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Fenster

von Amatra
Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
30.04.2021
30.04.2021
1
1.827
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30.04.2021 1.827
 
Fenster

Möchtest Du die große weite Welt sehen?
Du kannst sie öffnen und schließen wie Deine Augen …
Fenster.

Endlich Wochenende. Zeit, sich den persönlichen Neigungen zu widmen. Neue Leute kennenlernen, sich nett unterhalten - Gleichgesinnte finden. Das ist - gerade in diesen Zeiten - nie einfacher gewesen: Es reicht, das richtige Fenster zu öffnen.

Registrieren: wähle deinen Nickname: ______

Selbstverständlich. Wie immer … Die Finger fliehen wie automatisch über die Tastatur, in der Hoffnung, dass der Name nicht schon vergeben ist. Nicknamen sind etwas Wunderbares: Du hast sie nicht in die Wiege gelegt bekommen, nein, Du darfst sie selbst wählen! Und das Beste daran ist, Du kannst sie jederzeit ablegen wie einen alten Hut. Oder ein zu klein gewordenes Kleidungsstück. Stattdessen suchst Du Dir einfach einen Neuen.

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Das Warten, bis der Server die Anfrage bearbeitet hat, gleicht einem Martyrium. Eine kleine Ewigkeit.
Mit jeder Sekunde, die verstreicht, machst Du Dich mit der Idee vertraut, einen ähnlichen Namen zu akzeptieren - …123, …X, - die Schmerzgrenze ist stark beeinflusst durch die Tagesverfassung. Und Dein Herz klopft im Takt der Uhr. .. .. ..

E-Mail: ______
E-Mail (erneut):

Sehr gut! Der eingegebene Nickname ist noch nicht vergeben. Dieses Gefühl … jedes Mal dasselbe: Erleichterung mit einem Hauch Eitelkeit. Also auf zum nächsten Schritt, um die Registrierung abzuschließen. Allons-y!

Silberhelles Kinderlachen drängt von der Straße durchs geöffnete Fenster an Dein Ohr, vereint mit Schlurfen, Patschen, eiligem Getrappel, rutschenden Sohlen auf Asphalt, dumpfen Klatschen und Bumpern, gefolgt von garstigen Rascheln einer Hecke.

„Tooor!“

Nanu? Du hebst den Blick über den Rand des Bildschirms. Draußen gluckst und kichert jemand voller Lebensfreude - was geht da vor sich? Der fröhliche Radau lenkt Dich ab. Wenn Du ehrlich bist, stört es Dich sogar. Deine Gedanken schweifen ab …

Fenster sind wunderbar. Man kann durch sie hinaus in die Welt blicken. Doch den meisten haftet etwas Janusartiges an: So wie Du hinaus in die Welt schaust, kann die Welt auch zu Dir hereinsehen. Natürlich gibt es auch solche wie Kirchenfenster oder die wie Flaschenböden anmutenden alten Wirtshausfenster - durch die siehst Du nicht hindurch, so sehr Du Dich bemühst. Egal von welcher Seite. Oder verspiegelte Scheiben, in denen Außenstehende in dasselbe Antlitz schauen wie der Mensch hinter dem Spiegel.

Draußen lärmen und poltern die Kinder noch immer.  

"Aua! He!"
"Bleib doch nicht einfach stehen, Du Idiot!"
"Selber Idiot! Mamaaa!"

Ein weiterer Vorteil von Fenstern ist, dass man sie bei Bedarf nicht nur öffnen, sondern auch schließen kann. Entsprechend gehst Du jetzt hinüber. Als Du den Griff schon in der Hand hältst, fällt Dein Blick auf den Trubel. "Hallo-ho!", winken die zwei. Ein kleiner Junge und ein großes Mädchen mit vor Eifer glühenden Apfelbäckchen. Du überlegst kurz, ob Du die beiden kennst, doch weder sie noch die Frau mittleren Alters, zu der Dein Blick nun wandert, während sie einen Ball aus Nachbars Rabatten angelt, kommen Dir bekannt vor. Mit einem Zähneblecken, dass jeder Hyäne zur Ehre gereichen würde, schließt Du das Fenster, ziehst den Vorhang zu und stellst die halbverdorrte Topfpflanze zurück an ihren Platz. Für den Moment kann Dir die echte Welt da draußen gestohlen bleiben. Es gibt Fenster, durch die man so viel weiter sieht als nur bis zur nächsten Kreuzung. Und diesen widmest Du Dich so viel lieber. Der Monitor leuchtet fahl in den Raum. Rasch vervollständigst Du Deine E-Mail-Adresse. Kopieren; einfügen.

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Passwort: ********

Passwort (erneut): ********

O Ich erkläre mich mit den Nutzungsbedingungen und der Datenschutzerklärung einverstanden.

Datenschutz. Vielleicht können doch mehr zu diesem Fenster hereinblicken, als Du ahnst? Aber was gibt es hier schon zu sehen? Ja, ja, zustimmen. Steht doch sowieso überall dasselbe drin. Was kümmert es Dich?

Dort, in den weltumspannenden Weiten des Internets, gibt es so viel zu sehen, soviel zu entdecken. Da ist immer was los! Und dort entscheidest Du selbst, wer wieviel von Dir sehen kann - oder was. Du sitzt geschützt in Deinem Zimmer, keiner kennt Dich, niemand sieht Dich wirklich - Du bist für andere unsichtbar. Sichtbar und unsichtbar zugleich. So wie die anderen auch. Ein Wurf Schrödingerkatzen. Deren Avatare heucheln Vertrautheit unter den Fremden.

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Endlich. Du hast es geschafft! Noch schnell die E-Mail-Adresse verifizieren und dann geht es los: Hier kannst Du nicht nur lesen und beobachten, nein, Du kannst auch schreiben - was Du willst. Das Internet ist geduldig. Egal ob Lobhudeleien oder Shitstorm. Du kannst liken, bashen, flamen, haten … scheißegal! Die Anonymität des Internets ist Fluch und Segen gleichermaßen: Die Identität dessen, der Dich beleidigt hat, bleibt ebenso unerkannt wie die Deine. In den meisten Fällen. Du kannst Fake News verbreiten oder Aufklärungsarbeit leisten. Und bei Gelegenheit auch Dein Herz ausschütten.
Neulich hast Du Dich sogar verliebt! Der User? Unsichtbar. Du weißt nicht einmal, ob er in Wirklichkeit ein Junge oder ein Mädchen ist - nur, dass er mitten in der Nacht im Schlafanzug mit Schokolade im Mund surft wie Du. Weil ihr beide nicht schlafen könnt. Ihr trinkt sogar dieselbe Sorte Tee! Angeblich.

Manchmal gaukelst Du vor, jemand anderes zu sein oder schummelst ein bisschen, was Dein wahres Ich angeht. Weiß ja keiner ... Niemand wird erfahren, wer Du bist, wenn Du es nicht willst. Schöne neue Welt.

Ein neues Fenster poppt auf: Du wirst gebeten, Dein Profil zu vervollständigen. Neugierig blätterst Du durch die vorgeschlagenen Avatare … Welchen sollst Du nehmen? Den Krieger? Eine verträumte Braut? Oder die mysteriöse Gestalt mit dem Cape? Es gibt sogar einen Löwen mit Krone oder einen Flamingo - naa, zu hässlich! Die Auswahl ist groß, dennoch entscheidest Du Dich für ein eigenes Bild. Nicht von Dir selbst, Du hast es irgendwann online gefunden - es gefällt Dir einfach, weil Du gerne genau so wärst. Hochladen. Speichern. Fertig. Nun geht es los!

Du streifst durch das Forum, erzählst im Vorstellungsthread ein wenig über Dich und wirst gleich überschwänglich willkommen geheißen. Wie ein guter alter Freund. Dabei sind das alles Fremde!
Fühlt sich aber nicht so an und das ist … schön. Im wahren Leben wärst Du viel zu schüchtern für den großen Auftritt. Du bringst ja schon an der Bushaltestelle kaum die Zähne auseinander, wenn die ältere Dame Dich anspricht, weil sie vielleicht genauso einsam ist wie Du. Die Arme, denkst Du Dir dann und schaust schnell wieder auf Dein Smartphone. Online bist Du nicht allein.

Angefixt scrollst Du über die Threads. Wahnsinn, die Leute hier im Forum sind toll! Genau Deine Wellenlänge! Schade eigentlich, dass Du sie nie treffen wirst, außerhalb der Website. Wäre bestimmt nett. Andererseits kommen die von überall her, es wäre wirklich Zufall, sich mal über den Weg zu laufen.  
Deshalb fällt es Dir ja so viel leichter, zu schreiben, was Du wirklich denkst.
Oh, außer das mit dem Verliebtsein, das behältst Du lieber für Dich. In jeder Welt. Zu groß ist die Angst, abgewiesen zu werden. Oder ausgelacht. Oder schlimmer noch: Dich zu erkennen geben zu müssen, weil der oder die andere vielleicht so fühlt wie Du und Dich kennenlernen möchte? Ausgeschlossen!

Alleine die Vorstellung, sich mit mehreren Unbekannten zu treffen - Du malst Dir aus, wie es wäre, wenn Du am vereinbarten Treffpunkt ankommst:

Aus der Entfernung sondierst Du schon die Grüppchen, welches wohl am ehesten zu den Menschen passt, die Du gleich treffen möchtest - wie Du sie Dir vorstellst. Nicht lange, da hast Du sie ausfindig gemacht. Deine Schritte verlangsamen sich. Sollst Du es wirklich wagen? Was, wenn sie Dich nicht mögen? Was, wenn das alles Verrückte sind? Von hinten rempelt Dich jemand an: "He! Bleib doch nicht einfach stehen, Du Idiot!" - "Selber Idiot! Mach halt Deine Augen auf, Blindfisch!" Deine ganze Anspannung hat sich in Form einer Beleidigung entladen. Es brodelt noch nach in Dir. Aber - oh nein! Die beiden, es waren zwei, ein Bursche und eine junge Frau, gesellen sich ausgerechnet zu den Leuten, die Du anvisiert hast. Dein Herz pocht Dir bis zum Hals. Nachdem sie einander teils überschwänglich begrüßt haben, deuten die beiden in Deine Richtung.
Alle starren Dich an.

Noch immer stehst Du wie angewurzelt da und glotzt zu ihnen hinüber. Jetzt kannst Du dort nicht mehr hin. Nun, vielleicht solltest Du, nur um Dich zu entschuldigen? Der Start wäre trotzdem missglückt.
Sie lachen und tuscheln miteinander.
Ein Frau mittleren Alters tritt aus der Gruppe heraus und macht sich augenscheinlich auf den Weg zu Dir.

Nein. Lieber bleibst Du unsichtbar. Rasch wendest Du Dich ab und läufst dorthin, woher Du gekommen bist. Nebenbei schickst Du übers Handy eine PN, dass es Dir sehr leidtut, dass Du nicht kommen kannst, weil Dir kurzfristig etwas dazwischen gekommen wäre. Naja, so richtig gelogen ist das nicht einmal. Das Reallife ist Dir dazwischen gekommen. Sozusagen. Du bist anscheinend nicht geschaffen fürs reale Leben.
Überdies sind Treffen dieser Größenordnung zurzeit sowieso nicht erlaubt. Welch ein Segen!
Du beendest Dein Gedankenspiel und kehrst zurück in Deine Surrogat-Heimat.

Surrogat? Du lächelst bei dem Wort, das Dir soeben in den Sinn gekommen ist. Es ist doch inzwischen mehr als nur Ersatzbefriedigung für Dich. Surfen ist Dein größtes Hobby. Dein Einziges, streng genommen. Fast schon eine Sucht.

Aber was ist das für eine Welt, durch die Du spazieren kannst, ohne aufzustehen? In der Deine "Freunde" ebenso unsichtbar sind wie Du selbst. Sehnst Du Dich nicht manchmal nach physischer Nähe? Oder einfach mal danach, einen Fuß vor die Tür zu setzen?

Natürlich besteht die Gefahr, etwas zu verpassen, einen Post, eine Nachricht oder … ein Review. Zum Glück gibt es Apps, so kannst Du Deine kleine große Welt mit hinaus nehmen ins wirkliche Leben, bist immer erreichbar, immer bereit. Das Fenster in der Hosentasche! Was hindert Dich also, endlich nach draußen zu gehen?

Ja! Hinaus! Spazierengehen, in die Ferne sehen … Das wird toll!
Bestimmt. Du fragst Dich, was Du anziehen sollst bei diesem Aprilwetter. Prüfend schaust Du an Dir hinab: Schlabberlook. Das Motiv brandmarkt Dich eindeutig.
Du hast jede Menge Merch, liebst das Zeug, hast alles online bestellt. Trotzdem willst Du nicht unbedingt draußen damit herumlaufen, da es Dir ein klitzekleines bisschen peinlich ist. Vielleicht wäre es das Beste, etwas Neutrales anzuziehen. Deine guten T-Shirts sind alle in der Wäsche. Tja und jetzt?

Beim Blick durch die Gardinen erkennst Du, dass es mittlerweile regnet.
So wie der Himmel, verfinstert sich auch Dein Blick. Schietwetter.
Eigentlich wolltest Du sowieso lieber nicht gesehen werden.
Also widmest Du Dich wieder Deinem Browserfenster.
Unbesorgt, denn Du bist und bleibst unerkannt.
Und solange Du willst für andere sichtbar.

Fenster.
Du kannst sie öffnen und schließen wie Deine Augen ...
Möchtest Du die große weite Welt sehen?



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Eine ungewöhnliche Erzählperspektive, nicht wahr? Die Du-Form findet man insgesamt wohl eher wenig und noch viel seltener funktioniert sie. Betrachten wir es als Experiment. Ob Du Dich hineinversetzen konntest oder nicht, spielt dabei keine wesentliche Rolle, denn letztendlich bleibst auch Du hier *für andere unsichtbar* - und darum geht es in diesem Beitrag.

Die Beschreibung des Wettbewerbs findest Du hier: Für andere unsichtbar  

Bleib gesund!
Herzensgrüße
Deine Amatra
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