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So sieht man sich wieder

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
08.05.2021
05.07.2021
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22.378
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Wahrheit oder Pflicht?


Da Dom weder in Hör- noch Sehweite war, beschlossen Em und ich kurzerhand heute shoppen zu gehen. Die Jungs brauchten dringend Schlaf und außerdem war Em der Meinung, dass Jungs beim Shoppen nur störten, wobei ich ihr durchaus zustimmte. Nachdem wir beide uns also fertig gemacht hatten, fuhren wir mit Dads Pick-Up in die Innenstadt. Wir unterhielten uns wieder über Gott und die Welt und langsam bekam ich das Gefühl, dass wir Freundinnen werden könnten, auch wenn wir uns nach diesem Weihnachten wahrscheinlich nie wieder sehen würden. Ich war nicht naiv genug zu glauben, dass wir irgendwie in Kontakt bleiben würden, denn ich wusste wie sowas normalerweise lief, weshalb ich mir keine Hoffnungen machte.
„Da wären wir.“ verkündete ich, als ich den Wagen in der King Street parkte. Genau gegenüber befand sich ein großes Einkaufszentrum und ein paar Ecken weiter eine Fußgängermeile, wo es auch mehr als genug Geschäfte gab. Wir würden definitiv fündig werden.
„Ah ja, hier sind wir gestern schon vorbeigekommen.“ stellte Em fest. Ich grinste sie an.
„Bereit für eine völlige Reizüberflutung?“ fragte ich belustigt.
„Wieso das denn?“ fragte Em verwirrt. Mein Grinsen wurde noch ein Stück breiter.
„Kennst du die Harry Potter Filme?“ fragte ich, für sie wahrscheinlich völlig unvermittelt.
„Ja?“ antwortete sie verwirrt.
„Die Läden da drin sind ungefähr genauso bunt, wie die Winkelgasse im ersten Teil. Glaub mir, von magenta bis cyan findest du da drin alles. Außerdem gibt es auch quasi nichts was nicht verkauft wird. Die Läden sind dicht an dicht und um diese Zeit im Jahr ist immer ein mega Trubel. Als Mum mich das erste Mal zu Weihnachten hier her mitgenommen hat, habe ich sicher fünf Minuten einfach nur dagestanden und dämlich vor mich hin geglotzt. Noch Wochen danach hat-.“ abrupt brach ich ab. Nein, Lyric, jetzt ist der falsche Moment, ermahnte ich mich in Gedanken selbst. Ich hatte demnächst sicher noch genug Zeit mich selbst zu bemitleiden, aber jetzt war definitiv nicht der richtige Moment.
„Was war noch Wochen danach?“ fragte Em interessiert.
„Ähm, nicht so wichtig.“ versuchte ich sie abzuwimmeln.
„Jetzt erzähl schon! Du weichst allen interessanten Fragen immer aus!“ beschwerte sie sich. Geschlagen seufzte ich.
„Dom hat mich noch Wochen lang damit aufgezogen, ich musste ihn erpressen, damit er damit aufhört.“ beichtete ich.
„Du hast Dom erpresst?“ fragte Em lachend. Ich nickte grinsend. „Womit hast du ihn denn erpresst?“
„Sorry, aber ich habe hoch und heilig versprochen, dass ich es niemandem erzähle.“ grinste ich und musste alleine bei der Erinnerung daran einen Lachkrampf unterdrücken.
„Scheint ja so, als ob ihr mal Freunde gewesen wärt.“ stellte Em fest. Augenblicklich wurde ich wieder ernst.
„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht...“ antwortete ich. Einen Moment versank ich in meinen Gedanken, ehe ich mir einen Ruck gab und endlich ausstieg. Leider ließ Em nicht locker.
„Wie jetzt?“ fragte sie verwirrt.
„Em, das ist eine längere Geschichte und ich bezweifle, dass ich überhaupt alle Details kenne, also ist sie wahrscheinlich noch länger.“ wimmelte ich sie ab, während wir die Straße überquerten. Glücklicherweise ließ Em mich jetzt in Ruhe, so dass ich endlich anfangen konnte mir Gedanken zu machen, was ich ihr und den Jungs schenken könnte.
Wie ich vorausgesagt hatte, brauchte Em ein wenig Zeit, um nicht völlig erschlagen zu werden. Wie immer herrschte viel Trubel, überall hörte man Leute reden, diskutieren und was wusste ich nicht alles. In der Luft lag ein leichter Geruch nach Apfel und Zimt, der von einem Laden in der Nähe der Tür kam, der hauptsächlich Duftkerzen und Räucherstäbchen führte. Um diese Jahreszeit waren die typischen Weihnachtsdüfte, wie immer, im Angebot.
„Also, was könnte ich deinen Eltern schenken?“ fragte Em und sah mich erwartungsvoll an.
„Bei Mum ist es eigentlich ganz einfach: ein gutes Buch. Sie liebt romantische Liebesromane mit ganz viel Drama und einer Extraportion Kitsch. Bei Dad dürfte eine Flasche Whiskey reichen. Die Vitrine im Wohnzimmer ist dir ja sicher schon aufgefallen...“ erklärte ich. Dad hatte eine gläserne Vitrine im Wohnzimmer, wo er Obstler, Gin, Liköre, Whiskey, etc. aufbewahrte.
„Okay, und was ist mit Doms Eltern?“ fragte Em weiter. Das war nun schon deutlich schwieriger. Ich musste tatsächlich erst mal überlegen. Natürlich hatte ich meine Geschenke für die beiden schon, aber Em und ich sollten ihnen ja nicht das gleiche schenken.
„Lucy steht total auf Schmuck, also vielleicht ein Armband oder so. Carter könntest du auch ein Buch schenken, aber dann irgendwas Älteres im James Bond-Stil oder so.“ überlegte ich.
„Wow., du hast das mit den Geschenken auf jeden Fall im Griff.“ stellte Em fest. Ich grinste sie an.
„Ich komme nicht oft nach Maidstone, wenn ich dann nicht mit ordentlichen Geschenken ankomme mögen mich meine Nichten bald nicht mehr.“ Mein Neffe war noch zu klein, um mich nicht zu mögen.
„Stimmt, deine und Doms Eltern regen sich ständig drüber auf, dass du nie da bist.“ stellte Em nachdenklich fest, während wir gleich mal einen Spirituosenladen ansteuerten.
„Ja, aber wenn ich da bin, dann beschweren sie sich die ganze Zeit nur.“ gabich zurück und begutachtete ein paar Flaschen Absinth. Soweit ich wusste, hatte Dad die letzte Flasche vor gut eineinhalb Monaten geleert, als er und Carter sich zusammen irgendeine Sportveranstaltung im Fernsehen angesehen hatten. Wahrscheinlich waren meine Brüder auch dabei gewesen, aber das wusste ich nicht genau.
„Schon, aber ich glaube sie machen sich nur Sorgen um dich.“ gab Em zu bedenken. Ich verstand was sie meinte.
„Ja schon, aber sie können noch so viel meckern; mein Leben mag stressig und chaotisch sein, aber ich komme gut damit klar. Sie müssen mir nicht jedes Mal die gleichen Vorträge halten, die ich sowieso schon auswendig kann. Außerdem ist momentan sowieso alles anders als sonst, weil ihr da seid, da will ich wirklich nicht, dass sich jemand Sorgen um mich macht, besonders, wenn es dafür gar keinen Grund gibt. Es ist Weihnachten!“ rief ich und drückte Em kurzentschlossen einen Cognac in die Hand, damit wir schnell weitergehen konnten. Schnell bezahlte Em und wir machten uns auf den Weg zu Thalia.
„Allerdings musst du zugeben, dass du schon ganz schön viel arbeitest. Ich meine; ich kenne dich zwar noch nicht besonders lange, aber soweit ich das mitbekommen habe, hast du Urlaub, aber trotzdem arbeitest du...“ bemerkte Em. Sie hatte ja recht; ich arbeitete wirklich ziemlich viel, aber in meinem Job musste man immer auf dem Laufenden sein und jederzeit bereit sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, um als erstes eine Schlagzeile zu veröffentlichen.
„Ja, mag sein, aber, wie schon gesagt, ich wüsste nicht was ich sonst mit meiner Zeit anfangen sollte.“ antwortete ich und blieb bei den Fantasy-Romanen stehen, während Em die Liebes-Romane daneben begutachtete.
„Krieg das jetzt nicht in den falschen Hals, aber das ist ziemlich traurig.“
„Armselig trifft es wohl besser.“ grinste ich und las den Klappentext von einem Kinderbuch, was Catherine, eine von Carters Zwillingen, gut gefallen könnte.
„Na wenigstens siehst du es selbst ein...“ stellte sie fest und klang dabei halb belustigt, halb verwirrt.
„Ja, ich sehe es selbst ein, aber mir gefällt mein Leben, so wie es ist. Das dürfte die ganze Sache zwar nur noch armseliger machen, aber so ist es nun mal.“ erklärte mich und stellte das Buch wieder ins Regal. Ich hatte schon ein Weihnachtsgeschenk für Catherine, aber ich würde mir dieses Buch auf jeden Fall für ihren nächsten Geburtstag merken. Em hatte sich derweil für einen Krimi entschieden, dessen Klappentext vor Kitsch nur so triefte. Es ging um einen Polizisten, der den Mord an einem reichen Mann untersuchte und sich dabei in dessen Tochter verliebte, die aber einen anderen heiraten sollte. Ekelhaft!
Nachdem wir Thalia wieder verlassen hatten gingen wir in eine kleine Boutique und Em kaufte ein hübsches Paar Ohrringe für Lucy. Em hatte sich doch gegen ein Buch für Carter entschieden, weshalb wir nun etwas ziellos durchs Einkaufzentrum schlenderten und hier und da mal anhielten, um eine Auslage näher zu betrachten.
„Vielleicht gehen wir einfach deine Geschenke für die Jungs kaufen und ich schau mal, ob ich doch noch was für Carter entdecke.“ schlug Em nach einer Weile vor. Da ich auch keine bessere Idee hatte stimmte ich zu und fand mich wenige Minuten später in einem Spielzeugladen für Kinder wieder.
„Hier solltest du auf jeden Fall was für Alberto und Dom finden, wenn du Dom was schenken willst. Für Harry und Matt müssen wir was anderes suchen, aber es kann nicht schaden hier auch mal zu gucken.“ erklärte Em. Ich betrachtete die Regale eher skeptisch. Bei Alberto konnte ich mir schon vorstellen, dass ich hier fündig werden würde, bei Harry vielleicht auch, aber Matt schätze ich nicht so ein, dass er sich über einen Legokran freuen würde.
„Bitte erinnere mich nicht an das Geschenk für Dom.“ bat ich Em und verfluchte meine Eltern innerlich dafür, dass sie mich an Weihnachten dazu zwangen nett zu Dom zu sein. Nicht mal die Tatsache, dass seine Eltern ihn auch dazu zwangen freundlich zu mir zu sein, hob meine Stimmung. Ein Grund mehr, wieso ich Weihnachten nicht in Maidstone verbringen wollte, wenn Dom da war.
„Du schenkst ihm also echt was?“ wollte Em überrascht wissen.
„Ja, aber nur weil Mum und Dad mir nichts anderes übriglassen.“ antwortete ich geschlagen und verschwand dann zwischen den Regalen. Es war tatsächlich recht einfach etwas passendes zu finden. Nach kurzer Zeit hatte ich zwei Spielzeugpistolen mit Schaumstoffpfeilen für Alberto und Harry gefunden und Em hatte mir einen Spielzeugbogen für Matt aufgeschwatzt. Sogar für Carter hatten wir etwas gefunden. Er bekam von Em eine Miniatur von Captain America, da er jegliche Marvel Filme liebte. Als wir das Einkaufszentrum kurze Zeit später verlassen wollten, um noch ein bisschen durch die Stadt zu bummeln, entschied Em aber, dass sie neue Wäsche brauchte und zog mich kurzerhand in den Hunkemöller. Ich ging nicht gerne in solche Geschäfte. Es war mir irgendwie peinlich mit einer Tüte von einer Unterwäschemarke rum zu laufen, weshalb ich meine Wäsche eigentlich immer bei irgendwelchen NoName-Läden kaufte.
Leider war Em aber sehr überzeugend und nachdem sie sich ein paar Dessoussets geschnappt hatte, drückte sie mir auch eins in die Hand und schubste mich in die Umkleide. Widerwillig probierte ich es an. Rot war zwar nicht ganz meine Farbe, aber wenn ich dadurch schneller wieder aus diesem laden rauskam, musste ich da wohl durch. In der Hoffnung, dass es damit getan wäre, präsentierte ich mich Em, die nicht ganz zufrieden mit meinem Aufzug zu sein schien. Verständlich, denn das Ding sah an mir einfach nur gewollt aus. Em dagegen sah verdammt heiß aus. Wäre ich ein Mann gewesen, hätte ich ihren Ehemann jetzt beneidet, aber ich war eine Frau und hetero, deshalb beneidete ich meine Freundin einfach um ihren Hammerkörper.
Meine Hoffnung, es wäre nach einem Set vorbei, wurde aber mit den Worten „Nein, nein, das gefällt mir noch nicht ganz. Wir müssen wohl noch weitersuchen!“ von Em, zerschlagen. Ich kannte sie zwar noch nicht lange, wusste aber, das diskutieren hier wohl keinen Sinn machte, weshalb ich micheinfach meinem Schicksal hingab, was immer dieses Schicksal auch sein würde.
Eineinhalb Stunden später wusste ich es. Scheinbar verstand Em unter 'Wir müssen wohl noch weitersuchen!', dass man den gesamten Laden auseinandernahm und gefühlt jedes einzelne Stück anprobierte. Mein Schicksal waren demzufolge, etwa zehn neue BH's und sieben neue Höschen. Gut ein Drittel dieser Stücke zeigte mehr, als das sie verdeckten. Ich würde wahrscheinlich nichts davon jemals tragen, aber Em hatte einfach nicht auf mich hören wollen.
Irgendwie hatte ich es geschafft sie aus der Mall rauszubringen, ehe sie in den nächsten Laden rannte, nur damit ich meinen ganzen Tag darin verbringen konnte. Nun waren wir jedenfalls auf dem Weihnachtsmarkt. Irgendwann zwischendrin hatte Em Matt angerufen, der, wenn auch sehr verschlafen, zugesagt hatte, sich mit uns zu treffen. Natürlich sollten die anderen Jungs auch mitkommen, aber bis jetzt war noch nichts von ihnen zu sehen. Daher hatten Em und ich uns einen Kinderpunsch geholt und uns etwas abseits auf eine Bank gesetzt. Von den Fahrgeschäften auf der anderen Seite des Platzes hörte man fröhliches Kinderlachen und ein Duft von Langos und Glühwein lag in der Luft.
„Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, wie du deiner Schwester Kleber in die Haare geschmiert hast!“ lachte Em, denn ich hatte ihr gerade von einem kleinen Bastelunfall der sechsjährigen Lyric erzählt.
„Doch!“ grinste ich. „Du glaubst gar nicht was für einen Ärger ich dafür bekommen hab! Ich hatte einen Monat Hausarrest und seitdem trägt Camille nur noch Kurzhaarfrisuren.“ erzählte ich, was Em so doll zum Lachen brachte, dass sie ihre Tasse lieber auf der Bank abstellte.
„Was hast du für einen Note auf das Projekt bekommen?“ wollte Em, nach Luft schnappend, wissen.
„Eine 1-, weil Teile von Camilles Haaren noch drinhingen.“ erklang eine Stimme von hinten und ehe ich mich versah standen alle vier Jungs vor uns und Dom grinste mich breit an, während die anderen entweder verwirrt oder müde dreinschauten.
„Das war in der ersten Klasse und du warst der Einzige, der die Giraffe benotet hat.“ bemerkte ich und nahm einen Schluck von meinem Punsch.
„Mag sein, aber Mrs. Kingston hat mir zugestimmt!“
„Ja, weil du sie mit deinem bescheuerten Hundeblick angeschaut und ihr erzählt hast, dass wir ganze vier Stunden dran gesessen hätten, obwohl du gar nichts gemacht hast.“ erwiderte ich lachend. Wie gut ich mich an diese Situation erinnern konnte! „Das hast du die ganze Grundschule so gemacht! Du hast von mir abgeschrieben und bei Partnerarbeiten hast du mich entweder von der Seite angestarrt oder mich mit Papierkügelchen beworfen!“
„Stimmt doch gar nicht! Manchmal habe ich dich auch mit deiner Fantasy-Sucht aufgezogen.“ grinste er und seine Augen funkelten. Ich musste einfach nur lachen.
„So sehr ich es auch genieße, dass ihr zwei euch nicht gegenseitig fertigmacht, wüsste ich doch ganz gerne, wer ihr seid und was ihr mit Dom und Lyric gemacht habt.“ unterbrach Harry uns und brachte mich damit wieder auf den Boden der Tatsachen. Ein ziemlich harter Sturz übrigens. Leider steckte in Harrys Worten eine Bedeutung, die weder er, noch Alberto, Matt oder Em verstehen konnten.
„Harry! Jetzt hast du es zerstört! Man hätte fast schon auf den Gedanken kommen können, dass die beiden sich mögen!“ beschwerte sich Em lautstark, was sowohl Alberto als auch Matt zum Lachen brachte. Ich war nicht zumScherzen aufgelegt. Unwillkürlich kamen wieder die alten Erinnerungen hoch und automatisch wanderte mein Blick zu Dom. Er hatte sich, zumindest äußerlich nicht besonders verändert. Die braunen Haare, die im Sommer dunkelblond waren, die braun-blauen Augen und dieses verdammte Grinsen. Früher hatte ich es immer als sympathisch empfunden, mittlerweile strotzte es nur so vor Arroganz.
Erschrocken stellte ich fest, dass Dom mich ebenfalls ansah.
Den Ausdruck in seinen Augen konnte ich nicht deuten, aber als er bemerkte, dass ich ihn ebenfalls ansah, drehte er sich, ebenso wie ich, schnell weg. Em hatte sich währenddessen der Aufgabe angenommen, Harry dafür rund zu machen, dass er uns unterbrochen hatte, was sowohl Alberto als auch Matt sehr belustigte.
„Wie wär‘s, wenn wir euch den Weihnachtsmarkt einfach mal zeigen? Er ist nichts Besonderes, aber auf der anderen Seite vom Platz gibt es ein paar Fahrgeschäfte und Spielbuden, die ganz lustig sind.“ Schlug Dom vor und zeigte in die Richtung eines Riesenrads, dass die Gebäude um den Platz bei weitem überragte.
Kurze Zeit später schlenderten wir also von Fahrgeschäft zu Fahrgeschäft und vor allem Em, Alberto und Harry hatten einen Mordsspaß. Matt erfreute sich mehr an den Spielbuden und gewann am laufenden Band. Dom hatte scheinbar auch seinen Spaß, doch manchmal sah er für einen Moment so aus, als ob er in eine Zitrone gebissen hätte. Ich selbst hatte mich gerade zu Matt gesellt, der zum zigsten Mal auf ein paar Dosen warf und versuchte den Hauptpreis zu gewinnen. Er hatte ziemlich gute Chancen.
„Hey, Lyric, kommst du mit ins Spiegelkabinett?“ rief Em und zeigte darauf. Sie grinste breit. Offenbar war die Geisterbahn, die sie gerade gefahren war, sehr lustig gewesen. Ich grinste zurück, verabschiedete mich kurz von Matt, der mich kaum zu bemerken schien, und lief zu ihr rüber. Ich liebte das Spiegelkabinett, was auch daran lag, dass Dom darin total hilflos war.
„Los geht’s!“ verkündete Alberto enthusiastisch und ignorierte Dom, der versuchte sich aus der Nummer raus zu reden, völlig. Wir gingen zum Kartenverkauf und ich grinste Mr. Thomas, der dieses Kabinett schon hatte seit ich ein kleines Kind war, breit an, als ich dran war.
„Ah, Lyric, es ist schön dich mal wieder zu sehen! Hast du wieder vor einen neuen Rekord aufzustellen?“ fragte er mich, als ich ihm die Karte aus der Hand nahm. Der Gedanke war zwar verlockend, aber nein.
„Da muss ich sie leider enttäuschen Mr. Thomas, aber ich bin sicher, meinRekord wurde längst gebrochen.“ Erwiderte ich lächelnd, woraufhin er nur den Kopf schüttelte und auf die Wand hinter sich zeigte.
„Nein, der letzte besteht noch. Es haben viele versucht, aber niemand hat es so schnell geschafft wie du.“ lächelte er. Tatsächlich hing an der Wand hinter ihm ein Bild von meinem jüngeren Ich, wie ich breit grinsend eine Stoppuhr in der Hand hielt und die Anzeige in die Kamera hielt. Das war in dem Jahr gewesen, bevor ich aufs Gymnasium kam. Ich lächelte Mr. Thomas nochmal an und ging dann zu den anderen, die schon auf mich warteten.
„Wieso kennst du den Besitzer?“ fragte Harry ehrlich interessiert.
„Sie hat sechs Mal einen Rekord aufgestellt. Den letzten hält sie bis heute.“ erklärte Dom, ehe ich überhaupt die Möglichkeit hatte den Mund zu öffnen.
„Kennt ihr vielleicht auch den Besitzer vom Auto Scooter?“ fragte Alberto. „Vielleicht dürfen wir dann umsonst fahren.“ Ich verdrehte grinsend die Augen. Es war typisch, dass Alberto sowas sagen musste. Ich kannte sie noch nicht lange, aber dennoch hatte ich Doms Kollegen schon etwas kennengelernt.
„Können wir dann?“ fragte Dom, der das Kabinett offenbar möglichst schnell hinter sich bringen wollte. Ich ließ den anderen den Vortritt, um mich selbst davon abzuhalten wieder durch die Gänge zu hetzten und doch zu versuchen einen neuen Rekord aufzustellen. Es lief eigentlich ganz gut. Dom hatte sich mal wieder hoffnungslos verlaufen und sah ziemlich verzweifelt aus. Harry erging es nicht viel besser, aber er nahm es mit Humor. Alberto hingegen hatte sich an Em gehängt, die erst zwei Mal gegen eine Wang gelaufen war. Ich stand nur ein paar Gänge vom Ausgang entfernt und beobachtete die anderen belustigt. Natürlich hätte ich schon rausgehen können, aber dann hätte ich den anderen nicht zuschauen können, was eigentlich der Witz an der Sache war.
„Lyric, wo geht’s lang?“ rief Harry halb verzweifelt halb amüsiert. Ich grinste ihn breit an.
„Ich gebe dir einen Tipp: du bist am nächsten am Ausgang, aber wenn du dich weiter an Em und Alberto orientierst ist dein Vorsprung ganz schnell Geschichte.“
„Häh? Dom ist doch viel näher bei dir.“ Stellte Harry verwirrt fest. Ich grinste breit. Ja, tatsächlich stand Dom nur einige Meter entfernt, aber mehrere Glaswände trennten uns, was Dom auch in der nächsten Sekunde zu spüren bekam, als er gegen eine der besagten Wände lief und sich den Kopf rieb. Harry hatte es auch gesehen und lachte seinen Kollegen herzhaft aus.
„Woher weißt du eigentlich, wo eine Wang ist und wo nicht? Ich seh rein gar nichts!“ beschwerte sich Alberto.
„Keine Ahnung, ich hab das einfach im Gefühl.“ kam die Antwort zweistimmig. Verwundert sah ich zu Dom, der die Schultern zuckte.
„Das sagst du jedes Mal.“ Antwortete er auf meinen fragenden Blick. Wirklich? War das echt meine Standartantwort? Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich auf diese Frage immer das gleiche Antwortete. Oder ich hatte es einfach vergessen, schließlich war es auch schon einige Zeit her, dass ich das letzteMal im Spiegelkabinett war.
„Geschafft!“ rief Em triumphierend, als sie neben mir stand. Alberto, der sich ja an ihre Fersen geheftet hatte, irrte inzwischen mindestens genauso orientierungslos herum wie Dom. Scheinbar waren beide komplett aufgeschmissen. Nur Harry hatte offenbar einen ungefähren Plan, auch wenn er ab und zu noch vor die ein oder andere Wand lief. Am Ende musste ich Alberto und Dom rausholen, während die anderen beiden schon mal draußen warteten. Wir hatten doch ziemlich viel Zeit im Kabinett verbracht. So viel Zeit, dass Matt inzwischen seinen Hauptpreis, einen riesigen Teddybären, gewonnen und sich an einen Glühweinstand in der Nähe verzogen hatte. Er telefonierte gerade, als wir zu ihm stießen. Die anderen bestellten sich einen Glühwein, während ich mir einen Kinderpunsch holte.
„Wieso nimmst du nicht auch einen Glühwein?“ fragte Alberto, nahm einen Schluck von seinem Getränk und verbrannte sich prompt die Zunge.
„Ich trinke keinen Alkohol.“ antwortete ich, woraufhin Em mir einen ungläubigen Blick zuwarf.
„Nicht mal Tequila?“ fragte sie scheinbar verzweifelt. Ich grinste.
„Nicht mal Tequila!“
„Das ist ein Verbrechen!“ behauptete sie daraufhin und zeigte anklagend mit dem Finger auf mich.
„Hast du irgendeinen bestimmten Grund dafür, oder bist du einfach nur eine Langweilerin.“ fragte Harry, lächelte aber um seine Worte abzuschwächen.
„Beides“ antwortete ich immer noch grinsend. „Mein Leben ist super langweilig und ich trinke keinen Alkohol, weil ich schon oft genug gesehen habe, wie das endet.“
„Und wie genau endet es, wenn man Alkohol trinkt?“ fragte Matt, der sein Telefonat offenbar beendet hatte.
„Ehe man sichs versieht hat man sich dran gewöhnt regelmäßig Alkohol zu trinken und auf der nächstbesten Party betrinkt man sich, macht irgendwelche peinlichen Sachen und geht mit jemandem ins Bett, mit dem man eigentlich nicht ins Bett gehen sollte. Am nächsten Morgen hat man einen Filmriss, hängt über der Toilette und schämt sich in Grund und Boden.“ fasste ich zusammen.
„Dafür das du keinen Alkohol trinkst hast du aber eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was unter Alkoholeinfluss alles passieren kann.“ warf Dom grinsend ein. Ich warf ihm ein gönnerhaftes Lächeln zu.
„Klar, schließlich konnte ich das jahrelang bei dir sehen. Ich will gar nicht wissen, wie oft dir genau das passiert ist.“ Ein Lächeln trat auf Doms Gesicht und er schien sich an diese Zeit zu erinnern.
„Ja, damals als Nicolas Anderson die besten Partys der ganzen Schule gegeben hat…“ Er stieß einen theatralischen Seufzer aus, ehe er innehielt und fragte: „Was ist eigentlich aus dem geworden?“ Ich verdrehte die Augen.
„Er hat Camilla Ramirez geheiratet und die beiden leben mit ihren vier Kindern in Edinburgh wo er eine Bar und sie eine Tanzschule hat.“ antwortete ich. Verdutzt sah Dom mich an.
„Woher weißt du das denn? Die beiden waren doch gar nicht auf deiner Schule.“
„Chelsea Avens hat mich zur WhatsApp-Gruppe deiner One Night Stands hinzugefügt, weil ich sie alle trösten musste.“ erklärte ich. „Ich war schon auf diversen Hochzeiten, bei denen du in einer der Reden erwähnt wurdest, weil dank dieser WhatsApp-Gruppe die Braut ihre beste Freundin gefunden hat.“ Während Dom so aussah als ob er mir kein Wort glauben würde, klopfte Alberto ihm anerkennend auf die Schulter.
„Verdammt, du musst ja ein richtiger Womanizer gewesen sein.“ grinste er. Die Geschichte schien ihn zu amüsieren.
„Wieso musstest du die ganzen Mädchen trösten?“ fragte Matt, leicht verwirrt.
„Weil ich das erste weibliche Wesen gewesen bin, was sie gesehen haben, nachdem sie den größten Fehler ihres Lebens begangen hatten. Mit Lucy konnten sie schlecht sprechen und ich hasse ihn genauso, wie sie es danach getan haben. Heute sind die meisten stolz drauf mit ihm geschlafen zu haben.“ erklärte ich.
„Irgendwie bist du seltsam.“ stellte Harry pragmatisch fest.
„Danke“ antwortete ich einfach.
„Du hast eine sehr verwirrende Persönlichkeit.“ ergänzte Matt.
„Nochmal; Danke“
„Du bist mir wirklich sympathisch!“ kam es vom Alberto. Was war denn jetzt los.
„Danke?“ es klang ein wenig wie eine Frage, was er aber geflissentlich ignorierte.
„Was auch immer das werden soll; verschiebt es auf später.“ ordnete Em an. „Mir ist kalt und ich habe Hunger.“
„Wir könnten uns Langos hohlen und einen neuen Glühwein.“ überlegte Dom. Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung, hielt dann aber in der Bewegung inne und fixierte einen Punkt hinter ihm, bevor ich mich wieder zu den anderen drehte.
„Wenn ihr mir sagt was ihr wollt, hole ich das Langos.“ bot ich, scheinbar liebenswürdig an.
„Du willst sechs Langos alleine hohlen?“ fragte Matt skeptisch. Ich legte ein engelsgleiches Lächeln auf, was mir von Dom und Harry misstrauische Blicke einbrachte.
Alberto dagegen fand mein Angebot scheinbar super: „Ich nehme einen mit allem herzhaften was sie dahaben. Moment, ist Langos männlich oder weiblich? Oder vielleicht ist es divers?“ Während die anderen mir auch zögernd ihre Wünsche mitteilten beschäftigte sich Alberto also mit der Frage, welches Geschlecht Langos hatte.Ich warf immer mal wieder einen Blick über Doms Schulter und wartete ungeduldig darauf, dass auch Harry sich entschied, was er haben wollte. Er wurde gerade noch rechtzeitig fertig.
Ich verabschiedete mich schnell mit einem „Viel Spaß mit euren Fans!“ dann verschwand ich in der Menschenmenge. Ich drehte mich nochmal schnell um und sah, dass die Schauspieler inzwischen von einer großen GruppeTeenager-Mädchen belagert wurden, die schon die ganze Zeit zu uns rüber geschaut hatten. Anscheinend konnten sie ihr Glück kaum fassen, die Shadowunters-Stars zu treffen und besonders Dom schien es ihnen angetan zu haben. Der genoss das ganze auch ausgiebig und hatte die ganze Zeit ein charmantes Lächeln auf den Lippen, bei dem die Mädchen beinahe in Ohnmacht fielen. Zum Glück hatte ich mich rechtzeitig aus dem Staub gemacht, denn auf sowas konnte ich wirklich verzichten.
Ich stellte mich in die Schlange und zog mein Handy aus der Tasche. Mit einem Blick erkannte ich, dass die fünf gerade eifrig dabei wahren Autogramme zu verteilen.Immer mehr Leute wurden auf sie aufmerksam und das ganze entwickelte sich in eine Richtung, die mir gar nicht gefiel. Wenn ich wieder zu den anderen zurückkommen würde, dann müsste ich mich in diese Menschenmasse begeben und da hatte ich keine Lust drauf. Ich suchte in meinen WhatsApp-Kontakten, bis mir einfiel, dass ich die Nummer von keinem der fünf hatte. Kurzerhand bat ich Mum mir Doms Nummer zu schicken, auch wenn es mir widerstrebte. Sie antwortete glücklicherweise sofort und ich speicherte ihn, auch sehr widerwillig, als ‚Kotzbrocken‘ ein. Dann rief ich an. Er nahm nicht sofort ab, was auch kein Wunder war, da er das Klingeln wahrscheinlich gar nicht gehört hatte. Ich sah, wie Matt ihn darauf aufmerksam machte, dass er angerufen wurde. Mittlerweile war es wirklich schwer sie noch zu sehen, aber ich war etwas größer als der Durchschnitt und da es bei Matt und Dom nicht anders war, konnte ich zumindest ihre Köpfe noch sehen.
Dom nahm ab.
„Dominic Sherwood, wer ist da?“ fragte er leicht misstrauisch. War klar. Wahrscheinlich dachte er bei einer unbekannten Nummer gleich, dass es irgendein Fan war, der seine Nummer irgendwie bekommen hatte. Er konnte ja nicht wissen, dass die Anruferin, also ich, alles andere als ein Fan war.
„Wenn du dich schon mit ‚Dominic‘ meldest, kannst auch gleich noch das ‚Anthony‘ dazunehmen.“ meldete ich mich auch mal und sah wie Dom sich in meine Richtung drehte.
„Was verschafft mir die Ehre, dass du es riskierst mir deine Nummer preis zu geben?“ fragte er und sah mich mit erhobenen Augenbrauen an. Wie er es so schnell geschafft hatte mich in der Menge ausfindig zu machen, war mir ein Rätsel.
„Oh bitte, wenn du mich nervst stelle ich deine Nummer online, also riskiere ich hier gar nichts.“ antwortete ich. „Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich nach Hause fahre.“
„Wieso?“ kam es verwundert zurück. Diesmal war nur eine Augenbraue erhoben.
„Weil ich keinen Bock auf ein Shadowhunters-Fantreffen habe, was sich gerade um euch rum zusammenbraut.“ erklärte ich.
„Oh nicht eifersüchtig werden, du bist immer noch die Einzige für mich, da können noch so viele Fans kommen.“ säuselte er, woraufhin Matt ihm einen verwirrten Blick zuwarf.
„Ja, klar, träum weiter.“
„Oh du musst doch nicht leugnen, dass du mich insgeheim toll findest.“
„Man soll nicht von sich auf andere schließen.“
„Ich finde mich aber nicht toll, ich weiß, dass ich toll bin!“
„Das wird mir hier zu blöd. Nehmt einfach Em mit zurück!“ damit nahm ich mein Telefon vom Ohr und hielt es so, dass Dom es sehen konnte, bevor ich demonstrativ langsam auflegte. Er schüttelte tadelnd den Kopf, wurde dann aber wieder von seinen Fans abgelenkt. Ich machte mich auf den Weg nach Hause. Alleine Langos zu essen war blöd.

Nachdem ich die Einkaufstüten in meins und Ems Zimmer geräumt hatte, wir hatten sie zum Pick-Up gebracht, ehe wir uns mit den Jungs getroffen hatten, schmiss ich mich aufs Bett. Es war drei Uhr nachmittgas undeigentlich wollte ich mich jetzt um Doms Geschenk kümmern, doch dazu hatte ich reichlich wenig Lust, weshalb ich beschloss einfach eine Runde zu schlafen.

Diesmal wurde ich mit einem Glas Wasser im Gesicht geweckt. Ich fuhr hoch und funkelte Alberto, Harry, Em, Matt und Dom, die um mein Bett herumstanden, wütend an. Sie lachten.
„Raus“ knurrte ich und musste ziemlich, ziemlich, ziemlich wütend ausgesehen haben, denn das Lachen verstummte und sie verkrümelten sich schnellst möglich. Sauer wischte ich mir die nassen Haare aus der Stirn.
Ein paar Minuten später stapfte ich, stink wütend, ins Wohnzimmer. Man musste mir meine Laune mehr als nur deutlich ansehen. Als erstes lief ich direkt auf Dom zu, der lässig auf dem Sofa saß. „Aufstehen“ knurrte ich und offensichtlich musste ich wirklich sehr furchteinflößend ausgesehen haben, denn er tat es. Nun war er zwar größer als ich aber das störte mich nicht im Geringsten. „Wag es noch einmalmein Zimmer zu betreten und ich habe ein Erpressungsmittel weniger!“ drohte ich ihm und stieß meinen Zeigefinger immer wieder in seine, leider ziemlich muskulöse, Brust. Ich hatte zwar keine ewig langen, perfekt manikürten Fingernägel, aber die Wucht mit der ich zustieß machte das wieder weg. Dann drehte ich mich wütend zu den anderen um. „Das hätte wirklich nicht sein müssen! Womit habe ich das bitte verdient?“ verlangte ich zu wissen und stemmte beide Hände in die Hüfte.
„Du hast uns einfach so mit der Meute alleine gelassen.“ Erklärte Alberto und versuchte möglichst gelassen zu wirken, obwohl er wohl Angst hatte, dass ich ihm gleich den Krug Wasser über den Kopf kippen würde, der auf dem Esstisch stand.
„Natürlich habe ich euch alleine gelassen! Das waren eure Fans! Denkst du ich bin so blöd und lasse mich von Groupies zerquetschen?“ fragte ich aufgebracht. Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wer sagt denn was von zerquetschen? Wir leben doch alle noch.“ warf Harry ein. War ihm klar, dass das ein Schuss in den Ofen war, wenn er mich damit beruhigen wollte. Langsam dachte ich tatsächlich über die Idee mit dem Krug nach, auch wenn ich mir noch nicht sicher war, wer das Wasserabbekommen würde.
„Weißt du eigentlich, dass du extrem furchteinflößend sein kannst?“ fragte Em, die sich keiner Schuld bewusst zu sein schien und eher so aussah, als wolle sie wissen, wie ich das machte.
„Ja, das beruht auf jahrelanger Übung. Ist auch eine sehr erfolgreiche Methode an jedes Interview zu kommen, das ich gerne hätte.“ sagte ich.
„Ach ja, wieso hast du mich dann noch nie vors Mikro bekommen?“ fragte Dom dicht über meinem Ohr. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich genau vor ihm stand. Ich konnte sogar seine Körperwärme spüren und wenn ich mich nur ein kleines Bisschen nach hinten gelehnt hätte, hätte ich mit meinem Rücken an seiner Brust gelehnt.
„Wenn mir jemand ein Interview mit dir anbieten würde, dann würde ich Dinge tun, für die man mich wahrscheinlich in eine geschlossene Anstalt einweisen lassen würde!“ sagte ich. „Und jetzt rück von mir ab, oder dein Schienbein wird nie wieder dasselbe sein!“
„Du steckst heute wirklich voller Drohungen…“ flüsterte er mir ins Ohr, ehe er sich wieder auf die Couch fallen ließ.Ich hatte große Lust zu ihm herum zu wirbeln und ihm die Meinung zu geigen, erneut, aber ich wusste, dass das genau das war, was er wollte.
Daher atmete ich einmal tief durch und wandte mich dann betont freundlich an Mum, die gerade den Raum betrat.
„Mum, gibt es irgendeinen bestimmten Grund, weshalb man mich aus meinem wohlverdienten Nickerchen reißen musste?“ fragte ich, da ich wahrscheinlich wieder angefangen hätte zu schreien, hätte ich einen der anderen gefragt. Ich hatte mich in den letzten paar Minuten genug aufgeregt, das musste fürs erste reichen.
„Ich habe sie nicht darum gebeten.“ antwortete meine Mutter schlicht und verschwand dann schnell wieder in die Küche, weshalb auch immer.
„Wieso war es nötig mich zu wecken?“ fragte ich, wobei meine Stimme erneut einem Knurren ähnelte.
„Wir wollten essen gehen und danach in einen Club und Dom meinte, dass du im Leben nicht mitkommen würdest.“ erklärte Em. Sie ignorierte immer noch geflissentlich, dass ich auch auf sie sauer war.
„Da hat er ausnahmsweise mal Recht.“ antwortete ich wütend.
„Deshalb haben wir ja auch den Plan geändert.“ warf Matt beschwichtigend ein.
„Ja, wir haben was beim Asiaten bestellt.“ ergänzte Harry.
„Und wir spielen Wahrheit oder Plicht!“ rief Alberto begeistert. Das war doch jetzt nicht sein Ernst! Wir waren doch keine zwölf mehr!
Offenbar musste man mir meine Entgeisterung angesehen haben, denn Harry und Matt mussten sich ein Grinsen verkneifen, während Em strahlte und Alberto noch immer total überzeugt von seiner Idee schien. Ein Glück konnte Dom mein Gesicht nicht sehen, sonst hätte er jetzt sicherlich angefangen zu lachen.
„No way!“ stellte ich klar. „Ach komm schon, wir haben bei deinemLieblingsladen bestellt und außerdem haben wir uns auch bereiterklärt mitzumachen, also sei keine Spaßverderberin!“ kam es von hinter mir.
„Mach dich nicht lächerlich, du hast nur bei meinem Lieblings-Asiaten bestellt, weil es auch dein Lieblingsasiate ist!“ stellte ich klar, sagte aber nichts weiter zu der Wahrheit oder Plicht-Idee, da mir klar war, dass ich sowieso nicht mehr aus der Nummer rauskommen würde.
„Na und? Ich hätte auch einfach woanders bestellen können, nur um dich zu ärgern.“ erwiderte Dom grinsend. Wieso genau unterhielt ich mich nochmal mit ihm?
„Dafür bist du viel zu egoistisch.“ Entgegnete ich, ließ mich dann aber geschlagen in einen der gemütlichen Sessel sinken und beschloss, dass es nichts brachte weiter mit Dom zu streiten. Außerdem war ich, trotz der unfreiwilligen Dusche, immer noch müde.
„Dann wäre das ja geklärt!“ verkündete EM fröhlich und klatschte begeistert in die Hände. Sie war wirklich eine wahre Frohnatur.
Eine halbe Stunde später hatten wir unser Essen gerade vertilgt, Mum und Dad waren rüber zu Carter und Lucy gegangen und die Anderen hatten beschlossen eine Flasche Wein zu öffnen. Na gut, eigentlich hatte nur Em das beschlossen, aber sie hatte matt und Harry überreden können mit zu trinken und Dom und Alberto hatten es sich mit Whisky auf dem Sofa gemütlich gemacht. Ich hatte Wasser.
„Also, wer fängt an?“ fragte Em erwartungsvoll und nippte an ihrem Rotwein.
„Ich!“ rief Alberto sofort und bevor noch irgendjemand etwas sagen konnte fragte er auch schon: „Em, Wahrheit oder Pflicht?“
„Wahrheit“ antwortete sie selbstbewusst.
„Wer von uns vier“ er zeigte abwechselnd auf Harry, Matt, Dom und sich selbst „ist der Hübscheste?“
Es dauerte genau zwei Sekunden, ehe sie antwortete: „Du“ Daraufhin brach Alberto natürlich erstmal in einen Freudentanz aus.
„Jetzt krieg dich mal wider ein.“ kam es irgendwann leicht genervt von Matt. Tatsächlich kam der Angesprochene langsam wieder zur Ruhe und ließ sich breit grinsend aufs Sofa fallen.
„Sehr gut, dann können wir ja jetzt weiter machen.“ Stellte Em erleichtert fest. „Lyric, Wahrheit oder Pflicht?“
Ich überlegte einen Moment, ehe ich antwortete: „Pflicht“ Mir war wirklich nicht danach jetzt irgendwelche Sachen über mich zu erzählen, die ich eigentlich gar nicht erzählen wollte. Vielleicht später, wenn die anderen schon mehr Alkohol intus hätten.
Auch Em musste kurz überlegen, ehe sie einen Blick auf ihr beinahe leeres Glas warf, dann auf die Weinflasche auf dem Couchtisch und dann zu mir.
„Hol uns doch bitte noch eine Flasche Wein, das hier könnte länger dauern.“ bat sie mich. Etwas widerwillig stand ich auf, denn eigentlich wollte ich mich nicht bewegen.
„Irgendwelche Vorlieben?“ fragte ich, woraufhin Em natürlich sofort erwiderte, dass ich doch bitte einen trockenen Rotwein bringen sollte. Als ich diese überaus schwierige Aufgabe erledigt hatte, wandte ich mich erneut an Em.
„Wahrheit oder Pflicht?“
„Wahrheit“ kam es wie aus der Pistole geschossen.
„Wer von den Jungs nervt dich am meisten?“ fragte ich. Das war möglicherweise eine gemeine Frage, aber die Antwort interessierte mich schon sehr. Eigentlich kamen ja nur Alberto und Dom infrage, aber ich ließ mich auch gerne überraschen.
„Alberto“ antwortete Em nach kurzem Überlegen. „Dom hat sich meistens darauf beschränkt Kat zur Weißglut zu treiben.“ erklärte sie nachträglich. „Harry, Wahrheit oder Pflicht?“
„Pflicht“ antwortete Harry ruhig. Em überlegte wieder doch ihr schien nichts Gutes einzufallen, schließlich hatte sie inzwischen schon ihren Wein.
„Keine Ahnung, habt ihr irgendwelche Ideen?“ fragte sie schließlich in die Runde. Stille. Offenbar waren wir ziemlich unkreativ. Ich war mir zwar sicher, dass sich das im Laufe des Abends noch ändern würde, spätestens wenn die zweite Flasche Wein geleert wäre, doch das brachte uns im Moment auch nicht weiter.
„Tanz uns doch was vor.“ schlug ich vor, als ich mich daran erinnerte, dass Harry in zwei ‚Step Up‘ Filmen mitgespielt hatte. Da niemand eine bessere Idee hatte, durften wir uns nun also eine großartige Tanzvorführung ansehen, für die Harry sogar Applaus bekam.
„Dom, Wahrheit oder Pflicht?“ fragte Harry und ich verkrampfte mich leicht, da ich für einen Moment vergessen hatte, dass er auch noch im Raum war.
„Pflicht“ antwortete Dom und er hatte mal wieder dieses schrecklich arrogante Grinsen im Gesicht, dass ich ihm jedes Mal am liebsten aus der Visage geschlagen hätte.
„Mach hundert Liegestütze!“ verlangte Harry. Etwas widerwillig erhob Dom sich, kippte den Rest seines Whiskys runter und machte dann seine hundert Liegestütze. Ich sah weg. Leider konnte ich einfach nicht leugnen, dass Dom verdammt gut aussah. Es war einfach eine Tatsache. Er machte die Liegestütze mit einer Leichtigkeit, die ich selbst ihm nicht zugetraut hätte, denn ich würde spätestens nach dreißig nicht mehr können. Doch Dom machte sie als wäre es nichts. Er sah noch nicht einmal angestrengt aus.
Als er fertig war, klopfte er sich kurz die Hände ab und zog dann seinen Pullover aus. Ich hätte ihn umbringen können! Es viel mir echt verdammt schwer wegzusehen, denn Doms Sixpack war wirklich sehr ansehnlich. Außerdem waren seine Oberarme doppelt so dick wie meine und insgesamt schien er kein Gramm Fett am Körper zu haben, obwohl ich natürlich wusste, dass das nicht stimmte. Nicht aus Erfahrung oder so, Gott bewahre, aber ich wusste, dass man starb, wenn weniger als 3% des Körpers aus Fett bestanden.
„Du wirst hier niemanden mit deinem Körper beeindrucken können, also zieh den Pullover wieder an.“ kommentierte Matt leicht amüsiert.
„Stimmt, wir haben dich alle schon oft genug oberkörperfrei gesehen.“ stimmte Em zu.
„Ach wisst ihr, mir ist einfach nur warm.“ antwortete Dom und ließ sich wieder auf das Sofa sinken, wie ich aus dem Augenwinkel sehen konnte. Seinen Pullover zog er nicht wieder an.
„Also Em, Wahrheit oder Pflicht?“ fragte Dom.
„Wahrheit“
„Wer küsst besser; Alberto oder Royce?“ fragte er, wobei mit ‚Royce‘ natürlich Ems Mann gemeint war. Die beiden waren schon lange zusammen, doch geheiratet hatten sie erst November 2018. Woher ich das wusste? Man bekam so einiges mit, wenn man in meiner Branche tätig war. Außerdem arbeitete ich den größten Teil des Tages in einem Großraumbüro, in dem solche Informationen geradezu durch die Gegend flogen.
„Royce natürlich!“ antwortete Em empört, als wäre es schon eine Frechheit eine solche Frage überhaupt nur zu stellen. Alberto warf ihr einen schmollenden Blick zu, doch wir wussten alle, dass er es nur vorspielte. „Wahrheit oder Pflicht?“ fragte Em Dom, der sich gerade ein neues Glas Whisky eingeschenkt hatte.
„Wahrheit, ich habe keine Lust mich schon wieder zu bewegen.“ antwortete er und nahm einen Schluck. Offenbar hatte Em aber mit Pflicht gerechnet, denn sie hatte keine passende Frage parat, weshalb sie einen fragenden Blick in die Runde warf.
„Wieso haben du und Sarah euch wirklich getrennt?“ fragte ich, da mich das wirklich interessierte. Ich hatte Sarah zwar nur einmal getroffen, auch zu Weihnachten, als sie und Dom zur selben Zeit wie ich dagewesen waren, aber ich hatte den Eindruck gehabt, dass Dom wirklich etwas an ihr lag. Sie waren ein schönes Paar gewesen, auch wenn Sarah mich nicht leiden konnte. Sie hatte mich einmal beiseite genommen und mir vorgeworfen, mich an Dom ran zu machen und mir geraten das tunlichst zu unterlassen. Auch wenn dieses Aufeinandertreffen vor ein paar Jahren also einen etwas bitteren Beigeschmack hatte, hatte ich sie gemocht. Klar, Sarah war nicht gerade nett zu mir, aber das hieß ja nicht, dass sie gleich ein schlechter Mensch war. Im Gegenteil; ich war der Meinung, dass sie sogar ein sehr guter Mensch war. Wir hatten uns einfach nur auf dem falschen Fuß erwischt.
Dom zögerte. Es war offensichtlich, dass er nicht mit dieser Frage gerechnet hatte und die Antwort ihm auch Unbehagen bereitete. „Sarah war der Meinung, dass ich einer anderen Frau zu viel meiner Aufmerksamkeit schenken würde, außerdem haben wir uns irgendwie außeinander gelebt, mit den verschiedenen Drehorten und dem ständigen Reisen.“ antwortete er. Letzteren Grund kannte ich schon, da beide es in diversen Interviews gesagt hatten und natürlich hatte die Hälfte meiner Kolleginnen gleich angefangen darüber zu tratschen, dass der gutaussehende Dominic Sherwood wieder Single war. Viele meiner Kolleginnen waren Mitte zwanzig, ledig und erhofften sich durch ihren Job bei einem der ganz großen Stars zu landen. Da war Dom natürlich einer der Favoriten. Schließlich sah er nicht nur gut aus und war erfolgreich, sondern kam auch noch aus England.
Es war kurz Stille eingetreten, doch Dom durchbrach diese, indem er Albertofragte. Dieser nahm Wahrheit. „Wer küsst besser; Kat oder Em?“ fragte Dom.
Alberto überlegte und er schien wirklich überlegen zu müssen, denn er wiegte seinen Kopf mindestens eine halbe Minute von der einen Seite auf die andere und hatte einen Denkerblick drauf.
„Schwierig schwierig, aber ich denke ich bevorzuge Em, auch wenn die Erinnerungen an Kats Kusskünste schon etwas verblasst sind.“ Äußerte er seine Gedanken dann doch noch.
„Also ich kann mich noch sehr gut daran erinnern wie gut Kat küsst, aber mit Em hatte ich ja nie das Vergnügen.“ sinnierte Dom, woraufhin Em ihm einen Vogel zeigte.
„Dom, Wahrheit oder Pflicht?“ fragte Alberto.
„Wahrheit“
„Bist du momentan verliebt?“
„Ernsthaft? Sind wir jetzt wieder in der Grundschule?“ entrüstete Dom sich über diese Frage.
„Das Frage ich mich schon seit Alberto vorgeschlagen hat Wahrheit oder Pflicht zu spielen.“ murmelte ich. Es hatten zwar alle gehört, aber keiner ging darauf ein, stattdessen hob Alberto nur fragend die Augenbrauen Richtung Dom.
„Möglicherweise“ antwortete dieser schließlich wage. Auf den entrüsteten Blick den er daraufhin erntete fügte er noch hinzu: „Ich bin mir selbst nicht sicher.“ Dabei drehte er sein Glas in den Händen und starrte nachdenklich hinein.
„Oh, wer ist denn die Glückliche?“ wollte Em aufgeregt wissen.
„Also erstens wurde mir schon eine Frage gestellt und zweitens tut das eh nichts zur Sache, weil ich sowieso keine Chance habe, also ist es eigentlich auch egal.“ stellte Dom leicht angepisst fest. Dann wandte er sich demonstrativ von Em ab und fragte Matt: „Wahrheit oder Pflicht?“
„Wahrheit“ antwortete dieser. Dom überlegte.
„Was war das Peinlichste, was dir jemals an einem Filmset passiert ist?“ fragte er. Harry prustete los, während Matt puterrot anlief, was zugegeben, irgendwie süß aussah, mal ganz davon abgesehen, dass Matt definitiv nicht mein Typ war.
„Da hatte ich einen langen Drehtag und war müde und ich sollte noch eine Szene mit Harry drehen. Auf jeden Fall bin ich dabei eingeschlafen, wir lagen im Bett und hab gesabbert und geredet.“ gab er widerwillig zu. Okay das war, meiner Meinung nach jetzt nicht so peinlich. Harry sah das anscheinend anders, aber gut. Es gab eben einfach Situationen die nur in dem Moment lustig waren und wenn man sie später jemandem erzählte hörte es sich total langweilig an.
„Alberto, Wahrheit oder Pflicht?“ fragte Matt schnell, da es ihm scheinbar wirklich peinlich war.
„Pflicht“ antwortete Alberto sicher.
„Sag die letzten fünf Sätze aus den Büchern auf!“ verlangte Matt.
Was daran jetzt so lustig sein sollte verstand ich auch nicht, doch auf meinenverwirrten Blick hin erklärte Em: „Cassie hat ihn gezwungen das gesamte letzte Kapitel auswendig zu lernen, um zu beweisen, dass er sich überhaupt so viel merken kann, er hat nämlich ständig seinen Text vergessen.“ Ah okay, dann machte das ganze auch Sinn. Alberto sah total hilflos aus. Schließlich zuckte er geschlagen die Schultern.
„Keine Ahnung“
„War ja klar, dass du das weißt“, bemerkte Clary liebevoll und lehnte sich an ihn, während er das Buch in seinen Händen wog.
Magnus hatte ein Feuer entzündet, das nun prasselnd am Ufer brannte und Funken gen Himmel sandte. Der Schein der Flammen tanzte über Isabelles roten Anhänger, als sie den Kopf zu Simon drehte und ihm etwas zuflüsterte. Und er spiegelte sich im Glanz von Magnus‘ leuchtenden Augen und auf der Wasseroberfläche des Sees und verwandelte die flachen Wellen in goldene Wogen. Und er hob die Worte hervor, die auf der Rückseite des Codex standen, während Jace sie Clary leise vorlas, seine Stimme so sanft wie Musik in der glitzernden Dunkelheit:

„Frei dienen wir, weil wir freiwillig auch

Ihn lieben, weil’s in unserm Willen liegt

Zu lieben oder nicht, was unser Glück,

Was unser Fall ist.“

“ zitierte ich. Vier Augenpaare sahen mich überrascht an, während ich Doms Blick nicht deuten konnte. „Ist halt eines von meinen Lieblingsbüchern und jegliche Szenen mit Jace und Clary sind meine Lieblingsszenen. Außer natürlich die eine wo Simon tot ist.“ erklärte ich. Auf meinen Kommentar mit Simon ging keiner ein, was auch besser so war.
„Wahrheit oder Pflicht, Matt?“ fragte Alberto, womit sich die unangenehme Situation, die kurzzeitig entstanden war, wieder auflöste. Das war aber auch wirklich komisch gewesen, wie ich mir eingestehen musste. Ich war wohl einfach ein Nerd.
„Wahrheit“ antwortete Matt, wenn auch etwas widerwillig.
„Wann warst du das letzte Mal so richtig besoffen?“ wollte Alberto wissen.
„Gestern?“ antwortete Matt zögernd. Na wenn er das selbst nicht wusste, wer denn dann? „Wahrheit oder Pflicht, Lyric?“
„Wahrheit“ antwortete ich nach kurzem Überlegen.
„Welche ist deine liebste Shadowhunters-Folge?“ fragte Matt, woraufhin ich nicht wusste was ich antworten sollte.
„Äh“ brachte ich heraus, ehe ich mich entschied einfach die Wahrheit zu sagen, so wie es von mir verlangt wurde. „Ich habe ‚Shadowhunters‘ nicht geguckt.“
„Was?!“ kreischte Em empört so laut, dass ich beinahe einen Tinitus bekam. Okay, immer ruhig bleiben, es gab schließlich keinen Grund hier jemanden zu verletzten, obwohl ich mir nicht ganz sicher war wie es hieß, wenn man für den Tinitus eines Mitmenschen verantwortlich war.
„Ich dachte du liebst die Chroniken der Unterwelt!“ fragte Harry sichtbar verwirrt.
„Tu ich ja auch.“ antwortete ich mit einem Schulterzucken. „Ich schau nur nichts an, wo Dom mitspielt.“
„Wow, dein Hass muss wirklich tief liegen.“ spottete dieser sofort. Ich warf ihm einen wütenden Blick zu. Er wusste ganz genau, dass ich ihn genauso wenig leiden konnte wie er mich, also sollte er auch wissen, weshalb ich das tat, was ich nun mal tat!
„Wahrheit oder Pflicht, Dom?“ fragte ich und wir wussten beide, was er nehmen würde.
„Wahrheit“ antwortete er bemüht locker. Leider musste ich mir eingestehen, dass es echt schwer war Dom mit meinen Blicken zu erdolchen, wenn ich mich die ganze Zeit darauf konzentrieren musste, dass ich nicht auf seinen Oberkörper starrte, was wirklich verdammt schwer war. Wieso musste er auch so gut aussehen?
„Wieso hasst du mich so?“
„Liegt das nicht auf der Hand?“ fragte er und zog spöttisch eine Augenbraue hoch.
„Nein“ hielt ich eisern dagegen. Ich wusste ehrlichgesagt nicht mal, ob ich die Antwort auf diese Frage überhaupt wissen wollte.
„Weil du mich hasst.“ antwortete Dom schlicht, aber so wollte ich ihn nicht davonkommen lassen.
„Nein, du hast damit angefangen, also nochmal; warum hasst du mich so?“ Ich sah wie kurz etwas in seinen Augen aufflackerte, aber es verschwand zu schnell wieder, als dass ich es hätte deuten können.
„Nein, du hast angefangen, davor habe ich dich vielleicht für lächerlich gehalten, aber gehasst habe ich dich erst, als du angefangen hast mich zu hassen.“ antwortete er und nahm mir damit den Wind aus den Segeln. Es war still im Wohnzimmer. Ungläubig sah ich Dom an. War wirklich ich schuld an allem? Nein, nein, ganz sicher nicht! Er hatte angefangen und das wussten wir beide. Er hatte die Fakten einfach nur zu seinen Gunsten verdreht, so einfach war das.
„Vielleicht endet nicht immer alles wie im Märchen, aber eine ganz normale Geschichte mit Happy End tut es auch.“ sagte ich. Es reichte vollkommen, dass Dom und ich wussten, was ich damit sagen wollte.
„Wahrheit oder Pflicht, Lyric?“ fragte Dom mich.
„Pflicht“
„Sei für achtundvierzig Stunden nett zu mir und ich werde es auch sein. Sagen wir der 24 und 25. Dann haben alle was davon und wir verderben niemandem Weihnachten.“ Das verlangte er doch jetzt nicht wirklich? War er eigentlich noch ganz bei Trost? Vor allem; was bezweckte er damit?
Leider viel mir kein guter Grund ein, weshalb ich diese Aufgabe nicht machen müsste, also nickte ich leicht, ehe ich mich Alberto zuwandte.
„Wahrheit oder Pflicht?“
„Pflicht“
„Hol mir bitte meinen Laptop aus meinem Zimmer.“ sagte ich leise. Er warf mir zwar einen verwirrten Blick zu, machte sich aber auf den Weg und kam kurze Zeit später wieder runter. Wortlos hielt er mir das Gerät hin. Ich legte es auf den kleinen Beistelltisch, der neben meinem Sessel stand. Wenn ich freundlich zu Dom sein musste, dann sollte ich mir mit seinem Geschenk wahrscheinlich auch Mühe geben und das ging nun mal nur mit meinem Laptop.
„Wahrheit oder Pflicht, Lyric?“
„Wahrheit“
„Wozu brauchst du jetzt deinen Laptop?“
„Ich muss noch ein Weihnachtsgeschenk fertigstellen und das geht nur mit meinem Laptop.“ erklärte ich. „Wahrheit oder Pflicht, Matt?“
„Pflicht“
„Hol mir Schokolade. Die liegt in dem Schrank gleich rechts neben der Küchentür.“ Wies ich ihn an. Wenn die Anderen Alkohol tranken, musste ich meinen Kummer jetzt eben in Schokolade ertränken. Machte das irgendeinen Sinn? Nein, wahrscheinlich nicht. Aber egal, solange es für mich Sinn ergab war ja alles in bester Ordnung.
Matt holte meine Schokolade, Zartbitter mit Mandelsplittern und Orange, und ließ sich dann wieder auf seinen Sessel sinken, ehe er mich wieder fragte. Wieso wurde denn jetzt dauernd ich dran genommen, konnte mir das mal jemand erklären?
„Wahrheit“ antwortete ich.
„Wer ist dein Lieblingsschauspieler, abgesehen von uns?“ Na endlich mal eine leichte Frage! Okay, eigentlich war sie ziemlich schwer, aber zumindest nicht unangenehm.
„James und Oliver Phelps und Jamie Campbell Bower.“ antwortete ich. Ich hatte einfach ein Faible für britische Schauspieler.
„Wahrheit oder Pflicht, Harry?“ fragte ich, in der Hoffnung, dass er mich nicht gleich wieder zurückfragen würde.
„Pflicht“ Man, mir gingen langsam die Aufgaben aus!
„Irgendwelche Ideen?“ fragte ich in die Runde. Am Ende durfte Alberto ‚Umbrella‘ von Rihanna singen, was gar nicht mal schlecht klang. Die Idee war überraschenderweise von Matt gekommen.
„Wahrheit oder Pflicht, Harry?“ fragt Alberto nachdem er fertig war und einen kleinen Applaus bekommen hatte.
„Wahrheit“
„Welchen Step Up-Film findest du besser, den zweiten oder dritten?“ Ich mochte den zweiten mehr und hielt den dritten für absoluten Schwachsinn, aber das war ja nur meine Meinung.
„Den zweiten.“ verkündete Harry. So sehr ich mich auch über diese Antwort freute, schaltete ich doch irgendwann ab. Es war langweilig und da ich auch nicht mehr gefragt wurde drifteten meine Gedanken immer mehr ab.

Irgendwann hatten Matt und Harry sich dann als erste ins Bett verabschiedetund Alberto und Dom waren auch schon ziemlich angeheitert. Zu viel Whisky würde ich sagen. Em hatte im Laufe des Abends auch die dritte Flasche Wein halb geleert und meine Eltern waren längst wieder da.
Ich hatte inzwischen meinen Laptop aufgeklappt und war am Schreiben, schließlich kam Doms Geschenk nicht von irgendwoher. Innerlich verfluchte ich diesen bescheuerten Packt, den wir in der dritten Klasse geschlossen hatten. Zwar hatte ich ihn schon seit mehreren Jahren nicht mehr einhalten müssen, da ich Dom sowieso nichts zum Geburtstag oder zu Weihnachten schenkte, aber jetzt nervte er mich doch sehr. Irgendwann, als ich selbst auch schon ziemlich müde war, ging auch Em ins Bett. Eigentlich hatte ich das gleiche vor, aber ich wollte meine kreative Phase, die meistens Nachts auftrat, ausnutzen. Also war es wohl nicht verwunderlich, dass ich irgendwann einschlief.

Ich wurde von meinem schmerzenden Rücken geweckt, wenn man das denn so nennen konnte. Tja, jedenfalls tat mein Rücken halt verdammt weh und dadurch war ich aufgewacht. Als ich die Augen öffnete sah ich, dass es noch dunkel war. Es musste wirklich noch ziemlich früh sein. Mein Laptop lag wieder auf dem Beistelltisch und war zugeklappt. Außerdem hatte jemand eine Decke über mich gelegt. Vermutlich Alberto, als er hoch gegangen war.
Ich streckte mich, wobei mein Rücken ein paar Mal laut knackte. Na danke auch.

Nachdem ich geduscht und angezogen war machte ich mich wieder auf den Weg nach unten. Wie ich festgestellt hatte, war es gerade mal 6 Uhr morgens, was zwar nicht ganz so früh war, wie ich erwartet hatte, aber trotzdem noch zu früh, als dass man mich als Lebewesen bezeichnen könnte, gerade wenn ich so wenig geschlafen hatte wie heute. Gott, was war nur aus mir geworden? Noch vor ein paar Tagen hatte ich kaum Zeit zum Schlafen, von Essen gar nicht zu sprechen, und nun beschwerte ich mich, weil ich nicht lange genug schlafen konnte? Da stimmte wirklich was nicht!
Ich beschloss zum Bäcker zu gehen und Brötchen zu kaufen. Soweit ich das gestern mitbekommen hatte, würde meine ganze Familie heute zum Brunch kommen und das würde sehr laut und sehr chaotisch werden. Außerdem hatte ich sieben Nichten und einen Neffen, die sehr unleidlich wurden, wenn sie nicht genug zu essen bekamen.
Schnell lief ich wieder hoch, schnappte mir meinen Mantel und meinen Geldbeutel, lief wieder runter und schrieb noch schnell einen Zettel, dass ich bald wieder da sein würde. Ich hatte zwar keine Ahnung wer um diese Zeit so früh aufstehen würde, dass er bzw. sie den Zettel sah, bevor ich wieder kam, aber man wusste ja nie.
Als ich vor die Tür trat, war es schweinekalt. Hätte ich Winter und Schnee nicht so sehr geliebt, wäre ich wahrscheinlich wieder rein gegangen und hätte es irgendjemand anderem überlassen für frisches Gebäck zu sorgen.
Tief sog ich die kalte Luft ein, die tatsächlich so kalt war, dass es weh tat. Ichmachte mich auf den Weg durch die ruhigen Straßen zum Bäcker. Es kam nicht oft vor, dass die Straßen von Maidstone wie leergefegt waren, aber ich genoss die Ruhe. Kein Dom, der mich nervte, kein Chef, der mich stresste und keine Eltern, die mir irgendwelche irrsinnigen Vorwürfe machten. Hach, wie schön konnte das Leben doch sein!
Ich deckte mich mit einer riesigen Ladung Brötchen, süßer Teile und Brot ein, bevor ich mich wieder auf den Weg nach Hause machte. Die Tüten waren verdammt schwer, was nicht gerade optimal für meinen Rücken war, aber das hatte ich mir wahrscheinlich auch selbst zuzuschreiben. Es hatte mittlerweile angefangen zu schneien und die Sonne ging langsam auf und warf ihre ersten Strahlen auf die verschneiten Wege. Am liebsten hätte ich kurz innegehalten und ein Foto von diesem Schauspiel gemacht, aber wenn ich die Papiertüten auf den Boden gestellt hätte, wären sie sofort durchgeweicht und außerdem war meine Handykamera so schlecht, dass sie diesen wunderschönen Anblick eh nicht hätte ordentlich einfangen können.
Es war etwas umständlich die Haustür aufzuschließen ohne die Tüten abzustellen, aber nachdem ich auch diese Hürde erfolgreich genommen hatte, brachte ich meine Ausbeute in die Küche und verstaute erstmal alles. Natürlich war ich immer noch die Einzige, die wach war. Ich machte mir erstmal einen Kakao, ehe ich mich dazu entschied, dass ich eigentlich auch schon mal den Tisch decken könnte. Diese Angelegenheit gestaltete sich allerdings als schwerer als anfangs erwartet, denn dadurch, dass wir so viele waren musste ich noch zwei Tische aus dem Keller holen und die Möbel im Wohnzimmer umstellen, damit alle Platz hatten. Ich versuchte das mit den Möbeln möglichst leise zu erledigen, da ich ja niemanden wecken wollte, auch wenn ich insgeheim die Hoffnung hatte, dass doch jemand aufwachen würde, der mir mit den Tischen helfen konnte.
Das passierte natürlich nicht. Also stand ich nun alleine im Keller und ging die vier Möglichkeiten durch, die ich hatte. 1. Jemanden wecken und um Hilfe bitten. 2. Es einfach sein lassen und es mir im Wohnzimmer gemütlich machen, bis von selbst noch jemand aufwacht. 3. Versuchen die Tische die Treppe im Haus rauf zu schaffen, dabei einen riesigen Krach machen und alle andern aufwecken, die dann schlecht gelaunt sind. 4. Versuchen die Tische die deutlich kürzere Treppe nach draußen rauf zu schaffen, sie dann durch die Haustür wieder rein schaffen und niemanden wecken.
Da ich die ersten drei Optionen kategorisch ausschloss, blieb mir also nur noch Möglichkeit Nummer 4, weshalb ich ein paar Minuten später vor der Haustür stand und den ersten Tisch hindurch quetschte. Wie ich es geschafft hatte diesen Holztisch, wohlgemerkt, die Treppe hoch zu bekommen war mir ein Rätsel und es war mir ein noch viel größeres Rätsel, wie ich das mit dem anderen Tisch wiederholen sollte, schließlich war es schon mit diesem hier anstrengend genug gewesen.
Nun jedenfalls schaffte ich es den ersten Tisch genau so zu arrangieren wie ich es mir vorgestellt hatte und dabei niemanden zu wecken, was wirklich eine Leistung war, da man mein Schnaufen eigentlich bis auf den Dachbodengehört haben müsste. Wie meine Eltern nicht aufgewacht sein konnten war wirklich ein Mysterium.
Als ich nun also wieder nach unten gegangen war, um mein Kunststück zu wiederholen, bekam ich beinahe einen Herzinfarkt und konnte mir nur knapp einen spitzen Schrei verkneifen, der wirklich und ganz ohne Zweifel die ganze Nachbarschaft aufgeweckt hätte.
„Willst du mich umbringen?!“ zischte ich aufgebracht und lehnte mich einen Moment an die Wand. Ich sah wie er den Mund öffnete, um zu antworten, doch ich fuhr ihm dazwischen: „Weißt du was? Antworte darauf lieber nicht.“ Er schloss den Mund wieder. Na bitte, zumindest etwas.
„Was machst du überhaupt hier?“ fragte ich, als mein Herzschlag sich wieder etwas beruhigt hatte.
„Ich habe gesehen wie du dich mit dem Tisch abgemüht hast und dachte ich helfe dir.“ antwortete Dom ungewöhnlich ernst für seine Verhältnisse. Irgendwie erschien er mir anders als gestern Abend, was nicht nur daran lag, dass er diesmal nicht nur Pullover, sondern auch modischen Wintermantel trug. Ich entschied mich aber nichts dazu zu sagen.
„Danke“ sagte ich einfach nur, nachdem wir den zweiten Tisch zusammen nach oben getragen hatten. „Willst du einen Tee?“ fragte ich, während Dom seine Sachen an den Garderobenständer hing.
„Ja, das wäre klasse.“ antwortete er und folgte mir in die Küche. Während ich den Tee machte und Geschirr und Besteck zusammensuchte beobachtete er mich.
Das Schweigen wurde mir irgendwann unangenehm, weshalb ich fragte: „Wieso bist du um die Zeit denn schon wach?“ Im Gegensatz zu mir vor einer Stunde, sah Dom hellwach aus und trotzdem wirkte er irgendwie nachdenklich.
„Alberto hat gestern was gesagt, was mich beschäftigt.“ antwortete er. Ich entschied, dass es keinen Sinn machte weiter nach zu bohren, da ich wahrscheinlich eh nicht die richtige Ansprechpartnerin war. Daher antwortete ich einfach gar nichts, sondern stellte Dom die Tasse mit heißem Wasser vor die Nase, in die ich seinen Lieblingstee gehängt hatte. Was war ich nicht eine freundliche Feindin?
Dom half mir beim Geschirr rüber tragen und Tisch decken, während sein Tee zog. Als wir wieder in die Küche zurückkehrten machte ich mich daran schon mal Obst klein zu schneiden und alles andere, was ich jetzt schon machen konnte. Bis zum Brunch konnte es noch ein paar Stunden dauern, so dass es keinen Sinn machte, wenn ich jetzt schon anfing Porridge oder Rührei mit Speck zu machen.
„Wieso bist du schon so früh wach?“ fragte Dom irgendwann in die Stille hinein. Ich stand mit dem Rücken zu ihm, worüber ich auch wirklich froh war, denn irgendwie brachte dieser Dom heute Morgen, der so anders war als sonst, mich aus dem Konzept.
„Mein Rücken tat weh. Außerdem habe ich ja gestern schon vorgeschlafen, ehe ich so freundlich geweckt wurde.“ sagte ich, wobei in meiner Stimmeaber, zu meiner eigenen Überraschung kein Vorwurf mitschwang.
„Nicht zu vergessen, dass du eh nicht viel schläfst.“ murmelte Dom, doch ich hatte es gehört.
„Wie bitte?“ fragte ich und drehte mich überrascht zu ihm um.
„Na ja, ich kenne dich. Du stürzt dich in die Arbeit und machst die Nächte wahrscheinlich größtenteils durch. Es hat schon seinen Grund, dass Mackenzie jedes Mal wenn du hier bist sagt, dass du zu dünn wärst. Ich meine, du bist nicht zu dünn, aber es ist offensichtlich, dass du so auf deine Arbeit fixiert bist, dass du andere Dinge einfach zu kurz kommen lässt, essen und schlafen zum Beispiel.“ erklärte er. Wahrscheinlich sollte ich irgendwie wütend oder so sein, aber ich war einfach nur verwirrt. Was zum Geier ging den plötzlich mit Dom ab? Der war doch sonst auch nicht so ernst. Ich wusste zwar, dass er durchaus Recht hatte, aber es war doch irgendwie seltsam, dass er das mitbekommen hatte.
Langsam ließ ich mich ihm gegenüber am Tisch nieder.
„Stimmt, ich arbeite viel. Stimmt, ich esse und schlafe möglicherweise zu wenig, aber in meinem Job muss man eben Opfer bringen.“ gab ich nach einer Weile zu.
„Nein, als Schauspieler muss man Opfer bringen, aber dein Chef ist ein Tyrann.“ stellte er fest, so als wäre es eine unumstößliche Tatsache. „Er lässt dich viel zu arbeiten und du lässt das mit dir machen.“
„Woher willst du das wissen?“ fragte ich verwirrt. Er sah mich einen Moment nachdenklich an, so als würde er abwiegen, ob er mir antworten sollte.
„Deine Mitarbeiter beschweren sich nicht selten über euren Chef.“ antwortete er schließlich. Ich verzog verwirrt das Gesicht. Woher wusste Dom überhaupt wo genau ich arbeitete. Man musste mir meine Gedanken angesehen haben, denn er erklärte: „Ich war schon ein paar Mal bei euch um ein Interview zu geben und habe ein paar Video-Interviews bei euch gegeben. Als ich das erste Mal da war, bist du grade aus dem Büro deines Chefs gekommen, hast die Tür hinter dir zugeknallt und dann kam dein Chef raus und hat dich mit seinem komischen schottischen Akzent angeschrien. Da sahst ziemlich müde aus. Na ja, jedenfalls hat die Frau mit der ich das Interview hatte meinen Blick bemerkt und mir dann erzählt, dass er immer so ist und dass er zu dir normalerweise noch recht freundlich ist, weil du so viel arbeitest wie kein anderer. Bei allen Interviews die ich danach mit ihr hatte, hat sie mir von dir und deinem Chef erzählt. Da waren teilweise wirklich interessante Dinge dabei.“ Na super! Wieso mussten meine Kolleginnen denn auch solche Tratschtanten sein? Ich wusste genau worauf er anspielte.
„Sie hat dir erzählt, dass ich dich eigentlich betreuen sollte, aber abgelehnt habe?“ fragte ich, obwohl ich die Antwort eigentlich schon kannte. Er nickte.
„Sie konnte mir allerdings nicht sagen, weshalb.“
„Weil ich dich kenne und wir persönliche Differenzen haben. Das wäre kontraproduktiv für das Interview und könnte dazu führen, dass du dich mehr auf die persönliche Situation konzentrierst, als auf meine Fragen, was wiederum meine Informationen verfälschen würde.“ ratterte ich das herunter,was ich mir vor ein paar Jahren für meinen Chef ausgedacht hatte. Es musste ja keiner wissen, dass ich einfach nicht auf Dom treffen wollte.
„Na klar.“ stellte Dom fest, doch man sah ihm an, dass er kein Wort von dem glaubte, was ich gerade gesagt hatte.
„Es hätte dir einfach egal sein können.“ stellte ich nach einiger Zeit fest. Fragend sah Dom mich an. „Es sollte dir egal sein, wie mein Chef mich oder meine Kollegen behandelt. Wir sind keine Freunde, wir sind nicht mal Bekannte. Du hasst mich und ich hasse dich, das macht uns zu Feinden. Also; warum interessierst du dich so für mein Arbeitsumfeld?“
„Ich habe doch gesagt, dass es eher Zufall war, dass ich das alles erfahren habe.“ wiegelte er eilig ab. Ich glaubte ihm nicht.
„Mag sein, aber irgendetwas hat dich dazu gebracht es dir zu merken. Wenn es dich nicht interessiert hätte, würdest du es als Beleidigung mir gegenüber benutzen, aber das hast du nicht.“ Wieder eine Feststellung meinerseits. Ich machte ja schon Sherlock Holmes Konkurrenz.
„Stimmt“ sagte Dom irgendwann, als die Stille sich schon wieder hinzog. Danach kam nichts mehr. Offenbar wollte er es mir nicht erklären und ich hatte das Gefühl, dass es besser war nicht weiter nachzufragen.
„Willst du noch einen Tee?“ fragte ich stattdessen, während ich aufstand um mir noch einen Kakao zu machen. Wenn wir noch weiter hier sitzen und uns anschweigen würden, dann brauchte ich dringend noch ein Tasse Kakao, sonst würde ich das nicht überleben.
Wortlos hielt Dom mir seine Tasse hin, die ich entgegennahm und neues Teewasser aufsetzte. Ich war froh meinen Händen etwas zu tun geben zu können. Dom verwirrte mich und es war wie ein innerer Zwang, der mich dazu brachte über sein Verhalten nachzugrübeln. Er hatte mich heute noch kein einziges Mal beleidigt, im Gegenteil; es hatte kurzzeitig sogar den Anschein gehabt, als ober sich Sorgen um mich machen würde, oder hatte ich mir das nur eingebildet? Wir hatten sogar eine halbwegs ordentliche Unterhaltung geführt und er hatte mir freiwillig geholfen ohne einen spöttischen Kommentar abzulassen. Am meisten verwunderte mich aber die Tatsache, dass er einfach still dasaß und nachdenklich auf die Tischplatte starrte. Dom war niemand der still saß. Er war immer in Bewegung, tat immer irgendwas und ihm schien nie die Energie auszugehen. Außerdem war er kein sehr nachdenklicher Mensch. Nein, normalerweise verbreitete er gute Stimmung, machte Witze und blödelte herum. Es war seltsam ihn so zu sehen. Ich musste mir wohl eingestehen, dass ich mir meinerseits sorgen um ihn machte, obwohl das wirklich das allerletzte war, was ich wollte.
Ich stellte unsere Tassen wieder auf den Tisch und beobachtete wie Dom den Teebeutel durch die Tasse hin und her zog.
„Was ist los?“ fragte ich nach einiger Zeit, weil es mir langsam zu blöd wurde einfach nur dumm rum zu sitzen und mir Sorgen zu machen, die ich mir eigentlich nicht mal machen sollte!
Erschrocken hob Dom den Kopf; anscheinend hatte ich ihn aus seinen Gedanken gerissen.
„Was soll schon sein?“ fragte er und bemühte sich um ein lässiges Grinsen. Es gelang, war aber ziemlich unglaubwürdig.
„Wenn du weiterhin so trübselig vor dich hin starrst werden wir beide noch depressiv. Außerdem machen die Anderen sich dann Sorgen und dann wird dich niemand mehr in Ruhe lassen.“ stellte ich klar.
„Ich starre trübselig vor mich hin?“ fragte er und nun hatte sich tatsächlich ein kleines, echtes, Lächeln in seinen Mundwinkel geschlichen.
„Ja, schon irgendwie. Du siehst schon beinahe aus wie ein geschlagener Hundewelpe!“ behauptete ich. Das war zwar etwas übertrieben, aber ich hatte plötzlich das dringende Bedürfnis Dom zum Lachen zu bringen, was mir auch gelang. „Na geht doch.“ murmelte ich leise und nahm zufrieden einen Schluck von meinem Kakao, wobei ich mir glatt die Zunge und den Gaumen verbrannte, was Dom nur noch mehr zum Lachen brachte. Na wenigstens amüsierte sich einer.

Zitat: Chroniken der Unterwelt City of heavenly Fire (Epilog Schöner als der Abendstern, gekleidet in dem Strahl von tausend Sternen), Arena Verlag, 2014, Cassandra Clare
 
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