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All The Way Down

von mindfire
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Action / P16 / Gen
07.05.2021
12.12.2022
4
6.322
1
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07.05.2021 1.535
 
Ja, ich weiß was ihr jetzt denkt, *warum tut man sowas?* Naja, was soll ich sagen, weil ich gut darin bin! Ich bin gut darin, Menschen ausfindig zu machen, auf die jemand eine Belohnung ausgesetzt hat und sie dann zu töten.

Natürlich mache ich nicht jeden Job.

Ich habe da schon einige Prinzipien, auch wenn das ziemlich seltsam klingt. Aufträge interessieren mich nur, wenn der Gesuchte ordentlich Dreck am Stecken hat. Mörder, Vergewaltiger, große Fische in der Drogenbranche, Menschenhändler und Zuhälter, die meistens ja eh bei den anderen Sachen noch zusätzlich mitmischen. Erst wenn ich Nachweise darüber habe, dass die Zielperson auch wirklich die Taten begangen hat, die ihm zur Last gelegt werden, fange ich an selber zu recherchieren und sie zu beschatten. Ich versuche mir ein möglichst genaues Bild von ihrem Alltag und ihrer Umgebung zu machen, damit ich den perfekten Zeitpunkt und Ort finde, um das Ganze über die Bühne zu bringen. Sowas macht man ja schließlich nicht von jetzt auf gleich. Kein Job ist wie der Andere, deshalb ist es umso wichtiger, dass ich perfekt vorbereitet an die Erledigung der Aufträge gehe. Was mir dabei zugute kommt ist meine Erfahrung als Sportschützin und auch als Hackerin.

Als Sportschützin, war ich als Kind bereits besser als meine Altersgenossen und auch besser als die meisten älteren Kids auf dem Schießstand. Und durch das permanente Training verbesserte ich mich immer mehr. Mit 14 konnte mir auf eine Entfernung von 600 bis 800 Metern keiner mehr das Wasser reichen.

Allerdings wusste ich nie wirklich etwas mit meiner Begabung anzufangen. Das Militär reizte mich nicht und sportlich war ich auch nicht, also blieb ich einfach nur meinem Schützenverein treu.

Mit 18 entdeckte ich mein Interesse am Internet und den unendlichen Möglichkeiten. Ich bewegte mich viel im Dark Web und pflegte dort einige Kontakte zu Hackern in der ganzen Welt. Schon bald rutschte ich in kriminelle Kreise ab. Auch wenn wir uns als Robin Hoods der Neuzeit betrachteten, waren wir nichts anderes als gewöhnliche Kriminelle. Hauptsächlich fälschte ich Ausweise. Doch auch bei der ein oder anderen Aktion meiner Hacker Freunde, wie zum Beispiel dem Leerräumen eines Bankkontos einer Wäscherei, die in ihren Hinterzimmern Frauen verkauften, die mit großen Versprechungen nach Geld, Arbeit und Ehe in die Staaten gelockt wurden. Oder dem Löschen der Vorstrafen und Haftbefehlen ein paar Hacker Kollegen.

Irgendwann stieß ich bei meinen Spaziergängen im Darkweb auf Aufträge. Bezahlte Aufträge zur Tötung zahlloser Menschen. Angewidert und kopfschüttelnd saß ich vor meinem Computer. Bis der Name auftauchte, der mich seit 10 Jahren nicht losließ.

Mason Higgins. Der Mann, der für den Tod meines Vaters vor 10 Jahren verantwortlich war.

*****

Es war ein Samstagabend im November. Grau, dunkel, verregnet. Mein Vater war auf dem Weg nach Hause. Er war Feuerwehrmann im New Yorker Stadtteil Manhattan gewesen. Als er auf dem Weg von der Feuerwache zur Metro Station die Straße überquerte, wurde er von Mason Higgins überfahren. Higgins war volltrunken aus einer Bar gekommen und ohne bedenken in sein Auto gestiegen. Er hatte bereits eine 5 Minütige Irrfahrt hinter sich, in der er einige Mülltonnen, Straßenlaternen und auch Autos beschädigte. Dass er nicht mehr Menschen verletzt oder getötet hatte,  war ein Wunder gewesen. Doch leider wurde er für diese Tat niemals verurteilt. Zu viele Fehler waren von Seiten der Polizei gemacht worden. Ihm wurden weder seine Rechte bei der Festnahme vorgelesen, noch waren die Alkoholtests gültig. Und somit gab es für ihn nur eine leichte Bewährungsstrafe.

******

Dass das meiner Mutter und mir das Herz brach und es uns fast unmöglich machte das Unglück zu verarbeiten, muss ich wohl kaum erwähnen. Der Verlust meines Vater machte mir viele Jahre schwer zu schaffen. Er fehlte einfach immer und überall. Und das Higgins nie ausreichend dafür bestraft wurde, dass er uns einen Menschen aus unserem Leben gerissen hatte, ließ meine Wut von Jahr zu Jahr wachsen.

Und nun stand da sein Name. Auf einer Seite im Darkweb. Ungläubige schüttelte ich den Kopf und schnaubte, als ich das Gesuch öffnete. Dort stand alles über ihn, Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Vorstrafen, ungeahndete Vergehen. Als Belohnung waren 25.000 $ angesetzt. Ich musste kurz schlucken, als ich den Namen meines Vaters las, der zusammen mit anderen Namen unter den ungeahndeten Vergehen stand.

Eine Woche verstrich, bis ich die Anzeige das nächste Mal öffnete. Die ganze Woche hatte ich gehofft, dass sie wieder verschwunden war und sich eventuell jemand um ihn gekümmert hatte. Doch leider war sie immer noch an Ort und Stelle. Stunden verbrachte ich damit in meiner kleinen Wohnung auf und abzulaufen. Ich wog das Für und Wider ab, fragte mich, wie ich es anstellen könnte. Wie ich ihn finden und töten könnte. Der Gedanke daran ließ mich immer wieder erschaudern. Es war falsch einen Menschen zu töten. Aber Higgins hatte das auch nicht interessiert. Er war bewusst in sein Auto gestiegen. Er hatte in kauf genommen, dass etwas passieren könnte. Gerade in einer Großstadt wie New York, wo permanent, zu jeder Tages- und Nachtzeit Menschen auf den Straßen unterwegs waren. Er hatte nicht nur grob fahrlässig, sondern meiner Meinung nach vorsätzlich gehandelt. Immer wieder ging ich in Gedanken seine Irrfahrt durch und meine Wut fing an sich zu steigern. Sie steigerte sich bis zu dem Punkt, an dem ich mich an den Tisch setzte und mit dem Auftragsteller Kontakt aufnahm. Sie steigerte sich so weit, dass ich mir eine Waffe über das Dark Web besorgte und mich daran machte ihn ausfindig zu machen.

Wie stümperhaft ich doch damals noch war. Keine Erfahrung, keine Ahnung wie ich es anstellen sollte und erst recht keine Ahnung, ob ich es überhaupt schaffen würde, wenn er dann vor mir stünde.

Ich hatte mich hinter einem Müllcontainer verschanzt. Mittlerweile war es 4:30 Uhr am morgen. Ich beobachtete Higgins dabei, wie er in ca. 10 Metern Entfernung aus der Tür der Bar trat, in der er mehrmals die Woche arbeitete und die großen Müllsäcke in den Container warf. Ich holte tief Luft und versuchte aufzustehen, doch die Angst hielt mich am Boden und ließ mich erstarren. Leise fluchte ich vor mich hin, als er wieder zurückging und die Tür hinter sich schloss.

Higgins war groß, größer als ich ihn in Erinnerung hatte und vor allem breiter als ich ihn in Erinnerung hatte. Was es nicht gerade einfacher machte mein Ziel zu verfolgen. Doch ich hatte mich für diesen Schritt entschieden und deshalb musste ich das auch durchziehen.

Während mir eine Träne über das Gesicht lief, hörte ich, wie die Tür der Bar geschlossen wurde. Ich holte tief Luft und versuchte mich zu sammeln. Ich wusste, warum ich hier war und ich wusste auch, dass ich es tun musste. Er zündete sich eine Zigarette an, dann hörte ich auch schon, wie seine Schritte immer näher kamen. Ich ließ ihn an mir vorbeigehen. Dann gab ich meine Deckung auf. Er hatte mich nicht gesehen. In Erwartung eines kräftigen Rückstoßes stellte ich mich aufrecht hin und straffte die Schultern. Ich atmete tief ein. Mit zitternden Händen und aufgerissenen Augen  drückte ich ab. Im fahlen Licht der Laterne sah ich seinen Körper zusammensacken und dumpf auf dem Boden aufschlagen.

Erst nach ein paar Minuten konnte ich mich aus der Schockstarre lösen. Ich lies die Waffe sinken und bemerkte, dass meine Wangen nass waren und meine Nase lief. Mit dem Ärmel meines Pullovers wischte ich mir die Tränen weg, drehte mich ohne mich weiter umzusehen um und rannte los. Ich vergewisserte mich nicht, ob er wirklich tot war. Das sollten mir erst Tage später die Polizeiberichte bestätigen.

Lange hatte ich mit diesem ersten Mord zu kämpfen. Ich verkroch mich danach wochenlang in meiner Wohnung und meldete mich nur sporadisch bei meinem Freunden und meiner Familie, damit diese nicht auf die Idee kamen mich zu besuchen oder wo möglich eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Und doch hatte meine Tat etwas in mir ausgelöst, sie hatte einen Teil in mir gelöst. Einen Teilt der sich festgefressen hatte, an dem Tag an dem das Urteil für Mason Higgins verkündet worden war. Als ich eines Tages mit meiner Mutter telefonierte, erzählte sie mir, dass sie in der Zeitung gelesen hatte, dass Higgins ermordet wurde. Sie wirkte irgendwie erleichtert.  Diese Erleichterung sollte sich bald auch bei mir einstellen. Nach ein paar Monaten hatte ich es irgendwie geschafft, damit klarzukommen, dass ich einen Menschen getötet hatte. Schließlich war dieser Mensch nicht unschuldig.

Irgendwann fing ich wieder an die Gesuche auf der Seite, auf der ich auch Higgins gefunden hatte zu suchen. Ich las Dinge, von denen ich nie gedacht hätte, dass ein Mensch zu solchen Gräueltaten in der Lage sein könnte. Ich verfolgte diese Anzeigen, wartete darauf, dass sie irgendwann verschwanden. Die leichteren Gesuche verschwanden meist auch nach wenigen Tagen oder Wochen. Die dicken Fische, die wirklich schwerwiegende Verbrechen begingen, mit den richtig hohen Belohnungen, blieben allerdings stehen.

Bis zu dem Tag an dem mir eine Bekannte erzählte, dass ihre Schwester vor vielen Jahren von einem Kinderpornoring entführt und ermordet wurde. Jedoch nie jemand dafür zur Rechenschaft gezogen wurde. Das war der Moment, in dem ich beschloss mich diesem Abschaum der Menschheit anzunehmen. Ich hatte es einmal geschafft und ich würde es wieder schaffen, doch ich musste lernen mich besser vorzubereiten und mich und meine Gefühlswelt zu kontrollieren.
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