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eagle eye

von Foody
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost / P16 / Gen
Alvin Olinsky Hailey Upton Henry "Hank" Voight Jay Halstead
07.05.2021
17.08.2022
337
437.710
17
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
05.08.2022 1.294
 
Jay kroch nach seinem langen Gespräch mit Daniel müde und mehr als geschafft in den Schlafsack, den Sam neben dem Feuer hingelegt hatte. Seine Augen schauten an den mittlerweile dunkel gewordenen, aber sternenklaren Nachthimmel ohne wirklich dorthin zu sehen.

Er war froh, dass die Anderen sich gerade an der Hütte unterhielten und ihn nicht bemerkten. Jay hatte im Moment nicht die Kraft seine übliche Fassade aufrecht zu halten. Und er musste nachdenken, über all das, was er mit Daniel beredet hatte. Gleichzeitig wollte er nicht mehr denken, denn sein Kopf fühlte sich verdammt überlastet an, auch wenn er sich nach dem Gespräch irgendwie leichter fühlte. Doch sein Kopf pochte schon wieder.

Daniel hatte das Gespräch nicht umsonst abgebrochen. Ihm waren offensichtlich Jays permanente Kopfschmerzen aufgefallen. Zumal er auch gemerkt hatte, wie unkonzentriert Jay irgendwann geworden war.

Auch wenn Daniel Jay erklärt hatte, dass das völlig normal wäre und es einen Grund gäbe, warum man Therapiesitzungen meistens nicht länger als 90 Minuten ansetzte, verwirrte und ärgerte Jay diese körperliche Reaktion von ihm. Er hatte immer gut reagiert in stressigen Situationen und jetzt zoomte er offenbar mitten in Gesprächen aus und konnte keine klaren Gedanken fassen. Himmel, selbst im Gericht konnte er sich nicht genug zusammenreißen.

Es waren auch so viele unterschiedliche Gefühle gleichzeitig auf ihn eingeprasselt, von denen er nicht wusste, wie er mit ihnen umgehen sollte, auch wenn Daniel ihm bei einigen schon wirklich gut geholfen hatte. Aber es war einfach alles zu viel um damit gleichzeitig zu dealen und Babyschritte fühlten sich nicht wie vorwärts kommen an.

Jay atmete tief durch. Er war schlichtweg erschöpft. Vielleicht sollte er wirklich versuchen, seine durcheinander schwirrenden Gedanken unter Kontrolle zu bekommen und schlafen. Vielleicht half es ja einfach einmal an nichts zu denken?

Doch gerade klappte nicht einmal das. Seine Gedanken wollten einfach nicht abschalten. Es war verdammt frustrierend. Jay legte den Arm über seinen Kopf und fluchte leise.

„Hey, bist du okay?“ , fragte Sam, als er erst seinen Schlafsack und sodann sich einfach auf den Boden neben ihn legte. Er wusste, dass eine Therapiesitzung ziemliche Nebenwirkungen haben konnte, immerhin setzte man sich mit Schwächen und Problemen auseinander, die man sonst eher versuchte zu verdrängen und die belastend sind. Es konnte zu allem führen: Traurigkeit, Depressionen, Frust oder noch Schlimmeres wie Selbstmordgedanken.

Sam konnte sich gut vorstellen, wo er seinen Freund gerade einordnen konnte, allein wenn er sein Fluchen hörte. Der Frust war jedoch auch an Jays Körper zu erkennen, denn Jay lag definitiv nicht entspannt da, allein wenn man die zu Fäuste geballten Hände betrachtete.

Jay rieb sich die Schläfen, bevor er seinen frustrierten Blick zu Sam richtete. „Ich habe keine Ahnung. Es ist so viel los in meinem Kopf und ich hätte gern einfach Ruhe da drinnen.“, beantwortete er Sams Frage.

„Weißt du noch, wie du Opa und mir alle Sterne erklärt hast, die du hier gesehen hast?“, fragte Sam, der zu Jays Erleichterung scheinbar das Thema wechselte. Er wusste nicht, ob er heute noch mehr über das hier alles reden konnte, ohne aus Frust seinen Kopf gegen einen Baum zu schlagen.

Jay grinste verlegen, als er sich zurück erinnerte, während er sich müde die Augen rieb: „Ich hatte einen Redeanfall, hmmm?“ „Es war der beste Tag seit der Sache mit Gracy, Jay. Ich habe den ganzen Abend gegrinst. Du hattest mich mit deiner Begeisterung richtig angesteckt.“, gestand Sam.

„Ja?“, fragte Jay ein wenig überrascht und blickte zu Sam hinüber. Der schaute jedoch leicht lächelnd weiter zu den Sternen, als wäre er in Gedanken verloren.

„Du hast erzählt, dass Sterne unterschiedliche Farben haben können, auch wenn mit dem bloßen Auge nur gelb sieht. Die heißesten Sterne seien blau, aber es gäbe auch rote, orange und eben gelbe. Ich hatte sie nie wirklich betrachtet, aber an dem Abend hätte ich ewig dort liegen und dir zuhören können. Ich habe mir vorgestellt, wie Gracie dort oben im Himmel begeistert herum sprang und jeden einzelnen Stern bewunderte. Sie hat Farben geliebt und Glitzer. Das hat mir ein wenig Ruhe gegeben.“, erinnerte Sam sich zurück.

Jay sah nachdenklich zurück an den Himmel. „Das ist irgendwie cool.“ Die Beiden starrten kurz gedankenverloren vor sich hin. Sie hörten nur das Knacken des Feuers neben sich und etwas entfernt die Stimmen ihrer Freunde in der Hütte.

Irgendwann atmete Jay tief durch, bevor er hoffnungsvoll fragte: „Meinst du, meine Ma hätte da oben auch noch Platz?“

Sam begann zu grinsen. „Hey, die Beiden sind garantiert beste Freunde. Ich meine, so viele Schutzengelkraft wie wir bei manchen Aktionen gebraucht haben, das konnten sie nur zusammen schaffen.“ Jetzt grinste auch Jay. „Eigentlich hätten sie dafür eine ganze Mannschaft gebraucht.“

Sam lachte, bevor er zu Jay sah und ihm eine Idee kam. Ernst erklärte er: „Haben sie doch auch.“

Jay sah fragend zu Sam, doch der zeigte schon auf irgendetwas am Himmel, was Jays Blick auch zurück gleiten ließ. „Siehst du das da oben? Der Stern, der so frech grinst?", fragte Sam. Ohne eine Antwort abzuwarten, erklärte er: "Das ist Lewis… du weißt doch, selbst in unserer Gefangenschaft hat er noch versucht uns Witze zu erzählen, da das Leben schon ernst genug sei…“

Er warf einen Blick zu Jay rüber, der tief durchatmete bei dieser Erwähnung seines verstorbenen Kameraden, aber leicht nickte. Lewis hatte immer versucht, sie alle bei Laune zu halten. Obwohl er ein paar Jahre älter war als sie, war er immer für alle ein wenig wie der freche kleine Bruder gewesen, der immer gern Streiche spielte, aber dem man nie lange böse sein konnte. Bis heute fragte sich Jay, ob das seine Art gewesen war, um sie zu beschützen, vor ihren Gedanken und den täglichen Gräueltaten, die sie zu sehen hatten. Hätte er ihn doch nur retten können.

Sam ließ jedoch nicht zu, dass Jays Gedanken zu dessen schrecklichen Tod glitten, sondern zeigte zum nächsten Stern: „…und das da daneben ist Parker, der kleine Schmale, den immer alle unterschätzt haben, bis sie ihn kämpfen gesehen hatten. Siehst du, er ist zwar schmal, aber er ist heller als die anderen Großen um ihn herum und setzt sich durch."

Jay begann zu lächeln. Der Stern passte wirklich zu Parker. "Und das da… hu… hast die Sternschnuppe gesehen? Die spielen da oben Baseball… Ich wette das war Lucky Luke, für einen Texaner hatte der einen super Schlag.“, unterbrach sich Sam selbst.

Das brachte tatsächlich ein Kichern aus Jay heraus. Sam hatte schon immer eine super Phantasie gehabt, auch wenn er sie nur selten zeigte. Aber er musste zugeben, ihm gefiel der Gedanke, dass seine toten Kameraden, da wo sie jetzt waren Spaß hatten und glücklich waren. Vielleicht konnte er sich an diesem Gedanken auch festhalten.

Der General grinste von seinem Zelt aus, als er das Gespräch hörte. Irgendwie hatte Sam schon immer eine Art gefunden, bei einigen Dingen eine andere Perspektive anzusetzen und Jay wieder etwas durchatmen zu lassen.

Und jetzt wo er sah wie Jay mit einem Grinsen an den Himmel starrte, während er Sams Geschichten  zu hörte und dessen Augen müde blinzelnd drohten zuzufallen, war er sich fast sicher, dass Jay heute keine Albträume haben würde.

Aber auch der General hörte gern weiter zu. Er hatte Sam seit Gracies Tod keine ausgedachten Geschichten mehr erzählen hören. Für sie hatte er das jeden Abend gemacht. Auch wenn der General nicht jeden Abend in der kurzen Kindheit von Gracie da war, hatte er es immer genossen, wenn er Sams Geschichte über die angelehnte Tür im Kinderzimmer gehört hatte. Er hatte es nicht gewusst, aber er hatte es wirklich vermisst.

Als Elenor näher kam, legte er daher den Finger an den Mund und zog sie zu sich, damit auch sie die Geschichte hören konnte. Ein Lächeln lag bald auf beiden Lippen, während sie angekuschelt auf der Pritsche im Zelt lauschten.
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