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Team

von Fila
GeschichteAbenteuer, Angst / P16 / Mix
02.05.2021
13.05.2021
3
4.345
5
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5 Reviews
Dieses Kapitel
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04.05.2021 1.669
 
Mauri Abander (D11)

5 Tage vor der Ernte
Die Sonne brannte auf meinen kahlgeschorenen Schädel und ließ meine Haut sich anfühlen als würde sie in Flammen stehen. Stöhnend fuhr ich mit dem Handrücken über meine Stirn an der die Schweißperlen wie in Bächen herunterstürzten und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die andere Seite des Zaunes. Durch den engmaschig geschnürten Stacheldraht konnte ich in den tiefen Wald blicken, der sich nur wenige Meter vor mir erstreckte und trotzdem unerreichbar für mich war. Ich konnte die Kühle, die von den hohen Bäumen mit den dichten Laubkronen ausging, geradezu spüren. Ich steckte mein abgestumpftes Messer in die dafür vorgesehene Halterung an meinem Gürtel und trat zögerlich ein paar Schritte näher an den Zaun. Noch nie hatte ich tiefer in den Wald sehen können als von dem meterhohen Zaun aus, der den ganzen 11.Distrikt eingrenzte. Es entzog sich völlig meiner Vorstellungskraft wie weit der Wald sich noch erstrecken sollte oder was für Tiere einem dort in freier Wildbahn über den Weg laufen konnten. Direkt vor dem Zaun, meine Nasenspitze berührte beinahe den rostigen Draht, verstärkte sich der Geruch von unberührter Natur, doch noch ehe ich das Gefühl voll auskosten konnte, ertönte ein ohrenbetäubender Pfiff und ließ meinen Kopf herumschnellen. Es dauerte nur eine Millisekunde bis ich den Pfiff einem Friedenswächter zuordnen konnte, der auf einem alles überragenden Wachturm Stellung genommen hatte und mich durch das Zielfernrohr seiner Waffe beobachtete. Eine kurze Bewegung mit seiner Hand reichte aus um mir deutlich zu machen, dass ich mich auf der Stelle von dem Zaun zu entfernen hatte. Mit eingezogenem Kopf und in die Luft gestreckten Händen kam ich der unausgesprochenen Forderung nach, konnte aber nicht anders als den Mann dort oben an seinem schattigen Plätzchen still zu verfluchen.
Ich wandte meinen Blick vom Wald ab und hatte nun wieder die riesige Plantage vor Augen, auf der weit verteilt hunderte Arbeiter unter der heißen Mittagssonne schufteten. Ich zog das Messer aus meinem Gürtel, ließ mich auf die Knie fallen und fuhr damit fort die Zuckerrohrhalme knapp über der Erde abzuschneiden, die Blätter zu entfernen und die langen Stangen auf einen großen Karren zu schmeißen. Es war eine abgedroschene Arbeit bei der man mehr Muskelkraft als Gehirn einsetzen musste. Tag für Tag der gleiche Ablauf. Und wenn das Zuckerrohr abgeerntet und neue Setzlinge gepflanzt waren, ging das gleiche Spiel wieder von vorn los. Nur mit Mais. Oder Kartoffeln. Heute war ein besonders heißer Tag und ich vernahm das Schnaufen und Prusten der anderen Arbeiter um mich herum. Am Stand der Sonne konnte ich ablesen, dass wir nun schon viele Stunden ohne etwas zu Essen oder auch nur einen Tropfen Wasser gearbeitet hatten. In regelmäßigen Abständen sah ich kleine Gruppen von Friedenswächtern, die dafür zuständig waren die kollabierten Distriktler vom Feld zu schleifen und dafür auszupeitschen, dass sie der körperlichen Anstrengung nicht standhielten.
Als ich mich erneut vom Boden erhob um einen abgeschnittenen Zuckerrohrhalm auf den Wagen zu legen, wurde auch mir plötzlich schwarz vor Augen und ich tastete hilfesuchend nach etwas an dem ich mich festhalten konnte. Im gleichen Augenblick wurde mir schwindelig und ich merkte, wie ich das Gleichgewicht verlor. Ich wusste nicht mehr ob ich noch stand oder schon lag, als ich zwei kräftige Hände an meinen Armen spürte und sich eine tiefe, flüsternde Stimme an mein Ohr schlich. „Atmen, einfach atmen.“ lautete der Befehl. Ich versuchte die Aufforderung zu befolgen und schon nach wenigen Sekunden merkte ich wie mein Zustand sich besserte. Der Schwindel verschwand und meine Augen begannen langsam das Umfeld wieder wahrzunehmen. In meinem Blickfeld tauchte mein Bruder Laszlo auf, der mich besorgt aus seinen grünen Augen ansah und seinen Griff um meine Arme nochmals verstärkte. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass er in meiner Nähe gearbeitet hatte.
„Alles in Ordnung?“ fragte er, als er sicher war, dass meine Wahrnehmung sich wieder stabilisiert hatte. „Ich denke schon.“ brachte ich mit kratziger Stimme hervor und musste mich sofort räuspern. Laszlo seufzte, ließ mich los und kratze sich nachdenklich am Kopf, welchen er sich ebenfalls vor ein paar Tagen kahlgeschoren hatte. Es war eine wahnwitzige Idee unserer Mutter unsere dichten, schwarzen Haare abzuschneiden, da „die Gesichter dann so toll zur Geltung kommen würden“. Dass wir uns bei der Arbeit auf den Feldern mit nur 3mm Haaren auf dem Kopf nun noch schneller einen Sonnenstich holen würden, hatte keiner von uns in diesem Moment bedacht.
Ein lauter Knall ließ uns zusammenzucken, als ein Geschoss nur wenige Meter von uns entfernt in die trockene Erde prallte und eine riesige Staubwolke aufwühlte die uns zum Husten brachte. „Auseinander! Keine Gespräche während der Arbeit!“ vernahm ich eine dröhnende Stimme die unweigerlich dem Friedenswächter auf dem Wachturm gehören musste. Als sich der Staub gelegt hatte konnte ich sehen, dass er mich schon wieder im Visier hatte während er brüllte: „Du legst es aber heute ganz besonders darauf an dir eine Kugel zu fangen!“ Ich warf einen Blick zu Laszlo der eine beschwichtigende Handbewegung tat und sich mit kurzen Schritten von mir entfernte. „Vielleicht wird es Zeit, dass du deine Halme mal zur Mühle bringst bevor es eskaliert.“ zischte er mir beim Umdrehen noch zu, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmete. Ich beobachtete meinen Bruder, der oft für meinen Zwilling gehalten wurde obwohl uns 4 Jahre Altersunterschied trennten. Die karamellfarbene Haut, die grünen Augen und schwarzen Haare hatten wir beide von unseren Eltern mit auf den Weg bekommen. So sehr wir uns im Aussehen glichen, desto unterschiedlicher waren wir jedoch vom Charakter. Wie oft wünschte ich mir das Selbstbewusstsein und starke Auftreten meines älteren Bruders. Ich schielte noch einmal zu dem Friedenswächter der mich nun gar nicht mehr aus den Augen ließ und beschloss dem Hinweis meines Bruders nachzukommen. Mit letzter Kraft hob ich die Vorderseite des mit Zuckerrohr beladenen Wagens an und zog ihn den schmalen Pfad entlang in Richtung der Zuckerrohrmühlen, wo der Zuckerrohrsaft aus den Fasern der Halme gepresst, erhitzt und später in ganz Panem in Umlauf gebracht werden würde.

„Was ist denn mit dir passiert?“ Elian, ein 14-jähriger Knirps der, warum auch immer, mit der Bedienung der schweren Maschinen hier in der Mühle beauftragt war, blickte mit großen Augen zu mir auf. Über das stumpfe Metall der Presswalze konnte ich verschwommen die Umrisse meines Gesichts wahrnehmen, aber auch ohne den prüfenden Blick konnte ich spüren, wie meine sonst eher dunkle Haut rot glühte. „Was für eine dumme Frage, Elian.“ fuhr ich ihn an. „Was für eine außerordentlich dumme Frage! Ich stand natürlich zu lange im Regen.“ Elian zog die Augenbrauen zusammen. „Aber es regnet doch gar nicht.“ stellte er nach kurzem Überlegen fest. Ich verdrehte die Augen, kam dann jedoch zu dem Entschluss dass ich meinen Frust nicht an dem kleinen, naiven Kerl auslassen konnte. Ich schob ihn kurzerhand beiseite und fing an die Zuckerrohrhalme in die Zerkleinerungsmaschine zu schieben. Elian drückte fleißig die ihm zugeteilten Knöpfe und versuchte ein Gespräch mit mir aufzubauen. Als er bemerkte, dass ich auf seine Fragen nicht antwortete, stieg er ganz einfach auf einen Monolog um. Je länger ich mich in der vergleichsweise kühlen Mühle aufhielt desto besser fühlte ich mich und merkte, wie mein Gesicht nach und nach eine normalere Farbe annahm. Durch die tägliche Arbeit in der prallen Sonne war meine Haut schon einiges gewohnt und konnte sich mit der Zeit immer schneller regenerieren. Die kleinen Fältchen in der Augenregion, die davon kamen, dass ich meine Augen gegen das grelle Sonnenlicht ständig zukneifen musste, würde ich dagegen wohl nicht mehr loswerden. „…Schluck Wasser?“ Elians nervige, hohe Stimme schlich sich wieder an mein Ohr. Das Stichwort „Wasser“ hatte mich hellhörig werden lassen. „Hm?“ machte ich. „Ich habe gefragt ob du was von meinem Wasser haben möchtest. Du kannst bestimmt etwas davon vertragen.“ Elian hielt mir mit unschuldigem Blick seine Bambustrinkflasche vor die Nase und ich musste instinktiv schlucken. „Ehm, danke.“ murmelte ich, nahm die Flasche entgegen und stürzte das Wasser hinunter. Ups, das war nicht nur ein Schluck gewesen. Elian hatte nicht bemerkt, dass ich ihm gerade seinen Wasservorrat weggetrunken hatte, er war gerade damit beschäftigt das zerkleinerte Zuckerrohr in die Walzmaschine zu geben. Mein Blick fiel auf seinen Rucksack, aus dem er eben noch die Wasserflasche hervorgezaubert hatte. Der Reißverschluss war geöffnet und es lugte eine Papiertüte hervor. Ob dort etwas essbares drin war? Ein kurzer Blick auf Elian, der mir immer noch den Rücken zugewandt hatte und schon hatte ich mir flink die Tüte geschnappt. Ich wusste, dass Elian aus einer eher wohlhabenderen Familie aus Distrikt 11 stammte, weswegen es mich nicht überraschte, dass die Tüte tatsächlich prall mit Broten gefüllt war. Ich drehte mich auf dem Absatz um und verließ ohne ein weiteres Wort die Mühle. „Tschüss, Mauri!“ hörte ich den kleinen Jungen noch hinter mir, doch da war die Tür schon ins Schloss gefallen. Er hatte nicht gemerkt, dass ich auch noch seinen Proviant an mich genommen hatte. Draußen empfing mich eine mächtige Hitzewelle, die mir aber durch meine kleine, unverhoffte Stärkung, nichts weiter ausmachte. Aus der Papiertüte zog ich ein Butterbrot heraus bei dem die Rinde abgeschnitten war. Wie süß. Herzhaft biss ich hinein und schlang es in 4 großen Bissen hinunter. Die immer noch reichlich gefüllte Tüte verstaute ich in meinen weiten Hosentaschen, hob die Zugstäbe meines Wagens an und machte mich frisch erholt auf den Rückweg zur Plantage.

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Hallo ihr Lieben,
da ist schon das erste Kapitel der MMFF. Da die ersten Steckbriefe sehr flott bei mir im Postfach gelandet sind, habe ich meinen freien Tag heute genutzt und einfach mal drauf los geschrieben.
Vielen Dank @Lealize für den tollen ersten Tribut. Ich hoffe, ich konnte einen ersten kurzen Einblick auf ihn, sein Leben und seine Persönlichkeit geben :)
Ich habe mich dazu entschlossen nicht alle Tributvorstellungen im Stil der Ernte zu halten. Ich finde, so bekommt man einen besseren Einblick in den Charakter.
Wann das nächste Kapitel kommt weiß ich noch nicht - je nachdem wie viel Zeit und Muße ich dafür habe. Ich habe aber schon viele Ideen die in meinem Kopf umherflattern und freue mich darauf weiterzuschreiben!
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