Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Galerie der gebrochenen Gestalten

von Merlesini
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Mystery / P16 / Gen
Alastor Angel Dust Charlie Magne Vaggie
01.05.2021
16.10.2021
8
12.814
3
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
12.05.2021 3.797
 
Es vergingen einige Tage. Im Erdgeschoss hatte ich ein Zimmer bezogen. Charlie hatte mir das direkt neben Angel Dust gegeben. Sie erhoffte sich davon, dass ich ihn so bei seiner Verhaltensbesserung unterstützen konnte. Ich war als erstes natürlich begeistert von der Idee. Doch je länger ich neben ihm wohnte, desto mehr dachte ich, dass ihr Plan vollkommen nach hinten losgehen würde. Zwar hatte ich mich langsam etwas eingelebt und mich soweit möglich mit allen „angefreundet“. Aber auch nur soweit wie möglich. Die Spinne und ich waren einfach zu unterschiedlich. Er mit seinem ständigen Sarkasmus, der  einfach nichts ernst nehmen konnte und alles ins Lächerliche ziehen musste. Und ich, die stets zwischen der Euphorie des Moments und der Melancholie der Einsamkeit pendelte. Es war zum Weinen. Das konnte auf lange Sicht einfach nicht gut gehen. Man hätte auch gleich Hund und Katze in ein Zimmer sperren können.

Auch blieb mir die ganze Situation meiner Existenz in der Hölle ein Rätsel. In den Abendstunden lag ich stets einsam und lange wach in meinem Bett und grübelte über meine Erinnerungen. Es ergab einfach keinen Sinn. Weder wann und wie ich gestorben war, noch warum ich ausgerechnet in der Hölle gelandet bin. Die Puzzleteile passten einfach nicht zusammen. So wie Angel Dust und ich. Ich wälzte mich in meinem Bett hin und her, denn meine Gedanken hielten mich fern vom Schlaf. Auch der Schlaf würde mir keinen Frieden bringen, denn meine Träume wurden von Finsternis und Schrecken heimgesucht.

Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, da es plötzlich im Flur polterte und ich eine laute Stimme hörte. Gerade wollte ich mich schon erschrocken aufsetzen, als ich mich erinnerte, dass es wahrscheinlich nur wieder der Spinnenjunge war. Das geschah in den letzten Nächten immer wieder. Entweder hatte er zu tief ins Glas geschaut oder sich wieder vollkommen zugedröhnt oder beides und war nun auf dem Weg in sein Zimmer. Ich seufzte und legte mich wieder auf die andere Seite. Langsam begann ich genau wie Vaggie die Hoffnung aufzugeben. Beim ihm schien wirklich jede Liebesmüh vergebens zu sein. Laut hämmerte es an mehreren Stellen an meiner Zimmertür. „Ich hoffe du schläfst noch nicht, Süße. Denn jetzt bist du bestimmt wieder wach“, gackerte es hämisch von der anderen Seite der Tür. Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Tief atmete ich einmal ein und wieder aus. Mühsam zwang ich mich zur Ruhe, denn wenn ich ihm jetzt antworte oder sauer werde gäbe ich ihm genau die Bühne, die er haben wollte. Mit einem lauten Knall fiel seine Tür zu.  Ein Glück. Wenn er dabei doch wenigstens etwas leiser sein würde, dachte ich gereizt. Resigniert fing ich erneut an mich im Bett umher zu wälzen. Und wieder begann der mühsame Prozess des Einschlafens von vorn.

Am nächsten Morgen saß ich wie jeden Tag allein am Tisch und aß etwas. Ich war immer die erste, die aufstand. Niffty wuselte kurz durch den Raum, um nach dem Rechten zu sehen und wünschte mir flüchtig einen guten Morgen. Doch ehe ich antworten konnte war sie auch schon wieder zur Tür hinaus. Husker hatte sich bereits an seinen Platz am Tresen begeben und polierte mürrisch die Gläser für die morgige Feier. In Ruhe aß ich mein Frühstück auf. Im Flur rumpelte es wieder und eine bekannte weiße schlaksige Gestalt torkelte in den Raum. Sie steuerte zielstrebig, jedoch wankend auf den Tresen zu und kam zum Stehen, nachdem sie sich an ihm mühsam hochgezogen hatte. Sie legte fast den Kopf  auf den Tresen ab und stöhnte herzhaft. „Bitte, mein süßes Kätzchen... irgendetwas... damit ich wieder... den Pegel hoch kriege“, presste er mühsam aus sich heraus. Wortlos stellte der Angesprochene ihm ein großes Glas mit Hochprozentigem hin und widmete sich wieder seiner Arbeit. Die Spinne nahm es in die Hand und wankte auf meinen Tisch zu, während er sich mit zwei anderen Händen das Gesicht rieb. Normalerweise mied er mich am Liebsten, deshalb war ich verwirrt, weshalb er genau auf meinen Tisch zusteuerte. Übersah er mich? Das schien hier unten öfter zu passieren. Da fiel mir eine Idee ein und ich grinste. Das war die Gelegenheit mich für den Lärm von vergangener Nacht zu bedanken. Konzentriert schloss ich die Augen, um mich wie letztens in der Gasse unsichtbar zu machen. Er kam am Tisch an und stelle das Glas ab. Langsam schob er den Stuhl zur Seite, damit er sich vorsichtig setzen konnte. In diesem Moment nahm ich das Glas und ging langsam damit vom Tisch weg. Verständnislos sah er dem nun anscheinend schwebenden Glas hinterher. Grinsend schritt ich weiter. Nach ein paar Momenten dämmerte es ihm. „Ey bleib stehn, du dreckiger Dieb!“, entrüstete er sich und sprang auf. Dabei stieß er geräuschvoll den Stuhl um und versuchte dem Glas hinterher zu jagen. So unbeholfen wie er war, war es mir zunächst ein leichtes ihm auszuweichen. Mit seinen oberen Armen versuchte er nach mir zu greifen während das untere sich an Stühlen und Tischen abstieß. Sein Gesicht verfinsterte sich und er begann fies zu grinsen. „Soo, du willst also mit mir spielen, du dreckiges Luder?“, rief er und holte seine drittes Paar Arme heraus. Damit griffen vier Arme gleichzeitig nach dem Glas und da konnte selbst ich nicht mehr ausweichen. Kurz bevor einer seiner Arme mich berührte, drückte ich ihm das Glas in eine seiner vielen Hände, machte mich wieder sichtbar und grinste ihn mit Genugtuung an. Seine bisher finstere Miene klarte nun etwas auf. „Ah, die Neue", grinste er mir steif entgegen, "wusste gar nicht, dass du auch Spaß verstehst“. Er wandte sich taumelnd wieder zum Tisch und kehrte zu seiner üblichen Gestalt zurück. „Das war die Rache für den Lärm der letzten Nächte“, gab ich ihm keck als Antwort hinterher. Ich setzte mich ebenfalls wieder, um den Kaffee zu leeren, der in meiner Tasse übrig geblieben war.

Angel Dust setzte das Glas an seinen Mund und leerte es routiniert mit nur einem Zug bis zur Hälfte. Er spannte kurz alle Muskeln in seinem Körper an und seufzte dann genüsslich. „Ach, nichts hilft besser gegen einen Kater als ihn direkt wieder mit Alkohol zu ersticken.“ Er legte den Kopf schief und grinste mich an. “Also habe ich dich gestern doch geweckt“, grinste er triumphierend, „und ich hatte schon gedacht, dass ich unter deine Decke schlüpfen müsste, um dich zu wecken“. Da war wieder dieser beißende Sarkasmus, der an meinem Nervenkleid nagte. Ich versuchte cool zu bleiben und mir nichts anmerken zu lassen. Dieses Mal würde ich mich nicht so schnell geschlagen geben. Ich nahm mich zusammen und begann herausfordernd zu lächeln: „Ich bin nun mal keine nach Aufmerksamkeit bettelnde Diva! Wie wärs, wenn du wenigstens mir nicht mit deiner Existenz auf den Sack gehen würdest und einfach leise ins Bett gehst?“ Seine Augen funkelten mich böse an. Ich hatte ihn erfolgreich herausgefordert. Während er noch einen tiefen Zug aus dem Glas nahm wurde sein Lächeln noch ein wenig breiter. „Aber es macht mir so viel Spaß dir den letzten Nerv zu rauben, du naive Göre. Die dumme Visage, die du dabei ziehst, ist einfach erfüllend für mich.“ Frech lachte der Weißhaarige und bleckte dabei seine spitzen Zähne. Ich war nicht schlagfertig genug, um es mit ihm aufzunehmen und das merkte ich jetzt auf brutale Art und Weise. Ich runzelte die Stirn, versuchte aber immer noch mein freches Grinsen beizubehalten. Das gelang mir eher schlecht als recht. „Dein untotes Nachleben muss ja echt langweilig und traurig zu sein, wenn dein Ego so kaputt ist, dass es so sehr nach Bestätigung von außen betteln muss“, warf ich ihm entgegen. Der Blick des Spinnendämons verdunkelte sich kurz, dann grinste er wieder süffisant selbstsicher.

„Jeder will ein Stück vom besten Kuchen haben, da kann ich nichts für, Schätzchen". Er reckte arrogant das Kinn. "Anders als bei dir. Wenn du weiter so eine mürrische Schnute ziehst, will dir kleinem, unbedeutendem Mauerblümchen niemand mehr sein Schwanz ins Maul stopfen." Schadenfroh und zufrieden sah er mich an. Meine Selbstbeherrschung zersplitterte. Ich sprang auf und ballte meine Hände so stark, dass die Knöchel weiß wurden und sich meine Krallen ins Fleisch bohrten. Der Spinnenjunge kippte betont gelangweilt sein Glas mit einem Finger und balancierte es. Dabei sah er mich einfach nur mit seinem boshaften Grinsen an. Ich ergriff meine Tasse, holte aus und wollte sie ihm ins mitten in sein schäbiges Gesicht werfen. Da hielt etwas meinen Arm fest. Ich sah nach der Hand, die mich festhielt. Es war Vaggie. „Er ist es nicht wert“, murmelte sie resigniert. Hinter ihr stand Charlie und sah uns betrübt an.

Ich senkte den Blick, starrte zu Boden und versuchte die durch die Wut aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Dabei ließ ich meinen Pony ins Gesicht fallen, um meine Augen zu verstecken. Charlie kam nun auch zu uns und wandte sich kopfschüttelnd zu dem Spinnendämon: "Ich hatte dich gebeten nett zu ihr zu sein. Ist das denn wirklich so schwer?" Er reagierte mit einem gespielt empörtem Gesichtsausdruck: "Was denn? Die dumme Schlampe hat doch angefangen. Ich habe mich nur gewehrt." Funkelnd blickte er mich aus dem Augenwinkel an, "Außerdem bringe ich der kleinen Bitch nur die korrekten Umgangsformen hier unten bei. Da kann sie sich direkt an den herzlichen Ton hier gewöhnen". Er lehnte sich genussvoll auf seinem Stuhl zurück, seines Sieges sicher. In mir begann eine rasch größer werdende kalte Flamme mich von innen zu verbrennen. Es war die Finsternis, in die ich in meinen nächtlichen Alpträumen hilflos versank und sie begann Besitz von mir zu ergreifen. Scherben der Erinnerung, jetzt auch im wachen Zustand, rasten an mir und meinen Gedanken vorbei. Ich würde mich nicht noch einmal zum Opfer machen, sprachen die Erinnerungsfetzen in mir. Nie wieder würde ich das zulassen. Mit tödlicher Ruhe stellte ich die Tasse auf den Tisch ab. Sollte er gleich noch ein falsches Wort sagen, würde ihn die Finsternis in mir mit Freuden verschlingen. Ebenso wie ich. Eisige Flammen loderten nun in meinem ganzen Körper und Angel Dust öffnete gerade seinen Mund, um etwas zu sagen.

In diesem Moment kam ein leises Grunzen durch die fast geschlossene Tür. Alle wandten sich zur Tür um und beobachteten, wie sie vorsichtig aufgestupst wurde. Durch den Spalt kam ein kleines, herzerwärmend aussehendes Ferkel getapst und grunzte fragend in den Raum. Es hatte winzige Hörner auf der Stirn und war der Inbegriff von Niedlichkeit. Angel Dust sprang sofort auf und lief mit ausgestreckten Armen auf es zu. Sichtlich erleichtert lief das Ferkel mit seinen kurzen Beinchen freudig quiekend der Spinne entgegen. Auf halbem Wege legte es sich auf den Rücken und erwartete offenbar Streicheleinheiten. "Ach Nuggs, du sollst doch im Zimmer bleiben", sagte er besorgt. Er nahm das kleine rosa Tier auf den Arm und lächelte es friedlich an. Perplex sah ich den Weißhaarigen an. War das wirklich die gleiche Person mit der ich mich gerade gestritten hatte? Plötzlich wirkte er komplett anders. Nahbarer. Die Art und Weise, wie er mit dem Ferkel sprach war vertraut, liebevoll und herzlich. Ich war verwirrt und die lodernden Flammen, die mich bis gerade entbrannt hatten, erloschen zu einem winzigen Punkt und zogen sich in den fernsten Winkel meines Bewusstseins zurück. Charlies Worte rissen mich aus der Tiefe meiner Gedanken. "Ach, das ist doch nicht schlimm, wenn FatNuggets einen kurzen Spaziergang durch das Hotel macht, im Gegenteil." Sie lächelte herzlich und sah Angel Dust mit einem schiefen Grinsen an. "Um das Hotel mache ich mir auch keine Sorgen. Eher um Nuggs und Strawberry-Pimp". Etwas besorgt sah dieser zu dem kleinen Schweinchen hinunter, das sich zufrieden in seinem Ausschnitt ankuschelte. "Dann werden wir dich Mal wieder in mein Zimmer in Sicherheit bringen." Mit diesen Worten verschwand die Spinne durch die Tür. "Geht es wieder?", fragte mich Vaggie mit besorgtem Blick. "Ja, tut mir leid, ich hab' mich von ihm provozieren lassen", antwortetet ich bedrückt und sah zur Hotelleitung. "Ich glaube, dein Plan wird nicht funktionieren", gab ich kleinlaut zu bedenken. Charlie winkte weiter schief grinsend ab: "Ach quatsch, das ist normal bei Anthony." "Anthony?", fragte ich mit gerunzelter Stirn. "Ja, das ist Angel Dusts richtiger Name", antwortete sie. Immer noch verwirrt blickte ich sie an. Vaggie legt mir die Hand auf die Schulter: "Komm, wir erklären dir es beim Schmücken der Hotelhalle." Ich zuckte mit den Schultern und folgte den beiden bereitwillig in die Halle.

Während wir die Halle mit Girlanden und Luftballons dekorierten, erzählte Charlie mir die Dinge, die sie in den letzten Wochen über ihn in Erfahrung gebracht hatte.
Sie verriet mir, dass Angel Dust nicht ausschließlich aufgrund seines künstlerischen Talents ein bekannter Darsteller im horizontalen Filmgewerbe geworden war, sondern vermutlich durch gewisse Vereinbarungen mit einflussreichen Persönlichkeiten in diesem Bereich geschlossen hatte. Dabei wurde sie verlegen und errötete, als sie gewisse Themenbereiche anschnitt. Bei ihren Untersuchungen hatte sie allerdings einen begründeten Verdacht, mit welchem Overlord er sich eingelassen haben könnte. Denn wenn er zur Arbeit ging, war sein Ziel des Öfteren ein bestimmtes Studio, dessen Besitzer und Manager der Overlord Valentino war. Der Verdacht ließ sich aber bisher nicht erhärten, da Angel Dust, wie ich selbst mitbekommen hatte, nicht besonders gesprächig bezüglich seiner privaten Angelegenheiten war. Ob sein Schuldenberg damit zusammenhing, das wussten sowohl Vaggie als auch Charlie nicht. Definitiv schien er etwas verheimlichen zu wollen und ließ sich dabei offensichtlich nicht helfen.

"Dann benutzt er diese sarkastisch-aggressive Art nur als Schutzschild", stellte ich fragend fest, nachdem ich eine Luftschlange über den Kronleuchter geworfen hatte. "Vermutlich", bestätigte Charlie meine Gedanken, "zumindest ist das die einzige Erklärung, die mir zu seinem Verhalten einfällt." Charlie sah mich leicht lächelnd an. "Mach dir also keine Gedanken, dass er dir gegenüber so unfreundlich ist. So ist er zu jedem.", meinte sie aufmunternd zu mir, während sie mühevoll mit Vaggie eine Girlande an der Wand befestigte. "Als er einmal vollkommen betrunken an der Theke lag konnte ich ein kleines bisschen über seine Familie in Erfahrung bringen. Vermutlich erinnert er sich nicht einmal daran, dass wir überhaupt gesprochen haben.", lachte die Blonde jetzt amüsiert. Vaggie schüttelte nur seufzend den Kopf. "Immer wieder das Gleiche mit ihm", murmelte sie. "Naja, auf jeden Fall hat er mir dabei auch erzählt, dass sein eigentlicher Name Anthony lautet", erzählte Charlie weiter und legte verschwörerisch den Zeigefinder auf die Lippen, "aber verrate ihm das nicht. Er versteht sich offensichtlich auch mit seiner Familie nicht gut, weshalb er seinen richtigen Namen nicht gerne trägt." Ich nickte verstehend. Als wir alle Luftballons aufgepustet und verteilt hatten versuchten wir weiter die Girlanden an der Decke zu befestigen. Aber selbst wenn wir drei uns gegenseitig unterstützen war es eine sehr schwierige Aufgabe und waren nach der ersten Girlande schon komplett erschöpft.  
Als wir keuchend am Dekotisch etwas zu Atem gekommen waren meinte Charlie: "Ich glaube, ich verdonnere Angel Dust dazu uns zu helfen." Wir anderen beiden nickten wenig begeistert von dieser Idee, sahen aber auch keine bessere Lösung. "Gut, dann gehe ich es mal an. Er schuldet mir eh noch einen Gefallen wegen dem vollgekotztem Sofa." Sie krempelte die Ärmel hoch als sie im Flur zu den Zimmern verschwand.

Während sie unterwegs war erholten Vaggie und ich uns am Dekotisch mit einem Getränk von den Strapazen. Dabei kamen wir ins Gespräch. "Wie kann es eigentlich sein, dass Charlie, obwohl sie so jung ist, ein Hotel leitet und dann gleichzeitig auch noch über eine andere Person so viele Informationen beschaffen kann?" Sie sah mich zuerst überrascht an, packte sich dann aber an die Stirn: "Ach ja, das weißt du natürlich noch nicht, aber...", sie kam mir etwas näher und sprach leiser weiter, "Sie ist die Prinzessin Charlotte Magne. Ihre Eltern sind die Herrscher der Hölle." Mein Gesichtsausdruck entgleiste bei diesen Worten. "Bitte Was?! Die Prinzessin? Müssen wir sie dann nicht Ihren und Euchen oder so etwas?!", entfuhr es mir entsetzt. Die Mottendämonin schüttelte vehement mit dem Kopf. "Nein, nein. Auf dieses ganze Getue verzichtet sie liebend gern. Also sprich sie einfach weiter mit Charlie an ja?" Ich nickte verstehend und bohrte weiter. "Aber warum ist das Hotel dann bis jetzt so ein Reinfall, wenn ihre Eltern doch die mächtigsten Wesen der Hölle sind?" Fragend und verwundert runzelte ich die Stirn. Vaggie zuckte traurig mit den Schultern. "Nun ja, ihr Vater hält diese Idee für komplette Verschwendung und hat, genau wie alle anderen, Charlie nur ausgelacht. Und ihre Mutter scheint davon auch nicht begeistert zu sein. Aber wie Mütter nun mal sind, unterstützt sie sie zumindest auf mentaler Ebene. Wenn sie denn mal Zeit für ihre Tochter erübrigen kann." Den letzten Teil hatte Vaggie eher gereizt zwischen ihren Zähnen hervorgepresst. Ich ließ die Schultern hängen und seufzte schwer. "Hier scheint ja jeder seine Probleme zu haben." Ihr Nicken war Bestätigung genug.

Kurze Zeit später kehrte Charlie mit dem Spinnendämon im Schlepptau zurück. Dieser schien zwar nicht sonderlich begeistert zu sein, aber die Sache mit dem Sofa war wohl überzeugend genug. Wie sich herausstellte war er im wahrsten Sinne des Wortes wirklich eine große Hilfe aufgrund seiner zwei zusätzlichen Paar Arme und seines athletischen Körpers. Während er die Girlanden an die Decke heftete waren wir drei anderen damit beschäftigt die Ballons zu verteilen und die Servietten zu falten.
Als wir am wieder am Tisch saßen fragte mich Vaggie ihrerseits über mich aus: "Wie sieht's mit deinen Erinnerungen aus? Kannst du dich schon an alles erinnern?" Dabei sah sie mich lächelnd an. Betrübt senkte ich meinen Blick und schüttelte den Kopf. "Nein. Leider noch nicht viel", seufzte ich, "Und um ganz ehrlich zu sein bereitet es mir nachts echt Kopfschmerzen. Ich kann kaum schlafen weil mich meine Gedanken wachhalten." Dabei  war es wieder Charlie, dir mir einen aufmunternden Blick schenkte. "Mach dir darum keine Sorgen, das wird schon." Ihre Partnerin pflichtete ihr nickend bei. "Ja, das wird schon. An was kannst du dich denn bis jetzt erinnern? Vielleicht hilft es ja darüber zu reden.", schlug sie überlegend vor. "Ja das klingt logisch, Vaggie. Liz, erzähl doch mal, an was erinnerst du dich bis jetzt? Wer warst du?" Die Blonde sah mich wieder mit ihrem überzeugensten Lächeln an. So frei heraus über mein damaliges Leben zu sprechen war mir sehr unangenehm. Gerade in einem Raum wo jeder zuhören konnte. Wieder errötete ich, aber als ich in Charlies und Vaggies bestätigende Gesichter blickte, fasste ich mir ein Herz und fing an zu erzählen.

Von meinen Träumen und Erinnerungen. Von meiner Familie und meinen Freundinnen. Die dunklen Aspekten meiner Träume verschwieg ich ihnen allerdings. "Ja und das wars eigentlich schon." Ich machte eine kurze Pause und überlegte. "Und deshalb verstehe ich auch nicht warum ich hier bin. Soweit ich mich erinnere hatte ich eine friedliches, ruhiges und normales Leben. Warum sollte so jemand wie ich einfach so in die Hölle kommen?" Ich schluckte den Kloß, der in meinem Hals entstanden war, hinunter. "Warum sollte jemand, der Schuldlos ist, hier landen?" Ratlos schauten die beiden erst mich und dann einander an. Sie wussten wohl auch nicht weiter. Charlie wollte gerade zum Sprechen ansetzen als hinter uns lautes Lachen aufkam. Wir drehten uns um und sahen den Spinnendämon, wie er zusammengekrümmt auf dem Boden lag und spöttisch aus dem Lachen nicht mehr herauskam. Er kugelte sich wirklich auf dem Boden vor Lachen. Gereizt stand Vaggie auf und stellte ihn zur Rede: "Was gibt es da zu Lachen?!" Er öffnete eines seiner zugekniffenen Augen. "Echt sorry, aber schon bei der Geschichte dieses ach so unschuldigen Lämmchens musste ich mich hart zusammenreißen. Aber als sie davon anfing, dass sie hier unschuldig feststeckt, war das zu viel für mich." Das Lachen ging in ein hämisches Kichern über, während er weitere boshafte Bemerkungen über mich machte. Dann raffte er sich auf und wandte sich zu mir. "Tut mir leid, mein kleines unschuldiges Schätzchen, aber hier unten ist niemand...", dabei prustete er wieder kurz los, "...UNSCHULDIG! Allein das Wort hier unten zu benutzen klingt wie ein schmutziger Witz." Dabei schlug er sich mit einem seiner unteren Hände auf sein Knie, krümmte sich wieder und legte eine Hand vor den Mund um einen erneuten Lachanfall notdürftig zu unterdrücken. Bloßgestellt von seiner Reaktion sah ich beschämt zur Seite. Vaggie schrie jetzt. "Jetzt hör endlich auf zu Lachen!" Charlie trat an meine Seite und sprach mir eindringlich zu. "Wie ich heute morgen schon gesagt habe: Mach dir nichts aus seinen Worten." Sie hatte Recht, denn er hatte keine Ahnung. Irgendwo musste ein Fehler unterlaufen sein. Denn ich gehörte sicher nicht hierhin und das wollte ich auch beweisen. Charlie war die Prinzessin der Hölle. Sie hätte es mir bestimmt gesagt, wenn so ein Fehler nicht passieren könnte. Ich sah zu ihr auf und nickte ihr leicht lächelnd zu. Erleichtert lächelte sie zurück.

Eine eiskalte und metallisch rauschende Stimme erklang aus dem Nichts zwischen Charlie und mir. "So sehr es mir missfällt, muss ich unserem spinnenden Trottel doch Recht geben." Erschrocken fuhren Charlie und ich zusammen, denn urplötzlich stand Alastor zwischen uns. Sein festgefrorenes Grinsen blickte mich bedeutungsvoll an während seine Augen sich unerbittlich in mein Innerstes hineinbohrten. Als ob er meine Gedanken gehört hätte sprach er genau meine Befürchtungen aus. "Bei der Verteilung der verstorbenen Seelen geschehen nun mal keine Fehler, meine Liebe." Er wandte sich Charlie um und die Luft schien elektrisch zu knistern. "Und auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, sage ich erneut wie schon vor Wochen, dass es keine Erlösung gibt." Besonders die letzten Worte sprach er einzeln und nachdrücklich aus. An uns beide gewandt fuhr er fort und zunehmend schien die Luft kälter zu werden. "Jeder hat genau ein Leben und wenn dieses verspielt ist, endet das für die Ewigkeit an diesem Ort. Ohne Aussicht auf Besserung. Ohne Hoffnung auf Erlösung." Er machte eine lange Pause und lies die Worte wirken, während sein Grinsen noch breiter wurde. Die Worte bohrten sich in mein Innerstes, begleitet von Angel Dusts spöttischem Lachen und regten die tiefsitzende Dunkelheit an. Sie dehnte sich aus, schnürte mir die Kehle zu und ließ mich erneut in der zähen Finsternis versinken, die mir zwar schon vertraut und dennoch entsetzlich fremdartig war. Während ich versank, bekam ich kaum mehr die lobenden Worte des Radiodämons mit, der unsere Arbeit in Augenschein nahm. Das hämische Lachen leitete mich in die Abgründe meiner Erinnerung und die Dunkelheit meiner Alpträume umhüllte meine Sinne und meinen Geist.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast