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Wallins - Oneshots

von Sohera
Kurzbeschreibung
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
01.05.2021
22.09.2022
36
108.519
10
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34 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
22.09.2022 1.261
 
Nun. Ich war gerade in Schwung. Have fun! :D

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Zu Besuch



Stirnrunzelnd starrte Walter auf den Zettel in seiner Hand. Kane hätte sich mit der Skizze ruhig mal mehr Mühe geben können! Damit durch die Labyrinth-Gänge des MD zu finden war ungefähr so einfach wie sich mit einem Stadtplan von London in Paris zurechtzufinden. Er hätte genauso gut einfach ohne die Kritzeleien losziehen können.
Erst nachdem er eine MDlerin, die ihm auf dem Gang begegnet war, gebeten hatte, ihn zum richtigen Zimmer zu bringen, hatte es geklappt. Seine Retterin war bereits wieder hektisch um die Ecke verschwunden, ehe Walter sich bedanken konnte. Sie schien in Eile zu sein und daher auch keine Fragen zu stellen. Ihm konnte es recht sein. Behutsam klopfte er an die Tür. Er wollte sie schließlich nicht erschrecken. Am Ende würde sie noch länger ausfallen und das PD brauchte geschultes Personal!
„Ja?“, erklang Kates leise Stimme von der anderen Seite der Tür. Es klang nicht wirklich schwach, aber so, als ob sie absichtlich ihre Stimme gesenkt hätte, weshalb Walter die Tür nicht aufriss, sondern langsam und vorsichtig öffnete.
Kate lag mit etwas erhöhtem Oberkörper in ihrem Bett und lächelte ihm entgegen. Das Gestell um ihren Kopf herum sah abenteuerlich aus, aber wenn es half: bitteschön. Einen Witz über Zahnspangen und Außenbögen ersparte er sich heute ausnahmsweise mal. Immerhin war Kate nur knapp mit dem Leben davongekommen und wirkte noch nicht so fit. Es reichte allerdings, um eine Hand zum Gruß zu heben und dann den Finger an die Lippen zu legen, um ihn darum zu beten, leise zu sein.
Dann zeigte sie hinter sich in eine Ecke des Zimmers, die Walter noch nicht sehen konnte. Erst als er die Tür komplett geöffnet und das Zimmer betreten hatte, entdeckte er, dass Kate nicht allein war. Auf einem kleinen Sessel in der Ecke hinter ihr hatte sich eine Gestalt zusammengerollt und schien zu schlafen. Erst wollte Walter sie nicht weiter beachten, doch dann entdeckte er kupferrotes Haar, das unter einer Kappe hervorblitzte. Er brauchte gar nicht erst darüber zu spekulieren, wessen Augen sich hinter der Sonnenbrille verbargen, die diese Person trug.
„Isabel schläft gerade“, erklärte nun auch Kate leise und bestätigte damit, was Walter schon wusste. „Sie war vorhin so erschöpft und wollte nur schnell ein paar Minuten die Augen zumachen. Das war vor knapp zwei Stunden und sie schläft tief und fest.“ Kate kicherte leise und warf Isabel ein liebevolles Lächeln zu. Dann glitt ihr Blick zurück zu Walter und ihr Lächeln verbreitete sich. „Willst du Schoki? Isabel hat mir ganz viele Tafeln mitgebracht!“
Unter normalen Umständen hätte Walter sofort akzeptiert, denn schließlich ging es hier um kostenlosen Süßkram, aber Isabels Anblick hatte ihn komplett aus dem Konzept gebracht. Also murmelte er nur irgendetwas Ablehnendes, während er stirnrunzelnd die zusammengekauerte, schlafende Gestalt näher musterte. Langsam bewegte er sich zum Sessel und ging vor ihr in die Hocke.
Isabels Wangen wirkten etwas eingefallen. Ausgezehrt. Die Stärke, die sie sonst ausgestrahlt hatte, fehlte.
Dann zog er ihr die Sonnenbrille ab.
Und erschrak.
War DAS seine… War das Isabel? Tiefschwarze Augenringe um etwas geschwollene Augenlider komplettierten das Bild des Häufchen Elends vor ihm. Selbst im Schlaf sah sie so traurig und erschöpft aus, dass er sich nicht zurückhalten konnte. Vorsichtig strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die beim Abziehen der Sonnenbrille nach vorne gezogen worden war.
Erst Kates Räuspern ließ Walter aufschrecken und realisieren, dass er schon einige Zeit vor Isabel saß und sie anstarrte. Schnell richtete er sich wieder auf und kehrte zum Bett zurück. Bevor Kate irgendeinen Kommentar abgeben konnte, fragte er sie schnell, was passiert war. Es funktionierte und sie begann ihre Erzählung. Walter war erleichtert darüber. Hauptsache Ablenkung. Für sie beide. Denn er hatte kein Interesse daran, über das zu sprechen, was da gerade passiert war. Er wollte nicht mal daran denken.

Eine halbe Stunde und mehrere heimliche Blicke in Richtung Sessel später verkündete Kate, dass sie nun ebenfalls müde wäre und schlafen wollte. Dann glitt ihr Blick zu der immer noch schlafenden Gestalt hinüber.
„Walter? Kannst du bitte Isabel mitnehmen? Sie sollte sich gut ausruhen und nicht hier im Sessel kauern.“
Walter folgte ihrem Blick, biss die Zähne zusammen und nickte. „Das stimmt. Mache ich.“
Dann erhob er sich und ging erneut zum Sessel herüber. Sanft drückte er Isabels Schulter.
„Isabel?“
Keine Reaktion.
Dann rüttelte er leicht an ihr und wiederholte ihren Namen etwas lauter. Das entlockte ihr allerdings nur ein unwilliges Brummen.
„Sonst lass sie einfach liegen! Wenn sie schon so fest schläft…?“, seufzte Kate vom Bett aus.
Walter sah das jedoch anders. Isabel gehörte offensichtlich in ein Bett. So wie sie aussah sogar länger als eine Nacht. Und… wenn’s sein musste…?
Kurzerhand schob Walter seine Arme unter sie und hob sie hoch. Er nickte Kate, die ihn überrascht und ungläubig auflachend anstarrte, nochmal zu und marschierte dann aus dem Zimmer.

Es war schon spät, weshalb ihm in den Fluren kaum jemand begegnete. Erst im Foyer warf ihm der Mann an der Rezeption fragende Blicke zu.
„Was tun Sie da? Ist das eine Patientin?!“
Kurz überlegte Walter, die längere und kompliziertere Wahrheit zu erzählen. Dann entschied er sich für eine alte Notlüge.
„Nein, keine Sorge. Meine Frau hat hier eine Freundin besucht und ich habe sie abgeholt, weil sie so erschöpft ist. Schwangere halt.“
Nur zu Demonstrationszwecken (zumindest beteuerte er sich das später immer wieder) küsste er Isabel kurz sanft auf die Stirn. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass sie daraufhin im Schlaf etwas Unverständliches murmelte, die Arme um seinen Hals legte und ihr Gesicht an seine Schulter kuschelte. Walter hätte sie vor Überraschung beinahe fallen gelassen.
Der bisher skeptisch dreinblickende MDler entspannte sich daraufhin allerdings sofort  und lächelte. „Oh. Na dann: Herzlichen Glückwunsch und gute Heimfahrt!“
Und mit diesen Worten drehte der Mann sich um, sagte etwas in sein Funkgerät und eilte durch eine Tür.
„Danke! Angenehmen Dienst!“, rief Walter ihm noch hinterher, doch er bezweifelte, dass seine Worte noch angekommen waren.
Es brachte ihn zum Schmunzeln, dass man ihm einfach so geglaubt hatte und ihn ziehen ließ mit einer wie bewusstlos in seinen Armen hängenden Isabel. Aber umso besser.

Beim Auto angekommen platzierte er sie vorsichtig auf dem Beifahrersitz. Isabel murmelte zwar immer wieder etwas Unverständliches, doch ganz zu Bewusstsein kam sie nicht. Also beschloss Walter kurzerhand, sie zu sich nach Hause zu bringen.
Dort legte er sie auf seinem Bett ab, zog ihr Schuhe und Jacke aus und deckte sie behutsam mit seiner Decke zu. Isabel kuschelte sich reflexartig sofort ein. Das sah so süß aus, dass Walter für den Hauch einer Sekunde schwach grinste, bevor er wieder einen verschlossenen, nachdenklichen Gesichtsausdruck annahm. Dann ging er schnell in die Küche, um ein Glas Wasser zu holen.
Zurück im Schlafzimmer stellte er es auf dem Nachttisch ab und wollte mit einem letzten kurzen Blick auf seinen Gast gerade wieder das Zimmer verlassen, als er innehielt.
Isabel hatte sich keinen Zentimeter bewegt, seit er sie dort abgelegt hatte, doch eine Sache hatte sich verändert.
Ihre Augen standen offen. Und waren auf ihn gerichtet.
„Warum?“
Es war nicht mal ein Flüstern. Mehr ein Hauch. Ihre Pupillen waren rötlich gefärbt und ihr Blick wirkte ausgezehrt und hoffnungslos.
Walter sparte sich die Antwort. Stattdessen erwiderte er ihren Blick einfach nur. Ließ sie darin lesen. Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte er sich wieder in Bewegung und näherte sich der Tür. Hielt die Klinke schon in der Hand.
„Danke.“
Auch das erreichte ihn mehr wie ein Windhauch, doch es ließ ihn innehalten. Walter atmete einmal tief durch, dann verließ er das Zimmer.
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