Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The Inner Shadow

MitmachgeschichteAbenteuer, Action / P18 / Mix
OC (Own Character)
05.05.2021
17.09.2021
29
133.704
14
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
14.09.2021 6.642
 
Bevor wir mit dem letzten Ark dieser Runde beginnen: Sehr euch mal das hier an!!!! Look at this!! Will hat mal wieder alle Dödel gezeichnet und ich komme natürlich nicht darum herum, seine Künste zu bewundern! Why are you this talented, Will, it's insane. u_u

Viel Spaß mit dem Kapitel!
Phi




Das siebte Jahr – Familien treffen

Der Himmel bleibt klar und ein Spiegel alter Zeiten. Doch wer ihn durchquert, findet sein eigenes Gesicht verzerrt wieder.


Das siebte Jahr
• Ehrfurcht. Pflichtbewustsein. Aufopferungsbereitschaft. •

Tave hat nicht erwartet, dass sie an dieser Aufgabe vorbeikommen würde. Wenn etwas Schreckliches passieren kann, etwas, dessen Vorstellung einem die Nackenhaare aufstellt und den Atem stocken lässt… Dann sollte man auch davon ausgehen, dass genau das geschehen wird. Nein, Tave hat nicht erwartet, dass sie um diese Aufgabe herumkommen würden, aber ein bisschen Zeit, um sich mit den anderen abzusprechen, Zeit um Agnes diesen Schwachsinn auszureden…
Und offensichtlich ist er auch nach einer Arena keinen Deut schlauer geworden. Wenn ihnen eines hier fehlt, dann ist es Zeit.
Der Dolch vor ihnen ist auch nicht unerwartet. Eine dünne und fein säuberlich geschärfte Klinge mit einem leicht gebogenen und aufpoliertem Griff. Agnes greift stumm danach und Tave will gerade den Mund aufmachen, den ersten Schritt in ihre eigentliche Aufgabe wagen, als Kester ihm dazwischen kommt.
„Agnes, meine Liebe, das gute Stück überlässt du am Besten erst einmal mir. Ich werde da sicher drauf aufpassen.“
„Und nimmst einfach den Dolch an dich?“, fragt Kyra mit zusammengezogenen Augenbrauen. Klar, von ihrer Perspektive aus muss es so aussehen, als würde der junge Tubaspieler unbedingt an eine Waffe kommen wollen. Weder sie noch Laure wissen von den Umständen, die sie erst in dieses Schlamassel gebracht haben. Und Tave ist sich noch nicht sicher, wie sie diesen Umstand handhaben sollten.
Offensichtlich verhalten sie alle sich mehr als verdächtig. Gleichzeitig kennt Tave diese beiden Fremden noch weniger als die Idioten, die er wahrscheinlich sein Bündnis nennen sollte. Wenn die sich ihnen gegenüber seltsam verhalten… kann das noch ihnen gegenüber seltsam verhalten… Kann das noch mehr Misstrauen sähen, als sie untereinander schon haben?
„Du musst aber sehr gut drauf aufpassen. Dieser Dolch ist heilig.“
„Oh! Warum denn das?“, stellt Laure auch schon die wahrscheinlich sehr berechtigte Frage.
„Wir benutzen ihn ausschließlich, um unsere Demut Gott gegenüber zu beweisen. Der Dolch selbst steht für die Opfer, die wir gebracht haben. Großvater Bart meinte, er selbst habe den Griff mit eigener Hand aus den Knochen seines Sohnes geschnitzt, nachdem er ihm die Kehle durchgeschnitten –“
Mit einem Schrei lässt Kester die Klinge wieder fallen. Scheppernd fällt sie zu Boden und Agnes betrachtet Kester eine Weile, ohne ihre übliche neutral Miene zu verziehen.
„‘Tschuldigung“, murmelt dieser ohne dabei irgendwelche Anstalten zu machen, das Ding wieder aufzuheben. Der hat es ja richtig drauf, auf Dinge aufzupassen. Und seine Versprechen zu halten, das ist schon das Zweite, das er innerhalb weniger Sekunden gebrochen hat.
Agnes zuckt mit den Schultern.
„Manche meinen aber das mit den Worten ‚erstes Opferlamm‘ ein tatsächliches Tier gemeint war. Es ist nicht ganz eindeutig.“
„Und ihr tötet damit Tiere?“, fragt Laure noch einmal nach. Sie klingt interessiert dabei. In so einer Aufgabe braucht es aber auch so viele Informationen wie nur möglich. Und dass dieser beschissene Dolche von Belang ist, das wird wohl niemand bestreiten können.
„Meistens“, antwortet Agnes ihr. „Aber eigentlich brauche ich ihn –“
„Dann werde ich den mal an mich nehmen. Also wenn Kester nichts dagegen hat“, unterbricht Tave dieses Desaster, und bückt sich, nach der Waffe. Der Dolch wiegt erschreckend leicht in seiner Hand, bemerkt er. Die Klinge ist aber auch dünn gearbeitet, beinahe wie ein Filetiermesser. Dabei hat das Ding die verdammte Länge seines Unterarms. Das man damit keine Tiere ausnimmt, ist wohl eindeutig. Ist das was er da gerade berührt, wirklich der Knochen eines Kindes? Der Gedanke ist… einer, der ihn nicht weiter interessieren sollte, wenn irgendjemand, der nicht den Namen Agnes Armitage trägt, dieses Ding an sich nehmen sollte.
„Bei allem Respekt“, mischt sich Kyra jetzt allerdings ein. „Wollen wir hier wirklich, dass Tave Nelson eine Waffe bekommt? Ich meine… Wir haben alle gesehen, wie das beim letzten Mal ausgegangen ist.“
„Das stimmt!“, bemerkt Kester, der elende Verräter, bevr er sich noch einmal zu Tave dreht. „Nichts für ungut, mein Bester.“
„Ja, danke, reib es am Besten noch einmal rein“, brummt Beschuldigter, allerdings ohne dabei den Dolch loszulassen. Wirklich, wieso hat er sich mit diesem Knirps noch einmal verbündet?
„Ich weiß nicht, ich habe damit kein Problem“, kommt ihm zumindest Acorn zur Hilfe. „Und irgendjemand sollte wahrscheinlich auf den Dolch aufpassen, wenn er Agnes etwas bedeutet.“
Mal abgesehen davon, dass er von jedem in dieser Gruppe gestohlen werden könnte. Eine Waffe in der eigenen Hand bedeutet auch immer, dass niemand sie gegen einen verwenden kann.
„Warum behält sie denn nicht ihr eigenes Andenken?“, schlägt Laure vor. „Ich verstehe noch nicht so richtig, warum ihr dem armen Kind ihre Waffe wegnehmen wollt.“
„Der Satz sollte sich schon von selbst geklärt haben!“, ruft Kester. „Sie ist noch ein Kind!“
Was nicht bedeutet, dass sie keine Klingen tragen oder gar nutzen können, erinnert Tave dunkel.
Ihre Augen waren vor Schreck geweitet, als sich das Messer in der Brust der anderen versenkte.
„Dann könnte ich genauso gut den Dolch nehmen. Oder Kyra.“
„Bei allem Respekt“, zischt Tave nun zwischen zusammengepressten Zähnen. „Aber ich sehe keinen Grund, zwei völlig fremden Tributen die einzige Waffe im Raum zu überlassen. Wir wissen ja alle, was daraus werden kann.“
Er sollte die beiden Gruppen nicht jetzt schon auseinandertreiben, das weiß er. Aber die beiden gehen ihm jetzt schon gehörig auf den Senkel. Wissen die nicht, wie wichtig das ist, was sie hier veranstalten? Dass es um nichts Geringeres als Agnes Leben geht?
Natürlich nicht. Niemand hat es ihnen erklärt.
„Acorn! Was ist mit dir?“
„Mit mir?“, fragt der Mann, als hätte er sich gerade erst daran erinnern können, Teil dieses Gesprächs zu sein.
„Ja! Mit dir!“, spricht Kester aber unbeirrt weiter. Du bleibst schon im Ausschlussverfahren übrig. Tave und ich sind gegen Agnes. Kyra gegen Tave und Tave gegen Kyra und Laure. Gegen dich hat niemand etwas gesagt. Und ich werde dieses Ding garantiert nicht noch einmal anfassen!“
„Du musst das mit den beiden aber jetzt echt nicht nur auf mich schieben“, merkt Tave leise an. Sollte es nicht eindeutig sein, dass sie nicht einfach Agnes verdammten Ritualdolch an Gott-weiß-wen abgeben?
„Ich habe nichts dagegen“, meint Kyra mit einem Schulterzucken. „Irgendwer muss das Ding ja haben.“
„Wir kennen uns alle noch nicht bemerkt Laure wiederum. „Meiner Meinung nach kann das schöne Stück haben, wer will. Natürlich unter der Voraussetzung, dass die Person damit umzugehen weiß.“
„Super! Dann haben wir uns ja geeignigt!“, stößt Kester erleichtert aus.
„Wartet Mal!“, protestiert Acorn. Sofort liegen alle Blick auf ihm einschließlich dem von Agnes, die ihn mit großen Augen betrachtet.
Der Mann stößt ein leises Seufzen aus.
„Kommst du denn damit klar?“, fragt er in die Richtung des Mädchens.
„Ich meine… Wenn du gut auf ihn aufpasst. Und es nicht einfach so fallen lässt.“
„Ich habe doch gesagt, es tut mir leid!“
”Tave, nicht! Es… es tut mir leid! Ich wollte das alles doch nicht!“
Tave spürt, wie seine Hände sich um den Dolch verkrampfen. Es tut ihm leid, meinte er, aber was zur Hölle soll das bedeuten? Der meinte, das doch nicht! Verdammte Scheiße, dieses Arschloch hat… Es ist alles ruiniert! Er hat Blut an den Händen wegen ihm. Und wegen sich, wie konnte er nur so blöd sein, warum ist er jemals auf diese Scheiße hereingefallen, warum hat er alles so weit kommen lassen, warum ist er immer noch in den Spielen…
„Tave? Äh… Könntest du dann den Dolch…“
Kester bricht ab. Der Blick, den er ihm schenkt ist… eigenartig. Besorgt? Beunruhigt vielleicht. Die Haltung der anderen ist weniger gütig zu beschreiben. Kyra starrt ihn an, als wäre er der Ursprung allen Übels, Agnes sieht aus, als wäre sie bereit, die Flucht zu ergreifen, Acorn hält das Mädchen trotz aller Sorgenfalten von ihm fern.
„Äh… ja klar“, murmelt Tave, bevor er bemerkt, dass er die Hand nicht geöffnet bekommt.
Scheiße. Nicht jetzt!
Aber wenn sie es sehen… Wenn er seine Waffe, wenn er seine Aufmerksamkeit nur eine Sekunde fallen lässt.
Das ist sein Ende.
Es ist sein verdammter Tod und er darf es nicht zulassen! Unter keinen Umständen!

„Acorn… Äh… Klar…“, versucht er Zeit zu schinden, während er seine Hand quasi anschreit, diesen beschissenen Dolch endlich loszulassen. Seine Hand bleibt beständig um die Waffe geklammert, so fest, dass die Knöchel weiß hervorstechen, so fest, dass sie schon beinahe krampft. Fuck, er muss sich beruhigen! Er muss ruhig atmen, er muss seine Umgebung in den Fokus kriegen, er muss merken, dass er gerade in Sicherheit –
Aber er ist nicht sicher! As hier ist die verdammte Arena, jeder einzelne Fehler kann seien Tod bedeuten!
Kann er Acorn überhaupt vertrauen? Wer weiß schon, was der andere mit so einer Waffe anstellen würde… Sein Verbündeter hat inzwischen die Hand ausgestreckt. In seinen Augen ist inzwischen diese beunruhigte Sorge zu finden, die er schon bei Kester bemerkt hat.
„Klar kannst du… das Ding… haben…“
Meine Güte, überzeugender hat er sich auch noch nie ausgedrückt! Aber wahrscheinlich würde es seinen Worten wesentlich mehr Nachdruck verleihen, wenn er dem Mann auch diese beschissene Waffe überlassen könnte.
„Lass dir Zeit“, lächelt Acorn und klingt zumindest so, als würde er es auch meinen. Kyra neben ihm schnaubt leise.
Sie haben keine Zeit. Und Tave weiß das.
Vorsichtig lässt er den Dolch von einer Hand in die andere gleiten. Die Hand, in der sich keine dunklen Linien hineingegraben haben.
Wenn jemand sie sieht, dann bist du tot.
Sein rechter Arm bleibt verkrampft, die Hand zur Faust geballt, während er die Waffe vorsichtig dreht und Acorn anbietet.
Mit einem ernsthaften Nicken nimmt er sie an.
Es fühlt sich seltsam an, plötzlich wieder ohne Klinge dazustehen. Mit einem Mal fühlt er sich hilflos. Wie soll er bitteschön auf Agnes aufpassen, wenn er noch nicht einmal die Mittel hat, um sich selbst zu verteidigen? Scheiße, er hatte den vorherigen Tag doch auch keine Waffe dabei, wieso macht dieser Umstand ihn gerade jetzt so nervös?
„Gehen wir“, meint Kester, der mit einem mal sehr viel ruhiger geworden ist. Acorns flache Hand hat sich währenddessen über Taves Rücken bewegt. Vorsichtig und ohne Druck, als könnte er nach vorne umkippen, wenn der andere zu fest zupackt. Trotzdem lässt er sich weiter nach vorne und in den nächsten Raum geleiten.

Die Umkleide ist genauso trist gehalten wie zuvor und dieses Mal wendet sich der Blick aller sofort dem Zettel und Stift an der Tür zu. Auch in der zweiten Runde müssen sie sich eintragen, wobei die Liste an Möglichkeiten wesentlich detaillierter ist.

Das siebte Jahr
Thema: Die Opferung
Schwierigkeit: 4 von 5

Castliste:
Agnes Armitage – Agnes Armitage
Ichabod Armitage –
Bartholomew Armitage –
Thomasina Armitage –
Abraham Armitage –
Samson Armitage –

Agnes ist also schon eingetragen. Das ist logisch, wenn ihr eigener Name auf der Liste steht. Logisch, aber beruhigender macht es die ganze Angelegenheit nicht. Aber zumindest ist es nicht schlimmer, als das gottverdammte Thema dieser Aufgabe!
„Agnes, ich glaube, du solltest uns genau sagen, was es mit diesen ganzen Personen auf sich hat.“
Mit diesen Wichsern, die offensichtlich bereit sind, kleine Kinder zu opfern.
„Ich würde ehrlich gesagt gerne wissen, was hier überhaupt los ist“, bemerkt Kyra. „Ihr scheint ja schon mehr zu wissen als ihr und ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum uns von Anfang an so sehr misstraut wird, dass wir gar nichts wissen dürfen.“
„Da hat Kyra Recht“, meint nun auch Laure „Soweit ich weiß haben wir euch nichts getan und wir sollten diese Situation zusammen lösen.“
Aber Tave hat schon genug getan, dass sie ihm nicht trauen, denkt der Mann, schluckt den bitteren Gedanken aber wieder runter. Er hat Dreck am Stecken und sie alle wissen das. Trotzdem ist es unangenehm am eigenen Leib zu spüren, wie wenig von dem anfänglichen Vertrauen er in Anspruch nehmen kann, dass sie sich alle ja auch schenken sollten. Wahrscheinlich sollte er dankbar sein, dass es überhaupt ein paar Idioten gibt, die sich seiner annehmen. Und erschreckend viele davon überlegt er, als er an Juniper Maddoch zurückdenken muss, die ihm zu allem Übel auch ein Bündnis angeboten hat. Und selbst wenn er das nur über seine Leiche angenommen hätte, hofft er trotzdem, dass die seltsamen Menschen hinter der anderen Tür es auch gerade gut machen. Gerade, wenn sie sich mit diesem Arschloch von einem Zweier abgeben müssen... Hoffentlich geht es Barnacle jetzt besser, als sie bei den Türen waren, wirkte der zwar etwas erholter aber auch nicht wie der lebendige Sonnenschein. Zumindest haben sie noch Idokras dabei... und Wren, wobei dey von der Situation arg verschüchtert wirkte... Aber wer weiß. Das letzte Mal als er eine Person abgeschrieben hatte, hat der kleine Scheißer es auch durch die Arena geschafft. Den Fehler wird er nicht noch einmal begehen.
Alles ist möglich. Wäre nur schön, wenn er zumindest das Gefühl hätte, dass sich das auch zum Guten wenden könnte.
„Es ist nicht so, dass wir euch nicht trauen“, erklärt Acorn. Zumindest er schafft es, die Ruhe zu behalten, auch wenn sein Daumen immer wieder unruhig über den Knauf des Dolches fährt. „Die Situation ist bloß sehr angespannt und wir befürchten, dass die Situation für Agnes sehr gefährlich werden kann.“
„Und ihr glaubt, dass wir scharf darauf wären, ein kleines Kind zu töten?“, hakt Kyra trotzdem nach. „Ist ja interessant.“
„Du verdrehst mir die Worte im Mund“, bemerkt Acorn immer noch mit freundlicher, ruhiger Stimme.
„Wir machen uns nur Sorgen!“, fügt Kester hinzu.
„Sollte unsere Agnes hier von jemandem aus dem Dorf umgebracht werden?“
Tave zuckt zusammen, als Laure ihre Stimme erhebt. Das geladene Schweigen, was danach folgt, ist wahrscheinlich Aussage genug.
„Wie... wie kommst du denn darauf?“, Kesters Stimme überschlägt sich, während er die Worte heraus haspelt. Super. Wenn die davor nicht wussten, was Sache ist, dann jetzt.
„Naja, eure Sorge, der Opferdolch und… naja das Thema der Aufgabe. Das scheint mir ein ziemlich klares Bild zu ergeben.”
Dem... kann man wohl kaum widersprechen.
Acorn seufzt zum zweiten Mal an diesem Tag leise.
„Genau das ist unsere Befürchtung.“, gesteht er.
„Ist schon in Ordnung“, meldet Agnes sich jetzt zu Wort. „Ich bin auch bereit, mein Leben in Gottes Gnaden zu legen. Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Ich komme schon klar...“
„Du bist anscheinend ein sehr tapferes Mädchen“, lächelt Laure sie an. Tave runzelt die Stirn. Was meint sie damit?
Agnes nickt stumm, begegnet den Augen der anderen dabei nicht. Trotz ihrer eigenen Worte scheint sie sich mit der Situation nicht besonders wohl zu fühlen.
Natürlich tut sie das nicht! Sie reden hier darüber, dass sie einfach sterben soll! Das ist nicht tapfer! Scheiße, Tave weiß selbst genau, wie es sich anfühlt, wenn alles einem sagt, dass man sterben sollte. Scheiße, er selbst hat um seinen Tod gebettelt. Und Tapferkeit ist das letzte Wort, das er dafür nutzen würde!
„Tapfer ist sie auf alle Fälle, aber das muss sie uns auch gar nicht beweisen!”, verteidigt sie Kester aber schon.
„Wie wäre es, wenn wir uns dann bitte auf die Rollen konzentrieren“, versucht er währenddessen das Thema auf die wirklich wichtigen Dinge zu lenken. „Agnes, wer sind diese ganzen Menschen jetzt?“
Angesprochene lässt sich zum Glück von dem Thema ihres eigenen Todes ablenken und sie müssen sowieso vorankommen. Aufkündigen können sie die Aufgabe nicht. Natürlich steht das völlig außer Frage. Und fraglich bleibt auch, wie viel sie in dieser selbst bestimmen können.
„Also Ichabod ist mein Vater“, beginnt Agnes.
„Wunderbar. Wie ist der so? Was macht er normalerweise?“
„Er… äh…. Hütet unsere Tier und hilft dabei das Land zu bebauen? Er kümmert sich um den Hof und sorgt dafür, dass Großvater Bart uns nicht allzu sehr anschreit… Dass alles mit rechten Dingen zugeht und dass die anderen das auch sehen können.“
Das Mädchen zuckt unsicher mit den Schultern. Tave ist sich nicht ganz sicher, was er mit diesen Aussagen anfangen soll. Be ihm ging es in den besten Fällen nur um seine Mutter, seine Geschwister und ihn selbst.
Aber darum geht es gerade wohl eher nicht.
„Gut, der Vater bin dann ich“, meint er. Unglücklicherweise hört er Kester genau im selben Augenblick sprechen:
„Dann bin ich der Dad!“
Tave verdreht die Augen.
„Kester, es geht hier um eine Aufgabe und wenn Agnes bei ihrem Vater gelebt hat, dann haben die da hinter der Tür wahrscheinlich auch etwas miteinander zu tun. Und ich will ein Auge auf sie haben.“
„Und ich vielleicht nicht?“, protestiert Kester. „Außerdem meinte unsere Werteste, der gute Mann würde dafür sorgen, dass es bei ihnen mit rechten Dingen zugehe. Was es bei dir ja wohl kaum tut.“
Was soll das denn bitte heißen? Und vor allen Dingen, was bildet dieser aufgeblasene… Bläser sich eigentlich ein? Tave beäugt den Kerl noch einmal.
„Und du glaubst wirklich, dich in so einer Aufgabe um sie kümmern zu können?“
„Aber natürlich!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Und außerdem bin ich hier für sie verantwortlich! Ich war von Anfang an da und wegen mir ist Agnes überhaupt erst bei euch gelandet! Also ich finde, bisher habe ich meinen Job ganz hervorragend getan!“
„Also eigentlich musste ich mich um dich kümmern“, bemerkt Agnes leise.
„Habt ihr es bald?“, fragt Kyra nach. „Oder sollen wir uns schon einmal eintragen?“
Na das wäre ja ganz große klasse. Allerdings hat sie mit einer Sache Recht. Sie verschwenden hier schon genug Zeit.
„Agnes. Wen hältst du für geeigneter als Vater?“
„Soll das arme Kind sich jetzt wirklich zwischen ihren Eltern entscheiden müssen“, fragt Acorn, dessen breites Grinsen gerade wirklich nicht nötig wäre. Agnes wiederum betrachtet ihre eigenen Schuhspitzen, während sie Hände unruhig an ihren Haaren zupfen.
„Sag es ihm einfach, Agnes!“, mischt sich Kester ein. „Er wird das schon verstehen!“
„Also… Ich nehme an, dass Tave einen geeigneteren Vater abgeben würde?“
„Wie bitte? Wieso würdest du diesen Mann vor deinem dich liebenden Aufpasser und Erzieher bevorzugen?“
Tave verschränkt die Arme vor der Brust, während er den anderen wütend mustert.
„Vielleicht weil ich keinen Hackenschuss habe und dieses Schauspiel hier viel zu ernst nehme?“, brummt er. Verdammte Scheiße, er will doch einfach nur sicher durch den Mist kommen und wenn Kester nach dem ganzen Spaß hier mit den Adoptionspapieren ankommt, dann ist das ganz seine Sache!
… Wobei es bei diesem Dorf wahrscheinlich wirklich sinnvoll wäre, Agnes einen neuen Vater zu organisieren.
„Also Tave ist wie ein Vater sein sollte, oder?“, spricht Agnes weiter. „Bart würde ihn sicherlich mögen. Er schreit viel, kann sich durchsetzen und legt auch Hand an, wenn man sich nicht benimmt.“
Er… Er was? Aber… er würde doch nie…
Oh Fuck, was denken diese Menschen von ihm? Das er ein gewaltbereites Arschloch ist? Wahrscheinlich… Den wahnwitzigen Mörder mit Schwert hatte Wren ihn genannt…
Er sollte ihre Worte protestieren und wenn nur, um sich nicht weiter in diese Scheiße hineinzureiten. Aber was genau sollte Tave sagen, was sie vom Gegenteil überzeugen könnte? Er hat Dreck am Stecken! Und irgendwie haben sie auch das Recht, ihn so einzuschätzen. Tave weiß ja selbst nicht, wozu er im schlimmsten Fall noch in der Lage wäre…
„Das… Ist echt das Traurigste, was ich je gehört habe.“
In Kesters Augen glänzen Tränen, als er das Mädchen in eine Umarmung schließt. Agnes scheint es stumm über sich ergehen zu lassen. Insgesamt lässt das Mädchen erschreckend viel einfach geschehen. Wenn ihre Heimat wirklich so brutal und die Väter so… nun ja… durchsetzungsfähig waren… Tave wird ein Auge darauf haben müssen, ist ihm mit einem Mal bewusst. Es ist verdammt wahrscheinlich, dass Agnes sich nicht beschweren wird, auch wenn ihr etwas sehr unangenehm ist.
„Keine Sorge“, spricht Kester währenddessen weiter. „Ich werde dir zeigen, wie großartig Väter sein können und dann kannst du meine Dads kennenlernen! Papa Wiliam hat so ein gutes Ohr für klassische Musik! Und Daddy Ahmed ist sowieso einer zum gerne haben! Der Mann hat einfach immer einen guten Spruch auf den Lippen und er gibt die besten Umarmungen! Du wirst ihn lieben, versprochen!“
„Jetzt hat Agnes noch mehr Großeltern?“, fragt Acorn. Das Lächeln ist nicht von seinen Lippen gewichen, als er in Agnes Richtung blickt, fällt aber umso schneller von ihm ab, als Tave ihn mit einem wütenden Blick dafür straft, die Situation scheinbar so wenig ernst zu nehmen. Beschwichtigend bedeutet der Mann aus Elf ihm mit stummen Gesten, ruhig zu bleiben. Also hält Tave inne, atmet noch einmal ruhig ein und wieder aus. Ein weiterer Wutanfall wird keinen von ihnen jetzt weiterhelfen.
„Ich trag mich da jetzt trotzdem ein“, verkündet er, während Kester das Mädchen langsam und vorsichtig wieder aus seiner Umarmung löst.
„Das ist unverantwortlich!“, protestiert er. „Das –“
„Meine Fresse, könnt ihr beiden euch jetzt endlich einigen, oder sollen wir hier stehen bleiben, bis alle anderen mit der Arena fertig sind?“, brüllt Kyra die beiden an. Tave spürt, wie auch die andere Hand sich zur Faust ballt, bereit die nächste Herausforderung anzugehen und eine Antwort zurück zu zischen, die er sich sicher gleich ausgedacht hat. Kester zuckt verdattert zusammen, dann weiten sich seine Augen. Wahrscheinlich mit derselben Erkenntnis, dass sie sich beide gerade wirklich anstellen.
„Na gut“, findet er zuerst Worte. „Der Klügere gibt nach, wie man so schön sagt. Dann trage dich eben ein. Und Agnes, Liebe, suche mir doch etwas Nettes aus. Am liebsten auch jemanden, der seine eigenen Kinder mit Liebe und Fürsorge behandelt!“
„Also…“
Agnes Blick schweift über die Liste, während Tave sich den Stift nimmt und den eigenen Namen auf der Liste verewigt. „Du könntest Abraham Armitage sein. Er hat seinen Sohn sehr gemocht.“
„Das ist doch mal schön zu hören!“
Agnes verzieht das Gesicht.
„Als seinem Isaac dem Zweiten die Kehle aufgeschnitten wurde, wollte Abe ihn einfach nicht loslassen und hat die gesamte Zeit über versucht ihn von Großvater wegzuzerren. Das war eine riesige Sauerei damals, Tante Ethel kann immer noch kein Blut sehen, ohne sich zu übergeben.“
„Das ist…“ Kester sieht aus, als würde er sich gleich mit übergeben wollen. „… weniger schön.“
Trotzdem nimmt er Tave den Stift aus der Hand.
„Die sind da doch alle wahnsinnig“, murmelt Kester in sein Ohr und da kann Tave wirklich nur zustimmen. Selbst wenn das noch eines der harmloseren Worte wäre, das er für diese sadistischen Kindsmörder finden könnte.
„Wer sind die anderen?“, fragt Acorn nach. Er klingt freundlich dabei aber auch beinahe, als wäre er geschäftlich unterwegs. Distanziert. Auch er muss sich zusammenreißen.
„Also wir haben…“ Agnes schaut sich die drei Namen an, die übrig geblieben sind und presst die Lippen aufeinander.
„Bartholomew Armitage und seine Frau Thomasina Armitage. Die beiden… Großvater Bart ist unser Anführer und er weiß immer sehr genau, was man zu tun und zu lassen hat. Er weißt den rechten Weg auf dem Pfad zu Gott, wie ein Hirte es bei seinen Schäfchen tun würde.“
„Klingt nach einem ganz reizenden Kerl“, brummt Tave zwischen zusammengepressten Zähnen. Agnes nickt, anscheinen ohne die Ironie hinter seinen Worten zu bemerken.
„Er ist ein großer Mann“, erwidert sie und fährt danach fort. „Großmutter ist… Sehr still? Thomasina sieht sehr viel fern und… Ich gebe zu, sie zeigt sich nicht so häufig in unserer Gemeinschaft.“
Die junge Frau bricht ab.
„Hat jemand von euch eine Vorliebe?“, fragt Acorn die beiden anderen. „Denn bisher scheinen die alle Teil einer Gemeinde zu sein. Wenn ihr wollt, gebe ich uns den Anführer, aber ich gebe zu so scharf bin ich darauf nicht.“
„Das ist schon in Ordnung“, meint Laure. „So wie Agnes es ausdrückt, könnten die beiden Rollen etwas miteinander zu tun haben. Und das würde dann auch gut zu Kyra und mir passen, würde ich behaupten.“
„Ich komme damit auch klar“, meint benannte Kyra.
Acorn zuckt mit den Schultern.
„Ganz wie ihr wollt“, meint er. „Dann nehme ich, was übrig bleibt. Wobei ich schon gerne wissen würde wie… Samson so drauf ist.“
Agnes senkt den Blick.
„Onkel Samson… Ich habe ihn nur ein paar Mal gesehen, als ich noch recht jung war. Er ist ein Jahr nachdem wir Isaac den Zweiten geopfert haben von einem riesigen Bock aufgespießt worden. Wenn John davon berichtet, wie er es gesehen hat, bringt er seine Schwester Sarah damit immer zum Weinen. Er meinte letztes Jahr, es hätte ähnlich ausgesehen, wie als der Bulle Anianno Donisthorpe aufgespielt hatte. Man könnte den Darm herausquellen sehen und durch den Druck gegen den Zaun wurde dem Mann das Genick gebrochen, sodass der Kopf danach lose am Nacken runter –“
„Okay. Das reicht! Das sind genügend Informationen.“
Acorn sieht aus, als wäre er jetzt auch dazu bereit, sich gemeinsam mit Kester zu übergeben. Aber gut sieht es für ihn echt nicht aus. Scheiße, darauf hätten sie al Gruppe Acht geben können und jetzt muss der Mann schon zum zweiten Mal in den letzten zehn Minuten hinter ihnen aufräumen.
Sonderlich begeistert scheint der davon auch nicht zu sein. Und wahrscheinlich ist wäre es mehr als angebracht, den Mann zu fragen, ob man Positionen tauschen könnte.
Aber das Piepen seines Armbandes unterbricht ihn bereits mit der nächsten Anweisung. Die Namen sind dann wahrscheinlich so angenommen, wie sie auch vergeben wurden.

Castliste:
Agnes Armitage – Agnes Armitage
Ichabod Armitage – Tave Nelson
Bartholomew Armitage – Laure Bennet
Thomasina Armitage – Kyra Yeast
Abraham Armitage – Kester Jurado-Brown
Samson Armitage – Acorn Jamiles

Irgendwie hat Tave das Gefühl, dass sie ihre Sache hätten besser machen können. Gerade mit Acorn. Wahrscheinlich haben sowohl Kester als auch er sich wirklich zu sehr ablenken lassen. Wirklich etwas außer endlich in diese Kabinen zu gehen, bleibt ihnen allerdings trotzdem nicht. Die Kleidung, die er bekommt ist ein grob gewebter weißer Pullover, eine dunkle Arbeitshose und eine dickere Jacke. Dieses Mal werden ihm sogar breite, dicke Stiefel mitgeliefert. Insgesamt scheint die Kleidung fest zu sein und wenn es sich hier um eine typische Arena handelt, hätte Tave vermutet, dass sie kalten und nassem Wetter begegnen werden. So wie es jetzt aussieht wundert es ihn nur, dass sie ihm nicht auch gleiche eine Mistgabel in die Hand gedrückt haben, um die Ästhetik zu vervollständigen. Aber da hätte Kyra dann wahrscheinlich Widerspruch eingelegt, weil das einfach zu viel der Waffe ist.
Er sollte sich nicht so sehr aufregen, das weiß er. Wie verantwortungsbewusst er hier mit einer Klinge in der Hand wäre… Er konnte das beschissene Ding ja noch nicht einmal an Acorn abgeben.
Ein weiteres Piepen verkündet ihm die Aufgabe. Tave spürt, wie das flaue Gefühl in seiner Brust sich weiter ausbreitet, seine Magengegend einnimmt und ihn leicht schwindelig werden lässt. Vielleicht hätte er doch etwas zum Frühstück essen sollen, doch dafür hätte er es erst einmal durch diesen beschissenen Keller schaffen sollen. So hat er sich einfach eine Hand voll Chips gegönnt und gehofft, dass es reicht. Jetzt kann er nur hoffen, dass er alle Kraft aufbringen kann, wenn es wieder einmal um alles geht. Ein weiteres Autorennen werden die ihnen ja wahrscheinlich nicht organisiert haben.

Aufgaben:
Gruppe: Tötet Agnes Armitage: 3 Punkte
Rollenspezifisch: Bringe das Fleisch aus der Räucherei unversehrt zum Marktplatz: 2 Punkte


Na super. Eine der Aufgaben wird er dann ja schon einmal vergessen können. Wenn die Ärsche da oben wirklich denken, dass sie ihn so leicht provozieren können, dann haben sie sich in diesem Jahr mal gewaltig geirrt. Die zweite Aufgabe klingt allerdings wesentlich schaffbarer… Auf dem ersten Blick. Fleisch läuft natürlich immer Gefahr, andere Tiere anzulocken… Viel wichtiger als die Aufgaben ist allerdings ihr Zusatz. Dieses Mal scheinen sie nicht alle die gleichen Aufgaben zu haben, gerade, wenn die zweite als ‚Rollenspezifisch‘ bezeichnet wird. Und noch viel wichtiger… Wenn Agnes zu töten eine Gruppenaufgabe ist… Scheiße, haben die dann alle? Höchstwahrscheinlich, was soll der Zusatz denn sonst bedeuten? Für drei Punkte… Niemand würde dafür ein Kind umbringen, oder?
Wem zur Hölle macht er sich was vor? Wenn es bedeutet aus der Arena zu kommen, macht man jede Scheiße! Er hat doch selbst… Er hat gesehen, wie selbst die jüngeren Tribute einfach umgebracht wurden! Er erinnert sich noch genau, wie Arna tot auf dem höchsten Wipfel der Arena lag und die meisten von ihnen hatten sich umgedreht, erleichtert, dass es bald vorbei wäre.
Aber es ist noch nicht vorbei. Noch lange nicht.
Dass sie doch beschließen, Agnes umzubringen… Selbst mit der zweiten Aufgabe gibt es nicht so viele andere Möglichkeiten, an Punkte zu kommen. Wenn man an den letzten Stand denkt, dann sind zwei von den Dingern wirklich nicht besonders viel im Vergleich. Fünf Punkte wiederum…
Wie sah der Stand bei den anderen aus? Er weiß, dass Acorn selbst zwei hat. Aber ansonsten… Scheiße, das hätte er sich echt merken sollen! Wieso hat er denn da nicht drauf geachtet?
Scheiß drauf. Vertrauen kann er hier sowieso niemanden. Laure und Kyra schon einmal gar nicht, von denen hat er nicht den blassesten Schimmer, wie sie ticken. Aber auch die anderen… Acorn scheint nett aber… was ihm der Weg aus der Arena bedeutet, kann man nicht wissen. Und er ist der einzige von ihnen, der garantiert eine Waffe bei sich trägt. Und selbst wenn er bisher nett wirkte, wenn er gerade vor wenigen Minuten bewiesen hat, wie sehr er sich zurücknehmen kann… Was bedeutet das schon? Was, wenn er nur an die Waffe kommen wollte und ansonsten unter das Radar fallen will? Wenn das alles Teil eines verdammt ausgeklügelten Plans war? Was, wenn er doch die Nerven verliert oder… Tave weiß es nicht und damit wird er jetzt umgehen müssen. Gleiches gilt für Kester. Selbst wenn der Mann sich zu kümmern scheint und Agnes zu ihnen mitgenommen hat… Das kann genauso gut heißen, dass er sie doch loswerden will.
Nein. In einer Aufgabe wie dieser ist er auf sich allein gestellt.
Selbst wenn es schöner wäre, zusammenzuarbeiten. Selbst, wenn sie das sollten. Selbst, wenn er weiß, was dieses Misstrauen bedeuten kann.
Es in die Hände der falschen Person zu legen, kann genauso fatal sein. Und Tave kann sich keine Fehler mehr leisten.
Als er aus dem Raum hinaussteigt, ist er allein. Zuerst denkt er, dass die anderen noch dabei sind, sich umzuziehen, doch eigentlich hatte er sich selbst auch seine liebe Zeit gelassen. Wahrscheinlich werden sie hier einzeln rausgelassen. Wäre auch schön blöd, wenn sie alle gemeinsam starten und Agnes dann sofort umbringen könnten. So, wie diese beschissene Aufgabe gedacht ist, veranstalten sie eine Menschenjagd.
Er selbst wird auch Ausschau halten müssen. Selbst wenn er sich mitspielen will, sich dieses eine Mal weigert… Agnes finden sollte er trotzdem. Und wenn nur um ihr einen lebendigen Schild zu spendieren.
Er hat versprochen, dass es sie nicht treffen würde. Vielleicht hätte er auch da sein beschissenes Maul halten sollen. Die Aufgabe ist ja beinahe ein Test, wie weit er jetzt dafür gehen würde, seinen scheiß Worten auch Taten folgen zu lassen.
Es ist eine weitere Herausforderung.
Sie hat gesagt, man erwarte von ihr, dass sie sterbe. Es sei ihr Schicksal, meinte Agnes selbst.
Fuck!
Er scheißt auf dieses Schicksal! Er scheißt darauf, dass sie hier alle zum Tod verdammt sind. Und wieder! Und wieder! Und wieder! Er will das nicht mehr! Er will sie nicht wieder alle sterben sehen!
Und sie meint, das sei in Ordnung? Ihre eigene Familie meint, sie solle sterben!
Fuck diese Familie!
Fuck diese gesamte Situation! Fuck auf Agnes Tod. Er wird das nicht zulassen! Dieses Mal nicht.
„Und ich werde das hier nicht akzeptieren. Dass wir uns hier gegenseitig umbringen müssen. Ich werde es niemals akzeptieren. Also tun wir das hier auch nicht.“
Es muss einen anderen Weg geben. Es muss einfach! Und wenn er hier eine zweite Chance bekommen hat, dann muss er sie auch nutzen. Zumindest das kann er tun. Vielleicht findet er in diesem ganzen Dreck dann… Irgendetwas. Vielleicht kann er sich dann erklären, warum er hier immer noch am Leben und Kämpfen ist.
„Es ist eine Abmachung. Wir werden das hier weder vergessen noch verzeihen. Keiner von uns. Wir akzeptieren das, was hier geschieht nicht.“
Er darf keine Zeit verlieren. Wer weiß, wie viele der anderen da schon draußen sind.
Zumindest hat er ein Ziel vor Augen, als er die Tür öffnet und damit den Kern der Arena auf sich zukommen lässt.

Mit schnellen Schritt stolpert Tave in den Raum hinein und in eine kleine Küche hinein. Der Ort sieht benutzt aus, einzelne Becher stapeln sich in der Spüle, während einige Rechnungen einzelner Einkäufe auf dem Tisch liegen. Hygieneartikel und Gemüse. Ein paar Tomaten liegen auf der Theke, die wahrscheinlich auch bessere Tage gesehen haben, zusammen mit einer ganzen Stange Knoblauch und neben dieser eine gesamte Armee eingeweckter Blaubeermarmelade. Jemand hat Basilikum gepflanzt und den Topf an das Fenster gestellt, dessen dünne, weiße und fadenscheinige Gardinen das Fenster eher notdürftig bedecken. Die Farbe an der Wand blättert ab und hinterlässt teilweise dunkle Schlieren…
Weit und breit aber keine Spur von Agnes. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn das mit dem gemeinsamen Start funktioniert hätte. Ein Blick auf seine Uhr gibt ihm erst einmal nur die Aufgaben und ein weiterer Knopfdruck zählt einen Countdown von knapp unter vier Stunden runter. Das ist dann wohl die Zeit, die sie in der Aufgabe haben. Oder genauer gesagt, die Zeitspanne, in der man von ihnen erwartet, dass sie Agnes umbringen.
Eine knarzende Treppe führt nach oben in ein Zimmer, das verschiedenste kleine Tierschädel beinhaltet. Auf dem Schreibtisch sind sowohl eine Bibel als auch ein Gesangsbuch platziert. Einige kleinere Kaffetässchen sind sauber und ordentlich in eine Kommode gestellt worden.
Tave schüttelt sich und rennt das Zimmer wieder runter, bevor die einzelnen Knochen noch zum Leben erweckt werden und beginnen ihn zu jagen, oder was auch immer noch alles in dieser Arena geschehen könnte. Herausfinden will er es auf alle Fälle nicht.
Fall sie überhaupt Fallen aufstellen. Momentan scheinen die Spielmacher sich noch darauf zu verlassen, dass die Aufgaben für sie erledigt werden. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Ob er einmal nach Agnes rufen sollte? Dumme Idee, damit gibt er seine Position preis und im schlimmsten Fall auch ihre. Doch dieses Haus scheint bisher leer zu sein.
Ein Blick aus dem Fenster zeigt ein kleines Dorf. Die Sonne ist gerade aufgegangen und wirft blasses helles Licht über die braunbeigen Felder, die sich links von ihm erstrecken. Auf der anderen Seite geht das Dorf mit alten Häusern weiter, von denen ebenso Putz und Farbe abzubröckeln scheint, wie bei diesem hier. Er kann einen kleinen hölzernen Stall an der Seite von diesem Gebäude erkennen, in dem Tave die Toilette vermutet.
Ist das die echte Tageszeit?
Unwahrscheinlich.
Und auch scheißegal, wenn sie danach wieder in das fensterlose Hotel zurückmüssen. Gott, in der Trainingshalle konnte man sich zumindest darauf verlassen, dass die Sonne am Tag noch auf und unterging! Oder dass das tatsächlich ein Tag ist, den man erlebt hat…
Diese Gedanken führen ihn jetzt nicht weiter! Um genau zu sein, sind sie genau dafür in ihren Köpfen gepflanzt worden, um sie alle in den Wahnsinn zu treiben! Darauf darf und wird er nicht reinfallen.
Wo ist Agnes?
Nicht hier, so viel steht fest. Oder sie versteckt sich und wenn sie das tut, dann wird Tave sie gerne in Ruhe lassen, bis diese beschissene Aufgabe ein Ende findet. Doch dafür müsste das Mädchen auch den Drang haben, in den nächsten Stunden kein Metall in die Kehle geschnitten zu bekommen und… Es wäre wirklich schön, wenn das eine Sicherheit wäre, die sie hier alle hätten!
Vorsichtig verlässt er das Haus. Blickt sich noch einmal um, doch bisher wirken die Straßen, die er überblicken kann leer. Für nur fünf Personen ist das Areal doch recht weitläufig. Aber in vier Stunden gleichzeitig auch erkundbar…
Er wird sich beeilen müssen. Und Ausschau nach ein paar guten Ecken, in denen man sich verbergen könnte, sollte er auch haben. Wobei es bei der Zeitspanne, die sie hier haben, sinnvoller wäre, sich Fluchtwege offen zu halten und die anderen gezielt zu umgehen…
Das nächste Haus, das er betritt, riecht nach abgestandenem Tee und alten Büchern. Einige der Exemplare stapeln sich an der Wand und auch in Stapeln an einer Treppe in das höhere Stockwerk. Die Holzdielen knarzen, als er sie betritt und –
„Hast du das auch gehört?“
Eine Stimme von der anderen Seite des Raumes, an der sich eine weitere Tür befindet. Tave zuckt zusammen, während sein Blick durch das kleine Haus gleitet, in der Hoffnung etwas zu finden, das einer Waffe ähneln könnte. Der Mantelständer vielleicht. In der Ecke ist ein kleiner Ofen, da sollte doch etwas wie ein Schürhaken zu finden sein…
Eine Tür knarzt und öffnet sich nur einen Spalt breit. Zu spät denkt Tave sich. Dann wird er hoffen müssen, das hier zur Not auch mit seinen Fäusten regeln zu können, während er jetzt schnellen Schrittes auf den nächsten Raum zuschreitet und –
Tave reist die Tür auf und duckt sich im nächsten Moment weg, in der Hoffnung einem eventuellen Hieb ausweichen zu können. Tatsächlich donnert schweres Metall direkt über ihn hinweg und.
„Bleib du fern von uns beiden!“, brüllt Kester, der sich mit einer eisern glänzenden Bratpfanne bewaffnet hat. Nur einen Meter neben ihm hockt Agnes an dem Esstisch des kleinen Raumes. Ihre Hand pult an einer der Birnen, die auf einer Obstschüssel liegen. „Und bleib weg von ihr!“
Tave verschränkt die Arme.
„Bleib du weg von Agnes!“, brummt er zurück, auch wenn der Mann ihr offensichtlich nichts getan hat. Noch nicht.
„Du sollst weg von ihr bleiben! Ich beschütze sie.“
„Aha? Mit der Pfanne!“
„Pass auf! Ich weiß die zu benutzen!“
Einzelne Schweißperlen laufen über die Stirn des Mannes, während er das Ding wie ein wahnsinniger vor sich hin und her schwenkt. „Ich bin ein ausgezeichneter Koch, musst du wissen!“
„Ein Mann mit vielen Talenten“, seufzt er und bewegt sich an Kester vorbei in den Raum hinein.
„Warte! Zeige mir zumindest, welche Aufgaben du hast!“
Tave seufzt, bevor er dem anderen sein Armband entgegen hält. Kester zieht scharf die Luft ein.
„Ich habe nicht vor, sie umzubringen, okay?“, zischt er den Tubaspieler noch einmal an.
„Jaja… ist ja gut… Aber du bist nicht bewaffnet, oder?“
„Womit? Mit dem Hutständer?“, blafft er und versucht zu ignorieren, dass genau das vor wenigen Minuten noch seine Idee war. „Oder soll ich mir noch einen Kochtopf hier rausholen?“
Sie haben hier viel zu viel Lärm gemacht, fällt ihm auf. Wahrscheinlich sollten sie so schnell sie können den Ort wechseln.
„Was ist deine Aufgabe überhaupt?“
Kester hält ihm sein eigenes Armband hin.

Aufgabe:
Rollenspezifisch: Beschütze Agnes Armitage, sodass sie am Ende der Aufgabenzeit am Leben ist: 5 Punkte
Nachteil: Die Gruppenaufgabe „Töte Agnes Armitage“ bringt dir keine Punkte

„Offensichtlich war der Onkel wirklich besser“, grinst Kester. „Wer schaut jetzt dumm aus der Wäsche?“
„Bei dem Grinsen? Du“, grummelt Tave, während er sich Agnes nähert.
„Wie geht es dir gerade?“, fragt er schließlich das Mädchen. Sie zuckt mit den Schultern.
„Ich soll hier sterben, oder?“, fragt sie noch einmal. Auf ihrem Armband kann Tave auch ihre Aufgaben lesen.

Gruppe: Tötet Agnes Armitage: 3 Punkte
Rollenspezifisch: Wenn Bartholomew Armitage am Ende der Aufgabe den Dolch besitzt: 3 Punkte
Rollenspezifisch: Für jede andere Person in der Aufgabe, der du die Hand reichst: 1 Punkt

Na, eine der Aufgaben wird dem Mädchen ob mit oder ohne Punkte rein gar nichts bringen! Das hier raufzuschreiben ist doch nichts weiter als Schikane.
Sie wollen ihr sagen, dass sie hier sterben soll…
„Du sollst hier überhaupt nichts“, widerspricht Tave. „Und wir sollten uns erst einmal vom Acker machen. Vielleicht ein Haus suchen, das wir noch nicht zusammengeschrien haben. Am besten eines mit Fenstern, aus denen wir ebenfalls gut rauskommen. Und dann reden wir mal darüber, wer hier stirbt.“
„Das klingt… nach einem soliden Plan“, ist Kester zumindest dieses eine Mal seiner Meinung.
„Dann nichts wie weg hier.“
Tave zögert, bevor er schließlich Agnes seine linke Hand anbietet. Die andere bleibt zur Faust verschlossen, während sie sich zu dritt aus dem Raum bewegen.
Zumindest hat er sich geirrt. Er ist hier nicht allein. Und mit der Aufgabenverteilung wird er zumindest Kester trauen können.
Zumindest können sie versuchen, sich dem Unvermeidbaren im Weg zu stellen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast