Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Göttliche Gabe

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama, Fantasy / P12 / Gen
07.05.2021
07.05.2021
1
452
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
07.05.2021 452
 
Die Sonne brannte erbarmungslos am unbedeckten, blauen Himmel. Das Brummen der tiefen Bassglocke brandete über die Dünen um Anbardas' Kapelle. Der Wind hatte sich gelegt und mit seinem Verschwinden war die Decke aus herumtreibendem Sand zu Boden gesunken.
Die Kapelle selbst, ein niedriges, unverziertes Gebäude aus weiß getünchtem Stein, öffnete seine Türen nur den eingeschworenen Brüdern der Gemeinde. Auf den grauen Steinen des ausgedehnten Hofes davor ließen sich die Gläubigen auf die Knie sinken um ihre Gebete zu sprechen.
Brogar kniete unter ihnen, die Hände vor der Brust gefaltet, den Blick gesenkt. Hunderte Male hatte er hier schon gehört, wie die Glocken erklangen, hatte gehofft, dass seinen Gebeten ein Hauch göttlicher Gabe folgen würde. Doch heute war es anders.
Heute betete er nicht, er beichtete. Er hatte eine Tat begangen, für die er Vergebung begehrte. „Bitte“, begann er flüsternd. „Bitte nimm ihre Seele zu dir. Ich habe bloß zu helfen versucht.“
Die Glocken verschlangen seine Worte, doch ihr Lied ging weiter. Wieder begann er, ein Versuch, seine verworrenen Gedanken verständlich zu machen. Verständlich für den Herrn, der Vergebung versprach.
„Bitte, nimm ihre Seele zu dir. Sie hat es nicht besser gewusst.“ Das Gesagte verblasste vor dem Getöse der Glocken. Gleich würden sie alle zugleich schlagen. Wenn ihr letzter Ton verklungen war, dann wäre der Augenblick für Vergebung vergangen.
Schwer lastete das Gewicht seiner Tat auf ihm, würde ihn erdrücken, wenn er nicht in Worte fasste, was ihn schmerzte. „Ich habe sie getötet.“
Da war es nun. Doch die Glocken klangen noch, verschluckten seine kleine Stimme. Keine göttliche Gnade würde ihn erwarten, wenn er nicht klar sagte, was er keinem Menschen sagen konnte. Er hob die Augen und sah stur geradeaus.
„Sie hat mich betrogen. Sie hat ihren Mann verlassen. Sie hat bei einem Anderen gesessen.“ Noch immer der Sturm der Glocken in der windstillen Luft. Mehr. Worte. Beichte für die Sünde.
„Sie hat mir Schande gebracht. Sie...“ Die kleine Stimme brach, als alle Glocken zu schlagen begannen. „Ich. Ich habe sie gesehen. Ich habe den Zorn gespürt. Ich habe zugeschlagen. Ich hasste sie, in diesem einen Moment.“ Der letzte Schlag nahte, ein letzter Schlag der Glocken.
„Ist das denn keine Liebe?“ Da war er, der letzte Schlag. Die leise Frage aufgenommen von den Glocken. Und keine Vergebung. Noch nicht. Mehr. Er richtete sich auf.
Die Sonne brannte auf seine unbedeckten, breiten Schultern. Das Brummen des letzten Glockenschlags verhallte zwischen den Dünen um Anbardas' Kapelle. Ein leichter Wind kam auf und wehte in den Umhang, der von Brogars Rücken zu Boden gefallen war.
Brogar stand unter den Gläubigen und hob den Blick zum Himmel. Sollten doch alle seine letzte Beichte hören.
„Sie war meine Tochter und ich habe sie getötet!“
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast