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Schlaf Kindchen, schlaf

von Deidara-
GeschichteMystery, Übernatürlich / P16 / Gen
03.05.2021
13.05.2021
6
3.844
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04.05.2021 980
 
Sie schrie, wandte sich und zitterte stark.

Wie von Sinnen rief sie immer wieder, er würde sie umbringen, ihr das Leben nehmen und ihre Seele verschlingen.

Die Mutter war machtlos, wusste sich keinen Rat und hatte keine Ahnung, was ihrem Kind fehlte.

Es fieberte stark, hatte enorm an Gewicht verloren und redete immer wieder wirre Worte.

Verängstige, unterstrichen von einem Zittern und weit aufgerissenen Augen, die sich immer wieder nach der Mutter umsahen.

"Er bringt mich um! Er saugt mir das Leben aus!"

"Sei still, Kind. Du weißt nicht, was du redest." Streng sah die Mutter das blonde Mädchen an welches kaum älter als acht Jahre war. "Ich hol den Doktor, er wird schon wissen, was zu tun ist."

"Er wird mich töten, Mutter." Verzweifelt rief sie die Worte, doch ihre Mutter hatte bereits das Zimmer und Haus verlassen, eilte durch die engen Gassen der Kleinstadt und achtete nicht auf das Getuschel der Leute.

"Seht, ihre ist die Nächste, die er sich holen wird. Er wird sie sich alle holen, wenn wir nicht bald etwas tun."

"Und wer trägt Schuld daran?"

Die Stimmen wurden lauter, die Diskussion hitziger.

"Es ist der Teufel und seine Brut. Er weckt die Toten auf, er verdirbt unsere Kinder und unsere Ernten."

"Nein, nein, es sind die Hexen."

"Weder Hexe noch Teufel sind es gewesen. Es ist der Nachzehrer, er holt sich die Kinder."

Entsetzt trat die kleine Ansammlung an Menschen auseinander und blickte in das faltige Antlitz eines alten Mannes, der stark vom Leben gezeichnet war. "Ihr seid Narren. Allesamt. Verurteilt einen Unschuldigen zum Tode und klagt darüber."

"Er hat sein Weib umgebracht. Er ist ein Mörder", schrie einer der Männer, worauf zwei weitere brüllten, er hätte es verdient und wiederum ein anderer merkte an, dass es viel zu milde gewesen sei, ihn nur zu hängen.

Der Alte lachte. "Sein Weibsbild soll er getötet haben? Wer sagt das? Habt ihr das Geständnis nicht unter einer peinlichen Befragung aus ihm herausgepresst?"

Die Rede war von Folter. Jeder wusste das und jeder wusste ganz genau, dass man unter dieser alles gestehen würde, nur damit es ein schnelles Ende fand.


Nur traute sich keiner das zu sagen, da sie Angst hatten, der Teufel persönlich würde sie holen.


"Euer Schweigen ist der Tod all euer Kinder. Ihr seid die Schuldigen, die ihr so dringlichst sucht."

Stille.

Keiner sagte mehr ein Wort.

Betroffenheit mischte sich mit Angst und die Angst mischte sich mit Unsicherheit und Wut.

Die Einwohner der kleinen Stadt dachten nach und waren sich einig den Nachzehrer unschädlich zu machen.

"Denken Sie, dass nachdem wir ihn endgültig in die Hölle schicken, wieder Ruhe einkehrt?"

"Bei den richtigen Maßnahmen wird er sein Grab nicht mehr verlassen können. Sie sollten sich jedoch beeilen", erklärte der alte Mann wissend. "Hat er erst sein Leichentuch verschlungen, steigt er empor und sucht euch allesamt heim. Dann nimmt er grausame Rache und wird einen nach dem anderen vernichten."

Erneut begannen die Leuten zu reden. Keiner von ihnen wusste, was zu tun war, wie man dem Nachzehrer den Gar ausmachte.

Einige hatten nie von ihm gehört, andere wiederum nur aus Erzählungen aus der benachbarten Stadt. Man war sich erneut unsicher.

"Wie, wie können wir ihn davon abhalten, sein Grab zu verlassen?" Eine besorgte Mutter trat hervor, kaum älter als zwanzig Jahre. "Bitte sagen Sie es uns. Wir haben Kinder, wir haben Familie und Freunde."

Ihr Blick war flehend, ihre Sorge und Angst waren der blonden Frau deutlich anzusehen, brannten sich in seiner Netzhaut fest und stimmten den Alten um. Die Unwissenheit der Leute war echt, sie hatten nicht die leiseste Ahnung, womit sie es zu tun hatten. "Kommen Sie heute Abend wieder genau an diesen Platz, bringen sie Schaufeln mit, Steine und wenn möglich, ein festes Seil."

"Warum gehen wir nicht gleich und machen ihn unschädlich? Warum warten?", mischte sich ein Bursche von nicht mal achtzehn Jahren ein. "Ja, genau, warum nicht jetzt?", fragte ein weiterer Mann.

"Wie sieht das aus, wenn eine Gruppe an Menschen ein Grab aushebt und eine Leiche freilegt? Denken Sie, dass es eine gute Idee ist, das am Tage zu tun? Bedenken Sie, der Friedhof wird besucht." Der Alte schüttelte den Kopf, erkannte jedoch, dass nachgedacht und schließlich doch einstimmig die Nacht für das Unterfangen vorgezogen wurde.



⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜



Es war kurz vor Mitternacht, als sich die Bewohner der Stadt mit Schaufeln, Steinen und einer Axt auf die dunklen Friedhof einfanden und im schwachen Licht einer Laterne nach dem Grab des vermeintlichen Nachzehrers suchten.

Irgendwo am Rand hatte man ihn verscharrt und lieblos in einem weißen Laken in eine Erdgrube geworfen.

Beinahe so, als wollte man ihn loswerden und vergessen, dass er ein Opfer der Folter war und nicht der Mörder seiner Frau, wie viele angenommen hatten. Erneut ließen sie ihm nach Auffinden keine Ruhe, gruben seinen Leichnam aus, zerrten an ihm und missachteten die Totenruhe.

Keinen Respekt, als man ihm mit bloßer Gewalt einen Stein in den Mund presste, Arme und Beine abtrennte, wahllos den Kopf abschlug und verkehrt herum zwischen seine Beine legte, damit er die Orientierung verlor und sich weiter nach unten grub.

Erst dann verscharrten sie ihn erneut, vergruben den Geschändeten und waren sich sicher, er würde nie wieder aus dem Grabe zurückkehren und Schaden anrichten.

Nicht wissend, dass das kleine Mädchen genau zwei Stunden später dahinraffte, Maßnahmen alle getroffen waren und doch wurde ihr Körper ausgezehrt, das Leben ausgesaugt.

Kein Nachzehrer.

Kein Untertoter, der sich nachts aus dem Grab erhob.

Es war die heimtückische Tuberkulose, auch die weiße Pest oder Schwindsucht genannt.

Sie hatte ihr und vielen anderen Kindern das Leben gekostet und Jahre lang den Mythos des Nachzehrers aufrechterhalten.
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