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Jemanden vermissen

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte, Erotik / P16 / Het
Wincent Weiss
09.05.2021
15.05.2021
28
42.754
1
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09.05.2021 1.806
 
Charlies POV

„Jetzt mach doch mal hinne!", fluche ich, als ich am frühen Nachmittag, eher gegen Feierabendverkehr durch die Oldenburger Innenstadt fahren will. Ich habe heute ein Shooting und bin jetzt schon fast eine Stunde zu spät. Und genau jetzt klingelt auch mein Handy. Genervt drücke ich den Knopf am Lenkrad meines BMWs.
„Schuster?", melde ich mich daher mit gereizter Stimmenlage.
„Wo bleiben Sie? Ich warte jetzt schon bald eine Stunde auf Sie", höre ich meinen Gesprächspartner sagen. Es ist eine tiefe Stimme, die wütend klingt. „Das tut mir auch sehr Leid, Herr Weiß! Ich bin sofort da! Das ist auch Norm... Hallo?" Im nächsten Moment höre ich auch nur noch das monotone Tuten meines Handys.
Er hat aufgelegt. Verdammt! denke ich jetzt und reihe mich in die nächste Linie ein, ehe ich im Parkhaus des Waffenplatzes einen Parkplatz suche.

Unser Treffpunkt ist Vapiano und dort wartet ein Mann auf mich, der mit vor der Brust verschränkten Armen, an der Hauswand lehnend zu mir sieht. Sein Gesicht ist hart und seine braunen Augen funkeln mich wütend an. Ich komme in schnellen Schritten auf ihn zu gelaufen. Bei ihm angekommen halte ich ihm meine Hand hin.
„Hey, mein Name ist Charlotte Schuster, aber nennen Sie mich doch einfach Charlie... Wäre das okay, wenn wir uns duzen? So mache ich das immer mit meinen Kunden." Der Mann mir gegenüber schüttelt mir nur verhalten, aber mit festem Druck die Hand. Als er es tut, muss ich leicht schlucken. Seine Hand fühlt sich rau und warm an. Und wie groß sie ist. Seine Hand verschlingt meine komplett. Ich kann sie nicht loslassen. Mein Herz schlägt so stark, als will es mir direkt aus der Brust springen. Schließlich räuspert er sich und lässt meine Hand los.
„Lässt du deine Kunden auch immer eine Stunde warten... Charlotte?" Mir schlackern die Augenlider. „Nein, ich kann dir versichern, dass ich sonst immer über pünktlich bin. Der Verkehr..." Er macht eine abweisende Handbewegung.
„Lass uns los. Ich habe nicht so viel Zeit. Wo wollten wir nochmal hingehen? Zum Schlossgarten?" Wow, der Typ ist ja richtig angepisst. Verdammt, aber ist das nicht verständlich?
„Wincent, es tut mir wirklich leid. Ich bin sonst wirklich nicht so. Das ist das erste Mal und auch das letzte Mal." Er dreht sich zu mir um, da er schon bereit war, loszugehen.
„Charlotte, ich will keine Entschuldigungen hören. Ich möchte jetzt einfach nur die Bilder machen lassen. Ich arbeite nämlich sonst mehr mit bekannteren Fotografen und da kommst du daher, schreibst mich über Instagram an. Du kannst froh sein, dass ich dem Shooting hier zu gestimmt habe."

Natürlich hat Wincent recht mit dem was er sagt, aber dennoch stört mich sein Ton mir gegenüber. „Ich heiße Charlie, bitte nenne mich Charlie. Das reicht. Und ja, ich verstehe deine Wut, und ich bin dir für deine kostbare Zeit auch sehr dankbar, aber ich verbitte mir diesen respektlosen Ton mir gegenüber. Du bist genau so ein Mensch wie ich, auch wenn du ein größeres Bankkonto besitzt, aber diese Macho-Allüren werde ich mir nicht geben." Jetzt sieht mich mein Gegenüber verblüfft an. Mit so einer Reaktion hat er wohl nicht gerechnet.
„Wo müssen wir denn lang zum Schlossgarten? Ich habe nur eine knappe Stunde Zeit." Mehr sagt er nicht. Nicht mal eine Entschuldigung seiner Seite? frage ich mich in Gedanken, belasse es aber dabei.

„Wenn du mir bitte folgen würdest..." So gehe ich vor und den Weg verbringen wir schweigend. Wincent der sich seine Cap tief ins Gesicht gezogen hat, um inkognito zu sein, geht neben mir her.
„Hat man dich hier heute schon erkannt?", frage ich schließlich, während wir an der Ampel warten. Wincent räuspert sich.
„Nein, aber ich sollte schon vorsichtig sein. So, grüner wird es nicht." Mit diesen knappen Worten geht er vor mir her, über die Straße. So einen Kunden wie heute habe ich wirklich noch nicht zuvor erlebt.

„Wollen wir gleich hier ein paar Bilder machen? Ich finde diese Brücke ist eine sehr schöne Kulisse, die ich auch oft bei meinen Shootings verwende", erkläre ich.
„Jaja, wo auch immer du willst. Wie soll ich mich hinstellen?" Ich atme tief aus, als er so abweisend ist, wie vorhin. tief Luft holen, Charlie. Beruhige dich, er ist noch wütend, weil du zu spät warst. Es ist doch verständlich, oder? rede ich mir zu.
„Also, vielleicht kannst du dich einfach etwas entspannt an die Brüstung lehnen und in die Ferne sehen. So als würdest du nachdenken. Und spiel auch gerne mit der Kamera. Ich kommandiere meine Models ungern. Tu einfach so, als wäre ich gar nicht hier. Es gibt nur die Kamera und du.", so weise ich ihn ein, woraufhin Wincent mich so ansieht, als hätte ich einen an der Klatsche, es dann aber mit einem Schultern zucken abtut und sich so hinstellt wie ich es will.

Ich schaue durch den Sucher meiner Kamera und mir fällt erst jetzt auf, wie gut er aussieht. Wincent ist groß, trägt die gewohnt schwarze Jogginghose, einen ebenfalls schwarzen Hoodie, sowie weiße Turnschuhe von Adidas. Seine schwarze Kappe hat er abgenommen und neben sich auf die Brüstung gelegt. Jetzt sieht man seine Mähne, wie sie sich leicht im Wind bewegt. Während ich ein paar Fotos von ihm schieße, bleibt mein Blick an seiner Statur hängen. Seine Muskeln zeichnen sich trotz seines Pullovers deutlich ab und wären wir jetzt nicht aus geschäftlichen Gründen hier, dann wäre ich mit ihm essen gegangen und wer weiß...vielleicht... Charlie! Jetzt beruhige dich! herrsche ich mich im Inneren an.
Schnell versuche ich mich wieder zu sammeln und konzentriere mich jetzt auf seine markanten Gesichtszüge. Was für ein Anblick! denke ich und drücke auf den Auslöser. Natürlich wechseln wir auch hin und wieder in andere Posen und auch die Kulissen.

Nach den ersten Bildern sehen wir sie uns auf dem Display meiner Kamera an.
„Sie sind nett. Wie lange fotografierst du?" Ich sehe zu ihm hoch, da Wincent gut 1 1/2 Köpfe größer als ich ist.
„Jetzt seit knapp einem Jahr. Ich habe es mir selbst beigebracht", antworte ich.
„Wieso?", werfe ich direkt als Frage ein.
„Na ja, man merkt, dass du noch keine große Erfahrung hast. Und ja, die Tatsache das du schon ein kleines Studio besitzt ist für den Pegel deiner Erfahrung doch etwas hoch angesetzt, oder?"
Diese Worte bringen das Fass zum Überlaufen.
„Ich verstehe, dass du sauer bist, wegen meiner Unpünktlichkeit. Aber du musst mir jetzt nicht diese blöden Sprüche reindrücken. Wir können gerne in mein Studio gehen, das ist hier gleich in der Nähe." Wincent macht eine dankende Geste gen Himmel und sieht mich dann an. „Dann geh vor, Charlotte. Ich folge dir." Erzürnt über seine arrogante Art, versuche ich die Contenance zu wahren und wir gehen gemeinsam in die Wallstraße.

Dort über dem Amadeus habe ich mir eine 2-Zimmer- Wohnung angemietet, in der ich auch das eine oder andere Shooting abhalte, da ich es als mein Studio nutze.

„Bitte zieh die Schuhe aus. Magst du etwas zu trinken?" Wir betreten die Räume und ich gehe direkt in die Küche, wo ich direkt den Wasserkocher anstelle ich brauche als Nächstes einen Tee.
„Hast du Wasser da, oder so?", fragt Wincent mich und setzt sich an den Tisch. Ich zeige wortlos zum Kühlschrank.
„Fühl dich wie Zuhause. Meine Models bedienen sich normalerweise selbst." Mit diesen Worten gehe ich in den großen Raum, wo ich alles vorbereite.

Und so kommt es, dass wir eine Stunde später auch schon ein komplettes Shooting hinter uns haben und er mir sogar das eine oder andere positive Feedback zu meinen Bildern gegeben hat. Jetzt sitzen wir an meinem Schreibtisch und schauen uns die Bilder noch einmal an, dabei entscheiden wir, welche behalten und welche gelöscht werden. Während er so nah neben mir sitzt und seine rechte Hand auf das Display meines Computers zeigt, steigt mir der Duft seines Parfüms in die Nase. Es benebelt mir leicht die Sinne, da es einen sehr intensiven Duft nach Leder & Lavendel aufweist.

„Kann ich dich vielleicht irgendwo absetzen?", frage ich, als wir wieder rausgehen. Doch Wincent schüttelt den Kopf. „Ich fahre mit dem Bus zum Hotel." Ich nicke.
„In welchem bist du denn abgestiegen, wenn ich fragen darf. Keine Sorge, ich bin kein Fan in diesem Sinne. Ich mag lediglich deine Musik und ja auch dich als Person, aber du warst heute ganz schön sauer, was man ja sonst nicht so von dir kennt." Wincent nimmt kurz seine Cap von seinem Kopf und fährt sich seufzend durch seine Mähne.
„Hör zu, ja meine Art war nicht sehr professionell und es tut mir leid, dass ich mich dir gegenüber so verhalten habe. Wollen wir vielleicht einen Neustart machen?" Überrascht über seine ehrliche Art sehe ich auf seine Hand, die er mir hinhält.
„Aber natürlich. Mein Name ist Charlotte, aber nenne mich doch einfach Charlie", entgegne ich und stelle mich erneut vor.

Wincent schüttelt ebenfalls meine Hand. „Mein Name ist Wincent. Es freut mich dich kennenzulernen, Charlotte." Dass er meinen Vorschlag mich Charlie zu nennen scheinbar ignoriert, tue ich mit einem Kopf schütteln ab.
„Darf ich dich wenigstens noch zum Bus bringen, wenn ich dich schon nicht fahren darf?"
Wincent nickt.
„Von mir aus. Schickst du mir die Bilder über WhatsApp, oder wie läuft das jetzt ab?", fragt er mich, während wir zur nächsten Bushaltestelle gehen.
„Nun, ich schicke die Bilder immer per Mail zu den Kunden. Für die Bearbeitung nehme ich mir gerne zwei Wochen Zeit. Da sollten eigentlich gute Bilder rauskommen."

Wincent nickt. „Ist das dein Hauptberuf, oder machst du es nebenbei?" Verblüfft über seine Neugier sehe ich kurz zu ihm, als wir sitzen.
„Na ja, es hat als Hobby begonnen. Zu der Zeit habe ich gerade eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht. Nachdem ich noch ein gutes Jahr weiter im Supermarkt gearbeitet habe, wurde aus meinem Hobby ein Beruf. Ich hätte auch nicht gerechnet, dass es so gut läuft. Also ja, mittlerweile ist es mein Hauptjob." Wincent nickt. „Wie kamst du darauf mir zu schreiben?" Ich zucke mit den Schultern.
„Na ja, ich habe ein paar deiner Model-Bilder auf Google und Pinterest gesehen. Du sahst interessant aus und da dachte ich, warum nicht? Ich habe ja nicht damit gerechnet, dass du so schnell antwortest." lacht Wincent leise.
„Ja, das dachte ich auch nicht wirklich. Also gut, da vorne kommt mein Bus. Wir lesen voneinander?" Ich nicke und stehe auf. „Aber natürlich."
Wincent nickt und holt etwas Geld aus seinem Portmonee heraus.
„Dann bis bald!" Mit diesen Worten steigt er in den Bus ein und ich schaue dem Bus noch nach, bevor ich mich selbst auf den Heimweg mache.
 
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