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So sieht man sich wieder

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
08.05.2021
05.07.2021
2
22.378
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So sieht man sich wieder


Willkommen zurück in Maidstone


Fluchend verließ ich das Gebäude und eilte durch den Regen, um mir ein Taxi zu rufen. Wieso musste es auch ausgerechnet heute regnen? Die ganze Woche hatte ich in verdammten Konferenzräumen verbracht, und die ganze Zeit hatte die Sonne geschienen. Und heute, an dem einen Tag, wo ich mal länger als eine viertel Stunde draußen sein musste, regnete es! Eigentlich mochte ich Regen ja, aber nicht heute, nicht jetzt.
Genervt, weil die Taxifahrer mich scheinbar absichtlich übersahen, machte ich mich eben zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof. Nur meiner Überpünktlichkeit war es zu verdanken, dass ich nicht auf ein Taxi angewiesen war, auch wenn es 1. sehr viel trockener gewesen wäre und ich mir 2. noch einen Kuchen in einem der kleinen Cafés in der Nähe des Bahnhofs hätte gönnen können. Man hatte eben Hunger, wenn man den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, dabei war es schon Viertel nach fünf.
Frustriert zog ich meinen Koffer hinter mir her, während ich irgendwie versuchte meinen Regenschirm so zu halten, dass sowohl mein Koffer, als auch ich trocken blieben. Eigentlich hasste ich Regenschirme ja, aber der Zweck heiligte die Mittel und der Zweck war, noch halbwegs ansehnlich auszusehen, wenn ich zu Hause ankam, was bei diesem Regen wahrlich eine Herausforderung darstellte. Und wieder stellte ich mir diese eine Frage, die mich schon den ganzen Tag quälte; wieso musste es ausgerechnet heute regnen?
Als ich endlich am Bahnhof King's Cross ankam versuchte ich verzweifelt mich bin zu Gleis vier vorzuarbeiten, denn ich wollte nicht zum Zug sprinten müssen. Ich drängelte mich an einer Gruppe Teenager vorbei, nur um im nächsten Moment beinahe mit einer dunkelhaarigen Frau mit Sonnenbrille zusammenzustoßen. Schnell murmelte ich eine Entschuldigung und ging weiter. Es gab viele Dinge die ich nicht mochte, das gab ich zu, aber wenn ich eine Sache nennen müsste, die mich schon allein beim Gedanken daran aufregt, dann waren es Menschenmengen.
Wieder stieß ich fast mit jemandem zusammen, diesmal allerdings ein Mann mit dunklen Haaren und Sonnenbrille. Mein Gott, was hatten die denn mit ihren Sonnenbrillen? Es regnete draußen! Den ganzen verdammten Tag hatte die Sonne sich nicht ein einziges Mal blicken lassen und die trugen eine verdammte Sonnenbrille! Spielten die Undercover-Agenten oder fühlten sie sich wie irgendwelche Promis, die nicht erkannt werden wollten?
In meine Gedanken versunken kam ich am Gleis vier an, stieg in den Zug und verstaute meinen Koffer. Erleichtert ließ ich mich auf den Sitz am Fenster fallen, und schnappte mir Kopfhörer und Laptop. Ich hatte meiner Mum zwar eigentlich versprechen müssen, dass ich während meines Besuchs nicht arbeitete, aber das war leichter gesagt als getan, denn irgendwie wurde ich mit meiner Arbeit nie fertig. Doch um mein Versprechen so wenig wie möglich zu brechen, musste ich eben jetzt weiterarbeiten. Eigentlich kein Problem, denn der Zug nach Kent war eigentlich immer relativ leer und der Platz neben mir bis jetzt noch frei, was auch gleichzeitig bedeutete, dass mir niemand auf die Nerven ging. Die erste positive Erkenntnis an diesem Tag, hurra!
Kopfschüttelnd vertiefte ich mich in das Word-Dokument, was mittlerweile schon über zwanzig Seiten lang war. Tja, wenn dann richtig.
Plötzlich spürte ich, wie sich jemand in den Sitz neben mir fallen ließ. Also doch nicht ganz so ungestört wie erhofft, aber wenn mein Sitznachbar mich nicht stören würde, wäre trotzdem noch alles in Ordnung. Ich machte mir also nicht die Mühe vom Bildschirm des Computers aufzusehen und auch als der Zug langsam anfuhr, war ich noch völlig in meine Arbeit vertieft.
Ich hatte gerade einen neuen Satz angefangen, als mir plötzlich jemand auf die Schulter tippte. Verwirrt schaute ich auf und sah in das lächelnde Gesicht meiner Sitznachbarin. Es war die Schwarzhaarige, die mir wegen ihrer Sonnenbrille schon am Bahnhof aufgefallen war.
„Ja?“ fragte ich verwirrt und setzte meine Kopfhörer ab.
„Entschuldige, aber ich wollte wissen, was du da schreibst.“ erklärte sie freundlich.
Ich war zwar weiterhin verwirrt, doch ich antwortete ihr trotzdem: „Ich schreibe einen Artikel über eine Serie. Angeblich ist Netflix kurz davor eine weitere Staffel zu drehen und meine Arbeitgeber wollen eine Story dazu haben. Wieso fragen sie?“ Die Frau neben mir zuckte die Achseln und zeigte zu den Sitzen auf der anderen Seite des Ganges, wo ein paar Männer sich angeregt über irgendetwas unterhielten. Ich hatte zwar das Gefühl, dass ich sie schon mal irgendwo gesehen hatte, aber ich beschäftigte mich nicht weiter damit.
„Die Jungs nerven und wollten, dass ich sie frage, was sie machen. Sie haben gewettet und ich frage sie eigentlich nur, damit die Verrückten mich in Ruhe lassen.“ erklärte sie und streckte mir dann die Hand entgegen. Zögerlich ergriff ich sie. „Ich bin Em.“
„Lyric, freut mich.“ antwortete ich und sah aus dem Augenwinkel, wie einer der Männer auf der anderen Seite des Ganges sich aus dem Gespräch löste und Em erwartungsvoll ansah.
„Hey, Em, wer hat gewonnen?“ fragte er mit einem siegessicheren Grinsen im Gesicht. Em lächelte mich zwar gezwungen an, aber man sah ihr an, dass sie ihre Reisebegleiter eigentlich mochte.
„Sie arbeitet.“ antwortete meine Sitznachbarin knapp, woraufhin einer der Männer frustriert seufzte.
„Na super, jetzt hab ich verloren.“ erklärte er. „Ich dachte sie hackt gerade irgendjemanden.“ Hatten die nichts Besseres zu tun, als irgendwelche dämlichen Wetten abzuschließen?
„Damit sind also noch wir drei übrig.“ Der Mann, der Em vorhin schon angesprochen hatte, zeigte zuerst auf die beiden Männer ihm gegenüber, die ich nicht sah, da sie von Ems Körper verdeckt wurden, und dann auf sich selbst. „Was arbeitest du?“ fragte er dann an mich gewandt.
„Ich schreibe einen Artikel.“ antwortete ich wahrheitsgemäß. Alle drei Männer waren scheinbar noch dabei, denn nach einem kurzen Jubel wurde mir auch schon die nächste Frage gestellt.
„Worüber schreibst du?“
„Eine Serie.“ entgegnete ich kurz angebunden. Ich verstand, wenn Em sagte, dass ihr die Typen auf die Nerven gingen.
Nun waren scheinbar nur noch er selbst und der Mann ihm gegenüber dabei, denn der Sprecher grinste schräg rüber und sagte: „So Dom, jetzt sag mal, welche Serie ist es?“ Wie vom Blitz getroffen beugte ich mich vor, so dass ich an Em vorbeisehen konnte, nur um eine Sekunde später genervt in meinen Sitz zurück zu sinken.
„Himmel Herr Gott nochmal!“ fluchte ich.
„Aber, aber, Lyric, ich habe dir doch schon oft gesagt, dass 'Dom' völlig ausreichend ist.“ kam die arrogante Stimme des Schönlings rüber.
„Ich fürchte da musst du mich mit ein paar deiner Schlampen verwechseln!“ giftete ich sofort zurück. Jeder normale Mensch wäre jetzt verlegen, oder zumindest ein Bisschen rot geworden, aber der große Dominic Sherwood wurde natürlich nie rot und das Wort 'verlegen' war wohl nicht in seinem Wortschatz, was bei seinem begrenzten Vokabular auch kein Wunder war.
„Neidisch?“ fragte er mit einem schiefen Grinsen.
„Klar, und wovon träumst du nachts?“ fragte ich spöttisch.
„Das ist ja wirklich alles ganz amüsant,“ fuhr einer der anderen Männer dazwischen, als Dom zu einer Antwort ansetzte. „aber könnte uns vielleicht mal jemand aufklären, was los ist?“ Auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich kannte ich sie alle, schließlich waren sie allesamt Schauspieler. Vor mir saßen Emeraude Toubia, Matthew Daddario, Harry Shum jr., AlbertoRosende und, zu meinem großen Bedauern, Dominic Sherwood.
„Leute, darf ich vorstellen, Lyric Kendall Cox, die charmanteste Furie von ganz Maidstone.“ grinste Dom überheblich. Ich hätte ihn killen können.
„Dominic Anthony Sherwood, der aufgeblasenste Volltrottel von ganz Kent.“ entgegnete ich kühl. „Du hast ganz genau gewusst, dass ich in diesem Zug sitze, oder?“ Sein Grinsen wurde noch breiter. Natürlich hatte er es gewusst. Frustriert ließ ich mich in meinen Sitz zurücksinken. „Ich werde sie alle nacheinander umbringen, langsam und qualvoll.“ murmelte ich und fuhr mir gestresst durch die Haare.
„Ach, sei nicht so streng mit ihnen, wenn sie dir gesagt hätten, dass ich auch da bin, wärst du ja nicht gekommen.“ grinste dieser Vollidiot. Ich beschloss ihn zu ignorieren, setzte meine Kopfhörer wieder auf und versuchte beinahe krampfhaft mich auf die Arbeit zu konzentrieren.

Als wir endlich am Bahnhof von Maidstone ankamen, ausstiegen und das kleine Bahnhofsgebäude verließen, warteten schon zwei alte Pick-Ups auf uns. Bei dem Anblick musste ich Grinsen. Mein Dad und der von Dom, Carter Sherwood, hatten sich beide einen Pick-Up kaufen wollen und da sie mit der Zeit beste Freunde geworden waren, hatten sie sich gemeinsam durchs Internet geklickt, bis sie auf einen alten Mann gestoßen waren, der zwei alte Pick-Ups verkaufte. Dad und Carter hatten nach dem Kauf stundenlang an den Autos gearbeitet, bis sie wieder halbwegs fahrtauglich waren.
„Woher kennt ihr beide euch eigentlich?“ fragte Matthew, als Dom und ich zielstrebig auf unsere Väter zusteuerten.
„Wir sind, leider, Nachbarn.“ erklärte ich schnell, ehe ich meine Schritte ein wenig beschleunigte und meinem Vater um den Hals fiel. „Hey, Dad“ nuschelte ich und sog den vertrauten Geruch nach Hustenbonbons und Kiefernholz ein.
„Na, Kleine, hast du es auch mal wieder zurück in die Heimat geschafft.“ gab er neckisch zurück und hielt mich ein Stück von sich weg. Ich konnte den Blick meines Dads spüren, als er mich von oben bis unten musterte. „Deine Mutter wird nicht begeistert sein.“ stellte er mit einem Blick auf mein Erscheinungsbild fest. Mum und Dad meinten beide, ich würde zu viel Arbeiten und auch jetzt trug ich noch meine Arbeitskleidung, wenn man das so nennen konnte. Außerdem musste Dad beim Umarmen der Meinung gewesen sein, dass ich zu dünn war, so wie immer.
„Dann überlass das doch ihr.“ antwortete ich, da ich nicht vorhatte dieses Gespräch vor Zeugen zu führen. Nun wandte ich mich Carter zu, der mich auch gleich in den Arm nahm. Meine Familie war gut mit den Sherwoods befreundet und so waren Lucy und Carter wie zweite Eltern für mich.
„Du siehst überarbeitet aus.“ bemerkte mein Ersatz-Dad auch gleich. War ich denn vor niemandem mehr sicher?
„Bitte, du nicht auch noch!“ rief ich frustriert. Carter grinste mich nur verschmitzt an. Von ihm hatte Dom dieses Grinsen, aber im Gegensatz zu Dom mochte ich seinen Vater, weshalb mich dieses Grinsen bei ihm auch nicht zur Weißglut trieb.
„Dad, Jack, das sind Em, Matt, Alberto und Harry. Matt, Harry, Alberto, Em, das sind mein Dad, Carter, und Lyrics Dad, Jack.“ stellte Dom alle einander vor. Nachdem die üblichen Höflichkeitsfloskeln, von wegen 'Freut mich sehr sie kennenzulernen.', ausgetauscht waren, verteilten wir uns auf die Autos und fuhren durch die Stadt, bis wir in die Boughton Lane einbogen.
„Waren du und Dom mal ein Paar oder so?“ fragte Em, als wir unsere Koffer aus dem Kofferraum hievten, unvermittelt. Erschrocken sah ich sie an.
„Nein! Nein! Um Himmels Willen, nie im Leben!“ wiegelte ich eilig ab. Wie kam sie auf die Idee?
„Na ja, mir ist nur aufgefallen, dass ihr euch ziemlich gut kennt, aber wie Freunde habt ihr nicht gerade gewirkt.“ erklärte sie ihre Gedanken.
„Nein, wir-“ weiter kam ich nicht, denn mir wurde mit einem Mal die Luft aus den Lungen gepresst. „Mum“ stellte ich fest und versuchte irgendwie an Sauerstoff zu kommen.
„Lyric, es ist so schön, dass du uns mal wieder besuchen kommst, du hast dich ja ewig nicht blicken lassen.“ Jedes Mal, wenn ich wieder nach Maidstone kam sagte Mum das, dabei war ich gar nicht so selten da. Nur achtete ich eben sorgfältig darauf, dass ich nie gleichzeitig mit Dom da war, was bis jetzt auch ganz gut geklappt hatte.
„Mum, nur weil die anderen die ganze Zeit da sind, heißt das nicht, dass ich nie da bin.“ erklärte ich und löste mich vorsichtig aus der Umklammerung. Ich hatte vier ältere Geschwister und alle waren inzwischen verheiratet, hatten Kinder bekommen und lebten in Maidstone.
„Lyric, Liebes, lass dich ansehen!“ rief Lucy, Doms Mum, nachdem sie von eben diesem abgelassen hatte, worüber er sichtlich froh war. Schon wurde ich in die nächste atemberaubende Umarmung gezogen.
„Ich habe dich auch vermisst, Lucy, aber dazu werde ich nicht mehr lange in der Lage sein, wenn du mich nicht bald loslässt.“ presste ich hervor und holte erst mal tief Luft, als ich wieder freigegeben wurde. Während Dom wieder die Vorstellungsrunde machte richtete ich meinen Blick au funser Haus. Das Gefühl von zu Hause sein ergriff mich. Die Sherwoods und wir hatten die beiden letzten Häuser in der Straße, wobei unseres um einiges größer war. Ich kannte jeden einzelnen Winkel beider Häuser, ich kannte jedes Mauseloch auf den Dachböden und ich kannte jeden Ast der Apfelbäume in unserem Garten.
„Hey, Lie, willst du da noch lange rumstehen?“ Sofort fuhr ich zu Dom herum. Er wusste ganz genau, dass ich es hasste, wenn man mich 'Lie' nannte. 'Lie' wie Lüge und ich war ganz sicher keine Lügnerin. „Was denn, bin ich so atemberaubend, dass es dir die Sprache verschlagen hat?“ grinste er überheblich, als ich nicht sofort antwortete. Tief durchatmen, Lyric, es ist nur Dom, der dich mal wieder auf die Palme bringen will.
„Weißt du was? Reiß so viele dumme Sprüche wie du willst, aber ich werde mir von dir nicht Weihnachten verderben lassen. Wenn ich deine Meinung hören möchte, dann frage ich dich danach, und wenn ich nicht frage, will ich es nicht hören, also halt einfach mal deine Klappe. Es ist nicht so, als ob die Welt untergehen würde, wenn du mal nicht deinen Senf zu allem und jedem gibst, also lass es einfach.“ sagte ich, drehte mich um und zerrte meinen Koffer ins Haus. Ich hörte zwar wie Dom mir noch irgendwas hinterher rief, entschloss mich aber einfach ihn zu ignorieren und zerrte den Koffer die Treppe rauf. Glücklicherweise war mein Zimmer im ersten Stock, nur blöderweise war mein Fenster genau Doms gegenüber, weshalb ich, zu meinem Leidwesen, schon sehr viel mehr von Doms Liebesleben mitbekommen hatte, als mir lieb war.
Scheinbar waren Em, Alberto, Matthew und Harry in den alten Zimmern meiner Geschwister einquartiert, denn, als ich die Treppe hinaufging, traf ich auf die vier, die gerade darüber diskutierten, wer in welches Zimmer gehen sollte. Mum werkelte schon wieder in der Küche, wie mir das Klappern von Töpfen und Tellern verriet.
„Ich brauche unbedingt ein eigenes Bad, also sollte ich das Zimmer auf dem Dachboden bekommen!“ argumentierte Em gerade. Sie hatte die Hände in die Hüfte gestemmt und starrte Alberto nieder, der scheinbar das gleiche Zimmer für sich beanspruchte.
„Wie wäre es, wenn Lyric uns einfach die Zimmer zeigt, und wir das Ganze dann ausmachen?“ fragte Matthew, der mich scheinbar als erster entdeckt hatte. Ich grinste ihn an.
„Okay, klar, ich stellte nur noch schnell meinem Koffer ab, dann bin ich sofort bei euch. Dauert nur einen Moment.“ sagte ich und öffnete dann die erste Tür links. Schnell schob ich den Koffer durch die Tür und wandte mich dann wieder den anderen zu. „Okay, also, das hier“ begann ich und öffnete die Tür die meiner gegenüber lag. „ist das alte Zimmer von meinem Bruder Conner.“ Als alle im Zimmer waren und sich umsahen fuhr ich fort: „Es gibt zwar kein angrenzendes Bad, aber am Ende des Flurs ist auf der linken Seite noch eine Tür und da ist ein Badezimmer. Das müsste sich halt einer von euch mit mir teilen, aber es gibt zwei Waschbecken und zwei Spiegel, außerdem könnt ihr einfach abschließen.“ erklärte ich. Unauffällig beugte ich mich zu Em rüber und flüsterte: „Das Zimmer im Dachgeschoss hat zwar ein eigenes Bad, aber keine Dusche und ich bin mir nicht sicher, ob du dir das Bad mit einem der Jungs teilen möchtest.“
„Das Zimmer nehme ich!“ verkündete Em daraufhin sofort, schmiss ihre Handtasche aufs Bettund sich hinterher. Ich grinste und sie zeigte mir einen Daumen nach oben.
„Jungs, ich fürchte Em hat Insiderwissen.“ bemerkte Harry.
„Ach, keine Sorge, bei den anderen Zimmern müsst ihr euch dafür kein Bad mit einem Mädchen teilen und die Zimmer haben alle ungefähr die gleiche Größe, nur das im Dachgeschoss ist ein Bisschen größer.“ Ich drehte mich um und die Jungs folgten mir ins nächste Stockwerk, während Em es sich auf dem Bett bequem machte. Nachdem die Jungs die anderen Zimmer unter sich ausgemacht hatten und Alberto am Ende doch noch das im Dachgeschoss bekommen hatte, machte ich mich wieder auf den Weg nach unten.
Gerade als ich in mein Zimmer verschwinden wollte, öffnete sich Ems Tür und als sie mich erblickte fragte sie sofort: „Kannst du mir das W-LAN-Passwort geben?“ Ich grinste sie an.
„'ALLOFC'S7' alles großgeschrieben.“ Verwirrt sah Em von ihrem Handy auf. „Meine ganze Familie hat ein C im Namen und unser Nachname beginnt auch damit, außerdem habe ich vier Geschwister, also sind wir insgesamt sieben.“ erklärte ich, bevor wir uns beide in unsere Zimmer verzogen. Zufrieden sah ich mich um. Mein Zimmer war weiß gestrichen und auch der Großteil meiner Möbel war weiß. Neben der Tür stand mein Schreibtisch und an der Wand daneben war eine kleine Kommode mit einem Teil meiner Klamotten. In der Ecke zur rückwärtigen Wand war ein Bücherregal, das bis oben hin mit Fantasy-Romanen vollgestopft war. Davor lagen ein rosaner und ein hellblauer Sitzsack. Auf der anderen Seite des Zimmers stand mein riesiges Bett, das ich abgöttisch liebte. Daneben stand noch eine Kommode, die ehemals Klamotten beherbergt hatte und auf dem Boden lag ein flauschiger weißer Teppich. Jauchzend schmiss ich mich auf mein Bett. Mit dem Gesicht nach unten blieb ich liegen. Bis mir die Luft ausging. Schnell richtete ich mich wieder auf, ich wollte ja nicht in meinem Kissen ersticken, obwohl es sicher schlimmere Todesursachen gab. Nachdem ich noch kurz auf dem Rücken gelegen hatte, Sicherheit ging schließlich vor, rappelte ich mich auf und begann meinen Koffer auszupacken. Als ich fertig war, verzog ich mich mit einer Jogginghose und einem bequemen Pullover ins Bad und nach einer entspannten Dusche machte ich mich auf den Weg nach unten, vielleicht könnte ich Mum ja beim Essen machen helfen.
Doch es war niemand in der Küche. Verwirrt ging ich ins Wohnzimmer, doch auch dort traf ich niemanden an. Seltsam.
Plötzlich hörte ich laute Stimmen und Gelächter aus dem Garten. Als ich durchs Fenster nach draußen sah, erblickte ich Em, Harry, Matthew, Alberto, Em, Carter und meinen Dad, wie sie eine Schneeballschlacht machten. Mum und Lucy standen lächelnd daneben, unterhielten sich und tranken heißen Glühwein. Einen Moment überlegte ich, ob ich auch rausgehen sollte, doch es würde wahrscheinlich eh nur wieder Streit zwischen mir und Dom geben, was auch allen anderen die Stimmung vermiesen würde, weshalb ich mich entschied wieder in mein Zimmer zu gehen und vor dem Essen noch ein wenig zu schlafen. Ich hatte die letzte Nacht beinahe durchgemacht und war auch dementsprechend müde.

Es fühlte sich an, als ob ich mich gerade erst in mein gemütliches, warmes und weiches Bett gelegt hätte, als mir plötzlich die Decke weggerissen wurde und jemand laut „Lyric, es ist Zeit fürs Abendessen!“ durch das ganze Haus schrie. Ich war niemand, der lange schlief, dafür fehlte mir einfach die Zeit, und normalerweise war meine Laune am Morgen sehr neutral, aber wenn mich jemand weckte, rumschrie und mir meine Decke klaute, dann war ich wirklich ausgesprochen schlecht gelaunt.
„Em, du magst mir sympathisch sein, aber das heißt noch nicht, dass du das Recht hast, mich zu wecken!“ knurrte ich bitterböse.
„Du hast mich mit den Jungs alleine gelassen! Ich habe dieses Recht also.“ antwortete sie überzeugt. Offenbar hatte sie das Prinzip nicht ganz verstanden.
„Ich habe keinen Hunger!“ rief ich genervt in mein Kissen. Ich wollte doch einfach nur schlafen!
„Deine Mum bringt dich um, wenn du nicht zum Essen kommst!“ Verdammt, da war was dran. Verflucht sei Mums Glaube ich sei unterernährt!
Genervt und überaus schlecht gelaunt schälte ich mich aus meinem warmen Bett und sah der Tatsache ins Auge, dass ich nicht drum herumkommen würde, runter zu gehen. Nachdem ich meine Harre schnell in einen Zopf verbannt hatte, meine Klamotten hatte ich noch an, ließ ich mich von Em ins Erdgeschoss ziehen. Dort angekommen senkte sich meine Laune noch ein Stückchen mehr. Die Sherwoods waren, wie so oft, auch da. Irgendwie war es so, als ob wir eine Familie wären, wobei Dom und ich woh ldie Ausnahme bildeten. Jedenfalls kam es öfter vor, dass wir beiden Sherwoods oder sie bei uns zum Essen eingeladen waren und da Doms Freunde momentan bei uns wohnten, würde es diese Weihnachten wohl noch mehr gemeinsame Mahlzeiten als normalerweise zusammen geben. Die Frage, wieso Alberto, Matthew, Harry und Em überhaupt in England waren, verschob ich einfach mal auf einen späteren Zeitpunkt, vorzugsweise einen in dem ich bessere Laune hatte.
„Ah, Lyric, wir haben uns schon Sorgen gemacht!“ rief Lucy und warf mir einen leicht vorwurfsvollen Blick zu. Doch sie war nichts im Vergleich zu Mum.
„Lyric, du bist sowieso schon viel zu dünn und dann willst du auch noch das Abendessen ausfallen lassen. Das kann so wirklich nicht weitergehen! Du musst doch was essen, sonst fällst du uns noch vom Fleisch. Du hast seit deinem letzten Besuch bestimmt zehn Kilo abgenommen! Das ist wirklich nicht gesund und-“ schimpfte sie, bevor ich Mum unterbrach.
„Mum! 1. Ist das hier wohl kaum der richtige Zeitpunkt für dieses Gespräch. 2. Wurde ich gerade erst geweckt und habe überhaupt nicht mitbekommen, dass es Abendessen gibt. 3. Habe ich keinen Hunger. 4. Habe ich sicher keine zehn Kilo abgenommen und 5. kann ich auch gleich wieder hoch gehen, wenn du sowieso nur auf mir rumhacken willst!“ Möglicherweise merkte man mir an, dass ich leicht genervt war. Ich wusste; Mum meinte es nur gut, aber sie nervte und generell hatte ich mir diese Weihnachten etwas anders vorgestellt, also sollte sie sich mal wieder beruhigen.
Daraufhin blieb eskurz still, ehe Harry und Carter ein Gespräch über irgendeine Automarke anfingen. Nach und nach entbrannten überall am Tisch wieder Gespräche und ich freute mich einfach darüber, dass ich mich raushalten konnte, denn mir war wirklich nicht nach reden zumute. Glücklicherweise schien auch niemand zu bemerken, dass ich nach einem Teller von Mums Suppe schon satt war, sonst hätte ich mir nämlich gleich den nächsten Vortrag anhören können.
„Aber aber, Lyric, du musst doch was essen. Du bist schon wieder viel zu dünn. Seit wir uns das letzte Mal gesehen haben hast du mindestens zwanzig Kilo abgenommen.“ sagte die arroganteste Person dieses ganzen Planeten. Ich schloss für einen Moment die Augen, um mich zu sammeln, denn ein Gefühlsausbruch war wirklich das letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte.
„Wie wäre es, wenn du dich einfach um deinen Kram kümmerst und wir uns gegenseitig aus dem Weg gehen?“ fragte ich und hoffte inständig darauf, dass er sich wenigstens für ein paar Stunden auf meinen Vorschlag einlassen würde, denn mehr war nicht drin, das wusste ich genau. Gespielt nachdenklich sah er zu mir rüber, ehe sich wieder das gewohnte Grinsen einstellte.
„Ich denke nicht. Das würde nämlich bedeuten, ich dürfte dich nicht mehr beim Schlafen beobachten und den Anblick möchte ich wirklich nicht einbüßen.“ grinste dieses arrogante Schwein. Ich liebte mein Zimmer, aber es gab leider ein großes Problem. Egal wohin ich mein Bett stellte, man konnte es durchs Fenster immer sehen und dummerweise war Doms Fenster genau gegenüber von meinem und sein Bett stand ebenfalls vor dem Fenster. Dadurch, dass ich nie Vorhänge oder einen Rollladen hatte, wer wusste warum, hatte er immer bei mir rein sehen können und ich hatte viel zu viel von seinem Liebesleben mitbekommen. Ekelhaft!
„Hör zu; ich will niemandem die Stimmung vermiesen, also benimm dich wenigstens, wenn wir nicht alleine sind!“ bat ich eindringlich. Ich versuchte es zwar zu vermeiden, aber irgendwie hatte Dom ein Talent dafür es so einzufädeln, dass wir dauernd irgendwo alleine waren und er mich nerven könnte. Das war nur eine der vielen Sachen, die mich an ihm störten und einer der vielen Gründe, weshalb ich es vermied gleichzeitig mit ihm in Maidstone zu sein.
Wieder grinste er nur arrogant, was mich wiederum beinahe zur Weißglut trieb. Wie sehr ich dieses Grinsen hasste!
„Weißt du, Lyric, dafür, dass ich dich so sehr störe, bist du zu meinen Freunden aber ganz schön nett.“ wechselte Dom abrupt das Thema.
„Deine Freunde sind, im Gegensatz zu dir, auch keine arroganten Arschlöcher, die sich für was Besseres halten.“ giftete ich sofort zurück. Es war mir ein Rätsel, wie unsere Unterhaltung bis jetzt unbemerkt hatte bleiben können.
„Na ja, manchmal ist Em schon ein Bisschen abgehoben und Alberto bildet sich zu viel auf sein Aussehen ein. Außerdem gibt Harry immer damit an, dass er so gut tanzen kann und Matt...Tja Matt hat wirklich keine der Eigenschaften, die du gerade aufgezählt hast.“ grinste er. Ich hätte ihn am liebsten auf der Stelle umgebracht!
„Hör mir mal gut zu; ich kann dich nicht leiden, daran bist du selber schuld und wahrscheinlich kennst du die Gründe dafür sogar besser als ich. Deine Freunde haben mir nichts getan, also lass mich sie doch einfach mögen! Hast du kein eigenes Leben, oder weshalb interessierst du dich so für meines?“ fragte ich aufgebracht. Gott, ich hasste diesen Typ einfach!
„Oh doch, ich habe mein eigenes Leben, aber wenn ich davon erzähle stempelst du mich wieder als selbstbezogen und arrogant ab. Außerdem macht es Spaß dich auf die Palme zubringen und du wirst immer so schön rot, wenn du sauer bist, was wirklich süß aussieht.“ grinste er und zwinkerte mir doch tatsächlich zu. Ganz ruhig bleiben, Lyric, du wirst sein Spiel nicht mitspielen.
Ich musste mehrmals tief durchatmen, bis ich meinen Ärger wieder soweit unter Kontrolle hatte, dass ich nicht gleich anfangen würde zu schreien. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr wütend, sondern einfach nur noch erschöpft.
„Okay, von mir aus. Mach was du willst.“ entgegnete ich resigniert, womit das Gespräch für mich beendet war. Ich wartete noch bis alle fertig waren, dann räumte ich ab und verschwand in mein Zimmer, während die anderen sich noch unterhielten. Abgesehen davon, dass es mir unten einfach viel zu laut war, hatte ich auch noch einen Artikel zu schreiben und wenn ich etwas länger aufblieb, konnte ich die nächsten Tage vielleicht sogar etwas entspannen.

Ich war erst um halb fünf ins Bett gegangen, aber ich hatte es geschafft den Artikel fertig zu stellen. Ich musste ihn zwar noch einmal auf Rechtschreibfehler überprüfen, aber dafür war ich einfach zu müde gewesen. Blöderweise musste ich an diesem Morgen schon wieder spätestens um neun aufstehen, damit ich das Frühstück nicht verpasste.
„Morgen Mum, kann ich noch helfen?“ fragte ich, als ich in die Küche kam. Ich hatte versucht meine Augenringe zu überschminken, aber sie waren höchstens ein Bisschen abgeschwächt.
„Nein Schatz, die Brötchen sind gleich fertig. Setz dich doch schon mal zu den anderen.“ antwortete sie und scheuchte mich mit einer Handbewegung ins Wohnzimmer, wo auch der große Esstisch stand. Carter, Em und Alberto saßen schon am Tisch, während Lucy sich an mir vorbei in die Küche schob und Dom, Harry, Matthew und Dad gerade von draußen reinkamen. Ich wollte gar nicht wissen was sie draußen gemacht hatten.
„Morgen, Lyric“ rief Em, als sie mich entdeckte und ich ließ mich lächelnd neben ihr nieder. „Weißt du, wir zwei müssen auf jeden Fall in den nächsten Tagen shoppen gehen! Es war eigentlich nicht geplant, dass wir hierherkommen, also habe ich nur für die Jungs Weihnachtsgeschenke, aber ich kann ja nicht hier wohnen und euch dann nichts schenken!“ redete sie sofort weiter. Einkaufen war für mich eigentlich kein großes Thema, aber ich hatte auch nichts dagegen ein Bisschen Zeit mit Em zu verbringen. Außerdem benötigte ich nun ja auch noch ein paar zusätzliche Geschenke.
„Klar, können wir machen. In der Innenstadt gibt es eine kleine Einkaufsstraße, da findet man alles Mögliche.“ stimmte ich zu. Begeistert klatschte Em in die Hände.
„Super, du musst mir nämlich mit den Geschenken helfen. Ich habe keine Ahnung, was ich deinen oder Doms Eltern schenken soll!“ erklärte sie zwinkernd. Ich lachte leicht.
„Das ist eigentlich leicht. Sei froh, dass du meinen Geschwistern, meinen Schwägerinnen, meinem Schwager, meinen Nichten und meinem Neffen nichts schenken musst. Ich stehe jedes Jahr wieder auf dem Schlauch.“ grinste ich. Ja, es war wirklich schwer für jeden das passende Geschenk zu finden.
„Gott, wie groß ist deine Familie denn?“ fragte Em lachend, als Mum gerade mit den aufgebackenen Brötchen reinkam.
„Sehr groß“ grinste ich. „Eigentlich kann es nicht mehr lange dauern, bis hier jemand auftaucht und uns überfällt. Ich habe mich schon gestern gefragt, wieso wir bisher verschont geblieben sind.“ Im Gegensatz zu meinen Brüdern, die alle drei Chaoten waren und meiner Schwester, die jeden gerne in eine knochenbrechende Umarmung zog, ließ ich es mit neuen Leuten immer etwas ruhiger angehen.
„Wie viele Geschwister hast du denn?“ mischte Matthew sich ins Gespräch ein.
„Ich habe eine Schwester und drei Brüder, alle älter als ich.“ erklärte ich.
„Und die sind alle verheiratet und haben Kinder?“ fragte Alberto ungläubig über seinen Kaffee hinweg.
„Ja“ antwortete ich. „Insgesamt habe ich sieben Nichten und einen Neffen.“
„Deine Familie ist wirklich ganz schön groß.“ bemerkte nun auch Harry.
„Ja, aber eigentlich eher verwirrend als groß. Meine Geschwister fangen alle mit 'C' an und einer meiner Brüder heiß Carter, genau wie Doms Dad. Fünf meiner Nichten fangen auch mit 'C' an und auch die anderen beiden haben ein 'C' im Namen, genau wie mein Neffe.“ erklärte ich.
„Was hat deine Familie den mit dem 'C'?“ fragte Em ungläubig.
„Da hättet ihr meine Großeltern fragen müssen.“ lachte ich. Meine Großeltern waren zwar alle tot, aber ich hatte nur glückliche Erinnerungen an sie, also erinnerte ich mich auch immer mit einem Lachen an sie.
„Habt ihr irgendwelche speziellen Wünsche, was ihr heute machen wollt?“ fragte Lucy.
„Also ich würde mir ganz gerne mal die Stadt anschauen.“ verkündete Matthew, was Em mit einem Augenrollen quittierte.
„Wie wäre es, wenn Wir alle zusammen in die Stadt fahren, dann kann Dom uns alles zeigen und die Mädels shoppen gehen?“ schlug Harry diplomatisch vor. Diese Idee schien schon eher Ems Geschmack zu entsprechen, denn auf ihrem Gesicht breitete sich ein breites Grinsen aus.
„Oh Em, ich fürchte du hast dir die falsche Shoppingbegleitung ausgesucht. Lyrics Geschmack ist noch schlechter als ihre Schauspielerei.“ sagte Dom spöttisch. Er wusste ganz genau, dass er damit einen wunden Punkt bei mir traf, was eigentlich eher an der Bedeutung hinter seinen Worten lag, als an dem was er gesagt hatte.
Es wurde still am Tisch. Sowohl Mum und Dad, als auch Carter und Lucy, wussten, dass ich wahrscheinlich gleich explodieren würde und Dom wusste es auch, sonst würde er nicht so überheblich grinsen.
„Ich glaube mir ist der Hunger vergangen.“ erklärte ich, während ich aufstand und in mein Zimmer flüchtete. Wie gerne ich Dom angeschrien und ihm seine bescheuerte Fresse poliert hätte, ich war mir doch deutlich bewusst, dass wir Gäste hatten und ich hatte nicht das Bedürfnis mich vor Menschen zu blamieren, die ich nicht einmal 24 Stunden kannte. Außerdem hätte Dom eh nur wieder blöd gegrinst und er war deutlich stärker als ich, also sollte ich ihn lieber nicht schlagen.
Wieder spürte ich die Erschöpfung der letzten Wochen und Monate, als ich mich auf mein Bett warf. Am liebsten hätte ich einfach wieder geschlafen, aber dafür war ich viel zu aufgewühlt.
Resigniert setzte ich mich wieder auf und öffnete dann meinen Laptop. Ich könnte ja wenigstens produktiv sein, während ich mich abregte. Ich konnte mich zwar kein Bisschen konzentrieren, aber Word war mir eine große Hilfe. Geheiligt sei Word.
Als ich gerade die achtzehnte Seite angefangen hatte zu korrigieren, klopfte es plötzlich an der Tür. Wahrscheinlich Mum, die dachte sie müsste mir tröstend übers Haar streichen, während ich in mein Kissen heulte. Ich liebte sie, aber manchmal waren Eltern eben doch nur Eltern und verstanden ihre Kinder nicht.
„Ja?“ fragte ich, ohne vom Bildschirm aufzusehen.
„Schwesterchen, du solltest wirklich nicht so viel arbeiten.“ erklang eine tiefe Stimme, die mich dazu veranlasste mich sofort umzudrehen. Vor mir stand mein ältester Bruder, Carter, und grinste mich breit an. Sofort sprang ich auf uns schmiss mich in seine Arme. Wie sehr ich ihn doch vermisst hatte. Natürlich verstand ich mich gut mit all meinen Geschwistern, aber vor allem Carter und Conner, hatten mir gefehlt. Mit den beiden hatte ich einfach viel mehr unternommen, als mit Camille und Carson, meinen anderen Geschwistern.
„Ich dachte schon du hast mich vergessen.“ grinste ich, als ich mich langsam aus der Umarmung schälte.
„Oh nein, aber die Mädels haben Stress gemacht und ich hatte gestern nicht besonders viel Zeit. Dann hat Mum heute Morgen angerufen und war völlig aufgelöst, wegen irgendwas, dass Dom gesagt hat. Keine Ahnung, du kennst Mum ja.“ grinste er, doch ein kleiner Funke Sorge hatte sich in seine blauen Augen geschlichen. Genervt ließ ich mich wieder auf meinen Schreibtischstuhl fallen. Ja, ich kannte Mum. Wahrscheinlich hatte sie nach dem Frühstück sofort angerufen und Carter her zitiert. Irgendwie behandelten mich alle wie ein rohes Ei, wenn es um Dom ging.
„Carter, ich bin keine zehn mehr. Ich bin sehr wohl dazu in der Lage, solche Kommentare hinzunehmen, ohne heulend zusammen zu brechen.“ erklärte ich.
„Vielleicht erzählst du mir erst mal was Dom eigentlich gesagt hat, das hat Mum mir nämlich nicht erzählt.“ Augenrollend zitierte ich Wort für Wort, was Dom gesagt hatte.
„Weißt du, die ganze Situation zwischen Dom und dir wäre deutlich leichter zu verstehen, wenn einer von euch mal damit rausrücken würde, was überhaupt passiert ist.“ bemerkte Carter danach.
„Was gibt es denn da nicht zu verstehen?“ fragte ich gerade genervt, als meine Zimmertür erneut geöffnet wurde und mein anderer Bruder, Conner, den Kopf hereinstreckte.
„Du schuldest mir zwei Pfund; sie hat gearbeitet.“ informierte Carter unseren Bruder grinsend.
„Du solltest dir dringend mal eine Auszeit nehmen, Lyric.“ war Conners Kommentar dazu.
„Ich bin im Urlaub, was denkt ihr denn, was ich hier mache?“ fragte ich leicht genervt.
„Arbeiten“ kam es synchron zurück.
„Jungs, ich kann eben nicht einfach alles stehen und liegen lassen, nur weil Weihnachten ist.“ erklärte ich in einem lehrerhaften Ton.
„Hast du nicht eben gesagt, du hättest Urlaub?“ fragte Conner.
„Ja, im Urlaub arbeitet man nicht, Schwesterherz.“ fügte Carter hinzu. Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte mit den beiden zu diskutieren.
„Okay, und was schlagt ihr vor, dass ich jetzt machen soll?“ fragte ich resigniert.
„Wie wäre es, wenn du dir einfach mal ne kleine Auszeit nehmen würdest?“ Conners Vorschläge waren auch schon mal besser.
„Du könntest unsere reizende Schwester besuchen.“ schlug Carter vor. Die Idee war eigentlich gut. Ich hatte Camille ewig nicht mehr gesehen. Camille hatte vor einigen Jahren Declan Hobbes, den heißesten Typen ihres Jahrgangs, geheiratet und nun hatten sie vier Kinder und Declan hatte von seinen Eltern den Reiterhof außerhalb der Stadt geerbt. Ich hatte es immer geliebt Camille zu besuchen, was vor allem daran lag, dass der Hof einen Heuboden hatte, auf dem ich mich verstecken konnte. Meistens hatte ich das nach einem unangenehmen Zusammentreffen mit Dom, was eigentlich jedes Zusammentreffen mit ihm einschloss, getan, aber seit ich in London lebte hatte ich den Heuboden nicht mehr von innen gesehen.
„Kommt ihr mit?“ fragte ich meine Brüder.
„Sorry, Kleine, aber ich habe Bianca versprochen auf die Zwillinge aufzupassen.“ erklärte Carter entschuldigend. Bianca war seine Frau und mit 'die Zwillinge' meinte er seine Töchter Catherine und Gracelynn. Die beiden Mädchen mussten jetzt neun Jahre alt sein.
„Ich muss auf Jacqueline aufpassen.“ erklärte Conner und hob abwehrend die Hände. Jacqueline war seine zehnjährige Tochter und die älteste meiner Nichten, obwohl Conner nur der drittälteste war.
„Ihr schickt mich also alleine in die Höhle des Löwen?“ fragte ich gespielt schockiert.
„Es wäre nicht die Höhle des Löwen, wenn du dich mal öfter blicken lassen würdest.“ bemerkte Carter vorwurfsvoll.
„Du klingst schon wie Mum.“ zog ich ihn auf.
„Könnte daran liegen, dass sie recht hat.“ antwortete Conner.
„Nicht du auch noch!“ flehte ich.
„Du arbeitest einfach zu viel.“ stellte Carter fest. Gott, wieso führte ich dieses Gespräch eigentlich jeden Tag, wenn ich zu Hause war.
Genervt schloss ich einen Moment die Augen.
„Jungs, in meiner Branche muss man viel arbeiten undihr zwei solltet jetzt gehen.“ scheuchte ich meine Brüder raus, bevor ich zu einer meiner Kommoden ging und schnell eine Reithose heraus kramte. Ich stieß auf einen ganzen Stapel Reithosen und eine viel zu kleine braune stach mir ins Auge. Ich schluckte einmal, ehe ich mir willkürlich eine der passenden Hosen griff und die Schublade wieder schloss. Ich spürte wie mir Tränen in die Augen stiegen, doch ich blinzelte sie schnell weg. Ich sollte nicht deshalb weinen.
Schnell setzte ich ein kleines Lächeln auf und machte mich auf den Weg ins Bad. Ich zog mich ungern in meinem Zimmer um, wenn ich wusste, dass Dom da war, also machte ich das meistens im Badezimmer.
Als ich fertig war, mir meine Jacke geschnappt hatte und die Treppe nach unten ging, kam mir Matthew entgegen, der mich verwirrt musterte.
„Wo willst du denn hin?“
„Ich fürchte, einen ganzen Tag mit Dom und mir zu verbringen tut niemandem gut, besonders nach der Aktion heute Morgen. Fürs shoppen haben Em und ich auch noch genug Zeit und meine Brüder zwingen mich dazu, nicht zu arbeiten, also werde ich meine Schwester besuchen.“ erklärte ich schnell.
„Was ist das zwischen dir und Dom?“ wollte Matthew neugierig wissen. An seiner Stelle wäre ich wohl auch neugierig, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass es ihn nichts anging.
„Ich spreche nicht gerne darüber, also wirst du wohl Dom fragen müssen, Matthew.“ erklärte ich eilig.
„Matt“ war die einfache Antwort. Verwirrt sah ich ihn an.
„Wie bitte?“
„Niemand nennt mich Matthew, außer meiner Schwester, alle nennen mich Matt.“ sagte er und zwinkerte mir zu.
„Okay,“ sagte ich langgezogen. „könntest du Em sagen, dass wir wann anders shoppen gehen?“ fragte ich.
„Klar, aber sie wird nicht begeistert sein.“ bemerkte er schmunzelnd.
„Ach, ich bin viel zu weit weg, als das sie ihre Wut an mir auslassen könnte. Dom bekommt alles ab.“ grinste ich und ging an Matt vorbei. Ich rief noch ein „Ich bin bei Camille.“ durchs Haus, ehe ich die Tür hinter mir schloss, mein altes Fahrrad aus der Garage holte und mich auf den Weg machte.

Es dauerte etwa zehn Minuten, ehe ich den Hof erreichte. Tief sog ich den vertrauten Geruch ein. Ich war eigentlich nie die Sorte Mädchen gewesen, die sich ein Pony wünschte oder ihre Eltern stundenlang bearbeitete, damit sie reiten durfte, aber ich liebte diesen Hof einfach.
„Tante Lyric!“ ertönte es plötzlich hinter mir, als ich das Fahrrad an der Hauswand abstellte. Lächelnd drehte ich mich um, nur um direkt von Cecilia, Camilles ältester Tochter, überfallen zu werden. Beinahe wäre ich tatsächlich nach hinten gefallen, so viel Schwung hatte die Kleine.
„Na Cecilia, wie geht’s dir?“ fragte ich. Das war zwar die Standartfrage, aber was zum Teufel sollte ich denn sonst fragen?
„Mir geht’s super, Tante Lyric. Letzten Mittwoch hat Marko aus meiner Klasse mir eine Blume geschenkt und gesagt, dass er mich hübsch findet!“ strahlte die Kleine. Ich war mir nicht sicher ob ich beunruhigt sein oder mich für sie freuen sollte. Allerdings war das beunruhigt sein eigentlich der Job der Eltern und ich war die coole Tante, also entschied ich mich für freuen. Das passte mir auch besser in den Kram, als mir auch noch über diesen Marko Gedanken zu machen.
„Das ist ja super, was hältst du denn von ihm?“ fragte ich. Ich ging doch mal lieber auf Nummer sicher, man wusste schließlich nie so recht.
„Der ist eigentlich ganz nett, aber Amber und Emily sagen beide, dass er ihnen ihre Pausenbrote gestohlen hat und seine Hausaufgaben schreibt er immer bei Timo ab.“ erklärte Cecilia. Okay, am besten ich gab diese Informationen einfach an Camille weiter, oder an Declan.
„Weißt du wo deine Mum ist, Süße?“ fragte ich.
Plötzlich holte Cecilia tief Luft und schrie aus Leibeskräften: „MOMMY“ Genau aus diesem Grund, wollte ich zum jetzigen Zeitpunkt erst mal keine Kinder.
Als Cecilia fertig geschrien hatte kam eine äußerst genervte Camille aus dem Stall, die schon im Begriff war ihrer Tochter eine Standpauke zu halten, als ihr Blick auf mich viel und sich ein riesiges Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete.
„Lyric!“ rief sie und zog mich in eine feste Umarmung, sobald sie uns erreicht hatte. „Ich bin ja sooooo froh, dass du endlich mal wieder da bist! Die Kinder sind schon ganz hibbelig, seit ich erwähnt habe, dass du Weihnachten hier verbringst. Tut mir übrigens gar nicht leid, dass Dom auch hier ist, das war so geplant. Seine Freunde waren zwar nicht mit eingeplant, aber egal, die sind bestimmt auch super nett! Mum hat heute Morgen übrigens angerufen. Sie meinte, dass sie sich Sorgen um dich macht, weil du so viel arbeitest, viel zu dünn bist und was weiß ich nicht alles. Und dann hat sie noch erzählt, dass du heute Morgen einfach-“
„Camille, denk immer dran; nur so schnell sprechen, dass du mit dem atmen noch hinterher kommst.“ unterbrach ich den Redeschwall meiner Schwester. Sie war zwar eine wahre Meisterin im Schnellsprechen, aber sie tat das auch ohne Unterlass, also war es wohl nicht verwunderlich, dass sie das Atmen manchmal vergaß. „Ich freue mich auch wieder hier zu sein, aber die Sache mit Dom nehme ich dir echt übel.“ bemerkte ich. Cecilia war mittlerweile wieder im Haus verschwunden. Verständlich, denn sie hatte nur einen Pullover an.
„Ach, beschwer dich mal nicht. Dom ist super heiß und außerdem seid ihr beide füreinander bestimmt.“ grinste meine Schwester dreckig und zwinkerte mir zu. Aus irgendeinem Grund waren sie und mein Bruder Carson beide der Meinung, dass Dom und ich 'füreinander bestimmt' seien. Schwachsinn, wenn man mich fragte, aber die beiden hatten schon diverse Pläne geschmiedet. Es gab einen Plan füreine unser erstes Weihnachten als Paar, für unsere ersten Geburtstage als Paar, für unsere Jahrestage, für eine Verlobungsfeier, für eine Hochzeit, für eine Babyparty, für unsere Hochzeitstage und sogar für unsere Beerdigung, die selbstverständlich auch gemeinsam sein würde, egal wie viele Jahre zwischen unseren Toden vergehen würden. Manchmal fragte ich mich wirklich, ob Camille und Carson geistesgestört waren, aber wären sie das, würden sie es nicht schaffen Kinder zu erziehen, die sogar halbwegs normal waren, also verwarf ich diesen Gedanken immer wieder.
„Wusstest du eigentlich, dass ich, jedes Mal wenn ich nach Maidstonekomme, das gleiche zu hören bekomme? Zuerst kommt Mum damit, dass ich zu dünn bin. Dann Carter und Conner damit, dass ich zu viel arbeite und dann du und Carson, die mich mit Dom verkuppeln wollen!“ beschwerte ich mich. Ich wollte doch einfach nur entspannen! Diskutieren konnten wir auch noch später, wenn ich nicht sowieso schon nicht allzu gut drauf war. „Camille, die Jungs haben mir befohlen mich auszuruhen, also bitte halt mir jetzt einfach keine Vorträge, okay? Ich bin nur hier, um zu fragen ob ich dir und Declan irgendwie helfen kann.“
„Ach bitte, Carter und Conner haben dich hergeschickt, damit du dich ausruhst, also wirst du jetzt nicht mithelfen. Die meiste Arbeit für heute ist sowieso schon getan, außerdem hat Declan Baby-Dienst, da gibt es jetzt nicht so viel, was du machen könntest. Am besten du schnappst dir einfach Bounty und machst einen gemütlichen Ausflug.“ Mit diesen Worten packte meine Schwester meine Hand und zog mich in den Stall, nur um mich dann vor Bountys Box wieder abzustellen und in die Sattelkammer zu verschwinden. So sehr mich meine Geschwister manchmal auch nervten, ich liebte sie trotzdem sehr.
Leicht lächelnd schlüpfte ich in die Box der alten Stute. Bounty war früher mal ein Springpferd gewesen, doch nun war sie in Rente.
„Na Süße, willst du mir auch irgendwelche Vorwürfe machen?“ fragte ich und streichelte ihren Hals. Sie drehte ihren Kopf und schubste leicht gegen meine Schulter, was mich zum Lachen brachte. Da Bounty nicht besonders dreckig war, striegelte ich sie nur kurz, ehe ich aufsattelte und meine gewöhnliche Runde drehte.

Es war lange her gewesen, dass ich ritt, aber es tat mir doch immer wieder gut. Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Na ja, das sagte Declan zumindest immer. Auch egal, inzwischen war ich schon wieder auf dem Heimweg. Es war ziemlich entspannt gewesen, einfach durch den verschneiten Wald zu reiten, aber als es angefangen hatte zu schneien, hatte ich mich lieber schnell auf den Rückweg gemacht, damit weder ich noch Bounty krank wurden.
Leider schneite es auch jetzt noch und der Fahrtwind war arschkalt, also war ich ziemlich durchgefroren, als ich in unsere Straße einbog. Am liebsten hätte ich sofort wieder kehrt gemacht. Vor unserem Haus standen mehrere Leute. Zum einen waren da Em, Harry, Alberto, Matt und Dom und zum anderen Doms Freunde von der Schauspielschule. Ich hatte sie lange nicht mehr gesehen, aber die Stimmen und die Art wie sie sich mit Dom unterhielten erkannte ich durchaus.
Ich versuchte möglichst unauffällig umzudrehen. Ich hatte keine Lust auf diese Lackaffen, also würde ich einfach von hinten in die Garage gehen, wofür ich aber erst mal aus der Straße rauskommen musste.
Als ich es endlich geschafft hatte um die Hausecke zu biegen, ohne bemerkt zu werden, atmete ich erleichtert aus. Ja, vielleicht war mein Verhalten kindisch, aber ich hatte meine Gründe, weshalb ich diesen Typen nicht begegnen wollte. Es mochte schon lange her sein, dass wir uns gesehen hatten, aber leider nicht lange genug, damit die Erinnerungen in Vergessenheit gerieten.
Nachdem ich das Fahrrad wieder in die Garage verfrachtet und geduscht hatte machte ich mich auf den Weg nach unten. Es war etwa halb vier, was bei meinen Eltern immer Teezeit bedeutete. Typisch Engländer!
„Ah, Lyric, da bist du ja. Ich hatte mir schon gedacht, dass ich die Dusche gehört habe, aber ich habe dich nicht kommen sehen, also...“ begrüßte mich Mum, die gerade einen Plätzchenteller ins Wohnzimmer trug.
„Ich bin hinten rein.“ erklärte ich schnell und ging in die Küche, um mir einen Kakao zu machen. Ja, ich war Engländerin und ja, ich trank Tee, aber nichts kam gegen Kakao an und außerdem schmeckte der meiste Tee sowieso nur nach Wasser und Pappe, da konnte ich gut drauf verzichten.
„Ah ah ah, Schwesterchen, du wirst doch nicht etwa versucht haben dich vor jemandem zu verstecken.“ ertönte die tadelnde Stimme meines Bruders hinter mir, kurz bevor mir von hinten jemand die Arme um den Oberkörper schlang und ein Kopf auf meinem abgelegt wurde. Wieso musste ich auch genau einen Kopf kleiner als Carson sein?
„Geliebter Bruder, wie kannst du nur so etwas von mir denken? Gerade du solltest doch wissen, dass ich mich niemals verstecke!“ Wenn er spielen wollte, dann machte ich eben mit.
„Oh, gerade weil ich dich so gut kenne, bin ich zu der Annahme gekommen, dass du irgendjemandem aus dem Weg gehen wolltest, Außerdem standen Dom, Carlos, Leo und Simon draußen, also war es ein Kinderspiel das zu erraten.“ fügte er sachlich hinzu.
„Verflucht sei der Polizist in dir!“ fluchte ich scherzhaft, ehe ich mich in seinen Armen umdrehte, um ihn nun richtig zu begrüßen. Verdammt, wenn Carson genauso starke Umarmungen geben würde, wie Camille, dann könnte er mir alle Knochen brechen.
„Na du halbe Portion, wie geht’s dir?“ fragte mein großer Bruder, als er mich wieder entließ und ich mich daran machte Kakaopulver in meine Milch zu rühren.
„Geht so, Mum macht Stress, Conner und Carter machen Stress, Camille macht Stress und mein Chef auch, also ist meine Situation momentan eher durchwachsen. Dann wäre da natürlich noch euer bescheuerter Plan, dass Dom und ich zur gleichen Zeit hier sein sollen, aber wenigstens hat er Em, Alberto, Harry und Matt mitgebracht, weshalb ich vorläufig darauf verzichte dir und Camille den Kopf zu waschen.“ zählte ich auf und stellte meine Tasse dann in die Mikrowelle.
„Wie gnädig.“ kommentierte Carson.
„Wie geht’s dir, Cassidy und Catalina?“ fragte ich.
„Bei uns läufts gut. Ich habe letzte Woche meinen Waffenschein erneuert, Cas hat Ferien und Catalina will unbedingt ein kleines Geschwisterchen.“ erzählte er. Cassidy, seine Frau, arbeitete in der Grundschule ein paar Straßen weiter, weshalb sie schon genug Kinder um sich hatte, damit ihr ein eigenes reichte. Auch Carson war mit einer Tochter zufrieden, aber die achtjährige Tochter der beiden, Catalina, hatte offensichtlich andere Pläne.
„Dann erfüllt ihr diesen Wunsch doch.“ sagte ich scherzhaft.
„Oh nein, den nächsten Familienzuwachs bringst du auf die Welt!“ bestimmte mein Bruder kurzerhand. Na das könnte noch eine Weile dauern.
„Ach, ich denke acht Enkel sind Mum und Dad genug.“ entschied ich, schnappte mir meinen Kakao aus der Mikrowelle und ging ins Wohnzimmer, wo schon angeregte Gespräche geführt wurden. Als Carson sich dann auch endlich mal an den Tisch gesetzt hatte konnten wir anfangen.
„Tante Lyric, was schenkst du mir zu Weihnachten?“ fragte Catalina ganz aufgeregt. Bis jetzt hatte sie auf Em eingeredet, die leicht verstört wirkte.
„Aber natürlich, Catalina, ich freue mich auch riesig dich wiederzusehen und es geht mir ganz wunderbar.“ gab ich grinsend zurück, was das Mädchen dazu veranlasste rot zu werden. Ich lachte. „Keine Sorge, du wirst schon noch früh genug erfahren, was ich dir schenke.“
„Aber Onkel Dom will mir auch nicht sagen was ich von ihm bekomme!“ beschwerte sich Catalina lautstark und zeigte vorwurfsvoll auf Dom. „Worauf soll ich mich denn jetzt freuen?“
„Schätzchen, du kannst dich auf die Überraschung freuen.“ erklärte Cassidy, die eine Engelsgeduld hatte, um die ich sie wirklich beneidete.
„Genau, wenn Lie dir jetzt schon sagen würde, was für ein lahmes Geschenk sie dir besorgt hat, dann würde mein geniales Geschenk dich nicht sofort wieder aufheitern können.“ Ganz ruhig Lyric! Immer ruhig bleiben! Einfach gar nicht ignorieren! Lächeln, winken, Arschloch denken!
„Wieso magst du Tante Lyric nicht?“ fragte Catalina so unverblümt wie es nur Kinder konnten. Danke schön, Catalina! Auf die Antwort war ich wirklich gespannt, was wohl nicht nur für mich galt. Zumindest nicht, wenn ich die Blicke von Doms Schauspielkollegen richtig deutete.
Dom, der neben Catalina saß, beugte sich zu ihr runter und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin sie die Stirn krauszog, mehrmals zwischen Dom und mir hin und her blickte und dann lautstark verkündete: „Ich weiß nicht was du damit meinst!“
„Keine Sorge, irgendwann wirst du es verstehen.“ prophezeite Dom, zwinkerte mir einmal zu, worauf er nur einen giftigen Blick kassierte, und wandte sich dann seinem Tee zu. Catalina hingegen sah aus, als wolle sie widersprechen, wurde aber dadurch gestoppt, dass Carson ihr ein Plätzchen in den Mund steckte. Dankeschön. Ich wollte Doms Antwort auf diese Frage zwar wirklich hören, aber irgendwie war es klar gewesen, dass er nicht antworten würde, erst recht nicht, wenn so viele Zuschauer anwesend waren.
„Lyric, an was für einem Artikel schreibst du denn nun eigentlich?“ fragte Matt, der scheinbar immer noch an die Wette von gestern dachte. Soweit ich mich erinnern konnte, waren noch Dom und Alberto im Rennen gewesen.
„Ist die Wette noch offen?“ fragte ich. Die Jungs nickten alle vier.
„Ich finde Dom sollte disqualifiziert werden, weil er dich und deinen Job schon kannte, als wir angefangen haben zu wetten.“ warf Alberto ein, der offenbar unbedingt gewinnen wollte.
„Ich stimme dafür!“ rief ich.
„Klar, du würdest dir lieber eine Hand abhacken, als mich bei irgendetwas in irgendeiner Weise zu unterstützen.“ warf Dom ein.
„Falsch, ich würde dir lieber eine Hand abhacken, als dich bei irgendetwas in irgendeiner Weise zu unterstützen.“ korrigierte ich mit einem unschuldigen Lächeln, was meine Augen selbstverständlich nicht erreichte.
„Catalinas Frage war durchaus berechtigt.“ stellte Harry fest. Seine Aussage wurde allerdings einfach ignoriert.
„Wie wärs, wenn ihr diese verdammte Wette einfach vergesst?“ fragte Em.
„Okay, aber ich will trotzdem wissen, wer gewonnen hätte. Ich sage, es geht in dem Artikel um 'Away'!“ Ich hatte nicht die geringste Ahnung welche Serie Alberto meinte.
Dom hingegen kniff die Augen zusammen und musterte mich einmal von oben bis unten, bevor ein arrogantes Grinsen auf sein Gesicht trat.
„Shadowhunters“
„Manchmal frage ich mich wirklich, ob bei dir Dummheit oder Arroganz überwiegt.“
„Schönheit, Sexappeal, Talent, Intelligenz und Charme teilen sich den ersten Platz.“
„1. ist 'Shadowhunters' keine Serie von Netflix. 2. wurde sie schon beendet. 3. wüsstest du wenn es doch weitergehen würde, immerhin spielst du die männliche Hauptrolle und 4. bist du nichts weiter als ein selbstverliebter Trottel.“
„Wieso streitet ihr euch eigentlich immer?“ fragte Lucy dazwischen.
„Mum, du weißt doch, dass wir nicht darüber sprechen.“ Okay, ich hätte nicht gedacht, dass er es so direkt sagen würde, aber wo er recht hatte, hatte er recht.
„Ihr zwei seid unmöglich! Was ist denn nur passiert? Ihr war doch mal die bes-“
„Lucy, ich bitte dich inständig diese Zeit zu vergessen.“ unterbrach ich sie. Meine Augen hatte ich mittlerweile fest geschlossen. Ich wollte weder Dom, noch irgendjemand anderen sehen und die Erinnerungen, die sich gerade in meinem Kopf abspielten, versuchte ich krampfhaft niederzukämpfen. Ich hatte momentan einfach nicht die Kraft mich auch noch mit Dom zu beschäftigen. Ich war sowieso schon total fertig, da brauchte ich nicht noch einen Streit, davon hatte ich schon genug.
Einen Moment kehrte wieder die Erschöpfung zurück, doch ich kämpfte sie nieder, setzte wieder ein Lächeln auf und öffnete schlussendlich wieder meine Augen, nur um mehrere besorgte Blicke auf mir zu spüren.
„Lyric, ist alles in Ordnung?“ Oh nein, ich konnte es echt nicht gebrauchen, dass sich jetzt noch jemand Sorgen um mich machte.
„Klar, alles gut. Am besten wir wechseln einfach dasThema. Es ist Weihnachten, da sollte man sich um nichts Sorgen machen müssen, besonders wenn die Sorge komplett unnötig ist.“ versicherte ich und nahm mir ein Plätzchen, um zu untermauern, dass wir dringend das Thema wechseln sollten. Wieso führten eigentlich immer alle Unterhaltungen zu diesem Punkt?
„Okay, also, über welche Serie hast du geschrieben?“ fasste Matt seine eigentliche Frage wieder auf.
„Emily in Paris.“ antwortete ich. „Es wurde ein ziemlicher Hype drum gemacht, als es rauskam. Die Serie ist verdammt beliebt und Netflix soll angeblich schon eine zweite Staffel planen.“
„Kenn ich nicht, worum geht’s?“ fragte Alberto.
„Es geht um Emily Cooper. Sie arbeitet eigentlich in einer Marketingfirma in Chicago, wird aber nach Paris versetzt, obwohl sie kein Französisch kann. Auf jeden Fall kann ihre Chefin sie nicht leiden, weil sie jung und hübsch ist und der eigentlich verheiratete Liebhaber der Chefin die ganze Zeit mit Emily flirtet. Das Ganze ist ziemlich kompliziert, auch egal. Es gibt da noch ihren extrem heißen Nachbar, der Koch ist und den Emily küsst, ehe sie erfährt, dass er eine Freundin hat, mit der sie auch befreundet ist. Sie hat innerhalb dieser zehn Folgen jedenfalls sechs oder sieben verschiedenen Romanzen, die mehr oder weniger gewollt sind und mit drei verschiedenen Typen Sex, vier wenn man Cybersex mitzählt.“ fasste ich das ganze kurz zusammen.
„Wie heiß ist der Koch denn?“ fragte Em, was die Jungs aus irgendeinem Grund zu empören schien.
„Ehrlich gesagt finde ich den überhaupt nicht heiß. Er sieht vielleicht gut aus, aber ich habe schon Besseres gesehen.“ antwortete ich, woraufhin ich von Em einen fragenden Blick bekam. „Der Name des Schauspielers ist Lucas Bravo.“
„Keinen Schimmer wer das ist.“ Schnell holte ich mein Handy raus und zeigteihr ein Bild.
„Ah, ich steh mehr auf Latinos.“
„Ich weiß, du bist mit einem verheiratet.“
„Woher weißt du das?“
„Ist mein Job.“
„Was ist dein Typ?“
„Theo James“
„Wer ist das?“
„Spielt Four in 'die Bestimmung'.“
„Oh der, ja der ist schon extrem heiß.“
„Ja, oder? Es sollte verboten sein so gut auszusehen!“
„Es ist ja wirklich interessant eurem Mädchengespräch zuzuhören, aber hier sitzen auch vier heiße, berühmte Typen neben euch.“ mischte Alberto sich ein.
„Harry ist verheiratet und hat ein Kind.“ bemerkte ich.
„Manche Frauen stehen auf verheiratete Väter.“ warf Em ein. Ich wollte schon erwidern, dass das meist eher für alleinerziehende Väter galt, doch Matt platzte dazwischen.
„Es ist irgendwie gruselig, dass du so viel über uns weißt.“
„Tja, das Meiste weiß ich von meinen Kolleginnen.“ gab ich zu. Das war zwar nur die halbe Wahrheit, aber das musste ja keiner wissen.
„Wieso stalken deine Kolleginnen uns und hast du keine männlichen Kollegen?“ fragte Alberto leicht verwirrt.
„Sagen wir einfach, es gab ein paar Vorfälle, die zu diesem stalken geführt haben. Genaueres erspare ich euch.“ Wieder nur die halbe Wahrheit, aber das wusste keiner, was auch gut so war.
„Okay, aber wenn Harry schon nicht mehr heiß ist, ist Em auch nicht mehr heiß.“ stellte Alberto fest.
„Falsch! Em ist auch jetzt noch heiß. Sie hat einen hammer Körper, ist berühmt, hübsch und kaum einer weiß, dass sie verheiratet ist, was sie eigentlich sogar noch heißer macht.“ erwiderte ich.
„Du bist ganz schön schräg.“ stellte Harry fest. Sofort kamen wieder Erinnerungen hoch. Verdammt, eben hatte ich noch ein normales, belangloses Gespräch geführt und nun das!
„Danke, das ist genau das, was eine Frau hören will.“ bedankte ich mich ironisch, während ich versuchte zu überspielen, was in mir vorging. Offenbar war ich entweder halbwegs erfolgreich, oder die anderen ignorierten es einfach. Nur Dom hatte wieder die Augen zusammengekniffen, als könnte er in mich rein sehen. Verdammter Idiot.
„Was ist eigentlich mit euch? Wieso seid ihr nicht zu Hause? Es ist immerhin Weihnachten.“ fragte ich und ignorierte meinerseits Dom, was mir leider schwerer als sonst viel, wenn er mich so ansah.
„Eigentlich sollten wir vier heute zurück nach L.A. fliegen, aber der Flug wurde gestrichen und so kurzfristig kriegen wir keinen neuen. Es würde sich einfach nicht lohnen nur für ein paar Tage zurück in die Staaten zu fliegen, weil wir danach sowieso wieder nach England müssten, also hat Dom uns angeboten, dass wir hier Weihnachten feiern können.“ erklärte Harry.
„Macht euch das denn nichts aus?“ fragte ich verblüfft.
„Doch, aber im Enteffekt können wir es eh nicht ändern, also versuchen wir das Beste draus zu machen.“ erklärte Em. Okay, zumindest waren sie realistisch.
„Tut mir leid, dass ich euer Gespräch unterbreche, aber wir gehen heute Abend ins Theater und wollten wissen, ob ihr auch mitkommen wollt.“ unterbrach Dad uns und zeigte dabei auf sich, Mum, Carter und Lucy.
„Würden wir dafür denn noch Karten kriegen?“ fragte Matt mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Klar, Dom bekommt hier alles, was er will. Er müsste nur mit dem Finger schnipsen.“ sagte Carter, womit er durchaus richtig lag.
„Ja, ich bin ein Superstar.“ Dom genoss es offenkundig, dass er gerade im Mittelpunkt stand.
„Also, kommt ihr mit ins Theater?“ fragte Lucy noch einmal. Ich wusste, dass die Frage vordergründig an Em, Matt, Harry und Alberto gestellt war, außerdem wäre meine Antwort wahrscheinlich nicht zufriedenstellend gewesen, also sagte ich einfach gar nichts und trank stattdessen meinen Kakao.
„Ich habe Royce versprochen mit ihm zu videochatten, tut mir leid.“ gab Em zerknirscht zu. Entweder tat es ihr echt leid oder sie packte gerade die Schauspielerin aus.
„Eigentlich wollten wir heute Abend in eine Bar gehen.“ sagte Dom und boxte damit auch die Jungs raus.
„Was ist mit dir, Lyric?“ fragte Dad, obwohl er scheinbar schon ahnte, was ich antworten würde.
„Tut mir leid, aber ich muss noch einen Artikel fertig machen und ihn meinem Boss schicken, der dazu sicher auch noch Anmerkungen hat. Ich schaffs nicht.“ erklärte ich.
„Lyric, du hast das Theater doch früher geliebt!“ entrüstete Mum sich.
„Mum, ich war nicht mehr im Theater, seit ich zehn war.“ klärte ich sie auf, womit die Diskussion für mich auch beendet war.
„Schwesterherz, du bist verrückt.“ war der Kommentar meines Bruders dazu.

Tatsächlich war das Haus am Abend beinahe leer. Mum, Dad, Carter und Lucy waren vor der Vorstellung noch essen gegangen, die Jungs hatten sich wahrscheinlich was an einem Schnellimbiss geholt, bevor sie in irgendeiner Bar verschwunden waren, und Em chattete seit etwas über zwei Stunden mit ihrem Mann. Ich dagegen hatte mich vor meinen Computer gesetzt und den Artikel fertig gemacht, ehe ich mich mal wieder an meinem Bücherregal bedient hatte. Meine Bücher waren zwar alle schon sehr abgegriffen, doch trotzdem noch in einem guten Zustand, worauf ich sehr stolz war. Ich hatte jedes Einzelne bestimmt schon über zehn Mal gelesen.
Nun saß ich also auf einem meiner Sitzsäcke und war in 'Rubinrot' vertieft. Ich liebte alles was mit Fantasyzu tun hatte.
Ich schreckte auf, als es plötzlich an meiner Tür klopfte.
„Ja?“ fragte ich und Em trat ein.
„Hey, ich bin fertig. Wollen wir zusammen was machen?“ fragte sie und ließ sich auf den zweiten Sitzsack fallen. „Ließt du viel?“ wollte sie, nach einem Blick auf mein Bücherregal wissen.
„Meistens lese ich mir nur Mitschriften von Interviews durch, für was anderes habe ich nämlich keine Zeit. Eigentlich komme ich nur hier zum lesen von richtigen Büchern, die mich auch interessieren.“ antwortete ich.
„Macht dir deine Arbeit wirklich so viel Spaß, dass du deine gesamte Zeit dafür opferst?“ wollte Em ungläubig wissen. Ich überlegte einen Moment. Ich liebte meinen Job und ich konnte mit meiner Zeit nicht so viel anderes anfangen, also...
„Es geht nicht darum, dass es mir Spaß macht. Weißt du, ich weiß nicht, was ich sonst mit meiner Zeit anfangen sollte. Ich tue mich schwer mit Freundschaften, meine letzte Beziehung war eine Katastrophe und meine Familie wohnt hier in Maidstone, aber ich arbeite in London. Ich bin es gewohnt immer zu arbeiten.“ erklärte ich.
„Nimms mir nicht übel, aber dein Leben klingt irgendwie scheiße.“ kommentierte Em trocken.
„Ich weiß, aber das ist es nicht. Klar, mein Boss ist ein Arschloch, aber ich lerne bei der Arbeit so viele tolle Menschen kennen. Ich treffe Schauspieler, Sänger, Moderatoren und noch so viele mehr. Ernsthaft von A- bis Z-Prominenz ist alles dabei. Außerdem sind meine Kolleginnen super nett und die Arbeit macht mir Spaß.“ sagte ich und bremste mich, bevor ich noch anfing mehr peinliche Details meines Lebens auszuplaudern, denn davon gabs wirklich viele, sehr viele.
„Okay,“ Offensichtlich war Em sich nicht ganz sicher, was sie dazu sagen sollte. „und wieso tust du dich mit Freundschaften schwer?“ Danke Universum, das war genau die Frage, die ich jetzt beantworten wollte, danke. Wie sehr ich es liebte, wenn das Universum mich verspottete.
„Sagen wir einfach, es gab da eine Freundschaft, die sehr unschön geendet hat und ich habe Angst, dass das wieder passiert.“ antwortete ich ausweichend.
„Du hast es irgendwie echt drauf unangenehmen Fragen auszuweichen, weißt du das?“ Em sah mich belustigt an.
„Ja, ich habe lange dran gearbeitet, das so gut hinzukriegen.“ antwortete ich lachend. Em lachte auch und wir saßen noch eine ganze Weile einfach nur auf meinen Sitzsäcken und unterhielten uns. Irgendwann hörten wir, wie die Haustür aufging und gingen nach unten. Natürlich waren es nicht die Jungs, sondern Mum und Dad, die uns vom Theater vorschwärmten. Gegen halb zwölf gingen sie ins Bett und wir zwei Mädels blieben auf dem Sofa sitzen und redeten weiter. Ich erfuhr viel über Ems Leben, ihren Mann, ihre Familie und diverse Schauspieler, über die sie sich aufregte. So merkte ich gar nicht, wie ich immer müder wurde und schließlich einschlief.

„Hey, Lyric, Schatz, aufstehen, es ist Zeit fürs Frühstück.“ ertönte die sanfte Stimme meiner Mum, während mich jemand leicht an der Schulter rüttelte. Ich wollte mich wegdrehen und einfach weiterschlafen, aber irgendetwas war mir im Weg, weshalb ich einfach meine Augen zusammenkniff und versuchte mir die Decke über den Kopf zu ziehen, um zu signalisieren, dass ich weiterschlafen wollte.
„Schatz, es ist schon nach neun und wir wollen wirklich frühstücken.“ sagte Dad irgendwo über mir. Genervt öffnete ich ein Auge. Mum saß neben mir auf der Sofakante, Dads Kopf schwebte über Lehne und sowohl Alberto als auch Harry hatten ein belustigtes Grinsen im Gesicht.
„Na, habt ihr euch schon die Kopfschmerztabletten gekrallt?“ witzelte ich müde.
„Ja“ kam es dreistimmig zurück. Wahrscheinlich war Matt auch irgendwo im Raum und ich hatte ihn nur noch nicht entdeckt.
„Du hast echt Glück, dass du so aufgewacht bist, für Em haben wir schon einen Eimer Wasser geholt.“ grinste Alberto.
„Ich danke vielmals dafür, dass ich meine morgendliche Dusche im wachen Zustand erleben darf.“ bedankte ich mich sarkastisch, ehe ich mich vollständig aufsetzte und mich an die Rückenlehne des Sofas lehnte. Auf einem Sessel neben mir lag die schlafende Em. Matt war über sie gebeugt und hatte tatsächlich einen Eimer in der Hand. Offensichtlich war das mit dem Wasser doch kein Scherz gewesen. „Das ist ziemlich gemein.“
„Ach was, wir haben eine halbe Ewigkeit versucht sie wach zu kriegen, aber es hat nicht geklappt, das hier ist also die einzige Lösung.“ erklärte Harry, der sehr begierig darauf schien, Em so richtig zu erschrecken.
„Wieso seid ihr drei eigentlich so wach? Wir waren gestern echt lange auf und ihr wart ganz sicher nicht da, als ich eingeschlafen bin.“ fragte ich leicht verwirrt.
„Oh, wir haben durchgemacht. Wir haben ein paar alte Freunde von Dom getroffen, uns betrunken, dann ist Dom mit irgendeiner Blondine weg, wir haben weiter getrunken und dann haben wir beschlossen, dass wir durchmachen wollen. Um wieder nüchtern zuwerden, haben wir einen Schneeengel im T-Shirt gemacht.“ antwortete Matt.
„Ich glaube, ich will gar keine Details hören.“ beschloss ich und rappelte mich auf. „Ich werde jetzt Em wecken.“
Bevor einer der Jungs protestieren konnte, ging ich rüber zu Em, zog ihr die Decke weg und begann sie durch zu kitzeln. Zuerst rührte sie sich nicht, doch nach ein paar Sekunden kräuselte sie die Nase und begann zu kichern, was schließlich in ein Lachen überging, bis sie endlich die Augen öffnete und mich anflehte aufzuhören.
„Man, Lyric, du hast uns den ganzen Spaß verdorben!“ beschwerte sich Alberto.
„Bitte gern geschehen.“ erwiderte ich. „Ich werde mich jetzt schnell umziehen, dann können wir von mir aus frühstücken. Kommst du mit, Em?“
„Ja, gib mir einen Moment, ich muss erst richtig wach werden.“ entgegnete sie gähnend.
„Ich habe dich gerade fünf Minuten lang gekitzelt.“ stellte ich fest.
„Ja, aber ich muss trotzdem erst noch aufwachen, dann können wir ins Bad gehen.“ Em gähnte und streckte sich noch einmal ausgiebig, ehe sie aufstand und wir das Zimmer verlassen wollten.
„Da Dom nicht da ist, ist es meine Pflicht jetzt einen anzüglichen Kommentar fallen zu lassen.“ entschied Alberto und wollte schon fortfahren, als ich ihm das Wort abschnitt.
„Sag ein Wort und wir beide kriegen ein Problem miteinander.“ drohte ich. Er hielt, sehr zu meiner Zufriedenheit, den Mund. Also, die gute Nachricht; Alberto war noch nicht völlig verloren.
„Sie wollten mir Wasser über den Kopf schütten, oder?“ fragte Em, während ich mir die Zähne putzte und sie sich aus den Klamotten von gestern schälte. Ich nickte nur leicht, weil ich momentan nur schlecht sprechen konnte.
„Wie hast du es nur so lange alleine mit denen ausgehalten?“ fragte ich, als mein Mund wieder leer war.
„Ich war nicht alleine. Kat, Isahia, Alisha, Luke und Chai sind eigentlich auch mit von der Partie, aber die haben alle einen anderen Flug genommen, also sind sie wahrscheinlich schon wieder zu Hause bei ihren Familien.“ antwortete Em.
„Wieso seid ihr eigentlich überhaupt in England?“ fragte ich weiter, während ich schnell meine Haare in Ordnung brachte.
„Wir hatten uns lange nicht gesehen und wollten mal wieder Zeit zusammen verbringen, also hatte Kat die Idee, dass wir ja auch was für die Fans machen könnten und deshalb sind wir zusammen ein Bisschen gereist und haben Fantreffen veranstaltet. Vor ein paar Tagen war eines in Glasgow und nach Silvester machen wir eines in London, bevor es nach Frankreich weitergeht.“ antwortete Em. Nachdem ich mich noch schnell umgezogen hatte und Em und ich wieder nach unten gegangen waren, konnten wir nun endlich frühstücken.
„Man, wir hätten Em wie einen begossenen Pudel aussehen lassen können!“ beschwerte Alberto sich erneut und biss herzhaft in sein Brötchen.
„Mag sein, aber dann hättest du jetzt eine wütende Em am Hals und wir wissen doch beide, dass du das ganz sicher nicht willst.“ lachte ich und zwinkerte Alberto neckisch zu. Ja, jetzt, in genau diesem Moment, war ich wirklich glücklich und genau deshalb genoss ich diesenMoment auch in vollen Zügen.
 
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