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Quieter Than Usual

Kurzbeschreibung
OneshotRomance / P16 / MaleSlash
Jesper Llewellyn Fahey Wylan Van Eck
01.05.2021
01.05.2021
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Es war ruhig, schon seit einer geraumen Weile. Verdächtig ruhig, wie Wylan fand. Er konnte sich selber atmen hören. Während er seinen Zeichenstift ablegte, huschten seine blauen Augen durch den Raum, auf der Suche nach einem Hinweis, den er nicht fand. Wie auch, er war alleine im Zimmer, schon von Anfang an. Anfangs hatte er Jesper noch irgendwo in einem anderen Raum des Anwesens gehört, aber jetzt… Jetzt war alles still. Nicht einmal ein Vogel zwitscherte – aber gut, das liess sich mit der Uhrzeit erklären, wie der rothaarige Siebzehnjährige mit einem Blick zur Uhr beschloss. Aber die Leute auf der Strasse müssten doch zu hören sein. Nicht?
Die Erinnerung an einen bunten Zettel und Jespers Worte, die ihm erklärten, was der Zettel verkündete, schoss ihm durch den Kopf. „Eine Eröffnung. Mit anschliessender Feier und jede Menge Alkohol.“ Wylan seufzte leise, selbst wenn ihm der Gedanke an Jespers Grinsen ein Lächeln auf die Lippen trieb. Gut, das erklärte, warum die Leute sich nicht im Krämer-Viertel Ketterdams herumtrieben. Aber wo war Jesper? Dass sein Freund plötzlich die Fähigkeit erlangt hatte, wie Inej – oder auch nur wie Kaz – kein Geräusch von sich zu geben, bezweifelte er nämlich.
Vielleicht ist er hingegangen, zu dieser ominösen Eröffnung. Aber das hätte er mir doch erzählt, nicht? Wylan schüttelte leicht den Kopf. Ja, Jesper hätte es ihm erzählt, er wäre nicht einfach so verschwunden. Vielleicht ist er in den Barrel, in eine der Spielhallen… Hoffentlich war nicht das. Frustriert strich er sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. Aber wieso sollte Jesper sonst so still sein? Wie um sich selber zu beruhigen – und um wenigstens irgendein Geräusch zu hören, selbst wenn es von ihm selber kam – murmelte Wylan halblaut: „Also, entweder er ist einfach abgehauen oder er liegt irgendwo bewusstlos in einer Ecke.“
Entschlossen schob Wylan nun seinen Stuhl zurück und stand auf. Es hatte ohnehin keinen Sinn mehr, jetzt noch zu versuchen, irgendwas zu malen, jetzt, wo er dieses irrationale Gefühl von Beunruhigung in seinen Knochen spürte. Er warf noch einen letzten Blick auf die verschiedenen Skizzen, die er in der letzten Stunde angefertigt hatte und schob sie dann kurzerhand alle zusammen in die Mappe, wo er alle seine Zeichnungen aufbewahrte. Es waren in letzter Zeit immer mehr geworden, sodass selbst Wylan sich inzwischen fragte, woher er bitte die Zeit dafür hernahm.
Mit raschen Schritten steuerte der rothaarige Krämer nun auf die Tür zu, um sich auf die Suche nach seinem seltsam leise gewordenen Freund zu machen. Seine Schritte hallten leise auf dem Parkett, doch seltsamerweise hatte Wylan sich schon vor einiger Zeit wieder an das Geräusch gewöhnt. Man gewöhnt sich an alles, schätze ich, dachte er trocken.
Seine Hand legte sich auf die kühle Türklinke und er schob die dunkle Holztür, die von komplizierten, eleganten – und vor allem verdammt nochmal handgeschnitzten – Mustern geziert wurde, auf. Nur um gleich darauf über die Türschwelle zu stolpern (Mal ehrlich, warum auch musste ausgerechnet der Zeichnungsraum das einzige Zimmer im ganzen Anwesen sein, dessen Tür eine Absatzschwelle, die ein Stolpern geradezu provozierte, hatte? Welcher idiotische Architekt hatte sich das denn bitte ausgedacht?) und das Gleichgewicht zu verlieren. Erschrocken schrie Wylan auf.
Bis zwei Hände ihn mit festem Griff an den Oberarmen packten und er plötzlich halbwegs in der Luft hing. Ein leises, ganz klar belustigtes – und wunderschönes, nebenbei bemerkt – Lachen erklang. „Also, ich weiss ja, dass du mir völlig verfallen bist, aber dass meine blosse Anwesenheit dich schon so ins Stolpern bringt, ist neu.“
Wylans Wangen verfärbten sich leicht rot. Wie immer. Würde er diese dumme Gewohnheit denn nie loswerden? Vermutlich nicht. Leider. „Halt die Klappe, Jes“, grummelte er, während er versuchte, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Ohne wirklichen Erfolg, ehrlich gesagt.
Der dunkelhäutige Semeni lachte derweil nur nochmals. Nein, eigentlich war es diesmal kein wirkliches Lachen. Mehr ein… Glucksen? Kichern? Wylan wusste es nicht ganz und verfluchte gleichzeitig seine Inkompatibilität mit Wörtern. Es konnte doch nicht so schwer sein, das richtige Wort für etwas zu finden. Egal – Jespers amüsiertes Lachen-Glucksen-Kichern-oder-was-auch-immer-es-war liess die Röte auf Wylans Wangen nur noch schlimmer werden.
„Lass mich los, Jesper“, protestierte Wylan nun also.
„Ich weiss ja nicht. In meinen Augen findest du den Boden gerade so dermassen anziehend, dass ich es nicht wage, dich loszulassen.“ Bei den Heiligen, Wylan musste seinen Freund nicht einmal ansehen, um zu wissen, dass er grinste. Andererseits… er grinste eh die Hälfte der Zeit. Und während solchen Aussagen ungefähr in neunundneunzig von hundert Fällen. Also war es kein schweres Ratespiel.
Wylan öffnete schon den Mund, um erneut zu protestieren, als Jesper sich dann doch erbarmte und ihn mit einem kleinen Stups in die richtige Richtung dabei half, wieder in sein Gleichgewicht zurückzufinden. Der rothaarige Krämer hob seinen Blick und sah seinen Freund das erste Mal nun richtig an.
Jesper grinste nur. Was sonst.
„Wo warst du?“, fragte Wylan nun in leicht misstrauischem Ton, während er den Semeni einer genauen Musterung unterzog.
Er bekam keine Antwort, was ihn dazu verleitete, Jesper wieder anzusehen. Er grinste immer noch. Heisst das jetzt, er war nicht im Barrel, um zu spielen? Dann würde er ja wohl eher nicht so unbekümmert grinsen, oder?, fragte Wylan sich selber.
„Jes, wo warst du?“, wiederholte er seine Frage, nun seinem – um einiges grösseren – Freund in die Augen sehend.
Immer noch grinsend antwortete Jesper: „Wie kommst du denn darauf, dass ich weg war, Krämerlein?“
„Es war ruhig.“
„Autsch, das schmerzt jetzt aber“, konterte Jesper theatralisch – und immer noch grinsend. „Traust du mir denn wirklich nicht zu, dass ich auch mal ruhig sein kann?“
Wylan stöhnte leise frustriert auf – halb wegen Jesper, halb wegen der dummen Röte, die ihm schon wieder in die Wangen stieg. Eine Entgegnung sparte er sich. Es wäre eh nichts sonderlich Intelligentes geworden, wie er schätzte.
Jesper streckte eine Hand aus und bevor Wylan überhaupt reagieren konnte, hatte er seine langen Finger auch schon um sein Handgelenk geschlungen. „Komm mal mit“, meinte der Semeni-Junge nur mit einem geheimnisvollen Grinsen und begann den Kleineren sogleich hinter sich her den Flur entlang zu ziehen.
Wylan stolperte schon wieder, als er so abrupt in Bewegung versetzt wurde, fing sich aber diesmal wieder. Na immerhin… Aber trotzdem. „Verdammt, Jes, lass mich los, ich kann selber laufen!“
„Bist du dir da sicher, Sonnenschein? Das sah vorhin ja noch überhaupt nicht so aus…“ Wieder – oder immer noch – konnte man das Grinsen in Jespers Stimme deutlich hören.
Wylan grummelte etwas Unverständliches, aus welchem man nur die Worte „gestolpert“, „bescheuerte Schwelle“ und „keine Absicht“ heraushören konnte.
Wobei der dunkelhäutige Scharfschütze bei letzterem natürlich das Wort ‚keine‘ gepflegt ignorierte. „Ha, ich wusste doch, dass du mir völlig absichtlich in die Arme gefallen bist!“
„Ich sagte, es sei KEINE Absicht gewesen!“, konterte Wylan heftig.
Jesper blieb stehen und drehte sich wieder zu dem Rothaarigen um. Er grinste nach wie vor, in seinen grauen Augen lag ein fast verschmitztes Funkeln. „Also, jetzt versuchst du dich rauszureden, Krämerlein. Gib es doch einfach zu, ich hab dich eh durchschaut.“ Er beugte sich vor, sodass seine Nasenspitze fast Wylans berührte. Einen Moment lang stockte der Atem des jungen Krämers.
„Jesper Fahey, du bist-“ Wylans Worte wurden durch das weiche Gefühl von Jespers Lippen auf seinen unterbrochen. Der Rest des Satzes, den er eigentlich hatte sagen wollen, ging im Strudel seiner eigenen Gedanken verloren, ohne Chance darauf, ihn wiederzufinden.
Viel zu bald zog Jesper sich wieder zurück und schenkte Wylan ein Grinsen. „Ich fürchte, wenn wir uns jetzt nicht bald beeilen, kommen wir zu spät. Also, kommst du oder muss ich dich eigenhändig tragen? Also, nicht dass ich etwas dagegen hätte, angesichts dieses Anblicks…“ Er liess seinen Blick einmal eindeutig anzüglich über Wylans Körper gleiten und schenkte ihm dann ein aufreizendes Augenzwinkern.
„Jesper!“, quietschte Wylan, schon wieder mit hübsch geröteten Wangen, auf. Seine blauen Augen waren leicht geweitet. Wieso liess er sich von Jespers Kommentaren nur immer so aus der Ruhe bringen? Selbst die Tatsache, dass sie nun zusammen waren und er sich wirklich langsam daran gewöhnt haben sollte, half nicht. Anscheinend musste der junge Krämer seine Aussage von vorhin revidieren. Man gewöhnt sich doch nicht an alles. Verdammt.
Der grosse, schlaksige Semeni-Junge grinste nur, abwartend.
Wylan stöhnte leise auf und gab dann schliesslich nach. „Na schön, na schön, ich komme ja schon mit, kein Bedarf, mich zu tragen.“
Jesper hatte tatsächlich den Nerv, ein völlig unverfrorenes „Schade“ auszusprechen, bevor er sich in Bewegung setzte. Die Hand, die Wylans Handgelenk festgehalten hatte, rutschte wie von selbst nach unten, sodass sich die dunklen Finger des Semeni mit den hellen des Kerch verschränkten. Nur kurz warf Wylan einen Blick auf ihre beiden Hände hinab, ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht, bevor er sich hastig daran machte, seinem Freund – der unfairerweise mit seinen deutlich längeren Beinen sehr viel schneller vorankam als Wylan es tat – zu folgen.

Langsam wurde Wylan etwas argwöhnisch. Egal, was Jesper vorhatte, bald schon zehn Minuten Laufzeit – und davon geschätzt fünf durch den Wald – waren nicht so ganz normal. Fand der Rothaarige zumindest. „Jes, wenn das hier in einem von Kaz‘ Plänen endet, fühl dich hiermit gewarnt“, murmelte er halblaut.
Jesper schüttelte grinsend den Kopf und warf dem Kleineren einen belustigten Blick aus seinen grauen Augen zu. „Nur keine Panik, Sonnenschein. Kaz hat nichts hiermit zu tun.“
Wylan zog kurz die Nase kraus, beschloss dann aber, seinem Freund zu glauben. „So ein Glück.“ Nur um einen Augenblick später schon wieder zu stolpern. Verdammt, wie kann es so schwer sein, auf die eigenen Füsse zu achten?!, fluchte er gedanklich, noch während Jespers Hand – die ja immer noch in seiner lag – ihn schon wieder vor dem Fallen rettete.
Mit einer schwungvollen Bewegung zog der Semeni den Jüngeren zu sich, sodass er nicht mehr in der Schwebe hing. „Also, langsam glaube ich ja wirklich, du machst das absichtlich, Krämerlein.“ Jespers Stimme klang amüsiert, während seine Lippen sich zu einem Lächeln kräuselten.
Wylans Wangen bekamen wieder eine leichte rote Färbung. „Du hast mich hierher verfrachtet, Jes! Also ist es eigentlich deine Schuld!“, protestierte er aber dennoch. „Also, wo-“
Jesper unterbrach seinen Freund einfach, um die Frage, die er schon nach zwei Worten erahnte (Mal ehrlich, so kompliziert war es auch nicht gewesen, um herauszufinden, dass Wylan fragen wollte, wohin Jesper ihn bringen wollte…), nicht beantworten zu müssen. „Es ist nicht mehr sooo weit, glaub mir.“ Er schenkte ihm ein verschmitztes Grinsen, bei welchem Wylans Wangen noch eine Spur röter wurden. „Vertrau mir einfach.“
„Dass das der beste Weg ist, wage ich zu bezweifeln“, murmelte Wylan nur. Ernst meinte er seine Worte nicht, nicht wirklich zumindest. Er vertraute Jesper, schon lange. Bereut hatte er es noch nie. Naja, fast nie. Vielleicht manchmal für eine kleine Weile, bis sich ein Missverständnis herauskristallisiert hatte. Aber das hier war eine ganz andere Situation.
Der grosse Semeni lachte nur leise. „Da hast du vermutlich Recht“, gab er freimütig zu. „Aber trotzdem. Komm.“
Der hellhäutige Kerch verdrehte zwar ansatzweise die Augen, aber auch ein leises Lächeln huschte über Wylans Lippen. Er mochte die – oft auch ein wenig schonungslose – Ehrlichkeit, die Jesper an sich hatte. Selbst wenn sein Sarkasmus und seine lose Zunge selbige oft ein wenig verschleierten, sodass man sie gar nicht so schnell bemerkte.
Dann setzte er sich hastig wieder in Bewegung, um auch weiterhin neben Jesper hergehen zu können und um nicht abgehängt – beziehungsweise an der Hand, die immer noch mit der des anderen verschränkt war, hinterhergezogen – zu werden.

Mit einem leisen Fluchen befreite Wylan sein Hemd von der letzten nervigen Dornenranke, die sich darin verfangen hatte. So abgelenkt bemerkte er erst gar nicht, dass sie stehen geblieben waren und dass Jesper schon wieder so auffällig still war. Zu still für seine Verhältnisse.
Als er es schliesslich doch bemerkte, sah Wylan etwas irritiert auf – und seine blauen Augen weiteten sich kaum merklich vor Überraschung.
Das Erste, was er sah, war der die einbrechende Dunkelheit erhellende Lichtschein einiger Laternen, die jemand auf der Lichtung, die sich vor ihnen aufgetan hatte, verteilt hatte. Das Nächste war die rot-blaue Decke, die mittig auf der Lichtung platziert wurde. Der Korb darauf.
Erst das leise Rascheln von Jespers Kleidung riss ihn aus seiner Betrachtung der Lichtung und erinnerte ihn überhaupt erst wieder an die Gegenwart des Semeni. Wylan drehte den Kopf und sah zu seinem grösseren Freund, der gerade sein Gewicht vom einen aufs andere Bein verlagerte. Das kantige Gesicht des Achtzehnjährigen war leicht angespannt.
„Jes?“, erhob Wylan leicht zögerlich seine Stimme.
Der Angesprochene zuckte kaum merklich zusammen. Wirklich jetzt?, dachte Wylan, nun fast beunruhigt. Dann aber wandte Jesper langsam seinen Kopf dem Rothaarigen zu. Seine grauen Augen wirken zögernd, ungewöhnlich… scheu? Nein, nicht scheu, das war es nicht. Abwartend? Besorgt? Beunruhigt? Etwas furchtsam? Vermutlich ein wenig von allem. Es war merkwürdig, so einen Blick aus Jespers normalerweise so fröhlichen Augen zu sehen.
Wylan legte leicht die Stirn in Falten, während er zu einer Nachfrage ansetzte. „Ist etwas n-“
Jesper unterbrach ihn, fast etwas hastig. „Was sagst du dazu?“
Wylans Augenbrauen zuckten überrascht in die Höhe. Was er dazu sagte? Hiess das- „Du hast das hier gemacht?“
Nun mit einem leicht verlegenen Gesichtsausdruck und sein neu entdecktes Schweigen wahrend nickte der Semeni. War das eine leichte Rötung, die Wylan auf den dunklen Wangen seines Freundes erkennen konnte? Es schien so. Das kam nun wirklich nicht oft vor. Jesper wurde so selten rot.
Ein zögerliches Lächeln setzte sich auf Wylans Gesicht fest. Jesper hatte sich so viel Mühe gegeben, um ihn zu überraschen. „Es ist wunderschön, Jes. Danke.“ Dann erhob Wylan sich auf die Zehenspitzen und drückte seine Lippen auf die sich nun zu einem leisen Lächeln verziehenden Lippen Jespers.
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