Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Liebe / Allgemein / Seiran

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Seiran

von Chianti
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
08.05.2021
11.06.2021
9
22.535
3
Alle Kapitel
28 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
11.06.2021 2.508
 
Hey Ho!

Das neue Kapitel wäre eigentlich gestern schon dran gewesen, aber ich war seit 4 Uhr morgens auf den Beinen und erst um 23 Uhr wieder zuhause. Ich hatte also dezent keine Zeit. :-/ Dafür eben jetzt. Die letzte Szene dieses Kapitels war eine der Ersten, die ich zu dieser Story überhaupt im Kopf hatte. Lange bevor der Plot überhaupt stand. Ach übrigens: Erwähnte ich eigentlich schon, dass es das "Le Rende-vous" in Manakara wirklich gibt? :-) Es wird ja hin und wieder nochmal erwähnt (so auch in diesem Kapitel) und ich fand, der Name war ganz passend für das erneute Aufeinandertreffen von Seiran und Vivaro nach 20 endlosen Jahren! :-P

Viel Spaß beim Lesen! Freue mich wie immer über eure Meinungen, Ideen und Gedanken.

LG,
Chianti

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Aurion schreckte auf, als er einen Schuss hörte. Sofort rannte er los, in die Richtung, aus der der Schuss gekommen war.

Mein Gott! Bitte nicht!

Er ahnte Fürchterliches. Rannte, so schnell er konnte. Von links kam Rio auf ihn zugelaufen, stolperte über eine Schlingpflanze am Boden und wäre beinahe der Länge nach hingeschlagen. Schnell fasste er sich wieder, rannte weiter, direkt auf seinen Vize-Kapitän zu.

"Woher kam der Schuss?", fragte er an Aurion gewandt.

"Aus dieser Richtung!", gab Aurion kurz zurück und zeigte nach vorn. Sofort rannten beide weiter, hofften, dass es nicht das war, was sie beide dachten.

"SEIRAN!", brüllte Aurion laut, als er ihn nirgendwo finden konnte. Er rannte weiter und weiter, ohne zu wissen, wohin genau er eigentlich musste. Verdammt nochmal! Wieso hatten sie sich bloß getrennt? Er hätte diesem Vorschlag niemals zustimmen dürfen! Was, wenn es Seiran erwischt hatte? Daran wollte er nicht einmal denken!

"Herr Vize-Kapitän, sehen Sie mal da!" Rio war völlig außer Atem neben ihm stehen geblieben, zeigte fassungslos auf die Stelle am Boden, die er meinte. Aurions Atem ging plötzlich schwerer. Er ging schweren Schrittes auf die Stelle zu, die Rio bemerkt hatte. Seine Beine fühlten sich an wie Blei. Dann ging er in die Knie, taste vorsichtig nach dem roten Fleck an Boden und fühlte, wie ihm beinahe das Herz stehen blieb.

"Das ist Blut! Noch ganz frisch!", stellte er überflüssigerweise fest. Es war so offensichtlich, dass es keiner Erklärung mehr bedurfte.

"Scheiße!", hörte er Rio zwischen zusammengepressten Zähnen zischen. "Hoffentlich hat es nicht unseren Kommandanten erwischt!"

"Halten Sie den Mund, Rio!", fauchte Aurion ihn an, bemühte sich, nicht die Fassung zu verlieren. "Wir suchen sofort weiter!" Er stand auf, blendete seine Sorge um Seiran aus und sah sich um. Ein paar Blutspuren entdeckte er im hohen Gras. Nur schwer erkennbar zwischen dem Chaos aus Pflanzen, aber immerhin war es eine Spur. Er würde keine Zeit verlieren!

*

Seiran blinzelte, versuchte, die Augen ein Stück weit zu öffnen. Sein ganzer Körper war so schwer, dass er es kaum schaffte, die Augen für wenigstens eine Sekunde offen zu lassen. Er war unendlich müde, wollte am liebsten schlafen und wusste doch, dass es nicht ging. Wo war er?

Erneut versuchte er, die Augen offen zu halten. Kämpfte gegen das Gefühl an, gleich wieder das Bewusstsein zu verlieren. Er sah sich mit müden Augen um, hatte Mühe, das zu erfassen, was er sah. Steine? Über ihm?

Eine Höhle. Erst jetzt bemerkte er auch die Luftmatratze unter sich. Ein weißes Tuch, das darüber ausgebreitet worden war. Ein provisorischer Unterschlupf? War das etwa die Geheimbasis, von der Kapitän Hades gesprochen hatte? Nein. Viel zu einfach und spärlich. Keinerlei Technik, die zwangsläufig nötig gewesen wäre, um eine Geheimbasis zu errichten.

Er versuchte, sich ein Stück weit aufzurichten. Ein unerträglicher Schmerz fuhr ihm durch die linke Schulter, zwang ihn, sein Vorhaben aufzugeben. Er griff sich an die verletzte Schulter, versuchte, den Schmerz dadurch zu lindern und bemerkte auch erst jetzt, dass ihm ein provisorischer Druckverband angelegt worden war.

Schwarzer Stoff? Etwa...?

Sein Gehirn wollte kaum einen klaren Gedanken fassen. Er erinnerte sich wieder an das, was passiert war. An den Fremden, der ihn und Vivaro angegriffen hatte. An die Kugel, die ihn getroffen hatte. An den Schuss, den Vivaro abgefeuert hatte. War der Andere etwa...? Er wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass Vivaro ihn erledigt hatte. Ein Gedanke, bei dem sich Seirans Magen schmerzhaft zusammen zog. Ihm wurde übel und für einen Moment glaubte er, er müsste sich übergeben. Er drehte sich angestrengt auf die Seite, versuchte, den unerträglichen Schmerz in seiner Schulter zu ignorieren, hatte das Gefühl, würgen zu müssen.

Verdammt! Wie viel Blut hatte er verloren? Er biss die Zähne zusammen, rollte sich wieder auf den Rücken und versuchte, eine halbwegs bequeme Position zu finden, in der ihm seine Schulter weniger Schmerzen bereitete. Er wusste nicht, wie er hier her gekommen war. Wer ihm den provisorischen Druckverband angelegt hatte. Etwa Aurion? Oder Rio? Er wagte nicht, an einen anderen Namen zu denken. Wieder fühlte er, wie er von Dunkelheit erfasst wurde. Er kämpfte dagegen an, versuchte, die Augen offen zu halten. Würde ihn jetzt jemand finden, der nicht zur Crew der Mystic gehörte, wäre es endgültig um ihn geschehen. In seinem Zustand war er viel zu leichte Beute. Er musste dringend hier weg. Und doch schaffte er es nicht mehr, gegen die Ohnmacht anzukämpfen. Er merkte nicht mehr, wie ihm die Augen zufielen und um ihn herum erneut alles dunkel wurde.

*

Vivaro war noch immer genervt. Furchtbar genervt. Kurz vorm Explodieren, um genau zu sein! Dieser verdammte Idiot! War er vollkommen verrückt geworden?

Er bückte sich nach einer Pflanze, riss sie aus dem Boden und nahm sie in die linke Hand. Vermutlich hatte er inzwischen genug. Daraus ließ sich was machen. Vorsichtig schlich er durch den Regenwald zurück zur Höhle, die er erst gestern mehr oder weniger bezogen hatte. Eine mehr als einfache Schlafgelegenheit hatte er bisher einrichten können. Zu mehr war er nicht gekommen. Sie hatten ihn viel zu schnell entdeckt und jetzt war er auch noch gezwungen gewesen, sein neu erobertes Versteck dem Feind zu zeigen. So ein verdammter Mist! Kaum eingezogen, durfte er schon wieder ausziehen, sobald diese Sache vorbei war. Sobald er ihn los geworden war.

Zurück in der Höhle starrte er auf den Idioten, der noch immer regungslos da lag, die blonden Haare nass geschwitzt, das Gesicht kalkweiß. Er musste inzwischen viel Blut verloren haben und Vivaro wusste, dass er nicht mehr lange durchhalten würde. Er musste dringend zu einem Arzt. Am einfachsten wäre es gewesen, ihn auf direktem Weg zurück zu seinen Leuten zu bringen. Vermutlich hätte er das auch getan, allerdings wusste er selbst, dass das viel zu gefährlich war. Nicht nur, dass die Crew der Mystic hier war. Schlimmer noch: Sie hatten ihr neuestes Versteck ebenso schnell geortet. Verdammt! So hätte das alles nicht laufen sollen!

Er setzte sich im Schneidersitz direkt neben Seiran, griff nach einer kleinen Steinschale, die er bereits gestern hier gelassen hatte und die ihm eigentlich als Trinkschale hätte dienen sollen. Jetzt zerrupfte er stattdessen die Pflanzen, die er bis eben noch gesammelt hatte, zerkleinerte sie mit einem Stein und mischte Wasser dazu, als aus den Pflanzen ein unansehnlicher, grüner Brei geworden war.

Dann beugte er sich über Seiran, klopfte ihm vorsichtig auf die Wange und sprach ihn an.

"Hey, aufwachen! Du hast genug geschlafen!", versuchte er es, doch keine Reaktion. Er versuchte es noch ein zweites und ein drittes Mal, immer mit dem selben Ergebnis. Verdammt! Wenn nicht bald etwas passierte, würde er diesen Tag nicht überleben.

Vivaro saß noch immer über Seiran gebeugt, sah in das schlafende, noch immer schmerzverzerrte, verschwitzte Gesicht und fragte sich in diesem Moment selbst, was er hier eigentlich gerade tat. Er hatte Seiran aus der Gefahrenzone gezogen, hatte ihn hier her geschleppt, seine Schussverletzung notdürftig mit seiner Uniformjacke verbunden, die er zuvor mit einem Taschenmesser in Streifen gerissen hatte. Und jetzt war er ernsthaft auch noch los gezogen, um Heilkräuter zu sammeln, die gegen Fieber und Schmerzen helfen sollten - nicht viel, aber immerhin etwas, das er tun konnte. Er hatte sich einer riesengroßen Gefahr ausgesetzt, immerhin rannten hier genug Leute herum, die nicht zu seinem Team gehörten und nur darauf warteten, dass sie ihn endlich erledigen konnten. Er hatte mehr Glück als Verstand gehabt, dass ihm niemand begegnet war. Und das alles für ein paar beschissene Pflanzen.

Seiran bewegte sich leicht, gab einen gequälten Laut von sich, drehte den Kopf ein wenig, ohne dabei die Augen zu öffnen. Für einen Moment sah Vivaro ihn an. Wusste plötzlich nicht mehr, was eigentlich mit ihm los war.

Dieser verdammte Idiot hatte ernsthaft die Kugel abgefangen, die für ihn bestimmt war.

"Du bist so ein verdammter Idiot!", schimpfte er leise vor sich hin, strich Seiran dann eine Strähne seiner nass geschwitzten, blonden Haare aus dem Gesicht und fühlte sich plötzlich völlig fremd in seinem eigenen Körper. Was war nur los mit ihm? Schon in Manakara hatte er ihn laufen lassen, obwohl er wusste, dass Seiran ihm früher oder später im Weg stehen würde. Obwohl er wusste, dass nichts und niemand seine Mission behindern durfte. Er würde alles dafür tun, um sein Ziel zu erreichen und wenn Opfer dafür notwendig waren, dann würde er sie auch erbringen. Seine Mission war sehr viel wichtiger, auch wenn er selbst merkte, wie zynisch das klang.

"Hey, bist du wach?" Erneut versuchte er es und diesmal schlug Seiran auch tatsächlich die Augen auf. Unruhig zuckten seine Pupillen hin und her, schienen nicht zu begreifen, was gerade um ihn herum geschah.

"Du musst dich kurz mal aufrichten, okay?", versuchte Vivaro ihm zu erklären, schob dann eine Hand unter Seirans Kopf und half ihm in eine sitzende Position. Sofort kippte Seiran zur Seite, griff aus Reflex nach Vivaros Oberarm und hielt sich an ihm fest. Sein Kopf lehnte ruhig und schwer an Vivaros Oberkörper und für einen Moment war er versucht, einfach seine Arme um den Blonden zu schlingen und ihn festzuhalten.

Verdammt! Nein! Das konnte er unmöglich tun!

Sie standen sich immerhin als Gegner gegenüber. Das hatte Vivaro selbst deutlich gemacht.

Weil er keine andere Wahl hatte.

"Hey, jetzt reiß dich mal ein bisschen zusammen!", versuchte Vivaro ihn zu motivieren, packte ihn vorsichtig und schob ihn ein Stück weit von sich. Seiran war schon so schwach, dass er sich kaum alleine aufrecht halten konnte. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die kalte Wand der Höhle, versuchte, nicht gleich wieder zur Seite zu kippen. Er fühlte, wie sich eine warme Hand auf seine gesunde Schulter legte, ihm Halt gab.

Den Halt, den er so dringend brauchte...

"Hier. Trink das!"

Seiran nahm nur beiläufig wahr, dass ihm ein Schälchen unter die Nase gehalten wurde. Ihm war schwindelig und er sah nur verschwommen. Was um Himmels Willen war das? Er drehte gequält den Kopf zur Seite, versuchte, sich irgendwie dagegen zu wehren. So weit war er immerhin noch klar genug bei Verstand, um zu wissen, dass er besser nichts annahm, was von Vivaro kam.

"Stell dich nicht an wie ein Mädchen! Denkst du, ich will dich vergiften, nachdem ich dich aus der Gefahrenzone gerettet, hier her geschleift und unter Einsatz meines Lebens diese beschissenen Kräuter gesammelt habe? Nur zur Info: Wenn es mir nur darum gegangen wäre, hätte ich es mir auch echt leichter machen können!", warf Vivaro ihm bissig an den Kopf. Seiran verstand, dass Vivaro auf die Tatsache anspielte, dass er ihn auch einfach hätte erledigen können. Mal wieder. Und er hatte es wieder nicht getan. Hatte ihn nicht nur verschont, sondern ihm sogar geholfen.

"Wieso...", versuchte Seiran, einen Satz zu formulieren. Seine Stimme klang heiser und brüchig. Er hörte Vivaro laut seufzen, registrierte, wie er das Schälchen auf dem Fußboden abstellte und nun beide Hände nahm, um ihn zu stützen.

"Hör mal: Ich habe kein wirkliches Interesse daran, dich aus dem Weg zu räumen. Davon habe ich nichts. Aber wenn du mir in die Quere kommst, kannst du auch nicht mit meiner Gnade rechnen, ist das klar?", machte er deutlich, versuchte, seine Stimme dabei zu festigen. Seiran kippte schon wieder leicht nach vorn, ließ die Stirn an Vivaros Schlüsselbein sinken und atmete nur noch flach.

Verdammt! Wenn nicht bald etwas passierte, dann...

"Warum... tust du es dann... nicht... einfach?", hörte er Seirans gepresste Stimme. Vivaro musste doch wissen, dass Seiran ihm irgendwann mit hoher Wahrscheinlichkeit im Weg stehen würde. Warum also ging er nicht lieber gleich auf Nummer sicher? "Wieso...", weiter kam er nicht. Jedes einzelne Wort fiel ihm unendlich schwer zu sprechen. Er fühlte, wie ihm schon wieder schwarz vor Augen wurde. Fühlte, wie er wieder kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren. Er nahm kaum noch wahr, dass Vivaro ihn wieder aufrichtete, sanft gegen die Wand drückte und ihn ansah.

"Du willst wissen, wieso ich dich nicht einfach erschieße?", hörte er Vivaros kalte Stimme. Seiran versuchte, den Kopf zu heben, ihn anzusehen. Es gelang ihm nur unter größter Anstrengung.

"Das kann ich dir sagen! Weil ich es dir schulde..."

In Seirans Kopf drehte sich alles. Was hatte Vivaro gesagt? Was schuldete er ihm? Er war nicht mehr dazu in der Lage, diese Worte zu begreifen. Er verstand den Sinn dahinter nicht mehr. Viel zu sehr schlich sich die Dunkelheit zurück in seinen Kopf, zog ihn immer tiefer. Er schloss völlig erschöpft die Augen, glaubte zu fühlen, wie etwas näher zu ihm heran kam. Glaubte zu fühlen, wie Vivaro ihm immer näher kam. Oder war er es, der schon wieder nach vorn kippte?

Für einen Moment glaubte er, eine sanfte Berührung auf seinen Lippen zu fühlen. Was war das? Bildete er sich das nur ein? Ihm war so furchtbar schwindelig. In seinem Kopf drehte sich die Welt plötzlich sehr viel schneller. Ihm war so heiß. Wahrscheinlich hatte er hohes Fieber. Und dann war da immer noch diese viel zu sanfte Berührung, die plötzlich intensiver wurde und die er nicht zuordnen konnte. Er öffnete ein Stück weit die Augen, sah nur verschwommen schwarze Haare. Fühlte Vivaros Gesicht viel zu nah an seinem eigenen. Fühlte Vivaros Lippen.... auf seinen?

Als die Information endlich in seinem Gehirn ankam, erschrak er so heftig, dass ihn das entsetzliche Schwindelgefühl beinahe in die Tiefe riss. Er nahm das letzte bisschen Kraft zusammen, das er noch hatte, stemmte sich mit beiden Händen gegen Vivaros Schultern, versuchte, ihn von sich weg zu schieben.

Keine Chance.

Der Schmerz in seiner linken Schulter brachte ihn beinahe um den Verstand. Vivaros Lippen auf seinen eigenen brachten ihn noch viel mehr um den Verstand. Was zum...?

Er fühlte, dass der Kuss intensiver wurde. Fühlte diese viel zu ungesunde Hitze, die von Vivaro ausging. Fühlte dessen heißen Atem. Die Hand des Anderen, die sich in seine blonden Haare verirrte. Fühlte dieses angenehme Kribbeln in seinem Magen. Er ließ die Hände kraftlos zu Boden fallen, ließ zu, dass ihm die Augen zufielen und dass Vivaro ihn in einen Strudel aus Gefühlen riss, aus dem er vermutlich nicht wieder heraus kommen würde.

- Ende Kapitel 9 -
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