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Tears of a Firefly

von Borin
KurzgeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
02.05.2021
02.05.2021
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Tears of a Firefly


Tell me, father,
which to ask forgiveness for:
what I am, or what I am not?

Tell me, mother,
which should I regret:
what I became, or what I didn’t?


Es hieß im Angesicht der Gefahr zeigen wir unser wahres selbst. Ich fühlte mich jedoch nicht anders. Nun, vielleicht einmal davon abgesehen, dass meine Beine ein wenig schwach wurden, als ich an den Rand des Abgrunds trat und sich bei einem Blick hinunter mein Magen flau zusammenzog. Natürlich hatte ich Angst. Wer hätte das nicht? Es war tief und schrecklich finster. Also schloss ich meine Augen und holte tief Luft. Dann machte ich einen entschlossenen Schritt nach vorn und fiel in die Tiefe.

Ich lebte ein Märchenleben. Meine Brüder und ich wuchsen als Waisenkinder auf. Drei Jahre lang krochen wir hilflos über die Wurzeln einer großen, alten Trauerweide. Wir waren verloren, wir hatten Hunger und wir waren hässlich. Aber heute Nacht würden wir unserer Bestimmung erfüllen und aus den hässlichen Entlein würden Schwäne werden. Der Moment auf den ich mein ganzes Leben lang gewartet hatte, er war gekommen. Zum ersten Mal in unserem Leben würden wir fliegen und im Dunkel der Dämmerung einer lauwarmen Sommernacht leuchten.

Mein Name war Stella, ich war ein Glühwürmchen.

Der Gegenwind zerrte an meinen Beinchen, während ich fiel. Ließ sie unkontrolliert flattern. Meine Fühler wurden unsanft nach hinten geweht und für einen Moment ergriff mich das Gefühl von Hilflosigkeit. Zu fallen bedeutete dem Bedürfnis nach Kontrolle komplett zu entsagen, sich nicht von der Angst beim Aufschlag auf den Erdboden zu zerschellen übermannen zu lassen. Es bedeutete die eigene Situation zu akzeptieren.

Dann öffnete ich die Augen und mit ihnen spannten sich auch meine Flügel auf. Filigran und hauchdünn wie sie waren, hatte ich stets daran gezweifelt, ob sie die nötige Kraft hatten mich zu tragen. Sie taten es. Der plötzliche Luftwiderstand bremste meinen Fall und ließ mich im ersten Moment unkoordiniert zur Seite schwanken. Mit etwas mehr Körperspannung bekam ich es schnell unter Kontrolle, als mir mit einem Schlag bewusstwurde, dass ich tatsächlich flog. Ich flog! Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich fühlte mich leicht. Ich fühlte mich frei. Ich fühlte mich als könne ich Bäume ausreißen.

»Ich hab’s geschaaafft!«, rief ich überglücklich und stieg, mich wie eine Ballerina in einer Pirouette drehend, nach oben auf.

Nach und nach fassten nun auch meine Brüder den Mut von dem maroden, umgestürzten Baumstamm zu springen und tauchten überall im Halbdunkel um mich herumschwebend auf.

»Habe ich nicht gesagt, das ist ein Kinderspiel?«, neckte ich lachend die beiden Steves, die mir am nächsten flogen. Etwa ein Drittel meiner 63 Brüder hieß Steve. Da wir ohne Eltern aufgewachsen waren, hatten wir uns unsere Namen selbst ausgesucht und Originalität war offenbar nichts, was sich in unserer Familie besonders ausgeprägt vererbt hatte. So hatte einer vom anderen abgeguckt und wir alle lebten mit den Konsequenzen. Ein wenig verrückt, ich weiß. Aber hatte nicht jede Familie so ihre Eigenheiten?

»Woher wusstest du, dass du nicht einfach wie ein Stein auf dem Boden aufschlägst?«, fragte Steve und spielte damit auf die Tatsache an, dass ich die einzige gewesen war, die sich freiwillig gemeldet hatte als erste zu springen.

Ich schmunzelte und nahm die Pose eines stolzen Kriegers ein. »Na, wir sind doch Glühwürmchen, oder nicht?«

Die anderen nickten zustimmend. Manchmal frage ich mich wirklich wie wir alle die letzten drei Jahre als Larven überlebt hatten, wenn die meisten von ihnen doch so wenig an ihre eigenen Fähigkeiten glaubten. Vielleicht hatte der schlimme Verlust, als ein Teil des Geleges unserer Eltern durch eine hungrige Amsel ausgelöscht worden war und mich zum einzigen, verbliebenen Weibchen unter uns Geschwistern gemacht hatte, dafür gesorgt, dass kaum einer meiner Brüder an so etwas wie eine Bestimmung glaubte.

»Hört ihr? Die Frösche singen wieder. Lasst uns tanzen!«, rief jemand aus dem Dunkel über uns und nur Augenblicke später war die Party bereits in vollem Gange. Die ersten grünlich schimmernden Lichter tauchten in der Dunkelheit auf, wie ein Sternschnuppenschwarm, der sich mitten im tiefen Wald verirrt hatte. Lucio war der erste, der herausfand wie man seine Leuchtkörper in einem wilden Rhythmus flackern lassen konnte, und schon bald der Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit.  

»Hey! Ich fliege hier!«, beschwerte ich mich lautstark, als mich jemand jäh aus dem Gleichgewicht brachte.

»‘Tschuldigung«, murmelte ein übermütig abtanzender Steve, der beinahe in der Luft mit mir zusammengestoßen wäre. »Hatte dich nicht gesehen.«

»Mich nicht gesehen? Dann schau halt besser hin!«

»Stella, hier bist du«, sprach mich ein anderer Steve von der Seite an. »Ich brauche deinen Rat als Weibchen. Was hältst du hiervon? Beeindruckt das die Mädels oder doch lieber sowas?« Er führte verschiedene Morsecodes vor, aber ich konnte beim besten Willen weder Taktgefühl noch einen einprägsamen Rhythmus darin erkennen.

»Versuch mal das hier«, schlug ich vor, doch Steve sah mich nur mit ungeduldiger Miene an.

»Was denn?«, hakte er schließlich nach.  

»Na, sowas.«

»Ich sehe nichts, Stella.«

»Was-?« Steves Blick folgend sah ich an mir herunter und stellte fest, dass von meinem Körper keinerlei Licht ausging. Der grünliche Schein, der die Umgebung um mich herum in den letzten Minuten hell erleuchtet hatte, ging von einem meiner Brüder aus, dessen Leuchtkörper besonders kräftig waren. Das konnte nicht sein. Mit aller Konzentration, die ich aufbringen konnte, versuchte ich meinen Torso zum Leuchten zu bringen, doch was ich auch versuchte, nichts passierte.

»Ich kann es nicht«, wurde ich mir mit schrecklicher Gewissheit bewusst. Ich konnte nicht leuchten. Und was der schönste Moment meines Lebens hätte werden sollen, verwandelte sich in einen Albtraum, den ich nie für möglich gehalten hatte. Vom Schock gelähmt, wurden meine Flügel schwach. Ich taumelte in die Tiefe. Ins Dunkel. Zu Boden. Dort blieb ich liegen. Schaute sehnsüchtig hinauf, wo die Vielzahl grünlicher Lichter tanzten.

Wie konnte ich ein Glühwürmchen sein, wenn ich nicht leuchten konnte? Das sagte doch schon der Name Glüh-Würmchen. Aber, wenn ich kein Glühwürmchen war, wer war ich?

Wer war ich?

Von einem Moment auf den anderen war der Grundpfeiler meiner Identität weggebrochen und mit ihm all mein Selbstbewusstsein, mein Stolz, mein Zugehörigkeitsgefühl. Was blieb war ein Scherbenhaufen meines Selbst. Mein ganzes Leben lang hatte ich diese Vorstellung davon gehabt, wie ich war. Wer ist war. Und nun musste ich eingestehen, dass ich meinen eigenen Erwartungen nicht gerecht wurde. Dass ich mich in mir selbst getäuscht und mich belogen hatte.

Ich rollte mich auf der kühlen Erde zusammen wie eine Larve.

Fühlte die Leere in mir.

Die Angst.

Verlassenheit.  

Mein Name war Stella, ich war nichts als ein Schatten in der Dunkelheit.

Über mir sah ich Steve umherschwirren. Er suchte nach mir. Doch von mir war nichts mehr übrig, was gefunden werden wollte, und so zog ich die Beinchen fester um meinen Körper und verhielt mich ganz still. Irgendwann entfernte er sich immer mehr, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte.

Der Boden vibrierte. Zuerst leicht, dann immer stärker. Ich hörte, wie etwas Großes sich durch den Wald bewegte. Äste zur Seite bog, Blätter unter seinen Füßen zertrat. Sofort registrierte ich die Anzeichen von Gefahr, doch ein Blick hinauf verriet, dass das Lichterfest gerade seinen Höhepunkt in einem Leuchtwettbewerb fand und niemand die herannahende Bedrohung bemerkte.

»Vorsicht«, rief ich kraftlos, noch immer zusammengerollt. Niemand hörte mich und das Versagen meiner eigenen Stimme ließ die Entschlossenheit etwas ausrichten zu können augenblicklich schwinden. Was sollte ich schon tun? Stattdessen sah ich hilflos dabei zu, wie ein riesiges Netz durch die Dunkelheit sauste und eine Handvoll der grünlichen Lichter einfing. Wilde Panik brach aus, doch es war zu spät, denn als meine Brüder tiefer in den Wald flüchteten, kam von dort ein zweiter Kescher auf sie zu. In ihrer Hysterie leuchteten viele von ihnen unkontrolliert noch heller auf, statt ihre Lichter zu löschen und die Dunkelheit zu ihren Gunsten zu nutzen.

Nach und nach verschwand auch das letzte Licht aus dem Wald. Sie alle wurden von den Menschen in ein Behältnis gesperrt und schließlich davongetragen. Ich sah dabei zu, war wie gelähmt, nutzlos. Dann war ich allein. Selbst die Frösche hatten aufgehört zu singen und eine drückende Stille legte sich über den Wald. Die Menschen waren fort und mit ihnen meine Familie.

Eine ganze Weile lag ich einfach da. Hilflos. Verzweifelt. Allein.

Die Stille fraß sich in mein kleines Herz und obwohl die grünlichen Lichter nur für einige Minuten dem Wald diese fast magische Stimmung verliehen hatten, wirkte die Lichtung nun furchtbar finster und verlassen. Plötzlich sah ich etwas zwischen den Baumkronen blinken. Hoffnungsvoll, dass einige meiner Brüder entkommen waren, flog ich vom Boden auf und begann zu rufen. Keine Reaktion. Ich rief lauter. Keiner antwortete, kein Licht bewegte sich. Schließlich wurde mir klar, dass ich bloß den silbernen Schein der Sterne gesehen hatte. Die Enttäuschung legte sich schwer auf meine Flügel und ich ließ mich auf dem umgestürzten Baumstamm nieder, von dem wir alle vor einer gefühlten Ewigkeit den Sprung des Glaubens vollführt hatten. Von dem wunderbaren Gefühl des Fliegens und dem Stolz, den ich dabei verspürt hatte, war nichts mehr geblieben und rückblickend betrachtet kam mir diese Emotion hohl und unangebracht vor. Geradezu unwirklich. Wie hatte ich bloß so von mir denken können? Es war lächerlich.

Mit einem wehklagenden Seufzen sah ich erneut hinauf zum Sternenhimmel, der nun, da sich die dünnen Schleierwolken langsam verzogen, heller und heller zu strahlen begann. Dabei beobachtete ich, wie einer der Sterne plötzlich vom Himmel fiel und verglühte. Kurz darauf folgten weitere Sternschnuppen seinem Beispiel, sodass sich schon bald ein ganzer Schwarm über das Himmelszelt zog. Ein Schwarm. Mein Magen krampfte sich bei diesem Gedanken zusammen. Keiner dieser Sterne würde je wieder leuchten.

Die Leere in mir füllte sich mehr und mehr mit Zorn und ich fasste einen Entschluss: Meine gefangenen Brüder würde nicht dasselbe Schicksal erleiden! Etwas tief in mir zweifelte daran, dass ich überhaupt etwas ausrichten konnte. Ich wusste nur eines, ich durfte Lucio und die Anderen nicht aufgeben. Ich musste etwas tun, denn ich war die Einzige, die noch übrig war. Schwermütig raffte ich mich auf.

Als erstes musste ich herausfinden, was mit ihnen geschehen war und wo man sie hin verschleppt hatte. Trotz der Dunkelheit war es nicht nötig sich besonders gründlich umzuschauen, denn die Fußstapfen der beiden Menschen waren auf dem belaubten Waldboden nicht zu übersehen und so war es nicht schwer für mich ihrer Spur bis zum nahen Waldrand zu folgen. Auch auf der angrenzenden Wiese waren viele Grashalme zertreten. So wie es aussah, waren die Menschen nicht nur in diese Richtung verschwunden, sondern zuvor auch von dort gekommen, sodass sich ein Trampelpfad bis zu ihren Behausungen führte. Mit jedem Zentimeter, den ich mich der Spur folgend weiter von den letzten Bäumen entfernte, fühlte ich mich unwohler. Der Wald war stets mein Zuhause gewesen und hier auf offener Flur, hatte ich das Gefühl mich selbst auf einen Präsentierteller zu begeben. Allein die Sterne, die über mich wachten, wie die Glühwürmchen-Urahnen, die nach ihrem Tod zum Himmel hinaufgestiegen waren, gaben mir die Kraft weiterzugehen.

Anders als einige andere Häuser in der Nähe, war das, vor dem die Fußspuren endeten, völlig unbeleuchtet. Mir war das nur recht, denn die Dunkelheit gab mir wenigstens ein Stückweit das Gefühl von Sicherheit zurück. Nachdem ich mich weiter genähert hatte, entdeckte ich einen großen Durchgang hinein und flog direkt darauf zu. Ein Fehler, wie es sich herausstellte. Denn ich krachte voll Karacho gegen eine unsichtbare Barriere. Zuerst wusste ich gar nicht was mich getroffen hatte und schüttelte mich, um die leichte Benommenheit loszuwerden und es umgehend, diesmal jedoch mit deutlich weniger Schwung, an einer anderen Stelle weiter oben erneut zu versuchen. Das Ergebnis blieb das gleiche. Der Einflug blieb mir auch hier verwehrt. Misstrauisch sah ich genauer hin. Wenn das Mondlicht in einem bestimmten Winkel darauf fiel, konnte ich eine durchsichtige Scheibe erkennen. So ein Mistding! Nach und nach umrundete ich das Haus. Flog von Scheibe zu Scheibe, bis ich schließlich oberhalb eines solchen Glasrahmens einen Spalt fand, durch den ich ins Innere gelangte.

Hier drin waren die Gerüche seltsam und mir größtenteils fremd. Es gab weder Bäume, noch Gras, noch Erde. Stattdessen bedeckte etwas Weiches den Boden und merkwürdige, ebenmäßige Formen und unbekannte Farben füllten den dunklen Raum. Vorsichtig, immer darauf bedacht, dass mich niemand sah, setzte ich meine Erkundung des Hauses fort. Ich betrat einen länglichen Abschnitt, dessen Boden eindeutig aus Holz bestand, welches jedoch jegliche Oberflächencharakteristika verloren hatte und von einer Schicht überzogen war, die sich glatt und falsch anfühlte. Mehr als einmal glitt eines meiner Beinchen darauf aus, was mich dazu veranlasste mich lieber auf meine Flügel zu verlassen und dicht über dem Boden voranzuschweben.

Ich folgte den vielen, kurzen Plattformen von ebenjenem Holz zu einer höheren Ebene des Hauses und plötzlich vernahm ich es: Das gleichmäßige, doch lautstarke Atmen eines Menschen. All meinen Mut musste ich zusammennehmen, um weitervoranzugehen. Je näher ich kam, desto lauter wurde das Geräusch und nachdem ich durch einen Schlitz dicht über dem Boden in den Raum dahinter gelangte, konnte ich ihn sehen. Er rührte sich nicht, atmete im gleichen Takt weiter. Offenbar schlief der Mensch. Trotzdem bewegte ich mich nur von Schatten zu Schatten im Halbdunkel voran, bis ich ganz nahe war. Voll Furcht, aber dennoch unbestreitbar neugierig musterte ich das Monster, das meine Familie entführt hatte.

Dann entdeckte ich über seinem Kopf an der Wand hängend das Abbild eines krakelig dargestellten Waldes. Mitten darin waren helle Lichter zu sehen. Ich frage mich, ob das wohl Glühwürmchen darstellen sollte. Doch statt dem grünlichen Schimmer der Leuchtkörper, waren die zackigen Formen mit einem silber-weißen Licht umgeben, was viel mehr an Sterne erinnerte, die sich in den Wald verirrt hatten. Gleich daneben befand sich ein weiteres Abbild von einem Ziehharmonika-artigen, lichtdurchlässigen Behälter, aus dessen Mitte ebenfalls ein silber-weißes Strahlen hervorging, und an einem Stock von einem Menschen vorangetragen wurde. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.

»Stella, Stella!«, vernahm ich dumpfe Stimmen hinter mir und schreckte regelrecht zusammen. Hastig drehte ich mich um und erblickte vertraute Gestalten. Nur ein paar Meter entfernt waren etwa zwanzig meiner Brüder in einem gläsernen Behälter gefangen. Während ein paar von ihnen mutlos auf dem Grund des Gefäßes hockten, leuchteten andere freudig auf, als sie mich entdeckten.

»Steves! Lucio! Seid ihr okay?«, fragte ich, während ich jeden einzelnen begrüßte indem wir unsere Fühler gegen das kühle Glas pressten. Es musste ein seltsames Bild abgeben, wie all die Glühwürmchen neben- und übereinander an einer Wand des Behältnisses klebten.

»Ich hole euch das raus«, versprach ich und überlegte fieberhaft, wie ich sie befreien konnte. Ich hatte bereits festgestellt, dass ich zu schwach war um ein Loch in die Scheibe zu stechen und nicht einmal zwanzig Glühwürmchen in der Lage waren das Behältnis in irgendeiner Weise zu bewegen. Also musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Der Einzige, der stark genug war, um den Behälter zu öffnen war der Mensch.

Es dauerte einige Minuten, aber schließlich hatte ich einen Plan ausgetüftelt.

Ich sammelte meinen Mut zusammen und flog auf den schlafenden Menschen zu, wurde jedoch im ersten Versuch von seinem Atem zurückgeweht. Doch das hielt mich nicht ab. Ich holte erneut Schwung, änderte meine Flugrichtung, indem ich einen Bogen machte, und landete auf seinem Ohr. Von dort aus krabbelte ich in sein Gesicht, was ihn zu kitzeln schien, denn er schüttelte sich leicht, drehte sich dann allerdings auf die Seite, wobei ich beinahe abgerutscht und von seinem riesenhaften Körper zerquetscht worden wäre.

Ich nahm mir einen Moment um mich wieder zu sammeln.

In einem neuen Versuch schwebte ich dicht über seiner Haut, kitzelte seine Wimpern. Es zeigte den gewünschten Erfolg. Nachdem der Mensch müde und unbeholfen nach mir geschlagen hatte, setze er sich auf. Tief und laut dröhnte seine Stimme, als er einen verärgerten Laut von sich gab. Er war also wach. Das war das Zeichen für meine Brüder. So hell sie konnten leuchteten sie abwechselnd auf, sodass sie die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich lenkten. Neugierig geworden stand dieser auf und schlurfte hinüber zu dem gläsernen Behälter. Kurz bevor er ihn erreichte, erstarben all die Lichter und die Glühwürmchen ließen sich zu Boden sinken, wo sie flach liegenblieben. Stutzig geworden hielt der Mensch inne. Er ließ ein riesiges Licht erscheinen und rüttelte an dem Glas, was einige meiner Brüder unsanft nach links und rechts rutschen ließ, dennoch stellten sie sich weiterhin tot. Enttäuscht stellte der Mensch den Behälter zurück und betrachtete ihn für einen Moment. Dann schraubte er ihn auf.

Augenblicklich erwachten alle Glühwürmchen zum Leben und versuchten durch die runde Öffnung an der Oberseite zu entkommen, bevor der Deckel sie erneut einsperren konnte. Mit Schrecken sah ich, dass es nur fünf von ihnen schaffen würden. Ich musste etwas tun. Was konnte ich tun? Was?

Mein Name war Stella, ich war ein Schatten der Dunkelheit. Wie konnte ich das für mich nutzen?

In einer Kurzschlussreaktion flog ich genau in das riesige, gelbe Licht und mein zehnfach vergrößerter Schatten flackerte über die Wände. Der Mensch bekam es mit der Angst zu tun, als ich bedrohlich meine Flügel noch ein Stück weiter ausbreitete und mich so drehte, dass sich mein Schatten genau auf ihn zubewegte. Voller Panik ließ er Behälter und Deckel fallen und rannte davon. Der ohrenbetäubende Laut, den er währenddessen von sich gab, klang nach einem stark verlangsamten und verzerrten „Mami!“. Ein wenig sorgenvoll ließ ich mich zum Boden sinken, doch zum Glück war durch den Aufprall keiner meiner Brüder verletzt worden, auch wenn ein paar von ihnen damit zu kämpfen hatten ihren Gleichgewichtssinn zurückzuerlangen.

Schon bald schwebten wir alle gemeinsam als Schwarm durch den Raum. Als kleiner, unvollständiger Schwarm.

»Du hast uns gerettet, kleine Schwester.«

»Noch nicht ganz«, murmelte ich fokussiert. »Wo sind die anderen? Wo haben sie sie hingebracht?«

»Wir wurden getrennt«, berichtete Steve.

»Aber sie müssen ganz in der Nähe sein«, ergänzte Lucio. »Gemeinsam werden wir sie finden.«

Gesagt, getan. Alle schwärmten aus. Die Behausung der Menschen war riesig und so dauerte es eine Weile bis wir auf den Rest unserer gefangenen Brüder stießen. Sie waren ebenfalls in einen Behälter gesperrt worden, der sich in der Mitte eines der Nachbarräume befand und von einem rotgetigerten Jäger bewacht wurde. Als Lucio versuchte den Gefangenen aus sicherer Entfernung ein Blinkzeichen zu geben, funkelten die Augen mit den Schlitz-Pupillen angriffslustig im Dunkeln und im nächsten Moment schnellte der Jäger mit geschmeidigen Bewegungen heran. Von Panik ergriffen stoben wir alle auseinander. Statt Lucio weiter zu verfolgen geriet der Jäger durch das unkontrollierte Aufleuchten an verschiedenen Orten durcheinander. Offenbar wollte er alle Lichter fangen, verlor jedoch das Interesse, sobald das Leuchten erlosch.

»Benutzt eure Leuchtkörper! Lockt ihn zu den Anderen!«, wies ich meine Brüder an dieses Durcheinander zu unseren Gunsten zu nutzen. »Keine Angst, wenn wir alle zusammenarbeiten, kann uns nichts passieren. Steve, du fängst an.«

Ich hätte mich für diese Aussage ohrfeigen können, denn natürlich entflammten gleich mehrere Lichter in der Dunkelheit.

»Nein, nicht alle auf einmal. Nur der Steve auf den ich zeige«, präzisierte ich meine Aussage. Irgendwann mussten wir für dieses ganze Namenschaos einen besseren Umgang finden, aber dafür war jetzt keine Zeit.

Ein wenig unsicher leuchtete Steve auf und schwebte in einem Zickzackkurs auf den Behälter zu. Sofort heftete sich der Jäger an seine Fersen und kam näher und näher. Als er gefährlich nah war, löschte Steve sein Licht und an einer anderen Stelle ließ der nächste seine Leuchtkörper erglimmen. Der Jäger war so fokussiert auf seine Beute, dass er kaum auf seine Umgebung achtete und diverse Gegenstände umstieß.

»Es funktioniert! Es funktioniert! Ahh, Vorsicht!«, rief ich abwechselnd von Begeisterung und Furcht ergriffen, während ich das Ganze mitfiebernd beobachtete. Dass ich selbst nicht Teil der Leuchtkette sein konnte, ließ mein kleines Herz dennoch nicht weniger schnell schlagen.

Immer wieder wechselte der Lichtschein von einem zum nächsten, bis der Jäger schließlich genau auf den Behälter mit den gefangenen Glühwürmchen zusteuerte. Zu spät erkannte er, dass sich das soeben aufleuchtende Licht hinter einer Glasscheibe befand, und schlidderte mit solchem Schwung gegen den Behälter, dass dieser in einem hohen Bogen davon geschleudert wurde und zu Boden fiel, während der Jäger geschmeidig auf seinen Pfoten landete. Sofort blickte er sich um, doch im Raum blieb es dunkel. Langsam, Zentimeter für Zentimeter krabbelten alle Glühwürmchen im Schutze der Dunkelheit aus dem Behältnis, das durch den Aufschlag seinen Deckel verloren hatte. So sehr der Jäger auch suchte, er konnte keinen von uns entdecken – jeder hatte sich einen Schlitz oder einen Schatten als Deckung gesucht – und verlor glücklicherweise nach einigen Minuten komplett das Interesse.

Nach und nach kamen alle wieder hervor und es gab ein glückliches Wiedersehen. Ich war so froh, dass keinem von ihnen etwas passiert war. Doch obwohl wir endlich alle Gefangenen befreit hatten, waren unsere Familie noch immer nicht vollständig. Offenbar waren zwölf meiner Brüder tatsächlich in die Dunkelheit des Waldes entkommen.

In einer langen Reihe folgten mir meine Brüder dicht an der Wand entlang durch das Haus, in Richtung des Durchgangs, durch den ich hineingelangt war. Als wir dort ankamen, musste ich zu meinem Entsetzen jedoch feststellen, dass er nun geschlossen war und zu allem Überfluss begann der Boden zu vibrieren. Kurz darauf tauchte ein Mensch auf, der noch um einiges größer war, als die beiden Exemplare, die ich im Wald gesehen hatte.

Ich beschloss, dass Angriff die beste Verteidigung war und flog mitten auf das Gesicht des Menschen zu. Vielleicht konnte ich ein Ablenkungsmanöver erzeugen, das es meinen Brüdern ermöglichte in einen der anderen Räume zu fliehen. Zu meiner Überraschung wich der Mensch einige Schritte vor mir zurück. Verwirrte hielt ich in meinem Anflug inne. Sollte mich die Dunkelheit nicht eigentlich unsichtbar machen? Dann bemerkte ich den heller werdenden Lichtschein, der mich umgab und wandte mich um. Nur wenige Zentimeter hinter mir leuchteten all meine Brüder im gleichen Takt auf. Sie alle standen hinter mir. Beschützten mich mit ihrem Licht, so wie ich meine Dunkelheit eingesetzt hatte, um sie zu befreien.

Der riesenhafte Mensch schien wenig begeistert davon zu sein, dass wir uns in seinem Haus aufhielten, denn statt uns erneut zu fangen und einzusperren, öffnete er einen Durchgang nach Draußen und scheuchte uns begleitet von dem ohrenbetäubenden Klang seiner Stimme in diese Richtung. Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal anbieten und verschwanden von diesem Ort des Schreckens.

Nachdem wir die Wiese überquert und die ersten Bäume des Waldrandes hinter uns gebracht hatten, waren wir endlich zurück auf der Lichtung, wo wir hingehörten. Allerdings war keiner von den noch immer verschwundenen Familienmitgliedern zu sehen. Ich hatte gehofft, dass sie hier her zurückgekehrt waren, nachdem die Gefahr durch die Menschen nicht länger bestand. Doch niemand war hier.

»Wo seid ihr?!«, rief ich so laut ich konnte und wollte losfliegen, um auch nach dem Rest meiner Familie zu suchen, doch Steve hielt mich zurück.

»Wir sind Glühwürmchen, oder nicht?«, sagte er und sah mich vielsagend an. »Los, schließen wir uns alle um Stella zusammen und leuchten so hell wie wir können.«

Unverwechselbares, grünliches Licht erhellte die Lichtung, in deren Mitte sich eine schwebende Kugel aus um die Wette leuchtenden Glühwürmchen befand. Schon bald tauchten überall zwischen den Bäumen kleine Lichter auf, die zu meiner Überraschung nicht nur grün, sondern auch gelb, weiß und einige wenige sogar rötlich aufleuchteten.

»Die anderen Familien waren so freundlich uns aufzunehmen, als wir uns verirrt haben«, berichtete einer der ankommenden Steves.

»In meiner Gastfamilie gibt es fast nur weibliche Glühwürmchen«, erzählte ein anderer. »Ich war so frei sie zur Party einzuladen. Ihr habt doch nichts dagegen?«

»Absolut nicht«, murmelte Lucio verlegen.

Alle lachten, aber ich bemerkte sofort, dass viele meiner Brüder den fremden Glühwürmchen verstohlen interessierte Blicke zuwarfen und nur wenig später waren überall auf der Lichtung tanzende Lichter zu sehen, die sich umeinanderdrehten und um die Wette blinkten. Ich selbst schwebte eine ganze Weile lang mitten unter ihnen, bis ich mich auf den tiefhängenden Ast eines Strauches zurückzog und schmunzelnd das Schauspiel beobachtete.

Dann fiel ein Blick auf ein am Boden leuchtendes Licht und von Neugier getrieben flog ich hinunter, um zu sehen, ob vielleicht jemand meine Hilfe brauchte.

»Hey, alles okay mit dir?«, fragte ich das fremde Glühwürmchen, das auf die Spitze eines Grashalms hinaufgeklettert war und mit einem besonders schönen Morsecode aus Licht auf sich aufmerksam machte. »Sind deine Flügel verletzt?«

Mein Gegenüber winkte ab. »So ein Quatsch, ich habe doch gar keine Flügel. In meiner Familie haben nur die Männchen welche.«

»Oh«, murmelte ich betroffen. »Aber, ich dachte -«

»Ich bin ein Glühwürmchen, weißt du, mein Name ist Lux. Und wer bist du?«




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Diese Kurzgeschichte ist Teil des Wettbewerbs "Für andere unsichtbar" von Spinatwacheln.
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