Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Rückkehr der Leonie Berger

von Feinstein
GeschichteFamilie, Freundschaft / P6 / Gen
08.05.2021
08.05.2021
4
3.476
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
08.05.2021 741
 
Wenn Sascha Hauser eins hasste, dann waren es unnötige Besprechungen. Er war ohnehin nicht der Typ dafür, am Konferenztisch zu hocken, und gerade in den Tagen vor Beginn des neuen Schuljahrs hatte er auch so mehr als genug zu tun. Als sogenannter Sportkoordinator war er für den gesamten Leistungssportbereich des Albert-Einstein-Gymnasiums in Erfurt und des angeschlossenen Sportinternats verantwortlich. Dass er seit zwei Jahren an einer Modellschule arbeitete, machte seinen Job nicht einfacher, fand er: Die Verschmelzung von Einstein- und Sportgymnasium, vom Schulamt angeordnet, hatte die klar strukturierte Welt der Sportler aufgebrochen, und es gab viel zu viele Störfeuer, die sie von ihrem Training ablenkten.
So oder so, die Trainingspläne schrieben sich nicht von allein, und Sascha hatte gehofft, sie an diesem Tag noch fertig zu bekommen. Das konnte er jetzt wohl knicken, das Meeting am Nachmittag, das die Direktoren kurzfristig einberufen hatten, riss ihn zumindest raus, und er hatte auch keine Ahnung, wie lange es dauern würde. Auch worum es ging, hatten Direktor Chung und Direktorin Stocker, die die Schule als Doppelspitze führten, nicht in die E-Mail geschrieben. Am liebsten hätte Sascha abgelehnt, aber das hätten die Direktoren wohl nicht akzeptiert. Auch wenn noch Ferien waren, war er im Dienst, anders, als viele dachten, hatten Lehrer nicht die ganze Zeit frei, wenn die Schüler Ferien hatten, und er konnte schlecht argumentieren, dass die Pläne unbedingt an diesem Tage noch fertig werden mussten. Ein paar Tage waren es schließlich noch bis zum Beginn des Schuljahrs.
Er machte sich so auf den Weg, dass er pünktlich, aber nicht nennenswert vor der genannten Zeit im Lehrerzimmer der Schule eintraf. Als er den Raum betrat, waren die meisten Kollegen schon versammelt, und ein großes Hallo gab es nicht. Es hatte schon das eine oder andere Meeting gegeben, wenn auch nicht alle in voller Besetzung, und auch bei den Lehrern war es so, dass nicht jeder mit jedem dick befreundet war. Mit manchen verstand Sascha sich gut, mit anderen ging er professionell um, das gehörte einfach zu seinem Job. Am schwersten fiel es ihm bei Wiebke Schiller, die seit der Zusammenlegung der Schulen die Internatsleitung übernommen hatte. Da sich sein Wirkungsbereich deutlich über den Unterricht hinaus erstreckte, kamen sie sich zwangsläufig ins Gehege, und die neue Kollegin hatte eine Herangehensweise beim Umgang mit den Schülern, mit der er nichts anfangen konnte.
Unter vielen bekannten Gesichtern entdeckte Sascha auch eines, das ihm bis jetzt noch nicht untergekommen war: Eine junge Frau mit langem, blondem Haar und sportlicher Figur. Sie wirkte ein wenig nervös, aber das konnte man ihr wohl nicht verdenken, wenn sie allein zwischen lauter Unbekannten saß. Obwohl, als er hereingekommen war, hatte sie ein paar Worte mit Heiner Zech gewechselt, einem schon älteren Lehrer, der Latein, Geschichte und Geografie unterrichtete.
Der Gedanke, dass die junge Frau eine neue Kollegin war, lag auf der Hand, und die Bestätigung ließ nicht lange auf sich warten. „Ich möchte Ihnen eine neue Kollegin vorstellen“, eröffnete Direktor Chung den Anwesenden nach einer kurzen Begrüßung. „Frau Berger hat gerade ihr Studium abgeschlossen und wird Englisch und Sport unterrichten.“ Sport? Sascha wunderte sich. In dem Bereich waren sie eigentlich gut besetzt, und wenn die neue Kollegin hauptsächlich wegen Englisch eingestellt worden wäre, dann hätte Direktor Chung das wohl entsprechend herausgestrichen.
Die Erklärung lieferte Direktorin Stocker, die schon am Sportgymnasium Saschas Vorgesetzte gewesen war. „Wie Sie wissen, hat sich durch den Wegzug von Herrn Timm und den Ruhestand von Frau Behling eine Lücke vor allem bei den Sprachfächern aufgetan.“ Mathilda Behling hatte Deutsch und Englisch unterrichtet, Simon Timm Deutsch und Philosophie. „Mit ihrer Fachkombination wird Frau Berger einerseits die Lücke im Bereich Englisch zu schließen helfen, und sie wird mir andererseits die Möglichkeit geben, mich komplett auf Deutsch zu konzentrieren, um dort die beiden Abgänge zu kompensieren.“
Das klang sinnig, und Sascha nahm an, dass sich an seiner Arbeit dadurch nicht viel ändern würde. Er unterrichtete zwar auch, Sport und ganz selten sein zweites Fach, Französisch, aber der Schwerpunkt war die Koordination des Leistungssports. Neben den Übungseinheiten der Fußballer und Staffelläufer, die er selbst leitete, bedeutete das vor allem auch eine Menge Büroarbeit: Er musste dafür sorgen, dass qualifizierte Übungsleiter für etliche Sportarten zur Verfügung standen, musste den Überblick behalten, wann wer die Sporteinrichtungen benutzte, war in die Organisation von Wettkampfreisen eingebunden… Das läpperte sich, aber damit hatte die neue Kollegin nichts zu tun. Die würde ganz normale Sportstunden geben, mit dem Leistungssportprofil würde sie nichts zu tun haben.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast