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Galerie der gebrochenen Gestalten

von Merlesini
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Mystery / P16 / Gen
Alastor Angel Dust Charlie Magne Vaggie
01.05.2021
16.10.2021
8
12.814
3
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01.05.2021 1.366
 
Der stechende Schmerz eines Stiefels, der sich in meiner Magengrube versenkte, ließ mich auf dem warmen Boden zusammenkrümmen. Durch den Nebel aus Pein hörte ich eine aggressive Stimme: „Zieh Leine, du Penner! Du verscheuchst mir die ganze Kundschaft, wenn du vor meinem Laden rumlungerst!“ Mein Kopf dröhnte und wollte am liebsten zerspringen. Als ich meine Augen geöffnet und die Quelle des Gebrülls ausgemacht hatte, sah ich ein Wesen, das aussah wie eine Mischung aus Skorpion und Mensch. Ich erschrak heftig. Doch Zeit zum Nachdenken blieb mir nicht, denn er holte schon zu einem weiteren kräftigen Tritt aus. Ich versuchte mich aufzuraffen. Er war jedoch schneller und traf mich erneut, diesmal an der Hüfte. Schmerzverzerrt verzog ich das Gesicht. „Mach das du endlich weg kommst, verpiss dich!“ Ich hielt mir mit der linken Hand die schmerzende Stelle und versuchte davonzuhumpeln.  Der beißende Geruch von Schwefel lag in meiner Nase. Sehr seltsam. „Wenn du dich nochmal hier blicken lässt, reiß ich dir das Gedärm raus!“, rief er mir hinterher.

Erst jetzt als ich die Straße hinunter humpelte konnte ich meine Umgebung richtig wahrnehmen. Wo zum Teufel war ich? Der Himmel war rostrot gefärbt und kohlschwarze Wolken hingen tief über einer Stadt, die ich nicht kannte. Alle Gebäude, Schilder und selbst die Straße war in roten, schwarzen oder orangen Tönen gehalten. Bäume oder Pflanzen gab es nicht und die Personen, die ich sah, waren genau wie der Ladenbesitzer meist Mischwesen aus Tier und Mensch. Sie sahen absolut nicht freundlich aus. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und mein Atmen beschleunigte sich zunehmend. Ich musste von hier weg. Ich drückte mich an die nächste Wand. Das alles machte mir Angst. Wenn alle hier Mischwesen waren, was war dann ich? Langsam sah ich meine Hände an. Das was ich sah, waren aber nicht mehr die rosafarbenen kleinen Hände eines Menschen, sondern eher schuppige leicht fleckige Krallen. Ich fing an zu zittern. Wie war ich hierher gekommen? Egal, eins war sicher: Ich musste hier weg. Ich wandte mich in der Gasse um und so schnell mich meine Beine tragen konnten lief ich davon.

Lichter, Gebäude und Monster zogen an mir vorbei. Ob sie mich ansahen oder ignorierten nahm ich nicht wahr. In meinen Augen stiegen Tränen auf, die mir die Sicht vernebelten. Ich wischte sie mit der linken Hand weg. Plötzlich spürte ich einen Widerstand, sodass ich rücklings auf der Straße landete. Ich war irgendwo gegen gelaufen. Wieder rieb ich mir schmerzend die Stirn, während ich mich entschuldigte.
„Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht anrempeln.“ Ich sah zu einem Rochen-ähnlichen Monster empor. Es war riesig. Mir war gerade schon aufgefallen, dass ich verhältnismäßig klein war im Gegensatz zu allen anderen Wesen. Er musterte mich kurz mit seinen Fischaugen und fing dann an zu grinsen. „Na, da läuft mir ja das was ich suche direkt in die Arme. Du wirst dem Overlord Vox sicher gefallen, du kleine Göre.“ Ich erkannte die Gefahr und wollte flüchten. Aber er war viel größer als ich, hatte mich schon am Arm gepackt und zog mich daran hoch. Wieder kniff ich die Augen zusammen, als er mich an meinem Arm baumelnd noch einmal genauer musterte. „Ja und wenn er dich nicht will, dann können die Höllenhunde auch mal wieder etwas Fleisch gebrauchen. Genau so zäh und sehnig wie sie es mögen.“ Er kicherte vor sich hin. Grob lies er mich zu Boden fallen, ohne mich loszulassen und schleifte mich hinter sich her. „Nein! Bitte lass mich los!“, schrie ich entsetzt. Er lachte nur noch mehr. Verzweifelt versuchte ich mich loszureißen. Ich schlug auf seinen Arm und wandte mich hin und her. Aber es war zwecklos. Sein Griff war wie Stahl. Ich geriet zunehmend in Panik. Wir näherten uns einer Gruppe von Monstern. Triumphierend rief er ihnen zu: „Ich habe da was gefunden, was ganz vielversprechend aussieht.“ Er grinste. Hoffnungslos bis ich mir auf die Unterlippe, um die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. Ich schmeckte Blut. Verwundert leckte ich über meine Lippe. War das tatsächlich Blut? Waren meine Zähne etwa so scharf? Schnell überlegte ich. Ich atmete einmal kurz durch, holte aus und biss mit aller Kraft in den Arm des Rochen.

Er schrie wütend auf und löste seinen Griff. Sofort nutzte ich die Chance und machte mich davon. „Bleib stehen, du garstige Kröte!“, hörte ich gerade noch, als ich um die nächste Ecke verschwand. Noch schneller als zuvor lief ich um mein Leben. Die lärmenden Geräusche und die Rufe, die von hinten an mein Ohr drangen sagten mir, dass ich nicht so schnell in Sicherheit sein würde. Noch einmal versuchte ich alle Kraft zusammenzunehmen, um meine Beine noch etwas schneller zu bewegen. Blind flog ich um eine Straßenecke, die wiederum in eine Gasse führte. Ich erinnerte mich an die Filme, in denen der kleine Protagonist die großen Antagonisten mit Finesse und Intelligenz in die Irre führte. Mit großen Schritten lief ich die enge Gasse entlang, um wieder in die nächste abzubiegen. Die Stimmen verhalten langsam, zu meiner Erleichterung, in der Ferne. Ja, genauso würde ich sie schlagen! Mit Finesse und Schläue. Ich war mir siegessicher, bis die Mauer einer Sackgasse sich vor mir auftürmte. Verdammt! Was sollte ich machen? Die tiefen Stimmen kamen immer näher. Meine Gedanken rasten und versuchten eine Lösung zu finden. Zurücklaufen war keine Option. Dafür waren sie mir viel zu dicht auf den Fersen. Ich musste mich sofort irgendwo verstecken, nur wo? Rasch sah ich mich um, doch um mich herum war nichts. Es gab keine Tonne oder Gerümpel. Nichts was mir Schutz bieten könnte. Ich biss mir wieder verzweifelt, diesmal vorsichtiger, auf die Unterlippe. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Optionslos hockte ich mich in die dunklere der beiden Ecken der Sackgasse und machte mich so klein wie ich konnte. Flehend schloss ich die Augen. Bitte kommt nicht hier her. Die Schritte kamen näher. Gab es nicht eine Möglichkeit irgendwie unsichtbar zu werden? Doch Zeit zum Beten gab es nicht mehr. Meine Verfolger standen am Eingang der Gasse und blickten diese hinunter. Zwei von ihnen taten zwei Schritte in meine Richtung. Jetzt war es vorbei, sie hatten mich. Ich hörte sie rufen: „Äh! Wo ist die Kleine hin?“ „Was weiß ich wo das Miststück hingelaufen ist.“ „Hier jedenfalls nicht, du Esel. Lass uns weiter suchen!“

Die Schritte entfernten sich. Immer noch bewegte ich mich keinen Millimeter. Hatten sie mich wirklich übersehen? Wie war das möglich? Ich wartete eine gefühlte Ewigkeit bis ich mich wieder regte. Ich traute der Situation nicht. Vorsichtig reckte ich den Hals, um den Eingang der Gasse zu überblicken. Niemand war zu sehen. Sie waren wirklich weg. Langsam und immer noch angespannt ging ich wieder zur Straße hin. Nichts war von den Monstern zu sehen. Erleichtert atmete ich aus. Erneut schaute ich mich um, damit ich mich orientieren konnte. Bei der Flucht hatte ich gar nicht darauf geachtet, wo genau ich hingelaufen war.
Wie schon vorhin schien jeder mit sich selbst beschäftigt zu sein und wenn sie miteinander sprachen schienen sie nur das Schlechte von anderen zu wollen. Was für ein schrecklicher Ort war das nur? Ich lies den Kopf hängen. Die wichtigere Frage war, wo ich jetzt hingehen sollte. Entmutigt trottete ich los. Die Flucht hatte mich an den Rand meiner Kräfte getrieben, psychisch wie physisch. Müdigkeit, Hunger und fehlender Mut waren meine Begleiter in dieser trostlosen Stadt. Langsam zogen die Gebäude an mir vorbei. Schritt um Schritt kroch die Müdigkeit meine Gliedmaßen entlang. Das Gefühl von Zeit verlor ich völlig. Ich schleifte mich einfach weiter, bis ich an den Stadtrand gelangte. Dort stand ein großes Gebäude. In den Fenstern brannte kein Licht und schroff hob es sich gegen den blutigen Himmel ab. Ein paar Treppenstufen führten zum Eingang hinauf und über der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift Hotel. Völlig entkräftet ließ ich mich auf die Treppenstufen sacken. Ich konnte mich keinen Schritt mehr bewegen. Eigentlich wollte ich weinen, doch selbst dafür war ich bereits zu erschöpft. Langsam verlor ich das Bewusstsein. Meine Sicht verschwamm und entfernt hörte ich im Rauschen meines eigenen Blutes eine sich öffnende Tür und Stimmen. Ich wusste nicht, ob es noch Wirklichkeit oder Delirium war. Ich bekam nicht mehr mit, wie mich Hände griffen und hochhoben.
[Kapitelende]
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