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eagle eye

von Foody
GeschichteSchmerz/Trost / P16 / Gen
Alvin Olinsky Hailey Upton Henry "Hank" Voight Jay Halstead
07.05.2021
16.09.2021
134
150.006
5
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Dieses Kapitel
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15.09.2021 1.166
 
„Ich… ich habe Platt und Adam heute morgen reden hören.“, verriet Jay flüsternd. Mouse wischte sich übers Gesicht. „Deine zitternden Hände heute morgen kamen nicht von einer Unterzuckerung, sondern von was? Angst? Stress?“ Jay nickte leicht und flüsterte: „Vielleicht alles? Ich… ich weiß nicht.“

„Setz dich.“, befahl Sam und öffnete die Tür zum Beifahrersitz. Jay gehorchte. „Okay und jetzt langsam. Was genau stresst dich so an einer Party, dass du dich sogar übergeben musst?“, fragte er vorsichtig, aber direkt.

Jay konnte nicht wirklich antworten. Es fiel ihm so verdammt schwer zu formulieren, was das Problem war. „Ist es die Aufmerksamkeit?“, fragte Hailey, die dies schon damals als Bedenken zu Adam geäußert hatte. Jay nickte mit auf den Boden starrenden Augen, aber ergänzte dann fragend: „Warum… warum macht ihr sowas für mich?“

„Wie meinst du das?“, fragte Mouse verwirrt, bevor er erklärte: „Weil wir dich gern haben und du das verdient hast! Adam hatte wohl die Idee und Trudy hat dann die Ausführung übernommen.“ Jay schüttelte beim Wort ‚verdient‘ leicht den Kopf.

Sam runzelte die Stirn, sah Jay dann plötzlich etwas entsetzt an: „Oh mein Gott, Jay. Hattest du nie eine Party? Also nur für dich mit deinen Freunden… eine Geburtstagsparty oder irgendwas?“ Klar, sie hatten in ihrer Armeezeit zum Geburtstag auch ein Bier geteilt oder vielleicht auch mehr, aber es war nie eine richtige Party gewesen.

Jay zuckte mit den Schultern und erklärte beiläufig, als wäre es völlig unwichtig: „Ich weiß nicht, bestimmt... bevor meine Mutter krank war. Ich… ich war froh, wenn ich nicht raus kommen musste, wenn… wenn ER eine Party geschmissen hat.“

Sam sah Jay besorgt an. Er war sich nicht sicher, ob er die Antwort auf seine nächste Frage hören wollte. „Was war denn, wenn du raus kommen musstest?“

Jay verschränkte die Arme vor sich, um sich zu distanzieren. Er sah die Drei kurz unsicher an, dann senkte sich sein Blick zum Boden und er schüttelte mit dem Kopf.

Hailey konnte sehen, wie sehr Jay mit sich rang, ob er es ihnen erzählen sollte. Er war so weit gekommen, hatte schon mehr mit ihnen geteilt, als vermutlich irgendjemand zuvor von ihm wusste. Und er hätte früher nie zugegeben, dass er etwas nicht wollen würde. Aber jetzt sah sie wie Jay sich langsam zurück zog und das musste sie verhindern.

„Wir sind es Jay. Es ist okay. Du musst uns nichts erzählen. Aber vielleicht können wir dir helfen, wenn wir wissen, was passiert ist. Was hatte Voight gesagt... Babyschritte.", flüsterte sie ihm zu und legte ihre Hand auf sein Knie.

Jay starrte Hailey an. Er wusste nicht, wie sie das immer machte. Aber sie war irgendwie sein Anker, seine Beruhigungsquelle, seine Seelenverwandte. Wenn dann würde er es ihr erzählen können und seinen beiden besten Freunden, die mit ihm viele schlimme Erlebnisse geteilt hatten und die extra für ihn hergekommen waren.

Jay atmete tief durch, bevor er auszuführen begann: „ER… ER hat immer nur ein paar Freunde eingeladen… meist nur vier oder fünf… aber es waren Partys mit lauter Musik und… sie… sie haben viel getrunken… und dann hat er mich irgendwann immer für… für irgendwelche Spiele für vogelfrei erklärt…“ Jays Hände begannen leicht zu zittern. Er zog sie zu Fäusten zusammen, um sie zu stoppen.

Hailey traute ihrer eigenen Stimme nicht, als sie leise fragte: „Haben sie dich… missbraucht, Jay?“ Jay schüttelte vehement mit dem Kopf: „Was? ...Nein, nur geschlagen und gedemütigt. …Naja…  einer… einer wollte, glaube ich… aber… er war zu besoffen und ist vorher eingeschlafen…“, gab er leise zu.

Alle drei atmeten erleichtert auf, dass er wenigstens nicht sexuell genötigt wurde. Auch wenn es erschreckend war, dass es scheinbar hätte dazu kommen können und keiner sich recht zu fragen traute, wie weit der Mann vor seinem Einschlafen gegangen war.

Sam räusperte sich in die erdrückende Stille hinein und fragte vorsichtig: „Wie ähm… wie haben sie dich gedemütigt?“

Jay schüttelte erneut mit dem Kopf. „Ich… ähm…“ Hailey begann sanft Jays Knie zu streicheln, was ihn etwas beruhigte. Er entschied sich mit dem ihn am wenigstens beeinträchtigenden Beispiel anzufangen, dennoch zitterte seine Stimme, als er es erklärte: „Sie… sie habe zum Beispiel… Bier… Bierdosen abwerfen gespielt.“

Mouse schaute Jay verwirrt an. Bierdosenabwerfen war ja nicht wirklich etwas Schlimmes. Man warf immerhin nur auf Bierdosen bis diese auf dem Boden lagen. „Ich… ich ähm… war aber das Ziel…“,  erklärte Jay, als er dessen Blick auffing. Sam wurde sauer: „Sie haben die Dosen getrunken und dich dann durchs Haus damit gejagt?“

Jay schüttelte leicht frustriert mit dem Kopf. „Sie waren zu besoffen, um zu rennen. ER… ER hatte meine… meine Hände sowieso irgendwo an ein Kellerrohr festge… gebunden und dann sind sie irgendwann gekommen und... und haben um Geld gewettet, dass ich… ich nicht heule, egal wie oft… sie mich in einer bestimmten Zeit treffen… also haben sie geworfen, egal was für eine Dose sie gerade in der Hand hatten… voll oder leer, war egal… Ich… ich habe versucht auszuweichen… aber …“

Er musste den Satz nicht beenden, alle wussten, dass er es kaum geschafft haben würde, wenn er irgendwo festgekettet war.
Mouse schluckte, ihm fiel ein, wie sauer Jay einmal reagiert hatte, als er gesehen hatte, wie einer ihrer Kameraden nach der Gefangennahme eines Attentäters auf diesen pinkeln wollte, um ihm zu demonstrieren, was er von ihm hielt.

Vorsichtig fragte er: „Wettpinkeln?“ Jay nickte mit dem mittlerweile hoch rotem Kopf. Das hätte er nicht freiwillig erzählt. Er schloss die Augen, riss sie aber gleich wieder auf, als damit auch gleich die Erinnerungen an das Getroffenwerden und den Uringeruch zurück kamen.

„Er ist nicht mehr da, Jay.“, erklärte Hailey leise. Jay nickte. Er wusste das. Es war nur schwer, das Wort Party mit irgendetwas anderes zu assoziieren, als von mehreren geschlagen, getreten, angepinkelt oder sonst wie behandelt zu werden. Und er schämte sich so, das alles zugelassen zu haben.

"Jay? Das ist nichts wofür du dich schämen musst.", versicherte Mouse, der Jays rotes Gesicht und die Verlegenheit sofort sah. "ER war das, nicht du! Du warst gefesselt und ein Kind! Du hättest das nicht ändern können! Und jetzt ist er nicht mehr da, er kann dir nichts mehr tun!" Jay versuchte die Tränen zu unterdrücken, die Mouse Aussage hervor rief. "Komm her.", erklärte Mouse und umarmte ihn. Als er merkte das Jay etwas ruhiger wurde, entließ er ihn wieder in seinen Sitz.

„Wir zeigen dir heute, dass eine Party…“ Hailey sah, wie Jay bei dem Wort die Stirn in Falten legte und verbesserte sich gleich: „…ich meine Feier… was Schönes sein kann. Und wenn einer von uns immer an deiner Seite bleiben muss. Ist das okay?“ „Wir sichern dich ab, Jay. Jeder auf einer Seite, bis du sagst, du brauchst das nicht mehr.“, ergänzte Sam.

Jays Mundwinkel gingen zu einem leichten Lächeln bei den Worten. Er hatte wirklich gute Freunde gefunden. Keiner der Drei gab auf, er würde das auch schaffen. Er nickte leicht und ließ sich von Hailey sofort in eine neue Umarmung ziehen.
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