also kann man sie von normalen Elben unterscheiden?", wollte Sílaneth wissen.

,,Dazu gibt es nur wage Andeutungen", gestand Istanor : ,,Das Gift soll jede Faser ihres Körpers durchdringen, sodass sie die Schwärze füllt und keine Farbe mehr zurück bleibt. Nur ihre Augen leuchten angeblich rot. Das ist alles."

,,Also kein normales Aussehen mehr, schätze ich." Sílaneth dachte kurz nach und fragte dann: ,,Die Rezeptur, kann man sie noch gebrauchen, um erneut dieses Gift zu brauen?"

,,Glücklicherweise nicht", meinte der Elb und lehnte sich erschöpft zurück. ,,Viele der Dinge existieren nicht mehr, oder nicht mehr in diesem Rahmen. Morgoth konnte auf die Mächte seiner Diener zurückgreifen und tötete womöglich selbst einige von innen, um an die passenden Ingredienzien zu gelangen. Also nein, erneut herstellen kann man es nicht."

Die Menschenfrau atmete erleichtert auf. Dann war dies vielleicht ein Grund weniger, dieses Buch zurück haben zu wollen. Aber der verkniffene Blick Istanors machte ihr Sorgen: ,,Was bedrückt dich dann daran so?"

Er öffnete zuerst den Mund um ihre Frage zu beantworten, schloss ihn aber wieder, um noch einmal nachzudenken. ,,Es sind diese Beschreibungen", erklärte er schließlich: ,,Sie beschreiben die Verwandelten, auch wenn es nicht sehr detailliert ist, so muss es ihnen einmal gelungen sein Elben zu verändern. Und das ist es was mich beschäftigt. Wie verhielten sich diese dann, oder leben sie womöglich noch? Was haben sie noch für Fähigkeiten? Und vor allem, haben wir es irgendwann mit einem Feind zu tun, den wir noch nicht kennen?"

Sie verstand seine Gedanken und meinte: ,,Aber wenn es keine näheren Beschreibungen gibt, dann kann es doch sein, dass diese Experimente nie wirklich zu einem längerfristigen Ergebnis führten? Vielleicht sind sie auch einfach gestorben?"

Istanor nickte leicht und erklärte ihr noch einige der Zauber und Sprüche die im Buch waren. ,,Es ist faszinierend, wie viel weniger Angst man vor diesen Dingen hat, wenn man sie erst einmal versteht", sprach er dabei lächelnd. ,,Es ist nichts, was ich anwenden würde, aber zu begreifen, was der Feind machen kann, oder wozu er fähig ist, lässt einen anders darüber denken."

,,Dann sollten wir diesen Umstand vielleicht nutzen", meinte Sílaneth und ließ diese dunklen Themen dennoch erst einmal ruhen. Da Istanor nun fertig mit den Studien der dunklen Schriften war, konnte er sich endlich wieder mehr der Seite des Lichts widmen, was ihm sichtlich gut tat. Auch die Freundschaft mit Eithiel lebte wieder auf und sie liefen oft lachend und scherzend durch das Tal.

Indessen musste Sílaneth sich immer mehr um Grauglos sorgen. Sie hatten den Wolf mit in die Höhlen genommen, als der erste Schnee gefallen war und nun ruhte er tagein tagaus neben dem Schmiedefeuer und stand mittlerweile nicht einmal mehr zum fressen auf. Die Wärme tat seinen alten Knochen gut, aber ihm schwanden zunehmend die Kräfte. Während im Tal entweder gearbeitet, trainiert, gelernt, oder alles zusammen gemacht wurde, verbrachte Sílaneth ihre Zeit bei ihrem alten Freund und streichelte und umsorgte ihn.

Dennoch wurde sein Fell immer schütterer und er begann viel weniger zu fressen. Bis er fast am Ende des Winters gar nichts mehr zu sich nahm. Er lag nur noch auf seinem weichen Lager aus Stroh und Heu und schlief die meiste Zeit. Sílaneth ging sein Zustand sehr nahe und sie hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, Grimbar doch darum zu bitten sein Leiden zu beenden. Aber sie wollte ihn nicht einfach aus seinem Leben reisen, denn schließlich hatte er sich anscheinend bereits selbst dafür entschieden zu gehen.

So sah es auch Ruindol, der ihr Abends oft das Essen zu Grauglos' Lager brachte. ,,Er schläft friedlich, wenn du bei ihm bist", meinte er leicht lächelnd. ,,Soll ich diese Nacht bei dir bleiben?", fragte er dann allerdings ernst und betrachtete ihr tränennasses Gesicht.

Die Menschenfrau schüttelte jedoch nur leicht den Kopf und er ließ sie wieder allein. Sie hatte bereits gespürt, dass es bald soweit sein musste. Grauglos' Kopf wurde immer schwerer und sein Atem immer flacher. Am Mittag hatte er das letzte Mal seine Augen geöffnet und ihre Hand geleckt, bevor er wieder eingeschlafen war. Höchstwahrscheinlich war dies seine Art gewesen sich von ihr zu verabschieden.

Und tatsächlich behielt sie damit recht. Sílaneth lehnte selbst halb schlafend an der Wand, als plötzlich sein Atem stockte. Auf den vorherigen Atemzug folgte einfach kein Nächster mehr und es war auf einmal furchtbar still in der Halle. Ihre Finger vergruben sich in seinem weißen Fell und ihr Gesicht verzog sich vor Kummer und Schmerz. Stumme Tränen rannen ihr die Wangen hinunter und sie schluchzte erstickt auf. Grauglos hatte schlussendlich sein Leben für sie und ihre neuen Siedler gegeben. Auch wenn seine Heldentat schon länger zurück lag.

Sie lag bis zum Morgen bei ihm und hörte nicht auf ihn zu streicheln. Solang bis sie das Erwachen der Anderen im Tal hörte und die Geräusche der täglichen Arbeit zu ihr heran drangen. Erschöpft, von der durchwachten Nacht erhob sie sich schließlich und trat hinaus in das helle Licht des Tages. Ihre Augen schmerzten dadurch und sie schirmte sie mit der Hand ab. Da stand plötzlich Ruindol vor ihr. Er musste die ganze Zeit am Durchbruch auf sie gewartet haben. Gerührt durch sein Verhalten musste sie erneut anfangen mit weinen und sie stürzte in seine Arme, um sich an ihn klammern zu können.

Jeder der sie sah, wusste was es hieß. Und schon bald fand man sich gemeinsam ein, um dem Wolf die letzte Ehre zu erweisen. Die Männer trugen ihn mit Vereinten Kräften auf einigen Decken hinaus nach Minas Lereth. Dort wurde ein Scheiterhaufen, aus jeglichem entbehrenswertem Holz errichtet und er wurde mit dem Fett eingestrichen, dass Rochon hergestellt hatte. Sie legten Grauglos darauf und Sílaneth entzündete es mit einer Fackel selbst. Schnell loderten die Flammen hoch und umfingen den Leichnam in Gänze. Die Hitze schmolz den Schnee rings umher, aber dennoch hielten es die Meisten nicht lang in der Kälte des Nordens aus.

Sílaneth nahm es ihnen weder übel, noch bemerkte sie es überhaupt. Sie stand ganz vorn vor dem brennenden Grab und wandte ihren Blick nicht davon ab. So vergingen Stunden, bis das Feuer schließlich erlosch und nur noch Asche von ihrem einstigen Freund übrig geblieben war. Sie spürte die Kälte in ihren Händen und Füßen schon lang nicht mehr und sie starrte nur weiterhin vor sich hin, selbst als das Glühen der Kohle erstarb.

Ruindol war einer der Wenigen, die mit ihr ausgeharrt hatte. Istanor und Brondal standen noch etwas abseits im Windschatten des Gemeinschaftshauses, doch ansonsten war niemand mehr bei ihr. Der rothaarige Elb trat irgendwann auf sie zu und meinte vorsichtig: ,,Komm, lass uns hinein gehen."

Emotionslos blickte Sílaneth weiter auf den verbrannten Scheiterhaufen, bis sie düster prophezeite: ,,Ich werde euch alle überleben."

,,Das steht noch nicht fest", erwiderte Ruindol und sie drehte sich auf einmal um und ging steif gefroren und mit tauben Gliedern zurück in die Hallen, um allein zu sein.
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