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Und da schimpfte der Esel den Hahn einen Dickkopf

von Siam
OneshotAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
Alexander Cassander Cleitus Hephaestion
04.05.2021
04.05.2021
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10.838
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Auch hier noch einmal ganz offizielle, colinistische Geburtstagsgrüße von mir, liebe ebony-zoot. Was ich dir heut Morgen geschrieben habe, zählt auch heute Abend noch. Ich hoffe du hast ein bisschen Spaß an dem guten Stück.

***

«Verdammter, athenischer Bastard!» Kassander spuckte vor Hephaestions Füße und schaute dann mit einem schiefen, eindeutig provozierenden Grinsen zu ihm.
Hephaestion atmete tief ein und wieder aus. An jedem anderen Tag hätte er die Provokation ignoriert, hätte sich an Kassander vorbei gedrückt und wäre zu Alexander gegangen, um mit ihm über die ungewaschenen Idioten zu lästern, die eines Tages zu Alexanders Generälen werden sollten. Aber heute war nicht wie jeder andere Tag.
Alexander war nicht hier. Er lag seit zwei Tagen mit starken Kopfschmerzen und einer triefenden Nase im Bett und klagte über Gliederschmerzen ebenso sehr wie über Übelkeit und weil die Heiler beschlossen hatten, dass seine Krankheit zwar keinesfalls lebensgefährlich, dafür aber umso ansteckender war, war es Hephaestion nicht erlaubt seinen kranken Freund zu besuchen und ihn mit Geschichten aus ihren Lehrstunden und den passenden Anekdoten abzulenken. Hephaestion war gereizt. Die Dummheit und Engstirnigkeit seiner Mitschüler ging ihm gehörig gegen den Strich und normalerweise konnte er es gut ignorieren, wenn er Alexander an seiner Seite hatte und sie sich durch stumme Unterhaltungen mit ihren Blicken versichern konnten, dass sie ganz gewiss nicht so einfach gestrickt waren wie die anderen Jungen, die im Moment nur im Kopf zu haben schienen wer den größeren Schwanz und mehr Frauen zu sich ins Bett gelockt hatte. Ganz davon abgesehen, dass sie sich mit dummen Geschichten zu übertrumpfen versuchten, die stattgefunden hatten, wenn sie einmal mehr zu viel Wein getrunken hatten.
Das Leben war seit zwei Tagen langweilig und frustrierend und Kassander, der dumme Idiot, war ohnehin der schlimmste von allen.
«Was hast du gerade zu mir gesagt?», knurrte Hephaestion, nachdem sein Versuch sich durch tiefes Ein- und Ausatmen wieder zu beruhigen fehl geschlagen war und er immer noch diese unbändige Wut in seinem Inneren spürte. Eine Wut, die ein Ventil brauchte und er begann zu ahnen, dass dieses Ventil den Namen Kassander tragen würde.
«Nur die Wahrheit: dass du ein verdammter Bastard aus Athen bist», sagte Kassander und Hephaestion konnte hören wie die anderen im Hintergrund lachten, weil sie Kassander ohnehin für besonders lustig und seine dämliche Beleidigung gerade wohl für besonders einfallsreich hielten.
Hephaestion holte aus und seine Faust landete mitten in der ohnehin schon viel zu großen Nase des verdammten Kassander. Von dem Schlag vollkommen überrascht, taumelte Kassander ein paar Schritte zurück, fing sich aber schnell genug wieder, um seinerseits sich auf Hephaestion zu stürzen. Dieser hatte aber damit gerechnet, dass er nicht ungestraft davon kommen würde, wenn er Kassander einfach schlug und stemmte sich mit seinem Gewicht gegen Kassander. Eng umschlungen kämpften die beiden, so lange bis es Hephaestion zu dumm wurde und er seinen Fuß hinter Kassanders Beinen drückte, ihn nach vorne zog und so dafür sorgte, dass Kassander das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte. Kassander hatte damit jedoch gerechnet oder vielleicht waren sie mittlerweile doch im Nahkampf gut genug ausgebildet, dass seine Reaktion automatisch kam, aber er hielt Hephaestion am Kragen seines Chitons fest und so stürzte dieser mit ihm nach unten auf den Boden.
Hephaestion rollte sich über Kassander und schlug noch einmal zu, doch Kassander wich mit seinem Kopf zur Seite, sodass Hephaestions Faust fast schmerzhaft mit dem Boden kollidiert wäre. Im letzten Augenblick hielt er sich noch zurück, aber Kassander nutzte diesen Moment der Ablenkung, um Hephaestion eine Hand voll Dreck ins Gesicht zu drücken. Hephaestion hustete und Kassander wäre nicht Kassander, wenn er diesen Moment der Schwäche nicht ausnutzen wurde, um sich über Hephaestion zu rollen und auf ihm sitzend ihm einen sicheren Schlag ins Gesicht zu verpassen.

«Was denkt ihr, was ihr da tut!» rief die donnernde Stimme von Kleitos, doch die beiden jungen Männer waren zu sehr im Frust und Adrenalin gefangen, um darauf zu reagieren und voneinander abzulassen.
Erst, als Kleitos Kassander im Nacken packte und von Hephaestion herunterzog unterbrachen sie gezwungenermaßen ihren Kampf.
«Steht auf!», brüllte Kleitos. «Ihr seid eine Einheit! Eine Einheit bekämpft sich nicht!»
«Hephaestion…», setzte Kassander im gleichen Moment zu einer Erklärung an wie Hephaestiom selbst, dessen Erklärung mit «Kassander» begann.
«Ich will es nicht hören. Ich will es nicht wissen. Euer Verhalten ist absolut inakzeptabel! Zehn Runden um das Gymnasium laufen. Jetzt. Und zwar alle!» Kleitos schaute wütend zu den anderen Jungen, die sich um die beiden Streithähne versammelt hatten.
Ungläubig starrten sie ihn an. «Muss ich mich etwa wiederholen, denn das tue ich sehr ungerne!», rief Kleitos. Die ersten Jungen setzten sich in Bewegung. Kassander schaute zu Hephaestion und spuckte einen Mund voll Blut vor ihm auf den Boden. «Das ist deine Schuld!», sagte er, ehe auch er sich in Bewegung setzte.
«Das wage ich zu bezweifeln», murmelte Hephaestion in sich hinein, doch als er dem wütenden Blick seines Ausbilders begegnete, setzte auch er sich lieber in Bewegung.

Als sie am Abend des gleichen Tages zusammen am Tisch saßen und wie üblich ihr gemeinsames letztes Mahl vor dem Schlafen gehen einnahmen, schaute Kassander, der Hephaestion gegenüber saß, immer wieder wütend zu ihm. Seine Nase war immer noch etwas geschwollen und würde am Morgen sicher blau sein. Hephaestion konnte auch spüren, wie seine aufgeplatzte Lippe immer wieder pulsierte, wenn er von dem harten Brot abbiss. Als er Blut schmeckte, legte er das Brot mit einem Seufzen zur Seite. Heute hatte er definitiv keinen großen Hunger, auch wenn seine Beine von dem Gewaltmarsch, mit dem Kleitos sie alle bestraft hatte, immer noch weich wie Butter waren. Aber er brachte es einfach nicht über sich etwas zu essen und schob seinen Teller weg von ihm.
«Wegen dir wurden wir so hart bestraft!», fauchte Kassander, der die ganze Zeit offensichtlich darüber nachgedacht hatte was er zu Hephaestion sagen konnte.
«Eher wegen dir. Du hättest einfach die Klappe halten sollen», erwiderte Hephaestion. Wieder spürte er wie er wütend wurde. Kassander weckte einfach etwas in ihm, was er definitiv nicht geweckt haben wollte.
«Du hättest nicht reagieren soll! So wie du es immer tust! Hätte ja keiner ahnen können, dass du dich mit einem Mal verteidigst, wenn du dich nicht mehr hinter Alexander verstecken kannst!», feixte Kassander.
Hephaestion kniff wütend die Augen zusammen. Er atmete tief durch. Er durfte einfach nicht riskieren sich noch einmal von Kassander provozieren zu lassen, denn er war sich nicht sicher, was Kleitos dann mit ihnen machen würde. Eine nächtliche Wanderung durch die Berge als Bestrafung wäre durchaus realistisch und Hephaestion war sich ziemlich sicher, dass sie alle auf eine solche Bestrafung verzichten konnten. Denn eines war klar, wenn Kassander und Hephaestion hier und jetzt wieder aus der Reihe tanzen würden, dann wäre es wieder die ganze Gruppe, die am Ende darunter leiden würde.
«Streitet ihr schon wieder?»
Hephaestion schloss für einen Moment die Augen, als er Kleitos Stimme hört. Das war nicht gut.
«Nein», sagten Kassander und er deswegen im Gleichtakt, da Kassander wohl im gleichen Moment wie Hephaestion zu dieser Erkenntnis gekommen war.
«Das ist gut, denn, wenn ich noch einmal mitbekomme, dass ihr euch streitet, dann werde ich eure Köpfe solange aneinander schlagen, bis ihr euch ein Gehirn teilt. Ist das verstanden?»
«Ja, Kleitos», sagten Kassander und Hephaestion wieder gleichzeitig und klangen dabei nur ein bisschen patzig.
Kleitos zog seine buschigen Augenbrauen in die Höhe. Natürlich war auch ihm der Unterton der beiden jungen Männer nicht entgangen, aber anscheinend war er heute doch gnädig gestimmt oder er wollte sich mit den anderen Alten treffen, um Wein zu trinken, in jedem Fall warf er den beiden einen letzten scharfen Blick zu, ehe er sich vom Tisch abwandte und nach draußen verschwand.
«Du bist ein-» setzte Kassander ein, doch wurde er unterbrochen, als ihm Philotas offenbar unter dem Tisch gegen das Bein trat, denn er zuckte zusammen  und warf seinem Sitznachbarn einen wütenden Blick zu.
«Lass ihn doch jetzt einfach in Ruhe. Wenn wir wegen euch beiden noch einmal als Gruppe bestraft werden, dann sorgen wir dafür, dass euch das Leben ganz unangenehm wird!»
Kassander schien im ersten Moment zu verdutzt zu sein, um etwas zu erwidern, denn normalerweise sprachen die anderen so nicht mit ihm, noch nicht einmal mit Hephaestion, aber Kassander schien zu verstehen und tat vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben etwas Kluges: er schwieg.


Als Prinz war es Alexander als einziger gestattet ein eigenes Zimmer zu haben, jetzt wo, er krank war, diente dieses Zimmer auch als Isolationszimmer, um zu verhindern, dass andere sich bei ihm anstecken konnten.
Doch die Heiler gingen davon aus, dass Alexander mittlerweile seine Krankheit nicht mehr an andere weitergeben würde, er aber noch zu geschwächt war, um an den körperlichen und geistigen Ertüchtigungen der anderen jungen Männer teilzunehmen, deswegen war er an diesem Tag nicht zum Unterricht erschienen und deswegen war Hephaestion mit Kassander aneinander geraten. Einen Lichtpunkt gab es jedoch, denn, nachdem das Abendmahl beendet war, war einer der Ärzte an Hephaestion heran getreten und hatte ihm gesagt, dass der Prinz wünschte ihn zu sehen. Hephaestion hatte erleichtert ausgeatmet und hatte sich sofort auf den Weg gemacht.
Und nun saß er neben Alexander in seinem Bett, beide mit dem Rücken zur Wand, beide mit einem Kissen im Rücken. Sie aßen Trauben. Alexander noch sehr vorsichtig und eher lustlos und Hephaestion, der mit einem Mal wieder Hunger verspürte, aß deutlich schneller und mehr.
«Warum hast du eine aufgeplatzte Lippe?», fragte Alexander mit noch rauer Stimme. Ein Husten beendete sein Satz und Hephaestion beugte sich vor, um Alexander etwas Wasser aus einer Karaffe in einen Becher zu gießen, damit er trinken konnte.
«Hmm.»
Alexander trank einen Schluck und schaffte es dabei über den Bronzebecher hinweg seinem besten Freund einen kritischen Blick zuzuwerfen.
«Kassander und ich sind ein wenig aneinander geraten», sagte Hephaestion schließlich.
«Ein wenig?» Alexanders Stimme klang skeptisch.
«Es fällt mir schwer ihre Dummheit auszuhalten, wenn du nicht bei mir bist», sagte Hephaestion schließlich mit einem Seufzen. «Ich hasse die Tage, an denen du nicht am Unterricht Teil nehmen kannst.»Er seufzte.
Alexander lachte leise. «Sei nicht so streng mit ihnen. Sie sind nicht dumm. Sie sind nur anders. Und sehr wahrscheinlich sind sie auch neidisch, weil du derjenige bist, dem meine tiefste Freundschaft und Zuneigung gehört.»
«Das macht es nur wenig ertragbarer», sagte Hephaestion leise.
«Hast du wenigstens gesiegt?»
«Ich hätte es, wenn Kleitos nicht dazwischen gekommen wäre.»
Alexander zog als Antwort scharf die Luft ein. «Fünf Runden um das Gymnasium für alle?»
«Zehn», sagte Hephaestion zerknirscht.
«Ihr habt ihn wirklich wütend gemacht», sagte Alexander und nahm bei diesen Worten Hephaestion mit Schürfwunden überzogene Hand in seine. «Aber du hättest gesiegt. Das weiß ich, denn du bist der einzige, der auch mich im Nahkampf besiegt hat.» Jeder andere hätte so etwas mit einer gewissen Zerknirtschtheit oder vielleicht auch Wut in der Stimme gesagt. Alexander sagte es mit Stolz. Stolz auf Hephaestion.
«Wirst du morgen wieder am Unterricht teilnehmen?», fragte Hephaestion und unterdrückte ein Gähnen.
«Wahrscheinlich nicht. Die Heiler sagen, es wäre besser, wenn ich noch einen Tag lang das Bett hüte und ich bin mir sicher, dass Kleitos und die anderen Alten nicht gegen die Empfehlung der Ärzte gehen werden.»
«Also wirst du morgen nicht dabei sein.» Hephaestion seufzte. «Die Tage ohne dich kommen purer Folter gleich.»
«Bist du ein wenig dramatisch gerade?»
«Nein», sagte Hephaestion im trockenen Tonfall und klaubte sich eine letzte Traube aus der Tonschale, ehe er sich langsam aus dem Bett erhob. «Ich werde in den Schlafsaal gehen. Morgen wird ein langer Tag.» Er war sich nicht unbedingt sicher, ob er wirklich Schlaf finden würde, aber er konnte es ja doch wenigstens versuchen. Das wäre zumindest die klügere Entscheidung.
«Du könntest auch hier bleiben?» Alexander schaute ihn mit leicht schief gelegtem Kopf und fast flehend an.
«So gerne ich das tun würde, kann ich es doch nicht tun, wenn ich Kleitos nicht vollkommen gegen mich aufbringen will und ich bin auf der Liste derer, die ihm heute das Leben schwer gemacht haben, sehr weit oben.»
«Und auf dieser Liste will man wahrlich nicht noch weiter nach oben rücken. Ich verstehe dich», erwiderte Alexander. Hephaestion konnte ihm ansehen wie er versuchte zu lächeln, aber die Enttäuschung über Hephaestions Absage, sah man ihm doch zu deutlich an.
Hephaestion beugte sich vor und hauchte seinem besten Freund einen kurzen Kuss auf die Wange. «Wir sehen uns morgen Abend», sagte er und verschwand, bevor Alexander ihn am Ende doch noch einmal darum beten konnte bei ihm zu bleiben, denn er war sich nicht sicher, ob er dann noch einmal in der Lage wäre Alexanders Bitte auszuschlagen.

Es schien bereits deutlich später zu sein, als er erwartet hatte, denn als er durch den mit Fackeln erhellten Gang lief, erkannte er, dass die Sonne schon vor einer Weile untergegangen sein musste. Draußen war es stockfinster. In einer für diesen Zweck bereitgestellten Schale außerhalb des Schlafsaals, befreite er sich schnell vom grobsten Dreck, ehe er durch die angelehnte Tür hindurch schlüpfte und im flackernden Licht einer einzelnen Öllampe, die am hintersten Rand des Schlafsaals stand, zu seinem Bett schlich.
«Oh, schafft es die Hure des Prinzen doch noch zum einfachen Volk?», hörte er Kassander von seinem Bett aus zischen, das sich dummerweise genau neben dem von Hephaestion befand.
«Halt die Klappe», zischte Hephaestion zurück, er hatte nun wirklich keine Lust sich noch einmal mit Kassander auseinander setzen zu müssen, aber Kassander schien in der Hinsicht andere Pläne zu haben.
«Ich lass mir doch von dir nicht den Mund verbieten!», sagte Kassander. Hephaestion verdrehte die Augen und legte sich in sein Bett. Er hatte sich fest vorgenommen heute den Streit mit Kassander nicht noch einmal eskalieren zu lassen. Wenn sie dann in den nächsten Tagen zu einem weiteren Strafmarsch eingeteilt werden würden, würden die Heiler Alexander gewiss nicht gestatten daran teilzunehmen und noch einen Tag ohne ihn würde er, bei den Göttern, wirklich nicht ertragen können.
Er drehte sich mit dem Rücken zu Kassander, auch wenn das bedeutete, dass er sich mit dem Gesicht zur Wand drehen musste, aber so schlief er ohnehin meistens, um sich zumindest einbilden zu können, er sei in seinen eigenen Räumen in der Villa seiner Eltern am Rande von Athen.
«Hey! Ignoriere mich nicht!»
Unwillkürlich zuckte Hephaestion zusammen, als er mit einem Mal eine Hand auf seiner Schulter verspürte und diese Hand versuchte ihn umzudrehen.
«Kassander!», zischte Hephaestion. «Wenn du mich nicht sofort loslässt, dann können wir gerne hier und jetzt zu Ende führen, wo wir von Kleitos vorhin unterbrochen wurden.»
Er hörte jemand am anderen Ende des Saals seufzen und war sich fast sicher, dass es sich dabei um Ptolemaios handelte, der ebenso wie Hephaestion selbst ahnte, auf was das hinaus laufen würde.
«Ja, meinst du, du könntest mich besiegen? Dir müssen doch die Beine noch ganz weich sein, wenn unser Prinz dich gerade beansprucht hat», sagte Kassander.
«Was? Bist du etwa eifersüchtig?», fragte Hephaestion zurück und drehte sich in dem Moment auf den Rücken. Er sah Kassander, sein sonst so betont gelangweilter Gesichtsausdruck war nun einem Ausdruck von Wut und vielleicht noch der ein oder anderen Emotion gewichen, die Hephaestion nicht zu deuten wagte.
«Eifersüchtig? Auf was soll ich denn eifersüchtig sein?», frage Kassander, seine Hände zu einer Faust geballt.
«Bist du betrunken?», fragte Hephaestion. «Schlaf deinen Rausch aus, dann können wir weiter reden.»
Rückblickend konnte Hephaestion nicht mehr sagen wer von ihnen beiden den ersten Schlag gesetzt hatte, doch irgendeiner von ihnen musste es getan haben, denn nur so ließ sich erklären, dass sie kurz darauf beide auf dem Boden zwischen den beiden Betten lagen und aufeinander einschlugen, als gäbe es kein Morgen mehr.
Hephaestion wusste auch nicht wie viel Zeit vergangen war, aber irgendwann musste der Tumult, den die anderen Jungen zum Teil durch ihre Anfeuerungsrufe und zum Teil durch ihre Versuche die beiden voneinander zu trennen Kleitos herbei gezaubert haben.
Seine großen Pranken trennten die beiden Streithähne mit Leichtigkeit, ehe er ihnen beiden mit einem harten Schlag auf den Hinterkopf wohl wieder etwas Verstand eintrichtern zu versuchte.
«Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?», fragte Kleitos. «Habe ich mich nicht klar und deutlich ausgedrückt?» Seine schwarzen Augen schienen Funken zu versprühen. Er war ein Soldat durch und durch und noch schlimmer: er war ein General, der es gar nicht zu schätzen wusste, wenn man seine Befehle außer Acht ließ. «Mitkommen! Sofort!», sagte er und schubste die beiden jungen Männer vor sich aus dem Schlafsaal. «Und von dem Rest von euch will ich heute keinen Ton mehr hören! Niemand verlässt bis zum Morgengrauen diesen Schlafsaal! Und wenn ihr in eure Betten pissen müsst, wie die kleine Kinder, die ihr doch alle tief in eurem Inneren noch seid!», rief er, ehe er die Tür mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss fallen ließ. «Mitkommen», zischte er Kassander und Hephaestion zu. Keiner von ihnen wagte es auch nur daran zu denken nicht das zu tun, was ihr Ausbilder von ihnen verlangte und so liefen sie mit hängenden Köpfen und doch auch gleichzeitig vor Wut schnaubend neben Kleitos her, der seine Hände immer noch auf die Genicke der beiden gelegt hatte, als wären sie zwei Kaninchen, die zur Schlachtbank geführt wurden.
Weil Kleitos wohl nicht so recht wusste wohin mit ihnen, setzte er sie im großen Speisezimmer ab. «Hier. Sitzen. Kein Mucks will ich heute von euch hören. Ihr atmet nicht einmal laut!», zischte er ihnen zu , ehe er alleine weiter den Gang entlang lief, wahrscheinlich um sich ihre Bestrafung auszudenken und Hephaestion konnte sich nur zu gut denken, dass das etwas sein würde, das ihm ganz und gar nicht gefallen würde.



Hephaestion hatte schlechte Laune. Das war in den Tagen nach Alexanders Erkrankung eigentlich normal geworden, aber nun war Alexander wieder gesund und stand vor dem Palast zu Pella neben Kleitos und schaute Hephaestion und Kassander nach wie sie auf zwei Pferden den Hof verließen.
Er musste all seine Willenskraft zusammen nehmen, um nicht noch einmal zurück zu schauen. Er wusste, dass er sich diese Misere selbst eingebrockt hatte und er ahnte, dass er mit dieser Strafe eigentlich noch ganz gut weggekommen war, aber das half nicht ihn über die Tatsache hinwegsehen zu lassen, dass er die nächsten Tage mit Kassander alleine zubringen musste.

In einem Dorf nordöstlich von Pella, etwa ein Zweitagesritt entfernt, verschwanden immer wieder junge Männer. Die Dorfbewohner hatten um Hilfe gebeten und diese Hilfe nun in Form von Kassander und Hephaestion zugesichert bekommen. Fast wäre es Hephaestion lieber gewesen, wenn man ihn für sein zugegebenermaßen sehr unangebrachtes Verhalten im Zusammenhang mit Kassander einfach mit ein paar Stockhieben bestraft hatte, aber Kleitos war wohl der Meinung, dass es eine bleibendere Wirkung bei ihnen hinterlassen würde, wenn man sie zu zweit auf eine kleine Mission schickte. Hephaestion unterdrückte ein Seufzen, denn er wollte Kassander keinen Anlass geben, um mit ihm zu sprechen, auch wenn er ahnte, dass Kassander dafür keinen wirklichen Anlass brauchte - geschwätzig wie er nun einmal war.
Hephaestion hatte Alexander versprochen, dass er sich auf dieser kleinen Reise nicht noch einmal mit Kassander streiten würde und noch viel mehr hatte er ihm versprechen müssen, dass er unversehrt und so schnell wie nur möglich wieder zu ihm zurück kam.
Das bedeutete für ihn auch, dass er sich so weit wie nur möglich von Kassander fern halten musste, aber so weit wie nur möglich sich von jemandem fern zu halten, mit dem man zusammen reisen musste, war alles andere als einfach und eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
Wann war sein Leben nur zu eine solchen Herausforderung geworden? Hatten die Götter denn so gar kein Mitleid mit ihm?
«Nun zerfließe doch nicht in Selbstmitleid», ließ Kassander verlauten, als sie nicht mehr in Sichtweite vom Palast zu Pella waren und Hephaestion schaute einen Moment etwas verstört zu dem jungen Mann, der neben ihm auf seinem Schimmel ritt. Hatte er etwa laut gedacht?
«Du könntest dich auch einfach daran erfreuen, dass wir heute nicht den halben Tag auf dem Exerzierplatz stehen und uns danach vom alten Aristoteles irgendeinen Quatsch anhören müssen. Vielleicht sollten wir uns wirklich öfter prügeln, wenn dies das Ergebnis davon ist», fuhr Kassander fort. Hatte der ewig sauertöpfische Kassander etwa gute Laune? Und tatsächlich, als Hephaestion es wagte ihm ins Gesicht zu schauen, sah er ein Grinsen in den sonst so in Stein gemeisselt wirkenden Gesichtszügen des Sohnes des Antipater.
«Ich denke, wenn wir uns noch einmal prügeln sollten, dann werden wir nicht so einfach davon kommen.»
«Ja, ich habe gehört, dass du Kleitos einfach um ein paar Stockhiebe gebeten hast.» Kassander kicherte. Er kicherte? Das war ein Wort, von dem Hephaestion niemals geglaubt hätte, dass er es im Zusammenhang mit Kassander verwenden würde. «Du musst mich wirklich verachten.»
Hephaestion rümpfte die Nase. «Du hast mir bisher noch nie einen Grund gegeben dich nicht zu verachten», sagte er schließlich.
«Das gleiche kann ich auch nur über dich sagen, liebster Hephaestion», sagte er mit seiner ewig spitzen Zunge. Hephaestion hatte es ja geahnt, dass es nicht lange dauern würde bis Kassander anfangen würde mit ihm zu sprechen, aber, wenn er ehrlich sein sollte, dann hätte er eher mit weiteren Beleidigungen gerechnet. Doch die blieben bisher aus und das war etwas, das Hephaestion irritierte.
Hephaestion räusperte sich. «Wir müssen diesem Weg noch bis zum Mittag folgen, dann wäre es ratsam Richtung Osten abzubiegen um einen dichten Wald zu umgehen.»
«Du wirst es dir kaum vorstellen können, aber auch ich habe Kleitos zugehört, als er uns instruiert hat.»
«Das kann ich mir wirklich kaum vorstellen», erwiderte Hephaestion und Kassander lachte tatsächlich, als hätte Hephaestion einen ganz hervorragenden Witz gemacht, dabei meinte er es vollkommen ernst, was er gerade gesagt hatte.
«Und die Leute sagen von mir, ich sei eingebildet. Ich werde sie ab jetzt darauf hinweisen, dass sie sich einfach mal mit dir unterhalten sollen», sagte Kassander und trabte mit seinem Pferd an, schon bald verfiel er in einen raschen Galopp, sodass Hephaestion nichts anderes übrig blieb, als auch die Geschwindigkeit seines Pferdes zu beschleunigen, wenn er Kassander nicht aus den Augen verlieren wollte und da sie diese kleine Aufgabe dummerweise gemeinsam erledigen sollten, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihm rasch hinterher zu reiten.

In dieser Nacht rasteten sie an einer kleiner Lichtung an einem schmalen Bach, der gerade noch genug Wasser führte, dass die Pferde ohne Probleme ihre Schnauzen in das erfrischende Nass stecken konnten und dass sie selbst sich den gröbsten Dreck der Straße von der Haut waschen konnten.
Kassander hatte einen Vogel geschossen, als sie noch auf dem Weg waren und so aßen sie zu den mitgebrachten Fladen, die man ihnen gnädigerweise mitgegeben hatte, das gebratene Fleisch eines Hephaestion unbekannten Vogels. Er hatte eine der Federn in seinen Beutel gesteckt, damit er später, nach ihrer Rückkehr zusammen mit Alexander darüber rätseln konnte, was für ein Tier dieser Vogel gewesen ist.
Kassander summte leise ein Trinklied vor sich hin, während er am Rande der Lichtung noch etwas Feuerholz sammelte. Es würde keine kalte Nacht werden, sie würden sich vielleicht noch nicht einmal mit ihren Schaffellen bedecken müssen, aber Kassander hatte beschlossen, dass es gemütlicher war gemeinsam an einem Feuer zu sitzen und weil sie sich noch recht nahe bei Pella befanden, mussten sie sich nicht vor Überfällen fürchten, und deswegen hatte Hephaestion sich immerhin zu einem Schulterzucken durchringen können, als Kassander das Lagerfeuer vorgeschlagen hatte.
Aus dem Augenwinkel beobachtete Hephaestion Kassander.
Er hatte wohll vor einigen Wochen beschlossen, dass er sich seine Haare wachsen lassen wollte, denn sie waren nun etwa kinnlang. So lang wie die Haare des Kleitos. Kassander war schlanker und sehniger als die anderen Jungen, die in Pella unterrichtet wurde, aber Hephaestion wusste mittlerweile aus eigener Erfahrung, dass man ihn deswegen nicht unterschätzen durfte. Er war dennoch kräftig, stark und ein fähiger Kämpfer, außerdem durchaus nicht immer einfach nur dumm. Kassander meldete sich im Unterricht von Aristoteles nur sehr selten zu Wort, aber wenn er es tat, dann konnte man sich sicher sein, dass sein Input von Bedeutung war. Doch all zu oft murmelte er im Unterricht auch Unflätigkeiten in sich hinein, die ihm schon die ein oder andere Rüge von dem alten Lehrer eingebracht hatten. Kassander war bei den anderen Schülern beliebt, sie folgten ihm blind, vielleicht auch einfach nur, weil er in der Lage war den besten Wein aus der Speisekammer zu stibitzen und weil er bei den Dienerinnen schon wesentlich mehr Erfolge vorweisen konnte, als die anderen Jungen. Hephaestion konnte die Art und Weise wie Kassander und seine Mitschüler lebten und liebten nicht nachvollziehen. Zusammen mit Alexander saß er zwar oft bei ihnen und sie nahmen Alexander auch nur zu gerne in ihren Gesprächen auf. Hephaestion wusste, dass Alexander sich nicht nur hin und wieder zu ihnen gesellte, weil es in gewisser Weise von ihm erwartet wurde, sondern, weil er eben auch gut mit ihnen klar kam. Um so geehrter durfte sich dann Hephaestion jedoch auch fühlen, wenn Alexander nach einem Abend mit den anderen mit ihm zusammen in seine Gemächer schlich und ihm sagte, dass er froh war, dass Hephaestion nicht wie die anderen war.

«Was ist?» Kassander ließ den Holzscheit, den er gesammelt hatte neben Hephaestion auf den Boden fallen. «Denkst du an deinen Prinzen?»
«Vielleicht solltest du auch hin und wieder an ihn denken, denn er ist auch dein Prinz.» Hephaestion zog die Augenbrauen in die Höhe. Kassander lachte.
«Nun ja, es kann ja nicht jeder auf die gleiche Art und Weise an den goldenen Prinzen denken wie du. Ich überlasse es dir ihn sich dauernd nackt vorzustellen. Ich denke eher darüber nach, was er mir in der Zukunft Gutes bringen wird. Wobei er dir sicherlich auch viel Gutes bringen wird.» Kassander zwinkerte ihm zu und machte sich daran das Feuer mit neuem Holz zu füttern, ehe er sich neben Hephaestion auf den Boden fallen ließ.
Kassander schien für sich jedoch beschlossen zu haben, dass er Hephaestion nun genug auf die Nerven gefallen war, denn er räusperte sich und sagte dann in einem etwas ernsteren Tonfall: «Wahrscheinlich ist es ein Berglöwe oder ein Wolf, der von seinem Rudel verstoßen wurde und gelernt hat, dass es leichter ist Menschen zu jagen als Tiere. Fast könnte man Mitleid mit ihm haben, weil wir ihm den Gar aus machen müssen.»
Hephaestion brauchte einen Moment um zu verstehen, dass Kassander nun beschlossen hatte, dass es an der Zeit war über ihre Mission zu sprechen. Er nickte. Daran hatte er auch schon gedacht, und sehr wahrscheinlich auch Kleitos, denn sonst hätte er die beiden nicht alleine losgeschickt. Hephaestion musste jedoch zugeben, dass sich bei ihm das Mitleid für ein solches Raubtier in Grenzen hielt.
«Wie gut, dass ich der beste Bogenschütze in unserer Gruppe bin. Es kann uns also nichts passieren», sagte Kassander.
Hephaestion zuckte mit den Schultern. Im Bogenschießen hatte nie sein Interesse gelegen, er ging auch nicht gerne auf die Jagd, verbrachte er doch lieber seine Zeit sinnvoller, aber da er keinen Streit mit Kassander anfangen wollte, verkniff er sich einen Kommentar in diese Richtung.
Den Rest des Abends verbrachten sie in einem halbwegs einträchtigen Schweigen und als die Sonne hinter den Hügelketten untergegangen war, legten sie sich schlafen. Der morgige Tag würde anstrengend werden und umso früher sie in dem Dorf angekommen waren und das Problem gelöst hatten, umso früher konnten sie wieder in ihr normales Leben eintauchen und auch wenn Kassander es tatsächlich zu genießen schien weit weg vom Palast zu sein, konnte Hephaestion nicht gerade behaupten, dass er dieses Gefühl teilte. Er wollte so schnell wie möglich zurück und hoffte, dass er mit Alexander wieder an seiner Seite nicht mehr so gereizt sein würde und er mit solchen unehrenhaften Aggressionen auf Kassanders Sticheleien reagieren würde. Alexanders Anwesenheit brachte ihm Sicherheit und nach dieser Sicherheit sehnte er sich sehr.


Der Morgen kam viel zu schnell und als die ersten Sonnenstrahlen über ihrem Lagerplatz auftauchten, aßen sie schweigend etwas Brot, fingen ihre Pferde wieder ein, die auf einer Wiese nicht weit von ihnen entfernt grasten und sie zogen weiter.
«Nun schau doch nicht so schlecht gelaunt. Es ist ein wundervoller Morgen und niemand hat uns geweckt und uns befohlen aufzustehen. Kann ein Tag besser beginnen?», fragte Kassander.
Hephaestion antwortete lediglich mit einem Seufzen. Es war auffällig, dass Kassanders Laune immer besser wurde, umso weiter sie sich vom Palast entfernten. Als wäre eine Last von seinen schmalen Schultern gefallen. Hephaestion fragte sich, was der Grund für diese Last war, aber da er nich davon ausgehen konnte, dass Kassander eine Frage danach ernsthaft und ehrlich beantworten würde, konnte er sie sich auch gleich sparen.
«Wenn wir im Dorf ankommen, dann überlässt du lieber mir das Reden, oh wundervoller Hephaestion», sagte Kassander und grinste ihn an. «Deine hochnäsige Art bringt die Menschen einfach zur Weißglut.»
«Und deine nicht?», fragte er zurück. Kassander ging ihm wirklich auf die Nerven.
«Nun, zumindest spreche ich nicht mit diesem schrecklichen athenischen Akzent. Das hilft schon einmal», erwiderte Kassander und sein spöttisches Grinsen wurde nur noch breiter. Hephaestion beschloss abermals nicht darauf zu antworten, außerdem musste er darüber nachdenken, ob er wirklich noch mit einem Akzent sprach. Er war der Meinung, dass er mittlerweile sehr gut angepasst klang. Vielleicht sollte er Alexander einmal danach fragen, wenn er ihn wieder sah, denn von ihm konnte er eine ehrliche Antwort erwarten - von Kassander nicht.
Sie ritten den Rest des Tages schweigend nebeneinander her. Kassander summte immer wieder vor sich hin oder machte Hephaesstion auf einen in irgendeiner Weise besonders gewachsenen Baum aufmerksam. Hephaestion hätte niemals damit gerechnet, dass Kassander mit solch offenen Augen durch die Welt lief und dann hätte er doch auch eigentlich damit rechnen können. Kassander bekam schließlich alles mit, was im Palast vor sich ging. Wenn es Spannungen zwischen den jungen Männern gab, dann war Kassander derjenige, der es meist sogar noch vor den eigentlich Betroffenen bemerkte und diese Spannungen gerne auch mal für seine eigenen Zwecke ausnutzte. Vermutlich war es wirklich klüger einen Menschen wie Kassander als einen Freund zu haben und nicht als einen Feind, aber Hephaestion hatte Kassander nie wirklich als einen Feind angesehen, jedoch würde er allerdings auch niemals so weit gehen ihn als einen Freund zu bezeichnen.
Die Nacht kam schneller als sie geplant hatten, eigentlich hatten sie gehofft die nächste Nacht schon im Gasthaus des Dorfes verbringen zu können oder doch wenigstens in irgendwelchen Ställen, aber es war Neumond und wenn sie noch weiter durch den Wald reiten würden, dann würden sie bald die Hand vor den eigenen Augen nicht erkennen können und es war nicht klug sich auf diese Weise in einer vollkommen unbekannten Gebiet zu bewegen.
Der Tag war anstrengend gewesen und so aßen sie etwas, nachdem sie sich um die Pferde gekümmert hatten und legten sich schlafen. Selbst Kassander hatte einsehen müssen, dass das die klügere Entscheidung wäre.

Hephaestion schlief sofort ein. In dieser Nacht träumte er von den Weinbergen vor Athen, in denen er zusammen mit seinen Geschwistern und seiner Mutter seine frühsten Kindheitstage verbracht hatte. Es war ein schöner Traum und doch auch gleichzeitig ein schmerzlicher, denn er wusste, selbst während er träumte, dass diese unbeschwerten Tage seiner Kindheit nicht mehr zurückkehren würden. Er führte nun ein anderes Leben und er war zu etwas Größerem bestimmt, zumindest, wenn man Alexanders Worte glauben schenken konnte und nur ein Idiot glaubte nicht an das, was Alexander sagte.

«Hephaestion!» Eine Hand berührte ihn etwas unsanft an seiner Schulter und rüttelte an ihm. «Wach auf! Da sind Männer im Wald!» Kassanders Worte sorgten dafür, dass Hephaestion sofort hellwach war und er nach seinem Messer griff, das sich immer griffbereit in seiner Nähe befand.
«Wo?», flüsterte Hephaestion zurück. Er hatte sich aufgesetzt und kniete nun neben Kassander auf dem Fell, das sie unter sich ausgebreitet hatten, bevor sie sich zum Schlafen niedergelegt hatten.
«Ich bin wach geworden, weil ich mich erleichtern musste. Sie sind direkt in unserer Nähe. Ich weiß nicht, ob sie uns bereits entdeckt haben», erwiderte Kassander.
Innerlich gratulierte sich Hephaestion und auch Kassander zu dem Umstand, das sie am Abend zu müde gewesen waren, um ein unnötiges Feuer zu entfachen, das sie mit Sicherheit verraten hätte.
«Vielleicht sind es nur ein paar Hirten. Vielleicht haben wir nichts zu befürchten», sagte Hephaestion, auch, wenn er wusste, dass Hirten sich um diese Tageszeit nicht so weit von ihrem Dorf befanden und schon gar nicht im Wald. Ganz davon abgesehen konnte er kein leises Blöken von Schafen oder Ziegen vernehmen und in diesem Moment mussten sie davon ausgehen, dass es sich eben nicht um Hirten handelte, sondern um Gefahr.
Dieser Eindruck verhärtete sich, als mindestens zehn Männer bis zu den Zähnen bewaffnet auf die beiden losstürzten. Hephaestion schaute sich sofort hektisch nach den Pferden um. Es gab Zeiten, in denen es definitiv schlauer war das eigene Heil in der Flucht zu suchen und das war ein solcher Moment. Aber in der Dunkelheit konnte er die Pferde nicht erkennen, vielleicht waren sie auch durch die Männer aufgeschreckt worden und schon längst über alle Berge.
«Los! Renn!», zischte Kassander ihm zu, der wohl zum gleichen Ergebnis gekommen war. «Und das werden wir in Pella niemanden erzählen», setzte er in einem fast scherzenden Unterton hinterher, als er Hephaestion packte und hinter sich her in die Dunkelheit und weg von den Männern zog, die sofort die Verfolgung aufnahmen. Hephaestion schüttelte Kassanders Hand ab, weil er nicht wie ein kleiner, bockiger Junge hinter ihm hergezogen werden wollte. Kassander ließ ihn los, fluchte dabei aber etwas in sich hinein und da erkannte Hephaestion auch bereits seinen Fehler. Es war zu dunkel, wenn sie zusammen bleiben wollten, und das wollten sie in dieser Situation definitiv, dann wäre es klüger sich aneinander festzuhalten. Aber noch war er nahe genug hinter Kassander, sodass er ihn einigermaßen gut erkennen konnte, während dieser vor ihm sich durch die eng aneinander wachsenden Bäume schlug.

Sie liefen einen Hügel hinauf, als Kassander so plötzlich zum Stehen kam, dass Hephaestion fast in ihn hineingelaufen wäre. Im letzen Moment vermochte er seine Schritte zu stoppen, geriet dabei aber ins Wanken. Kassander drehte sich zu ihm um und schubste ihn kurzerhand von sich weg in ein Gebüsch. Hephaestion schlug sich den Kopf an einem Ast an und blieb für einen Moment benommen liegen. Mit verschwommener Sicht sah er wie sich drei riesige Männer auf Kassander stürzten und ihn trotz heftiger Gegenwehr am Ende mit einem Schlag gegen seine Schläfe überwältigten. Sie zogen ihn mit sich, Hephaestion versuchte sich aufzurappeln und ihnen zu folgen, doch alles drehte sich, er spürte den stechenden Schmerz an seiner Stirn und als er sich mit der Hand an die vor Schmerz pochende Stelle langte, klebte Blut an seinen Fingern.
Und dann wurde alles schwarz um ihn.


Hephaestion erwachte am nächsten Morgen, als sein Pferd ihn sachte mit der Schnauze berührte. Er setzte sich vorsichtig auf. Das Blut an seiner Stirn war über seine Augen gelaufen und brannte, als er sie vorsichtig öffnete. Mithilfe eines umgefallen Baumes, an dessen Stamm er sich abstützte, schaffte er es aufzustehen und gefolgt von den beiden Pferden, wankte er in Richtung des Baches, der sich nicht weit von ihm entfernt befand. Er säuberte sein Gesicht und befreite seine brennenden Augen von dem Blut.
Das kalte Wasser sorgte dafür, dass er einen klareren Kopf bekam und an ihrer alten Lagerstätte fand er ihr Gepäck. Es war vollkommen unangerührt, lag noch genau dort, wo sie es am Abend zurück gelassen hatten. Es konnten also keine einfachen Räuber sein, die sie in der Nacht überfallen hatten, sondern irgendetwas anderes. Etwas Beunruhigenderes. Auch wenn alles in ihm dagegen rebellierte, aß er den Rest des Fladen, den sie mitgebracht hatten. Er musste bei Kräften bleiben. Er versuchte sich an die Einzelheiten der vergangenen Nacht zu erinnern.

Kassander hatte ihn vor einer Gefangennahme gerettet, in dem er ihn von sich weggestoßen hatte und die Tatsache, dass die Männer nicht nach ihm gesucht hatten, dass sie sich mit Kassander zufrieden gegeben hatten, war auf eine Art und Weise beunruhigend, die Hephaestion noch nicht fassen konnte.
Was sollte er tun? Sollte er zurück nach Pella gehen und berichten, was geschehen war? Aber er war fast zwei Tagesritte vom Palast entfernt. Er wollte sich lieber nicht vorstellen, was in zwei Tagen mit Kassander geschehen konnte. Und er wollte sich auch nicht dem verurteilenden Blick des Kleitos stellen, wenn er von seinem Versagen Bericht erstattete. Und vielleicht wäre Alexander sogar enttäuscht von ihm.
Nein, das konnte er nicht zulassen. Entweder er kehrte mit Kassander nach Hause zurück oder gar nicht. Eine andere Option gab es nicht für ihn. Er musste in das Dorf gehen, für das sie eigentlich auf diese Mission geschickt worden waren. Vielleicht konnten die Menschen dort ihm mehr über diese Bande sagen. Das war das beste, was er in diesem Moment machen konnte. Zumindest hoffte er sehr, dass es die richtige Entscheidung war.
Als er auf seinem Pferd saß und Kassanders Pferd am Zügel mit sich führte, konnte er am Stand der Sonne erkennen, dass es noch nicht ganz Vormittag war, aber er konnte nicht einschätzen wie lange sie  in der Nacht geschlafen hatten, er wusste nicht wie lange Kassander nun schon in den Händen der Männer war. Ein Knoten bildete sich in seinem Magen, als er darüber nachdachte, was vielleicht gerade mit Kassander geschah.

Waren es Sklavenhändler? Einfache Räuber waren es nicht, so viel stand fest. Also mussten sie etwas Schlimmeres sein. Sie konnten nicht erkannt haben, dass er und Kassander von höherer Geburt waren und es sich deswegen lohnen könnte Lösegold zu erpressen, denn mit ihren einfachen Chitons und zu zweit unterwegs, wirkten sie einfach wie zwei einfache Jünglinge auf einer Reise. Und sie hatten sich auch ebenso schnell überrumpeln lassen. Kassander hatte schon recht: davon würden sie in Pella nichts berichten können, zu groß und zu gerechtfertigt wäre der Spott der anderen.

Es dauerte nicht lange bis er in der Ferne Rauchschwaden erkennen konnte und als er einen Hügel hinauf ritt, konnte er auf ihm eine kleine Siedlung erkennen. Das Dorf.
Sie waren nicht so weit weg gewesen. Wenn die Nacht nicht so dunkel gewesen wäre, dann wären sie noch in der frühen Nacht dort angekommen und all das wäre nicht geschehen.
Als er in das Dorf einritt, umzingelten ihn schnell eine Gruppe von neugierigen Kindern, aber Hephaestion hatte keine Zeit sich mit ihnen auseinander zu setzen. «Ich muss mit eurem Ältesten sprechen. Wo finde ich ihn?», fragte er ungeduldig. Er hatte gerade fertig gesprochen, als ein groß gewachsener Mann aus einer Hütte heraus trat.
«Bist du etwa die Hilfe, die mir aus Pella zugesichert wurde?», fragte der Mann. Hephaestion sah die Ungläubigkeit in den Augen des Mannes. Wie konnte es auch sein, dass Pella einen einzigen jungen Mann geschickt hatte? Hephaestion konnte den Zweifel des Mannes zwar nachvollziehen, hatte jedoch weder die Zeit noch die Geduld sich näher damit zu befassen. Er stieg vorsichtig von seinem Pferd ab, er schwankte leicht und hielt sich am Wiederrist seines Pferdes fest, um nicht zu stürzen.
«Die bin ich. Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten? Wie heißt du?», fragte Hephaestion und er merkte wie die Ausbildung, die sie in Pella genießen durften, doch Wirkung zeigte, denn noch vor einem Jahr hätte er sich nicht vorstellen können auf eine solche Art und Weise mit einem älteren Mann zu sprechen.
«Gennadios», stellte sich der Mann vor und musterte Hephaestion noch einmal genauer. «Komm mit in meine Hütte. Du bist verletzt. Meine Frau Aigle wird sich um dich kümmern.»
Hephaestion wollte protestieren. Dafür war jetzt nicht die Zeit. Er musste Kassander finden, doch als er schwankend hinter Gennadios herlief, ahnte er, dass er Hilfe vielleicht doch gebrauchen konnte.
Aigle war eine Frau mittleren Alters. Sie hatte ein rundes, freundliches Gesicht und dunkle Augen, die ihn freundlich und fast mütterlich anschauten, als er sich mit einem leisen Seufzen auf eine Bank fallen ließ.
«Ich werde deine Wunde reinigen und dir einen Kräutersud gegen die Schmerzen geben. Eigentlich solltest du einige Tage ruhen, aber etwas an deinem Gesichtsausdruck verrät mir, dass dir dieser Gedanke fern liegt.» Immerhin schien sie eine gute Menschenkenntnis zu haben.
«Ich glaube nicht, dass es Tiere sind, die unsere Jungen verschwinden lassen», sagte Gennadios schließlich. «Tiere würden Blut hinterlassen. Spuren, denen auch ich folgen könnte, aber da waren keine. Auffällig ist auch, dass nur junge Männer verschwinden, alle etwa in deinem Alter, wenn du mir die Bemerkung erlaubst. Tiere würden doch auch vor Säuglingen keinen Halt machen, schon allein, weil sie einfacher zu töten wären. Und ein Raubtier würde auch zuerst sich an unseren Schafen und Ziegen vergehen, aber es ist kein Vieh verschwunden. Nur junge Männer.»
Hephaestion seufzte. Das klang nicht gut. Gab es etwas Beängstigenderes auf dieser Welt, als Menschen?
«Ich weiß, dass es keine Tiere sind», sagte Hephaestion und versucht dabei an Aigle vorbei zu schauen, die gerade dabei war seine Kopfwunde zu versorgen. «Wir sind zu zweit hierher geschickt und in dieser Nacht überfallen worden. Sie haben meinen Reisepartner mit sich genommen.» Er brachte es nicht über sich Kassander als einen Freund zu bezeichnen, denn so weit waren sie nicht, würden sie vielleicht niemals sein, wenn Hephaestion Kassander nicht bald finden würde. «Weißt du etwas, das mir helfen könnte? Gibt es Höhlen oder irgendetwas, das groß genug ist,  in der sich eine Gruppe von etwa zehn Männern verstecken kann?»
Gennadios nickte, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte. Hephaestion verspürte Erleichterung. Konnte es so einfach sein? Würde er so schnell wieder auf Kassander treffen?
«Ich kann dir beschreiben wo sich eine verlassene Bärenhöhle befindet. Aber ich kann keinen meiner Männer entbehren, um sie mit dir zu schicken. Wir sind mitten in der Getreideernte, wir können nicht riskieren, dass sie nicht rechtzeitig vor dem nächsten Unwetter eingesammelt wird.»
Hephaestion nickte. Er verstand. Die Getreideernte war wichtig, denn Dörfer wie dieses ware davon abhängig, dass sie einen Überschuss an Getreide produzierten, den sie dann auf den Märkten in den größeren Städten der Umgebung gegen andere Lebensmittel eintauschen konnten. Ganz davon abgesehen wäre Hilfe von ein paar Hirten und Bauern ohnehin mehr hinderlich as wirklich sinnvoll. Zumindest hoffte er das.
Er trank artig den Kräutersud aus, den Aigle ihm gemacht hatte. Er war so bitter, dass er sich sicher war, dass er helfen musste und viel zu heiß. Aber er hatte keine Zeit zu warten bis das Getränk abgekühlt war. Jede Sekunde zählte. Er schickte ein Gebet an die Götter, dass sich die Männer mit Kassander auch wirklich in der Höhle befanden. Das war seine einzige Hoffnung, er wusste nicht, was er tun würde, wenn er Kassander dort nicht auffinden würde, beschloss aber, dass er sich darum erst Gedanken machen würde, wenn es so weit war.

«Wenn du bis zum Abend des nächsten Tages nicht wieder gekommen bist, dann werde ich wieder Wort nach Pella schicken, mein Junge», sagte Gennadios zu ihm, als Hephaestion auf sein Pferd stieg.
Hephaestion zog die Augenbrauen in die Höhe. Die Bemerkung, dass er gewiss nicht «sein Junge» war und er zu einem Krieger, ja sogar zu einem General, ausgebildet wurde, lag ihm schon auf der Zunge, aber dann dachte er an Kassander und daran, dass er es für besser gehalten hatte, wenn er mit den Dorfbewohnern sprach und vielleicht, so kam ihm der Gedanke, waren Kassanders Zweifel nicht ganz unangebracht gewesen. Also nickte er einfach nur und schenkte dem älteren Mann ein kurz angebundenes Lächeln, ehe er mit seinem Pferd los ritt.
Er hatte Kassanders Pferd in den fähigen Händen des Mannes zurückgelassen und er hoffte inständig, dass er es schon bald gemeinsam mit Kassander wieder abholen konnte.
Er folgte einem schmalen Bach, so wie Gennadios es ihm gesagt hatte und schon bald kam er zu einem großen Felsen, der mit viel Fantasie an einen brüllenden Löwen erinnerte. Gennadios hatte ihm geraten das Pferd dort stehen zu lassen und weiter zu Fuß zu gehen und mit einem Blick auf den felsigen, schuttartigen Untergrund, verstand Hephaestion, was der Mann ihm damit sagen wollte. Er führte das Pferd in den Schatten eins alten Pinienbaums und band es dort an einem Ast an. Mit einem lobenden Klopfen auf dem muskulösen Hals verabschiedete er sich von dem treuen Reittier und machte sich dann auf den Weg.
Gennadios Beschreibung war gut gewesen, schnell fand er den schmalen Pfad, der sich zwischen den Felsen hindurch weiter nach oben schlängelte. Er duckte sich, während er lief, denn in der Ferne konnte er schon den Felsvorsprung erkennen, der den Eingang zu der Höhle markierte. Wenn sich die Männer wirklich in die Höhle befanden, dann musste nur einer von ihnen aus ihr heraustreten und einen kurzen Blick in seine Richtung werfen und Hephaestion würde sofort entdeckt werden. Aber es gab keine andere Möglichkeit um zu der Höhle zu kommen. Hephaestion blieb nichts anderes übrig als das Risiko einzugehen und das beste zu hoffen.
Als er am Felsvorsprung ankam, kauerte er hinter einem großen Stein und linste vorsichtig darüber. Er atmete erleichtert aus, als er Kassander sah wie er gefesselt gegen die Felswand lehnte. Doch dann musterte er ihn genauer, sah das Blut an seiner Schläfe, sich langsam bildende Würgemale am Hals und blaue Flecken an seiner Wange und fast überall an seinem Körper. Kassander war in einem jämmerlichen Zustand, er hatte die Augen geschlossen, aber Hephaestion konnte sehen wie sich sein Haar, das vor seine aufgeplatzte Lippen gefallen war, leicht durch seine Atmung bewegte. Er lebte. Das war schon einmal ein gutes Zeichen. Alles in Hephaestion schrie danach sofort zu Kassander zu stürzen, doch er hielt sich zurück. Wenn Kassander hier war, dann konnten ihre Angreifer auch nicht weit entfernt sein.
Und tatsächlich: schon nach kurzer Zeit hörte er leise, raue Stimmen aus dem Inneren der Höhle.
«Denkst du Kronos wird mit ihm endlich zufrieden sein? Wie viele junge Männer haben wir ihm schon geopfert und doch bringt er uns nicht, was er versprochen hat», sagte eine Stimme.
«Er ist ein gutes Opfer. Er wehrt sich, er ist standhaft und die Art und Weise wie er spricht, zeigt, dass er von hoher Geburt ist. Vielleicht braucht Kronos einfach nur ein bisschen besseres Blut?», fragte eine weitere Stimme.

Kronos. Der Sohn der Gaia und des Uranos. Der göttliche Vater, der seine Kinder so sehr hasste und von ihnen eine Machtübernahme fürchtete, dass er sie kurzerhand verspeist hatte. Nur durch eine List seines jüngsten Sohnes Zeus, der von seiner Mutter vom verrückten Vater versteckt worden war, hatte er überlebt und hatte seine göttlichen Geschwister Hestia, Demeter, Poseidon, Hera und Hades aus dem Bauch ihres Vaters retten können. Hephaestion hatte davon gehört, dass gerade in den ländlichen Gebieten, während der Festlichkeiten, die Kroniden genannt wurde, diesem Gott, der eine solche Bezeichnung nicht verdient hatte, immer noch Opfer dargebracht wurden. In früheren Zeiten auch Menschenopfer. Waren diese Männer wieder dazu übergegangen? Wenn Menschen geopfert wurden, dann waren es in der Regel Straftäter. Menschen, die ohnehin des Todes waren. Aber das war Kassander definitiv nicht, ebenso wenig wie die Jungen aus dem kleinen Dorf, aus dem er gerade gekommen war.
Hephaestion musste Kassander befreien, aber ebenso musste er dem Tun dieser Männer ein endgültiges Ende setzen. Aber wie?
Vorsichtig bewegte er sich auf Kassander zu und berührte ihn sachte am Unterarm. Kassander zuckte zusammen und versuchte von ihm wegzurücken. «Ich bin es», sagte Hephaestion leise und Kassander öffnete seine verquollenen Augen.
«Das ich einmal froh sein würde dein Gesicht zu sehen…», murmelte er und verzog sein Gesicht zu etwas, das grob an ein Lächeln erinnerte.
«Warst du im Inneren der Höhle? Weißt du, ob es einen zweiten Ausgang gibt?», fragte er Kassander.
Kassander schauderte, als er in die Richtung des Höhleneingangs schaute. «Alles ist voller Blut…», sagte er leise.
«Meinst du dich oder die Höhle?», fragte Hephaestion, der einen leichten Trotz gegenüber Kassander einfach nicht einstellen konnte.
«Die Höhle. Dort ist ein Altar… Sie haben dort die Köpfe der Jungen aufgestellt. Vier an der Zahl.»
Hephaestion ballte seine Hand zu Fäusten. Diese Männer hatten einen schrecklichen Tod verdient, aber nicht durch seine Hand. Sie waren immer noch gnadenlos in der Unterzahl, beide verletzt und Kassander deutlich mehr als er. «Gibt es einen zweiten Eingang?», fragte er schließlich noch einmal, denn er konnte sich jetzt nicht in blinder Wut und Rachsucht vergessen. Zumindest noch nicht.
«Nur ein Luftschacht, unter dem sie ihr Lagerfeuer haben, damit der Rauch abziehen kann», erwiderte Kassander und Hephaestion sah zahlreiche Brandwunden am Oberarm seines Kameraden. Diese Männer waren nicht daran interessiert einem Gott ein Opfer darzubringen, sie waren daran interessiert andere Menschen zu quälen.
«Sind sie alle drin?», fragte er weiter.
Kassander nickte. «Sie bereiten die Opferung vor.»
«Gut. Vertraust du mir?»
«Bleibt mir denn etwas anderes übrig?»
«Nein», erwiderte Hephaestion mit einem leichten Grinsen. «Ich habe einen Plan, aber der beinhaltet, dass du zurück bleiben musst. Ich werde wieder kommen. Ich werde dich retten, aber wir können es nicht alleine mit zehn Mann aufnehmen und ich finde, dass die Väter der getöteten Jungen es verdient haben ihre Rachen zu nehmen.»
Kassander sah nicht gerade begeistert von dieser Idee aus, aber es war wohl irgendwie auch Glück, dass ihm die Kraft fehlte um wirklich zu protestieren. Hephaestion reichte ihm ein Messer. «Wenn du es nicht mehr aushältst, dann befreist du dich, aber bitte übe dich noch in Geduld. Ich bin bald wieder da.»
Wahrscheinlich war es wirklich ein bisschen zu viel verlangt von einem schwerverletzten und als Opfer auserwählten Kassander sich zu gedulden, aber Hephaestion blieb nichts anderes übrig. Er brauchte die Hilfe der Männer aus dem Dorf und er konnte es nicht riskieren Kassander jetzt mitzunehmen, denn dann würden sie wohlmöglich beide von den Anbetern des Kronos gefasst werden. Und er war sich sicher, dass Gennadios seine Männer doch entbehren konnte, sobald er ihm berichtete, was er entdeckt hatte.


Die Sonne stand nicht mehr hoch am Himmel, als er mit fünfzehn Männern aus dem Dorf, alle bewaffnet mit Heugabeln, Äxten oder anderen Gerätschaften, die sie gefunden hatten, sich an dem Felsen versammelte, der einem brüllenden Löwen so ähnlich sah.
«Gut, ihr wisst was ich von euch erwarte?», fragte Hephaestion, während er sich von Gennadios den Holzeimer geben ließ, in dem sie etwas Glut mitgebracht hatten. Er schnallte sich die frisch geschnittenen Laubäste auf den Rücken und schaute noch einmal zu den Männern. «Seid vorsichtig. Lasst euch nicht entdecken und wenn ihr entdeckt werdet, handelt schnell», sagte er schließlich noch und dann ging er um den berg herum. Er musste auf die Höhle klettern, um zu dem Luftschacht zu kommen, da war er sich sicher, denn nur auf dem Dach der Höhle würde ein solcher Schacht überhaupt Sinn machen. Wenn Kassander ihn in seinem schlechten Zustand gesehen hatte, dann konnte er nicht all zu klein, zumindest hoffte Hephaestion das. Er hasste den Umstand, dass er ohne wirkliche Vorbereitung versuchen musste Kassander zu retten, aber noch mehr hasste er es, dass er Kassander überhaupt retten musste. Und doch auch gleichzeitig hoffte er, dass es überhaupt noch möglich war ihn zu retten. Er hatte ein schlechtes Gewissen, das ins Unermessliche ging, weil er Kassander zurück gelassen hatte. Aber ihm war nun einmal wirklich nichts anderes übrig geblieben. Kassander würde das sicher verstehen - sofern er noch am Leben war.

Mit einem leisen Seufzen verdrängte Hephaestion diesen Gedanken und machte sich an den Aufstieg. Er musste aufpassen sich nicht an den scharfen Felskanten aufzuschlitzen oder gar von einer Schlange, die sich von seinem plötzlichen Auftauchen bedroht fühlte, gebissen zu werden. Dann wäre dies wohl die schlechteste Rettungsaktion in der Geschichte aller Rettungsaktionen.
Aber er schaffte es nach oben ohne ein giftiges Reptil aufzuscheuchen oder sich die Fußballen blutig zu treten. Er wagte einen kurzen Blick über die Kante und sah mit Erleichterung Kassander, der immer noch gefesselt gegen die Felsmauer lehnte. Mittlerweile lag er in der prallen Sonne. Hephaestion konnte von so weit oben nicht erkennen, ob Kassander schlief oder nur die Augen geschlossen hatte. Wenn er ganz ehrlich zu sich sein würde, müsste er sich eingestehen, dass er noch nicht einmal erkennen konnte, ob Kassander überhaupt noch atmete.
Er schaute den Berg hinunter und konnte die Männer aus dem Dorf erkennen, die sich langsam ihren Weg nach oben bahnten. Zufrieden lächelte er in sich hinein, als er vorsichtig über der Höhle entlanglief, mit den Augen stets auf der Suche nach dem Luftschacht von dem Kassander gesprochen hatte.
Und dort! Tatsächlich! Ein Loch im Boden des Felsuntergrundes. Er kniete sich hin und warf einen Blick hindurch. Ja, er konnte auf den Boden der Höhle blicken und Kassander hatte wirklich nicht übertrieben, als er gesagt hatte, dass dort alles voller Blut gewesen sei. Als Hephaestion seine Position ein wenig veränderte, konnte er besser hineinschauen und sogar einen Blick auf einen aus aufgeschichteten Steinen bestehenden Altar werfen, auf dem der verstümmelte Kopf eines jungen Mannes thronte.
Hephaestion verzog das Gesicht und wandte seinen Blick ab. Die Männer in der Höhle schliefen, um sie herum befanden sich zahlreiche Weinfässer. Sie hatten wohl ihr neustes Opfer mit etwas Alkohol gefeiert und schliefen nun ihren Rausch aus. Gut. Von hier aus war es für ihn unmöglich zu erkennen, ob sich wirklich alle Männer in der Höhle befanden, doch er musste einfach darauf hoffen, dass es so war, als er einen Teil der frischen und noch feuchten Äste von seinen Schultern abschnallte. Er hielt sie in die Glut und pustete etwas, damit sie Feuer fingen, ehe er die leicht brennenden, aber vor allem qualmenden Äste durch den Schacht nach unten fallen ließ. Er grinste zufrieden, als er sah, dass zumindest einen Teil von ihnen auf das Lagerfeuer gefallen war, das sich direkt unter ihm befand. Ihm blieb nicht lange Zeit sein Werk zu bewundern, denn mit dem Rest der belaubten Äste verschloss er den Schacht und beschwerte die Seiten mit Steinen, damit sie den Schacht auch dann verdeckten, sollte Wind aufkommen.
Dann erhob er sich und eilte an den Rand, von wo aus er die Männer aus dem Dorf sehen konnte, die weiter unten auf sein Zeichen wartete. Er erhob sich und winkte so lange bis sich die ersten in Bewegung setzten und er sicher sein konnte, dass er von ihnen gesehen wurde. Dann beeilte er sich nach unten zu Kassander zu klettern. Die Männer aus dem Dorf kamen zeitgleich mit ihm am Eingang der Höhle an. Sie stellten sich mit ihren gezückten Waffen links und rechts davon auf und warteten, während Hephaestion zu Kassander kroch.

«Du bist wieder gekommen», murmelte Kassander. Sein Gesicht war nun auch von der Sonne verbrannt, weil er nicht die Kraft und vielleicht auch nicht den Willen besessen hatte sich in den Schatten zu bewegen.
«Natürlich», sagte Hephaestion und nahm das Messer, das er für Kassander hier gelassen hatte aus seinen verkrümmten Fingern, um ihn von den Fesseln zu befreien. «Komm», sagte er und wollte ihn an der Schulter packen, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Doch Kassander zuckte mit einem schmerzerfüllten Stöhnen zurück.
«Ausgekugelt», murmelte er nur und hangelte sich mit dem noch einigermaßen gesunden Arm an einem Felsen nach oben. Keuchend lehnte er sich dagegen, als die ersten Kronos-Anbeter hustend und fluchend aus der Höhle stürzten. Rauchschwaden bahnten sich nun auch ihren Weg durch den Eingang, es war fast unmöglich in das ohnehin dunkle Innere der Höhle zu schauen, aber das war nun auch nicht mehr nötig, denn die Anbeter des verdammten Gottes strömten nach Luft schnappend nach draußen direkt in die Arme der Männer aus dem Dorf, deren Kinder sie entführt, gefoltert und getötet hatten. Von Wut und Hass gepackt stürzten sie sich auf die Anbeter.
Die Schreie der sterbenden Männer gelten über das Tal, doch weder Hephaestion noch Kassander hatten es in sich mit ihnen Mitleid zu empfinden, als sie förmlich in Stücke gerissen wurden.
Die beiden jungen Männer entfernten sich langsam von der Höhle, Kassander stützte sein gesamtes Gewicht auf Hephaestion ab, während sie sich auf den schmalen Pfad und weg von der Höhle bewegten.


Ein letztes Mal noch musste Kassander mit äußersten Schmerzen kämpfen, als ihm Gennadios unter den geschulten Augen seiner Frau die Schulter wieder einrenkte, danach fiel er Hypnos sei Dank in Ohnmacht.
Hephaestion wachte in dieser Nacht neben dem Mann, für den er noch vor wenigen Tagen nur so etwas wie Verachtung übrig gehabt hatte, doch die Angst, die er um sein Wohlergehen und sein Leben ausgestanden hatte, ließ nun kein Platz mehr für Verachtung. Da war Mitgefühl und Achtung vor ihm. Er würde an Kassanders Seite bleiben, so lange es nötig war.

Er hatte noch am Abend, als die Trauerfeier für die getöteten Jungen begonnen hatten, darum gebeten, dass ein Bote nach Pella geschickt wurde. Er wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war bis jemand aus dem Palast zu ihnen kommen würde. Aber sie hatten mindestens drei, vielleicht auch vier Tage Zeit, in denen Kassander wieder etwas zu Kräften kommen konnte.
Hephaestion ahnte bereits, das es dem stolzen Kassander zuwider wäre in einem solchen Zustand von den anderen aus ihrer Einheit, wie Kleitos stets zu sagen pflegte, gesehen zu werden, denn ihm würde es nicht anders ergehen.
An der Wand von Gennadios Hütte angelehnt, direkt neben Kassander, fiel Hephaestion irgendwann in einen unruhigen Schlaf, von dem er irgendwann geweckt wurde, als Kassander sich am Morgen stöhnend rührte.
«Wir müssen einen Boten nach Pella schicken», sagte er ohne Umschweife. Hephaestion reichte ihm einen Becher mit Wasser.
«Das hab ich schon getan.»
«Kannst du mir nicht etwas Stärkeres zu trinken besorgen? Wenn eine Zeit für Wein angebrochen ist, dann ja wohl jetzt», erwiderte Kassander.
«Du kannst Wein trinken, sobald du stehen kannst ohne vor Schmerz aufzustöhnen», erwiderte Hephaestion.
Als sie Kassander am Abend entkleidet hatten, hatte er die Wunden und das Blut an seinem zerschundenen Körper gesehen. Wunden und Blut, das darauf hindeutete, das er durch mehr als einfach nur ein paar Tritte und Feuer gefoltert worden war. Er suchte Kassanders Blick, doch er schaute lediglich stur an ihm vorbei. «Ich hasse dich und deine Abneigung gegen Wein», sagte dieser schließlich.
«Ich weiß. Damit muss ich wohl leben», erwiderte Hephaestion leichthin.
«Du wirst niemandem sagen, was mit mir geschehen ist.»
«Wenn du es nicht willst, werde ich das nicht tun», sagte Hephaestion. «Aber wenn die Männer aus Pella kommen, müssen sie nur einen Blick auf dich werfen, um zu wissen, dass du ziemlich durch die Mangel gedreht worden bist.»
«Und es wäre mir lieber, wenn sie denken, dass es nur das war, was geschehen ist.»
«In Ordnung.» Hephaestion versuchte das aufkommende Mitleid in ihm zu ersticken, denn er wusste, dass es Kassander nur wütend machen würde.
«Sie sollen mich so nicht sehen. Niemand soll mich so sehen.»
«In Ordnung», wiederholte Hephaestion wieder und erhob sich. «Hier sind ein paar Trauben, etwas Käse… Aigle ist Heilerin und hat gesagt, dass du nur Leichtes essen sollst.»
«Verdammte Heiler», brummte Kassander, nahm aber das dargereichte Essen, um es sich lust- und appetitlos in den Mund zu schieben. Für einen Moment herrschte Schweigen zwischen ihnen. Schweigen, das mit einem Kassander an der Seite, selbst, wenn er noch so schwer verletzt war, nicht lange andauerte. «Du hast mich gerettet», sagte er leise. «Du hast mich wirklich gerettet.»
«Natürlich habe ich das. Und du hättest das gleiche für mich getan. Du hast es getan, als du mich in der Nacht des Überfalls in dieses Gebüsch geworfen hast. Warum haben sie nicht nach mir gesucht? Warum haben sie mich nicht mitgenommen?»
«Hättest du diese Erfahrung denn gerne mit mir geteilt?», fragte Kassander mit einem etwas schiefen und fehl am Platz wirkenden Grinsen.
«Natürlich nicht. Ein Blick auf deinen bedauernswerten Zustand genügt mir, um mir zu zeigen, dass ich besser dran bin, mit meiner leichten Gehirnerschütterung», sagte Hephaestion und verdrehte die Augen.
«Sie haben den hübscheren von uns mitgenommen. Ist doch ganz klar», sagte Kassander und lachte, als er Hephaestions empörten Blick sah. Kassander war immer noch Kassander und das war gut zu sehen, auch wenn er Hephaestion in diesem Moment schon wieder etwas auf die Nerven ging.

Drei Tage verbrachten sie gemeinsam in der Hütte. Wenn Kassander wach war, erzählte Hephaestion ihm Geschichten aus der Ilias, um ihn von seinen eigenen Gedanken und Erinnerungen abzulenken. Der Plan schien aufzugehen, denn Kassander gähnte stets und fiel wieder in den heilenden Schlaf, sobald Hephaestion anfing zu sprechen. Dass Kassanders Abneigung gegenüber alter Geschichten einmal so nützlich sein würde, hätte Hephaestion niemals für möglich gehalten.
Am dritten Tag wurden sie aufgeschreckt als Aigle in den für sie abgetrennten Teil der Hütte trat. «Ein Reiter nährt sich. Dunkles Haar, groß gewachsen und schwer bewaffnet.»
«Kleitos», entfuhr es den beiden jungen Männern gleichzeitig. Aigle zuckte mit den Schultern, um zu zeigen, dass sie keine Ahnung hatte, um wen es sich handelte, aber es konnte nur Kleitos sein. Aigle wandte sich wieder ab, um sich vor der Hütte um ihre Heilkräuter zu kümmern.
«Er soll mich so nicht sehen. Ich bin ungewaschen und sehe bestimmt so erbärmlich aus wie ich mich fühle» sagte Kassander.
«Ich werde dafür sorgen, dass er dich nicht so zu Gesicht bekommt», erwiderte Hephaestion und erhob sich, um vor der Hütte auf die Ankunft ihres Ausbilders zu warten.
Kleitos ritt im Galopp auf seinem Pferd auf die Hütte zu und sprang ab, bevor das Tier ganz zum Stehen gekommen war.
«Wo ist er? Wie geht es ihm?», fragte er ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten.
«Er ist in der Hütte», erwiderte Hephaestion.
«Ich möchte zu ihm.»
«Nein.»
«Nein?» Kleitos schaute Hephaestion mit hoch gezogenen Augenbrauen an. «Versagt mir gerade einer meiner Schützlinge den Zutritt zu einem meiner anderen Schützlinge?»
«Ja», erwiderte Hephaestion in einem betont ruhigen Tonfall, auch wenn alles in seinem Inneren sich dagegen sträubte einem Wunsch, der im Grunde genommen als Befehl angesehen werden konnte, von Kleitos nicht nachzukommen. Aber Kassander hatte gesagt, dass er in seinem Zustand nicht unter Kleitos Augen treten wollte und Hephaestion respektierte diesen Wunsch nicht nur. Er konnte ihn auch verstehen.
Kleitos dunkle Augen musterten Hephaestion scharf, doch als dieser nach einiger Zeit immer noch nicht zur Seite ging, um Kleitos in die Hütte zu lassen, nickte Kleitos zu Hephaestions großer Überraschung.
«Gut, aber ich bleibe hier. Ohne euch kehre ich nicht nach Pella zurück», sagte er und wandte sich ab, um sich kurzerhand in den Schatten einer Mauer zu setzen.
Hephaestion blinzelte, er hatte nicht damit gerechnet, dass es so einfach sein würde und fragte sich unwillkürlich wie viel der Bote Kleitos berichtet hatte, doch dann wandte er sich ab und ging zu Aigle, um sie nach einer Waschschüssel zu fragen. Noch übte sich Kleitos in Geduld, doch er war nicht gerade dafür bekannt dies besonders gut zu können und deswegen blieb ihnen nicht viel Zeit.
Mit der Waschschüssel in der Hand kehrte er in die Hütte zurück. Kassander hatte sich erhoben und lief ihm entgegen. «Jetzt dürfte ich übrigens wieder Wein trinken. Du hast es versprochen», sagte er mit dem für ihn so typischen Grinsen.
«Du bist ein Idiot. Komm, ich helfe dir dich zu waschen», sagte Hephaestion und stellte die Schüssel auf einem Holzschemel ab, um Kassander zu helfen sich von dem Chiton zu befreien. Es war mehr als offensichtlich, dass es Kassander nicht leicht fiel seine Hilfe anzunehmen und die Tatsache, dass er es dennoch tat, war ein Zeichen dafür wie schlecht es ihm immer noch gehen musste.
Hephaestion wandte den Blick ab, als er auf Kassanders nackten Körper fiel. Dort wo seine Rippen empor traten, war die Haut mit einer bunten Musterung aus langsam sich gelb verfärbenden Hämatomen zu sehen. Die von der Sonne verbrannte Haut in seinem Gesicht begann sich zu schälen und die Würgemale an seinem Hals waren zwar nur noch mit viel Fantasie zu erkennen, aber sie waren eben noch da.
Die durch offensichtlich brennende Stöcke verursachten Wunden an seinem Unterbauch und Oberarmen waren von Aigle und auch Hephaestion immer wieder mit einer heilenden Salbe eingeschmiert worden, stachen aber immer noch wütend auf der Haut hervor. Sein rechter Arm befand sich in einer Schlinge, damit seine Schulter besser heilen konnte und trotz der vielen Stunden Schlaf in den letzten Tagen, befanden sich dicke Ringe unter Kassanders sonst so hell und spöttisch leuchtenden Augen. Kassander war in diesem Moment nur noch ein Schatten seines alten Ichs und es würde wohl noch eine Zeit dauern bis er wieder ganz zu sich finden würde.
«Du wirktest so erleichtert, als wir Pella hinter uns gelassen haben», sagte Hephaestion leise, als er dann doch nach einem Lappen griff, um Kassanders Rücken vorsichtig zu säubern. «Bist du nicht gerne in Pella?»
«Ich liebe es in Pella. Aber ich hasse manchmal die Erwartungen, die dort in mich gesteckt werden und die Tatsache, dass ich nun verletzt und zerschunden dorthin zurückkehre wird allen und meinem Vater voran zeigen, dass ich die Erwartungen nicht erfüllen kann», sagte Kassander dumpf. Die Tatsache, dass er ehrlich antwortete, sprach Bände über seinen derzeitigen Zustand.
«Du hast mich gerettet. Du hast die Gefahr alleine auf dich genommen, um mich zu retten und das werde ich allen erzählen. Niemand wird es wagen sich über dich lustig zu machen und wenn sie es doch tun, dann bekommen sie es mit mir zu tun», sagte Hephaestion und in dem Moment, in dem er die Worte aussprach, wusste er, dass sie der Wahrheit entsprachen.
Kassander lachte dumpf. «Kehre ich etwa mit einem Freund nach Pella zurück, obwohl ich Pella mit einem eingebildeten Athener verlassen habe?»
«Gut möglich. Aber sprich nur weiter so, dann werde ich mir das noch einmal überlegen», erwiderte Hephaestion, konnte sich dabei aber ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
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